Vorschau: SF 1 zeigt am Pfingstmontag, 24. Mai 2010, um 20.05 Uhr die ARD-Produktion «Bis nichts mehr bleibt». Direkt im Anschluss diskutieren unter der Leitung von Christine Maier in einem «Club Extra» zwei Scientologen mit Aussteigern und Kritikern über die Frage: Wie gefährlich ist Scientology?
Berliner Zeitung, 18.8.2010, Frank Nordhausen
Katastrophe für Scientology-Opfer
Es war fast exakt vor drei Jahren, als ein 14-jähriges Mädchen aus Berlin nach Hamburg flüchtete, weil sie nichts mehr mit der Scientology-Sekte zu tun haben wollten. Ihre Mutter war die Berliner Scientology-Direktorin und wollte sie in ein Sekteninternat bringen. Hilfe fand die Jugendliche nur bei Ursula Caberta, der Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats. Die Amtschefin besorgte eine Wohnung, vermittelte beim Jugendamt, half mit Gutachten vor dem Familiengericht und war Tag und Nacht erreichbar. Wie hier, hat Caberta hundertfach in den vergangenen 17 Jahren interveniert. Doch mit dieser deutschlandweit einmaligen Hilfe für Scientology-Opfer ist es ab sofort vorbei. Still und heimlich hat der schwarz-grüne Hamburger Senat die international bekannte Arbeitsgruppe aufgelöst. Zum 1. September stellt sie ihre Arbeit ein, die Räume sind gekündigt, die Zukunft des Archivs ist ungewiss. Derselbe Senat, der für die Elbphilharmonie Millionen verpulvert, begründet das Aus für Cabertas Leute mit der vergleichsweise lächerlichen Einsparung von 140 000 Euro. Caberta darf zwar weiter „Öffentlichkeitsarbeit“ machen, die Beratung aber sollen Verfassungsschützer übernehmen. Doch die stehen niemandem auf dem Amt und vor Gericht zur Seite. Das Signal ist fatal: Der Staat lässt die Opfer der Gehirnwäsche-Sekte im Stich. Scientology hat lange auf diesen Tag gewartet.
epd-Meldung
Hamburger Aufklärungsstelle zu Scientology wird umstrukturiert - Aufklärungsarbeit soll weitergehen
Hamburg/Berlin (epd). Die deutschlandweit einzige Aufklärungsstelle eines Bundeslandes über die umstrittene Scientology-Organisation in Hamburg steht nach 17 Jahren offenbar vor dem Aus. Die „Berliner Zeitung“ (Dienstagsausgabe) berichtete, die von Ursula Caberta geleitete Arbeitsgruppe solle bereits Ende August aufgelöst werden. Die Hamburger Innenbehörde spricht dagegen von einer „Umstrukturierung“. Die Büroräume seien bereits gekündigt worden, bestätigte Behördensprecher Thomas Butter dem epd in Hamburg. Falsch sei jedoch, dass auch den Mitarbeitern gekündigt worden sei. Sie würden vielmehr an anderen Stellen der Verwaltung beschäftigt. Überdies werde die Aufklärungsarbeit über Scientology weitergehen. Die Beratung von Opfern werde künftig der Verfassungsschutz übernehmen. Auch Ursula Caberta, die sich mit ihrem Engagement gegen Scientology bundesweit einen Namen gemacht hat, werde als Ministerialreferentin in der Behörde weiter Aufklärungsarbeit über die in der Öffentlichkeit auch als Psychosekte benannte Organisation betreiben. Hintergrund der Umstrukturierung sei ein Beschluss des CDU- GAL-Senats, bei der Arbeitsgruppe 140.000 Euro jährlich einzusparen, sagte Butter. Der Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Andreas Dressel bezeichnete den Senatsbeschluss als „verheerendes“ Signal: „Was Scientology nicht geschafft hat - Caberta kleinzukriegen - das macht nun der Senat.“ Dass der Hamburger Innensenator und designierte Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) erst ein bundesweites Verbot von Scientology fordere und dann ein Instrument im Kampf gegen diese Organisation beschädige, sei „an Absurdität nicht zu überbieten“, sagte Dressel. Caberta war am Dienstag nicht zu erreichen. Dagegen begrüßte der Hamburger Scientology-Sprecher Frank Busch das Ende der, wie er es nannte, „Steuergeldverschwendung“.
Berliner Zeitung, 17.8.2010, Frank Nordhausen
SPD und Linke kritisieren Folgen des Sparbeschlusses - Hamburger Senat schließt AG Scientology
BERLIN/HAMBURG. Seit 17 Jahren gibt es in Hamburg ein staatliches Amt, das eine weltweit einzigartige Aufklärungsarbeit leistet: die Arbeitsgruppe Scientology des Senats. Jetzt hat die schwarz-grüne Landesregierung beschlossen, die von der ehemaligen SPD- Politikerin Ursula Caberta geleitete Behörde dichtzumachen und ihre Dienststelle aufzulösen. Wie der Sprecher der Hamburger Innenbehörde, Thomas Butter, der Berliner Zeitung bestätigte, sind die Büros der Arbeitsgruppe am Hamburger Hafen zum 31. Dezember gekündigt worden. Die Arbeitsgruppe werde bereits zum 31. August geschlossen, sagte Butter. Sektenexperten und Politiker von SPD und der Linken kritisierten den Beschluss. Verheerendes Signal Butter sagte, die Entscheidung bedeute nicht das Ende der Arbeit von Frau Caberta. „Sie wird als Ministerialreferentin in der Innenbehörde für die Öffentlichkeitsarbeit über Scientology zuständig bleiben.“ Die Beratung von Opfern der Organisation werde zukünftig der Verfassungsschutz übernehmen. Unklar sei noch, wohin das Archiv der AG Scientology komme. Es handelt sich um eine weltweit einmalige Sammlung mit vielen Geheimdokumenten. Hintergrund der Maßnahmen sei ein Senatsbeschluss von CDU und Grünen, für die Haushaltskonsolidierung bei der AG Scientology 140 000 Euro jährlich einzusparen, sagte Butter. Ursula Caberta erklärt, sie äußere sich nicht zu dem Beschluss. Seit 1992 hat sie die Dienststelle geleitet, hat Dutzende Prozesse durchgestanden und Hunderte Aussteiger betreut. Erwartungsgemäß erfreut kommentiert der Sprecher von Scientology Hamburg, Frank Busch, das Aus für die Arbeitsgruppe: „Wir begrüßen es, dass die Steuergeldverschwendung in Hamburg damit endlich ad acta gelegt wird.“ Der Berliner evangelische Sektenbeauftragte Thomas Gandow beklagt den „Sieg für Scientology“. „Es ist zwar gut, dass die Beratung in Zukunft wie bei Rechtsradikalen und Islamisten der Verfassungsschutz übernehmen soll – allein mir fehlt der Glaube, dass das etwas wird.“ Wie Gandow spricht die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Ulla Jelpke, von einem Skandal: „Frau Caberta hat verdienstvolle Arbeit geleistet. Die Schließung bedeutet freie Fahrt für Scientology.“ Und der Hamburger SPD- Bürgerschaftsabgeordnete Andreas Dressel sagt: „Ich halte das für ein verheerendes Signal. Was Scientology nicht geschafft hat – Caberta loszuwerden –, das macht nun der Senat.“ Er schwäche damit den Staat gegenüber der Psychosekte. Dressel will prüfen, ob der Senat den einstimmigen Parlamentsbeschluss von 1992, die Arbeitsgruppe Scientology einzusetzen, einfach so zurücknehmen kann. Dressel hat kürzlich auch eine Kleine Anfrage im Landesparlament dazu gestellt. In der Antwort des Senats vom 6. August heißt es, die Gefährdungslage durch die vom Verfassungsschutz beobachtete Scientology-Organisation habe sich nicht geändert; doch wegen des „hohen Aufklärungsstandes in der Bevölkerung“ sei der Sparbeschluss vertretbar. Noch im April hatte der Hamburger Innensenator und designierte Regierungschef Christoph Ahlhaus (CDU) das bundesweite Verbot von Scientology gefordert. „Das ist an Absurdität nicht zu überbieten – der Senator denkt über ein Verbot nach und beschädigt zugleich ein Instrument im Kampf gegen diese Sekte“, sagt Dressel. Caberta fühlte sich schon lange von der Verwaltung nicht mehr unterstützt. Statt wie früher vier Planstellen hatte ihre Arbeitsgruppe zuletzt nur noch anderthalb. Sie wollte im Frühjahr 2009 schon von sich aus den Job hinwerfen.
Stuttgarter Wochenblatt, 21.07.2010
Die unfassbare Gefahr - Scientology hat ein neues Domizil in Bad Cannstatt
Darf sich eine Organisation, die seit 1997 unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes steht, in einem Sanierungsgebiet, in dem sich auch genug Wohnflächen befinden, ansiedeln? Gegen Scientology, jetzt in der Reichenbachstraße in Bad Cannstatt, scheint es nur wenig Mittel zu geben. In der Reichenbachstraße steht ein gelber Kleintransporter: "Man kann immer etwas tun", prangt hier auf der rechten Ladetür. Auf der linken Tür liest man: "Scientology, ehrenamtliche Geistliche." Hier in Bad Cannstatt, im Sanierungsgebiet Veielbrunnen, hat Scientology ein neues Domizil bezogen. Das Sozialunternehmen "Neue Arbeit" ist hier beispielsweise auch beherbergt. Grünen-Fraktionschef Werner Wölfle hat sich ziemlich geärgert, dass der Eigentümer, seines Zeichen Professor an einer Hochschule Heilbronn, an Scientology vermietet hat. Es sei, so der Vermieter, unwissentlich geschehen. Bisher war Scientology in der Hohenheimer Straße untergebracht. "Ich habe diese Entwicklung, dass Scientology von der Innenstadt in ein Gewerbegebiet zieht, auch in Düsseldorf beobachtet", sagt Hans-Werner Carlhoff, der seit 1993 beim Kultusministerium als Sektenbeauftragter tätig ist. "Ich habe das Gefühl, dass man versucht, hier eine Übergangslösung zu schaffen, wieder Aufmerksamkeit zu erzielen und so hofft , einen neuen Standort, die so genannte ideale Org, anzustreben, die dann wieder im Stadtzentrum sein sollte." In Hamburg sei Scientology beispielsweise direkt neben dem Rathaus angesiedelt. Dass Eigentümer nicht wüssten, an wen sie vermieteten, sieht Carlhoff eher zweifelhaft. Was er positiv herausstellt, ist die Tatsache, dass in Stuttgart nicht mehr ohne weiteres geworben werden darf: "Hier gab es Prozesse und die hat Scientology verloren." Rechtlich sind der Stadt ansonsten die Hände gebunden: "Die Sanierungsrechtliche Genehmigung darf nur versagt werden, wenn die beabsichtigten Vorhaben die Sanierung unmöglich machen", so heißt es aus dem Stuttgarter Rathaus. Dass Scientology immer noch eine Gefahr sei, die mit raffinierten Mittel an ihr Ziel kommt, bestätigt auch Helga Lerchenmüller, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins Aktion Bildungsinformation, kurz Abi. Zwar sind die Mitgliederzahlen in der Vergangenheit leicht rückläufig - im letzten Bericht des Verfassungsschutzes sind 1000 Mitglieder in Baden-Württemberg genannt - "es handelt sich aber um eine Szene, die sich verfestigt hat, die, die drin sind, bleiben auch drin." Außerdem seien in der Zahl wirklich nur diejenigen erfasst, die zur Zeit in den Zentren sind. "Es gibt aber weiterhin eine Vielzahl von sogenannten Schläfern, die gerade kein Geld haben, um weitere Kurse anzubieten und neue Mitglieder zu gewinnen." Die Weitergabe der Weltanschauung von L. Ron Hubbard, Gründer der Church of Scientology, setzten die Scientologen gezielt ein und die Betroffenen würden es gar nicht gleich merken: "Oft werden junge Existenzgründer ganz gezielt ausgewählt." Lerchenmüller nennt beispielswiese die Martin-Kolb-Akademie mit Sitz in Dettingen unter Teck. "Wenn man Scientology expandiere ließe, dann würden sie, die sich selbst als Religionsgemeinschaft sehen und eine totalitäte Staatsordnung anstreben, die Gesetze der Demokratie aus den Angeln heben." Weiterhin sei es nicht nur der Verein Scientology, von dem die Gefahr ausgeht, sondern auch die Unterorganisationen: "Narkonon, Applied Scholastics, Jugend für Menschenrechte, Professionelle Lern-Center", zählt Hans-Werner Carlhoff auf. "Scientology schafft es immer wieder, sogar akademisch gebildete Menschen für sich zu vereinnahmen, ein großes Problem ist, dass es so viele Aufpasser in der Organisation gibt, dass auch die Person, die aussteigen will, an der Tür abgefangen wird, so haben es mir Betroffene erzählt, und gefragt wird: Wo warst du in der vergangenen Sitzung?" Protokolle und Persönlichkeitstests mit Daten der Betroffenen würden nicht unter das "Beichtgeheimnis" fallen, wie es Scientoly behaupten würde, sondern an die übergeordnete Office of Special Affairs weitergegeben werden.
