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Die Welt, 23.1.2012
Bombastischer Scientology-Palast mit "Zeitmaschine"
Scientology baut in Florida ein gigantisches Schulungszentrum - inklusive "Schmerzstation". Die Kritiker der Sekte lassen sich davon nicht beeindrucken. Möglicherweise möchten die Scientologen den Vergleich anders verstanden haben: Im Mittelalter, argumentieren die Verantwortlichen der Sekte, habe ja auch die katholische Kirche gewaltige Kathedralen errichtet, um für sich zu werben, und diesem Vorbild folge man mit dem riesigen Bauwerk, das gerade in Clearwater in Florida entsteht. Scientology-Sekte in Clearwater im US-Bundesstaat Florida die bombastische Lobby Ein gigantischer Glaubens- und Schulungskomplex für über 100 Millionen Dollar soll am geistigen Zentrum der in den USA als steuerbefreite Religionsgemeinschaft anerkannten Organisation noch in diesem Jahr eröffnet werden. Das Mittelalter im Sonnenstaat. Oder Science-Fiction an Floridas Golfküste. Zuerst Mittelalter: Das siebenstöckige Bauwerk mit kirchenähnlichem Turm, das unter Bezug auf den seebegeisterten Glaubensstifter L. Ron Hubbard und in offenkundigem Wettbewerb mit muslimischer Glaubensstrenge "Flagge Mekka" genannt wird, beherbergt im fünften Stock einen mysteriösen Raum.Laut Plänen, die im Scientology-kritischen Blog "Villagevoice" veröffentlicht wurden, warten darin schwenkbare Platten in Form großer Tische, die mit "heiß-kalt-elektrisch", mit "heiß" und mit "kalt" ausgezeichnet sind. Ein Tisch, gespickt mit Nägeln, wird als "Schmerzstation" bezeichnet. Sollen in diesem Raum jene 57 übermenschlichen Fähigkeiten antrainiert werden, ohne die kein Scientologe auf die höchste Bewusstseinsstufe eines "Thetan" gelangt? Das wäre die harmlosere Spekulation. Bombastik eines Dubaier Luxushotels Und dann Science-Fiction: Das Bauwerk beherbergt nicht nur modernste Multimediaräume, in die Wände eingelassene Flachbildschirme samt Überwachungskameras und ein so schickes wie ungemütliches Café, sondern auch eine ominöse Zeitmaschine. Was das sein soll, wird wohlweislich nicht erklärt. Um mit ihr reisen zu können, muss man mutmaßlich ein "Thetan" sein. Als "Super Power Rundown", sinngemäß übersetzt als eine Art Ablaufplan zur Erlangung übermenschlicher Fähigkeiten, sollen die Kursangebote zur Stählung von Geist und Körper dienen, die der 1986 verstorbene Hubbard für dieses schon von ihm erträumte Gebäude vorsah. Das hohe Atrium mit kühn geschwungenen Freitreppen, kunstvollen Skulpturen und der Bombastik eines Dubaier Luxushotels dürfte empfängliche Geister durchaus überzeugen, dass hinter diesen Mauern Vervollkommnung zu erreichen sei. Gleichwohl dürfte es schwer für die Organisation werden, die Plätze für die 1600 Studenten, die dort laut einer Scientology-Broschüre Jahr für Jahr zu höherem Bewusstsein gelangen sollen, zu rekrutieren. Denn gar so mächtig, wie die Sekte von sich selbst und dem einen oder anderen hauptberuflichen Scientology-Beauftragten gern erklärt wird, ist sie keineswegs. Sekte rechnet sich auf zehn Millionen Jünger hoch Scientology rechnet sich durch die Addition einmaliger Teilnehmer einzelner "Auditing-Kurse", den Meilensteinen auf dem Weg zum Thetan, auf zehn Millionen Jünger