jetzt.de, 08.03.2010, Marc Felix Serrao
Scientology wehrt sich gegen Aussteigerfilm der ARD
Jürg Stettler ist bestens informiert. Da sei doch gerade diese Pressevorführung in München gewesen, sagt der Sprecher von Scientology Deutschland am Telefon. "Da waren wir auch nicht eingeladen." Wie er so schnell von dem Termin, der eben erst stattgefunden hat, erfahren konnte, sagt er nicht. Dabei hatte der Südwestrundfunk (SWR) nur eine Handvoll Journalisten in das Schwabinger Programmkino eingeladen. Alle wurden mit Handschlag begrüßt, DVDs zum Mitnehmen gab es "aus Sicherheitsgründen" keine. Das Gemeinschaftsprojekt, das der SWR - stellvertretend auch für ARD-Degeto, NDR und die Produktionsfirma Teamworx - vergangene Woche in München vorgestellt haben, will die ARD am 31. März um 20.15 Uhr zeigen. Ob es soweit kommt, ist allerdings nicht sicher. Will Scientology den Film verhindern? "Das ist noch offen", sagt Stettler: "Das müssen Anwälte prüfen." Die ARD versuche " ja alles, damit wir den Film vor der Ausstrahlung nicht sehen". Trotzdem scheint er den Inhalt schon ziemlich gut zu kennen: "Es ist eine Verletzung der Programmrichtlinien der ARD, was dort verbreitet werden soll. Der Sender ist verpflichtet, religiöse Toleranz zu fördern, nicht umgekehrt." "Das Gegenteil ist wahr" Bis nichts mehr bleibt (Buch und Regie: Niki Stein) erzählt die Geschichte einer Familie, die zerrissen wird - von Scientology. Es ist eine Premiere, in jeder Hinsicht. Nie zuvor hat es ein deutscher Fernsehsender gewagt, Scientology zu einem fiktionalen Stoff zu verarbeiten - und die Organisation beim Namen genannt. Gedreht wurde an Originalplätzen, etwa vor der Europazentrale in Kopenhagen. Vom Mitgliederjargon, in dem man ab einer bestimmten Stufe "Operierender Thetan" ist (mit speziellem Armbändchen), über die harten Schulungsmethoden bis hin zu den güldenen Bühnenbildern bei Feierlichkeiten, ist der Film um Authentizität bemüht. Das Urteil ist dabei eindeutig: Scientology, so wie die Organisation hier gezeigt wird, ist eine totalitäre Gefahr, die den Prinzipien einer freien Gesellschaft widerspricht. Die Gefahr für das eigene, ohnehin stark lädierte Image hat die Gemeinschaft, die sich selbst als Kirche bezeichnet, inzwischen erkannt. Nachdem Scientology Sender und Produktionsfirma bislang nur mit Anrufen, E-Mails und Briefen traktiert hat, sucht sie nun die Konfrontation. "Scientology macht jetzt einen eigenen Film", kündigte ihr Sprecher im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung an. Geplant sei eine circa halbstündige Doku, "mit Interviews und Gerichtsurteilen". Der Film werde gerade im Schneideraum bearbeitet und solle in ein bis zwei Wochen vorgestellt werden, vermutlich in Hamburg oder München. "Wir werden zeigen, das die von der ARD engagierte sogenannte Expertin Ursula Caberta die Medien mit falschen Informationen füttert", sagt Stettler. Auch die Geschichte des Vater, der im Film sein Kind durch Scientology verliert, sei erfunden: "Genau das Gegenteil von dem, was die ARD zeigt, ist wahr." Dem Vorwurf, Scientology falsch darzustellen, widersprechen der SWR und Teamworx mit Nachdruck. "Wir haben bewusst einen Spielfilm gemacht, keine politische Gesamtanalyse von Scientology, weil wir so viele Menschen wie möglich erreichen wollten", sagt Carl Bergengruen, der das Projekt als Fernsehfilmchef des SWR auf den Weg gebracht hat. Trotzdem erzähle der Film eine "wahre Geschichte". Neben dem Einzelschicksal, auf dem diese basiere, seien weitere Fälle eingeflossen, "von denen wir wissen, dass sie so stattgefunden haben". Ähnlich äußert sich auch Benjamin Benedict, Produzent von Teamworxx. Neben einem ausführlichen Literaturstudium hätten die Produzenten monatelang mit Aussteigern der Organisation gesprochen. Zudem hätten sie sich von Ursula Caberta beraten lassen, "die sich seit vielen Jahren mit der Thematik beschäftigt". Die 59-Jährige ist Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Stadt Hamburg und eine der schärfsten Kritikerinnen der Organisation in Deutschland. Benedict ist im Gespräch auffallend zurückhaltend. Mit Nachdruck bittet der Produzent darum, seine Zitate schriftlich autorisieren zu dürfen. Zur Frage, ob er um die Ausstrahlung des Films fürchte, will er sich gar nicht erst äußern. Die Vorsicht der Filmemacher, die der Spiegel nach einer ersten Pressevorführung in Hamburg als "Geheimniskrämer-Tamtam" bezeichnet hat, ist sehr nachvollziehbar. Wie gefährlich die in vielen Ländern als Religion anerkannte "Church of Scientology" wirklich ist, können Außenstehende nur schwer beurteilen. Doch wenn es darum geht, gegen Kritiker vorzugehen, ist die Gemeinschaft bekanntlich nicht zimperlich. Im Bayerischen Verfassungsschutzbericht von 2008 etwa wird aus Hubbards Einführung in die Ethik der Scientology zitiert: "Um die Macht zu behalten", heißt es da, müsse man "kaltblütig, skrupellos, hemmungslos, gegebenenfalls auch heimtückisch, hinterlistig und mit Gewalt gegen die eigenen Feinde vorgehen, ansonsten werde man die Macht verlieren". Die Macht verliert in Bis nichts mehr bleibt auch der junge Hauptdarsteller Felix Klare (den man als Kommissar Bootz aus dem Stuttgarter Tatort kennt): erst über sich, dann über seine Familie. Scientology gewinnt - auch wenn die Organisation in diesem speziellen Fall alles tun wird, um das Gegenteil zu beweisen.