Stuttgarter Zeitung, 04.06.2010, Markus Heffner
Scientology will in Stuttgart expandieren
Protest Die Organisation plant ein großes Gemeindezentrum. Die Grünen fordern, das Projekt zu stoppen.
Das neue Domizil in der Cannstatter Reichenbachstraße ist gerade erst eingerichtet und bezogen worden, allzu lange wollen die Stuttgarter Scientologen aber offenbar nicht in dem dreistöckigen Bürohaus im Gewerbemischgebiet bleiben. "Wir haben das Ziel, in Stuttgart ein repräsentatives Gemeindezentrum aufzubauen. Aber nicht an diesem Standort", sagt Hubert Kech von der Scientology Gemeinde Baden-Württemberg. Der Umzug nach Cannstatt sei nur nötig gewesen, weil es in der Geschäftsstelle in der Hohenheimer Straße zu eng geworden sei. Um die "angemessenen Räumlichkeiten" zu finden, die ausreichend Platz für "Andachten, religiöse Feiern, seelsorgerische Betätigungen, Kursräume und ein großes Informationszentrum für die Öffentlichkeit" bieten sollen, will Scientology bereits in den nächsten Wochen Inserate schalten. Der Text für die Anzeige steht laut Kech schon: "Seit Jahren sind wir schon am Suchen und wollen jetzt endlich buchen", heißt es darin etwa am Anfang. Und auch ihre genauen Vorstellungen über Größe und Ort haben die Scientologen in Reime gefasst: "5000 Quadratmeter in der Mitte wäre unsere Bitte." "Ideale Org" nennen die Scientologen solch eine repräsentative Niederlassung, bei den Verfassungsschützern und Politikern schrillen dabei die Alarmglocken. Sinn und Zweck so einer Repräsentanz sei, so der Grünen-Fraktionschef Werner Wölfle, "ökonomische und politische Seilschaften zu stärken". Um das zu verhindern oder zumindest zu erschweren, haben die Grünen jetzt einen Antrag gestellt. Darin fordert die Fraktion, dass die Stadt zunächst die angestrebte Nutzung der Räume in der Reichenbachstraße klärt und prüft, ob die notwendigen Genehmigungen vorliegen. Das von Scientology gemietete Gebäude liege im Sanierungsgebiet Veilbrunnen, für das die Stadt viel Geld ausgebe, so Wölfle. Die Grünen wollen außerdem, dass die Stadt ihre Aufklärungsarbeit über die Ziele der Sekte und ihrer Unterorganisationen verstärkt, damit kein Privater unwissentlich an sie verkauft oder vermietet. Mit Immobilieneigentümern und Vermietern, die sich aus reinem Profitdenken wissentlich mit Scientology einlassen und Verträge abschließen, soll die Stadt im Übrigen, soweit es das geltende Recht zulasse, keine geschäftliche Beziehung mehr unterhalten. Vor allem der zuletzt genannte Punkt ist für Werner Wölfle beim Kampf gegen die Machenschaften der Sekte von zentraler Bedeutung. So soll der Eigentümer des Bürogebäudes in der Cannstatter Reichenbachstraße, ein Professor für Betriebswirtschaft der Hochschule Heilbronn, der unter anderem in Stuttgart als Unternehmensberater arbeitet, wissentlich an Scientology vermietet haben, so Wölfle. "Wir wollen nicht, dass die sogenannte Scientology Kirche in Stuttgart ihre Ziele verwirklichen kann", betont der Fraktionschef. "Wer der Sekte dabei hilft, soll wissen, dass die Stadt das nicht vergessen wird." Finanziert werden soll das neue Gemeindezentrum unter anderem von freiwilligen Spenden der Mitglieder von Scientology, wie deren Sprecher Hubert Kech sagt. Knapp 2000 Gemeindemitglieder gebe es in Baden-Württemberg. Viele hätten bereits eine freiwillige Spende geleistet und würden das auch weiterhin tun. Genaue Zahlen zum Spendenaufkommen nennt Scientology nicht. Das Innenministerium geht aber davon aus, "dass Scientology in den letzten Jahren alleine an ihrer Stuttgarter Basis fünf Millionen Euro eingetrieben hat." Seit Anfang des Jahres, so der Innenminister Heribert Rech, sei die Spendeneintreibung nach einer Ruhephase wieder deutlich forciert worden. In Deutschland steht Scientology seit 1997 unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Das sei keine Glaubensgemeinschaft, sagt Werner Wölfle, sondern eine gefährliche Psychosekte, die ihre Mitglieder ausnimmt. Wer in ihre Fänge gerate, komme kaum mehr heraus. "Die Expansionsträume dieser Menschenfischer müssen zügig unterbunden werden."
Leipziger Internetzeitung l-iz, 27.05.2010
Im Schatten des Weltkongresses: Sucht Scientology wieder eine Bühne in Leipzig?
"Psychiater etablieren sich als ein Terrorsymbol“, „sie kidnappen, foltern und morden“, schrieb der US-amerikanische Science-Fiction-Autor und Scientology-Gründer Lafayette Ronald Hubbard. Hubbard ist bald 25 Jahre tot, seine Botschaft wird weiter getragen. Ende Juni findet in Leipzig der Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie statt. Kenner des scientologischen Kultes rechnen damit, dass Scientology dieses Ereignis für seine menschenverachtende Ideologie vereinnahmen wird. Die Organisation stellt psychiatrische Methoden heute in eine Reihe mit der Folter- und Vernichtungsmaschinerie der Euthanasie in Nazi-Deutschland. In dieser Woche hat Leipzig Besuch von Vertretern des harmlos klingenden Vereins „Kommission für Verstöße in der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ (KVPM). Sie suchen Ausstellungsräume in exzellenter City-Lage im Zeitraum 29. Juni bis 4. Juli. Der Titel der Wander- Ausstellung lautet: „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“. Solveig Prass beschäftigt sich mit destruktiven Sekten, Kulten und totalitären Gruppen. Die Leipziger Geschäftsführerin der Eltern- und Betroffeneninitiative, EBI e.V., warnt: „Hinter der Tarnorganisation KVPM steckt die Scientology- Organisation (SO), die in Leipzig endlich Fuß fassen will.“ Anfang Mai wurden die ersten Akteure in Leipzig wach. Solveig Prass machte darauf aufmerksam, dass die geplante Ausstellung im gleichen Zeitraum stattfinden soll wie der Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie (29. Juni bis 3. Juli: World Congress of the World Association for Infant Mental Health). Die wissenschaftliche Leitung liegt in den Händen von Prof. Kai von Klitzing, Direktor der Universitätsklinik und -Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters. Prass: „Diese Ausstellung diskriminiert und kriminalisiert Psychiater in ihrem Beruf. Die Scientologen diffamieren eine gesamte Berufsgruppe und das mit unhaltbaren Argumenten und unsäglichen, pseudodokumentarischen Filmen, die sie zeigen wollen.“ Für Ursula Caberta ist das nichts Neues. Sie leitet die Arbeitsgruppe Scientology in der Behörde für Inneres in Hamburg. In den frühen 90er- Jahren hätten die Scientologen „immer auf der Matte gestanden“, wenn Psychiatrie-Kongresse stattfanden. „Das ist praktisch die Einladung, dass sie dann ihre Propagandaschiene gegen die Psychiatrie fahren.“ Die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte versucht einen Zusammenhang auch gar nicht zu verbergen: „Tatsächlich ist der Weltkongress der Anlass, warum wir nach Leipzig kommen“, bestätigt Nicola Cramer, Vizepräsidentin. „Wir möchten die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass hier ein Milliardengeschäft mit Psychopillen gemacht wird, dass ganz normale Kinder mit erfundenen psychiatrischen Diagnosen zu Geisteskranken umdefiniert werden und dann mit Medikamenten traktiert werden, die zum Teil sogar zum Tode führen können.“ Die Ausstellung tourt Cramer zufolge durch rund 30 Länder. Stellwände und Dokumentarfilme würden „darüber aufklären, was tatsächlich hinter den geschlossenen Mauern psychiatrischer Anstalten vor sich geht.“ Die Kosten für die Ausstellung trägt der Weltverband der Scientologen (International Association of Scientologists, IAS). Die Psychiatrie wird von Scientology als Konkurrenz wahrgenommen, weil Psychiater sich um das Seelenheil kümmerten. Der Gründer von Scientology gab jedoch vor, dass allein die scientologisch Erhellten den Weg zur – im Scientology-Jargon – „geistigen Gesundheit“ kennen. Leute, die schlechte Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht hätten, ließen sich unter Umständen von der Organisation einlullen, befürchtet Caberta. „Das ist die Gefahr dabei.“ Es gehe den Ausstellungsmachern jedoch nicht um psychisch Kranke, sondern beispielsweise um ihre Familienangehörigen. Caberta: „Sie sollen sich angesprochen fühlen von der Aussage: Psychiatrie ist etwas Gefährliches. Doch das ist nur ein Vorwand, um bei Scientology anzudocken. Und schwupps, sind sie in einer verfassungsfeindlichen Truppe drin.“ Caberta hatte viele Gelegenheiten, sich mit Scientology auseinanderzusetzen. Sie weiß: „Kritiker, die sich bemühen, der Organisation die Maske vom Gesicht zu reißen, gelten als psychisch krank. Die ganze Welt ist psychisch krank, nur die Scientologen sind gesund. Das ist nicht gerade eine menschenfreundliche Ideologie.“ Und dennoch tritt die von Scientologen 1972 mitgegründete Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte als Menschenfreundin auf. Zurück nach Leipzig. Jetzt sei vor allem eines wichtig, sagt Prass, eine enge Zusammenarbeit aller Betroffenen und Beteiligten. Prass zufolge gingen alle verfügbaren Informationen unter anderem an Oberbürgermeister Burkhard Jung, an den Jugendamtsleiter, Siegfried Haller, an den städtischen Fachkoordinator für Psychiatrie, Thomas Seyde, sowie an den Staatsschutz. Doch lediglich Haller und eine Mitarbeiterin im Jugendamt würden mitziehen. Die Auskunft vom Staatsschutz laute: Bevor sicher ist, dass die Ausstellung kommt, geht nichts. „Das ist mir auch klar“, sagt Prass. „Aber ich kann mich doch vorbereiten!“ Viele Fragen könnten schon jetzt geklärt werden, zum Beispiel: Dürfen Scientologen nach Stadt- und Wegerecht auch vor den Ausstellungsräumen für sich werben und Leute ansprechen? Welche Möglichkeiten hat das Ordnungsamt, die Ausstellungsräume zu prüfen und Auflagen zu erteilen? Besonders ein Szenario steht Prass vor Augen. Am 30. Juni soll im Friedenspark der Grundstein für ein Mahnmal für die Leipziger Opfer der Kindereuthanasie gelegt werden. Prass rechnet fest mit einer Spontandemo von Scientologen. „Wenn ich als Polizei nicht vorbereitet bin, kann ich diese störende Demo nicht verhindern. Und das ist das, was ich anmahne. Es geht hier darum, einer menschenverachtenden, verfassungsfeindlichen Organisation nicht den Raum zu bieten, den sie gerne haben möchte. Das ist ein internationaler Kongress. Wir werden sehr viel Medienpräsenz haben.“ Leipzig ist ein Bollwerk gegen Scientology – noch. Die Organisation hat in vielen Städten Missionen und kleinere Niederlassungen. Und auch in Leipzig gibt es immer wieder neue Anläufe dazu. Nach der Wende eröffnete die Scientology-Organisation hier eine Mission, die aber unter anderem wegen gezielter Öffentlichkeitsarbeit wieder schließen musste. „Ich denke mal, das wurmt sie“, so Prass. „Es ist natürlich ein Stachel im Fleisch, dass sie einmal eine Mission hatten und dann wieder vor die Stadttore gesetzt wurden.“ In Leipzig rief ein Komitee einen Menschenrechtspreis für Personen ins Leben, die über Scientology aufklären. „Scientology hat stark auf solche Aktionen reagiert, zum Beispiel mit Demos und Störungen bei der Preisverleihung“, erinnert sich Prass. Der letzte Versuch, hier Fuß zu fassen, scheiterte im Januar 2009. Die SO wollte ihre gelben PR-Zelte auf dem Augustusplatz aufstellen. Ihre sogenannten ehrenamtlichen Geistlichen sollten hier für die scientologische Ideologie werben. Der EBI e. V. erwirkte durch Zuarbeit einen städtischen Ablehnungsbescheid. Die gelben Zelte leuchteten einen Monat später in der Dresdner Altstadt – hier fehlten offenbar der nötige Wille und das Wissen, die Aktion zu verhindern. Die Ausstellung ist nun der nächste Versuch. Dieses Mal gehen die Scientologen geschickter vor. Sie lassen ihrer Vorfeld-Organisation KVMP den Vortritt. In den Anfragen an Immobilienvertreter für Ausstellungsräume ist weder von Scientology die Rede noch von dem plakativen Titel „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“. Dennoch, die SO- Pressesprecherin von Berlin, Sabine Weber, bestätigte der Leipziger Internet Zeitung L-IZ.de, dass in Sachsen eine Mission geplant ist. Über Standort und Ablauf sei man gegenüber der Presse noch „zurückhaltend“. Ob es Leipzig wird? Hintergrund: 5.000 bis 6.000 Mitglieder hat die Scientology-Organisation hierzulande nach Zählart des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Scientology zählt anders und sprach auf Anfrage von 30.000 Mitgliedern, darunter 12.000 Aktive. Gegründet wurde Scientology 1954 von L. Ron Hubbard auf Grundlage seines Selbsthilfe-Ratgebers „Dianetik – Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“. Die erste Niederlassung in der Bundesrepublik entstand 1970. Kritiker werfen der Organisation unter anderem vor, durch teure Psychokurse ihre Mitglieder in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen. In Deutschland wird Scientology seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet.