hoch. Nach seriösen Schätzungen kommt die Gemeinde aber weltweit kaum über 100.000 Mitglieder hinaus. Die meisten leben in den USA, wo ihnen die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit eine weitgehend ungestörte Entfaltung ermöglicht. Indes gibt es immer wieder Kritiker aus den eigenen Reihen. Unlängst behauptete der 2006 mit zwei Oscars für den Film "Crash"ausgezeichnete Regisseur Paul Haggis, ein Ex-Scientologe, die Sekte lasse ihn überwachen. Privatdetektive durchwühlten seine Mülltonnen auf der Suche nach schriftlichen Notizen. Haggis hatte im Oktober 2009 nach langer Mitgliedschaft mit Scientology gebrochen und gesagt: "Ich war 34 Jahre lang in einer Sekte. Jeder konnte das sehen. Ich begreife nicht, warum ich es nicht konnte." Neuerdings wird die Spitze der Sekte sogar von treuen Gefolgsleuten kritisiert. Debra "Debbie" Cook, die nach eigenen Angaben 29 Jahre lang in SeaOrg, einer Art Führungsorden innerhalb Scientology diente, 17 Jahre davon im Rang eines "Kapitäns", schrieb am Neujahrstag eine in der Geschichte der Organisation beispiellose E- Mail an Tausende Mitglieder. Streit um Scientologen-Chef David Miscavige Darin warnte sie eindringlich vor dem Scientologen-Chef David Miscavige. Dieser habe sich zum "Führer" der Sekte gemacht, alle Kontrollorgane aufgelöst und deren Mitglieder entmachtet. Hubbard, von Cook durchgängig als "LRH" abgekürzt, habe hingegen "eine vollständige und brillante Organisationsstruktur, nicht ein einzelnes Individuum" gewollt. Der Scientology-Chef lasse seine Mitglieder ständig Spenden sammeln, setze das Geld aber nicht für die Missionsarbeit oder Anzeigenkampagnen ein, sondern gebe es für Prunkbauten aus oder lasse es auf der Bank liegen und organisiere die Sekte ausschließlich über die Zinserträge. Scientology verfüge über ein Guthaben von einer Milliarde Dollar, so Cook. Sie versichert, weiterhin eine gläubige Scientologin im Sinne Hubbards zu sein. Das Imperium schlug zurück: Cook sei "eine verärgerte Überläuferin", die bereits 2007 bei Scientology "aus Gesundheitsgründen" ausgeschieden sei, so Pressesprecherin Karin Pouw. Diese "kleinliche, ignorante und unaufgeklärte Sicht" werde "nicht geteilt von den Tausenden überglücklichen Scientologen". Und weiter: "Die Kirche betrachtet Personen wie Mrs. Cook als Eichhörnchen. Ein Eichhörnchen ist jemand, der die Schriftverfälscht: ein Ketzer."

Tagesspigel, 18.01.2012
Wie gefährlich ist Scientology?
Der Psychokonzern wollte „den Planeten säubern“, eine neue Gesellschaft gründen und „geistig gestörte“ Menschen befreien. Doch jetzt zeigt sich: Die Sekte ist trotz neuer Werbeoffensiven dem eigenen Untergang nahe.
Kameras überwachen den Eingang in der Berliner Otto-Suhr-Allee 30–34. Aber an diesem Freitagmittag im Januar gibt es nichts zu beobachten. Die Berliner hasten vorbei, keiner hört hin, was die Stimme aus dem Monitor verkündet: „Scientology: Verstehen Sie sich selbst, verstehen Sie das Leben.“ Drinnen ist es leer, ein Mann von vielleicht 20 Jahren verschwindet fast hinter dem Empfangstresen. Vor fünf Jahren war das anders. Passanten drückten sich an den Scheiben die Nase platt, Journalisten warteten auf Gesprächstermine, Scientologen aus ganz Europa drängten sich in den Hallen.