beobachter.ch, 05.03.2010, Thomas Angeli
Science-Fiction im Keller
Mit mysteriöser «Raumenergie» soll ein Gerät für viel Geld Mauern trockenlegen. Die Wissenschaft schmunzelt, und die Nähe des Anbieters zu Scientology ist offensichtlich.
Vertrauen einflössende Zertifikate und wohlklingende Auszeichnungen haben schon manchem Geschäft auf die Sprünge geholfen. Auf der Homepage der österreichischen Firma Aquapol ist beides zu finden. Das «Aquapol-Mauertrockenlegungssystem» kommt ohne Strom aus, funktioniert allein durch «Raumenergie», «Kapillarkräfte» und «Magnetokinese». Es kann ein europäisches Patent vorweisen, einen «EMV-Prüfbericht» vom TÜV-Rheinland, sein Erfinder Wilhelm Mohorn ist Träger der «Kaplan-Medaille für Grundlagenforschung» und noch vieles mehr. Mit einer grossen Publireportage auf newsnetz.ch warb Aquapol im Januar auch wieder einmal in der Schweiz. Sie könne «Aquapol auf jeden Fall weiterempfehlen», strahlte Barbara Weil aus Gunten BE darin: «Das Klima ist allgemein angenehmer und der Boden viel trockener.» Das Gleiche beteuert sie auch gegenüber dem Beobachter. Der derart gepriesene Apparat sieht erstaunlich unspektakulär aus, und auch das Innere gemahnt nicht an revolutionäre Technik: Ein paar Kupferkabel und Stangen, je nach Modell zwei parallel angeordnete grüne Scheiben, mehr ist da nicht. Aquapol vermeldet stolz 43'000 Häuser, die mit dem Apparat seit 25 Jahren trockengelegt worden seien. Nachprüfen lässt sich das nicht, und unabhängige wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit des Geräts gibts nicht. Aquapol zitiert in einer Stellungnahme an den Beobachter zwar die Professoren Karl Ernst Lotz und Josef Gruber, bloss: Beide sind im Vorstand der «Österreichischen Vereinigung für Raumenergie». Deren Präsident: Wilhelm Mohorn, Aquapol-Erfinder und -Vermarkter – und Freund der Scientologen (siehe nachfogender «Hintergrund»). Unabhängigkeit sieht anders aus. Eine Wirkung jedoch hat das Wunderding zweifelsohne – auf das Konto der Firma Aquapol und ihrer Franchisenehmer. 6000 bis 13'000 Franken kostet das Gerät. Michael Müller, Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal, der den Apparat im Auftrag des ZDF auseinanderschraubte, attestierte den Komponenten einen Materialwert von etwa 20 Euro. Aquapol verkaufe halt «keine Geräte zur Mauertrockenlegung, sondern eine umfassende Dienstleistung», lässt Erfinder Mohorn über seinen Mediensprecher ausrichten. Dazu gehören eine «umfassende Mauerwerksdiagnostik» sowie eine «Fülle von aussagekräftigen Messungen und Spezialdienstleistungen». «Vereinigung von Zauberkästchen-Bauern» Auch die Zertifikate und Auszeichnungen entpuppen sich als mehr Schein als Sein. Der EMV-Prüfbericht des TÜV bescheinigt lediglich die elektromagnetische Verträglichkeit, sprich: Aquapol, das keinen Strom benötigt, stört keine elektrischen Geräte. Auch das Zertifikat des «Europäischen Arbeitskreises für Mauerwerksanierung» taugt nach Aussage eines Fachmanns, der nicht genannt werden will, nicht viel: «Das ist eine Vereinigung von Zauberkästchen-Bauern, die sich gegenseitig zertifizieren.» Und ein Patent kann jeder anmelden, der etwas erfunden zu haben meint. Ob die Erfindung funktioniert, spielt keine Rolle. Fachleute, die nicht mit Aquapol verbandelt sind, bezweifeln die Wirkung des Geräts geradeheraus: «Das System kann keine entfeuchtende Wirkung entfalten», schreibt etwa das deutsche Fraunhofer-Institut für Bauphysik. Ähnlich sieht das Rainer Bunge, Professor für Umwelttechnik an der Hochschule Rapperswil: «Aus wissenschaftlicher Sicht steht fest, dass Aquapol weder funktioniert noch überhaupt theoretisch funktionieren kann.» Die Erklärung für die Wirkungsweise von Aquapol lese sich, «als ob jemand mit dem Zufallsgenerator über ein Physiklexikon gefahren wäre». Auch vom angeblichen «Gravomagnetismus», mit dem Aquapol funktionieren soll, halten die Forscher nicht viel: «Die gravomagnetische Energie wurde noch nie in einem wissenschaftlichen Versuch nachgewiesen», schreibt der Physiker Kolja Prothmann vom Max-Planck-Institut: «Die einzige mir bekannte Referenz bezieht sich auf die Science-Fiction-Serie ‹Mondbasis Alpha 1› aus dem Jahr 1977.» Hintergrund Viel Geld für Scientology Aquapol-Erfinder Wilhelm Mohorn erwähnt auf seiner Website stolz seine Mitgliedschaft im Bundessenat des honorigen «Senats der Wirtschaft» in Österreich. Wer sich dort erkundigt, erfährt Erstaunliches: Der Senat habe sich «aufgrund der zwischenzeitlich in Erfahrung gebrachten Aktivitäten für Scientologen von Herrn Mohorn und somit auch dessen Unternehmen» distanzieren müssen, sagt eine Sprecherin.Mohorn ist in der Scientology-Publikation «Impact» von 2006 als «Patron Meritorious» aufgeführt. Diesen Titel erhält, wer mindestens 100'000 Dollar gespendet hat. Mohorn will das nicht kommentieren. In der Schweiz wird Aquapol übrigens von der Firma Delphin Bürkli & Partner vertrieben – alte Bekannte in der Scientology-Szene: Der Beobachter berichtete schon 1995 von der Sektenzugehörigkeit der Inhaber.
