Archiv Presseartikel letzte 5 Jahre
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2013

Schwarzwälder Bote, 15.12.2013
Baden-Württemberg: Scientology wirbt verstärkt um Mitglieder
Scientology rührt in Baden-Württemberg kräftig die Werbetrommel.
Scientology taucht wieder verstärkt mit Infoständen in den Fußgängerzonen auf. Dies fällt dem Verfassungsschutz auf. Er warnt vor den zunehmenden Aktivitäten der Organisation.
Stuttgart - Die umstrittene Scientology-Organisation geht in Baden-Württemberg wieder verstärkt auf Werbetour. „Bei den Aktivitäten ist ein Aufwärtstrend zu beobachten“, sagte Rainhard Hoffmann vom Landesamt für Verfassungsschutz der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. „Sie betreiben verstärkt Straßenwerbung. Sie waren in den letzten Jahren nicht so präsent.“ In diesem Jahr wurden bislang landesweit mehr als 130 Straßenaktionen gezählt, viele davon im Großraum Stuttgart, berichtete der Verfassungsschützer. „Sie ziehen auch von Haustür zu Haustür.“ Scientology bezeichnet sich selbst als Kirche. Von ihren Kritikern wird die Organisation aber als Sekte angesehen. Seit 1997 wird Scientology von den Behörden im Südwesten überwacht. Vor kurzem wurde bekannt, dass der Bundesverfassungsschutz im Rahmen seiner laufenden Reform auch die Beobachtung der Organisation überprüft. Zur Situation im Südwesten sagte Hoffmann: „Es gibt keine konkreten Überlegungen zur Einstellung der Beobachtung. An der verfassungsfeindlichen Einstellung von Scientology hat sich nichts geändert.“ Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass Scientology wesentliche Grund- und Menschenrechte außer Kraft setzen will. „Es handelt sich um eine gefährliche Organisation, die die Dominanz über die Gesellschaft erreichen will“, sagte Hoffmann. Er sehe keinen Kurswechsel in der Ideologie. Die Organisation forsche weiterhin Gegner aus und schrecke auch nicht davor zurück, sie zu verunglimpfen, wenn sie ihr aus Sicht der Scientologen Schaden zufügten. Ziel sei immer noch, eine neue Zentrale in Baden-Württemberg zu etablieren. Für das Vorhaben wurden nach Hoffmanns Angaben acht Millionen Euro veranschlagt. Das Projekt ziehe sich seit Jahren hin. Es habe gestockt, weil viele Scientologen finanziell ausgeblutet seien. „Vielleicht schaffen sie es, das Projekt in den nächsten zwölf Monaten erfolgreich zu bewerkstelligen.“ Baden-Württemberg sei einer der bundesweiten Schwerpunkte von Scientology. Im Südwesten gebe es 900 Mitglieder. „Die Zahlen sind nach einem schleichenden Rückgang in den letzten zwei Jahren stabil geblieben.“ Bundesweit gebe es etwa 4000 bis 5000 Anhänger. Schwerpunkt im Land ist den Angaben zufolge der Großraum Stuttgart. Es gebe aber auch Missionen in Karlsruhe, Göppingen, Ulm und Kirchheim/Teck.

Evangelisch.de, 07.12.2013, Ralf Schick
Weltanschauungsbeauftragter warnt vor Verharmlosung von Scientology 
Der Verfassungsschutz soll Scientology weiter beobachten, meint der Weltanschauungsbeauftragte der badischen Kirche, Gernot Meier.
Scientology darf nach Ansicht des badischen evangelischen Weltanschauungsbeauftragten Gernot Meier nicht unterschätzt werden. Trotz sinkender Bedeutung und geringer werdender Mitgliederzahlen dürfe die Organisation nicht verharmlost werden, sagte Meier am Samstag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Angesichts der Scientology-Tätigkeiten über Ländergrenzen hinweg forderte der Theologe ein stärkeres Engagement des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Pläne des Bundesamts für Verfassungsschutz, die Beobachtung der Organisation wegen eines Rückgangs der bundesweiten Mitgliederzahlen auf 4.000 praktisch einzustellen, hält Meier für falsch. Man dürfe nicht aufhören, genau hinzusehen und auch gegebenenfalls davor zu warnen, betonte der Kultur- und Religionswissenschaftler. Die Gründe, weshalb sich Menschen Gemeinschaften, Bewegungen oder "religiösen Clubs" zuwenden, seien nur schwer auf einen Nenner zu bringen, sagte Meier. Gegen die Einflussnahme von Sekten könne man sich nur wehren, indem man sich kritisch hinterfrage. "Wenn die Gruppe den Himmel auf Erden verspricht, inklusive der Lösung aller Probleme, Erfolg, Gesundheit, die Zugehörigkeit zu einer kleinen Gruppe Auserwählter und auch noch den spirituellen Aufstieg - dann würde ich schon skeptisch werden", erklärte der Weltanschauungsbeauftragte. Es gebe Positionen, die nicht mit christlichen Vorstellungen zu vereinbaren seien - diese eindeutig zu benennen, gehöre zu den Aufgaben eines Weltanschauungsbeauftragten. Wichtig seien Information und Beratung, manchmal sei es aber auch hilfreich, Kontakt zu anonymen Selbsthilfegruppen herzustellen oder eine psychotherapeutische Ambulanz zu empfehlen. Die Zeiten aber, in denen Weltanschauungsbeauftragte als "Sektenjäger" bezeichnet wurden, seien vorbei, betont der Theologe.

Der Spiegel, 24.11.2013
Verfassungsschützer wollen Scientology-Überwachung stoppen
Umstrittene Sekte: Verfassungsschützer wollen Scientology-Überwachung stoppen Das Bundesamt für Verfassungsschutz verärgert die Länder. Die Behörde will nach SPIEGEL-Informationen die Überwachung von Scientology auf ein Minimum reduzieren. Der Grund: Die Bedeutung der Sekte nehme ab. Hamburg - Das Bundesamt für Verfassungsschutz plant nach SPIEGEL- Informationen, die Beobachtung der Scientology-Organisation praktisch einzustellen - und verärgert damit mehrere Länder. Das Bundesamt wolle seine Prioritäten neu ordnen und daher die Beschäftigung mit Scientology "auf ein Minimum reduzieren", heißt es in einem Schreiben an die Landesbehörden für Verfassungsschutz vom 19. Oktober. Die Bedeutung des Konzerns, der sich als Kirche ausgibt, nehme ohnehin ab. Bundesweit soll die Organisation, der im aktuellen Verfassungsschutzbericht ein "totalitärer Charakter" attestiert wird, noch rund 4000 Mitglieder haben, besonders in Großstädten. Der Verfassungsschutz versucht, seine Kräfte derzeit in Richtung Spionageabwehr zu bündeln; nach dem Auffliegen des Terrortrios NSU war bereits die Abteilung Rechtsextremismus deutlich gestärkt worden. Der Plan, Scientology aus der Beobachtung zu entlassen, trifft aber auf Gegenwehr. Niedersachsen hat Bedenken geäußert, auch Hamburg und andere Länder wollen nicht mitziehen.

Tagesanzeiger 21.11.2013, Hugo Stamm
Wie ein junger Algerier Scientology auf den Leim kroch
Augustin Merzoug glaubte, an einer UNO-Veranstaltung in Genf teilzunehmen. Gelandet war er jedoch bei den Scientologen.
Es begann mit einer E-Mail, die das Leben von Augustin Merzoug radikal veränderte. Sie enthielt eine Einladung zur internationalen Konferenz über Menschenrechte in Genf. Merzoug konnte sein Glück kaum fassen. Als Berber aus der Hochebene Kabylei kämpfte er seit Jahren gegen die Unterdrückung dieser algerischen Minderheit. Nun konnte er vor UNO-Gremien die Diskriminierung dokumentieren. Glaubte er. Denn er las in der «Offiziellen Einladung», dass frühere Konferenzen im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York stattgefunden hatten. Ausserdem stand ein geführter Besuch am Sitz der Organisation in Genf auf dem Programm. Für Merzoug bestand kein Zweifel, dass die einladenden Organisationen «Des Jeunes pour les Droits de l’Homme» eine UNOInstitution war. Zuversichtlich flog der 29-Jährige vor drei Jahren nach Genf. Doch bald erlebte er den ersten Dämpfer. Er hatte seine Rede vorher einschicken müssen und erfuhr nun, dass er diese nicht vortragen dürfe – weil sie zu politisch sei. «Menschenrechte sind doch hochpolitisch», protestierte Merzoug. Vergeblich. Flagge abgenommen Immerhin traf er junge Leute aus aller Welt, denen er vom Schicksal seines Volks erzählen konnte. Als er sich im UNO-Gebäude mit der algerischen Fahne hätte ablichten lassen müssen, weigerte er sich und posierte mit der KabyleiFlagge, die in Algerien verboten ist. «Zwei Bodyguards nahmen mir die Flagge weg», sagt Merzoug. Er war konsterniert: Im demokratischen Musterland Schweiz durfte er nicht sprechen und nicht die Fahne tragen. Um seine Mission zu dokumentieren, stellte er die Bilder auf Facebook und die abgelehnte Rede ins Internet. Das war ein Fehler. Offenbar verfolgte die algerische Botschaft die Konferenz, möglicherweise war ein Angestellter als Teilnehmer anwesend. Auf jeden Fall tauchte die algerische Polizei in Merzougs Dorf in Algerien auf. Seine Freunde rieten ihm, nicht zurückzukehren, weil er mit Repressionen rechnen müsse. Darauf stellte er beim Empfangszentrum Vallorbe VD einen Asylantrag. Untergebracht wurde er im Durchgangszentrum Landegg in Wienacht AR, später bezog er zusammen mit andern Asylsuchenden eine Wohnung in Heiden AR. Der junge Algerier integrierte sich rasch, spielte beim Fussballclub mit und trainierte eine Juniorenmannschaft. Ausserdem engagierte er sich weiterhin im Internet für die Anliegen der Berber und produziert eigene Sendungen für das kabylische Internetfernsehen. Merzoug hätte gern einen Beruf erlernt oder gearbeitet, was ihm als Asylbewerber aber nicht möglich war. Die Monate vergingen, seine Ungeduld wuchs. Freunde engagierten einen Anwalt, der einen Antrag stellte, um das Verfahren zu beschleunigen. Vor kurzem – es waren drei Jahre vergangenen – erhielt er den ersehnten Entscheid. Er war negativ. Für Merzoug, der im Appenzellischen heimisch geworden war, brach eine Welt zusammen. Bis spätestens am 25. November sollte er ausreisen. UNO wusste von nichts Seine Freunde wandten sich an die UNOMenschenrechtskommission, die ihn eingeladen hatte, und erhofften sich Unterstützung. Die Telefonnummer entnahmen sie der Einladung. Der Mann am Handy wollte aber mit der Sache nichts zu tun haben. Das machte den Anrufer misstrauisch. Er begann zu recherchieren und fand heraus, dass der Organisator nicht bei der UNO arbeitete, sondern Scientologe war. Ausserdem stellte sich heraus, dass die Konferenz nicht von der UNO organisiert worden war, sondern von der Menschenrechtsorganisation der Scientologen. Der Berber hörte den Begriff Scientology das erste Mal. Nun war ihm klar, weshalb er die KabyleiFlagge abgeben musste. Die Scientologen wollten keinen politischen Knatsch. Merzoug war ratlos. Seine Freunde beauftragten erneut den Rechtsanwalt, der gegen den Entscheid der Asylbehörden eine Beschwerde einreichte. Der junge Algerier sei gefährdet, es könne ihm nicht zugemutet werden, nach drei Jahren ausreisen zu müssen. Die Frage, ob er die Fotos mit der kabylischen Flagge nicht bewusst ins Internet gestellt habe, um sich zu gefährden und so einen Asylgrund zu provozieren, macht ihn traurig. Er habe die Einladung nach Genf erst zwei Wochen vor der Konferenz erhalten, die Reise also nicht geplant. Ausserdem sei er aus politischem Engagement angereist und kämpfe immer noch intensiv für die Rechte seines Volkes. Nun bangt Merzoug dem neuen Entscheid entgegen. Die Angst, allenfalls in einem der berüchtigten algerischen Gefängnisse zu landen, setzt ihm zu. Die Scientologin, welche die jährliche Menschenrechtsveranstaltung mitorganisiert hatte, sagt zum Vorfall, sie sei nur während der Konferenz für den Algerier zuständig gewesen. Was nachher passiert sei, liege nicht in ihrer Verantwortung. Die Scientologen hätten sich auch nicht als UNO-Organisation ausgegeben.

Der Stern, 19.11.2013, Ellen Ivits
Clearwater - Cruise und Travolta weihen Scientology-Residenz ein 
Nach 15 Jahren ist die Scientology-Kathedrale fertig. Der Klotz ist die neue Zentrale der Sekte, die bei Stars sehr beliebt ist. Doch mit dem Bau sollen auch Spendengelder erschlichen worden sein. 
Mitten im Stadtzentrum von Clearwater ragt die neue Hauptkirche von Scientology empor. Sie mutet wie eine Mischung aus einem Gefängnisbunker, der französischen Bastille und einer modernen Fürstenresidenz an: dicke Mauern, imposante Steinfassade, Türmchen und Wehrgänge. Es ist das höchste Gebäude der Stadt und hat eine Gundfläche von fast 115.000 Quadratmetern. Über 145 Millionen Dollar hat der Bau gekostet, der das Machtzentrum der Sekte beheimaten soll. Am Sonntag versammelten sich rund 6000 Scientologen in der US- amerikanischen Stadt Clearwater, um bei der Eröffnung der neuen Kathedrale dabei zu sein. Auch prominente Mitglieder kamen zu der Feier. Während der achtminütigen Ansprache des Scientology-Führers David Miscavige standen Tom Cruise und John Travolta in der ersten Reihe und lauschten jedem Wort ihres Kirchenoberhaupts. Beide Hollywood-Schauspieler sind bekennende Scientology- Anhänger. Die Eröffnungszeremonie fand im Vorhof des Zentrums statt und wurde für die zahlreiche Anhängerschaft auf großen Bildschirmen übertragen. Profitables Geschäft Die Feier war nur Gemeindemitgliedern vorbehalten. Dennoch mussten selbst langjährige Anhänger kreativ werden, um einen Blick zu erhaschen. Viele mussten vor den Mauern bleiben und kletterten auf Palmen. Danielle Lumberg, Scientologin in dritter Generation, musste auch draußen bleiben: "Das klingt wie in Disney World da drinnen", sagte sie der Zeitung "The Tampa Bay Tribune". Die neue Hauptkirche gehört zu einem größeren Komplex von Gebäuden, der als spiritueller Rückzugsort für Scientologen dient. Im Erdgeschoss sollen auch Räumlichkeiten für Besucher eingerichtet werden. Ein dreistöckiges Atrium soll die Gäste empfangen. In der zweiten und dritten Etage befinden sich Büros und Klassenzimmer. Über dreihundert Räume stehen zudem für Seminare und Beratungen zur Verfügung. Eine Sitzung kann bis zu 1000 Dollar kosten. Baustelle als Goldesel Den meisten Bürgern von Clearwater scheint der Scientology-Bunker vor ihrer Haustür nichts auszumachen. Viele hoffen auf ein profitables Geschäft. "Die Kirche wird das Nachtleben der Stadt beleben und Attraktionen und Festivals anlocken", sagte der Bar- und Restaurantbesitzer Mo Iskander gegenüber der britischen Zeitung "Daily Mail". Außerdem seien die Scientologen immer gut gekleidet, würden nett aussehen und die Stadt verschönern. "Und sie müssen auch essen ", fügte Iskander hinzu. Ein gutes Geschäft scheint die neue Hauptkirche jedoch nicht nur für Gastronomiebesitzer zu sein. Die Bauarbeiten begannen bereits 1998, wurden jedoch unterbrochen, nachdem das Außengerüst fertig war. Ganze drei Jahre lag die Baustelle still, bis die Stadt Bußgelder zu erheben begann. Scientologen-Aussteiger erklären den Baustopp damit, dass der Bau als Fundraising-Geldgrube verwendet wurde. Die ehemaligen Scientology-Anhänger Paar Rocio und Luis Garcia spendeten mehr als 340.000 Dollar für den Bau der Kathedrale. Verklagten jedoch später Scientology vor einem Bundesgericht wegen der Bauverzögerungen und beschuldigten die Sektenführer, das Projekt für Spendensammelaktionen zu missbrauchen. Recherchen der regionalen Zeitung "Tampa Bay Times" ergaben, dass ursprünglich der Bau nur 100 Millionen Dollar kosten sollte, aber über 145 Millionen Dollar an Spenden gesammelt wurden.

Focus, 19.11.2013
Nochmal Clearwater-Eröffnung mit weiteren Details
145 Millionen Dollar Kosten - Scientology eröffnet Zentrale für „Super Power“- Programm Nach 15 Jahren Bauzeit ist er fertig: Der 28 000 Quadratmeter große Prunkbau der Scientology im amerikanischen Clearwater soll 145 Millionen Dollar Baukosten verschlugen haben. Nur hier können die Gläubigen das von Gründer L. Ron Hubbard entwickelte „Super Power“-Programm ausüben. Rund 6000 Scientologen, darunter auch die Hollywood-Schauspieler John Travolta und Tom Cruise, sollen amerikanischen Medienberichten zufolge zur feierlichen Eröffnung des neuen Scientology-Zentrums am Wochenende gekommen sein. Nur Mitglieder der Sekte durften daran teilnehmen – den Medien und der Öffentlichkeit wurde der Zugang zum Inneren des riesigen Gebäudes verwehrt. Das schreibt die regionale Tageszeitung „Tampa Bay Times“. Das „Flag Mecca“, wie der Bau auf der offiziellen Website von Scientology genannt wird, ist das erste und vorerst einzige Gebäude, welches zur Ausübung des „Super Power“-Programms geeignet sei. Ende der 1970er-Jahren wurde dieses von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard entwickelt und soll die 57 Sinne des Menschen schärfen. Die Mitglieder der Sekte sollen so die Fähigkeit erhalten „ein neues Level der Aufmerksamkeit zu erreichen“. Das sagt Joe Childs, Reporter der „Tampa Bay Times“, gegenüber dem US-Sender „ABC News“. Fünfte Etage für Hubbards „Super Power“-Programm In der fünften Etage des „Flag Mecca“ befinden sich die Spezialräume für das „Super Power“-Programm. So sollen die Scientologen beispielsweise in einem rotierenden Kreisel um ihre eigene Achse gedreht werden und auf diese Weise den Gleichgewichts- und Orientierungssinn testen. „Es gibt Maschinen, die laut Scientology, helfen den Geruchs- und Geschmackssinn auszubilden“, sagt Joe Childs. Des Weiteren beherbergt das neue Scientology-Zentrum ein dreistöckiges Glas- Atrium, eine Kapelle für Hochzeiten, Taufen und Gottesdienste, 14 Beratungszentren mit insgesamt 300 einzelnen Beratungszimmern für Seelsorger. In den 22 Kursräumen können laut Angaben der Sekte 1300 Personen gleichzeitig geschult werden. In einer aufwändigen Spenden-Kampagne soll Scientology seit Anfang der 1990er Jahre mehr als 145 Millionen Dollar für die Finanzierung des Prunkbaus gesammelt haben. Die „Tampa Bay Times“ berichtet von Einzelpersonen, die im Zuge der „Super Power“-Kampagne mehr als 1 Millionen Dollar in die Sekte investiert haben.

Südafrika-Portal, 01.11.2013
Scientology-Expansion in Südafrika „Castle Kyalami“ als Ort der „perfekten Gehirnwäsche“, so europäischer Sektenkritiker (2010sdafrika-Redaktion)
Yasmine M. ist etwa 35 Jahre alt und mit Jean Marc M. glücklich verheiratet, einem Mitarbeiter einer Johannesburger TV-Produktionsfirma. Beide zählen zum schwarzen Mittelstand Südafrikas. Gebildet, gut verdienend und selbstbewusst. Zudem glauben beide an Gott. So entschlossen sie sich, die “Scientology-Kirche” zu kontaktieren. Puneet Dhamija, ein Inder der für die Liebe zu einer Südafrikanerin ans Kap zog, ist Direktor von Scientology in Johannesburg. Yasmine und Jean Marc M. erhielten von Dhamija eine Einladung, sich das von Scientology betriebene „Castle Kyalami“ anzuschauen. Sie taten es auch, ohne sich den Gefahren der Beeinflussung und Abhängigkeit bewusst gewesen zu sein. © Mit dem „Castle Kyalami“ kaufte die Scientology-Organisation in Südafrika ein protziges Schloss, dass die Expansion der Sekte in Afrika beschleunigen soll. Bekannt ist diese Einrichtung als beliebter Tagungsort, der vor allem die Mittelschicht anzieht.
Das „Castle Kyalami“ ist ein protziges Schloss in der Provinz Gauteng, unweit gelegen von den beiden Scientology-Standorten in Pretoria und Johannesburg. Bekannt ist diese Einrichtung für das Zelebrieren von luxuriösen Geburtstagsfeiern, Hochzeiten und Geschäftstreffen. Im März 2008 erwarb die in deutschen Geheimdienstkreisen als Sekte bezeichnete Scientology-Organisation diese Einrichtung. Bisweilen kommen viele kaufkräftige Leute zum Ort Kyalami, der auch bei Autofahrern wegen seiner Rennbahn sehr beliebt ist. Das „Castle Kyalami“ wird nicht nur für Events genutzt, sondern auch für Scientology-Trainingskurse. Als sogenannte „New Advanced Organisation“ dient diese elitäre Einrichtung zur „Erreichung höherer Stufen“ und zum „Erlangen von spiritueller Freiheit“. Das von Scientology-Chef David Miscavige erarbeitete Konzept sieht vor, Lehreinheiten für Fortgeschrittene innerhalb eines Kontinents anzubieten.
Solche „New Advanced Organisations“ untermauern den Geltungsrang von nationalen Scientology-Vertretungen. Entsprechende Institutionen finden sich beispielsweise in Kopenhagen, in Los Angeles und in Sydney wieder. In Deutschland reichte es für diese Gründung nicht aus, da die deutsche Öffentlichkeit zu kritisch gegenüber dieser US-Sekte eingestellt ist. Im Schloss passen bis zu 1.000 Scientologen, die auf einem neun Hektar großen Terrain „geschult“ werden. Ein europäischer Scientology-Kritiker spricht auf Anfrage von “perfekter Gehirnwäsche“, die durch die harmonische Umgebung beschleunigt wird. Mittelalterliches Ambiente und luxuriöses Flair verstärken das eigene Bedürfnis, länger im „Castle Kyalami“ verweilen zu wollen. Den eigenen Erkenntnissen nach ist das Schloss vor allem in diesem Jahr gut besucht gewesen. Kritische Stimmen zu Scientology hört man in Südafrika so gut wie überhaupt nicht. Die Expansion schreitet ungehindert voran. Das Online-Medium “SÜDAFRIKA – Land der Kontraste” beobachtet seit längerer Zeit die Scientology-Aktivitäten am Kap, etwa zur südafrikanischen Hauptstadt-Repräsentanz in Pretoria, die unweit von der Deutschen Botschaft Pretoria und vom Präsidialamt gelegen ist. Ebenso standen die Kontakte der Sekte mit hohen Vertretern des Staates im Mittelpunkt der eigenen Berichterstattung. Zudem wurde Wilfried Handl, einer der populärsten Scientology-Aussteiger im deutschsprachigen Raum, interviewt.