Am 13. Januar 2007 bezog Scientology das sechsstöckige Haus mit 4.000 Quadratmetern, mitten in Berlin, um die Ecke von Ministerien und Politikern. In einem internen Papier hieß es 2006: „Berlin als die Hauptstadt Deutschlands ist die lebenswichtige Adresse bezüglich Scientology. Um unsere planetarischen Rettungskampagnen in Anwendung zu bringen, müssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen.“ Die Berliner Repräsentanz solle „die nötigen Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament bauen, um unsere Lösungen tatsächlich eingearbeitet zu bekommen in die gesamte deutsche Gesellschaft“. Von diesen Plänen wusste in der Öffentlichkeit damals niemand, unbemerkt hatte Scientology das Haus gemietet und eingerichtet, der damalige Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) musste zugeben, dass er aus der Zeitung davon erfahren hatte. Nach der Jahrtausendwende war es ruhiger geworden um die Sekte, mit einem Mal stand sie wieder auf der Tagesordnung. Zeitungen und Fernsehsender berichteten, Eltern sorgten sich um ihre Kinder, Schulen klagten über massive Zusendung von Werbematerial, Anwohner beschwerten sich, dass sie in der Otto-Suhr-Allee nicht mehr unbelästigt auf den Bus warten können. Scientologen tauchten im Abgeordnetenhaus auf und ihre Infostände überall in der Stadt. Was ist geblieben von dem Wirbel? Fünf Jahre danach? Im Erdgeschoss des verglasten Gebäudes in Charlottenburg warten die gestapelten Ausgaben der „Dianetik“, der Bibel des Science-Fiction-Autors Lafayette Ron Hubbard, vergeblich auf Leser. Sofas sind verwaist. Laut Verfassungsschutz hat Scientology in Berlin 130 Mitglieder. 2007 waren es 200. Deutschlandweit sind 1.000 Mitglieder abgesprungen. Heute sollen es noch 4.000 bis 5.000 sein, weltweit 100.000 bis 120.000. Also nicht mehr der Rede wert?
Gehirnwäsche und Psycho-Tricks 
In einer Ecke steht das „E-Meter“: zwei Blechdosen, die mit einem Messgerät verkabelt sind. Das ist das wichtigste Arbeitsinstrument der Scientologen: eine Art Lügendetektor. Er zeichnet angeblich jede emotionale Regung des Angeschlossenen auf und ermöglicht Kontrolle über das Denken und Fühlen eines anderen. Denn Ron Hubbards Mission „Clear Planet“ zielt darauf ab, den Planeten zu „säubern“. Alle „geistig gestörten“ Menschen sollen „befreit“ werden. „Geistig gestört“ sind nach Hubbards Auffassung alle Nicht-Scientologen. Das ist ernst gemeint. Mit der Scientology ist nicht zu spaßen. „Die Organisation wendet einer Gehirnwäsche vergleichbare Psycho-Techniken an“, schrieb der Bayerische Verfassungsschutz 2010. „Personen, die sich diesen Verfahren aussetzen, verändern ihre Persönlichkeit erheblich. Sie werden im Kurssystem der Organisation gefangen und entwickeln ein suchtähnliches Verlangen nach weiteren Kursen mit Kosten bis zu mehreren hunderttausend Euro.“ Am Ende stünden oft der finanzielle Ruin und eine lückenlose Kontrolle durch Scientology. „Scientologen werden darauf programmiert, wie eine Maschine zu funktionieren.“ Man merkt schnell, dass hier nichts unkontrolliert geschieht. Einfach mal umschauen ist nicht. Kaum steht man ein paar Sekunden vor den „Dianetik“-Stapeln, kommt eine grauhaarige Frau und fragt, was man möchte. „Mal umschauen.“ „Was genau wollen Sie sehen?“, fragt sie zurück. „Mal umschauen.“ Sie lässt nicht locker: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Jährt sich nicht demnächst die Eröffnung des Hauses zum fünften Mal?