merkur-online.de, 04.03.2010
Scientology-Aussteiger packen in der ARD aus
Das Drehbuch? Geheim. Der Titel? Top secret, genauso wie die Schauspieler: Bis zuletzt hat der SWR Details zum Film "Bis nichts mehr bleibt" unter Verschluss gehalten. Kein Wunder. © ARD Szene aus dem ARD-Film: Ein Mitglied (Nina Kunzendorf) überzeugt Frank (Felix Klare) von der Scientology. Mit dem Spielfilm kommt hochbrisanter Stoff ins Fernsehen: Es geht um Frank Reiners, Architektur- Student, Taxifahrer – und Mitglied bei Scientology, der umstrittenen Organisation, die sich selbst als Kirche verkauft und das Leben von Aussteigern zur Hölle macht. So ergeht es auch Reiners, der den Absprung geschafft hat und am Ende nicht nur ohne Geld dasteht, sondern auch noch Frau und Kind an Scientology verliert. Er muss zusehen, wie die Tochter weiter von der Mutter beeinflusst wird. Am Mittwoch wurde der Film erstmals in München der Presse vorgeführt. Anonyme Anrufe, Auto geknackt Wie SWR-Redakteur Michael Schmidl betont, ist es der erste Film, der sich mit Scientology in dieser Weise auseinandersetzt: „Vorher hat sich anscheinend niemand getraut.“ Denn Scientology ist dafür bekannt, Kritiker massiv anzugehen. Das bekam auch die Crew beim Dreh zu spüren: „Es gab anonyme Anrufe, Besuche am Set“, erzählt Schmidl. Sogar das Auto des Regisseurs Niki Stein wurde geknackt: Ein Unbekannter hatte den Kofferraum aufgebrochen. Das Geheimnis um den Film ließ sich eben nicht ganz bewahren. Und das, obwohl die Produktion sogar unter einem Decknamen lief: Angeblich sollte ein neuer Tatort, genauer "Der Tote im Sund", in der Mache sein. "Bis nichts mehr bleibt", 31. März, 20:15 Uhr, ARD Doch Felix Klare, bekannt aus dem Stuttgarter Tatort, ging bei diesem Dreh nicht auf Verbrecherjagd. Der 31-Jährige spielt den jungen Reiners aus Hamburg. Ende der 80er-Jahre rutscht er immer tiefer in das System Scientology. Ein Anwalt, der für den Vater seiner Freundin arbeitet, bringt ihn zum sogenannten Dianetik-Zentrum. Dort lässt sich der Familienvater auf dubiose Psychotests ein: „Kauen Sie an Fingernägeln oder Bleistiften?“, steht auf dem ellenlangen Fragebogen, oder: „Haben Sie viele gute Freunde?“ Anhand der Antworten stellt sich heraus: Frank lässt sich zu sehr herumschubsen und von anderen sagen, was er zu tun hat. Das lässt sich ändern – dazu muss er nur die Kurse von Scientology besuchen. Bald zieht er auch seine Frau Gine in den Bann der Gemeinschaft, bald darauf auch die gemeinsame Tochter Sarah. Das Unglück nimmt seinen Lauf … Echte Geschichten von Aussteigern Eine Geschichte, die nicht aus der Luft gegriffen ist: „99 Prozent des Films sind echt“, sagt Hauptdarsteller Klare. Er traf sich mit Aussteigern, um mehr über ihre bedrückende Vergangenheit zu erfahren. Denn Bis nichts mehr bleibt basiert nicht nur auf einem Schicksal, es fließen die Erfahrungen mehrerer Aussteiger ein. Ein Vater, der seine Familie aus dem teils unterdrückerischen System nicht befreien kann – auch das ist kein Einzelfall. Klare hat sich mit dem Mann getroffen, der seine zwei Söhne seit 27 Jahren nicht gesehen hat. Sie dürften heute knapp über 30 Jahre alt sein. Eva Hutter Scientology Aus einem Bericht des Verfassungsschutzes aus dem Jahre 2008 geht hervor, dass es in Deutschland etwa 5000 bis 6000 Scientologen gibt, in Bayern geht man von circa 2600 Mitgliedern aus. Scientology ist eine Bewegung, deren Ideologie auf Schriften des US-amerikanischen Schriftstellers L. Ron Hubbard aus dem Jahre 1952 zurückgeht. In der Öffentlichkeit ist Scientology umstritten. Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz unterhält ein „vertrauliches Telefon“ (Nummer: 089/31 20 12 96). Opfer, Aussteiger und Angehörige von Mitgliedern können dort Hinweise über Scientology geben.