hamburg.de, 20.05.2010
Vorsicht: Scientology-Werbung!
Vorsicht: Scientology-Werbung! „Freie Stress-Tests“ und „Dianetik“ auf Marktplätzen und Promenaden in Norddeutschland. Hamburger Scientologen auf der Suche nach neuen Mitgliedern.
Da steht doch nur Dianetik dran, sind das wirklich Scientologen?“, fragte eine Urlauberin vor einem Informationsstand auf der Promenade am Ostseestrand. Das war im vergangenen Spätsommer. Zum Saisonbeginn 2010 schwärmen Hamburger Scientologen nun wieder aus. In den vergangenen Wochen waren sie bereits verstärkt im Hamburger Umland aktiv. In Glinde waren sich die Passanten am vergangenen Wochenende einig: „Dass es sich um einen Stand von Scientology handelt, ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen.“ Doch es kam zu Protesten von wachsamen örtlichen Politikern. Sie klärten auf und warnten erfolgreich vor Scientology. Die Scientologen machten sich daraufhin frustriert und vorzeitig auf den Heimweg. „Freie Stress-Tests“ und „Dianetik“ sind Lockmittel der Scientologen. Zu ihren rot-gelben Infotischen gehören Dianetik-Bücher und ein „E-Meter" (Elektrometer): Ein Instrument, ähnlich einem Lügendetektor, mit dem Scientologen den „geistigen Zustand“ messen wollen. Zurzeit verläuft die Expansion der SO nicht erfolgreich. Daher verstärken ihre Mitarbeiter in Hamburg und in Norddeutschland ihre Werbeaktivitäten. Bücherstände mit einem kostenlosen Stresstest und dem sogenannten E-Meter können Neugier wecken. Das E-Meter ist ein Gerät mit einer Mess-Skala und zwei mit Kabeln angeschlossenen Blechdosen. Der interessierte Passant bekommt sie in die Hände gedrückt, und es werden sehr persönliche Fragen gestellt. Bei den Antworten oder manchmal schon zuvor schlägt ein Zeiger auf einer Skala des Gerätes aus. Das Ganze funktioniert durch Messung des Hautwiderstands wie bei altmodischen Lügendetektoren. Als Lügendetektor wird das Gerät tatsächlich auch unter Scientologen eingesetzt. An den Ständen der Scientologen hat das etwas Spielerisches und ist doch gefährlich, weil es ihr Geschäft ist, damit Interesse zu wecken, überzeugend zu wirken und somit neue Mitglieder zu gewinnen.
Mit wenigen gezielten Fragen werden Stress und alltägliche Probleme offenbar, die sogar die Nadel am E-Meter ausschlagen lassen. Das Gerät könne also unseren geistigen Zustand messen, wollen die Scientologen weismachen, und an dem gibt es naturgemäß immer etwas zu verbessern. Die Werber der SO wenden in der Folge das an, was sie intensiv trainiert haben: Sie agieren personenzentriert, freundlich und hilfsbereit, sie suchen nach Schwachpunkten, intern „Ruin Points“ genannt. Sie bemühen sich um eine Beziehungsebene und versprechen, dass Scientology Defizite beseitige und dass sich „Gewinne“ einstellen würden. Im Bewusstsein der umworbenen Personen sollen sich ihre Probleme nachhaltig mit der Hoffnung auf Hilfe durch die scientologische Technologie verknüpfen. Es kann mit einem umfangreicheren Test und mit sehr intimen Fragen weitergehen, einer Buchempfehlung, einem Kurs für Kommunikation oder für „Aufs und Abs im Leben“. Die Angebotspalette umfasst ein großes Spektrum. Es werden einfache Erklärungsmuster für persönliche Probleme offeriert, und unversehens öffnet sich ein Weg in eine Organisation mit totalitärem Charakter. Das Politische steht bei der SO nicht im Vordergrund. Erst wenn die Organisation die Gedanken und Handlungen ihrer Mitglieder kontrolliert und bei fortgeschrittenen Unterweisungen in der scientologischen Ideologie wird eine „Neue Zivilisation“ ausgerufen. Der freiheitlichen Demokratie wird ein scientologisches Modell gegenübergestellt, in dem nur noch Scientologen Rechte haben sollen. Von diesen eingeschränkten Rechten, dem Kontroll- und Bestrafungssystem in der Organisation kann der Passant, der sich neugierig einem freundlichen Scientologen und seinem Stress-Test aussetzt, nichts ahnen. Wer sich darauf einlässt, hat somit auch die Chance festzustellen, dass anschließend kaum noch etwas „frei“ in dem extremistischen Psychokult ist - weder die Gedanken noch die kostenintensiven weiteren Kurse.
Hamburger Abendblatt, 17.05.2010
Protestaktion in Glinde (Scientology) - Wir bleiben, bis die gehen
Glinde. "Wir wollen keine Scientologen in Glinde", steht in großen Buchstaben auf dem Plakat am Stand der CDU-Glinde und erregt die Aufmerksamkeit vieler Passanten. Die Christdemokraten haben direkt gegenüber des Scientologen- Werbestandes am Anfang des Glinder Marktes Stellung bezogen. Sie verteilen Flugblätter und klären die Menschen über die Ziele und Aktivitäten der Organisation auf, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. "Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass Scientology im Hamburger Umland verstärkt um Mitglieder wirbt", sagt der CDU-Ortsvereinsvorsitzende und Kreistagsabgeordnete Lukas Kilian. Auch in Glinde versuche die Organisation mit unterschiedlichsten Mitteln, Menschen an sich zu binden. Kilian: "Das werden wir verhindern." Schon vor ein paar Wochen hatte Scientology einen Werbestand in der Stadt aufgebaut. Auch damals hatte die CDU protestiert. "Die Scientologen haben versucht uns einzuschüchtern", sagt Kilian. Sie fotografierten den Stand und kündigten an, die CDUler zu verklagen. Kilian: "Davon lassen wir uns aber nicht beeindrucken." Bei den Glindern stößt die jüngste Protestaktion auf breite Zustimmung. Innerhalb kürzester Zeit verteilten 15 Glinder CDU-Mitglieder mehrere Hundert Flugblätter, auf denen vor der Sekte gewarnt wird. "Es ist gut, dass immer wieder über die Organisation aufgeklärt wird", sagt die Glinder Bürgerin Käthe Poppe im Gespräch mit dem Ortsvereinsvorsitzenden. "Wir alle sollten wachsam sein." Viele Passanten fragen sich aber auch, warum ein Scientology-Stand von der Gemeinde überhaupt genehmigt wird. "In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit, das gilt auch für Scientology. Deshalb dürfen sie auch für sich werben", sagt der Landstagsabgeordnete Mark Oliver Potzahr. Umso wichtiger sei, gegen das "menschenverachtende Scientology-System" zu protestieren. Aufklärung sei auch deshalb wichtig, weil die Organisation vielfach unter dem Namen "Dianetics" auftritt. So auch in Glinde. "Dass es sich um einen Stand von Scientology handelt, ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen", sagt Lukas Kilian. Vielen Passanten sei erst durch die Protestaktion der CDU aufgefallen, wer dort für sich werben wollte. Es ist kalt an diesem Vormittag, heftige Böen fegen über den Marktplatz. Die Scientologen haben ihren Stand von 8 bis 18 Uhr angemeldet. "Wir bleiben solange, bis die gehen", sagt Lukas Kilian. Das tun sie an diesem Tag schneller als erwartet. Bereits kurz vor 12 Uhr packen die Scientologen ihr Werbematerial wieder ein. Die Mitglieder des Ortsvereins der CDU werten das als einen Erfolg. Der Vorsitzende sagt: "Es muss schon frustrierend sein, hier keinerlei Zuspruch zu bekommen. Wenigstens sei ihnen aber klar geworden, dass wir sie hier in Glinde nicht wollen." Die CDU Glinde hat angekündigt, ihre Protestaktion fortzuführen.
Hinweis: für eine unbestimmte Zeit ist der Film und die anschliessende Diskussion in der Mediathek des ARD und Das Erste zu sehen.
Hier die Links:
Bis nichts mehr bleibt
Hart aber Fair, 31.03.2010, Sekten, Gurus und Gehirnwäsche (anschliessende Diskusion an den Fernsehfilm)
Beckmann, 29.03.2010, Scientology-Aussteiger sprechen über ihre Erfahrungen
Berliner Zeitung, 31.03.2010, Frank Nordhausen
Triumph über Scientology
Es ist eine gute Nachricht, wenn heute Abend im deutschen Fernsehen der weltweit erste Spielfilm über Scientology läuft, der die totalitäre Psychosekte klar beim Namen nennt. Es ist ein Erfolg für die Kunst- und Meinungsfreiheit, denn Scientology hat es in der Vergangenheit vermocht, durch Drohungen und einstweilige Verfügungen ähnliche Vorhaben oft zu vereiteln. Wie im Fall des mutigen Films über die Contergan-Affäre und die Herstellerfirma Grünenthal setzt abermals die ARD Maßstäbe. Ihr gebührt dafür uneingeschränktes Lob. Der Film "Bis nichts mehr bleibt" wäre aber kaum entstanden ohne die jahrzehntelangen Bemühungen der deutschen Zivilgesellschaft, die Machenschaften von Scientology öffentlich zu machen. Betroffene Bürger aus Hamburg und Schleswig-Holstein brachten diesen Prozess Ende der 80er-Jahre ins Rollen, als sie dem Bundestags- Petitionsausschuss 50 000 Unterschriften gegen den Psychokonzern übergaben und einen Untersuchungsausschuss forderten. Damals begann die Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ursula Caberta, sich für das Anliegen der Bürger zu engagieren. Es war ihr gemeinsames Verdienst, dass die Stadt Hamburg 1992 eine weltweit einzigartige Arbeitsgruppe Scientology gründete, die Caberta bis heute leitet. Ihrer Aufklärung ist es wesentlich zu verdanken, dass der Gehirnwäschekonzern heute in seiner schwersten Krise steckt. Caberta beriet auch die Macher des ARD-Films. Umso befremdlicher wirkt es, dass der Hamburger Senat der Arbeitsgruppe ausgerechnet jetzt die Mittel halbiert - und wirkungsvolle Arbeit unmöglich macht.