unternehmen-heute.de, 16.10.2013
Scientology muss in Frankreich Geldstrafe zahlen
Zwei Einrichtungen der umstrittenen Scientology-Bewegung in Frankreich müssen wegen "bandenmäßigen Betrugs" zusammen eine Strafe von insgesamt 600.000 Euro zahlen. Scientology kündigte den Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte an. 
Zwei Einrichtungen der umstrittenen Scientology-Bewegung in Frankreich müssen wegen "bandenmäßigen Betrugs" zusammen eine Strafe von insgesamt 600.000 Euro zahlen. Der französische Kassationsgerichtshof in Paris wies den Einspruch von Scientology zurück und bestätigte damit ein Berufungsurteil von Anfang 2012, das nun rechtskräftig ist. Die Scientology-Bewegung kündigte den Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte an. Der Anwalt der beschuldigten Scientology-Einrichtungen hatte vor dem Kassationsgerichtshof einen Verstoß gegen die Religionsfreiheit geltend gemacht. Der Staatsanwalt hatte hingegen erklärt, Grund für die Verurteilung seien nur "Verstöße gegen das Strafrecht" gewesen. Der Kassationsgerichtshof folgte nun dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die Revision gegen das Berufungsurteil von 2012 zurückzuweisen. Den beiden Scientology-Einrichtungen - dem in Paris ansässigen Celebrity- Zentrum und seiner Buchhandlung - war vorgeworfen worden, Anhänger in den 90er Jahren psychisch unter Druck gesetzt zu haben, um sich an ihnen zu bereichern. Der erste Prozess war durch die Strafanzeige einer Frau ins Rollen gekommen, die rund 20.000 Euro für Bücher, Medikamente und "Kommunikationskurse" der Organisation gezahlt hatte. Im Berufungsverfahren stellte ein Pariser Gericht im Februar 2012 fest, die Organisation habe die Schwäche früherer Anhänger ausgenutzt, um ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen. So seien Persönlichkeitstests, die laut Scientology ein negatives Bild ergaben, dazu genutzt worden, den Betroffenen Leistungen in "rein finanzieller Absicht" anzubieten. Fünf Scientologen wurden ebenfalls verurteilt; die Strafen reichten von 10.000 Euro Geldstrafe bis hin zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe plus 30.000 Euro. Zu den Verurteilten zählt auch der Gründer und Leiter des französischen Ablegers von Scientology, Alain Rosenberg. Scientology will nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen. Das Straßburger Gericht kann prüfen, ob Frankreich das Grundrecht der Scientology-Bewegung auf freie Religionsausübung verletzt hat oder nicht. Es kann das französische Urteil aber nicht annullieren. Im erstinstanzlichen Verfahren hatte die Anklage auch die Auflösung der Scientology-Organisationen in Frankreich verlangt. Dies war aber unmöglich, weil im Mai 2009 - einige Monate vor der Urteilsverkündung - eine Gesetzesänderung verabschiedet wurde, die Sekten vor einer Auflösung schützt. Die 1954 gegründete Scientology-Bewegung gilt in den USA als Religion, in Frankreich wird sie hingegen in mehreren Berichten des Parlaments als Sekte eingestuft. In einigen deutschen Bundesländern wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Organisation hat nach eigenen Angaben weltweit rund zehn Millionen Mitglieder, davon 45.000 in Frankreich. Bekannteste Vertreter sind die Hollywoodstars Tom Cruise und John Travolta. Dieser Artikel aus der Kategorie Panorama wurde von AFP am 16.10.2013, 17:07 Uhr mit den Stichwörtern Frankreich, Religionen, Scientology, Betrug, Justiz, ZF, veröffentlicht.

Tages-Anzeiger, 28.09.2013, Hugo Stamm
Geheime Kursunterlagen von Avatar (Harry Palmer) 
Mit Avatar-Kursen zu einer erleuchteten planetaren Zivilisation Geheime Kursunterlagen einer weltweit tätigen Firma führen in eine Parallelwelt. Angehörige von Zürcher Teilnehmern warnen vor psychischen Folgen.
Zürich - Avatar-Kurse sollen die Teilnehmer befähigen, das eigene Universum zu kreieren und den Weltfrieden zu fördern. Die vollmundigen Versprechen erinnern nicht zufällig an Scientology: Der Avatar-Gründer Harry Palmer war aktiver Scientologe und hat einige Inhalte und Prozedere von der Sekte übernommen. Deshalb erstaunt es nicht, dass sich immer wieder Leser aus dem Raum Zürich an den TA wenden, weil ihre Angehörigen in eine Parallelwelt abrutschten. Die geheimen Kursunterlagen, die dem TA zugespielt wurden, zeigen denn auch problematische Seiten der teuren Kurse des 69-jährigen Amerikaners Harry Palmer. Die Kritik der TA-Leser zielt mehrheitlich auf zwei Punkte: Ihre Angehörigen würden nach Kursen psychische Auffälligkeiten entwickeln oder sich derart geistig entfremden, dass es zu Konflikten in Beziehungen komme. Tatsächlich werden problematische Übungen durchgeführt und übermenschliche Fähigkeiten versprochen, die seelische Zwiespälte bewirken können, wie die Kursunterlagen zeigen. Im Professional-Kurs spricht Palmer von der Mission, eine «erleuchtete planetare Zivilisation auf der Erde zu kreieren». Damit ist das Ziel klar: eine weltweite Verbreitung, wie sie auch Scientology-Gründer Ron Hubbard formuliert hat. So ist es nicht mehr weit bis zum Übermenschen: «Wir haben hier einen Prozess, in dem sich Menschen von materiellen, fleischlich-dichten Körpern in äussert bewusste spirituelle Wesen verwandeln, in unbegrenzte Wesen.» Palmer erklärt die Avatare zu den «fähigsten Wesen auf diesem Planeten» und zu «Erlösern der Welt». Solche Parolen erzeugten ein «ungeheures Elite- und Sendungsbewusstsein», erklärt die Zürcher Beratungsstelle Relinfo. Das eigene Bewusstsein steuern Ähnlich wie Hubbard erklärt Palmer, die Technik zu besitzen, um das eigene Bewusstsein zu steuern. Es geht um geistige Verfahren, die «buchstäblich zu einem Schlüssel zu den Geheimnissen des Universums» wurden. Das Grundrezept ist denkbar einfach: Wer in seinem Leben etwas verändern, also verbessern will, muss nur seine Überzeugungen anpassen. Palmer fordert seine Avatare auf, das eigene Universum «ganz nach deinem Geschmack» zu kreieren. So lockt er die Teilnehmer in eine Superwelt: «Mit genügend Forschung (…) wirst du die Schwerkraft überwinden und durch Flattern mit den Armen fliegen können.» Wenn Palmer von der Treue zu Avatar erzählt, verbreitet er die Atmosphäre einer Sekte: «Das ist unsere heimliche Stärke. Wir sind zusammen, für immer. Ich liebe euch.» Kontrolle über den Verstand Schon beim ersten Kurs, dem Resurfacing, verspricht Harry Palmer viel. Teilnehmer hätten bei den Übungen Wunderheilungen in Hülle und Fülle erlebt. Im Zentrum des dreiteiligen Avatar-Kurses steht die Schaffung eines eigenen Universums und Bewusstseins. Nach esoterischem Muster sollen die eigenen Talente entwickelt und Visionen verwirklicht werden. Beim Selbstermächtigungskurs sollen die Teilnehmer die Kontrolle über den Verstand wiedererlangen und die aussersinnliche Wahrnehmung entwickeln. Es klingt so, als könnten Avatare alle unangenehmen Aspekte wie eine Festplatte löschen. Weiter geht es darum, Begrenzungen durch geistige Übungen in allen Lebensbereichen zu überwinden und Blockaden zu lösen. Palmer will vor allem den störenden Verstand bei den Teilnehmern ruhigstellen. Wer keinen Erfolg habe, denke zu viel. Der Zürcher Avatar Andreas Wildi erklärt es auf seiner Website so: Was Quantenphysik und Geisteswissenschaften entdeckten, könne mit den Avatar-Materialien intuitiv erfahren werden, «ohne Kopfzerbrechen».Der dreiteilige Avatar-Kurs dauert neun Tage und kostet 3680 Franken. Hinzu kommen Reisespesen und Aufenthaltskosten, oft in Florida. Viele Teilnehmer werden animiert oder gar gedrängt, Master-Kurse zu belegen, die zwischen 2500 und 12 000 Dollar kosten. Avatar-Lizenznehmer müssen Provisionen abliefern. Palmer hat ein komplexes Lizenz- und Gebührensystem geschaffen. Ein qualifizierter Master sollte mindestens zehn Kursteilnehmer rekrutieren. Ehemalige Master berichten, dass sie sich unter Druck gefühlt hätten. Dem TA ist ein Fall bekannt, bei dem ein Master einem verschuldeten Teilnehmer die Kursgebühr vorgeschossen hat, die dieser nun abstottern muss. Ein anderer Master findet die Avatar-Kurse nach wie vor wertvoll, doch er bedauert, dass der Pioniergeist verloren gegangen sei. Avatar-Teilnehmer verpflichten sich mit ihrer Unterschrift, die Kursunterlagen nicht weiterzugeben oder gerichtlich gegen das Unternehmen vorzugehen. 100 000 Avatare weltweit Laut eigenen Angaben haben schon über 100 000 Personen in 71 Ländern Kurse absolviert, die Palmer seit 1986 anbietet. Avatar dürfte einen Umsatz von gegen einer halben Milliarde Franken erwirtschaftet haben. In der «Wohlstandsübung» lernen die Teilnehmer, einen lockeren Umgang mit Geld. «Die erfolgreichsten Master sind gut im Verkaufen», schreibt Palmer und warnt, dass ein Master Mitglied eines «knallharten Vereins» werde. Die für die Schweiz zuständige Holländerin Pieta van der Ham war nicht bereit, Fragen zu beantworten. Verschiedene Zürcher Master wehren sich gegen die Kritik an Avatar. Sie streiten ab, dass finanzieller Druck auf Interessenten ausgeübt werde und Avatar auch nur entfernt mit Scientology vergleicht werden könne. Ihnen ist auch nicht bekannt, dass die Kurse zu negativen psychischen Reaktionen oder zu Spannungen in Beziehungen führten. Sie glauben daran, was Harry Palmer verspricht: «Für einen Avatar ist das Leben mühelos.»

Zentral+, 13.09.2013
Umstrittene Dianetik-Kurse Schüler-Nachhilfe mit Scientologen-Falle in Littau 
Eltern, die schulische Schwächen ihrer Kinder bei einem privaten Nachhilfelehrer ausbügeln wollten, landeten in Dianetik-Kursen. Das passierte in Littau. Dabei war nicht allen Eltern bewusst, dass diese Kurse von Scientology sind. Betroffene Schulleiter kritisieren die unklare Information. Die 12-jährige Primarschülerin hatte Schwächen in Deutsch – und schöpfte Hoffnung: An der Pinwand in ihrem Schulhaus im Luzerner Stadtteil Littau fand sie einen Flyer mit einem Nachhilfe- Angebot ganz in der Nähe. Das Angebot des Nachhilfelehrers Otmar L.* von Lernhilfe- Luzern.ch tönt vielversprechend: «Ich habe viel Erfahrung damit, die Schwachpunkte zu finden und korrigieren zu helfen. Wir könnten also einmal zusammensitzen und schauen, wo wir anpacken müssten», schreibt Otmar L. auf seiner Homepage. Die Eltern buchten das Angebot. Nachhilfelehrer vermittelt Kurs Otmar L. besuchte die Primarschülerin in ihrem Elternhaus und erteilte Nachhilfeunterricht. Die Schülerin war zufrieden mit seiner Unterstützung. «Die Nachhilfe im schulischen Fach war gut, da hat mir Herr L. geholfen», sagt die Tochter von Einwanderern. «Nachhilfe geben ist mein grosses Hobby», schreibt Otmar L. in einem Mail an zentral+, «und ich finde es grossartig, Schülern zu mehr Freude und Erfolg in der Schule verhelfen zu können». Scientology - bereits früher in Littau aktiv In Littau war die Scientology-Kirche schon einmal aktiv: 1999 entzog der Luzerner Regierungsrat einer Privatschule die Betriebsbewilligung, als sich herausstellte, dass die Lehrerin und Vertreter der Schule der Scientology angehörten. Der Regierungsrat begründete den Bewilligungsentzug mit mangelnder Vertrauenswürdigkeit in die Trägerschaft. Die Scientology-Kirche ist umstritten wie kaum eine religiöse Gemeinschaft. Nach eigener Einschätzung ist Scientology eine Religion im wahrsten Sinne des Wortes, da sie hilft, dem Menschen völlige spirituelle Freiheit und Wahrheit zu bringen. Die Scientologen glauben, dass das unsterbliche Wesen jedes Menschen, der Thetan, in der Vergangenheit beschmutzt worden ist. Mit Scientology-Technologien, insbesondere dem Auditing, soll der Geist «clean» werden. Für Aussteiger und Gegner ist Scientology eine totalitäre Ideologie mit antidemokratischer Stossrichtung. Viele Gegner bezeichnen Scientology als Wirtschaftsimperium, das mit Hilfe von Tarnfirmen die Gesellschaft zu unterwandern versuche. Gefürchtet ist auch der rüde Umgang von Scientologen mit Aussteigern und Gegnern. Das Landesamt für Verfassungsschutz von Baden-Württemberg beurteilt die Ansichten von Sektengründer Hubbard gar als «unvereinbar mit der verfassungsmässigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland». Nachhilfe für Schweizer- und Migrantenkinder wird im Kanton Luzern unter anderem vom Verein ZiB Zentrum für interkulturelle Bildung angeboten. ZiB wird von der öffentlichen Hand, von Kirchen und von Stiftungen unterstützt. Das Angebot ist extra kostengünstig gestaltet und soll besonders für Familien mit kleinem Einkommen zur Verfügung stehen. Doch dann geht Otmar L., EDV-Fachmann und nebenberuflicher Nachhilfe-Anbieter, einen Schritt weiter. Die Schülerin sagt: «Herr L. hat mir einen Kurs empfohlen. Er hat mich auch zu diesem Kurs begleitet. Der Kurs war in Emmenbrücke und hiess «Lernen wie man lernt». Das war vor rund anderthalb Jahren. Verunsicherte Schüler im Visier Die Schülerin musste Texte lesen und damit arbeiten, das heisst, es ging um das Textverständnis. Was die Schülerin nicht wusste: Die angewandte Studiertechnik basiert auf den Werken des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard. Und den Kurs besuchte sie im Kurslokal der «Dianetik & Scientology Mission der Church of Scientology Luzern» an der Neuenkirchstrasse 18b in Emmenbrücke. Nach einigen Lektionen brach die Primarschülerin den Kurs jedoch ab. «Ich wollte selbständig weiter arbeiten, es allein versuchen. Der Kurs hat mir nichts gebracht.» Georg Otto Schmid von Relinfo, der evangelischen Informationsstelle für Kirchen, Sekten und Religionen in Rüti (ZH), stellt fest: «Wir beobachten schon lange, dass Scientologen versuchen, verunsicherten Schülerinnen und Schülern Scientology- Kurse zu vermitteln». Scientologen seien im Nachhilfemarkt «stark engagiert». Angebote sind nicht transparent «Für uns sind solche Angebote dann problematisch, wenn nicht klar deklariert wird, dass es sich um Kurse der Scientologen handelt», erklärt Schmid von Relinfo. «Das muss aber transparent sein, damit die Eltern frei entscheiden können, ob sie ihre Kinder zu Scientologen schicken wollen oder nicht.» Bei den Angeboten von Nachhilfe-Luzern werde der Zusammenhang zu Scientology zu wenig klar kommuniziert. Wie oft Otmar L. Dianetik-Kurse vermittelte oder noch vermittelt, ist unklar. Otmar L., in früheren Scientology-Publikationen als Mitglied gelistet, schreibt in einem Mail an zentral+, es seien «nicht gerade viele», die auf seine Empfehlung hin einen Kurs bei Scientology besucht hätten. Seine Lernhilfe bestehe schon seit vielen Jahren, und er habe schon «viele Dutzende Schüler in Ihren Schulschwierigkeiten begleitet und ihnen effizient geholfen – ohne sie zu Dianetik-Kursen zu führen.» Nach welchen Kriterien Otmar L. Dianetik-Kurse vermittelt, schreibt er in seinem Mail an zentral+: Neben der Nachhilfetätigkeit checke er «jeweils auch nebenläufige Faktoren wie familiäres und schulisches Umfeld, Fernsehkonsum, Ernährung, Schlaf, Hobbys, usw., um noch erfolgreicher helfen zu können.» Werbung für Scientology-Kurse Zu einzelnen oder mehreren dieser Punkte gebe er jeweils Empfehlungen ab, «wenn ich dort Bedarf feststelle und es für richtig halte». «So empfehle ich den einen oder den anderen der beiden Kurse, die Sie auf meiner Homepage aufgeführt finden. Beispielsweise, wenn ich speziellen Konzentrationsmangel oder grössere Probleme mit der Lerntechnik feststelle.» Die Kurse werden also nicht nur informell, sondern – neben Informationen über die Nachhilfe und Testimonials von ehemaligen Nachhilfeschülern – auch offiziell auf der Homepage von Otmar L. beworben. Gelistet sind eine Kurs-Empfehlung für die Verbesserung der Lernfähigkeit in der Schule sowie eine Kurs- Empfehlung für Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit in der Schule. Bis gestern 12. September ist in der Kursbeschreibung jedoch nicht erwähnt worden, dass die Kurse zu Scientology führen. Nur wer genau hinschaute, fand auf Buch-Illustrationen den Namen des Scientology-Gründers L.Ron Hubbard. Kurse neu deklariert Aufgrund der Recherchen von zentral+ hat nun Otmar L. die Präsentation der Kurse ergänzt. Seit gestern deklariert er die Angebote neu als Scientology-Kurse. Zuvor hatte er noch argumentiert, Dianetik sei weder etwas Verbotenes noch etwas Schlechtes, und es werde Nichts «nicht transparent gemacht». «Wieso auch? Würde es Sie denn beruhigen, wenn ich diese auf meiner Homepage als Dianetik-Kurse bezeichnen würde?» Später führte er aus, es sei wohl dem Frieden zuliebe «das Beste, wenn ich bei nächster Gelegenheit mal den Text zu diesen Kursen entsprechend ergänze und den Begriff «Scientology-Kurs» einfüge». Das hat Otmar L. nun getan. Die Geschichte der Primarschülerin aus der Einwandererfamilie ist noch nicht zu Ende. Während der Nachhilfestunden zu Hause spricht Otmar L. auch die Eltern an und bewegt sie dazu, in der Scientology-Mission in Emmenbrücke eine Informationsveranstaltung zu besuchen. Die Eltern erklären gegenüber zentral+: «Man versprach uns mehr Erfolg im Beruf.» Kurse auch für Eltern Der Vater lässt sich schliesslich zu einem Dianetik-Kurs überreden. «Es nahm mich wunder, ob es etwas bringt. Aber es hat nichts gebracht, und so habe ich wieder aufgehört.» Anschliessend wurde er telefonisch und schriftlich zum Weitermachen aufgefordert, doch als er kein Interesse zeigte, liess man ihn in Ruhe. Insgesamt hat die Familie rund tausend Franken für Kursgelder und Bücher ausgegeben. Ein Schulhausleiter in Littau, der nicht namentlich zitiert werde möchte, kritisiert das Vorgehen von Otmar L. «Ich vermisse eine klare Trennung der Interessen Aufgabenhilfe und ‹Lebenshilfe›. Dies wäre gerade in Momenten nötig, wo Eltern typischerweise verunsichert sind.» «Schule wolle das Kind vergiften» Er konkretisiert das mit einem Beispiel, das er hautnah miterlebt hat. Es geht dabei um ein Kind mit einer Verhaltensstörung, welches von einem Arzt Medikamente verschrieben bekam. Auch dieses Kind stammt aus einer Familie mit Migrationshintergrund – und war bei Otmar L. in der Nachhilfe. «Herr L. sagte der Mutter des betroffenen Kindes, sie solle die Medikamente sofort absetzen, die Schule wolle ihr Kind vergiften», wirft der Schulhausleiter dem Nachhilfelehrer vor. Dieser Vorwurf scheint nicht aus der Luft gegriffen: Scientology lehnt den Gebrauch von Psychopharmaka laut Sektenexperten strikt ab. Die schulmedizinische Psychiatrie werde durch die Scientology- Satellitenorganisation «Bürgerkommission für Menschenrechte» bekämpft. Mutter musste Handy-Nummer wechseln «Die verunsicherte Mutter fühlte sich von Herrn L. verstanden», erzählt der Schulhausleiter. Sie liess sich zu einem Kurs in der Scientology-Kirche in Emmenbrücke überreden. «Als sie jedoch merkte, dass der Kurs von Scientology gegeben wurde, brach sie den Kontakt ab.» «Darauf», so der Schulhausleiter, «wurde die Frau bedrängt, weitere Kurse zu besuchen. Das ging so weit, dass sie schliesslich ihre Handy-Nummer wechseln musste», beschreibt er die Situation. Otmar L. bedauert dies. Er schreibt: Falls dies wirklich so war, dass eine Person «unter Druck gesetzt» wurde, weitere Kurse zu besuchen, finde ich dies genauso schlecht wie die Person selber. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch und verfechte klar das freie, persönliche Entscheidungsrecht. Dies gilt nicht nur für mich, sondern auch für andere.» Unter Littauer Schulhausleitern sorgt die Verbindung von Nachhilfe und Scientology für Unmut. Eine Schulhausleiterin sagt: «Die Eltern von Nachhilfeschülern sind naturgemäss verunsichert. Dass man dies nun auch noch ausnützt, ist beschämend.» *Name der Redaktion bekannt