20Min., 01.03.2010
Neues «Abnehmprogramm» Schlank dank Kirstie Alley und Scientology
Kirstie Alley hat das neue Abnehmprogramm «Organic Liaison» erfunden: Mit Vitaminzusätzen, die «Rette mich» oder «Unterstütze mich» heissen, geht die Aktrice auf Pfunde-Jagd. Das Problem: Scientiology ist auch an Bord. Promis auf Seelenfang Scientology zählt weltweit rund acht Millionen Anhänger. Hier einige der bekanntesten Scientologen, die immer wieder neue Mitglieder anziehen... Schon lange hatte Kirstie Alley angekündigt, eine Schlankmacher-Linie ins Leben zu rufen, jetzt ist es soweit: Die Schauspieler («Guck mal, wer da spricht») hat «Organic Liaison» vorgestellt. Das Programm kostet monatlich zehn Dollar Grundgebühr, was den Mitgliedern die Nutzung von «Online-Tools» und Unterstützung von Leidensgenossen ermöglichen soll. Hauptelement der Kur sind jedoch Nahrungsmittelzusätze, die für zwölf bis 15 Dollar pro Flasche gekauft werden müssen. Die Monatsration kostet 139 Dollar. Die Produkte mit klingenden Namen wie «Rescue Me» («Rette mich») oder «Relieve Me» (Unterstütze mich») versprechen, den Körper «natürlich» zu reinigen und den Hunger zu bremsen. Obwohl die Produkte gewöhnliche Vitamine und Mineralien enthalten, spricht Alley in einem Werbeclip davon, ihr Programm sei «das weltweit erste zertifizierte biologische Gewichtsverlust- und Management-Programm». Die verkauften Zusätze «fluten ihren Körper mit den Elementen, die ihm fehlen», so dass das Abnehmen zum Kinderspiel werde, so der 115 Kilogramm schwere Hollywoodstar. Abgesehen davon, dass solche «Elemente» normalerweise problemlos mit ausgewogener Ernährung zu sich genommen werden können, verwirrt ein zweites Detail: Das Promotion-Video mit Kirstie Alley ist im «Fort Harrison Hotel», der Scientology-Basis im kalifornischen Clearwater gedreht werden. Dass Alley Mitglied in der Sekte ist, war allerdings bekannt. Komisch ist aber, dass mit Thomas Lovejoy und Michelle Seward auch mindestens zwei von fünf Beratern des Programms der Bewegung angehören. Wenn dann auch noch die Adresse von «Organic Liaison» mit der von Saul B Lipson, einem bekennenden Scientology-Anhänger absolut identisch ist, müssen sich die Konsumenten fragen, ob sie der Sekte nicht persönliche Daten in die Hände spielen. Beide Postadressen lauten «1515 North University, Suite 222, Coral Springs, Florida 33071». Ein Schelm wer Bauernfängerei hinter diesem Umstand vermutet …
Bereits seit zwei Jahren habe Kirstie an Organic Liaison gearbeitet und sei dabei von den „besten Wissenschaftlern auf diesem Planeten“ unterstützt worden, heißt es. Sie schwöre vor allem auf den natürlichen Appetitzügler „Rescue Me”. Ach, übrigens steht im Kleingedruckten, dass Organic Liaison nur dann funktioniert, wenn man seine Ernährung umstellt. Am besten soll man nur noch Bio-Produkte essen. Und natürlich muss man dazu noch viel Disziplin haben und soll zum Sport gehen.
Hamburger Abendblatt, 27.02.2010
Verwaltungsgericht weist Klage von Scientologen ab
Das Verwaltungsgericht hat die Klage eines Scientologen abgewiesen, der die Hansestadt darauf verklagt hatte, Informationen zu seiner Person herauszugeben. Die Stadt hatte das Ansinnen des Scientologen zuvor mit Verweis auf eine Ausschussklausel im Hamburgischen Informationsfreiheitsgesetz abgelehnt. Danach müssen Informationen, die die Tätigkeit der Arbeitsgruppe Scientology betreffen, nicht herausgegeben werden. Das Gericht bestätigte jetzt die Verfassungsmäßigkeit der Ausnahmenorm. Die Leiterin der Arbeitsgruppe, Ursula Caberta, begrüßte die mit dem Urteil gewonnene Rechtssicherheit. Das Verwaltungsgericht habe seine Entscheidung mit der verfassungsfeindlichen Ausrichtung von Scientology begründet.
Stern.de, 17.02.2010, Stefan Düsterhöft
Scientology-Aussteiger Lino Bombonato: Wenn Freunde zu Feinden werden
Scientology war Lino Bombonatos Leben: Sieben Jahre lang beschäftigte sich der Rheinländer täglich mit der Sekte, arbeitete für einen Hungerlohn für sie, spionierte am Ende sogar Sektengegner aus. Doch dann geriet sein Bild von der heilen Scientology-Welt ins Wanken.
Eigentlich ist es nur ein Persönlichkeitstest auf der Internetseite von Scientology, der Lino Bombonato im Jahr 2003 neugierig macht. Nach seiner Stimmung wird der damals 15-Jährige da zum Beispiel gefragt, ob er gut schlafe und ob er zu Eifersucht neige. Der Schüler beantwortet die Fragen und gibt seine Kontaktdaten an. Wenig später macht er sich auf den Weg nach Düsseldorf: In der dortigen Scientology-Kirche will er sein Testergebnis erfragen. Steile Karriere bei Scientology Doch bei dem angeblichen Persönlichkeitstest bleibt es nicht. Die Scientologen wecken das Interesse des jungen Rheinländers - und begeistern ihn für eine Mitgliedschaft. Den Gedanken, sich selbst "weiterzuentwickeln", findet Lino Bombonato spannend. Deshalb beginnt er, Kurse der Düsseldorfer Scientology-Kirche zu besuchen. Kurz darauf legt er eine steile Sektenkarriere hin. Lino Bombonato fühlt sich bei den Scientologen geborgen und anerkannt. Die Sekte sei in dieser Zeit "wie eine Familie" gewesen, sagt er heute. Der junge Mann wird Mitglied des scientologischen Geheimdienstes, spioniert Kritiker aus und versucht, Demonstrationen von Sektengegnern zu stören.