Berliner Zeitung, 31.03.2010, Frank Nordhausen
Angsteinflößend wahr - Die ARD zeigt einen ebenso spannenden wie aufklärerischen Film über Scientology
Bis nichts mehr bleibt", heißt der Scientology-Film, den die ARD heute Abend zeigt. Es ist der erste große Spielfilm weltweit, der es wagt, die Sekte beim Namen zu nennen. Das ehrt die ARD und ist von der ironischen Pointe gekrönt, dass der Film ohne den Top- Scientologen Tom Cruise gar nicht entstanden wäre. "Im Dezember 2007 sah ich die Bambi-Verleihung an Tom Cruise im Fernsehen", sagte der Produzent Carl Bergengruen bei der Filmpremiere. Tom Cruise habe endlos lange über sein "neues Menschenbild" gesprochen ohne dass jemand im Saal protestierte. "Da dachte ich, es wird Zeit, sich filmisch mit Scientology zu befassen." "Bis nichts mehr bleibt" erzählt die Geschichte des Taxifahrers Frank (Felix Klare), der erst sich selbst und sein Geld, dann seine Frau Gine (Silke Bodenbender) und am Ende auch die kleine Tochter Sarah an Scientology verliert. Der Film zeigt im zweiten Teil, wie Frank nach Jahren der psychischen und materiellen Abhängigkeit zwar der Ausstieg gelingt, aber Gine und Sarah ihm nicht folgen. Beide geraten nur immer tiefer hinein in die Manipulationsmaschine der Sekte, deren wichtigstes Mantra lautet: "Wahr ist, was du für wahr hältst." Schließlich trifft man sich vor dem Familiengericht, das die Rahmenhandlung des Films abgibt. Frank möchte Gine das Sorgerecht entziehen lassen, weil sie unter dem Einfluss von Scientology steht. Gine sagt, er wolle ihr die Tochter nehmen, weil er gegen ihre Religion sei. Und die Richterin urteilt so, wie die deutsche Justiz leider allzu häufig in ähnlichen Fällen Recht spricht - rein nach dem äußeren Anschein. "Sie wollen, dass wir der Mutter das Kind entziehen", fragt sie Frank, "nur weil sie weiter einer Religionsgemeinschaft angehört, der Sie abgeschworen haben?" Missbrauch von Seele und Körper Wie wenig Scientology mit einer Religionsgemeinschaft zu tun hat, wie viel dagegen mit Missbrauch von Seele und Körper, das bringt dieser Film in verstörender Weise zum Ausdruck. Dabei gelingt es dem Regisseur Niki Stein, seine Geschichte zu erzählen, ohne der Versuchung zu erliegen, den didaktischen Zeigefinger allzu stark zu strapazieren. Dafür zuständig ist im Film Franks Rechtsanwältin (Suzanne von Borsody), deren Rolle deutlich dem Vorbild der Hamburger Scientology-Beauftragten Ursula Caberta folgt. Sie erklärt einige der abstrusesten oder filmisch kaum zu integrierenden Zusammenhänge. Wie die Legende vom bösen Alien-Fürsten Xenu, der die "Body-Thetanen" kontrolliert, die jeden Scientologen quälen. Oder warum Kinder bei Scientology kein Spielzeug brauchen: Sie gelten als "Erwachsene in kleinen Körpern". Sonst aber verlässt sich Stein auf die filmischen Mittel. Frank ist zum Abendessen in der eleganten Wohnung eines Rechtsanwaltes (Kai Wiesinger) erschienen, den sein wohlhabender Schwiegervater engagiert hat, um die Erbschaftsangelegenheiten der Tochter zu regeln. Der sich daran anschließende, allmähliche Übergang in die Wahnwelt der Sekte erscheint absolut nachfühlbar - wobei die Zuschauer gleichzeitig die Psychotricks zu durchschauen lernen. Und wenn der Film die hermetische Sondersprache der Scientology eins zu eins abbildet, versteht man zwar nicht, was genau da verhandelt wird, aber man spürt: Das soziale Koordinatensystem verschiebt sich so, dass den Protagonisten nur die Alternative bleibt, weiter hineinzugleiten in die Sektenwelt oder von ihr ausgespuckt zu werden. Letzteres passiert Frank, der hilflos die Zerstörung seiner Familie erlebt. Dass Scientology mit der Hypnosetechnik "Auditing" eine betörende Sucht erzeugt, transportieren die Bilder ebenso wie die allgegenwärtige Überwachung und die Gefühlskälte, die die Sekte Sarah anerzieht, bis sie am Ende Scientology mehr liebt als den Vater. Das ist das eigentlich Perfide an dieser wie an den meisten anderen Sekten: der Missbrauch von Kindern, die eben nicht selbst entscheiden können, ob sie mitmachen wollen oder nicht. Darüber bestimmen ihre Sekteneltern - die nicht selten von ignoranten Familienrichtern bestätigt werden. Auch diese Wendung ist wie der gesamte Film angelehnt an wahre Schicksale, vor allem des Hamburgers Dieter von Rönn, der 1984 von Scientology angeworben wurde und seine Frau in die Sekte brachte. Während er nach zehn Jahren den Absprung schaffte, blieb seine Frau mit den Kindern bei Scientology. Rönn lebt heute gemeinsam mit seiner neuen Frau Astrid, die damals mit ihm ausstieg. Nina Kunzendorf erzählte bei der Filmpremiere, dass sie und die anderen Hauptdarsteller mit Rönns zusammensaßen und sich deren Geschichten anhörten. Ein früherer Top- Scientologe spielte mit ihnen das Auditing durch, am E-Meter, dem Lügendetektor von Scientology. Mit dem Ergebnis, dass Kunzendorf die kühle "Ethik-Offizierin" der Scientology-Filiale beängstigend realistisch verkörpert. Es hat viele Versuche im Fernsehen gegeben, Scientology zu dramatisieren, beim "Tatort", auch in Krimis der Privatsender. War die filmische Sekte auch nach dem Vorbild gestrickt, durfte sie doch nie Scientology heißen. Das ist in "Bis nichts mehr bleibt" anders. Noch nie wurde die unterkühlt-elegante Atmosphäre einer Scientology-Org so wirklichkeitsgetreu in Bilder umgesetzt. Das Setting stimmt bis in die kleinsten Details: die Thetan-Armbänder, die Clear-Urkunden an der Wand, die bizarren Marine-Uniformen der Sea-Org-Offiziere, die zur Strafaktion anrücken. Und erstmals wird im Spielfilm auch ein scientologisches Straflager gezeigt, wo die "Rehabilitanden" schwarze Overalls tragen und sich den ganzen Tag im Laufschritt bewegen müssen. "Inseln des Totalitarismus in der demokratischen Gesellschaft" hat der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton Sekten wie Scientology genannt. Was das heißt, konnte man selten so realistisch erfahren wie in diesem spannenden, im besten Sinne aufklärerischen Film. Dabei war das Ziel, die Wirklichkeit möglichst genau abzubilden, das eigentliche Wagnis für die Filmemacher. Denn die Organisation verfügt über eine millionenschwere "Kriegskasse", um Kritiker zu bekämpfen. "Erhebt bei jeder Gelegenheit Verleumdungsklagen", schrieb der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. "Es geht nicht darum zu gewinnen. Der Zweck einer Klage ist es, den Gegner zu zermürben und zu entmutigen." Um das Projekt nicht zu gefährden und die Informanten zu schützen, entstand der Film daher unter strenger Geheimhaltung. Der Regisseur Niki Stein sagte bei der Berliner Premiere, Scientology sei derart facettenreich, dass er nur fünf Prozent davon habe abbilden können. Am Ende versteht man daher zwar nicht recht, wozu der ganze Apparat des Psychokonzerns eigentlich da ist und wer davon profitiert. Aber man begreift, wieso ganz normale Menschen fremdbestimmte Scientologen werden. Das ist sehr viel. Und man muss den Film loben für seinen Mut, im Abspann darauf hinzuweisen, dass es auch die Möglichkeit gäbe, Scientology zu verbieten - dass dies aber in Deutschland wie in den meisten anderen Ländern nicht geschieht.
Der Spiegel, 25.03.2010, Michael Fröhlingsdorf
Scientology gegen ARD "Geschichten, die vorne und hinten nicht stimmen"
ARD-Film "Bis nichts mehr bleibt" (31.3., 20.15 Uhr): "Übelst echt" Weil die ARD einen Spielfilm über einen Scientology-Aussteiger gedreht hat, sehen sich die Scientologen in der Defensive: Sie streben eine Schadensersatzklage gegen die Stadt Hamburg an - und haben einen Gegenfilm zum ARD-Werk gedreht. Die Interview-Partner sind nur von hinten zu sehen. Vor ihnen auf einem Leder- Sofa sitzt Frank Busch, ein großer, schlanker Mann im dunklen Anzug. Alles sieht vertrauenserweckend aus, wenn auch ein wenig improvisiert. Es geht um einen acht Jahre alten Sorgerechtsstreit. Busch, Scientology-Pressesprecher in Hamburg, kennt die Antworten seiner Gesprächspartner schon. Trotzdem verhaspelt er sich manchmal. So reagiert die selbsternannte Kirche auf ein TV-Drama, das die ARD am 31. März um 20.15 Uhr senden will. Unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" geht es dort um das Schicksal eines Aussteigers, darum, wie Scientology sein Leben und das seiner Familie zerstört hat. Nun hat auch Scientology einen Film gedreht: Am Donnerstagvormittag wird er in Hamburg vorgestellt, danach wird er im Internet abrufbar sein. Das 40-minütige Werk ist allerdings weit weniger aufwendig als der ARD-Spielfilm. Es besteht hauptsächlich aus Interviews mit der geschiedenen Ehefrau des Ex-Mitglieds und einem Sohn des Paars. Beide sind laut Sekte bis heute Scientologen. Außerdem werden Dokumente des Jugendamtes und des Hamburger Familiengerichts präsentiert, die vor allem eines belegen sollen: Der Aussteiger Heiner von Rönn, an den sich die TV-Story anlehnt, habe sein Familienleben durch sein Verhalten in dem Streit selber ruiniert - und Schuld an der ganzen Misere habe die Hamburger Scientology-Expertin Ursula Caberta. Noch mehr als den fiktiven Einblick in ihr Innenleben stört die Organisation, die in vielen Ländern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, nämlich, dass Caberta den Medien immer wieder Aussteiger präsentiert und so für negative Berichte sorgt. Auch das Filmteam vom Südwestrundfunk (SWR) hat sie beraten und den Kontakt zu von Rönn hergestellt. Seit Jahren schon streiten sich die Mitarbeiterin der Hamburger Innenbehörde und Scientology in etlichen Verfahren vor Gericht. Nun könnte bald eine weitere Auseinandersetzung hinzukommen. Die Sekte will eine Schadensersatzklage gegen die Stadt Hamburg einreichen, weil, so der Pressesprecher der München Niederlassung, Jürg Stettler, Caberta den Medien immer wieder Aussteigergeschichten präsentiere, "die vorne und hinten nicht stimmen". "Juristisch ist da nichts zu machen" Sich selbst versucht die Sekte dagegen betont seriös darzustellen. Keine Kritik an den Medien, nur ein dezenter Hinweis auf die Programmrichtlinien der ARD und die Frage, wofür Gebührengelder eingesetzt würden. Der Presse könne man keinen Vorwurf machen, wenn sie eine "quasi amtlich geprüfte Version" ohne weitere Recherchen übernehmen würden, sagt Stettler. Auch gegen die ARD will Scientology nicht rechtlich vorgehen. Das hat auch einen anderen Grund. "Juristisch ist da nichts zu machen", gibt Busch zu. Da passt es gut zum seriösen Auftreten, dass die Sekte zumindest mit einem Vorwurf wohl tatsächlich nichts zu tun hat. Während der Dreharbeiten wurde das SWR-Filmteam bespitzelt und am Telefon bedroht. Doch nicht etwa Scientology steckte hinter den Aktionen. Verantwortlich war wohl die Anonymous-Gruppe, die über das Internet vernetzt ist und weltweit Scientology bekämpft. Tatsächlich hatten Hamburger Mitglieder den Drehort am schicken Hamburger Balindamm gesichtet und geglaubt, Scientology würde dort eine neue Filiale errichten. Tagelang beobachteten sie das Geschehen und stellten heimlich geschossene Fotos ins Internet. Erst später stellten sie den Irrtum fest. "Gut, wir sind also auf ein Filmset reingefallen, aber kann passieren, sah ja auch übelst echt aus", gab "anonn004" Entwarnung.