“ Sie sagt, sie wisse es nicht. Auch der junge Mann am Empfang sagt: „keine Ahnung“. Dann wird eine Mitarbeiterin von den oberen Etagen gerufen. Sie erklärt, dass sie dazu nichts sagen kann. Auch ob es eine Feier zum Jubiläum gibt, könne sie nicht sagen. Man möge Sabine Weber anrufen, die Präsidentin von Scientology in Berlin, hier sei die Handynummer. Dann nickt sie in Richtung Tür. Das Gespräch ist beendet. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat festgestellt, dass die Psychosekte nicht nur für den Einzelnen gefährlich ist, der in ihre Fänge gerät, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Es gebe den „begründeten Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen“, urteilten die Richter 2008, die Beobachtung durch den Verfassungsschutz sei gerechtfertigt. Aus den – zum Teil nicht allgemein zugänglichen – scientologischen Schriften sowie den Aktivitäten ihrer Mitglieder ergäben sich „zahlreiche Hinweise, dass Scientology eine Gesellschaftsordnung anstrebe, in der die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt werden sollten“, heißt es in dem Urteil. „Zur Hölle mit dieser Gesellschaft. Wir errichten eine neue“, schrieb Hubbard 1961. Er träumte von einem Zwei-Klassen-System, in dem nur Scientologen Grundrechte hätten. Die anderen dürften nicht mal heiraten oder Kinder bekommen. So steht es in seiner „Dianetik“, dem „Leitfaden für den menschlichen Verstand“, der wie alles, was Hubbard geschrieben hat, bis heute für Scientologen maßgeblich ist. Scientology sei dabei, ihre Prinzipien in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft mehr und mehr zu verbreiten und lege dabei ein „besonderes Augenmerk“ auf Berlin, urteilten die Münsteraner Richter.
"Wir müssen drillen und viel, viel mehr werben" 
Die Aufregung um den Psychokonzern und sein neues Haus in Berlin führte dazu, dass der Berliner Senat im Sommer 2008 eine Leitstelle für Sektenfragen einrichtete. Stefan Barthel ist einer von drei Mitarbeitern. Er sagt am Telefon, dass die Missionierungsversuche 2007 und 2008 durchaus erfolgreich gewesen seien. Auch die Debatte um Tom Cruise habe Scientology geholfen. Der Hollywood-Star ist „Operierender Thetan“ der Stufe 8 und Freund von Scientology-Boss David Miscavige. Im Sommer 2007 mischte er Berlin mit seinem Film „Valkyrie“ auf. Wochenlang diskutierten Politiker und Journalisten, ob ausgerechnet Cruise, dessen „Sekte mit dubiosen Methoden versucht, Menschen gefügig zu machen“ (Klaus-Uwe Benneter, SPD), den Widerstandskämpfer Stauffenberg spielen sollte. Schließlich durfte er sogar im Bendlerblock drehen. Im November bekam er dafür noch den „Bambi für Courage“ aus dem Medienhaus Burda – und eine Laudatio von Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Journalisten schrieben von „Heldengottesdienst“. Kritiker waren sich einig: Besser hätte es Scientology nicht einfädeln können. Im Archiv findet sich auch der Artikel des Journalisten Fredy Gareis. Er hat fünf Monate undercover bei Scientology in Berlin recherchiert und schreibt, dass es im März 2008 eine Feier mit 250 Mitgliedern gab, weil das Berliner Haus angeblich mehr Zulauf hatte als alle anderen europäischen Niederlassungen. Die einzelnen Niederlassungen werden regelmäßig von der Führung in den USA bewertet und erhalten einen bestimmten Status – je nachdem, wie viele Mitglieder sie angeworben und wie viel Geld sie in die USA überwiesen haben. 