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Der Spiegel, 02.02.2010, Martin U. Müller
Fernsehfilm Operation Scientology
Mit großem Geheimniskrämer-Tamtam hat die ARD das wahre Schicksal eines Aussteigers verfilmt. Das TV-Team fürchtete schon während des Drehs Ärger. Heiner von Rönn könnte eine ziemlich erschütternde Liste erstellen mit Menschen und Werten, die er an Scientology verloren hat: Abertausende Euro, zehn Jahre seines Lebens, seine damalige Frau und seine beiden Kinder. 15 Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Psycho-Imperium stand er kürzlich wieder mittendrin in seiner eigenen Vergangenheit, den Begriffen und Bedrohungen von einst. Seine Geschichte ist echt, die Kulisse war es nicht: In den nachgebauten Räumen einer Scientology-Niederlassung drehte ein Filmteam ein TV-Drama über eine Familie, die letztlich an der Organisation zerbrach. Die Story lehnt sich an Rönns Leben an, die gesamte Mannschaft des federführenden Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) ging mit seltener Heimlichtuerei zu Werke. Auf den Schildern, Drehbüchern, selbst auf der Regieklappe - überall stand als Titel "Der Tote im Sund". Es war ein Tarnname, weil die Dreharbeiten für diesen ARD-Film absolut geheim gehalten werden sollten. Erst diese Woche wollen die Verantwortlichen an die Öffentlichkeit gehen: Am Dienstag möchten sie das fertig gedrehte Projekt präsentieren, das schließlich am 31. März unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" gezeigt werden soll. Zum ersten Mal wird es also einen Spielfilm geben, in dem es um Scientology geht. Glaubensterror als Abendunterhaltung. Ist die ARD mutiger geworden? Oder Scientology schlichtweg harmloser? In den vergangenen Jahren hat das Erste immer wieder Filme über sensible gesellschaftliche Themen gesendet wie etwa Contergan. Nun hat man sich einer Organisation gewidmet, die für ihr rücksichtsloses Verhalten gegenüber Kritikern und Journalisten bekannt ist. Doch war die ARD-Paranoia im Vorfeld wirklich begründet? Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des SWR, verteidigt die Geheimhaltung: "Scientology hat permanent versucht, auf unterschiedlichsten Wegen Details über das Projekt zu erfahren. Wir mussten befürchten, dass die Organisation alles tun würde, um mit juristischen Mitteln die Ausstrahlung des Films zu verhindern." Daher habe man "aus Sicherheitsgründen" das Projekt "so lange wie möglich unter Verschluss gehalten". Leise Anflüge von Verfolgungswahn erwischten das Team trotzdem schon beim Dreh. Am Set erzählte man sich, eine Art Pressesprecher von Scientology sei gesichtet worden. Ein andermal fand ein Informant des Regisseurs Niki Stein den Kofferraum seines Autos aufgebrochen vor. Erst dachte er sich nichts dabei, bis Steins Telefon klingelte und er sich an die Notizbücher im Kofferraum erinnerte. "Wir wissen, dass Sie einen Film über Scientology drehen", sagte die Stimme am Telefon und legte wieder auf. Scientology dementiert auf Anfrage jede Beteiligung. Sonst wurden keine Vorfälle aktenkundig. Immerhin: Während der Dreharbeiten spürte auch Aussteiger Rönn wieder altes Unbehagen. Er ist ein schweigsamer Mensch, der zwischen seinen Erzählungen oft hilfesuchend seine jetzige Frau Astrid ansieht. "Meiner Meinung nach war das so", sagt sie dann und übernimmt für ihren Mann das Antworten. Auch sie war einst bei Scientology und stieg dann mit Rönn aus, während dessen erste Frau mit den Kindern dabeiblieb. Astrid von Rönn kann Jahreszahlen, Episoden und Namen besser