Tagesanzeiger,15.08.2013 Hugo Stamm
Wo ist die Frau des Scientology-Bosses?
Die US-Schauspielerin Leah Remini hat die Sekte nach 30 Jahren verlassen. Bei der Polizei gab sie eine Vermisstenanzeige auf: weil die Frau des Sektenführers seit Jahren nicht mehr gesehen wurde.
Scientology muss den nächsten Abgang eines prominenten Mitglieds verkraften. Es ist für die Sekte eine Scheidung mit Getöse. Der Star der amerikanischen Sitcom-Serie «King of Queens», die 43-jährige Schauspielerin Leah Remini, kehrte der Sekte nach 30 Jahren den Rücken und ging direkt zur Polizei. Was sie dort zur Anzeige brachte, ist mindestens so spektakulär wie die Trennung von Scientology. Leah Remini gab eine Vermisstenanzeige auf. Verschollen sei ihre Freundin Shelly Miscavige, die Frau von Scientology-Leader David Miscavige, gab sie zu Protokoll. Der Plot könnte tatsächlich aus einer Sitcom stammen, doch Leah Remini stürmte im heiligen Ernst auf die Polizeistation. Ihre Freundin war für sie seit rund sechs Jahren verschollen, ihre Nachforschungen blieben erfolglos. Stutzig machte sie vor allem die abweisenden Reaktionen von Shellys Ehemann, dem Sektenleader. Die mysteriöse Geschichte begann im November 2006 bei der Hochzeit von Tom Cruise und Katie Holmes, die inzwischen Scientology ebenfalls verlassen hat. Trauzeuge David Miscavige war ohne seine Frau angereist, was Leah Remini sonderbar fand. Auch bei späteren Nachfragen sei sie jeweils schroff zurechtgewiesen worden.
«Verhört und schikaniert» 
Die Schauspielerin hatte den Eindruck, danach unter Beobachtung zu stehen. Sie sei verhört und schikaniert worden, berichtete sie. Diese Reaktionen des Sektenkaders führten zur Entfremdung und schliesslich zur Trennung. Sie lasse sich nicht vorschreiben, was sie zu denken habe, sagte die Schauspielerin amerikanischen Medien nach ihrem Ausstieg. AdTech ad Die Polizei von Los Angeles nahm die Anzeige ernst und schickte die Sondereinheit für vermisste Personen los. Offensichtlich spürten die Beamten Shelly Miscavige auf, doch sie verraten nichts über den Aufenthaltsort oder die Lebensumstände der Frau des Sektenführers. Leah Remini ist mit der Antwort der Ermittler nicht zufrieden. Sie weiss, was mit Scientologen passiert, die in Ungnade gefallen sind.Bald meldeten sich auch hochrangige Aussteiger und Kritiker. Das ehemalige Kadermitglied Amy Scobee, das prominente Scientologen wie Tom Cruise und John Travolta betreut hatte, ist sich ziemlich sicher, dass die Frau von Miscavige in einem geheimen Rehabilitationszentrum von Scientology festgehalten wird. Der Journalist und Scientology-Beobachter Tony Ortega ist gar überzeugt, dass Shelly Miscavige im entlegenen Zentrum beim Lake Arrowhead in den San-Bernardino-Bergen in Kalifornien stationiert ist, das Aussteiger als Straflager bezeichnen.Scientology bestreitet alle Vorwürfe und bezeichnet die Anzeige von Remini als reine Schikane. Die Organisation betont, dass Shelly Miscavige jeden Tag hart für Scientology arbeite. 
Enthüllungsbuch geplant
Die Vermisstenanzeige von Leah Remini ist aber nur der erste Akt. Die Schauspielerin will ein Enthüllungsbuch über ihre Leidenszeit bei Scientology schreiben und auch ihre Beziehung zu David Miscavige und seiner Frau thematisieren. Mehrere Verlage sollen sich um die Rechte reissen und ihr ein Millionenhonorar anbieten. Die Geschichte der verschwundenen Shelly Miscavige erinnert an das Schicksal von Ron Hubbard. Der Scientology-Gründer war Anfang der 80er-Jahre von der Bildfläche verschwunden, es gab jahrelang kein Lebenszeichen. 1986 verkündete die Sekte aus heiterem Himmel, Hubbard sei verstorben und eingeäschert. Über seine letzten Lebensjahre und die Todesumstände schweigt die Sekte bis heute. Als Nachfolger wurde der damals 26-jährige Hardliner David Miscavige inthronisiert, der in der Sekte aufgewachsen war.

Solothurner Zeitung, 13.08.2013, Andreas Toggweiler
Scientologen-Gruppe will in Grenchen die «wahre Lehre» praktizieren
Abtrünnige Jünger von L. Ron Hubbard sind neu an der Mazzinistrasse aktiv. Die «Ron's Org» versteht sich als Abspaltung der traditionellen Lehre. Sie vertritt jedoch die gleichen Ansichten wie die Scientology-Sekte.
Die nach eigenen Angaben grösste Schweizer Gruppe von dissidenten Hubbard- Jüngern ist seit kurzem in Grenchen aktiv. «Seit über 25 Jahren liefert Ron’s Org Grenchen erfolgreich original Scientology gemäss Standard Tech von L. Ron Hubbard unabhängig von der Scientology-Kirche», heisst es auf der Homepage von «Ron’s Org Grenchen – Freie Scientology Schweiz». Das stimmt nur zum Teil. Max Hauri und sein «Beratungsunternehmen» ist erst vor ein paar Monaten in das mehrstöckige Haus an die Mazzinistrasse eingezogen, in eine neue Liegenschaft, die er selber gebaut hat. 
Von Bern zugezogen
Hauri und seine Entourage sind aber von Bern zugezogen. Sie leben davon, dass sie ihren Kunden die Botschaft von L. Ron Hubbard vermitteln, und zwar in der Originalform (vgl. Kasten), nicht in der verstümmelten Version, wie sie heute in der Scientology-Sekte laut Ansicht von Ron’s Org gelehrt wird. Schon der Name der Bewegung sagt dies aus. Sie sind die wahren Scientologen. Hauri (54) hat in der Scientology-Kirche allerlei Ausbildungsgrade erreicht, die er in seinem Curriculum aufführt: NED-Auditor, Klasse IV, und HRD, HGC-Auditor und Qual Sec. Alles Begriffe, die nur Eingeweihten wirklich etwas sagen. «Ich habe fast alle Kurse und alle höheren Stufen gemacht», rühmt sich der «Excalibur- Auditor mit CS-Ausbildung». 
Dieselben Inhalte
Somit ist er bestimmt bereit, Menschen mit Problemen auf einen rechten Lebensweg zu leiten – gegen Bezahlung notabene. Seit 1990 macht er das hauptamtlich zusammen mit seiner Frau und bezeichnet sich als Chairman. Denn inzwischen sei Rons’s Org Grenchen mit seinen sechs Mitarbeitenden (sie wohnen alle an der Mazzinistrasse 7) gar die «grösste unabhängige Organisation in West- Europa». «Ron’ s Org ist ein Netzwerk von ehemaligen Scientology-Anhängern, welche aber das Weltbild und die Lehren des Gründers L. Ron Hubbard 1:1 übernommen haben», sagt der Zürcher Sektenexperte Georg Otto Schmid. «Sie bieten auch dieselben Therapien an, einfach auf eigene Rechnung und meist günstiger.» Der zentralistische Aufbau und das umstrittene Auftreten der Scientology gehe den Anhängern von Ron’s Org hingegen ab. «Es handelt sich um ein eher loses Netzwerk freischaffender ehemaliger Scientologen, die kommen und gehen», so Schmid. Von unzufriedenen Kunden wie bei Scientology hört man bei Ron’s Org seltener. Schmid ist nur ein Fall aus Deutschland bekannt. 
Vorsitzender des Netzwerkes
In der Schweiz gibt es zwei Standorte: In Grenchen und in Möriken im Aargau. Die Bewegung ist vor allem in Deutschland aktiv, wo im letzten Jahr der ehemalige Geheimdienstchef der Scientology-Kirche mit Interviews hohe Wellen geworfen hat, mit deutlichen Angriffen auf die Sektenleitung in den USA. Hauri ist laut eigenen Angaben Vorsitzender des Ron’s Org Committee (ROC), einem Netzwerk von 2000 unabhängigen Scientologen. Auch er hat mit der «Kirche» 1983 gebrochen. «Das Schlechte hat mich meine Mitarbeit und Mitgliedschaft bei der Scientology-Kirche quittieren lassen. Das Gute motivierte mich, Scientology ausserhalb der Kirche weiterzuverbreiten.» Nach und nach habe man «Kommunikationslinien» in alle Welt etabliert und heute zähle man «Menschen in vielen Teilen der Welt, ganz im Speziellen auch in den früheren Ostblockländern zu unseren Freunden.» Hauri äussert auch Verständnis für bisher orthodoxe Scientologen, die aussteigen wollen und Repressionen befürchten. «Gerne könnt Ihr daher einfach anstatt eures wirklichen Namens einen «Künstlernamen» nennen, ermutigt er solche Kreise, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Seine Preise sind transparent und – rund. Es beginnt mit einer «Lebensreparatur» für 135 Franken pro Stunde über einen Reinigungs-Rundown (ohne Vitamine und Sauna) für 1000 Franken bis zum Packetpreis (sic) «Clear Hut, Solokurs, Operierender Thetan I bis Operierender Thetan III» für 7000 Franken. Da gibt es aber auch den «professionellen Kursüberwacher-Kurs» für günstige 3000 Franken und wöchentliches Training für 500 Franken (per Woche). Den SHSBC hingegen gibt es nicht unter 20 000 Franken. Da weiss man, was man hat. Oder, wem auch dieser Begriff nichts sagt, zumindest, was man nachher nicht mehr hat. Die Kursmaterialien sind im Preis nicht inbegriffen. Übrigens: Wer selber andere ausbildet, bekommt auf die meisten Kurse 50 Prozent Rabatt. Jede Ähnlichkeit mit einem Schneeball-Vertriebssystem wäre wohl unbeabsichtigt, rein zufällig und sicher ungewollt . . .
Auch am Telefon gibt Max Hauri offen 
Auskunft über seine Scientology- Tätigkeit. Er sei in diesem Umfeld aufgewachsen und seit seiner Jugendzeit in diesem Bereich aktiv, meint er auf die Frage nach seiner «bürgerlichen» Ausbildung. Mit der umstrittenen Scientology-Kirche habe aber sein Angebot nichts zu tun. Er habe etwa 200 Kunden aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Russland und Übersee. Hauri betont, dass sein Angebot in Grenchen nicht beworben wird. Das Gebäude an der Mazzinistrasse sei allerdings das Zentrum der Ron’s Org Aktivitäten, wie er bestätigt. Hier finden die Veranstaltungen für seine Kunden statt. Auch die weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihren Wohnsitz hier. Angesprochen auf seine Preisliste betont Hauri, dass die Kurse und Trainings «klar günstiger» seien, als bei der Scientology-Kirche. Mit einem Schneeballsystem hätten die massiven Rabatte für «Personen, welche hauptsächlich von der Tech-Delivery leben», nichts zu tun. «Es profitieren nur ganz wenige davon, vielleicht fünf Prozent.» Die übrigen Kunden würden die normalen Kurspreise entrichten. (at.) Lehre und Praktiken
Herzstück der scientologischen Lehre ist die Vorstellung, dass das unsterbliche Wesen jedes Menschen, der Thetan, durch traumatische Erlebnisse und insbesondere durch zwei Ereignisse vor Millionen Jahren massiv in seiner Funktionsweise beeinträchtigt worden sei. Scientology-«Technologien», insbesondere das Auditing, könnten die Funktionen des Thetan zumindest teilweise wiederherstellen. «Dabei stellt man sich den Menschen so vor wie einen Computer, der neu programmiert werden kann, also rein mechanistisch», erklärt Sektenkenner Georg Otto Schmid. Erklärtes Ziel Scientologys ist es, auf diese Weise das Leben des Einzelnen zu verbessern, insbesondere sein geistiges und körperliches Wohlbefinden zu steigern, und mehr Geld zu verdienen. Auf gesellschaftlicher Ebene ist die Hinwendung aller Menschen zu den Gedanken Scientologys das Hauptziel, daneben wird insbesondere die Abschaffung der Psychiatrie gefordert.

Die Welt, 12.08.2013, Katja Mitic
Leah Remini und das große Rätsel von Scientology 
Wo ist Shelly Miscavige, die Frau des Scientology-Chefs? Sie wurde seit Jahren nicht mehr öffentlich gesehen. Sitcom-Star Leah Remini meldete sie nach ihrem spektakulären Austritt als vermisst.
Nach ihrem Scientology-Ausstieg vor einem Monat plant der "King-of-Queens"- Star Leah Remini, 43, offenbar weitere Enthüllungen. US-Medien halten es für sehr wahrscheinlich, dass bald ein Buch über ihre 30 Jahre dauernde Mitgliedschaft erscheinen wird. Schon jetzt sollen sich die Verlage um die Rechte reißen, berichtet das Online-Portal "Radar Online". Die Rede ist von einem Millionen-Honorar. Scientology wird dies wohl weniger gefallen. Denn wie ernst es dem Sitcom-Star mit der Abrechnung ist, bekam die Organisation bereits zu spüren. Kurz nach ihrer Flucht meldete die Schauspielerin ein hochrangiges Mitglied beim Los Angeles Police Departement (LAPD) offiziell als vermisst: Shelly, die Frau von Scientology-Chef David Miscavige. Der Vorgang war insofern spektakulär, weil es in diesem Fall offenbar noch niemandem gelungen war, die Behörden einzuschalten. Denn man muss wissen: Details zum Verbleib von Miscavige zählen zu den ganz großen Tabus bei Scientology. Kaum vorstellbar, wie viele Kapitel Remini über Shelly Miscavige schreiben könnte, inklusive intimster Details über die Ehe des Scientology-Chefs. Sie war schließlich jahrelang mit dessen Frau befreundet. Die Organisation selbst betont zwar immer wieder, Shelly werde nicht vermisst und habe ein Recht auf Privatsphäre, weshalb ihr Aufenthalt nicht bekannt gegeben oder kommentiert werde. Sie arbeite weiterhin für die "Church of Scientology", wie sie dies schon immer getan habe. Und obwohl sogar Miscaviges Anwälte unter anderem bei der "Daily Mail" vehement ein Verschwinden dementieren, hält sich die Sorge um Shelly. Denn seit mehr als sechs Jahren fehlt von ihr ein Lebenszeichen. Das letzte Lebenszeichen Der Fall der Vermissten, die angeblich gar nicht vermisst wird, wie Scientology glauben machen will, zählt zu den rätselhaftesten Vorgängen in der spirituelle Gruppe, die einst von L. Ron Hubbard gegründet wurde und an Aliens glaubt. Michelle Diane – genannt Shelly – Miscavige trat zuletzt bei der Beerdigung ihres Vaters im Jahr 2007 auf. Danach zog sie sich zurück, obwohl sie sonst ihren Mann zu jedem offiziellen Termin begleitet hatte und zur Führungselite zählte. Ob sie dies freiwillig tat oder auf Druck von anderen Mitgliedern, ist unklar. Auf den wenigen Fotos, die im Internet von ihr existieren und alle von Aussteigern stammen, ist sie mit dunklen, langen Haaren zu sehen. Sie wirkt schmal und zierlich. Ihr wird nachgesagt, eine glühende Gläubige zu sein. Unter anderem war sie für das Projekt verantwortlich, eine adäquate Gattin für das Vorzeige-Mitglied Tom Cruise zu finden. Dabei habe sie ihm mehrere passende Kandidatinnen vorgestellt. Eine von ihnen war die Schauspielerin Nazanin Boniadi, die später über das skurrile Casting öffentlich berichtete. Ingesamt sollen hunderte junge Frauen begutachtet worden sein. Zahlreiche Verschwörungstheorien wollen Miscaviges Verschwinden erklären: vom vertuschten Krebstod inklusive Beerdigung unter einem falschem Namen bis zum unfreiwilligem Aufenthalt in einem geheimen Camp in den Bergen bei Los Angeles für abtrünnige Mitglieder, wie das ehemalige Mitglied der Elite-Einheit "Sea Org", Tony Ortega, in seinem Blog "The Underground Bunker" behauptet. Dort soll sie von John Brousseau, ihrem Schwager, gesehen worden sein. Andere wollen wissen, dass ihr Mann David seiner Gattin jedes Jahr Handschuhe und eine Winterjacke schicke, weshalb sie einen Aufenthalt in einem arktischen Gebiet für wahrscheinlich hielten. Der Selbstmord von Shellys Mutter Potenziert werden die Legenden dadurch, dass nur sehr wenig über Shellys Privatleben an die Öffentlichkeit gelangt ist. Sie kam 1961 in Dallas, Texas, zur Welt und wuchs mit zwei Schwestern auf; eine dritte verstarb kurz nach der Geburt, wie die Ahnen-Homepage "findagrave.com" verrät. Schon damals war die gesamte Familie bei Scientology engagiert. Shelly trat der "Daily Mail" zufolge im Alter von zwölf Jahren Scientology bei und dürfte damit eine Erziehung nach den Regeln der Organisation durchlaufen haben. 1981 heiratete sie David Miscavige, der ursprünglich katholisch erzogen wurde, dann aber 1982 zum Führungszirkel von Scientology stieß. Unter anderem verwaltet er seitdem die Urheberrechte für Bücher- und die Markenrechte der Organisation. Wenige Jahre nach der Hochzeit kam es dann zu einem tragischen Vorfall in Shellys Leben: Ihre Mutter Mary Florence "Flo" Barnett beging unter rätselhaften Umständen am 8. September 1985 Selbstmord. Auch dieser Fall beschäftigt Verschwörungstheoretiker bis heute, obwohl zwei Abschiedsbriefe gefunden wurden. Die nur 1,58 Meter große Frau soll sich nämlich mit einer halbautomatischen Waffe erst drei Mal in die Brust geschossen haben, bevor ein vierter Schuss ihren Kopf traf. In ihrem Todeskampf müsste die Frau akrobatische Fähigkeiten entwickelt haben, so Kritiker der Selbstmord-Theorie. Der Fall schien so unmöglich, dass zahlreiche Ballistiker und Gerichtsmediziner die genauen Umständen des vermeintlichen Suizids untersuchten. Schwiegersohn unter Verdacht Unter anderem auch deshalb, weil ihr Schwiegersohn, David Miscavige, wegen seiner Kommentierung "Die Hexe hat das bekommen, was sie verdient hat!" unter Verdacht geriet. Ehemalige Mitglieder glauben, dass die Abneigung daher rührte, dass die Familie zwischen die Fronten eines Macht- und Richtungskampfes bei Scientology geraten war, der im Vorfeld des Todes von Gründer Hubbard im Jahr 1986 stattfand. David Miscavige gab später eine Erklärung vor Gericht ab, dass er nichts mit dem Tod seiner Schwiegermutter Flo Barnett zu tun habe. Und die Ermittlungen der Polizei stützten seine Aussage. Sie ergaben eindeutig, dass es sich bei Barnetts Tod nicht um einen Mord handelte, sondern um einen Suizid unter – zugegebenermaßen – seltsamen Umständen. Dennoch blieben noch viele Fragen offen – genau wie im mysteriösen Fall ihrer Tochter Shelly Miscavige. Gehirnwäsche nach unliebsamen Fragen Immerhin zeigte Reminis Anzeige Wirkung. Ein Spezial-Team des Polizei Departments von Los Angeles (LAPD) für vermisste Personen machte sich auf die Suche nach Shelly – und fand sie. Zumindest laut offiziellem Statement. "Das LAPD hat weitere Ermittlungen als unbegründet klassifiziert, aufgrund der Tatsache, dass Shelly nicht vermisst wird", teilte Detective Gus Villanueva der "New York Post" mit. Einzelheiten zu dem Treffen konnte er jedoch nicht nennen. Er wisse auch nicht wo und wann, doch hätten Ermittler die Frau getroffen, berichtet das Blatt weiter. Aber ihm sei versichert worden, sie habe "keinerlei Anzeichen gegeben, dass sie gegen ihren Willen festgehalten" werde. Es liefen bereits Vorbereitungen, den Fall zu den Akten zu legen. US-Medien berichten allerdings, dass Remini sich mit diesem Ermittlungsergebnis nicht zufrieden geben will. Vermutlich deshalb, weil sie weiß, wie in Ungnade gefallene Mitglieder von Scientology behandelt werden. Die Schauspielerin war nach eigener Aussage über Jahre drangsaliert und verhört worden, weil sie auf die "schwarze Liste" von internen Kritikern und potenziell Abtrünnigen geraten war. Ziel sei eine Gehirnwäsche gewesen. Begonnen hatte der Bruch zwischen der Schauspielerin und der Gruppe auf der Hochzeit von Tom Cruise und Katie Holmes (die Ehe ist inzwischen wieder geschieden). Remini zählte zu den Gästen und wunderte sich, dass Shelly Miscavige nicht ebenfalls gekommen sei, wo sie doch so eng mit dem Paar befreundet sei und es sogar verkuppelt habe. Schließlich habe sie unbekümmert Shellys Ehemann David Miscavige gefragt und wurde daraufhin barsch zurückgewiesen. Ihr wurde deutlich zu verstehen gegeben, dass sie kein Recht habe, ein ranghöheres Mitglied so etwas zu fragen. Auch Clan-Mitglieder ausgestiegen Remini insistierte jedoch und wollte den Verbleib ihrer Freundin aufklären. Eine Antwort erhielt sie jedoch trotz der schlechten Behandlung nicht. Es war der Beginn ihrer Abnabelung. "Ich glaube, Menschen sollten Dinge hinterfragen dürfen. Ich bin überzeugt davon, dass Werte wie Familie und Freundschaft heilig sein sollten. So ticke ich einfach. Niemand kann mir erzählen, was ich denken oder mit wem ich sprechen soll", erklärte Remini ihrem Ausstieg dem "People Magazin". Eine bekannte Aussteigerin machte Remini übrigens Mut und dürfte die Sorge Scientologys vor einem Enthüllungsbuch nähren. "Sie ist eine toughe Frau", sagte auch Jenna Miscavige Hill, die Nichte des Chefs der Organisation, dem "People Magazin" über Remini. Auch Jenna flüchtete 2005 mit ihrem Ehemann unter dramatischen Umständen. In einem Buch beschreibt sie die gruseligen Details ihrer Kindheit. Unter anderem habe sie einen Vertrag über eine Mitgliedschaft für eine Milliarde Jahre unterzeichnen müssen. "Sie (Remini, Anm. d. Red.) wollte nicht blind auf dem Auge der Gerechtigkeit bleiben. Solche Menschen bleiben nicht lange bei Scientology, weil sie nicht so einfach zu kontrollieren sind." Zu Shelly Miscaviges Verbleib wollte sie auf Anfrage der "Welt" nicht äußern. Aber das kann ja noch kommen. Remini dürfte also jede Menge Stoff für einen Bestseller haben.

ShortNews, 10.08.2013
Karen Black und der Tod in Scientology 
Hätte Karen Black noch länger gelebt, wäre sie nicht bei Scientology gewesen? Autor Skip Press kennt sehr viele Scientologen, die an Krebs gestorben sind. Häufig, weil sie aufgrund der Scientology-Lehre die traditionelle Medizin vernachlässigt haben. Skip Press erinnert sich zurück, dass ein Scientology Registrar (Verkäufer) darauf bestanden hat, dass Auditing die Eileiterschwangerschaft seiner Frau heilen kann. "Es war geisteskrank und nur durch ärztliche Hilfe konnte das Leben meiner Frau und meines Kindes gerettet werden," so Press. "Nach meinem Ausstieg aus Scientology wurde ich erst so richtig erfolgreich und schrieb fast 50 Bücher," so Skip Press. "Scientology hielt mich für viele Jahre zurück. Zum Glück bin ich nicht lange geblieben, sodass es mich nicht getötet hat."
Karen Black wurde 74 Jahre alt. Sie war Mitglied bei Scientology. Am Ende musste sie sogar eine Online-Spendenaktion starten, um Geld für die Behandlung zu erhalten. Ihr ganzes Vermögen muss sie wohl der Sekte "gespendet" haben.