2009 sollten die Berliner vom amerikanischen Mutterhaus sogar mit dem begehrten „Saint-Hill-Status“ ausgezeichnet werden. Dann hätten sie noch teurere Kurse anbieten und Operierende Thetanen ausbilden können; die wirtschaftliche Basis wäre gesichert gewesen. Der Pokal war graviert, die Einladungen waren verschickt. So haben es ihm Aussteiger erzählt, berichtet Stefan Barthel von der Berliner Sektenleitstelle. Doch die Feier wurde abgesagt. Barthel schließt nicht aus, dass die Organisation einen Imageschaden befürchtete, nachdem die Polizei kurz zuvor gegen ein Mitglied der Berliner Scientologen Ermittlungen aufgenommen hatte. Den Saint-Hill-Status hat die Berliner Zentrale jedenfalls nicht bekommen. Danach ging es offenbar bergab. In einem internen „Schlachtplan“ von Juli 2010 wird der „Zustand“ der Berliner Niederlassung mit „normal“ angegeben. Das ist kurz vor der „Notlage“. Das Haus müsse wieder gefüllt werden, heißt es im „Schlachtplan“, man müsse „drillen“ und „viel viel mehr werben“. Anruf bei Ursula Caberta in Hamburg. Die frühere SPD-Politikern beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Scientology. Von 1992 bis 2010 leitete sie die „Arbeitsgruppe Scientology“ in der Hamburger Innenbehörde. 2010 wurde die Arbeitsgruppe aufgelöst, Caberta ist in der Innenverwaltung die Ansprechpartnerin für Scientology geblieben. „Auch auf der obersten Führungsebene von Scientology in den USA gibt es Auflösungserscheinungen“, sagt sie. Vertraute von Chef David Miscavige sind ausgestiegen, darunter die Nummer zwei und der Geheimdienstchef. Vor zwei Wochen ging Debbie Cook in einer Mail an 12.000 Scientologen Miscavige direkt an. „Ein ungewöhnlicher Vorgang“, sagt Caberta, denn Kritik an der Führung sei tabu. Cook war viele Jahre ganz oben in der paramilitärischen Kaderschmiede „Sea Org“ tätig und „Captain“ im spirituellen Zentrum von Scientology in Clearwater in Florida. Cook kritisiert die rabiaten Methoden beim Spendensammeln und wirft Miscavige vor, Führungskräfte auszuschalten und Hubbards Ideen zu verraten. Cooks Ansichten „reflektieren eine kleine, unwissende und unaufgeklärte Sicht der Welt von Scientology“, hieß es in einer Stellungnahme von Scientology. Cook werde nun vermutlich zur Feindin erklärt, sagt Caberta. „Hoffentlich überlebt sie das.“
Versteckt hinter Tarnorganisationen 
Die Sektenexperten sehen keinen Grund zur Entwarnung. Der Wille, die Welt zu erobern, sei ungebrochen, sagt Stefan Barthel von der Berliner Sektenleitstelle. Nach wie vor finden Schulen und Jugendclubs Werbung von Scientology in der Post, häufig auch von Tarnorganisationen wie „Sag nein zu Drogen, sag ja zum Leben“ oder „Jugend für Menschenrechte“, bei denen nicht auf den ersten Blick klar ist, dass Scientology dahintersteckt. Auch beim Karneval der Kulturen wollte Scientology mitmachen. Wer eine Immobilie kaufen will, kann Scientologen vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf in die Arme laufen. Und auch Bundestagsabgeordnete sind nie sicher vor ihnen. Sie werden regelmäßig von der Sekte angeschrieben und angesprochen – „in letzter Zeit wieder verstärkt“, heißt es aus dem Bundesfamilienministerium. Nach wie vor beobachtet Scientology genau, was politisch vor sich geht – bis hinein in die Berliner Bezirksparlamente. Als die Zwickauer Neonazi-Zelle aufflog, forderte die Organisation wenige Tage später per Mail an Landtags- und