Tagesspiegel.de, 19.03.2010, Markus Ehrenberg
Scientology - Bis doch was bleibt - Strengste Geheimhaltung, Tarnname, Security: Ein ARD-Film über einen Scientology-Aussteiger
Polizeiwagen, Einlass nur mit persönlicher Einladung, Mini-Demo mit Maskierten vor der Tür, drinnen eine proppevolle Halle, rund 500 Gäste in Stuhlreihen vor einem riesigen Bildschirm, drumherum patrouillierend Sicherheitsleute – am Mittwochabend bot sich dem Besucher des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin Mitte ein beeindruckendes Bild. Anlass war die Vorab-Präsentation des SWR-Fernsehfilms „Bis nichts mehr bleibt“, der am 31.3. im Ersten ausgestrahlt werden soll und der das Schicksal eines jungen Familienvaters und Scientology- Aussteigers beschreibt, der Frau und Tochter an Scientology verliert.
Es handelt sich um das mutigste Projekt der jüngeren Fernsehgeschichte. Der Film basiert laut Vorspann auf einer wahren Geschichte ehemaliger Mitglieder von Scientology. Erstmals wird dieses heikle Thema in Deutschland zu einem fiktionalen Stoff verdichtet und die Organisation beim Namen genannt. SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen wies darauf hin, dass Scientology seit 13 Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Um die Produktion von „Bis nichts mehr bleibt“ wurde monatelang ein großes Geheimnis gemacht. Alle Beteiligten mussten sich vertraglich zu Stillschweigen verpflichten. Der Film wurde unter dem Tarnnamen „Der Tote im Sund“ gedreht. Es wurden keine DVDs vorab versendet. Treibende Kraft war SWR-Fernsehfilmchef Carl Bergengruen – und die Nonstop-Rede von Tom Cruise, die der Hollywoodstar und bekennende Scientologe 2007 bei der Verleihung des Bambi, „Kategorie Mut“, gehalten hat. Von da an war Bergengruen, dem nach eigener Aussage als Student in den 80er Jahren von US-Scientologen die berühmten 100-Psycho-Fragen vorgelegt worden waren, laut eigener Aussage nicht mehr zu halten. Viel Applaus im ARD-Hauptstadtstudio. Auch für Team-Worx-Produzent Nico Hofmann, der daran erinnerte, wie aktiv Scientology gerade auch an Berliner Schulhöfen und Straßen unterwegs sei. Scientology soll geschätzt rund 5000 bis 6000 Mitglieder in Deutschland haben. Mit einem Spielfilm, so Bergengruen, könne man mehr Menschen erreichen als mit Dokus. Die Botschaft ist klar. „Bis nichts mehr bleibt“ erzählt, mit welch’ raffinierten Methoden es der Organisation immer wieder gelingt, Menschen psychisch und materiell von sich abhängig zu machen und, wie in diesem Fall, sogar eine Familie zu zerreißen. Wissensberichte, Rehabilitationszentren, der hermetische Scientology-Sprech, das Verhältnis zu Kindern – bei aller Fassungslosigkeit über die Methoden und die Duldsamkeit der Anhänger ist das eine über weite Strecken bannende Studie (Buch und Regie: Niki Stein), getragen vom Darstellerensemble um Felix Klare und Silke Bodenbender. Während der 90-minütigen Präsentation bei der ARD konnte man jede Stecknadel fallen hören. Die Story lehnt sich weitestgehend an die Geschichte des Scientology-Aussteigers Heiner von Rönn an, der auch unter den Zuschauern war. Das Unbehagen war mit Händen zu greifen. Tagesspiegel http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Bis-nichts-mehr-bleibt-Felix... 1 von 2 18.03.2010 18:51 Nichts zu sehen vor Ort von Scientology. Nur eben die Mini-Demo von „Anonymous“, einer Gruppe von Scientology-Gegnern. Im Vorfeld war zu lesen, dass sich Scientology gegen den Aussteigerfilm wehren wolle. Die Organisation habe, so Bergengruen, permanent versucht, Details über das Projekt zu erfahren. Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als unverfilmbar. Es schien nur eine Frage der Zeit, dass Scientologen Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würden. Scientology Deutschland kündigte für die nächsten Tage denn auch eine eigene Pressekonferenz mit „brisanten Hintergründen zu der geplanten ARD-Sendung“ an. Es sei dazu ein eigener halbstündiger Film produziert wurden. Das letzte Wort zu diesem Aussteigerfilm scheint wohl noch nicht gesprochen
jetzt.de, 08.03.2010, Marc Felix Serrao
Scientology wehrt sich gegen Aussteigerfilm der ARD
Jürg Stettler ist bestens informiert. Da sei doch gerade diese Pressevorführung in München gewesen, sagt der Sprecher von Scientology Deutschland am Telefon. "Da waren wir auch nicht eingeladen." Wie er so schnell von dem Termin, der eben erst stattgefunden hat, erfahren konnte, sagt er nicht. Dabei hatte der Südwestrundfunk (SWR) nur eine Handvoll Journalisten in das Schwabinger Programmkino eingeladen. Alle wurden mit Handschlag begrüßt, DVDs zum Mitnehmen gab es "aus Sicherheitsgründen" keine. Das Gemeinschaftsprojekt, das der SWR - stellvertretend auch für ARD-Degeto, NDR und die Produktionsfirma Teamworx - vergangene Woche in München vorgestellt haben, will die ARD am 31. März um 20.15 Uhr zeigen. Ob es soweit kommt, ist allerdings nicht sicher. Will Scientology den Film verhindern? "Das ist noch offen", sagt Stettler: "Das müssen Anwälte prüfen." Die ARD versuche " ja alles, damit wir den Film vor der Ausstrahlung nicht sehen". Trotzdem scheint er den Inhalt schon ziemlich gut zu kennen: "Es ist eine Verletzung der Programmrichtlinien der ARD, was dort verbreitet werden soll. Der Sender ist verpflichtet, religiöse Toleranz zu fördern, nicht umgekehrt." "Das Gegenteil ist wahr" Bis nichts mehr bleibt (Buch und Regie: Niki Stein) erzählt die Geschichte einer Familie, die zerrissen wird - von Scientology. Es ist eine Premiere, in jeder Hinsicht. Nie zuvor hat es ein deutscher Fernsehsender gewagt, Scientology zu einem fiktionalen Stoff zu verarbeiten - und die Organisation beim Namen genannt. Gedreht wurde an Originalplätzen, etwa vor der Europazentrale in Kopenhagen. Vom Mitgliederjargon, in dem man ab einer bestimmten Stufe "Operierender Thetan" ist (mit speziellem Armbändchen), über die harten Schulungsmethoden bis hin zu den güldenen Bühnenbildern bei Feierlichkeiten, ist der Film um Authentizität bemüht. Das Urteil ist dabei eindeutig: Scientology, so wie die Organisation hier gezeigt wird, ist eine totalitäre Gefahr, die den Prinzipien einer freien Gesellschaft widerspricht. Die Gefahr für das eigene, ohnehin stark lädierte Image hat die Gemeinschaft, die sich selbst als Kirche bezeichnet, inzwischen erkannt. Nachdem Scientology Sender und Produktionsfirma bislang nur mit Anrufen, E-Mails und Briefen traktiert hat, sucht sie nun die Konfrontation. "Scientology macht jetzt einen eigenen Film", kündigte ihr Sprecher im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung an. Geplant sei eine circa halbstündige Doku, "mit Interviews und Gerichtsurteilen". Der Film werde gerade im Schneideraum bearbeitet und solle in ein bis zwei Wochen vorgestellt werden, vermutlich in Hamburg oder München. "Wir werden zeigen, das die von der ARD engagierte sogenannte Expertin Ursula Caberta die Medien mit falschen Informationen füttert", sagt Stettler. Auch die Geschichte des Vater, der im Film sein Kind durch Scientology verliert, sei erfunden: "Genau das Gegenteil von dem, was die ARD zeigt, ist wahr." Dem Vorwurf, Scientology falsch darzustellen, widersprechen der SWR und Teamworx mit Nachdruck. "Wir haben bewusst einen Spielfilm gemacht, keine politische Gesamtanalyse von Scientology, weil wir so viele Menschen wie möglich erreichen wollten", sagt Carl Bergengruen, der das Projekt als Fernsehfilmchef des SWR auf den Weg gebracht hat. Trotzdem erzähle der Film eine "wahre Geschichte". Neben dem Einzelschicksal, auf dem diese basiere, seien weitere Fälle eingeflossen, "von denen wir wissen, dass sie so stattgefunden haben". Ähnlich äußert sich auch Benjamin Benedict, Produzent von Teamworxx. Neben einem ausführlichen Literaturstudium hätten die Produzenten monatelang mit Aussteigern der Organisation gesprochen. Zudem hätten sie sich von Ursula Caberta beraten lassen, "die sich seit vielen Jahren mit der Thematik beschäftigt". Die 59-Jährige ist Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Stadt Hamburg und eine der schärfsten Kritikerinnen der Organisation in Deutschland. Benedict ist im Gespräch auffallend zurückhaltend. Mit Nachdruck bittet der Produzent darum, seine Zitate schriftlich autorisieren zu dürfen. Zur Frage, ob er um die Ausstrahlung des Films fürchte, will er sich gar nicht erst äußern. Die Vorsicht der Filmemacher, die der Spiegel nach einer ersten Pressevorführung in Hamburg als "Geheimniskrämer-Tamtam" bezeichnet hat, ist sehr nachvollziehbar. Wie gefährlich die in vielen Ländern als Religion anerkannte "Church of Scientology" wirklich ist, können Außenstehende nur schwer beurteilen. Doch wenn es darum geht, gegen Kritiker vorzugehen, ist die Gemeinschaft bekanntlich nicht zimperlich. Im Bayerischen Verfassungsschutzbericht von 2008 etwa wird aus Hubbards Einführung in die Ethik der Scientology zitiert: "Um die Macht zu behalten", heißt es da, müsse man "kaltblütig, skrupellos, hemmungslos, gegebenenfalls auch heimtückisch, hinterlistig und mit Gewalt gegen die eigenen Feinde vorgehen, ansonsten werde man die Macht verlieren". Die Macht verliert in Bis nichts mehr bleibt auch der junge Hauptdarsteller Felix Klare (den man als Kommissar Bootz aus dem Stuttgarter Tatort kennt): erst über sich, dann über seine Familie. Scientology gewinnt - auch wenn die Organisation in diesem speziellen Fall alles tun wird, um das Gegenteil zu beweisen.
beobachter.ch, 05.03.2010, Thomas Angeli
Science-Fiction im Keller
Mit mysteriöser «Raumenergie» soll ein Gerät für viel Geld Mauern trockenlegen. Die Wissenschaft schmunzelt, und die Nähe des Anbieters zu Scientology ist offensichtlich.