Tagesanzeiger, 05.08.2013, Hugo Stamm
Scientology trieb ihn in den Ruin, nun zahlt der Staat Zürcher - Scientologen in der Kritik
Ein Metzger hat unter massivem Druck ein Vermögen für Kurse und Spenden ausgegeben, die versprochenen Gewinne aber nicht erhalten. "Ich war halt etwas weich." Ronald Meier (Name geändert) schaut leicht verlegen zu Boden. Seine weiche Seite wurde ihm zum Verhängnis. Die Zürcher Scientologen erkannten den Charakterzug des Metzgers instinktiv und liessen ihn systematisch ausbluten. Am Schluss war er um rund 800 000 Franken leichter und verarmt. Heute lebt er von Ergänzungsleistungen. Ronald Meier ist kein Einzelfall: Immer wieder beuten Sekten ihre Anhänger aus. Sind diese psychisch oder finanziell ruiniert, muss die Allgemeinheit die Zeche bezahlen. Das umfangreiche Scientology-Dossier von Ronald Meier enthält die Geschichte eines Mannes, der nicht entschieden genug Nein sagen konnte. Er weigerte sich zwar anfänglich, immer neue Kurse und Materialien zu kaufen, knickte aber unter dem rhetorischen und moralischen Druck der Profi-Scientologen immer wieder ein. Bis sein Vermögen und seine Altersvorsorge aufgebraucht waren. Als nichts mehr zu holen war, liess man ihn gehen. Heute ist er 74 Jahre alt und lebt am Existenzminimum. Dabei hätten ihn die scientologischen Kurse befähigen sollen, das Leben besser zu meistern. Bürgschaft für den Therapeuten Die lange Geschichte begann 1988. Ronald Meier steckte in einer Sinnkrise. Ein Flugblatt lockte ihn ins Zürcher Zentrum. Nach einem intensiven Gespräch unterschrieb er sofort den ersten Kursvertrag. Dann ging es Schlag auf Schlag, er kaufte immer mehr Kurse und Auditings (eine Art Therapiesitzung). "Ich fand vieles eigenartig und blieb skeptisch, doch ich wagte nicht, mich zu wehren oder zu lösen", sagt Ronald Meier heute. Es sprach sich schnell herum, dass Meier ziemlich flüssig war. Neben Scientology zapften auch einzelne Sektenmitglieder die Quelle an. Ein angesehener Scientologe, der ein eigenes Geschäft hatte, luchste ihm 80 000 Franken in Form eines Darlehens ab. In der Klemme war auch der Auditor, der Meier betreute. Dieser übernahm eine Bürgschaft in der Höhe von 180 000 Franken für seinen "Therapeuten". Meier dachte, das Geld sei sicher, und gewährte noch weitere kleine Darlehen. Meier besuchte fleissig Kurse, doch die grosse Erleuchtung kam nicht über ihn. "Ich verspürte die grossartigen Gewinne nicht, die mir Scientology versprochen hatte", erzählt er. Doch nun sass er in der Falle. Er wollte nicht wahrhaben, dass alles für die Katz gewesen sein könnte. Deshalb kniete er sich noch intensiver rein und liess sich überreden, im Hauptquartier in den USA Kurse zu besuchen. Kostenpunkt: rund 250 000 Franken. An den Überredungskünsten beteiligt war auch eine junge, hübsche Amerikanerin. Für angebliche Wohltätigkeitsveranstaltungen und für prestigeträchtige Einträge in einer Spenderliste zahlte er weitere 100 000 Dollar. Meier liess sich auch mehrere Hubbard-Elektro-Meter für mehrere Zehntausend Franken aufschwatzen. Dabei handelt es sich um simple Geräte zur Messung des Hautwiderstandes, die bei der umstrittenen Therapie eingesetzt werden und ähnlich wie ein Lügendetektor reagieren. "Im Lauf weniger Jahre gab ich für Scientology-Kurse und - Materialien 606 000 Franken aus, Darlehen nicht einberechnet", sagt Meier. Der Mutter Geld abgeschwatzt Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Meier seine Finanzen noch halbwegs im Griff. Doch dann zeichnete sich ab, dass die beiden Hauptschuldner ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten. Die Bank forderte die 180 000 Franken aus der Bürgschaft von Meier, weil sein Auditor in die Drogen abgerutscht war. Der scientologische Geschäftsmann ging in Konkurs und konnte den Kredit von 80 000 Franken nicht abzahlen. Meier suchte Hilfe beim ScientologyKader, auch bei Jürg Stettler, der heute noch Chef der Schweizer Scientologen ist. Doch Meier fand keine Gnade. Da er inzwischen blank war, sah er sich gezwungen, seiner Mutter 40 000 Franken abzuschwatzen und sein Erbe vorzubeziehen. Nach ein paar Jahren löste sich Meier von der Sekte und versuchte, wenigstens die Spendengelder von der milliardenschweren Mutterorganisation in den USA zurückzubekommen. Doch selbst einer der ranghöchsten Scientologen liess ihn hängen. Sein Briefpapier enthielt den Aufdruck: "Ein Mensch ist nur so wertvoll, wie er andern dient." Nicht einmal die rund 40 000 Franken, die noch auf einem Scientology-Konto lagen, wurden ihm zurückbezahlt. Vielmehr drehten sie ihm zwei von Sektengründer Hubbard signierte Videokassetten im angeblichen Wert von 40 000 Franken an. Damit war auch dieses ScientologyKonto geplündert. Teure Geräte plötzlich wertlos Schliesslich hätte Meier gern ein paar Gegenstände verkauft, um seine Schulden zu tilgen. So ein Gold-E-Meter, für das er 42 000 Franken bezahlt hatte, die beiden Kassetten (40 000 Franken) und andere Materialien (25 000 Franken), doch er fand keine Abnehmer für die überteuerten Utensilien. Schliesslich packte er alles in eine Schachtel und brachte sie ins Zürcher Zentrum. Geld bekam er dafür nicht. Das letzte Kapitel der Geschichte von Meier wurde in diesen Tagen abgeschlossen. Mit einem Happy End - wenn auch einem kleinen. Scientology Zürich überwies ihm rund 3400 Franken. Das Geld war nicht als Schadenersatz gedacht, vielmehr lag es noch auf einem Scientology-Konto. Die Sekte rückte den Betrag nur unter der Bedingung heraus, dass Meier keine weiteren Geldforderungen stellt. Die 3400 Franken werden rasch aufgebraucht sein, doch Scientology wird Ronald Meier nie vergessen. Seine Armut erinnert ihn täglich an seine Schwäche, gelegentlich weich zu werden. Scientology war nicht bereit, die Fragen des TA zu beantworten.

Focus 27.07.2013
Im Focus ist ein längerer Bericht - hier die einzelnen Artikel oder aufbereitet als Anlage - 14 Seiten

• So tickt der innerste Zirkel von Scientology: Sklaverei, ... Seite 1 
• Moderne Sklaven im riesigen Scientology-Imperium Seite 2 
• Die Kinder-„Ranch“: Harte Arbeit, harte Strafen Seite 3 
• Die scientologische Indoktrinierung: Endlose Verhöre Seite 4 
• Auditoren-Ausbildung: Wie „Wogs“ bekehrt werden können Seite 5 
• Was passiert, wenn man bei Scientology in Ungnade fällt Seite 6 
• Ist bei Scientology Platz für Liebe? Seite 7 
• Die Flucht aus der Scientology-Organisation Seite 8 
• Das Leben nach Scientology Seite 9 
• Scientology-Boss David Miscavige Seite 10 
• Warum die Mitgliedschaft für Stars etwas ganz anderes ist Seite 11
Link auf die Erste Seite
http://www.focus.de/panorama/welt/tid-32578/gehirnwaesche-sklaverei-und-angst-wie-der-innerste-zirkel-von-scientology-tickt_aid_1055140.html

private eye news, 09.07.2013
5smarts - Neue Scientology-Frontgruppe London: Weitere Frontgruppe der Scientology-Organisation enttarnt 
Zum wiederholten Male haben Scientologen versucht, sich unerkannt mit einer Anti-Drogen-Kampagne in Londoner Schulen zu schleichen. Schon vergangenes Jahr warnte der Londoner Stadtbezirk Newham seine Schulen vor Narconon. Vor wenigen Wochen jedoch gab die Organisation "5martz” auf ihrer Facebook-Seite bekannt, Kurse in einer Schule abgehalten zu haben. 5martz führt auf seiner Webseite keinerlei Verbindung zu Scientology oder Gründer L. Ron Hubbard an. Die Verbindung ist jedoch offensichtlich, da auch "Der Weg zum Glücklichsein"- Kurse angeboten werden. Nach der Aufdeckung von 5martz Sektenverbindung hat der Bezirk Newham die Schulbehörde gebeten, landesweit vor dieser Organisation zu warnen.

20min.ch, 28.06.2013 
Scientologen wollten Schulen unterwandern 
Mit einem vermeintlich harmlosen Film über die Menschenrechte hat Scientology versucht, in Schweizer Klassenzimmer vorzudringen. Die PR-Aktion flog im letzten Moment auf. «Die Geschichte der Menschenrechte»: Die DVD, die die von Scientologen gesponserte Organisation «Jugend für Menschenrechte» im Waadtland an Schulen verteilen wollte, trägt einen harmlosen Titel. Auch der Inhalt ist scheinbar unproblematisch: Der Film handelt von der Entstehung und Entwicklung der Menschenrechte von 1948 bis heute – nicht von Hubbard, Auditing oder Religion. Es erstaunt daher nicht, dass der Streifen im Frühling beinahe den Weg in die Klassenzimmer fand. Gemäss «24 heures» lobbyierte die Organisation intensiv dafür, dass die Schulen ihre DVD im Geschichtsunterricht zeigen. Im Februar präsentierte die Präsidentin des Westschweizer Ablegers der Organisation, Gisèle Benoit, die DVD einem pädagogischen Mitarbeiter des Erziehungsdepartments VD. Dieser hegte lange keinen Verdacht. Erst Wochen später, als er im Internet die Organisation googelte, bemerkte er ihre enge Verbindung zur Scientology-Kirche. «Nur vordergründig harmlos» Das Erziehungsdepartment verbot der Organisation darauf Ende Mai, die DVDs weiter an Schulen zu schicken und drohte mit rechtlichen Schritten. «Wir können nicht zulassen, dass eine solche DVD ausgestrahlt wird. Die Verbindung mit Scientology verbietet das», so Serge Martin, Assistent der Waadtländer Bildungsdirektion (DGEO). «Jugend für Menschenrechte» spricht von Zensur. Man habe die Verbindung zur Scientology nie verschwiegen, sagt Gisèle Benoit. «Wir waren völlig transparent.» Der Mitarbeiter des Erziehungsdepartments sagt, Scientology sei in all den Gesprächen nie erwähnt worden. Sekten-Experte Georg Otto Schmid überrascht das nicht: «Die Organisation Jugend für Menschenrechte deklariert nicht von sich aus, wer sie finanziert.» Er hält es für völlig richtig, dass die DVD aus der öffentlichen Schule verbannt wird. Sie sei nur vordergründig harmlos. «Scientology betreibt mit dem Film Imagepflege. Die Mitglieder von Jugend für Menschenrechte präsentieren sich so als junge, sozial eingestellte, engagierte Bürger.» Die Gefahr sei, dass sich die Schüler davon angezogen fühlen könnten. «Sie wollen sich auch engagieren, gehen zur Organisation und werden dort dann von Scientologen kontaktiert.» Viele Versuche der Einflussnahme im Schulbereich Klar ist: Es wird nicht der letzte Versuch von Scientology gewesen sein, Schweizer Kinder für sich zu gewinnen. «Die Sekte versuchte in der Vergangenheit immer wieder, ihre Bücher in Schulbibliotheken unterzubringen. Auch diese scheinen auf den ersten Blick zum Teil völlig harmlos.» In Zürich warb zudem eine von Scientologen geführte Privatschule auch Kinder von Nicht-Scientologen an. Zudem versucht die Kirche, mit einer Aktion gegen Ritalin Einfluss auf Kinderärzte zu nehmen.

TagesAnzeiger, 10.06.2013, Hugo Stamm
Will Smith flirtet mit Scientology
Er bestreitet, ein Scientology-Anhänger zu sein. Will Smith' neuer Film «After Earth» jedoch atmet den Geist von Sektengründer Ron Hubbard.
Die Filmwelt rätselt seit Jahren: Ist er Scientologe oder doch nicht? Nein, bin ich nicht, beteuert der Schauspieler Will Smith stereotyp. Doch dann produzierte er den Film «After Earth», und man wird den Eindruck nicht los: Er ist es doch. Denn der soeben angelaufene Streifen atmet den Geist von Ron Hubbard, dem Gründer der Sekte. Es ist zumindest ein bombastischer Flirt mit Scientology, dokumentiert auf Tausenden von Leinwänden. Wer Augen hat – und wie Will Smith Scientology kennt –, kann sich dieses Eindrucks kaum erwehren. Doch Will Smith will es nicht zugeben. Hallo, möchte man ihn fragen: Warum dieses Versteckspiel? Schlecht fürs Geschäft Neu ist der Eiertanz freilich nicht. Wir kennen ihn von andern Promis. Der österreichische Maler Gottfried Helnwein zierte sich, US-Filmstar John Travolta hielt sich einst bedeckt, um nur zwei Beispiele zu nennen. Denn sie alle wissen: Wird ihr Name mit einer Sekte assoziiert, ist es schlecht für den Ruf und das Geschäft. Der 44-jährige Will Smith hat seit längerem Verbindungen zu Scientology. Schon 2007 hat er ScientologyStiftungen mehr als 100 000 Dollar gespendet, 2009 in Kalifornien eine Privatschule eröffnet, die mit den Methoden von Hubbard unterrichtet. Seine Kinder besuchten diese Schule wie auch Suri, die Tochter von Scientologe Tom Cruise, mit dem Will Smith eng befreundet ist. Das Böse ist allgegenwärtig Der Scientology-Groove im Film beginnt beim Plakattitel: «Die Gefahr ist echt. Aber die Angst ist eine Entscheidung.» Und er endet mit den Schlusseinstellungen auf einem Vulkan, der einem Symbol von Scientology gleicht. Die Aussage im Titel gibt das Grundmotto von Hubbard wieder: Das Böse ist allgegenwärtig und treibt die Erde in den Abgrund. Retten kann sie nur, wer keine Angst hat und Herr über Materie, Energie, Raum und Zeit ist. Hubbards Credo an seine Anhänger: Rettet die Welt furchtlos vor dem Untergang. AdTech ad Im Film «After Earth» ist sie schon vor 1000 Jahren untergegangen, die Menschen mussten auf einen fernen Planeten fliehen. Dort gibt es Ursas, vierbeinige Monster, die zwar blind sind, aber die Angst der Menschen riechen. Immun ist nur Cypher Raige (Will Smith), weil er seine Gefühle total unter Kontrolle hat – und somit den Idealzustand eines Scientologen erreicht. Sein Sohn, gespielt von Smith’ Sohn Jaden, verströmt aber den tödlichen Angstgeruch. Beim Absturz eines Raumschiffs überleben nur der Vater und sein Sohn. Da Will Smith verletzt ist, muss sich sein Sohn durch die Gefahrenzonen schlagen. Der Vater lehrt ihn, die Angst zu kontrollieren. Ähnlich, wie es die Scientologen beim Auditing tun. Schliesslich besteht er die Prüfungen. Keine Scientology-Propaganda Deutsche und US-Medien sind sich einig, dass der Film Scientology-Ideen transportiert. Einig sind sich die Filmkritiker auch, dass es höchstens ein durchschnittlicher Film ist. Er erinnert an den von John Travolta produzierten Film «Battlefield Earth» nach dem gleichnamigen Buch von Hubbard, der bei den Kritikern und beim Publikum keine Gnade fand. «After Earth» ist aber keine Propaganda für Scientology, wie viele behaupten. Am Film lässt sich auch nicht ablesen, welchen Status Smith bei der Sekte hat. Der Streifen macht jedoch deutlich, dass der Schauspieler von Scientology-Ideen fasziniert ist. Mehr noch: Smith scheint in seinem Enthusiasmus nicht zu realisieren, dass sein Film wie eine Hommage an Science-Fiction-Autor Hubbard und Scientology daherkommt.

Schweiz am Sonntag, 18.05.2013, Aline Wanner
Pläne für Scientology-Kirche aufgetaucht
Die Scientology-Sekte plant eine prunkvolle Kirche in Basel, eine sogenannte Ideal Org. Bisher war allerdings unklar, wie die erste Schweizer Grosskirche aussehen soll. Geheime Baupläne, die der «Schweiz am Sonntag« vorliegen, zeigen nun, wie sich die Scientologen an der Burgfelderstrasse nahe der französischen Grenze ausbreiten wollen. Sektenexperte Georg Otto Schmid hält eine solche Zentrumsgrösse für eine Schweizer Grossstadt als denkbar. Die Gebäude der Scientologen in Berlin und Hamburg seien etwas grösser. Um das Projekt finanzieren zu können, müsse die Sekte allerdings ein paar Spender finden, die «tief in die Tasche greifen», sagt Schmid. «Die laufenden Einnahmen würden dafür wohl nicht ausreichen.» Seit der Präsident von Scientology Basel, Patrick Schnidrig, das Gebäude vor knapp zwei Jahren erworben hat, steht der Bau grösstenteils leer. Erste Planungsarbeiten wurden gemäss Informationen der «Schweiz am Sonntag» zwar ausgeführt, allerdings bis heute nicht bezahlt. Gegenüber Involvierten sprachen Scientologen davon, die Kirche noch in diesem Jahr eröffnen zu wollen. Diese Information bestätigt die Basler Religionsbeauftragte Lilo Roost Vischer, die Sektenangehörige in den letzten Monaten zweimal für «ausführliche Gespräche» getroffen hat. Die Pläne für Basel habe sie zwar nie gesehen, man habe ihr aber Bilder anderer neuer Kirchen gezeigt, sagt Roost.