Bundestagsabgeordnete, der Verfassungsschutz solle seine „Ressourcen dort einsetzen, wo sie benötigt werden“ und Scientology in Ruhe lassen. Offenbar gab es auch Versuche, die junge Piratenpartei zu unterwandern. Gegen ein Düsseldorfer Parteimitglied läuft mittlerweile ein Parteiausschlussverfahren, weil sich der Mann als Scientologe geoutet hat. In Nordrhein-Westfalen sind die Mitgliederzahlen laut Verfassungsschutz „in den letzten Jahren stark gestiegen auf derzeit 600“. Scientology nutze die neuen Medien intensiv für Werbung und Manipulation und bediene sich Plattformen wie Youtube und Twitter, sowie sozialer Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder SchülerVZ, warnen die Verfassungsschützer. Sabine Riede von der „Sekten-Info NRW“ sagt, dass die Sekte versucht habe, Versicherungen zu unterwandern – bislang wohl ohne Erfolg. Man ist an jenem Freitag im Januar noch nicht wieder von dem Ausflug in die Otto-Suhr-Allee zu Hause, da ist schon eine Mail von Sabine Weber im Postfach. Scientology habe in der Hauptstadt seit Ende 2006 „einen riesigen Sprung nach vorn vollzogen“, schreibt die Präsidentin von Scientology in Berlin. Damals seien 15 Mitglieder hauptamtlich aktiv gewesen, bei der Eröffnung der neuen Zentrale seien mehr als 100 hauptamtlich Aktive dabei gewesen. Mittlerweile seien es um die 90. Die Zahl der einfachen Mitglieder habe sich von 200 auf 600 verdreifacht. Ein Blick ins Archiv fördert zutage: Vor fünf Jahren, Anfang 2007, hatte die Organisation auch schon angegeben, in Berlin 600 Mitglieder zu haben.

Bild, 17.01.2012, Franz Solms-Laubach
Verfassungsfeindliche Sekte - Innenminister fordern schärferen Umgang mit Scientology
Mehrere Innenminister fordern in BILD einen schärferen Umgang mit der Scientology-Sekte. So hält Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die Psychosekte eindeutig für „eine verfassungsfeindliche, menschenverachtende Organisation.“ Deswegen sei es richtig und wichtig, dass die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder die Organisation beobachten, immer wieder auf die Gefahren durch Scientology hinweisen und darüber aufklären. Herrmann weiter: „Ich mache keinen Hehl daraus, dass mir ein Verbot von Scientology am liebsten wäre. Das ist aber Sache des Bundes.“ Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) sagte dazu zu BILD: „Scientology muss weiterhin genau beobachtet werden.“ Zwar gebe es in Baden- Württemberg keinen verstärkten Zuspruch für diese Organisation. Ihr sei es 2011 auch nicht gelungen, die seit Jahren angekündigte Eröffnung eines repräsentativen Zentrums („Ideale Org“) in Stuttgart vorzunehmen. Doch Scientology habe in Baden-Württemberg nach wie vor das dichteste organisatorische Netz und rund 1000 Anhänger. Zudem hätten Mitglieder der Organisation unlängst in Mannheim versucht, sich in Nachhilfeschulen einzuschleichen. Die „Scientology-Organisation“ hat laut „Verfassungsschutzbericht 2010“ rund 5500 Mitglieder bundesweit. Sie ist unter anderem stark in Bayern (1700 Mitglieder) und Baden-Württemberg (1000 Mitglieder) verwurzelt. Die deutschen Verfassungsschutzbehörden stufen Scientology als Wirtschaftskonzern ein, der einerseits nach Gewinnmaximierung strebt und dafür seine Mitglieder ausbeutet, und der andererseits ein weltweites Herrschaftssystem nach eigenen Vorstellungen errichten will. Als Religionsgemeinschaft gilt Scientology in Deutschland nicht.