ordnen. Ihr Mann Heiner wirkt in diesen Momenten wie jemand, der leicht den Überblick übers eigene Leben verliert. Das erklärt vielleicht auch ein wenig, wie erwachsene Menschen anfangen können, an Thetane zu glauben und Zehntausende Euro für Vitamine oder Auditing auszugeben. Bevor Rönn 1984 von Scientology zu einem "Kommunikationskurs" überredet wurde, hatte er von der Organisation nie gehört. Seine damalige Frau war bereits ein paar Monate dabei, überzeugt vom eigenen Bruder. Erst mehr als zehn Jahre später schaffte Rönn den Absprung, hochverschuldet und sozial isoliert; seine Familie war zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Fall fürs Familiengericht. Das alles solle wenigstens im Nachhinein einen Sinn bekommen, als Warnung helfen, findet er. So sei er bei dem TV-Projekt gelandet. 89 Minuten lang erzählt die Fiktion nun bemerkenswert unaufgeregt in Rückblenden, wie ein Mann in die Arme von Scientology gerät und hinterher um das Sorgerecht für sein Kind kämpft. Zu sehen ist auch eine Fahrt in eine Art Straflager in der Europazentrale der Psycho-Organisation, das plötzliche Verschwinden der Ehefrau zur Zentrale in Florida und die Kasernierung der Tochter in einem geheimen Internat. 2,5 Millionen Euro hat die ARD in den Film gesteckt. SWR-Mann Bergengruen hat das Geld in eine penible Recherche, gute Schauspieler und eine ziemlich genaue Rekonstruktion investiert. Obwohl einiges verfremdet wurde, bleibt erstaunlich, wie offensiv das reale Vorbild Rönn mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Dafür hat er jetzt Angst, dass sein Hund vergiftet werden könnte oder man ihm zu Hause die Scheiben einschmeißt. Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als schier unverfilmbar. Unter Filmleuten war man sich nahezu gewiss, dass Scientology Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würde. So übte sich die Öffentlichkeit in Debatten um die Verfassungsmäßigkeit des Imperiums, oder man erzählte sich Schauergeschichten über Gehirnwäschen der obskuren Glaubensgemeinschaft. Dazwischen gab es nichts. SWR-Mann Bergengruen hat nun die Lücke geschlossen. Den Anstoß dazu gab ausgerechnet der Schauspieler und Star-Scientologe Tom Cruise. Im November 2007 wurde ihm mit allerlei Ehrenbezeugungen der Medienpreis Bambi des Burda- Verlags überreicht. Da reichte es Bergengruen. Dass das dramatische Thema nun zur TV-Abendunterhaltung taugt, hat aber wohl noch einen anderen Grund: Erst mit einem bestimmten Abstand eignen sich reale Sujets bisweilen als Fiktion. Die härtesten Auseinandersetzungen zwischen deutscher Öffentlichkeit und Scientology sind schon etliche Jahre her. Andererseits hat die Organisation laut einer Analyse des Verfassungsschutzes angeblich nichts an Gefährlichkeit eingebüßt. Viel spreche dafür, dass sie "sinnvollerweise auch und gerade mit geheimdienstlichen Mitteln beobachtet werden" müsse, urteilte das Verwaltungsgericht Köln. Es sind nur noch ein paar Wochen, bis der Film im Fernsehen zu sehen sein wird. Kürzlich wurde Heiner von Rönn mit Frau und Hund vom Team noch mal in einen Vorführraum gebeten, um ihn vorab zu sehen. Rönn setzte sich mit seinem Hund in die erste Reihe. Als er sah, wie der Mann im Film an einem Geländer steht und sein Kind zum letzten Mal sieht, da weinte er. Das TV-Drama endet mit dieser Szene. Das Leben der Rönns geht weiter. Nach der Vorführung fuhren sie zurück in ihre Dreizimmerwohnung am Hamburger Stadtrand. Im Kinderzimmer bewahrt Astrid von Rönn nun die Wäsche auf. Das ist die Realität ihres Lebens.