Der Spiegel, 12.05.2013, Mona Botros
Razzia in US-Südstaaten: Sturm auf die Festung Scientology
Lange hielten sich US-Fahnder von Scientology fern - nun kam es zu einer Razzia in einer Entzugsklinik, die nach abstrusen Ideen des Sektengründers L. Ron Hubbard therapiert. Mehrere Menschen waren in einer ähnlichen Einrichtung gestorben. Gehen die Behörden künftig entschlossener vor? Es war Ende April, ein Freitag, als die Ermittler am frühen Morgen vor der Entzugsklinik in Norcross anrückten, ein kleiner Ort nördlich von Atlanta. Eine Razzia ist immer überraschend, diese kam aber besonders unerwartet. Das letzte Mal, dass Behörden in den USA eine mit Scientology verbandelte Einrichtung mit einem Durchsuchungsbefehl konfrontierten, ist 36 Jahre her. Ermittler des FBI waren 1977 in Washington und Los Angeles in Büros der Sekte eingedrungen, weil sie Beweise für eine geheimdienstliche Operation gegen die Regierung der Vereinigten Staaten suchten. Der damalige Verdacht: Mitarbeiter von Scientology hätten Bundesbehörden infiltriert und Dokumente gestohlen. In Folge der Razzia wurden elf Führungskräfte der Organisation wegen Einbruchs in Regierungsgebäude, Diebstahls von Dokumenten und illegaler Abhörmaßnahmen verurteilt, darunter Mary Sue Hubbard, Ehefrau des Sektengründers L. Ron Hubbard. Seither schienen sich Polizisten von Scientology fern zu halten, als umgebe die Organisation ein Schutzschild gegen weltliche Interventionen. Doch schon seit einiger Zeit ermitteln Beamte gegen Narconon Georgia, die Klinik außerhalb von Atlanta. Entzug per Saunagang Am 11. April 2008 war der 28-jährige Patrick Desmond als Patient dieser Einrichtung an einer Überdosis Heroin gestorben. Er absolvierte dort eine gerichtlich verordnete stationäre Therapie. Seine Eltern wähnten ihn unter ständiger Aufsicht und in professioneller Behandlung, formulierte ihr Anwalt später in einer Anklageschrift gegen Narconon. Narconon verfolgt eine - vorsichtig formuliert - ganz eigene Form von Entziehungskur: Die Patienten müssen in mehrwöchigen Kuren bis zu fünf Stunden am Tag in der Sauna sitzen, sie nehmen Nahrungsergänzungsmittel und Nikotinsäure in großen Mengen zu sich. Und sie werden Studenten genannt, nicht Patienten. Parallel zur Therapie absolvieren sie eine Art Persönlichkeitstraining. Die Methode beruht auf Eingebungen von L. Ron Hubbard. Er propagierte, dass sich Rückstände der Drogen im Gewebe der Süchtigen ablagerten. Durch Saunagänge sollen die Substanzen ohne Medikamente aus dem Körper gewaschen werden. Mit wissenschaftlichen Erkenntnissen hat das wenig zu tun. Die Eltern von Desmond verklagten nach dem plötzlichen Tod ihres Sohnes Narconon Georgia und den Scientology-nahen Dachverband Narconon International. Die gerichtliche Auseinandersetzung förderte fragwürdige Vorgänge zutage, darunter die Tatsache, dass die Klinik als stationäre Einrichtung agiert hatte, tatsächlich aber nur ambulant therapieren durfte. In der Zivilklage Desmond gegen Narconon einigten sich die zwei Parteien außergerichtlich im Februar. Doch auch nach der Einigung drohten die zuständigen Behörden, Narconon Georgia die Zulassung zu entziehen und leiteten weitere Ermittlungen ein. Journalisten lieferten Behörden Beweismaterial Mit angestoßen hatten diese Untersuchungen auch örtliche Medien, die das Verfahren um den Tod von Patrick Desmond intensiv begleitet hatten. Drei Reporter des Fernsehsenders WSB-TV, dem Hörfunk WSB-Radio und der Zeitung "Atlanta Journal-Constitution" hatten sich zusammengetan, um in der Causa Narconon investigativ zu recherchieren. Weitere Betroffene wandten sich an die Medien, erzählten von Drogenmissbrauch und mangelnder Aufsicht in der Einrichtung. Die Reporter machten die Vorfälle bekannt, setzten so die Behörden unter Druck. Dabei war ihr Kronzeuge kein geringerer als Lucas Catton, der ehemalige Präsident der größten Niederlassung von Narconon - einer abgelegenen Klinik im US-Staat Oklahoma, bekannt als Narconon Arrowhead. Catton, 35, haben die Vorwürfe gegen Narconon nicht überrascht. In seiner früheren Position an der Spitze von Narconon Arrowhead hat er die Machenschaften der Organisation hautnah miterlebt. "Unser wichtigstes Ziel war es, Mitglieder für Scientology anzuwerben und Geld für die Organisation zu verdienen", berichtet Catton. Für eine drei- bis sechsmonatige Therapie hätten Patienten 30.000 Dollar bezahlt. Karin Pouw, Sprecherin von Scientology, dementierte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass in Narconon-Einrichtungen Mitglieder rekrutiert oder Spenden eingeworben würden. Die Religion der Menschen, die das Narconon-Programm durchlaufen, spiele keine Rolle, die Zahl derjenigen, die danach Mitglieder von Scientology wurden, sei sehr klein. Zumindest bei Catton lief es offenbar anders: Seine Eltern hatten ihn als 20- Jährigen dort eingeschrieben, um ein Alkoholproblem in den Griff zu bekommen. Zwei Jahre später habe man ihn als Mitarbeiter von Narconon rekrutiert. Kurz danach trat er Scientology bei, aus dem vermeintlich Süchtigen wurde ein Sektenmitglied. Anschließend führte seine Karriere steil nach oben. Mit 23 Jahren war er Präsident der Einrichtung. Tod durch Überdosis Als solcher betreute er prominente Gäste: "Wir haben öfter Scientology-VIPs wie Kelly Preston und Priscilla Presley herumgeführt. Sie sollten ein positives Bild von dem Programm bekommen. Tom Cruise hat uns sogar mehrmals besucht. Auch der Chef von Scientology, David Miscavige, hat sich persönlich umgeschaut." Immer wieder machen sich Top-Scientologen wie Cruise in der Öffentlichkeit für Narconon stark. Eine Serie von Todesfällen innerhalb von neun Monaten konterkarierte jedoch die PR-Kampagne: Narconon Arrowhead geriet durch sie im vergangenen Jahr ins Visier der Ermittler. Eine der Toten war die 20-jährige Stacy Murphy: Sie soll an einer Überdosis Heroin in Verbindung mit Alkohol gestorben sein. Offenbar waren keine Ärzte anwesend, es habe keine Medikamente gegeben, um ihr zu helfen, berichtete ein Zeuge. Catton, inzwischen aus Scientology ausgestiegen, beschloss nach den Todesfällen, an die Öffentlichkeit zu gehen. In einem Buch hat er ausführlich über seine Erfahrungen hinter den Mauern von Arrowhead berichtet. Seine Insiderkenntnisse liefern wertvolle Hinweise in den laufenden Ermittlungen. Beispielsweise über Verbindungen zwischen Narconon und dem Office of Special Affairs (OSA), eine Art Geheimdienst von Scientology. Diese Verknüpfung war auch im Verfahren um den Tod des jungen Patrick Desmond in Georgia aufgefallen: Ein internes Dokument zeigte, dass die Leiterin der Entzugsklinik keine 24 Stunden nach dem unerwarteten Tod ihres Schützlings einen Bericht per Mail absetzte, allerdings nicht an die staatlichen Aufsichtsbehörden, sondern an das OSA. Scientology-Sprecherin Pouw sagte SPIEGEL ONLINE, die Klinikleiterin sei nicht verpflichtet gewesen, dem OSA zu berichten. Dass sie es tat, sei aber verständlich, "bedenkt man das traumatische Erlebnis und die Möglichkeit, dass sie pastorale Unterstützung suchte". "Ein kleiner Spalt in einer schier undurchdringlichen Festung" Fragt man Mike Rinder, einen Scientology-Aussteiger höchsten Ranges, klingt die Arbeit des OSA allerdings wenig pastoral. Jahrelang war er Chef der Einheit, dirigierte Spitzel und Agenten der Organisation weltweit. "OSA wird sofort eingeschaltet, wann immer Scientology negative Schlagzeilen drohen, egal wo auf der Welt oder in welcher Organisation das passiert, auch bei Narconon." Die Razzia löst bei Rinder Hoffnung aus. "Wenn ich sehe, was dort passiert ist, dann frage ich mich, ob andere staatliche Behörden dem Beispiel folgen werden," sinniert Rinder. "Mit der Razzia in Atlanta hat sich ein kleiner Spalt in einer schier undurchdringlichen Festung aufgetan, die für Scientology seit über 30 Jahren Bestand hatte." Das sieht er nicht allein so: Die Nachricht über die Razzia verbreitete sich unter Kritikern der Organisation im Netz wie ein Lauffeuer. In der Tat markiert die Durchsuchung der Drogenklinik nicht nur eine mögliche Kehrtwende der amerikanischen Behörden im Umgang mit Scientology, sondern auch eine der Medien. Diese hatten die klagefreudige Sekte bisher oft mit Samthandschuhen angefasst. Die Lokalreporter von Atlanta, die über den Todesfall von Patrick Desmond berichtet hatten, ließen aber nicht locker. Narconon weist Anschuldigungen von sich Ermutigt durch die Berichterstattung wandte sich die Mutter einer Patientin mit ihren Belegen für fragwürdige Abrechnungspraktiken von Narconon an die TV- Journalistin Jodie Fleischer. Narconon Georgia habe ihrer Krankenversicherung wiederholt Rechnungen ausgestellt. Dabei habe die Familie die Behandlung in vollem Umfang bereits selbst gezahlt gehabt. Insgesamt beliefen sich die zusätzlichen Rechnungen demnach auf 166.000 Dollar. Und das für ärztliche Behandlungen, die nach ihrer Aussage nie stattgefunden hatten und für Aufenthaltszeiten, in der die Tochter gar nicht anwesend gewesen sei, erzählt die Mutter. Narconon Georgia reagierte auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu den Vorwürfen und den Verbindungen zu Scientology nicht. Zuvor hatte die Organisation eine Mitteilung verbreitet, in der es hieß, man wisse von den Ermittlungen, verfolge aber ein branchenübliches und professionelles Rechnungswesen. "Die Zahlungsbedingungen werden allen Studenten erklärt." Im Übrigen könnten die erfolgreich Therapierten und deren Familien bezeugen, "dass das Programm zu einem Leben in Abstinenz und Gesundheit führt". Das Journalistenteam war vor Ort, um die spektakuläre Razzia in den Räumlichkeiten von Narconon Georgia zu dokumentieren. Kistenweise schleppten Beamte Unterlagen aus der Verwaltungszentrale, rund zwei Dutzend Computer hievten sie in einen eigens dafür angemieteten Lieferwagen. Es wird sich zeigen, ob das Material, das in den Dokumenten und Festplatten schlummert, eine Anklage wegen Versicherungsbetrugs untermauern kann. Nach dem Gesetz des Staates Georgia kann nur eine Einzelperson wegen dieses Delikts belangt werden, nicht eine Organisation. Sollten die Beamten aufschlüsseln können, wer welche Rechnung an wen ausgestellt hat, könnte die Schlinge der Justiz sich auch um Narconon und Scientology enger ziehen.

Abendzeitung München, 03.05.2013
Ärger an der Sonnenstraße - "Warum dürfen Scientologen hier werben?"
An der Sonnenstraße ärgern sich Geschäftsleute und Passanten über einen Infostand von Scientology. Altstadt - Geschäftsleute an der Sonnenstraße 16 und 18 haben sich beschwert: Sie ärgern sich über einen Infostand unten auf dem Gehsteig, wo Scientologen für sich werben Auch Kunden der Handy-Läden und Patienten der Arztpraxen in dem Geschäftshaus haben sich beschwert, weil sie unten von den Aktivisten am Infostand angesprochen werden. Die Beschwerde der Geschäftsleute hat die stellvertretende Vorsitzende im Bezirksausschuss 18, Melly Kieweg, jetzt in einem Antrag formuliert. Die Stadtteilpolitikerin selbst vertritt den BA in Untergiesing/Harlaching, doch sie hat den Ärger an der Sonnenstraße schon persönlich miterlebt, wie sie sagt. Und sich mit ihrem Anliegen an den zuständigen Bezirksausschuss Altstadt/Lehel gewandt. In ihrem Antrag heißt es: Der zuständige BA möge die Sonnenstraße nicht zu einer Werbemeile der Scientology verkommen lassen und sich dafür bei den zuständigen Stellen einsetzen. Begründung: Die vom Verfassungsschutz beobachtete Sekte treibt schon längere Zeit unter dem Tarnnamen „Dianetik“ in der Sonnenstraße abwechselnd vor der Post, dem Kaufhaus und der Sonnenstraße 16 massiv Werbung, verkauft Bücher und CDs, belästigt mit ihrer aggressiven Werbung die Fußgänger und hält sich nicht an den festgelegten Standort. Es kam auch schon mehrmals zu Polizeieinsätzen, da sich Passanten bedroht fühlten und auch bedroht wurden. Die Geschäftsleute der Sonnenstraße 16 /18 bitten den BA, sich dafür einzusetzen, dass ihr Klientel nicht mehr von der Scientology belästigt wird. Viele Kunden der Arztpraxen im Haus fühlen sich durch die Menschenansammlungen und das Stimmengewirr gestört. Der Bezirksausschuss Altstadt-Lehel will sich nun in seiner nächsten Sitzung mit dem Problem befassen.

Ostthüringer Zeitung, 20.04.2013
Scientology wirbt für sich im Landtag 
Sekte hat DVDs an Abgeordnete gesandt Erfurt Die Scientology-Sekte wirbt im Thüringer Landtag für ihre Ziele. Nach Informationen von MDR Thüringen hat die Sekte erstmals DVDs an die Abgeordneten verschickt. In einem Begleitschreiben bat sie die Landtagsverwaltung, das Video an alle 88 Abgeordneten weiterzuleiten. Die Verwaltung stoppte daraufhin die Sendung, da die Sekte auch in Thüringen als verfassungsfeindlich vom Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet wird. Dennoch wurden die einzelnen Abgeordneten in Kenntnis gesetzt: Bei Interesse stehe die DVD in der Poststelle zur Verfügung, heißt es in einem Schreiben. Der Landtag wolle eine offensichtlich verfassungsfeindliche Institution nicht unterstützen, sagte ein Landtagssprecher. Immer wieder versuche die Sekte an Vertreter von Politik und Wirtschaft heranzutreten, erklärte Amtsleiter Roger Derichs vom Thüringer Verfassungsschutz. Dass sie dabei DVDs einsetzt, sei allerdings neu. Nach Angaben von Derichs gibt es in Thüringen rund 20 Sekten-Mitglieder.

WAZ vom 08.04.2013, Theo Schumacher
NRW-Verfassungsschutz warnt: Scientology wirbt Jugendliche in sozialen Medien
Düsseldorf. Die Organisation Scientology ist verstärkt auf Facebook und YouTube unterwegs, um dort vor allem Jugendliche zu erreichen. Das hat der Verfassungsschutz in NRW festgestellt und warnt vor Nebenorganisationen wie „Jugend für Menschenrechte“ oder „Sag nein zu Drogen, sag ja zum Leben“. Die Scientology-Zentrale in Düsseldorf weist die Vorwürfe entschieden zurück. Die umstrittene Organisation Scientology agiert zunehmend verdeckt und in Internet-Portalen wie YouTube oder Facebook, um mit „falschen Botschaften vor allem Jugendliche zu ködern“ – davor warnt Burkhard Freier, Chef des nordrhein- westfälischen Verfassungsschutzes. „Mit perfiden Videos unter Tarnnamen schafft es die Sekte, schnell und hürdenlos Zugang in den häuslichen Bereich zu bekommen, oft ohne dass die Eltern etwas davon wissen“, sagte Freier dieser Zeitung. Für ein Ende der Beobachtung von Scientology gebe es keinerlei Anlass. Auftritt bei Jugendfestivals „Scientology ist gefährlich“, sagte Freier. In früheren Jahren habe sich die Organisation bei Kampagnen auf Info-Stände in Fußgängerzonen oder Flugblätter beschränkt und somit schwerer gehabt, „die Menschen zu erreichen“. Seiner Behörde bereite Sorge, dass über soziale Netzwerke mit Nebenorganisationen wie „Jugend für Menschenrechte“ oder „Sag nein zu Drogen, sag ja zum Leben“ junge Leute gebunden werden sollen. So „getarnt“, trete Scientology teils auch bei Jugendfestivals auf. „Es handelt sich um eine totalitäre Organisation, die gezielt wesentliche Grund- und Menschenrechte missachtet“, so Freier weiter. Ein gerade in Amerika erschienenes Buch enthüllt die Schattenseiten von Tom Cruise. Autor Lawrence Wright hat darin die Schlüsselrolle des Schauspielers in der Psycho-Sekte Scientology freigelegt. Der US-Autor schildert die engen Verbindungen zwischen Cruise und Scientology-Boss David Miscavige. Individualrechte wie freie Entfaltung der Persönlichkeit und Gleichbehandlung würden bewusst außer Kraft gesetzt. Scientology strebe außerdem eine Gesellschaft ohne freie Wahlen an. „Die Scientologen machen ihre Mitglieder psychisch abhängig und treiben viele durch Geldforderungen für immer neue dubiose Kurse in den finanziellen Ruin“, sagte Freier. Dabei würden eigene, wirtschaftliche Interessen verschleiert“. In Nordrhein-Westfalen steht Scientology seit dem Jahr 1997 im Blickfeld der Verfassungsschützer. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat in einem Urteil vor fünf Jahren die Beobachtung als rechtmäßig erkannt. Die Organisation zählt bundesweit 3500 bis 4500 Mitglieder, in Nordrhein-Westfalen sind es ungefähr 500 bis 600. Scientology, das im Jahr 1954 in den USA von L. Ron Hubbard gegründet wurde, ist in Deutschland nicht anerkannt als Religionsgemeinschaft. Claudia Uhl, Sprecherin der Scientology-Zentrale in Düsseldorf, weist die Vorwürfe entschieden zurück. Aus ihrer Sicht ist die Beobachtung durch den Verfassungsschutz völlig überflüssig. „Die finden nichts gegen uns“, sagte sie auf Anfrage dieser Zeitung. Es werde dadurch nur Steuergeld verschwendet. Auch sei die Behauptung „nicht wahr“, dass ausstiegswillige Mitglieder von der Organisation unter Druck gesetzt würden. Drohung mit Polizei hilft Für „angemessen und hilfreich“ hält man es dagegen beim Sekten-Info Nordrhein- Westfalen, dass der Verfassungsschutz die Scientologen im Visier hat. „Das ist ein Schutz“, sagt Sabine Riede, Leiterin der landesweiten Beratungsstelle, „Aussteiger müssen weniger Angst haben.“ Vor Beginn der Beobachtung durch die Behörde seien sie deutlich mehr bedroht und belästigt worden. Auch sie persönlich, sagt Riede, habe „Hetze“ zu spüren bekommen. Heute reiche bei unerwünschten Hausbesuchen ein Hinweis, dass man die Polizei rufe, meist schon für Ruhe. Das Sekten-Info registrierte im vergangenen Jahr rund 120 Anfragen und 50 Beratungsfälle in Sachen Scientology, oft bei Aussteigern oder Angehörigen. 

NDR, 20.03.2013, Kristina Festring-Hashem Zadeh
Gefahr Scientology: Gut getarnt im Netz
Heute verabschiedet der Hamburger Senat Ursula Caberta. Drei Jahre früher als geplant zieht sich die lange Zeit engagierte Scientology-Kritikerin zurück und betont: "Ich gehe nicht in Ruhestand, ich bin sozusagen arbeitslos. Ich habe meinen Arbeitsvertrag aufgelöst." Grund sei die mangelnde finanzielle Unterstützung ihrer Aufklärungsarbeit, seit ihre "Arbeitsgruppe Scientology" 2010 im Zuge von Sparmaßnahmen geschlossen, beziehungsweise mit Cabertas Worten "zusammengekloppt" wurde. Zeitgleich mit der Ankündigung der Sekten-Expertin, den Dienst zu quittieren, verbreitet der Hamburger Verfassungsschutz im Februar die Nachricht, dass Scientology an Kraft verliert. Ist die Gefahr vorbei? Scientology und das Internet Ein Screenshot der Internet-Seite "Jugend für Menschenrechte". Der Auftritt lädt den Nutzer dazu ein, sich über Menschenrechte zu informieren. Die Organisation Scientology taucht auf der Seite nirgends auf - doch haben Scientologen die Seite inhaltlich gestaltet, wie die Sekte auf Anfrage erklärt. Der Auftritt wendet sich vor allem an Pädagogen und versendet umfangreiches kostenloses Material für den Unterricht, zum Beispiel Bücher oder Videos. Darüber hinaus fordern die Macher der Seite dazu auf, sie in Netzwerken mit Freunden zu teilen, Fördermitglied zu werden und Geld zu spenden. "Die Seiten sind sehr gut gemacht", sagt Andrew Schäfer von der Evangelischen Kirche. "Und wer da draufklickt, weiß gar nicht, dass Scientology dahinter steckt." Auch die Internet-Seite "Sag nein zu Drogen - Sag ja zum Leben" widmet sich einem gesellschaftlich anerkannten Thema: der Drogenaufklärung. Betrieben wird sie offiziell von dem gleichnamigen Verein. Doch auch sie ist inhaltlich von Scientologen gestaltet worden. Zielgruppe ist - wie bei "Jugend für Menschenrechte - ebenfalls ein junges Publikum. Die Betreiber der Seite verschicken kostenloses Unterrichtsmaterial, fordern dazu auf, sie zu verlinken - und Geld zu spenden. So sieht der offizielle Internet-Auftritt der Scientology-Organisation aus. Hier sind unter der Überschrift "ähnliche Seiten" mehrere Angebote zu den Themen Menschenrechte und Drogen verlinkt. Sekten-Expertin Ursula Caberta zufolge hat das Netz jedoch auch einen gravierenden Nachteil für Scientology: Kritiker und Aussteiger können hier offen zu Wort kommen. Einer von ihnen: Wilfried Handl. Der Scientology-Aussteiger engagiert sich auf seinem "Blog gegen Scientology" gegen die Sekte, die in Deutschland seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Ein Screenshot der Internet-Seite "Jugend für Menschenrechte". Der Auftritt lädt den Nutzer dazu ein, sich über Menschenrechte zu informieren. Die Organisation Scientology taucht auf der Seite nirgends auf - doch haben Scientologen die Seite inhaltlich gestaltet, wie die Sekte auf Anfrage erklärt. "Ganz klar: Nein", sagt Andrew Schäfer von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) im Rheinland. Trotz eines generellen Rückgangs der Mitgliedszahlen in den vergangenen Jahren beobachte er seit einiger Zeit in seiner Region Nordrhein-Westfalen eine irritierende gegenläufige Tendenz: "Hier hatten wir in den letzten drei Jahren eine Zunahme um 50 Prozent", berichtet Schäfer. Zwar sei der Anstieg von 400 auf 600 Mitglieder gemessen an der Zahl der Personen vergleichsweise gering, doch ein wichtiger Hinweis darauf, dass Scientology weiterhin aktiv sei. Schäfer führt das Wiedererstarken der Sekte in NRW auf das persönliche Engagement einiger hochrangiger und finanziell gut ausgestatteter Scientologen zurück und betont: "Die Scientologen denken in langfristigen Perioden." Im Netz wirbt die Sekte für Menschenrechte In diesem Zusammenhang werde eines immer bedeutsamer für die Sekte: das Internet. Zum einen betreibe Scientology seit einigen Jahren mehrere Seiten, die sich vordergründig gesellschaftlich höchst anerkannten Themen widmen, zum Beispiel "Sag nein zu Drogen" oder "Jugend für Menschenrechte". Den Namen Scientology sucht der Nutzer dort vergebens. Vielmehr erscheinen als Betreiber ein Verein namens "SAG NEIN ZU DROGEN" oder die "gemeinnützige Organisation Youth for Human Rights International". Sie soll im Jahr 2001 von einer Pädagogin gegründet worden sein und nun angeblich junge Menschen über Menschenrechte aufklären. Gründerin und Präsidentin Mary Shuttleworth ist laut Homepage "Mutter zweier wundervoller Kinder und mittlerweile stolze Großmutter." Was dort nicht steht: Sie ist auch eine hochrangige Scientologin. "Selbst Bürgermeister sind schon darauf hereingefallen" "Totgesagte leben länger": Sektenexperte Andrew Schäfer warnt eindringlich davor, Scientology als harmlos einzustufen. Die Seiten sind "sehr gut gemacht", sagt Sektenexperte Schäfer, "und wer da draufklickt, weiß gar nicht, dass Scientology dahinter steckt." Wie ein Trittbrettfahrer versuche die Organisation, über ein gesellschaftlich angesehenes Thema Menschen zu erreichen. Die Betreiber versenden kostenloses Informationsmaterial und fordern dazu auf, ihre Seite zu verlinken und Geld zu spenden. Der Tarn-Auftritt gelinge teilweise so gut, dass es sogar Bürgermeister gegeben habe, die in ihren Städten umsetzen wollten, was "Jugend für Menschenrechte" anbiete, sagt Schäfer. Das Perfide: Mit Menschenrechten wie Gedankenfreiheit hat die Hubbard-Organisation, die für den psychischen Druck auf ihre Mitglieder bekannt ist, "nun wirklich nicht viel zu tun", so Schäfer. "Humanitäre Programme" für Scientology - "PR-Strategien" für Caberta Mit den Internet-Seiten konfrontiert, geht die Sekte durchaus offen damit um, dass sie mit ihnen in Verbindung steht. "Die Scientology Kirche sponsert verschiedene humanitäre Programme", heißt es hierzu auf Anfrage von NDR.de. Beide genannten Vereine seien jedoch rechtlich und organisatorisch von der Scientology Kirche getrennt. Die inhaltliche Gestaltung der Seiten indes werde "in erster Linie von Scientologen gemacht." Wenn Kontakte zu Nutzern entstünden, "wenn Vertrauen aufgebaut ist", werde schnell deutlich, wer dahinter stecke, führt Sektenexperte Schäfer aus. Überdies stelle das vorgeblich humanitäre Engagement auch einen Versuch Scientologys dar, an der beschädigten Reputation zu arbeiten, indem gesellschaftliche Themen besetzt würden. Die Sekte hingegen wehrt sich gegen "Gerüchte, dass unsere Kampagnen verwendet werden, neue Mitglieder zu werben." Als "PR-Strategien, Nebelkerzen für die Außenwelt", bezeichnet Caberta diese Taktik. Wichtig sei es, zwischen Sekten-Innenwelt und Außendarstellung zu unterscheiden. "Nur dann kann man es durchschauen. Leider ist es immer wieder so, dass sich Menschen täuschen lassen." "Verdeckt in sozialen Netzwerken unterwegs" Laut Sekten-Experte Andrew Schäfer steckt Scientology zwar in der Krise. Doch "die Kriegskasse ist prall gefüllt." Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, StudiVZ oder SchülerVZ sind den Scientology-Experten zufolge Mitglieder der Sekte verstärkt unterwegs, um neue Interessenten zu werben. Zunächst suchten sie, ebenfalls verdeckt und über akzeptierte Gesprächsthemen, nach Kontakten. "Und erst, wenn eine erste Bindung da ist, werden die Karten offener auf den Tisch gelegt", beschreibt Schäfer das Vorgehen. Dann sei bei den neu hinzugewonnenen Netzwerk- Freunden die Hemmschwelle häufig schon abgesunken, sich mit Scientology zu beschäftigen. Die Organisation selbst sagt, dass keines der sozialen Netzwerke von ihr genutzt werde und bestreitet, unter verdeckten Profilen zu agieren. Doch: "Selbstverständlich sind Scientologen, wie eine Vielzahl von Menschen auch, in den sozialen Netzwerken vertreten." Was und in welcher Form der Einzelne kommuniziere, sei seine Sache. Auf einen "deutlichen Nachteil" des Internets für die Scientology Organisation verweist Ursula Caberta. So sei das Netz zu einem wichtigen Medium für Kritiker und Aussteiger geworden. "Und dafür haben die Scientologen endlich einmal kein Gegenmittel." "Die Kriegskasse der Scientologen ist prall gefüllt" Insgesamt sieht EZW-Mann Schäfer jedoch die seines Erachtens immer bedeutsamer werdende Taktik der Sekte, das Netz für sich zu nutzen, mit Besorgnis. Zwar sei die von ihm als "extremistisch" und "faschistoid" bezeichnete Organisation zurzeit insgesamt rückläufig und "in der Krise", doch deshalb lange nicht harmlos und durchaus in der Lage, auch schwierige Zeiten zu überstehen. Die Zahl ihrer Anhänger in Deutschland beziffert Scientology zurzeit selbst mit 12.000, übertreibt den Verfassungsschützern zufolge aber stark. Sie schätzen, dass es derzeit bundesweit zwischen 4.000 und 5.000 Scientologen gebe, 600 davon in Hamburg. "Wobei mir seit jeher schleierhaft ist, wie die auf solche Zahlen kommen", sagt Caberta. Eines ist laut Schäfer sicher: "Die Scientologen haben eine enorme Ausdauer. Nach allem, was wir wissen und einschätzen können, ist ihre Kriegskasse prall gefüllt", sagt der Sekten-Experte und setzt hinzu: "Totgesagte leben länger."