Das Verhältnis zu seinen Eltern wird währenddessen immer schlechter. Lino Bombonato hält nur wegen des Geldes Kontakt zu ihnen - denn eine Scientology-Mitgliedschaft kostet. Weil sein Vater die Sekte aber ablehnt, kann Lino Bombonato innerhalb der Organisation nicht weiter aufsteigen. Eine letzte Chance, das zu ändern, scheint der Selbstmord. Die Scientologen haben Lino eingeredet, nach seinem Tod könne er in einer "besseren Umgebung", also mit Eltern, die selbst Scientologen sind, wiedergeboren werden. Selbstmordversuch misslingt Doch der Selbstmordversuch misslingt: Lino Bombonato wird rechtzeitig gefunden. Ans Aussteigen denkt der junge Mann trotzdem nicht. Erst seine Spionagetätigkeit öffnet ihm später die Augen: Zunächst chattet er nur mit Mitgliedern einer Anti-Scientology-Organisation, um sie auszuhorchen. Doch der Kontakt wird enger - auch zu Ursula Caberta, die den Hamburger Arbeitskreis Scientology leitet. Caberta beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Sekte und ist oft die erste Anlaufstelle für Aussteiger. Sie ist sich sicher: "Je jünger man ist, wenn man zu Scientology kommt, desto eher übernimmt man die Ideologie - und desto schwerer wird der Ausstieg." So ist es auch bei Lino Bombonato: Er bleibt zunächst bei der Sekte, hält aber auch weiterhin Kontakt zu den Gegnern. Als die Scientologen das mitbekommen, muss Lino Bombonato sich vor den Sektenoberen in so genannten Ethiksitzungen rechtfertigen. Er wird dabei an einen Lügendetektor angeschlossen. Durch seine Gespräche mit einem Scientology-Gegner beschließt Lino Bombonato, bei dem Test zu lügen. Das Gerät erkennt die Lüge nicht. Lino Bombonato ist entsetzt - eigentlich hat er fest an die Funktionstüchtigkeit des Geräts geglaubt. Seine Zweifel an der Sekte werden größer.
Ein Freund verrät Lino Bombonato Er vertraut sich einem Freund an - doch der verrät ihn. Scientology verurteilt Lino Bombonato zu weiteren Ethiksitzungen. Ende Mai 2009 steht dann sein Entschluss fest: Der damals 22-Jährige will aussteigen. Persönlich geht er in die Scientology-Kirche, verkündet dort seinen Entschluss. Die Sektenmitglieder reagieren kalt - niemand scheint sich mehr für Lino Bombonato zu interessieren. "Das war eine bittere Erkenntnis. Die haben mich behandelt, wie jemanden, der mit einem Schlag nichts mehr wert ist", sagt der junge Mann heute. Und: "Ich wurde weg geschoben, als sei gar nichts gewesen." Nach seinem Ausstieg steht Lino Bombonato vor dem Nichts: Er hat 8000 Euro Schulden bei der Bank, muss Kredite abbezahlen, die er aufgenommen hat, um seine Sektenmitgliedschaft zu finanzieren. Eine Ausbildung hat er nicht, die Schule hat er nach dem Hauptschulabschluss abgebrochen. Sieben Jahre seines Lebens sind verschenkt. Der Traum von einem normalen Leben Scientology hat Lino Bombonato fast alles genommen - in Ruhe lässt ihn die Sekte trotzdem nicht. Die Scientologen versuchen im Internet seinen Ruf zu ruinieren, setzen Persönliches gegen ihn ein. Lino Bombonato versucht dennoch, nach vorne zu schauen: Er will seine Schulden zurückzahlen. Und er will einen Beruf erlernen - am liebsten einen, in dem er anderen Menschen helfen kann. "Ein normales Leben führen", sagt Lino Bombonato, dass sei sein Wunsch.