Berliner Zeitung, 29.01.2010, Frank Nordhausen
Die Bastion wankt - Viele Prominente in Hollywood sind Mitglieder von Scientology. Jetzt gehen die ersten
Wer eine Scientology-Filiale betritt, bekommt dort meist den Werbefilm „Orientation“ vorgespielt, in dem John Travolta davon schwärmt, wie erfüllt er in der „Kirche“ lebe. „Ohne Scientology wäre ich tot“, sagt seine Ehefrau Kirstie Alley. Am Schluss sagt ein lächelnder älterer Herr: „Wenn du jetzt mit Scientology weitermachst, wirst du sehr froh darüber sein.“ Umso verheerender ist die Botschaft, dass ausgerechnet der Star des Werbefilms jetzt nicht mehr froh ist, sondern die Sekte verlassen hat. Larry Anderson ist ein Hollywoodschauspieler, den die meisten kennen, ohne ihn bewusst wahrzunehmen. Anderson hat in Dutzenden TV-Serien wie „Desperate Housewifes“ gespielt, war Nebendarsteller in Kinofilmen wie „Star Trek“. Und er war bis vor zwei Wochen Mitglied der berüchtigten Scientology-Organisation, als deren Star und Stimme er in vielen Propagandafilmen wirkte. Nun hat der 57-Jährige die Sekte nach 33 Jahren plötzlich verlassen und seine Gründe in der Presse dargestellt. Seither hat Scientology ein Problem mehr. Keine Superkräfte verspürt Die Mitgliedschaft bei Scientology ist an sich nichts Besonderes in Hollywood. Tom Cruise ist in der Sekte, John Travolta ist es und Juliette Lewis. Vor allem aber besuchen viele Mimen, Regisseure und Drehbuchautoren aus der zweiten Reihe die teuren Kurse im Celebrity Centre Hollywood. In diesem Zuckerbäckerschloss werden sie betreut und sollen Superkräfte gewinnen. Und sie erhalten Jobangebote. Denn das US-Filmbusiness ist durchsetzt mit Scientologen, die viel Einfluss auf die Castings haben. Umgekehrt sind die Prominenten Scientologys wichtigste Werbeträger. „Ich wurde zu einem Scharlatan gemacht“, sagte Anderson jetzt der Zeitung St. Petersburg Times. Nie habe er die versprochenen „Gewinne auf der Brücke zur totalen Freiheit“ erreicht. Rund 270 000 Dollar habe er im Lauf seiner Mitgliedschaft bezahlt, um irgendwann als Operierender Thetan – eine Art Gott – wiedergeboren zu werden. Jetzt hatte er genug von der Geldgier der Sekte. Anderson ist nicht der einzige Scientologe, der so denkt. Vor drei Jahren setzte ein regelrechter Exodus im Sektenhauptquartier ein. Topleute wie der Geheimdienstleiter Mike Rinder und der Finanzchef Mark Rathbun sind ausgestiegen. Dutzende „namenlose“ Dissidenten äußern Kritik im Internet. Die Zeichen mehren sich, dass die Absetzbewegung nun Hollywood erreicht hat. Den Anfang machte im April 2008 der Schauspieler Jason Beghe, Darsteller in Serien wie „CSI“ oder „Criminal Minds“. Er warf dem Sektenboss David Miscavige vor, Scientology zu einer „korrupten Organisation“ geformt zu haben, die mit „Einschüchterung und Gehirnwäsche“ arbeite. Vor drei Monaten verließ sogar der Regisseur und Autor der Drehbücher von „Crash“ und „Million Dollar Baby“, Paul Haggis, nach 35 Jahren die Sekte. Das ist von großer Bedeutung, denn nur solange Weltstars wie Cruise, Travolta oder eben Haggis Scientology die Treue halten, lässt sich eine Massenflucht vermeiden. Haggis verabschiedete sich mit der Klage, Scientology habe die Hetzkampagne gegen die Homo-Ehe in Kalifornien mitgetragen: „Ich kann nicht länger einer Organisation angehören, die Schwulen-Bashing toleriert.“ Das war ein Angriff auf L. Ron Hubbard selbst, den Gründer der „Church“, der die Homophobie zum Lehrsatz erhoben hatte. Nach Angaben früherer Leitungskader ist verdeckte Homosexualität ein Thema, das Scientology benutzt, um Mitglieder unter Druck zu setzen. John Travoltas Neigung soll der Grund dafür sein, dass der Mime bis heute dabeiblieb. „Wenn Travolta geht, werden die Akten herausgeholt“, sagt der ehemalige Exekutivdirektor William Franks. Die Sekte verwaltet intime Bekenntnisse ihrer Mitglieder in geheimen Akten. Scientology hat diese Vorwürfe stets dementiert. „Je mehr Prominente gehen, desto mehr kommen die anderen ins Grübeln, sagt Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte Hamburgs. Caberta hat mit ihrer Arbeit viel zur Erosion der Sekte beigetragen, doch sie ist jetzt mit massiven Sparplänen des Hamburger Senats konfrontiert. „Eine effektive Betreuung der Aussteiger wird dann nicht mehr möglich sein“, fürchtet sie. Der Schauspieler Larry Anderson kam durch den Ausstieg seines Freundes Jason Beghe zum Nachdenken. Er hat die „Church“ zur Rückzahlung von 120 000 Dollar aufgefordert, die er bezahlt, für die er aber keine Gegenleistung bekommen haben will. Doch die Scientology-Führer wollten nur zahlen, wenn er öffentlich nicht über seinen Ausstieg rede. Anderson weigerte sich. Daher ist „die Stimme Scientologys“ jetzt die Stimme der Kritiker – mit unabsehbaren Folgen.