Vertrauen einflössende Zertifikate und wohlklingende Auszeichnungen haben schon manchem Geschäft auf die Sprünge geholfen. Auf der Homepage der österreichischen Firma Aquapol ist beides zu finden. Das «Aquapol-Mauertrockenlegungssystem» kommt ohne Strom aus, funktioniert allein durch «Raumenergie», «Kapillarkräfte» und «Magnetokinese». Es kann ein europäisches Patent vorweisen, einen «EMV-Prüfbericht» vom TÜV-Rheinland, sein Erfinder Wilhelm Mohorn ist Träger der «Kaplan-Medaille für Grundlagenforschung» und noch vieles mehr. Mit einer grossen Publireportage auf newsnetz.ch warb Aquapol im Januar auch wieder einmal in der Schweiz. Sie könne «Aquapol auf jeden Fall weiterempfehlen», strahlte Barbara Weil aus Gunten BE darin: «Das Klima ist allgemein angenehmer und der Boden viel trockener.» Das Gleiche beteuert sie auch gegenüber dem Beobachter. Der derart gepriesene Apparat sieht erstaunlich unspektakulär aus, und auch das Innere gemahnt nicht an revolutionäre Technik: Ein paar Kupferkabel und Stangen, je nach Modell zwei parallel angeordnete grüne Scheiben, mehr ist da nicht. Aquapol vermeldet stolz 43'000 Häuser, die mit dem Apparat seit 25 Jahren trockengelegt worden seien. Nachprüfen lässt sich das nicht, und unabhängige wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit des Geräts gibts nicht. Aquapol zitiert in einer Stellungnahme an den Beobachter zwar die Professoren Karl Ernst Lotz und Josef Gruber, bloss: Beide sind im Vorstand der «Österreichischen Vereinigung für Raumenergie». Deren Präsident: Wilhelm Mohorn, Aquapol-Erfinder und -Vermarkter – und Freund der Scientologen (siehe nachfogender «Hintergrund»). Unabhängigkeit sieht anders aus. Eine Wirkung jedoch hat das Wunderding zweifelsohne – auf das Konto der Firma Aquapol und ihrer Franchisenehmer. 6000 bis 13'000 Franken kostet das Gerät. Michael Müller, Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal, der den Apparat im Auftrag des ZDF auseinanderschraubte, attestierte den Komponenten einen Materialwert von etwa 20 Euro. Aquapol verkaufe halt «keine Geräte zur Mauertrockenlegung, sondern eine umfassende Dienstleistung», lässt Erfinder Mohorn über seinen Mediensprecher ausrichten. Dazu gehören eine «umfassende Mauerwerksdiagnostik» sowie eine «Fülle von aussagekräftigen Messungen und Spezialdienstleistungen». «Vereinigung von Zauberkästchen-Bauern» Auch die Zertifikate und Auszeichnungen entpuppen sich als mehr Schein als Sein. Der EMV-Prüfbericht des TÜV bescheinigt lediglich die elektromagnetische Verträglichkeit, sprich: Aquapol, das keinen Strom benötigt, stört keine elektrischen Geräte. Auch das Zertifikat des «Europäischen Arbeitskreises für Mauerwerksanierung» taugt nach Aussage eines Fachmanns, der nicht genannt werden will, nicht viel: «Das ist eine Vereinigung von Zauberkästchen-Bauern, die sich gegenseitig zertifizieren.» Und ein Patent kann jeder anmelden, der etwas erfunden zu haben meint. Ob die Erfindung funktioniert, spielt keine Rolle. Fachleute, die nicht mit Aquapol verbandelt sind, bezweifeln die Wirkung des Geräts geradeheraus: «Das System kann keine entfeuchtende Wirkung entfalten», schreibt etwa das deutsche Fraunhofer-Institut für Bauphysik. Ähnlich sieht das Rainer Bunge, Professor für Umwelttechnik an der Hochschule Rapperswil: «Aus wissenschaftlicher Sicht steht fest, dass Aquapol weder funktioniert noch überhaupt theoretisch funktionieren kann.» Die Erklärung für die Wirkungsweise von Aquapol lese sich, «als ob jemand mit dem Zufallsgenerator über ein Physiklexikon gefahren wäre». Auch vom angeblichen «Gravomagnetismus», mit dem Aquapol funktionieren soll, halten die Forscher nicht viel: «Die gravomagnetische Energie wurde noch nie in einem wissenschaftlichen Versuch nachgewiesen», schreibt der Physiker Kolja Prothmann vom Max-Planck-Institut: «Die einzige mir bekannte Referenz bezieht sich auf die Science-Fiction-Serie ‹Mondbasis Alpha 1› aus dem Jahr 1977.» Hintergrund Viel Geld für Scientology Aquapol-Erfinder Wilhelm Mohorn erwähnt auf seiner Website stolz seine Mitgliedschaft im Bundessenat des honorigen «Senats der Wirtschaft» in Österreich. Wer sich dort erkundigt, erfährt Erstaunliches: Der Senat habe sich «aufgrund der zwischenzeitlich in Erfahrung gebrachten Aktivitäten für Scientologen von Herrn Mohorn und somit auch dessen Unternehmen» distanzieren müssen, sagt eine Sprecherin.Mohorn ist in der Scientology-Publikation «Impact» von 2006 als «Patron Meritorious» aufgeführt. Diesen Titel erhält, wer mindestens 100'000 Dollar gespendet hat. Mohorn will das nicht kommentieren. In der Schweiz wird Aquapol übrigens von der Firma Delphin Bürkli & Partner vertrieben – alte Bekannte in der Scientology-Szene: Der Beobachter berichtete schon 1995 von der Sektenzugehörigkeit der Inhaber.
merkur-online.de, 04.03.2010
Scientology-Aussteiger packen in der ARD aus
Das Drehbuch? Geheim. Der Titel? Top secret, genauso wie die Schauspieler: Bis zuletzt hat der SWR Details zum Film "Bis nichts mehr bleibt" unter Verschluss gehalten. Kein Wunder. © ARD Szene aus dem ARD-Film: Ein Mitglied (Nina Kunzendorf) überzeugt Frank (Felix Klare) von der Scientology. Mit dem Spielfilm kommt hochbrisanter Stoff ins Fernsehen: Es geht um Frank Reiners, Architektur- Student, Taxifahrer – und Mitglied bei Scientology, der umstrittenen Organisation, die sich selbst als Kirche verkauft und das Leben von Aussteigern zur Hölle macht. So ergeht es auch Reiners, der den Absprung geschafft hat und am Ende nicht nur ohne Geld dasteht, sondern auch noch Frau und Kind an Scientology verliert. Er muss zusehen, wie die Tochter weiter von der Mutter beeinflusst wird. Am Mittwoch wurde der Film erstmals in München der Presse vorgeführt. Anonyme Anrufe, Auto geknackt Wie SWR-Redakteur Michael Schmidl betont, ist es der erste Film, der sich mit Scientology in dieser Weise auseinandersetzt: „Vorher hat sich anscheinend niemand getraut.“ Denn Scientology ist dafür bekannt, Kritiker massiv anzugehen. Das bekam auch die Crew beim Dreh zu spüren: „Es gab anonyme Anrufe, Besuche am Set“, erzählt Schmidl. Sogar das Auto des Regisseurs Niki Stein wurde geknackt: Ein Unbekannter hatte den Kofferraum aufgebrochen. Das Geheimnis um den Film ließ sich eben nicht ganz bewahren. Und das, obwohl die Produktion sogar unter einem Decknamen lief: Angeblich sollte ein neuer Tatort, genauer "Der Tote im Sund", in der Mache sein. "Bis nichts mehr bleibt", 31. März, 20:15 Uhr, ARD Doch Felix Klare, bekannt aus dem Stuttgarter Tatort, ging bei diesem Dreh nicht auf Verbrecherjagd. Der 31-Jährige spielt den jungen Reiners aus Hamburg. Ende der 80er-Jahre rutscht er immer tiefer in das System Scientology. Ein Anwalt, der für den Vater seiner Freundin arbeitet, bringt ihn zum sogenannten Dianetik-Zentrum. Dort lässt sich der Familienvater auf dubiose Psychotests ein: „Kauen Sie an Fingernägeln oder Bleistiften?“, steht auf dem ellenlangen Fragebogen, oder: „Haben Sie viele gute Freunde?“ Anhand der Antworten stellt sich heraus: Frank lässt sich zu sehr herumschubsen und von anderen sagen, was er zu tun hat. Das lässt sich ändern – dazu muss er nur die Kurse von Scientology besuchen. Bald zieht er auch seine Frau Gine in den Bann der Gemeinschaft, bald darauf auch die gemeinsame Tochter Sarah. Das Unglück nimmt seinen Lauf … Echte Geschichten von Aussteigern Eine Geschichte, die nicht aus der Luft gegriffen ist: „99 Prozent des Films sind echt“, sagt Hauptdarsteller Klare. Er traf sich mit Aussteigern, um mehr über ihre bedrückende Vergangenheit zu erfahren. Denn Bis nichts mehr bleibt basiert nicht nur auf einem Schicksal, es fließen die Erfahrungen mehrerer Aussteiger ein. Ein Vater, der seine Familie aus dem teils unterdrückerischen System nicht befreien kann – auch das ist kein Einzelfall. Klare hat sich mit dem Mann getroffen, der seine zwei Söhne seit 27 Jahren nicht gesehen hat. Sie dürften heute knapp über 30 Jahre alt sein. Eva Hutter Scientology Aus einem Bericht des Verfassungsschutzes aus dem Jahre 2008 geht hervor, dass es in Deutschland etwa 5000 bis 6000 Scientologen gibt, in Bayern geht man von circa 2600 Mitgliedern aus. Scientology ist eine Bewegung, deren Ideologie auf Schriften des US-amerikanischen Schriftstellers L. Ron Hubbard aus dem Jahre 1952 zurückgeht. In der Öffentlichkeit ist Scientology umstritten. Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz unterhält ein „vertrauliches Telefon“ (Nummer: 089/31 20 12 96). Opfer, Aussteiger und Angehörige von Mitgliedern können dort Hinweise über Scientology geben.
20Min., 01.03.2010
Neues «Abnehmprogramm» Schlank dank Kirstie Alley und Scientology
Kirstie Alley hat das neue Abnehmprogramm «Organic Liaison» erfunden: Mit Vitaminzusätzen, die «Rette mich» oder «Unterstütze mich» heissen, geht die Aktrice auf Pfunde-Jagd. Das Problem: Scientiology ist auch an Bord. Promis auf Seelenfang Scientology zählt weltweit rund acht Millionen Anhänger. Hier einige der bekanntesten Scientologen, die immer wieder neue Mitglieder anziehen... Schon lange hatte Kirstie Alley angekündigt, eine Schlankmacher-Linie ins Leben zu rufen, jetzt ist es soweit: Die Schauspieler («Guck mal, wer da spricht») hat «Organic Liaison» vorgestellt. Das Programm kostet monatlich zehn Dollar Grundgebühr, was den Mitgliedern die Nutzung von «Online-Tools» und Unterstützung von Leidensgenossen ermöglichen soll. Hauptelement der Kur sind jedoch Nahrungsmittelzusätze, die für zwölf bis 15 Dollar pro Flasche gekauft werden müssen. Die Monatsration kostet 139 Dollar. Die Produkte mit klingenden Namen wie «Rescue Me» («Rette mich») oder «Relieve Me» (Unterstütze mich») versprechen, den Körper «natürlich» zu reinigen und den Hunger zu bremsen. Obwohl die Produkte gewöhnliche Vitamine und Mineralien enthalten, spricht Alley in einem Werbeclip davon, ihr Programm sei «das weltweit erste zertifizierte biologische Gewichtsverlust- und Management-Programm». Die verkauften Zusätze «fluten ihren Körper mit den Elementen, die ihm fehlen», so dass das Abnehmen zum Kinderspiel werde, so der 115 Kilogramm schwere Hollywoodstar. Abgesehen davon, dass solche «Elemente» normalerweise problemlos mit ausgewogener Ernährung zu sich genommen werden können, verwirrt ein zweites Detail: Das Promotion-Video mit Kirstie Alley ist im «Fort Harrison Hotel», der Scientology-Basis im kalifornischen Clearwater gedreht werden. Dass Alley Mitglied in der Sekte ist, war allerdings bekannt. Komisch ist aber, dass mit Thomas Lovejoy und Michelle Seward auch mindestens zwei von fünf Beratern des Programms der Bewegung angehören. Wenn dann auch noch die Adresse von «Organic Liaison» mit der von Saul B Lipson, einem bekennenden Scientology-Anhänger absolut identisch ist, müssen sich die Konsumenten fragen, ob sie der Sekte nicht persönliche Daten in die Hände spielen. Beide Postadressen lauten «1515 North University, Suite 222, Coral Springs, Florida 33071». Ein Schelm wer Bauernfängerei hinter diesem Umstand vermutet …
Bereits seit zwei Jahren habe Kirstie an Organic Liaison gearbeitet und sei dabei von den „besten Wissenschaftlern auf diesem Planeten“ unterstützt worden, heißt es. Sie schwöre vor allem auf den natürlichen Appetitzügler „Rescue Me”. Ach, übrigens steht im Kleingedruckten, dass Organic Liaison nur dann funktioniert, wenn man seine Ernährung umstellt. Am besten soll man nur noch Bio-Produkte essen. Und natürlich muss man dazu noch viel Disziplin haben und soll zum Sport gehen.