Tages-Anzeiger, 05.01.2012
Scientology-Mitglied attackiert den Sektenboss - Scientology kommt in den USA nicht zur Ruhe
Eine ehemalige führende Mitarbeiterin kritisiert, dass Scientology trotz Reserven in Milliardenhöhe weiter Druck auf Mitglieder ausübt, zu spenden. Von Hugo Stamm. In letzter Zeit haben führende Kader die Sekte verlassen und schwere Kritik geübt. Nun verschickte eine ehemalige Mitarbeiterin eine brisante Mail an Tausende von Scientologen und griff darin auch David Miscavige an, den Nachfolger von Sektengründer Ron Hubbard. Urheberin der internen Aktion ist die 50-jährige Debbie Cook, eine bis 2008 ranghohe Mitarbeiterin, die während 20 Jahren viel Insiderwissen anhäufte. Sie bekleidete den Rang eines «Captain». Ihre Kritik ist besonders glaubwürdig, weil sie nach wie vor von den Scientology-Lehren überzeugt ist und zur Organisation steht. Pikant ist auch, dass nun viele Scientologen über die Missstände in ihrer Bewegung informiert sind, denn diese verfolgen die weltweite Kritik in den Medien in der Regel nicht. Für Cook dürften schwere Zeiten anbrechen, denn Sektengründer Hubbard wertete interne Angriffe als Schwerverbrechen. Cook kritisiert in ihrem Mail die extremen Methoden beim Eintreiben der Spenden, wie die britische Zeitung «Times» schreibt. Für die Geldpolitik macht sie Miscavige verantwortlich. Unsummen angehäuft Tatsächlich werden Scientologen oft angehalten, möglichst grosse Spenden zu tätigen. Aussteiger berichten immer wieder, sie seien moralisch unter Druck gesetzt worden. Laut Cook hat der Sektenboss über eine Milliarde Dollar angehäuft. Die Scientologin kritisiert auch, dass die Spendengelder gehortet oder in überflüssige Immobilien investiert würden, was gegen den Willen von Hubbard sei. Ähnliche Vorwürfe richteten in jüngster Zeit auch amerikanische Medien an Scientology. Viele Empfänger der Mails wollten nicht glauben, dass Cook Miscavige attackierte. Inzwischen hat die Scientologin aber auf Facebook ihre Aktion bestätigt. Sie habe es aus Liebe und Respekt zu Ron Hubbard gemacht. Und weil sie möchte, dass Missstände korrigiert würden. Scientology liess die Kritik nicht auf sich sitzen: «Die Meinungen von Frau Cook zeugen von einem kleinen, ignoranten und unaufgeklärten Blick auf die heutige Welt.» Diese würden laut «Times» von den Tausenden Scientologen nicht geteilt. Die «Patron-Aktion» Cook, die nun voraussichtlich zum Feind gestempelt wird, wollte eine öffentliche Debatte verhindern. Deshalb schrieb sie im Mail an die Scientologen: «Bitte haltet diese Mail unter Scientologen. Die Medien haben in dieser Sache nichts verloren.» Das wichtigste Spendeninstrument von Scientology ist die «Patron-Aktion». Wer viel Geld einzahlt, kommt auf die PatronListe, die in Scientology-Zeitschriften publiziert wird und den Spendern viel Prestige einbringt. Die höchste Patron- Spende beträgt eine Million Dollar. Prozentual gesehen führen Schweizer Scientologen die Spendenliste an, die nach Ländern eingeteilt ist. Allerdings sind die Neuzugänge mässig, weil die Schweizer Scientologen nicht mehr so zahlungskräftig sind wie früher.

Spiegelonline, 03.01.2012
Spendengelder Insiderin schickt Brand-Mail an Scientology-Anhänger
Ärger für Scientology: In den USA hat eine ehemals führende Mitarbeiterin eine wütende E-Mail an Tausende Anhänger der Sekte geschickt. Das Schreiben ist ein direkter Angriff auf die Führung der Organisation - und ihren Umgang mit Spendengeldern.
Hamburg - Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang in einer Organisation, die so viel Wert auf Geschlossenheit legt: In einer langen E-Mail hat eine ehemals führende Mitarbeiterin von Scientology deutliche Worte an die Führung der Organisation gerichtet. So wie das Schreiben in US-Medien und der britischen "Times" zitiert wird, ist es nichts anderes als ein scharfer Angriff auf den Vorsitzenden David Miscavige.