Der Spiegel, 02.02.2010, Martin U. Müller
Fernsehfilm Operation Scientology
Mit großem Geheimniskrämer-Tamtam hat die ARD das wahre Schicksal eines Aussteigers verfilmt. Das TV-Team fürchtete schon während des Drehs Ärger. Heiner von Rönn könnte eine ziemlich erschütternde Liste erstellen mit Menschen und Werten, die er an Scientology verloren hat: Abertausende Euro, zehn Jahre seines Lebens, seine damalige Frau und seine beiden Kinder. 15 Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Psycho-Imperium stand er kürzlich wieder mittendrin in seiner eigenen Vergangenheit, den Begriffen und Bedrohungen von einst. Seine Geschichte ist echt, die Kulisse war es nicht: In den nachgebauten Räumen einer Scientology-Niederlassung drehte ein Filmteam ein TV-Drama über eine Familie, die letztlich an der Organisation zerbrach. Die Story lehnt sich an Rönns Leben an, die gesamte Mannschaft des federführenden Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) ging mit seltener Heimlichtuerei zu Werke. Auf den Schildern, Drehbüchern, selbst auf der Regieklappe - überall stand als Titel "Der Tote im Sund". Es war ein Tarnname, weil die Dreharbeiten für diesen ARD-Film absolut geheim gehalten werden sollten. Erst diese Woche wollen die Verantwortlichen an die Öffentlichkeit gehen: Am Dienstag möchten sie das fertig gedrehte Projekt präsentieren, das schließlich am 31. März unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" gezeigt werden soll. Zum ersten Mal wird es also einen Spielfilm geben, in dem es um Scientology geht. Glaubensterror als Abendunterhaltung. Ist die ARD mutiger geworden? Oder Scientology schlichtweg harmloser? In den vergangenen Jahren hat das Erste immer wieder Filme über sensible gesellschaftliche Themen gesendet wie etwa Contergan. Nun hat man sich einer Organisation gewidmet, die für ihr rücksichtsloses Verhalten gegenüber Kritikern und Journalisten bekannt ist. Doch war die ARD-Paranoia im Vorfeld wirklich begründet? Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des SWR, verteidigt die Geheimhaltung: "Scientology hat permanent versucht, auf unterschiedlichsten Wegen Details über das Projekt zu erfahren. Wir mussten befürchten, dass die Organisation alles tun würde, um mit juristischen Mitteln die Ausstrahlung des Films zu verhindern." Daher habe man "aus Sicherheitsgründen" das Projekt "so lange wie möglich unter Verschluss gehalten". Leise Anflüge von Verfolgungswahn erwischten das Team trotzdem schon beim Dreh. Am Set erzählte man sich, eine Art Pressesprecher von Scientology sei gesichtet worden. Ein andermal fand ein Informant des Regisseurs Niki Stein den Kofferraum seines Autos aufgebrochen vor. Erst dachte er sich nichts dabei, bis Steins Telefon klingelte und er sich an die Notizbücher im Kofferraum erinnerte. "Wir wissen, dass Sie einen Film über Scientology drehen", sagte die Stimme am Telefon und legte wieder auf. Scientology dementiert auf Anfrage jede Beteiligung. Sonst wurden keine Vorfälle aktenkundig. Immerhin: Während der Dreharbeiten spürte auch Aussteiger Rönn wieder altes Unbehagen. Er ist ein schweigsamer Mensch, der zwischen seinen Erzählungen oft hilfesuchend seine jetzige Frau Astrid ansieht. "Meiner Meinung nach war das so", sagt sie dann und übernimmt für ihren Mann das Antworten. Auch sie war einst bei Scientology und stieg dann mit Rönn aus, während dessen erste Frau mit den Kindern dabeiblieb. Astrid von Rönn kann Jahreszahlen, Episoden und Namen besser ordnen. Ihr Mann Heiner wirkt in diesen Momenten wie jemand, der leicht den Überblick übers eigene Leben verliert. Das erklärt vielleicht auch ein wenig, wie erwachsene Menschen anfangen können, an Thetane zu glauben und Zehntausende Euro für Vitamine oder Auditing auszugeben. Bevor Rönn 1984 von Scientology zu einem "Kommunikationskurs" überredet wurde, hatte er von der Organisation nie gehört. Seine damalige Frau war bereits ein paar Monate dabei, überzeugt vom eigenen Bruder. Erst mehr als zehn Jahre später schaffte Rönn den Absprung, hochverschuldet und sozial isoliert; seine Familie war zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Fall fürs Familiengericht. Das alles solle wenigstens im Nachhinein einen Sinn bekommen, als Warnung helfen, findet er. So sei er bei dem TV-Projekt gelandet. 89 Minuten lang erzählt die Fiktion nun bemerkenswert unaufgeregt in Rückblenden, wie ein Mann in die Arme von Scientology gerät und hinterher um das Sorgerecht für sein Kind kämpft. Zu sehen ist auch eine Fahrt in eine Art Straflager in der Europazentrale der Psycho-Organisation, das plötzliche Verschwinden der Ehefrau zur Zentrale in Florida und die Kasernierung der Tochter in einem geheimen Internat. 2,5 Millionen Euro hat die ARD in den Film gesteckt. SWR-Mann Bergengruen hat das Geld in eine penible Recherche, gute Schauspieler und eine ziemlich genaue Rekonstruktion investiert. Obwohl einiges verfremdet wurde, bleibt erstaunlich, wie offensiv das reale Vorbild Rönn mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Dafür hat er jetzt Angst, dass sein Hund vergiftet werden könnte oder man ihm zu Hause die Scheiben einschmeißt. Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als schier unverfilmbar. Unter Filmleuten war man sich nahezu gewiss, dass Scientology Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würde. So übte sich die Öffentlichkeit in Debatten um die Verfassungsmäßigkeit des Imperiums, oder man erzählte sich Schauergeschichten über Gehirnwäschen der obskuren Glaubensgemeinschaft. Dazwischen gab es nichts. SWR-Mann Bergengruen hat nun die Lücke geschlossen. Den Anstoß dazu gab ausgerechnet der Schauspieler und Star-Scientologe Tom Cruise. Im November 2007 wurde ihm mit allerlei Ehrenbezeugungen der Medienpreis Bambi des Burda- Verlags überreicht. Da reichte es Bergengruen. Dass das dramatische Thema nun zur TV-Abendunterhaltung taugt, hat aber wohl noch einen anderen Grund: Erst mit einem bestimmten Abstand eignen sich reale Sujets bisweilen als Fiktion. Die härtesten Auseinandersetzungen zwischen deutscher Öffentlichkeit und Scientology sind schon etliche Jahre her. Andererseits hat die Organisation laut einer Analyse des Verfassungsschutzes angeblich nichts an Gefährlichkeit eingebüßt. Viel spreche dafür, dass sie "sinnvollerweise auch und gerade mit geheimdienstlichen Mitteln beobachtet werden" müsse, urteilte das Verwaltungsgericht Köln. Es sind nur noch ein paar Wochen, bis der Film im Fernsehen zu sehen sein wird. Kürzlich wurde Heiner von Rönn mit Frau und Hund vom Team noch mal in einen Vorführraum gebeten, um ihn vorab zu sehen. Rönn setzte sich mit seinem Hund in die erste Reihe. Als er sah, wie der Mann im Film an einem Geländer steht und sein Kind zum letzten Mal sieht, da weinte er. Das TV-Drama endet mit dieser Szene. Das Leben der Rönns geht weiter. Nach der Vorführung fuhren sie zurück in ihre Dreizimmerwohnung am Hamburger Stadtrand. Im Kinderzimmer bewahrt Astrid von Rönn nun die Wäsche auf. Das ist die Realität ihres Lebens.