Hamburger Abendblatt, 27.02.2010
Verwaltungsgericht weist Klage von Scientologen ab
Das Verwaltungsgericht hat die Klage eines Scientologen abgewiesen, der die Hansestadt darauf verklagt hatte, Informationen zu seiner Person herauszugeben. Die Stadt hatte das Ansinnen des Scientologen zuvor mit Verweis auf eine Ausschussklausel im Hamburgischen Informationsfreiheitsgesetz abgelehnt. Danach müssen Informationen, die die Tätigkeit der Arbeitsgruppe Scientology betreffen, nicht herausgegeben werden. Das Gericht bestätigte jetzt die Verfassungsmäßigkeit der Ausnahmenorm. Die Leiterin der Arbeitsgruppe, Ursula Caberta, begrüßte die mit dem Urteil gewonnene Rechtssicherheit. Das Verwaltungsgericht habe seine Entscheidung mit der verfassungsfeindlichen Ausrichtung von Scientology begründet.
Stern.de, 17.02.2010, Stefan Düsterhöft
Scientology-Aussteiger Lino Bombonato: Wenn Freunde zu Feinden werden
Scientology war Lino Bombonatos Leben: Sieben Jahre lang beschäftigte sich der Rheinländer täglich mit der Sekte, arbeitete für einen Hungerlohn für sie, spionierte am Ende sogar Sektengegner aus. Doch dann geriet sein Bild von der heilen Scientology-Welt ins Wanken.
Eigentlich ist es nur ein Persönlichkeitstest auf der Internetseite von Scientology, der Lino Bombonato im Jahr 2003 neugierig macht. Nach seiner Stimmung wird der damals 15-Jährige da zum Beispiel gefragt, ob er gut schlafe und ob er zu Eifersucht neige. Der Schüler beantwortet die Fragen und gibt seine Kontaktdaten an. Wenig später macht er sich auf den Weg nach Düsseldorf: In der dortigen Scientology-Kirche will er sein Testergebnis erfragen. Steile Karriere bei Scientology Doch bei dem angeblichen Persönlichkeitstest bleibt es nicht. Die Scientologen wecken das Interesse des jungen Rheinländers - und begeistern ihn für eine Mitgliedschaft. Den Gedanken, sich selbst "weiterzuentwickeln", findet Lino Bombonato spannend. Deshalb beginnt er, Kurse der Düsseldorfer Scientology-Kirche zu besuchen. Kurz darauf legt er eine steile Sektenkarriere hin. Lino Bombonato fühlt sich bei den Scientologen geborgen und anerkannt. Die Sekte sei in dieser Zeit "wie eine Familie" gewesen, sagt er heute. Der junge Mann wird Mitglied des scientologischen Geheimdienstes, spioniert Kritiker aus und versucht, Demonstrationen von Sektengegnern zu stören.
Das Verhältnis zu seinen Eltern wird währenddessen immer schlechter. Lino Bombonato hält nur wegen des Geldes Kontakt zu ihnen - denn eine Scientology-Mitgliedschaft kostet. Weil sein Vater die Sekte aber ablehnt, kann Lino Bombonato innerhalb der Organisation nicht weiter aufsteigen. Eine letzte Chance, das zu ändern, scheint der Selbstmord. Die Scientologen haben Lino eingeredet, nach seinem Tod könne er in einer "besseren Umgebung", also mit Eltern, die selbst Scientologen sind, wiedergeboren werden. Selbstmordversuch misslingt Doch der Selbstmordversuch misslingt: Lino Bombonato wird rechtzeitig gefunden. Ans Aussteigen denkt der junge Mann trotzdem nicht. Erst seine Spionagetätigkeit öffnet ihm später die Augen: Zunächst chattet er nur mit Mitgliedern einer Anti-Scientology-Organisation, um sie auszuhorchen. Doch der Kontakt wird enger - auch zu Ursula Caberta, die den Hamburger Arbeitskreis Scientology leitet. Caberta beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Sekte und ist oft die erste Anlaufstelle für Aussteiger. Sie ist sich sicher: "Je jünger man ist, wenn man zu Scientology kommt, desto eher übernimmt man die Ideologie - und desto schwerer wird der Ausstieg." So ist es auch bei Lino Bombonato: Er bleibt zunächst bei der Sekte, hält aber auch weiterhin Kontakt zu den Gegnern. Als die Scientologen das mitbekommen, muss Lino Bombonato sich vor den Sektenoberen in so genannten Ethiksitzungen rechtfertigen. Er wird dabei an einen Lügendetektor angeschlossen. Durch seine Gespräche mit einem Scientology-Gegner beschließt Lino Bombonato, bei dem Test zu lügen. Das Gerät erkennt die Lüge nicht. Lino Bombonato ist entsetzt - eigentlich hat er fest an die Funktionstüchtigkeit des Geräts geglaubt. Seine Zweifel an der Sekte werden größer.
Ein Freund verrät Lino Bombonato Er vertraut sich einem Freund an - doch der verrät ihn. Scientology verurteilt Lino Bombonato zu weiteren Ethiksitzungen. Ende Mai 2009 steht dann sein Entschluss fest: Der damals 22-Jährige will aussteigen. Persönlich geht er in die Scientology-Kirche, verkündet dort seinen Entschluss. Die Sektenmitglieder reagieren kalt - niemand scheint sich mehr für Lino Bombonato zu interessieren. "Das war eine bittere Erkenntnis. Die haben mich behandelt, wie jemanden, der mit einem Schlag nichts mehr wert ist", sagt der junge Mann heute. Und: "Ich wurde weg geschoben, als sei gar nichts gewesen." Nach seinem Ausstieg steht Lino Bombonato vor dem Nichts: Er hat 8000 Euro Schulden bei der Bank, muss Kredite abbezahlen, die er aufgenommen hat, um seine Sektenmitgliedschaft zu finanzieren. Eine Ausbildung hat er nicht, die Schule hat er nach dem Hauptschulabschluss abgebrochen. Sieben Jahre seines Lebens sind verschenkt. Der Traum von einem normalen Leben Scientology hat Lino Bombonato fast alles genommen - in Ruhe lässt ihn die Sekte trotzdem nicht. Die Scientologen versuchen im Internet seinen Ruf zu ruinieren, setzen Persönliches gegen ihn ein. Lino Bombonato versucht dennoch, nach vorne zu schauen: Er will seine Schulden zurückzahlen. Und er will einen Beruf erlernen - am liebsten einen, in dem er anderen Menschen helfen kann. "Ein normales Leben führen", sagt Lino Bombonato, dass sei sein Wunsch.
Der Spiegel, 02.02.2010, Martin U. Müller
Fernsehfilm Operation Scientology
Mit großem Geheimniskrämer-Tamtam hat die ARD das wahre Schicksal eines Aussteigers verfilmt. Das TV-Team fürchtete schon während des Drehs Ärger. Heiner von Rönn könnte eine ziemlich erschütternde Liste erstellen mit Menschen und Werten, die er an Scientology verloren hat: Abertausende Euro, zehn Jahre seines Lebens, seine damalige Frau und seine beiden Kinder. 15 Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Psycho-Imperium stand er kürzlich wieder mittendrin in seiner eigenen Vergangenheit, den Begriffen und Bedrohungen von einst. Seine Geschichte ist echt, die Kulisse war es nicht: In den nachgebauten Räumen einer Scientology-Niederlassung drehte ein Filmteam ein TV-Drama über eine Familie, die letztlich an der Organisation zerbrach. Die Story lehnt sich an Rönns Leben an, die gesamte Mannschaft des federführenden Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) ging mit seltener Heimlichtuerei zu Werke. Auf den Schildern, Drehbüchern, selbst auf der Regieklappe - überall stand als Titel "Der Tote im Sund". Es war ein Tarnname, weil die Dreharbeiten für diesen ARD-Film absolut geheim gehalten werden sollten. Erst diese Woche wollen die Verantwortlichen an die Öffentlichkeit gehen: Am Dienstag möchten sie das fertig gedrehte Projekt präsentieren, das schließlich am 31. März unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" gezeigt werden soll. Zum ersten Mal wird es also einen Spielfilm geben, in dem es um Scientology geht. Glaubensterror als Abendunterhaltung. Ist die ARD mutiger geworden? Oder Scientology schlichtweg harmloser? In den vergangenen Jahren hat das Erste immer wieder Filme über sensible gesellschaftliche Themen gesendet wie etwa Contergan. Nun hat man sich einer Organisation gewidmet, die für ihr rücksichtsloses Verhalten gegenüber Kritikern und Journalisten bekannt ist. Doch war die ARD-Paranoia im Vorfeld wirklich begründet? Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des SWR, verteidigt die Geheimhaltung: "Scientology hat permanent versucht, auf unterschiedlichsten Wegen Details über das Projekt zu erfahren. Wir mussten befürchten, dass die Organisation alles tun würde, um mit juristischen Mitteln die Ausstrahlung des Films zu verhindern." Daher habe man "aus Sicherheitsgründen" das Projekt "so lange wie möglich unter Verschluss gehalten". Leise Anflüge von Verfolgungswahn erwischten das Team trotzdem schon beim Dreh. Am Set erzählte man sich, eine Art Pressesprecher von Scientology sei gesichtet worden. Ein andermal fand ein Informant des Regisseurs Niki Stein den Kofferraum seines Autos aufgebrochen vor. Erst dachte er sich nichts dabei, bis Steins Telefon klingelte und er sich an die Notizbücher im Kofferraum erinnerte. "Wir wissen, dass Sie einen Film über Scientology drehen", sagte die Stimme am Telefon und legte wieder auf. Scientology dementiert auf Anfrage jede Beteiligung. Sonst wurden keine Vorfälle aktenkundig. Immerhin: Während der Dreharbeiten spürte auch Aussteiger Rönn wieder altes Unbehagen. Er ist ein schweigsamer Mensch, der zwischen seinen Erzählungen oft hilfesuchend seine jetzige Frau Astrid ansieht. "Meiner Meinung nach war das so", sagt sie dann und übernimmt für ihren Mann das Antworten. Auch sie war einst bei Scientology und stieg dann mit Rönn aus, während dessen erste Frau mit den Kindern dabeiblieb. Astrid von Rönn kann Jahreszahlen, Episoden und Namen besser ordnen. Ihr Mann Heiner wirkt in diesen Momenten wie jemand, der leicht den Überblick übers eigene Leben verliert. Das erklärt vielleicht auch ein wenig, wie erwachsene Menschen anfangen können, an Thetane zu glauben und Zehntausende Euro für Vitamine oder Auditing auszugeben. Bevor Rönn 1984 von Scientology zu einem "Kommunikationskurs" überredet wurde, hatte er von der Organisation nie gehört. Seine damalige Frau war bereits ein paar Monate dabei, überzeugt vom eigenen Bruder. Erst mehr als zehn Jahre später schaffte Rönn den Absprung, hochverschuldet und sozial isoliert; seine Familie war zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Fall fürs Familiengericht. Das alles solle wenigstens im Nachhinein einen Sinn bekommen, als Warnung helfen, findet er. So sei er bei dem TV-Projekt gelandet. 89 Minuten lang erzählt die Fiktion nun bemerkenswert unaufgeregt in Rückblenden, wie ein Mann in die Arme von Scientology gerät und hinterher um das Sorgerecht für sein Kind kämpft. Zu sehen ist auch eine Fahrt in eine Art Straflager in der Europazentrale der Psycho-Organisation, das plötzliche Verschwinden der Ehefrau zur Zentrale in Florida und die Kasernierung der Tochter in einem geheimen Internat. 2,5 Millionen Euro hat die ARD in den Film gesteckt. SWR-Mann Bergengruen hat das Geld in eine penible Recherche, gute Schauspieler und eine ziemlich genaue Rekonstruktion investiert. Obwohl einiges verfremdet wurde, bleibt erstaunlich, wie offensiv das reale Vorbild Rönn mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Dafür hat er jetzt Angst, dass sein Hund vergiftet werden könnte oder man ihm zu Hause die Scheiben einschmeißt. Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als schier unverfilmbar. Unter Filmleuten war man sich nahezu gewiss, dass Scientology Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würde. So übte sich die Öffentlichkeit in Debatten um die Verfassungsmäßigkeit des Imperiums, oder man erzählte sich Schauergeschichten über Gehirnwäschen der obskuren Glaubensgemeinschaft. Dazwischen gab es nichts. SWR-Mann Bergengruen hat nun die Lücke geschlossen. Den Anstoß dazu gab ausgerechnet der Schauspieler und Star-Scientologe Tom Cruise. Im November 2007 wurde ihm mit allerlei Ehrenbezeugungen der Medienpreis Bambi des Burda- Verlags überreicht. Da reichte es Bergengruen. Dass das dramatische Thema nun zur TV-Abendunterhaltung taugt, hat aber wohl noch einen anderen Grund: Erst mit einem bestimmten Abstand eignen sich reale Sujets bisweilen als Fiktion. Die härtesten Auseinandersetzungen zwischen deutscher Öffentlichkeit und Scientology sind schon etliche Jahre her. Andererseits hat die Organisation laut einer Analyse des Verfassungsschutzes angeblich nichts an Gefährlichkeit eingebüßt. Viel spreche dafür, dass sie "sinnvollerweise auch und gerade mit geheimdienstlichen Mitteln beobachtet werden" müsse, urteilte das Verwaltungsgericht Köln. Es sind nur noch ein paar Wochen, bis der Film im Fernsehen zu sehen sein wird. Kürzlich wurde Heiner von Rönn mit Frau und Hund vom Team noch mal in einen Vorführraum gebeten, um ihn vorab zu sehen. Rönn setzte sich mit seinem Hund in die erste Reihe. Als er sah, wie der Mann im Film an einem Geländer steht und sein Kind zum letzten Mal sieht, da weinte er. Das TV-Drama endet mit dieser Szene. Das Leben der Rönns geht weiter. Nach der Vorführung fuhren sie zurück in ihre Dreizimmerwohnung am Hamburger Stadtrand. Im Kinderzimmer bewahrt Astrid von Rönn nun die Wäsche auf. Das ist die Realität ihres Lebens.