Basler Zeitung, 27.2.13, Nina Jecker
Wirbel um Scientology-Stand an der Muba
Die umstrittene Sekte Scientology betreibt einen Stand an der diesjährigen Muba. Die Präsenz der Organisation ruft Kritiker auf den Plan. Umstritten, aber legal: Die Messeleitung hat abgeklärt, ob die Präsenz der Scientology-Kirche an der Muba zulässig ist.
Nicht nur der Auftritt der Sterbehilfeorganisation Exit stösst einigen Muba- Besuchern sauer auf. Aktuell sorgt auch der Stand der internationalen Organisation Scientology für Empörung. Unter anderem machte sich Sarah Wyss, Grossrätin und Noch-Präsidentin der Juso Basel-Stadt, via Twitter Luft: «Sekte an der Muba. Geht gar nicht», zwitscherte die Politikerin gestern. «Kann mir mal jemand sagen, wieso Scientology einen Stand an der Muba hat?», fragte ein anderer verständnislos. «Wir haben im Vorfeld, was Scientology angeht, Abklärungen getroffen», sagt Muba-Sprecher Simon Dürrenberger dazu. Mit folgendem Ergebnis: Bei Scientology handle es sich um eine legale Organisation, die folglich auch an der Muba auftreten könne. Umstrittene Gruppierung Eine Haltung, für die Sektenexperte Georg Otto Schmid von relinfo.ch Verständnis hat: «Es ist rechtlich nicht ganz einfach, zu Veranstaltungen gewisse weltanschauliche Gemeinschaften zuzulassen und andere nicht.» Es gebe da keine juristisch hieb- und stichfesten Kriterien. «Deshalb kann ich es verstehen, dass die Muba Scientology zulässt, um nicht alle religiösen Organisationen ausschliessen zu müssen.» In der liberalen Schweiz hätten es radikale Gruppierungen einfacher als beispielsweise in Deutschland. Dort werde Scientology vom Verfassungsschutz beobachtet. Aber auch hierzulande sei Scientology eine der umstrittensten aktiven Gruppierungen. «Keine andere produziert nach unserer Erfahrung einen so hohen Anteil unzufriedener Aussteiger.» Schmid kennt viele Berichte von ehemaligen Mitgliedern. «Die Schattenseiten von Scientology sind zum einen der hohe finanzielle Aufwand, den Scientologen oft betreiben. Wer die sogenannte ‹Brücke zur Freiheit› bis zur höchsten Stufe gehen will, zahlt dafür gern Zehn- wenn nicht Hunderttausende Franken. Oder er arbeitet für Scientology für einen geringen Lohn», sagt Schmid. Aussteiger würden zudem von permanentem Druck berichten. Wer beispielsweise für die Organisation arbeite, müsse sich laufend verbessern. Über Muba-Regeln aufgeklärt An der Muba findet man die Scientology-Kirche Zürich in der Halle 2. Es ist laut Dürrenberger der erste Auftritt der Organisation an der Messe. Bei einem Augenschein vor Ort konnten sich die Standbetreiber gestern über mehrere Interessenten freuen. Auf dem ganzen Messegelände neue Mitglieder werben dürfen sie aber nicht. «Wir haben die Organisation im Vorfeld auf die Auflagen bei der Verhaltensweise hingewiesen», sagt Dürrenberger. Dazu gehöre die Regel, dass man nur innerhalb der Standgrenzen aktiv sein dürfe. Im neutralen Raum der Muba, also in den Gängen, Personen anzusprechen und an den Stand zu locken, sei tabu. «Das gilt aber auch für alle anderen Standbetreiber.» Experte Schmid wurde selber auch schon von an Scientology Interessierten angesprochen: «Wenn sich jemand bei mir meldet, der sich für einen Beitritt interessiert, empfehle ich ihm in der Regel die Lektüre von Aussteigerberichten», sagt er. Dann seien die meisten nicht mehr so angetan. «Viele Aussteiger berichten davon, dass es Scientology nicht so einfach akzeptiert, wenn man sich distanzieren möchte und Aussteiger lange noch brieflich kontaktiert, in einer Art, die vielen lästig wurde», sagt Schmid.

Berliner-Zeitung, 14.02.2013, Frank Nordhausen
Unerschrockene Kämpferin Ursula Caberta hat lange in Hamburg gegen die Scientology-Sekte gearbeitet. Nun geht sie
Sie war der Feind Nummer eins für die totalitäre Scientology-Organisation. Detektive bespitzelten sie jahrelang, sie wurde mit dem Tod bedroht und als „Nazi-Verbrecher“ beschimpft. Ursula Caberta, die langjährige Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, war die bekannteste, umstrittenste und versierteste Expertin für Psycho-Sekten in der Republik. Und sie hat mit vielen Fernsehauftritten den Deutschen beigebracht, dass es sich bei Scientology nicht um die Heilsarmee handelt. Jetzt hat Caberta das Handtuch geworfen und einen Auflösungsvertrag für ihre Stelle als Sektenbeauftragte in Hamburg unterschrieben – weil ihr Budget in den vergangenen Jahren radikal zusammengestrichen wurde. „Wenn die Mittel fehlen, ist eine sinnvolle Arbeit nicht mehr möglich“, sagt die 62-Jährige. „Der politische Wille, über Scientology und Esoteriker aufzuklären, ist in Hamburg nicht mehr vorhanden.“ Als sie 1992 die Gründung der „Arbeitsgruppe Scientology“ beim Senat der Hansestadt erreichte, hat die streitbare SPD-Politikerin 1992 den Diskurs über totalitäre Sekten in Deutschland vom Kopf auf die Füße gestellt. Die weltweit einzigartige Behörde wurde im Innenressort angesiedelt und mit vier Planstellen gut ausgestattet. Caberta behandelte die angebliche „Kirche“ aus Kalifornien erstmals nicht mehr als Problem einzelner Opfer, sondern als Bedrohung für die innere Sicherheit der Bundesrepublik. Sie drängte auch auf ein Verbot, wofür sich allerdings bundesweit keine Mehrheit fand. Politischer Extremismus „Inseln des Totalitarismus in der demokratischen Gesellschaft“ hat der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton Sekten wie Scientology genannt. Caberta sprach von einer neuen Art des politischen Extremismus, lange bevor gefährliche Gehirnwäschegruppen wie Aum Shinrikyo oder Al Kaida das Phänomen auf die politische Tagesordnung setzten. „Mir wurde klar, Scientology ist keine Religion, sondern eine totalitäre Organisation wie die Nazis, mit Führerkult und Herrenmenschentum.“ Sie betreute zahlreiche Sektenopfer persönlich, bestritt zahllose Veranstaltungen und publizierte mehrere Bücher. Betroffene und Aussteiger aus ganz Europa und den USA versorgten sie mit Insider- Informationen und brisanten Dokumenten. Ohne Caberta hätte die Innenministerkonferenz den Verfassungsschutz wohl 1997 nicht auf Scientology angesetzt, und ohne ihre Vorarbeit hätte es auch höchstrichterliche Entscheidungen nicht gegeben, in denen Scientology als Wirtschaftsunternehmen oder verfassungsfeindlich eingestuft wurde. Es war die unerschrockene Ursula Caberta, die den Einfluss von Scientology auf amerikanische Regierungsstellen wie das Außenministerium in Washington öffentlich machte. Erst danach haben deutsche Politiker wie Norbert Blüm oder Günter Beckstein bekannt, dass sie, wann immer sie sich kritisch mit Scientology befassten, Anrufe von US-amerikanischen Konsulaten bekamen. Der Druck aus Washington, Cabertas Dienststelle zu schließen, war enorm. Doch galt sie in der Hamburger Verwaltung auch als unbequem und zu aufmüpfig. Im September 2010 machte der schwarz-grüne Senat die Arbeitsgruppe Scientology überraschend dicht und fand Caberta mit einem Posten für Öffentlichkeitsarbeit ohne Mitarbeiter und ohne Geld ab. Die offizielle Begründung waren Sparmaßnahmen, doch wurde über Wikileaks bekannt, dass der damalige Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) im Hamburger US-Konsulat Gespräche über Caberta führte. „Hat das US-Konsulat bei der Schließung die Fäden gezogen?“, fragte Caberta. Damals wurde ihr die Beratung von Betroffenen entzogen und dem Hamburger Verfassungsschutz übertragen, was auch der seit März 2011 amtierende neue SPD-Senat trotz früherer Versprechen führender Sozialdemokraten nicht rückgängig machte. „..jetzt eben als Privatfrau“ Den Ausschlag für Cabertas Ausstieg gab schließlich eine Affäre, bei der die staatlichen Verfassungsschutzämter sich offensichtlich überfordert zeigten. Im baden- württembergischen Esslingen hatten Mittelständler im letzten Jahr ein berufliches Netzwerk gegründet, das von Scientologen unterwandert wurde. „Jemand aus der Gruppe wandte sich an mich, nachdem er beim Verfassungsschutz keine Hilfe erhielt“, sagt Caberta. „Wenn aber staatliche Stellen das Thema kleinreden und mir die Hände gebunden sind, dann hat die Arbeit keinen Sinn mehr.“ Den Esslingern will sie natürlich trotzdem helfen – „jetzt eben als Privatfrau“. In gewisser Weise fühle sie sich befreit, sagt Ursula Caberta. „Ich konnte nicht einmal mehr Flyer über angebliche Wunderheiler drucken. Als Feigenblatt des Senats bin ich mir aber zu schade.“ Und Scientology? „Wenn wir nicht hingucken, berappeln sie sich schnell wieder.“ Es ist wesentlich Caberta zuzurechnen, dass der Psycho-Kult in Deutschland auf rund 5 000 Mitglieder geschrumpft ist; auch ist es ihr gelungen, Kader aus dem inneren Zirkel um den Sektenführer David Miscavige in den USA herauszubrechen.Vor allem seit viele Hollywood-Stars dem Psychokult den Rücken kehren, hat auch in den USA eine lebhafte Diskussion über dessen Methoden eingesetzt. Sollte Scientology zusammenbrechen, hätte Caberta keinen geringen Anteil daran. „Aber noch hält das

Horizont, 30.01.2013, Mam
Heikle Mission: Scientology sucht eine Werbeagentur
Solch eine Anfrage dürfte nicht alle Tage auf den Schreibtischen von Deutschlands Agenturchefs landen: Scientology will etwas für sein Image tun und plant eine Werbekampagne. Dafür hat die Organisation, die sich selbst als Kirche bezeichnet, rund 70 Agenturen angeschrieben und sucht "nach couragierten Profis, die uns bei dieser Aufgabe beraten und unterstützen". Die Reaktionen der Agenturen fallen nach Auskunft von Sabine Weber, Präsidentin der Scientology Kirche Berlin, unterschiedlich aus. Die meisten würden schweigen, einige reagierten mit Ablehnung, es gebe aber auch Interesse. Mit der geplanten Imagekampagne verfolge man das Ziel, "unsere Arbeit, Absichten und Zielsetzungen selbst vorzustellen", sagt Weber. Um Mitgliedergewinnung gehe es dabei nur sekundär. Die Vermutung, dass Scientology mit der Aktion weitere Menschen von sich überzeugen will, liegt allerdings auf der Hand. Beobachter wollen wissen, dass die geplante Expansion stockt. Scientology Deutschland spricht von derzeit 12.000 aktiven Mitgliedern, staatliche Stellen von 4000 bis 5000. Angesichts des Rufs von Scientology ist die Aufgabe für Agenturen mehr als eine heikle Mission. Die Organisation wird nach wie vor vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Behörde wirft der Gemeinschaft unter anderem vor, das demokratische Rechtssystem abzulehnen. Scientology wiederum spricht von einer "gezielten Rufmordkampagne, die durch unsere religiös-weltanschaulichen Gegner gesteuert wird". Für den geplanten Imageauftritt sind Anzeigen, Radiospots, Dialogmaßnamen sowie Online- und Außenwerbung in Planung. 

Berner Zeitung, 30.01.2013, Hugo Stamm
Eine bittere Pille für Scientology
Das umfangreiche Enthüllungsbuch eines Starjournalisten bringt die Scientologen in den Vereinigten Staaten ins Schwitzen. Scientology behauptet, in den USA 3,5 Millionen Anhänger zu haben: Kirche der Sekte in Los Angeles.
In den USA ist der Ruf von Scientology noch halbwegs intakt. Hollywoodstars wie Tom Cruise oder John Travolta bildeten bisher erfolgreich eine Schutzmauer. Die meisten Medien wollten die Leinwandhelden nicht gegen sich aufbringen oder die Leser verärgern. Doch die Schonzeit läuft ab. Nach mehreren Skandalen und der spektakulären Flucht von Cruises Ehefrau Katie Holmes sorgt der Starjournalist Lawrence Wright mit seinem Buch «Going Clear. Scientology, Hollywood and the Prison of Belief» (Geklärt werden. Scientology, Hollywood und das Gefängnis des Glaubens) für Schlagzeilen. Pulitzer-Preisträger Wright trug jahrelang Material über Scientology zusammen und führte mit über 250 ehemaligen und aktiven Sektenanhängern Interviews, unter ihnen Aussteiger aus der Teppichetage. Einer der Kronzeugen ist der bekannte Regisseur und Drehbuchautor Paul Haggis («Million Dollar Baby»), der sich nach 34 Jahren aus dem «Gefängnis des Glaubens» befreit hat. Die Enthüllungen umfassen 450 Seiten. Behilflich bei seinen aufwendigen Recherchen waren ihm ausgerechnet die Scientologen. Als Wright Stellungnahmen bei der Sekte einholen wollte, bekam er Besuch vom Scientology-Sprecher und vier Anwälten. Um seine Thesen zu widerlegen und ihn mit Unterlagen zuzumüllen, schleppten sie rund 50 Ordner an. Das Material entpuppte sich für Wright aber als Fundgrube. 1 Milliarde flüssige Mittel Wright hat bei den US-Medien einen Damm zum Einsturz gebracht. Obwohl das Buch erst seit ein paar Tagen auf dem Markt ist, werden seine Enthüllungen in den Medien breit präsentiert. Für Scientology ist das ein GAU, denn Wright zerschlägt die Mythen der Sekte gleich reihenweise. Zuerst räumt der Autor mit den Propagandazahlen von Scientology auf. Die Sekte behauptet, in den USA 3,5 Millionen Anhänger zu haben, der Autor konnte aber gerade mal 25'000 überzeugte Mitglieder ausmachen. Auch andere Zahlen sind für die Sekte, die sich Kirche nennt, nicht schmeichelhaft. Die liquiden Mittel betragen laut Wright eine Milliarde Dollar, der Immobilienbesitz belaufe sich auf 1 Million Quadratmeter, der Gebäudewert allein in Hollywood auf 400 Millionen Dollar. Zur Abtreibung genötigt Wright zeichnet ausserdem ein unvorteilhaftes Sittenbild von Ron Hubbard und seiner Organisation. Der Gründer von Scientology habe seine Umgebung terrorisiert. Zum Beispiel habe er Frauen geschlagen und Matrosen über Bord werfen lassen. Sein Nachfolger David Miscavige, ein enger Freund von Tom Cruise, stehe ihm kaum nach. Bei Wutausfällen habe er hochrangige Mitarbeiter blutig geschlagen, erklärten ehemalige Vertraute des Sektenbosses im Buch. Scientology habe schon Mitte der 50er-Jahre begonnen, Promis zu ködern. Um eine Lebenspartnerin für Tom Cruise zu finden, habe Scientology Castings für junge Schauspielerinnen organisiert. Weiter kritisiert Wright die autoritären Strukturen der Sekte. Unfolgsame Mitglieder würden streng bestraft oder gar misshandelt, das interne Kontrollsystem sehe Strafen vor, die an Freiheitsberaubung grenzten, die Geldgier sei sehr ausgeprägt. Ausserdem seien Scientologinnen zur Abtreibung genötigt worden. Wright kommt zum Schluss, dass vor allem die strengen Regeln, die finanzielle Macht über die Mitglieder und die soziale Isolation das rigide Abhängigkeitssystem ermöglichten. Scientology weist die Vorwürfe von Wright pauschal zurück. Kaum war das Werk im Handel, schlug Scientology im Internet mit einem Weissbuch zurück. Wright hatte viele Domain-Namen blockiert, aber einen vergessen: www.lawrencewrightgoingclear.com. Die Sekte bezeichnet dort das Buch, das voll von Fehlinformationen sei, als «eklatant bigott». Zu sehen ist auch ein Porträt von Wright. Allerdings gleicht er darauf mehr einem Vampir als einem menschlichen Wesen. Das Bild ist ein Vorgeschmack darauf, was Wright in der weiteren Auseinandersetzung erwartet.

Der Westen, 30.01.2013, Dirk Hautkapp
Nochmal "Going clear" - Neues Buch enthüllt Schlüsselrolle von Tom Cruise bei Scientology
Wer Tom Cruise nie leiden mochte, wird ihn nach diesem Buch vielleicht hassen. In seinen gerade in Amerika erschienenen Enthüllungen über Scientology hat der Autor Lawrence Wright die Schlüsselrolle des Schauspielers in der Psycho-Sekte freigelegt.Foto: Reuters Washington. Im Kino glänzt er stets als unfehlbarer Held, jetzt enthüllt ein gerade in Amerika erschienenes Buch die Schattenseiten von Tom Cruise. Lawrence Wright hat darin die Schlüsselrolle des Schauspielers in der Psycho-Sekte Scientology freigelegt. Der US-Autor schildert die engen Verbindungen zwischen Cruise und Scientology-Boss David Miscavige und weist die menschenverachtenden Praktiken der Sekte nach. Wer Tom Cruise nie leiden mochte, wird ihn nach diesem Buch vielleicht hassen. Mindestens aber bemitleiden. In seinen gerade in Amerika erschienenen Enthüllungen über Scientology hat der US-Autor Lawrence Wright die Schlüsselrolle des Schauspielers in der Psycho-Sekte freigelegt. Cruise ist demnach seit 1986 das Promi-Aushängeschild schlechthin für den von L. Ron Hubbard gegründeten Kult, der sich seit Jahren weltweiter Kritik ausgesetzt sieht. Wrights detaillierte Schilderungen in „Going Clear. Scientology, Hollywood and the Prison of Belief“ über die engen Bande zwischen Cruise und Scientology-Boss David Miscavige, der dem Mimen Ehen gestiftet und beendet haben soll, beantworten allerdings nicht die Frage, die der Schauspieler Josh Brolin („No Country for Old Men“) einmal so stellte: Wie können sich Menschen, die großartige Karriere-Entscheidungen treffen, einem derart obskuren Glauben unterwerfen? Anhaltspunkte geben eher die Passagen von Spanky Taylor, die in den 70er Jahren John Travolta an die Sekte band. So sei der Hollywood-Star ausgerechnet zum Start seiner Karriere mit dem Film „Saturday Night Fever“ ein tief unglücklicher Mensch auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gewesen. Scientology bot Halt, so Wright, hielt den Künstler gleichwohl wegen einer versteckt gelebten Homosexualität nicht für gesellschaftsfähig. Hunde von Scientology-Führer stehen ganz oben in der Sekten-Hierarchie Hubbard betrachtete Schwule immer als krank. Eine Charakterisierung, die jetzt unterschwellig Miscavige untergeschoben wird. Laut Wright hält sich der braun gebrannte Sekten-Führer fünf Beagle-Hunde, für die eigens blaue Westen mit goldenen Epauletten und Abzeichen genäht worden seien, die ihren hohen Rang in der Scientology-Hierarchie bezeugen sollten. Wuff. Miscavige stecke auch hinter dem so genannten „Loch“ - ein Wohnwagenpark der Sekte in der kalifornischen Wüste, wo Abtrünnige wie in einem Straflager gehalten und geschlagen würden. Die „New York Times“ bilanziert Wrights Recherchen mit einem delikaten Befund: Scientology könne man institutionell wohl nur mit der kommunistischen Partei in ihren besten Zeiten vergleichen. Zentraler Auskunftsgeber für Lawrence Wright ist Hollywood-Regisseur Paul Haggis. Der für sein Drehbuch zu „Crash“ mit dem Oscar belobigte Filmemacher kehrte der Sekte nach 34 Jahren den Rücken, weil er die „menschenverachtende“ Haltung gegenüber Homosexuellen nicht mehr ertragen konnte. Seine Töchter sind lesbisch. Als sich Haggis, der die zweithöchste Erkenntnisstufe eines Thetan VII besaß, Wright vor zwei Jahren für einen Artikel im Magazin „New Yorker“ umfänglich öffnete, schoss die Gegenseite aus allen Rohren zurück und setzte eine Armada von Anwälten in Bewegung. Autor deckt Misshandlungen und Erpressungen bei Scientology auf Wright kann mit den Anwürfen leben. „Es ist eine monumentale Aufgabe, die Geschichte einer feindseligen Organisation zu schreiben, die ihre Daten versteckt und ihre Vergangenheit verschleiert.“ Um sich erneuten juristischen Komplikationen zu erwehren, stellte er in seinem neuen Buch fast jedem Vorwurf direkt das Dementi der Sekte entgegen, die zusätzlich eine Internetseite geschaltet hat (http://www.lawrencewrightgoingclear.com), um Wright herabzuwürdigen. Was dieser zu Misshandlungen ungehorsamer Mitglieder, Gehirnwäsche, Freiheitsentzug, Erpressungen, erzwungenen Abtreibungen, Beziehungstrennungen und anderen Schändlichkeiten aufgeschrieben hat, ist in seiner Dichtheit und Quellenlage beispiellos. Obwohl der amerikanische Verlag Knopf vor Drucklegung wochenlang Fakten-Checks durchgeführt hat, schrecken kanadische und britische Lektoren aus Furcht vor Schadensersatzklagen vor einer Veröffentlichung bisher zurück. Wrights Glaubwürdigkeit steht dabei laut „New York Times“ außer Zweifel. Sein Buch über El Kaida und den 11. September 2001 („Der Tod wird euch finden“) wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Für die aktuelle Arbeit hat er über 200 Gespräche mit amtierenden oder ehemaligen Mitgliedern der Sekte geführt und Tausende Dokumente ausgewertet. Wer sich durch die knapp 450 Seiten durchgearbeitet hat, versteht besser, was Sektengründer Hubbard seinen Jüngern einmal persönlich als Geschäftsprinzip aufgetragen hat: „Um einen Menschen auf dem Scientology-Weg zu halten, füttere ihn mit einem Mysterium- Sandwich.“ 