Berliner Zeitung, 29.01.2010, Frank Nordhausen
Die Bastion wankt - Viele Prominente in Hollywood sind Mitglieder von Scientology. Jetzt gehen die ersten
Wer eine Scientology-Filiale betritt, bekommt dort meist den Werbefilm „Orientation“ vorgespielt, in dem John Travolta davon schwärmt, wie erfüllt er in der „Kirche“ lebe. „Ohne Scientology wäre ich tot“, sagt seine Ehefrau Kirstie Alley. Am Schluss sagt ein lächelnder älterer Herr: „Wenn du jetzt mit Scientology weitermachst, wirst du sehr froh darüber sein.“ Umso verheerender ist die Botschaft, dass ausgerechnet der Star des Werbefilms jetzt nicht mehr froh ist, sondern die Sekte verlassen hat. Larry Anderson ist ein Hollywoodschauspieler, den die meisten kennen, ohne ihn bewusst wahrzunehmen. Anderson hat in Dutzenden TV-Serien wie „Desperate Housewifes“ gespielt, war Nebendarsteller in Kinofilmen wie „Star Trek“. Und er war bis vor zwei Wochen Mitglied der berüchtigten Scientology-Organisation, als deren Star und Stimme er in vielen Propagandafilmen wirkte. Nun hat der 57-Jährige die Sekte nach 33 Jahren plötzlich verlassen und seine Gründe in der Presse dargestellt. Seither hat Scientology ein Problem mehr. Keine Superkräfte verspürt Die Mitgliedschaft bei Scientology ist an sich nichts Besonderes in Hollywood. Tom Cruise ist in der Sekte, John Travolta ist es und Juliette Lewis. Vor allem aber besuchen viele Mimen, Regisseure und Drehbuchautoren aus der zweiten Reihe die teuren Kurse im Celebrity Centre Hollywood. In diesem Zuckerbäckerschloss werden sie betreut und sollen Superkräfte gewinnen. Und sie erhalten Jobangebote. Denn das US-Filmbusiness ist durchsetzt mit Scientologen, die viel Einfluss auf die Castings haben. Umgekehrt sind die Prominenten Scientologys wichtigste Werbeträger. „Ich wurde zu einem Scharlatan gemacht“, sagte Anderson jetzt der Zeitung St. Petersburg Times. Nie habe er die versprochenen „Gewinne auf der Brücke zur totalen Freiheit“ erreicht. Rund 270 000 Dollar habe er im Lauf seiner Mitgliedschaft bezahlt, um irgendwann als Operierender Thetan – eine Art Gott – wiedergeboren zu werden. Jetzt hatte er genug von der Geldgier der Sekte. Anderson ist nicht der einzige Scientologe, der so denkt. Vor drei Jahren setzte ein regelrechter Exodus im Sektenhauptquartier ein. Topleute wie der Geheimdienstleiter Mike Rinder und der Finanzchef Mark Rathbun sind ausgestiegen. Dutzende „namenlose“ Dissidenten äußern Kritik im Internet. Die Zeichen mehren sich, dass die Absetzbewegung nun Hollywood erreicht hat. Den Anfang machte im April 2008 der Schauspieler Jason Beghe, Darsteller in Serien wie „CSI“ oder „Criminal Minds“. Er warf dem Sektenboss David Miscavige vor, Scientology zu einer „korrupten Organisation“ geformt zu haben, die mit „Einschüchterung und Gehirnwäsche“ arbeite. Vor drei Monaten verließ sogar der Regisseur und Autor der Drehbücher von „Crash“ und „Million Dollar Baby“, Paul Haggis, nach 35 Jahren die Sekte. Das ist von großer Bedeutung, denn nur solange Weltstars wie Cruise, Travolta oder eben Haggis Scientology die Treue halten, lässt sich eine Massenflucht vermeiden. Haggis verabschiedete sich mit der Klage, Scientology habe die Hetzkampagne gegen die Homo-Ehe in Kalifornien mitgetragen: „Ich kann nicht länger einer Organisation angehören, die Schwulen-Bashing toleriert.“ Das war ein Angriff auf L. Ron Hubbard selbst, den Gründer der „Church“, der die Homophobie zum Lehrsatz erhoben hatte. Nach Angaben früherer Leitungskader ist verdeckte Homosexualität ein Thema, das Scientology benutzt, um Mitglieder unter Druck zu setzen. John Travoltas Neigung soll der Grund dafür sein, dass der Mime bis heute dabeiblieb. „Wenn Travolta geht, werden die Akten herausgeholt“, sagt der ehemalige Exekutivdirektor William Franks. Die Sekte verwaltet intime Bekenntnisse ihrer Mitglieder in geheimen Akten. Scientology hat diese Vorwürfe stets dementiert. „Je mehr Prominente gehen, desto mehr kommen die anderen ins Grübeln, sagt Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte Hamburgs. Caberta hat mit ihrer Arbeit viel zur Erosion der Sekte beigetragen, doch sie ist jetzt mit massiven Sparplänen des Hamburger Senats konfrontiert. „Eine effektive Betreuung der Aussteiger wird dann nicht mehr möglich sein“, fürchtet sie. Der Schauspieler Larry Anderson kam durch den Ausstieg seines Freundes Jason Beghe zum Nachdenken. Er hat die „Church“ zur Rückzahlung von 120 000 Dollar aufgefordert, die er bezahlt, für die er aber keine Gegenleistung bekommen haben will. Doch die Scientology-Führer wollten nur zahlen, wenn er öffentlich nicht über seinen Ausstieg rede. Anderson weigerte sich. Daher ist „die Stimme Scientologys“ jetzt die Stimme der Kritiker – mit unabsehbaren Folgen.