Der Standard, 24.01.2010
Helfen durch Handauflegen - Nach der Katastrophe kommt Scientology
"Terapi Gratis": Die Science-Fiction-Sekte Scientology nutzte schon den Tsunami in Südostasien für ihre eigenen Zwecke. Auch nach dem Hurrikan "Katrina" in New Orleans "halfen" Scientologen. Auch den katastrophengebeutelten Menschen in Haiti bleibt dies nicht erspart. Leidgeprüften Haitianern bleibt nichts erspart: Psycho-Sekte will Opfer durch Handauflegen "heilen" Port-au-Prince - Nach dem schweren Erdbeben mischen sich in Haiti auch Anhänger der Psycho-Sekte Scientology unter die Krisenhelfer. Ein privater Spender hat ein Flugzeug organisiert, das 80 Ehrenamtliche und 50 Ärzte aus Los Angeles zu den Erdbebenopfern brachte. In der Hauptstadt Port-au-Prince bieten die Scientology-Anhänger in gelben T-Shirts den Überlebenden, die unter Plastikplanen im Hof eines Krankenhauses kauern, nun ihre Hilfe an - durch Handauflegen. Mit der "Therapie" namens "Assist" würden gekappte Nervenverbindungen wieder zusammengefügt, erklärt Sylvie, eine Scientology- "Heilerin" aus Paris. Neben ihr liegt der 22-jährige Oscar Elweels, der zwei Tage lang unter den Trümmern seiner Schule begraben war. Sein rechtes Bein wurde amputiert, auch das linke ist verwundet. "Vor einer Stunde hatte er kein Gefühl in seinem linken Bein", berichtet Sylvie. "Dann habe ich ihm die Methode erklärt und ihn berührt, und nach einer Weile hat er gesagt: Jetzt fühle ich alles." Scientology wurde 1954 vom Science-Fiction-Autor Ron Hubbard in den Vereinigten Staaten gegründet und hat berühmte Anhänger wie die Hollywood-Stars Tom Cruise und John Travolta.

Berliner Zeitung, 21.01.2010, Frank Nordhausen
SCIENTOLOGY Zweifelhafte Helfer
BERLIN. Er hat einen privaten Jumbo-Jet und will jetzt damit ins Katastrophengebiet fliegen, um Medikamente, freiwillige Helfer und "spirituellen Beistand" zu den Menschen zu bringen. Der Vorsatz ehrte den Schauspieler und Hobbypiloten John Travolta - wäre er nicht Botschafter der Scientology-Organisation, und würde es sich bei den Freiwilligen nicht um Mitglieder der Sekte handeln, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird und in Frankreich kürzlich als kriminelle Bande verurteilt wurde. Mehr als dreißig Helfer will Scientology mit Travolta nach Haiti entsenden, erklärt die Organisation im Internet. Auf Youtube ist zu sehen, wie Scientologen gemeinsam mit einem von der Sekte gesponserten haitianischen Ärzteteam schon am Sonnabend auf dem Kennedy-Flughafen in New York eincheckten. Die Scientologen trugen gelbe T- Shirts, die sie als "ehrenamtliche Geistliche" auswiesen. Ein Vertreter der Botschaft Haitis wünschte ihnen Glück bei der Mission. Doch frühere Erfahrungen zeigen: Den gelb gewandeten "Geistlichen" geht es vor allem um Missionierung, weniger um medizinische Hilfe. Seit dem 11. September 2001 nutzen sie Terrorangriffe und Naturkatastrophen, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Bei allen großen Tragödien tauchten sie auf, ob beim Elbehochwasser 2002 oder nach den U- Bahn-Anschlägen in London 2005. In einer internen Scientology-Zeitschrift hieß es über diese Art von Hilfe im indonesischen Banda Aceh 2005: "Wir brachten den Überlebenden des Tsunamis LRH Tech" - also die "Technologie" des Scientology-Gründers L. Hubbard. Die "ehrenamtlichen Geistlichen" hätten dort 51 376 Männer und Frauen scientologisch "trainiert". Damals beklagte sich das Rote Kreuz, die Scientologen diskreditierten die Arbeit seriöser Hilfswerke . 
Auch andere Sekten oder Fundamentalisten nutzen die Katastrophe in Haiti zur Propaganda. So schickten auch Mormonen, Evangelikale und die umstrittene Hilfsorganisation Islamic Relief Mitglieder auf Hilfs-"Mission" nach Haiti.