Focus, 14.01.2013
Die Sekte der Stars
Ein großer Inside-Report legt jetzt erstmals detailliert die Hollywood-Connection von Scientology offen Es muss eine Hollywood-würdige Szene gewesen sein, als der Journalist Lawrence Wright Anfang 2011 in der Redaktion des Magazins „New Yorker“ an einem Artikel über Scientology saß – und überraschend Besuch bekam. Tommy Davis, damals Sprecher der Sekte, erschien mit vier Anwälten und 47 weißen Aktenordnern. „Die Idee war wohl, mich in Informationen zu ertränken“, erinnerte sich Wright jüngst in der „New York Times“ belustigt. „Aber es war, als hätte man Wasser auf einen Fisch geschüttet. Ich habe diese Ordner nur angestarrt und hätte nicht glücklicher sein können.“ Scientology hatte freiwillig das geliefert, was Wright gar nicht verlangt hatte: Stoff für ein ganzes Buch. Gut zwei Jahre später erscheint diese Woche in den USA nun sein mit Spannung erwarteter Inside-Report, für den er 200 Scientologen und Aussteiger interviewte. Der Inhalt von „Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief“ ist streng geheim. Lediglich der „Hollywood Reporter“ erhielt zwei Buchpassagen zum Vorabdruck. Und die haben es in sich. Unter der Überschrift „Die Kirche hatte Travolta in der Falle“ beschreibt Autor Wright, wie der Schauspieler John Travolta in den 70er-Jahren zu Scientology fand. Er sei damals ein „zutiefst unglücklicher“ Künstler gewesen, der durch Kurse im „Celebrity Center“ zu sich selbst finden wollte. Die Sekte habe Travolta zur Karriere in Hollywood verholfen – und sich seiner bemächtigt. Travolta bekam von der Sekte die junge Assistentin Sylvia Taylor an die Seite gestellt, die im Alter von 15 Jahren Scientology beigetreten war. Während Travoltas Erfolgszeit begann, geriet Taylor in Schwierigkeiten. Angeblich hatte sie sich bei den Sektenoberen über die Behandlung eines anderen Mitglieds beschwert. Sie landete laut Wright zur Strafe in der Rehabilitation Project Force, einer Art interner Umerziehungsanstalt. Der Reporter: „Man nahm ihr das gerade geborene Baby Vanessa weg und steckte es in ein Scientology-Kinderheim.“ Ein früherer Exekutivdirektor der Sekte berichtete, Geheimdienstler der Organisation seien dazu angehalten worden, persönlichste Details aus Gesprächen mit Travolta zu sammeln – als eine Art Pfand, falls dieser mal aussteigen wolle. Schon in den Anfangszeiten der Sekte, die in den USA seit 1993 den Status einer steuerbefreiten Religionsgemeinschaft genießt, rekrutierte Gründer Ron Hubbard Hollywood-Stars, um der Organisation Strahlkraft zu verleihen. Der für sie derzeit wichtigste Star ist zweifellos Tom Cruise. Wrights detaillierte Schilderung von dessen Sekteneintritt 1986 bis zu seinem Aufstieg zum zweitwichtigsten Mann liest sich wie ein durchgeknallter Science-Fiction-Roman. Absurdes Training für Novizen REUTERS Kronzeuge aus Kanada: Der zweifache Oscar-Preisträger Paul Haggis verließ Scientology nach 34 Jahren Mitgliedschaft. In einer bizarren Szene schildert Wright, wie Cruise ein sogenanntes Upper Indoctrination Training bei einem Neumitglied durchführt: Cruise habe von ihm verlangt, „ein Objekt – in diesem Fall einen Schreibtisch – still stehen und solider werden zu lassen. In einer weiteren Übung musste er einem Aschenbecher befehlen aufzustehen, wobei der Novize selbst aufsteht und den Aschenbecher hochhebt, dem Aschenbecher dankt und dann dem Aschenbecher befiehlt, sich wieder zu setzen.“ Die Scientology-Sekte dementiert die Enthüllungen des US-Autors heftig. „Das Einzige, was in Lawrence Wrights Buch klar ist“, schimpft Sprecherin Karin Pouw, sei, dass er den „Wasserträger für eine Hand voll von verärgerten und bitteren Individuen“ spielt. Wright habe eine frei erfundene Geschichte geschrieben, die „wenig mehr tut, als sechs Dekaden falscher, bizarrer Schmierenpresse-Anschuldigungen über den Gründer der Religion, ihre Führung und ihre prominenten Mitglieder wiederzukäuen.“ Oberflächlichkeit ist allerdings das Letzte, was man Autor Lawrence Wright vorwerfen kann. Er gilt als einer der besten Reporter der USA. 2007 erhielt er den Pulitzer-Preis für sein Werk „Der Tod wird euch finden: Al-Qaida und der Weg zum 11. September.“ „Es waren die Fragen, die viele Menschen zu Scientology haben, die mich antrieben, dieses Buch zu schreiben“, sagt Wright über sein Motiv, eine weitere Organisation ins Visier zu nehmen, die vornehmlich im Dunkeln operiert. „Was macht diese Religion so anziehend? Wie können scheinbar rationale Menschen sich einem Glauben unterwerfen, den andere völlig unverständlich finden?“ Als Kronzeuge und Türöffner für Wright wirkte der Produzent und zweifache Oscar-Preisträger Paul Haggis („Million Dollar Baby“, „Crash“), der 2009 nach 34 Jahren Mitgliedschaft die Organisation im Streit verließ. Haggis hatte aus Ärger über die unterschwellige Homophobie der Sekte begonnen, über Scientology im Internet zu recherchieren und traf sich mit Aussteigern, die behaupteten, erpresst, eingesperrt oder geschlagen worden zu sein. Daraufhin verfasste Haggis eine Austrittserklärung als einen offenen Brief, den er auch an viele Hollywood-Freunde, darunter John Travolta, schickte: „Wenn nur ein Bruchteil dieser Anschuldigungen wahr ist, handelt es sich um ernst zu nehmende, unvertretbare Verletzungen von Menschen- und Bürgerrechten.“ Cruise-Scheidung als PR-GAU dpa Die Hauptstadt-Niederlassung von Scientology in Berlin Hat Scientology die besten Zeiten hinter sich? Allein die Tatsache, dass Wright für sein Enthüllungsbuch 200 Zeugen sprechen konnte, legt nahe, dass die Sekte die Kontrolle über ihre Jünger verloren hat. Die Blitzscheidung von Tom Cruise und Katie Holmes im vergangenen Sommer kam einem PR-Super-GAU gleich – „der größtmögliche Albtraum in der Geschichte von Scientology“, kommentierte der „Hollywood Reporter“. Wahrscheinlich begann der Niedergang der Organisation schon früher. Schleichend. Sektenkenner wie Tony Ortega, Ex-Chefredakteur der New Yorker Szenezeitung „The Village Voice“, der seit 17 Jahren über Scientology berichtet, nennen das Jahr 2004 als Wendepunkt für Sektenboss David Miscavige. Nachdem dieser nach acht Jahren vom Vorwurf freigesprochen worden war, am Tod eines Sektenmitglieds mit schuld zu sein, habe er „sich plötzlich unbesiegbar gefühlt“ und begonnen, „den Führungskreis von Scientology zu schikanieren“. So soll Miscavige 2005 mehr als 30 Leader im Hauptquartier festgehalten haben, um sie „Reise nach Jerusalem“ spielen zu lassen. Wobei angeblich jeder, der eine Runde verlor, zu einem Außenposten fernab seiner Familie geschickt werden sollte. Die Teilnehmer hätten „bis in die frühen Morgenstunden wie Tiere um ihr Leben gespielt“, sagt Ortega. 2009 schließlich verließen hochrangige Mitglieder Scientology – ein Tiefschlag für Miscavige und seine Mannen. „Scientology ist im Niedergang“, bestätigt Stephen Kent, Soziologieprofessor an der Uni von Alberta/Kanada der seit Jahrzehnten die Sekte erforscht. Die Wahrheit sei heutzutage eben nur einen Mausklick entfernt, so Kent. „Das Internet ist der größte Feind von Scientology.“ Auch in Deutschland kämpft Scientology gegen den Verlust von Ansehen und Bedeutung. Nach Hollywood-Glamour sieht das Dianetik-Zentrum in der Beichstraße 12 in München wahrlich nicht aus. Mit den auf Hochglanz polierten Fliesen erinnert es an ein 2-Sterne-Hotel, das seit 20 Jahren nicht renoviert worden ist. Drei Mitarbeiter kümmern sich an einem Mittwochnachmittag um den einzigen Besucher, der den berühmten Stresstest ausprobieren möchte. Die von der Organisation verbreitete Zahl von bundesweit 12 000 Mitgliedern halten Experten für pure Prahlerei. „Sie ist von einstmals 6000 auf 4000 gesunken, und der Abwärtstrend hält weiter an“, heißt es beim Verfassungsschutz, der Scientology seit 1997 wegen „demokratiefeindlicher Umtriebe“ beobachtet. Die Überwachung und eine kritische Öffentlichkeit machen den Scientologen zu schaffen. Anders als in den USA, kann sich die Truppe hierzulande weder mit Prominenten schmücken noch auf politischen Rückhalt hoffen. Aktuelle Analysen der Sicherheitsbehörden zeigen nach FOCUS-Informationen, dass die Organisation an Akzeptanz verliert. Gab es im Jahr 2008 in Bayern noch 2600 Scientologen, sind es heute 1200. In Hamburg und Umgebung schrumpfte die Zahl der Mitglieder seit Ende der 90er-Jahre um mehr als 40 Prozent auf zuletzt 550. In Baden-Württemberg verlor Scientology laut Verfassungsschutz in den vergangenen Jahren rund 300 Aktivisten. In Berlin, wo Scientology 2007 eine Filiale eingeweiht hatte, zählen Beobachter gerade mal 130 Mitglieder, 70 weniger als 2008. Einzig für Nordrhein-Westfalen melden staatliche Stellen mit etwa 600 Scientologen halbwegs stabile Zahlen. In den USA sind die Mitgliedszahlen zwischen 2001 und 2008 von geschätzt 55 000 auf 25 000 gefallen. Die Sekte selbst spricht von Millionen Jüngern und verweist auf „30 neue Kirchen“, die 2012 weltweit eröffnet wurden. „Meine Quellen erzählen mir, dass von den verbleibenden Scientologen drei Viertel unzufrieden sind“, sagt Sektenkenner Ortega. „Sie warten darauf, dass Miscavige implodiert.“ Die Hoffnung auf einen Sturz des Sektenbosses sei naiv. Sämtliche Einheiten der Organisation mit ihrem geschätzten Vermögen von sechs Milliarden Dollar seien auf den Boss zugeschnitten – und die Basis seiner Macht.

Focus, 13.01.2013
Scientology in Deutschland hat nur noch 4.000 Mitglieder
München. Die Zahl der Scientology-Mitglieder in Deutschland ist im vergangenen Jahr erneut zurückgegangen und liegt bei aktuell 4000. Das berichtet das Nachrichtenmagazin FOCUS unter Berufung auf aktuelle Einschätzungen der Verfassungsschutz-Behörden. In Spitzenzeiten zählten die staatlichen Stellen etwa 6000 Scientologen, im Jahr 2011 waren es noch 4500. Ein Verfassungsschützer sagte FOCUS: „Der Abwärtstrend hält weiter an.“ Die Organisation verzeichnete laut FOCUS den größten Abgang an Mitgliedern in Bayern. Gab es im Jahr 2008 im Freistaat 2600 Scientologen, sind es heute laut Verfassungsschutz noch 1200. In Hamburg und Umgebung schrumpfte die Zahl der Mitglieder seit Ende der 90er-Jahre um mehr als 40 Prozent auf zuletzt 550. In Baden-Württemberg verlor Scientology dem Verfassungsschutz zufolge in den vergangenen Jahren rund 300 Aktivisten. Die aktuelle Mitgliederzahl liegt dort bei 900. In Berlin zählen die Behörden laut FOCUS derzeit 130 Scientology-Mitglieder, 70 weniger als 2008. Einzig für Nordrhein-Westfalen meldet der Verfassungsschutz mit 600 Scientologen seit Jahren halbwegs stabile Zahlen. Die Scientology-Organisation selbst nannte die vom Verfassungsschutz erhobenen Zahlen gegenüber FOCUS falsch und geht von bundesweit 12.000 Mitgliedern aus.

Heise. 03.1.2013
Scientology in der Unterwelt Belgische Justiz bewertet Hubbard-Sekte als kriminelle Organisation
Die weltweit vertretene Organisation steuersparender UFO-Fans namens „Church of Scientology“ verfügt über reichhaltige internationale Erfahrung an Rechtsstreitigkeiten, etwa im Bezug auf ihren begehrten Status als möglichst steuerbefreite Religionsgemeinschaft oder Verbote von kritischen Stimmen. In Frankreich wurde die dortige Sektion der finanziellen Zuwendungen zugetanen Bewegung vor Jahren wegen Betrugs verurteilt. In Belgien nun, wo die missionierende „Wissenschaftskirche“ ihr europäisches Hauptquartier unterhält, ermittelt die Justiz wegen bedenklich ausgestalteter Arbeitsverträge, was 2008 zu ergiebigen Hausdurchsuchungen führte. Wie die Tageszeitung „De Tijd/L'Echo“ meldet, wurde angesichts weiterer Fälle nun ein neues und weitaus umfassenderes Strafverfahren in die Wege geleitet. Laut Flanders News glauben die Behörden genug Material zu haben, um wegen des Verdachts auf Erpressung, Betrug, Verstöße gegen die Privatsphäre und illegale Ausübung von Medizin vorzugehen, was am Standort des europäischen Hauptquartiers besonders peinlich wäre. Führende Scientologen werden nun zu Anhörungen gebeten. Die Scientologen indes bewegen sich offenbar auf andere Weise in der Unterwelt: So berichtet der britische Investigativ-Journalist John Sweeney in seinem Buch „Church Of Fear: Inside The Weird World Of Scientology“, dass die Wissenschaftskirche in New Mexico unterirdische Bunker für UFOs baute. Das vor der Steuer gerettete Geld ist also sinnvoll angelegt für den Fall, dass es sich bei UFOs doch nicht um Reichsflugscheiben, sondern um Raumschiffe fremder außerirdischer Mächte handelt, wie es die Hubbard-Jünger einander lehren. Hubbards Ur-Enkel Jamie deWolf, ein Comedian und Filmemacher, verspottete seinen Vorfahren als „König der Betrüger“ und schwarzes Schaf der Familie. Australische Kritiker wollen Hubbards Geschichten über Aliens, die von einem galaktischen Imperator aus Raumschiffen in irdische Vulkane abgeworfen wurden, per Crowdfunding in einem satirischen Computerspiel aufgreifen.


2012

kipa, 28.12.2012
Belgien: Verfahren gegen Scientology eingeleitet 
Brüssel, 28.12.12 (Kipa) Die belgische Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen Scientology eingeleitet. Wie örtliche Medien am Freitag berichten, wird führenden belgischen Scientology-Mitgliedern unter anderem Betrug, illegale medizinische Tätigkeit, Erpressung und Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Bereits 1999 waren Ermittlungen gegen die Organisation eingeleitet worden; 25 Niederlassungen von Scientology in ganz Belgien wurden durchsucht. Ein im Jahr 2009 mit Spannung erwartetes Gerichtsverfahren wurde noch vor dem eigentlichen Beginn vertagt. Die Organisation wies die Vorwürfe stets zurück. Die "Church of Scientology" wurde 1954 von dem US-amerikanischen Science- Fiction-Autor L. Ron Hubbard (1911-1986) gegründet. Sie erhebt den Anspruch, eine wissenschaftliche Religion zu sein, die als einzige den Menschen zum Glück in geistiger Vollkommenheit führt. Scientology gilt als eine der zweifelhaftesten ideologischen Gruppierungen weltweit. Die meisten Staaten erkennen sie nicht als Religionsgemeinschaft an. Schätzungen zufolge gibt es weltweit etwa 120.000 Scientologen. Hauptsitz der "Church of Scientology", die von einem "Präsidenten" geleitet wird, ist Clearwater im US-Bundesstaat Florida.

Luxemburger Tageblatt, 28.12.2012
Belgische Justiz:  Verfahren gegen Scientology eingeleitet 
Belgiens Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen die belgische Filiale der Scientology-Kirche eingeleitet. Dies berichten belgische Zeitungen am Freitag. Die belgische Filiale der US-Sekte wurde 1974 in Brüssel gegründet und ist vor kurzem nach Malines umgezogen. Die Ermittlungen der Justiz begannen bereits 1997, mündeten aber nicht in ein gerichtliches Verfahren. Jetzt wird ihren Führern u.a. Betrug, illegale Ausübung der Medizin und Erpressung vorgeworfen. Die Gerichtsvorladungen sollen bereits verschickt sein. Eine Branche von Scientology befindet sich auch in Luxemburg. Sie hat in einem Haus der rue des Aubépines in Luxemburg-Stadt Quartier bezogen. Geschäftsführer ist laut eigenen Angaben Nick Weisen. Über die Mitgliederzahl der luxemburgischen Sekten-Filiale ist nichts bekannt.

Die Zeit, 28.12.2012
Führende Scientologen in Belgien zu Verhör geladen
Brüssel (AFP) Die belgische Staatsanwaltschaft hat nach Informationen der Wirtschaftszeitung "De Tijd/L'Echo" führende Vertreter der Scientology- Organisation einbestellt. Die Scientologen stünden im Verdacht des Betrugs und der illegalen Ausübung ärztlicher Tätigkeiten, berichtete das Wirtschaftsblatt am Freitag in seiner flämischen und französischen Ausgabe. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die Scientology verdächtigt, eine "kriminelle Organisation" zu sein, laufen seit sechs Jahren.

Tagblatt, 24.11.2012, Andreas Kneubühler
Ritalin und die SVP
Die St. Galler SVP hat im Kantonsrat bereits mehrere Vorstösse zum Einsatz von Ritalin eingereicht. Sie stützt sich unter anderem auf Material ab, das ein Ableger von Scientology bereitstellt.
Es gibt viele Kritiker am steigenden Einsatz von Ritalin und ähnlicher Medikamente bei Kindern und Jugendlichen. Darunter sind Elternvereinigungen, Ärzte, Pharmakritiker oder auch Erziehungswissenschafter. Aktiv ist aber auch ein Ableger der Psychosekte Scientology, die Organisation Citizens Commission on Human Rights (CCHR). Die Organisation figuriert in Bern auch unter dem deutschen Namen «Bürgerkommission für Menschenrechte» und betreibt unter anderem eine Homepage, auf der sie vor Psychopharmaka im allgemeinen warnt. Dort finden sich auch umfangreiche Materialen, welche die Diagnose ADHS als Ursache von Leistungsstörungen in der Schule in Frage stellen und vor Medikamenten wie Ritalin warnen. Hegelbachs Vorstösse Zu den Empfängern von CCHR-Informationsmaterial gehören viele kantonale und nationale Politikerinnen und Politiker. Im Kanton St.Gallen zählt beispielsweise SVP-Kantonsrat Marcel Hegelbach (Jonschwil) dazu. Er hatte 2005 einen Vorstoss zum Thema Ritalin eingereicht und damals auf Anfrage bestätigt, von CCHR mit Informationsmaterial und Kontaktadressen von Elternvereinigungen versorgt worden zu sein. Auf seiner persönlichen Homepage fand sich damals auch ein Link zu CCHR. Hegelbach distanzierte sich aber von der extremen Haltung des Scientology-Ablegers. Ritalin sei zu einem riesigen Geschäft geworden und es gebe dazu viele Fragen, aber nur wenig Informationen, erklärte der Kantonsrat 2005. Im September 2012 hat Hegelbach einen weiteren Vorstoss zum gleichen Thema eingereicht. Er fordert nun ein generelles Abgabeverbot von Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. Im Interpellationstext findet sich unter anderem ein Link zur CCHR-Homepage. Im April 2012 hatte Hegelbachs inzwischen abgewählter SVP-Fraktionskollege Christopher Chandiramani (Rapperswil) eine Einfache Anfrage eingereicht und darin diverse Fragen zur «Abgabe von Ritalin, Concerta, Equasym, Medkinet» gestellt. Damit war er nicht alleine: Vorstösse mit identischen Textbausteinen und teilweise den gleichen Fragen wurden in den vergangenen Monaten auch im Kanton Basel-Land – von einer SVP-Kantonsrätin –, und im Kanton Solothurn vom GLP-Kantonsrat Markus Flury eingereicht. «Fast nur SVP-Mitglieder» Wer hat hier koordiniert? Markus Flury verneint auf Anfrage, dass er an einer konzertierten Aktion teilgenommen habe. Das Thema beschäftige ihn schon länger. «Alle stellen eine Fehlentwicklung fest, aber niemand unternimmt etwas dagegen.» Der Grünliberale erklärt, dass er für seinen Vorstoss Informationsmaterial von einer gewissen Heidi Altorfer erhalten habe, auch der Vorstoss von Chandiramani sei ihm bekannt gewesen. Unter dem Namen Heidi Altorfer findet sich die Homepage eines Scientology-Mitglieds. Dessen Gatte, Felix Altorfer, ist Präsident von CCHR Schweiz. Die Verbindung zum CCHR sei ihm nicht bekannt gewesen, sagt Flury. Er erinnert sich, dass er an einer Veranstaltung einer Gruppe für Bundesparlamentarier namens Psychopharmaka-Nein teilgenommen habe. «Ich habe mich gewundert, dass fast nur SVP-Mitglieder dabei waren.» Eine der wenigen Ausnahmen sei die St.Galler Nationalrätin Yvonne Gilli gewesen. Sie sei ein einziges Mal bei dieser Gruppe dabei gewesen, die tatsächlich von der SVP dominiert gewesen sei, bestätigt Yvonne Gilli. Von Gruppierungen wie dem CCHR werde sie immer wieder angeschrieben, weil sie sich als Ärztin mit solchen Themen befasse. Die Verbindungen zwischen der SVP und CCHR wundern sie nicht. Die Partei biete solchen Gruppierungen einen politischen Boden, sagt Yvonne Gilli und verweist auf die Nähe des ehemaligen Vereins zur Förderung psychologischer Menschenkenntnis (VPM) zur SVP. Die Konstellation mit dem Scientology-Ableger mache die Auseinandersetzung mit dem Thema Ritalin schwierig, «weil man sich mit solchen Gruppen nicht vernetzen kann», sagt die St.Galler Nationalrätin. Sie plädiert aber dafür, sich trotzdem damit zu befassen, «aber differenzierter».