Der Standard, 24.01.2010
Helfen durch Handauflegen - Nach der Katastrophe kommt Scientology
"Terapi Gratis": Die Science-Fiction-Sekte Scientology nutzte schon den Tsunami in Südostasien für ihre eigenen Zwecke. Auch nach dem Hurrikan "Katrina" in New Orleans "halfen" Scientologen. Auch den katastrophengebeutelten Menschen in Haiti bleibt dies nicht erspart. Leidgeprüften Haitianern bleibt nichts erspart: Psycho-Sekte will Opfer durch Handauflegen "heilen" Port-au-Prince - Nach dem schweren Erdbeben mischen sich in Haiti auch Anhänger der Psycho-Sekte Scientology unter die Krisenhelfer. Ein privater Spender hat ein Flugzeug organisiert, das 80 Ehrenamtliche und 50 Ärzte aus Los Angeles zu den Erdbebenopfern brachte. In der Hauptstadt Port-au-Prince bieten die Scientology-Anhänger in gelben T-Shirts den Überlebenden, die unter Plastikplanen im Hof eines Krankenhauses kauern, nun ihre Hilfe an - durch Handauflegen. Mit der "Therapie" namens "Assist" würden gekappte Nervenverbindungen wieder zusammengefügt, erklärt Sylvie, eine Scientology- "Heilerin" aus Paris. Neben ihr liegt der 22-jährige Oscar Elweels, der zwei Tage lang unter den Trümmern seiner Schule begraben war. Sein rechtes Bein wurde amputiert, auch das linke ist verwundet. "Vor einer Stunde hatte er kein Gefühl in seinem linken Bein", berichtet Sylvie. "Dann habe ich ihm die Methode erklärt und ihn berührt, und nach einer Weile hat er gesagt: Jetzt fühle ich alles." Scientology wurde 1954 vom Science-Fiction-Autor Ron Hubbard in den Vereinigten Staaten gegründet und hat berühmte Anhänger wie die Hollywood-Stars Tom Cruise und John Travolta.
Berliner Zeitung, 21.01.2010, Frank Nordhausen
SCIENTOLOGY Zweifelhafte Helfer
BERLIN. Er hat einen privaten Jumbo-Jet und will jetzt damit ins Katastrophengebiet fliegen, um Medikamente, freiwillige Helfer und "spirituellen Beistand" zu den Menschen zu bringen. Der Vorsatz ehrte den Schauspieler und Hobbypiloten John Travolta - wäre er nicht Botschafter der Scientology-Organisation, und würde es sich bei den Freiwilligen nicht um Mitglieder der Sekte handeln, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird und in Frankreich kürzlich als kriminelle Bande verurteilt wurde. Mehr als dreißig Helfer will Scientology mit Travolta nach Haiti entsenden, erklärt die Organisation im Internet. Auf Youtube ist zu sehen, wie Scientologen gemeinsam mit einem von der Sekte gesponserten haitianischen Ärzteteam schon am Sonnabend auf dem Kennedy-Flughafen in New York eincheckten. Die Scientologen trugen gelbe T- Shirts, die sie als "ehrenamtliche Geistliche" auswiesen. Ein Vertreter der Botschaft Haitis wünschte ihnen Glück bei der Mission. Doch frühere Erfahrungen zeigen: Den gelb gewandeten "Geistlichen" geht es vor allem um Missionierung, weniger um medizinische Hilfe. Seit dem 11. September 2001 nutzen sie Terrorangriffe und Naturkatastrophen, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Bei allen großen Tragödien tauchten sie auf, ob beim Elbehochwasser 2002 oder nach den U- Bahn-Anschlägen in London 2005. In einer internen Scientology-Zeitschrift hieß es über diese Art von Hilfe im indonesischen Banda Aceh 2005: "Wir brachten den Überlebenden des Tsunamis LRH Tech" - also die "Technologie" des Scientology-Gründers L. Hubbard. Die "ehrenamtlichen Geistlichen" hätten dort 51 376 Männer und Frauen scientologisch "trainiert". Damals beklagte sich das Rote Kreuz, die Scientologen diskreditierten die Arbeit seriöser Hilfswerke .
Auch andere Sekten oder Fundamentalisten nutzen die Katastrophe in Haiti zur Propaganda. So schickten auch Mormonen, Evangelikale und die umstrittene Hilfsorganisation Islamic Relief Mitglieder auf Hilfs-"Mission" nach Haiti.