Verfasserin des Brandbriefs ist Debbie Cook, die sich noch immer als überzeugte Anhängerin der Lehre von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard bezeichnet. Cook beklagt das massive Spendeneintreiben der Organisation. Die "extremen Methoden" unter Miscavige hätten es ermöglicht, mehr als eine Milliarde Dollar anzuhäufen, so Cook. Das Geld werde jedoch nicht dazu verwendet, den Glauben zu verbreiten, sondern gehortet oder in unnötige Bauten gesteckt. Das sei eine Abkehr von den Lehren Hubbards. Es gebe keine Frage, so Cook, "das Zeitalter des kontinuierlichen Spendensammelns ist nicht unsere Sternstunde". Derartige Vorwürfe gegen Scientology gab es schon häufiger. Zuletzt hatten Aussteiger in einer Serie der "Tampa Bay Times" von erzwungenen Spenden berichtet ("The Money Machine"). Miscavige und andere Führungsmitglieder haben solche Vorwürfe allerdings stets bestritten. Unangenehm für die Scientology-Führung wird Cooks Kritik vor allem durch ihre eigene prominente Rolle in der Organisation. Laut "Tampa Bay Times" war die 50-Jährige von 1989 bis 2006 "Captain" im spirituellen Zentrum Scientologys in Clearwater, Florida. Sie fungierte außerdem in hoher Position in der Sea Org, einer Kaderorganisation von Scientology. Erst 2008 habe sie den Mitarbeiterstab verlassen. In welchem Verhältnis Cook zuletzt zu aktiven Scientologen stand, ist nicht klar. Sie habe immer noch Insider-Informationen und auch geschäftlichen Kontakt zu Scientologen, schreibt die "Tampa Bay Times". "Aus Liebe und Respekt zu LRH" Den Berichten zufolge ging das Schreiben an Tausende Scientologen. Viele wollten offenbar zunächst nicht glauben, dass eine Person wie Cook sich in dieser Weise über Scientology äußert. Doch auf ihrer Facebook-Seite hat sie inzwischen bestätigt, Verfasserin der E-Mail zu sein. Sie habe es "aus Liebe und Respekt zu LRH [L. Ron Hubbard, die Redaktion] getan", schreibt Cook, "und aus dem Wunsch zu sehen, dass wir Zustände korrigieren, die in unserer Gruppe korrigiert werden müssen." Sie arbeite zwar nicht mehr in der Sea Org, stehe aber gemeinsam mit ihrem Mann immernoch in gutem Verhältnis zu Scientology, schreibt Cook. Das dürfte sich jetzt ändern: Nach der öffentlichen Kritik werde Cook "als Feind eingestuft", sagt die deutsche Scientology-Expertin Ursula Caberta. Für sie deutet Cooks Schreiben auf einen Abnabelungsprozess von Scientology hin. Cook sei eine spannende Person, die eine Menge aus dem Innenleben der Organisation erzählen könne. Scientology werde daher vermutlich versuchen, Einfluss auf Cook zu nehmen, damit sie sich nicht mehr äußere, so Caberta. ANZEIGE Cook wirft Miscavige auch vor, die Organisationsstrukturen Hubbards abgebaut und Führungskräfte kaltgestellt zu haben. Laut "Times" heißt es in einem ersten Scientology-Statement: "Die Meinungen von Frau Cook zeugen von einem kleinen, ignoranten und unaufgeklärten Blick auf die heutige Welt. Sie werden nicht geteilt von den Tausenden Scientologen, die hocherfreut über unsere 27 neuen Kirchen und deren Bedeutung für ihre Gemeinschaften sind." Cook selbst wusste offensichtlich um die Brisanz ihres Schreibens und die negative Öffentlichkeitswirkung für Scientology. Denn zum Schluss der Mail - so wie sie übereinstimmend in mehreren US-Blogs zitiert wird - heißt es: "Bitte haltet diese Mail unter Scientologen. Die Medien haben in dieser Sache nichts verloren."