Berliner Zeitung, 29.01.2010, Frank Nordhausen
Die Bastion wankt - Viele Prominente in Hollywood sind Mitglieder von Scientology. Jetzt gehen die ersten
Wer eine Scientology-Filiale betritt, bekommt dort meist den Werbefilm „Orientation“ vorgespielt, in dem John Travolta davon schwärmt, wie erfüllt er in der „Kirche“ lebe. „Ohne Scientology wäre ich tot“, sagt seine Ehefrau Kirstie Alley. Am Schluss sagt ein lächelnder älterer Herr: „Wenn du jetzt mit Scientology weitermachst, wirst du sehr froh darüber sein.“ Umso verheerender ist die Botschaft, dass ausgerechnet der Star des Werbefilms jetzt nicht mehr froh ist, sondern die Sekte verlassen hat. Larry Anderson ist ein Hollywoodschauspieler, den die meisten kennen, ohne ihn bewusst wahrzunehmen. Anderson hat in Dutzenden TV-Serien wie „Desperate Housewifes“ gespielt, war Nebendarsteller in Kinofilmen wie „Star Trek“. Und er war bis vor zwei Wochen Mitglied der berüchtigten Scientology-Organisation, als deren Star und Stimme er in vielen Propagandafilmen wirkte. Nun hat der 57-Jährige die Sekte nach 33 Jahren plötzlich verlassen und seine Gründe in der Presse dargestellt. Seither hat Scientology ein Problem mehr. Keine Superkräfte verspürt Die Mitgliedschaft bei Scientology ist an sich nichts Besonderes in Hollywood. Tom Cruise ist in der Sekte, John Travolta ist es und Juliette Lewis. Vor allem aber besuchen viele Mimen, Regisseure und Drehbuchautoren aus der zweiten Reihe die teuren Kurse im Celebrity Centre Hollywood. In diesem Zuckerbäckerschloss werden sie betreut und sollen Superkräfte gewinnen. Und sie erhalten Jobangebote. Denn das US-Filmbusiness ist durchsetzt mit Scientologen, die viel Einfluss auf die Castings haben. Umgekehrt sind die Prominenten Scientologys wichtigste Werbeträger. „Ich wurde zu einem Scharlatan gemacht“, sagte Anderson jetzt der Zeitung St. Petersburg Times. Nie habe er die versprochenen „Gewinne auf der Brücke zur totalen Freiheit“ erreicht. Rund 270 000 Dollar habe er im Lauf seiner Mitgliedschaft bezahlt, um irgendwann als Operierender Thetan – eine Art Gott – wiedergeboren zu werden. Jetzt hatte er genug von der Geldgier der Sekte. Anderson ist nicht der einzige Scientologe, der so denkt. Vor drei Jahren setzte ein regelrechter Exodus im Sektenhauptquartier ein. Topleute wie der Geheimdienstleiter Mike Rinder und der Finanzchef Mark Rathbun sind ausgestiegen. Dutzende „namenlose“ Dissidenten äußern Kritik im Internet. Die Zeichen mehren sich, dass die Absetzbewegung nun Hollywood erreicht hat. Den Anfang machte im April 2008 der Schauspieler Jason Beghe, Darsteller in Serien wie „CSI“ oder „Criminal Minds“. Er warf dem Sektenboss David Miscavige vor, Scientology zu einer „korrupten Organisation“ geformt zu haben, die mit „Einschüchterung und Gehirnwäsche“ arbeite. Vor drei Monaten verließ sogar der Regisseur und Autor der Drehbücher von „Crash“ und „Million Dollar Baby“, Paul Haggis, nach 35 Jahren die Sekte. Das ist von großer Bedeutung, denn nur solange Weltstars wie Cruise, Travolta oder eben Haggis Scientology die Treue halten, lässt sich eine Massenflucht vermeiden. Haggis verabschiedete sich mit der Klage, Scientology habe die Hetzkampagne gegen die Homo-Ehe in Kalifornien mitgetragen: „Ich kann nicht länger einer Organisation angehören, die Schwulen-Bashing toleriert.“ Das war ein Angriff auf L. Ron Hubbard selbst, den Gründer der „Church“, der die Homophobie zum Lehrsatz erhoben hatte. Nach Angaben früherer Leitungskader ist verdeckte Homosexualität ein Thema, das Scientology benutzt, um Mitglieder unter Druck zu setzen. John Travoltas Neigung soll der Grund dafür sein, dass der Mime bis heute dabeiblieb. „Wenn Travolta geht, werden die Akten herausgeholt“, sagt der ehemalige Exekutivdirektor William Franks. Die Sekte verwaltet intime Bekenntnisse ihrer Mitglieder in geheimen Akten. Scientology hat diese Vorwürfe stets dementiert. „Je mehr Prominente gehen, desto mehr kommen die anderen ins Grübeln, sagt Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte Hamburgs. Caberta hat mit ihrer Arbeit viel zur Erosion der Sekte beigetragen, doch sie ist jetzt mit massiven Sparplänen des Hamburger Senats konfrontiert. „Eine effektive Betreuung der Aussteiger wird dann nicht mehr möglich sein“, fürchtet sie. Der Schauspieler Larry Anderson kam durch den Ausstieg seines Freundes Jason Beghe zum Nachdenken. Er hat die „Church“ zur Rückzahlung von 120 000 Dollar aufgefordert, die er bezahlt, für die er aber keine Gegenleistung bekommen haben will. Doch die Scientology-Führer wollten nur zahlen, wenn er öffentlich nicht über seinen Ausstieg rede. Anderson weigerte sich. Daher ist „die Stimme Scientologys“ jetzt die Stimme der Kritiker – mit unabsehbaren Folgen.
Der Standard, 24.01.2010
Helfen durch Handauflegen - Nach der Katastrophe kommt Scientology
"Terapi Gratis": Die Science-Fiction-Sekte Scientology nutzte schon den Tsunami in Südostasien für ihre eigenen Zwecke. Auch nach dem Hurrikan "Katrina" in New Orleans "halfen" Scientologen. Auch den katastrophengebeutelten Menschen in Haiti bleibt dies nicht erspart. Leidgeprüften Haitianern bleibt nichts erspart: Psycho-Sekte will Opfer durch Handauflegen "heilen" Port-au-Prince - Nach dem schweren Erdbeben mischen sich in Haiti auch Anhänger der Psycho-Sekte Scientology unter die Krisenhelfer. Ein privater Spender hat ein Flugzeug organisiert, das 80 Ehrenamtliche und 50 Ärzte aus Los Angeles zu den Erdbebenopfern brachte. In der Hauptstadt Port-au-Prince bieten die Scientology-Anhänger in gelben T-Shirts den Überlebenden, die unter Plastikplanen im Hof eines Krankenhauses kauern, nun ihre Hilfe an - durch Handauflegen. Mit der "Therapie" namens "Assist" würden gekappte Nervenverbindungen wieder zusammengefügt, erklärt Sylvie, eine Scientology- "Heilerin" aus Paris. Neben ihr liegt der 22-jährige Oscar Elweels, der zwei Tage lang unter den Trümmern seiner Schule begraben war. Sein rechtes Bein wurde amputiert, auch das linke ist verwundet. "Vor einer Stunde hatte er kein Gefühl in seinem linken Bein", berichtet Sylvie. "Dann habe ich ihm die Methode erklärt und ihn berührt, und nach einer Weile hat er gesagt: Jetzt fühle ich alles." Scientology wurde 1954 vom Science-Fiction-Autor Ron Hubbard in den Vereinigten Staaten gegründet und hat berühmte Anhänger wie die Hollywood-Stars Tom Cruise und John Travolta.
Berliner Zeitung, 21.01.2010, Frank Nordhausen
SCIENTOLOGY Zweifelhafte Helfer
BERLIN. Er hat einen privaten Jumbo-Jet und will jetzt damit ins Katastrophengebiet fliegen, um Medikamente, freiwillige Helfer und "spirituellen Beistand" zu den Menschen zu bringen. Der Vorsatz ehrte den Schauspieler und Hobbypiloten John Travolta - wäre er nicht Botschafter der Scientology-Organisation, und würde es sich bei den Freiwilligen nicht um Mitglieder der Sekte handeln, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird und in Frankreich kürzlich als kriminelle Bande verurteilt wurde. Mehr als dreißig Helfer will Scientology mit Travolta nach Haiti entsenden, erklärt die Organisation im Internet. Auf Youtube ist zu sehen, wie Scientologen gemeinsam mit einem von der Sekte gesponserten haitianischen Ärzteteam schon am Sonnabend auf dem Kennedy-Flughafen in New York eincheckten. Die Scientologen trugen gelbe T- Shirts, die sie als "ehrenamtliche Geistliche" auswiesen. Ein Vertreter der Botschaft Haitis wünschte ihnen Glück bei der Mission. Doch frühere Erfahrungen zeigen: Den gelb gewandeten "Geistlichen" geht es vor allem um Missionierung, weniger um medizinische Hilfe. Seit dem 11. September 2001 nutzen sie Terrorangriffe und Naturkatastrophen, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Bei allen großen Tragödien tauchten sie auf, ob beim Elbehochwasser 2002 oder nach den U- Bahn-Anschlägen in London 2005. In einer internen Scientology-Zeitschrift hieß es über diese Art von Hilfe im indonesischen Banda Aceh 2005: "Wir brachten den Überlebenden des Tsunamis LRH Tech" - also die "Technologie" des Scientology-Gründers L. Hubbard. Die "ehrenamtlichen Geistlichen" hätten dort 51 376 Männer und Frauen scientologisch "trainiert". Damals beklagte sich das Rote Kreuz, die Scientologen diskreditierten die Arbeit seriöser Hilfswerke .
Auch andere Sekten oder Fundamentalisten nutzen die Katastrophe in Haiti zur Propaganda. So schickten auch Mormonen, Evangelikale und die umstrittene Hilfsorganisation Islamic Relief Mitglieder auf Hilfs-"Mission" nach Haiti.