20min, 12.11.2012, Deborah Sutter
Scientologen haben Kinder mit ADHS im Visier
Eine Privatschule der Scientologen wirbt in Zürich um ADHS-kranke Kinder. Zudem versucht die Sekte, offizielle Fachstellen zu unterwandern. Experten sind alarmiert.
Die Scientology-Sekte will hyperaktive Kinder heilen – und dies ohne Ritalin. Die Zürcher Privatschule Ziel-Schule, die laut dem «Tages-Anzeiger» von Scientologen geleitet wird, richtet sich explizit an Kinder mit ADHS. Auf ihrer Website verspricht sie, «eine Lösung zu finden, die nicht zu einem geschädigten Kind führt». Sprich: eine Behandlung ohne Ritalin. Denn das Medikament sei «ebenso gefährlich wie Strassendrogen». Werbung für ihre speziellen Behandlungsmethoden machen die Scientologen schweizweit auch bei Kinderärzten, denen sie immer wieder Broschüren geschickt haben. Und laut Ursula Ammann von der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS hat ein Scientology-Mitglied gar versucht, im Sekretariat der Gesellschaft einen Job zu ­ergattern. «Scientology nutzt die Ängste verunsicherter Eltern ADHS-betroffener Kinder schamlos aus», so Amman. Es sei höchst unseriös, wenn man Eltern weismache, dass man ein Kind von Ritalin befreien kann. «Einem Kind, das auf Medikamente angewiesen ist, diese vorzuenthalten, ist schlicht fahrlässig.» Neue Kampagne der Scientologen Für Sektenexperte Georg Schmid ist klar: «ADHS ist die neuste Kampagne von Scientology – so versuchen sie, neue Märkte zu erschliessen und an neue Interessenten und Kunden heranzukommen.» Scientology Schweiz war nicht erreichbar. Die Schulleiterin der Ziel-Schule und Scientologin Elisabeth Ambühl betont, stets «transparent zu kommunizieren». Scientology bezeichnet die Vorwürfe als «abstrus» Die Scientology Kirche Zürich weist derweil die Vorwürfe zurück: «Es ist völlig abstrus, zu behaupten, dass eine ADHS-Stelle von Scientologen unterwandert werden sollte. Dies war sicherlich nie der Fall. Die Scientology Kirche befasst sich nicht mit Aufklärung über ADHS und Unterricht. Richtig ist jedoch, dass es Scientologen gibt, die zum Beispiel Schulen betreiben. Dies völlig unabhängig von der Scientology Kirche. Es ist auch eine Tatsache, dass der ursprünglich von Scientologen und einem Psychiater gegründete Verein Bürgerkommission für Menschenrechte (CCHR) über Missbräuche der Psychiatrie aufklärt. Sie sind nicht die Einzigen, die den massiven Gebrauch von Psychopharmaka bei Kindern anprangern», sagt die Sprecherin Annette Löffler.

Tagesanzeiger, 12.11.2012, Hugo Stamm
Eltern fielen auf Scientology-Schule herein- Eine Strassenmissionarin der Sekte war auch in der Schule aktiv 
Die Suche nach einer Tagesschule ist für viele Eltern ein Albtraum. Für eine italienische Familie endete das Abenteuer mit einer bösen Überraschung.
Diese hatte ihren Sohn Luici (Name geändert) zuerst in eine italienische Schule geschickt. Nach ein paar Monaten suchten sie eine deutschsprachige Tagesschule, damit sich Luici, ein sehr lebendiges Kind, besser integrieren konnte. Im Verzeichnis der Zürcher Privatschulen stach ihnen die Ziel- Schule in die Augen, weil sich diese speziell mit überaktiven Kindern befasst. Das Etikett «staatlich bewilligt» erleichterte den Entscheid. Anfänglich waren Luici und seine Eltern mit der Schule einigermassen zufrieden, doch schon bald stellten die Eltern fest, dass ihr Sohn wenig Fortschritte in Deutsch und Mathematik machte. Nach einem halben Jahr wurden Luicis Eltern zum Schulfest eingeladen. Der Vater entdeckte eine Mitarbeiterin, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Plötzlich dämmerte es ihm. «Kennst du die Frau?», flüsterte er seiner Ehefrau zu. Als er ihr fragendes Gesicht sah, ergänzte er: «Das ist doch die Person, die oft in Oerlikon Flugblätter von Scientology verteilt.» Sektennähe nicht gekannt «Ich war geschockt», erzählt die Mutter. Sie recherchierte im Internet und fand nach wenigen Klicks heraus, dass die Ziel-Schule zum Scientology-Umfeld gehört. Und nach kurzer Zeit wusste sie auch, dass Schulleitung und Lehrpersonen aktive Scientologen sind. Luicis Eltern fühlen sich betrogen. Sie verstehen nicht, weshalb die Privatschule nicht verpflichtet ist, die Eltern auf die Nähe der Schule zu Scientology aufmerksam zu machen. «Wenn ich dies gewusst hätte, hätte ich meinen Sohn nie in diese Schule geschickt», sagt die Mutter. Sie ärgert sich ausserdem, dass ihr Sohn auf Fotos der Schul-Website zu sehen ist. Weiter fühlen sich die Eltern getäuscht, bezeichnet sich doch die ZielSchule als überkonfessionell und religiös neutral. Als die Eltern Luici aus der Ziel-Schule nahmen, stellten die Lehrer an der neuen Schule erhebliche Wissenslücken fest, weshalb er die Klasse wiederholen muss. Kehrtwende des Regierungsrats Die Nähe der Ziel-Schule zu Scientology ist offensichtlich. Die Schulleiterin ist seit über 20 Jahren Mitglied der Sekte und hat die höchste Ausbildungsstufe erreicht, was bisher nur wenige Schweizer Scientologen geschafft haben. Auf der Internet-Propagandaseite «Mein Erfolg mit Scientology» schrieb sie: «Ich war vor allem unsicher im Umgang mit Kindern und heranwachsenden Jugendlichen. Ich lernte mithilfe der Daten von L. Ron Hubbard ihre Reaktionen und Verhalten zu verstehen und wusste, wo deren Ursachen lagen.» Warum muss die Ziel-Schule ihre Nähe zu Scientology nicht deklarieren? Ursprünglich hatte die Zürcher Bildungsdirektion eine klare Haltung: «Ziel muss es sein, jede Schulung durch Scientology mit allen rechtlich vorhandenen Mitteln zu verhindern oder zu unterbinden», schrieb sie 1995. Doch fünf Jahre später erteilte sie den Scientologen trotzdem die Bewilligung. Der damalige Regierungsrat Alfred Gilgen hatte sich erfolgreich dagegen gewehrt und vom Bundesgericht recht bekommen. Scientologen seien nicht vertrauenswürdig, eine Schule zu führen, entschieden die höchsten Richter. Gilgens Nachfolger Ernst Buschor zeigte nicht den gleichen Kampfgeist, weshalb die Ziel-Schule doch noch eine Bewilligung erhielt. Anders in Luzern: Dort verweigerte die Regierung einer Ziel-Schule die Bewilligung und wurde vom Bundesgericht gestützt. Schulleiterin Elisabeth Ambühl erklärt, sie würde darauf hinweisen, dass «wir unter anderem mit Studiermethoden von L. Ron Hubbard arbeiten». Ein umstrittener Punkt ist der Umgang der Schule mit dem AufmerksamkeitsdefizitSyndrom ADHS. Für Scientology sind Psychopharmaka und auch Ritalin, das oft bei ADHS-Patienten eingesetzt wird, gefährliche Drogen, die Kinder töten können. In Broschüren wird der Eindruck erweckt, Psychiater betrieben vorsätzlichen Massenmord. Auf der Website schreibt denn auch die ZielSchule, sie biete Abklärung bei einer ADHS-Diagnose an. Gegenüber dem TA präzisiert die Schulleiterin: «Wir helfen den Eltern, eine Lösung zu finden, die nicht zu einem geschädigten Kind führt.» Sie würden nicht selbst ADHS- Abklärungen durchführen. Wenn Eltern nach der Aufklärung durch die Schule das Medikament absetzen möchten, würden sie an den behandelnden Arzt verwiesen.

Tages-Anzeiger 17.10.2012, Hugo Stamm
Scientology-Gründer L. Ron Hubbard «war der König der Hochstapler»
Ein Urenkel des Sektengründers kritisiert Scientology scharf.
Angeblich hat sogar Tom Cruise seine Zweifel.
Scientology kommt nicht aus dem Formtief heraus. Nach dem Absprung hochrangiger Führungskräfte und der Flucht von Katie Holmes, Ex- Frau von Vorzeige-Scientologe Tom Cruise, hält Jamie DeWolf der Sekte öffentlich den Spiegel vor. DeWolf ist nicht irgendein Kritiker, sondern der Urenkel von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Was er sagt, ist Dynamit für die Sekte, weil er zur Familie gehört. DeWolf spricht Klartext: «Mein Urgrossvater war der König der Hochstapler, ein Betrüger, der ein gigantisches Schneeballsystem geschafften hat.» Die Aussage machte er gegenüber der britischen Zeitung «The Sun». Seiner Ansicht nach hatte sein Urgrossvater besondere Talente, um seinen Machtanspruch umzusetzen: «Er war hochintelligent, ein begnadeter Redner und hatte zudem das Charisma, das alles auszunutzen. Im Grunde war er ein Gauner, der einen massiven Betrug entwickelt hat.» Das Monster Scientology Scientology ist heute für DeWolf ein Monster. Ein Monster, das noch grösser gewesen sei als er selbst. «Ich hätte lieber eine andere Art von Verbrecher als Urgrossvater, aber man kann sich seine Familie nun mal nicht aussuchen», sagte DeWolf im Interview. Aus Angst vor der Scientology werde in der Familie nicht über die Sekte gesprochen. Seine Mutter ist die Tochter von Hubbards Sohn. Dieser änderte den Namen, als er die Sekte verliess. Er wollte nicht mit der Hypothek leben, mit Scientology in Verbindung gebracht zu werden. Jamie ist seinem Grossvater dankbar dafür. Trotzdem lässt ihm die Familiengeschichte keine Ruhe. So führte der vielseitige 36-jährige Künstler und Slampoet eine Performance über Hubbard auf. Dieser habe nur deshalb eine Kirche gegründet, weil er stinkreich werden wollte. Was ihm schliesslich geglückt sei. Noch weiter aus dem Fenster lehnte sich DeWolf, als er kürzlich dem amerikanischen Fernsehsender CBS ein Interview gab und ebenfalls Klartext über seinen Urgrossvater sprach. Solche Informationen über Scientology verbreitet normalerweise niemand ungestraft. DeWolf hat denn auch nach dem TV-Auftritt unruhige Zeiten erlebt, wurde verbal angegriffen und stand unter ständiger Beobachtung. Eine Klage muss er allerdings kaum fürchten. Ein Prozess gegen ein Familienmitglied der Hubbards würde weltweit Aufsehen erregen. Scientology verkündet aber, alle Vorwürfe von DeWolf seien schlicht erfunden. Ein gröberes Imageproblem bescherte der Sekte kürzlich auch Katie Holmes. Die Ex-Frau des Schauspielers Tom Cruise flüchtete heimlich aus der Ehe und dem Scientology-Nest. Zweifel an der Sekte? Sie war nach Nicole Kidman bereits die zweite Ehefrau, welche die Sektenatmosphäre und die Sektenhörigkeit ihres Mannes nicht mehr ertrug. Dabei rühmt sich Scientology, für jedes Beziehungsproblem potente Lösungen zu haben. Und schon lauert weiteres Ungemach: Aus dem Umfeld von Cruise ist zu hören, dass der Schauspieler allmählich am System Scientology zweifle. Eine Flucht von Cruise wäre für die Sekte ein Desaster. Ob er den Absprung schafft, muss bezweifelt werden. Öl ins Feuer schüttet die Zeitschrift «Vanity Fair». In der neusten Ausgabe schreibt sie, Scientology habe Cruise in der Hand. Alle Gespräche und Therapiesitzungen mit ihm seien mit versteckten Kameras aufgenommen worden, die Sekte kenne den Schauspieler bis in die intimen Einzelheiten. Ein Pfand, mit dem Scientology die Karriere von Cruise zerstören könnte. Brautschau für Cruise? Die Zeitschrift veröffentlichte weiter brisante Details über ein 2005 von Scientologen organisiertes Casting, bei dem eine hübsche Brunette gesucht wurde. Es ging nicht um eine Kandidatin für einen Film, wie vorgegeben wurde, die Sekte suchte vielmehr eine Partnerin für Tom Cruise. Scientology erklärte, der Artikel entbehre jeder sachlichen Grundlage und strotze vor Fehlern.

Bild.de, 02.10.2012
Scientology-Urenkel rechnet ab Mein Urgroßvater war der König der Hochstapler
Oakland (USA) – Er hat Hunderttausende Menschen mit seiner Pseudo-Religion verführt, sie überwacht und ihnen das Geld aus der Tasche gezogen. L. Ron Hubbard († 74) gründete 1954 die Psycho-Sekte Scientology. Nicht aus religiösen, sondern finanziellen Motiven. Das sagt sein Urenkel und bezeichnet den Sekten-Chef als König der Hochstapler. In der britischen Zeitung „The Sun“ rechnet Jamie DeWolf (35) mit seinem Urgroßvater und Scientology ab. Auf seiner Internetseite ( www.jamiedewolf.com ) stellt der Künstler und bekannte Stand-up-Comedian klar, niemals bei Scientology gewesen zu sein.
„Mein Urgroßvater war der König der Hochstapler, ein Betrüger, der ein gigantisches Schneeballsystem geschafften hat“, sagt DeWolf. Ein Schneeballsystem, das Hubbard zu einem schwerreichen Mann gemacht hat. Schon wenige Jahre nach der Gründung von Scientology soll er viele Millionen Dollar gescheffelt haben. 1938 soll Hubbard gesagt haben, dass man um reich zu werden, am besten eine eigene Religion gründen müsse. Seinen Drang nach Reichtum verkaufte er als Religion, und auch noch 58 Jahre später fallen Menschen auf die zweifelhaften Lehren der Psycho-Sekte rein. DeWolf: „Er war hochintelligent, ein begnadeter Redner und hatte zudem das Charisma, das alles auszunutzen. Im Grunde war er ein Gauner, der einen massiven Betrug entwickelt hat.“ Jedes Scientology-Mitglied muss viel Zeit und Geld aufwenden, um das bizarre Ziel der Sekte zu erreichen, nämlich frei von körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen zu werden. Dies ist aber nach Scientology-Lehre nur möglich, wenn die Anhänger an einem teurem Kurssystem teilnehmen. Scientology hat nicht nur die Leben vieler Sektenmitglieder zerstört, sondern auch die Familie des Gründers. Schon DeWolfs Vater hat mit Hubbard gebrochen. In der Familie herrscht Angst, die Sekte ist ein Tabuthema. „Hubbard hat ein Monster erschaffen, das sogar noch größer war als er selbst. Ich hätte lieber eine andere Art von Verbrecher als Urgroßvater, aber man kann sich seine Familie nun mal nicht aussuchen“, sagt DeWolf.

Schwäbische, 07.09.2012, Dirk Grupe
Scientologen präsentieren sich in Weingarten Umstrittene Gemeinschaft wirbt auf dem Löwenplatz – Ravensburg verhindert Präsenz seit Jahren
RAVENSBURG Scientology ist in der Öffentlichkeit so präsent wie lange nicht mehr. Wirbel erzeugt die medienwirksame Scheidung zwischen dem US- Schauspieler und bekennenden Scientologen Tom Cruise und der Schauspielerin Kati Holmes. Erst vor wenigen Tagen lief dann bei den Filmfestspielen in Venedig vielbeachtet „The Master“, von Regisseur Paul Thomas Anderson („Magnolia“) über Scientology-Gründer L. Ron Hubbard , hochkarätig besetzt mit Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman („Capote"). Und nicht zuletzt der rätselhafte Tot des 27-jährigen Alexander Jentzsch macht Schlagzeilen, sein Vater ist der internationale Sprecher von Scientology, seine Mutter eine Aussteigerin. Nein, gute Nachrichten generiert die sogenannte „Neue Religiöse Bewegung“ kaum, im Lexikon Wikipedia heißt zu Scientology: „In der Öffentlichkeit sind sowohl der Religionscharakter als auch die Methoden der Organisation überaus umstritten.“ Kein Wunder also, dass wo immer die Gemeinschaft auftritt, sich ein gewisses Unbehagen breit macht – so wie vergangenes Wochenende auf dem Löwenplatz in Weingarten. Dort hatte die Gemeinschaft einen Infostand aufgebaut, Mitarbeiter sprachen die Passanten an, verteilten Infomaterial. „Die gingen sehr aggressiv auf die Leute zu“, so der subjektive Eindruck einer Passantin. Nun mag sich die Dame genauso wie andere Passanten gefragt haben: „Muss das sein? Muss die Gemeinschaft ausgerechnet im katholischen Herzen Oberschwabens um Mitglieder und für ihre Sache werben?“ Die Stadt sagt dazu auf Anfrage sinngemäß: Ja, muss sein, beziehungsweise wir können es nicht verhindern. Wörtlich heißt es von der Verwaltung: „Die Vereinigung ,Scientology‘ hatte am vergangenen Samstag einen Infostand auf dem Löwenplatz. Hierfür wurde die erforderliche Genehmigung durch das Amt für öffentliche Ordnung der Stadt Weingarten erteilt.“ Und: „Grundsätzlich darf ein Veranstalter einmal im Jahr einen Infostand betreiben. Da die Vereinigung ,Scientology‘ nicht verboten ist, hat die Stadt keinen rechtlichen Spielraum, die Sondernutzungserlaubnis zu versagen.“ So die gängige Praxis in Weingarten, wo die Scientologen seit Jahren aufschlagen. Laut Stadt erstmals im Jahr 2007, eine Unterbrechung gab es 2010, 2011 und 2012 waren sie wieder präsent. Bemerkenswert: Ravensburg verfolgt eine andere Strategie gegenüber der Vereinigung. Auch dort wollte Scientology in der Vergangenheit mit einem Infostand werben, erhielt von der Stadt aber stets eine Ablehnung. Unter welcher Begründung bleibt offen, auf alle Fälle hat es die Organisation irgendwann aufgegeben, heißt es dazu doch von der Stadt: „Die letzte Anfrage zur Aufstellung eines Informationsstandes durch Scientology liegt schon einige Jahre zurück.“ Was aber wäre, wenn Scientology einen erneuten Anlauf starten würde? Dazu die Stadt: „Sondernutzungserlaubnisse zum Aufstellen von Infoständen auf öffentlichem Grund werden in Ravensburg grundsätzlich nur an Vereine, wohltätige Organisationen oder an zugelassene politische Parteien und Wählervereinigungen vergeben. Nachdem inzwischen gerichtlich festgestellt wurde, dass es sich bei Scientology um einen Gewerbebetrieb handelt, wäre ein eventueller Antrag rechtlich sehr genau zu prüfen.“ Anders: Im Gegensatz zu Weingarten wehrt sich Ravensburg gegen eine Präsenz dieser „Neuen Religiösen Bewegung“, würde im Zweifelsfall alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen und diese wohlmöglich auch ausschöpfen. Meinungsfreiheit hin oder her, nicht wenige Bürger in Ravensburg dürften froh über diese Haltung der Stadt sein, auch wenn regionale Schlagzeilen über Scientology schon eine Weile zurückliegen. 2009 verhinderte der Gemeinderat Wilhelmsdorf die Teilnahme eines Gewerbebetriebs, der sich zu Scientology bekannte, an der Gewerbeschau. 2008 schloss nach vier Jahren die „Mission Bodensee“ von Scientology, die sich in Baindt niedergelassen hatte, die Leiterin zog nach Berlin, eine Nachfolge gab es nicht. Der spektakulärste Fall datiert aus den 90er-Jahren, als ein Scientologe zeitweise erster Vorsitzende des Ravensburger Eissportvereins war. Seither heißt es, Scientologen seien vor allem in der regionalen Immobilienszene präsent, auch Unternehmern wird immer wieder einmal eine Mitgliedschaft unterstellt, dies aber nicht mehr als Gerüchte. Der Stand in Weingarten wurde von Scientology Stuttgart betrieben (in Ulm gibt es auch einen Ableger). Auf Nachfrage, ob Scientology, das laut Bundesregierung an Mitgliedern verliert, verstärkt in Oberschwaben tätig werde, antwortete ein

cicero.de, 03.09.2012, Frank Nordhausen
Scientology-Chef David Miscavige Der pseudo-religiöse Diktator
Er gilt als kompromisslos und unerbittlich Der Ober-Scientologe ist reich und einflussreich. Aussteiger berichten, er sei ein Soziopath, der die unbedingte Macht wolle. Inzwischen lebt er quasi militärisch abgeschirmt als Diktator einer Sekte mit Auflösungserscheinungen. Es heißt, er sei zum äußersten bereit Ausgerechnet Tom Cruise. Es ist nicht bekannt, wie David Miscavige auf die Nachricht reagiert hat, dass Katie Holmes sich von Hollywoods Superstar scheiden lässt. Doch amüsiert wird der Scientology-Chef über die Meldungen nicht gewesen sein. Es ist gewiss nicht schön zu lesen, dass Katie Holmes die gemeinsame Tochter Suri vor der bösen Sekte ihres Mannes schützen wollte und sich deshalb von ihm trennt. Schließlich ist Tom Cruise Scientologys wichtigster Werbeträger – und der beste Freund von David Miscavige. Der Sektenführer scheut die Öffentlichkeit, ganz anders als der charismatische Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Der knapp 1,70 Meter kleine, 52 Jahre alte „Vorstandsvorsitzende“ verbirgt sich meist hinter den Mauern der Scientology- Bürohäuser in Hollywood oder der schwerbewachten „Gold Base“ in der kalifornischen Wüste. Glaubt man abtrünnigen Top-Scientologen, so führt er das ausschweifende Leben eines karibischen Diktators und agiert zugleich kühl wie der Chef eines multinationalen Konzerns – der er auch ist. Bildergalerie: Scientology: Seine Stars und Sternchen Zu wirklich großer Form läuft der Mann mit den scharfen Gesichtszügen stets auf, wenn er auf den glamourösen Meetings seiner Organisation in Hollywood davon spricht, wie die „weltweite Expansion von Scientology“ noch energischer vorangetrieben werden könne. Bei diesen Versammlungen sitzen die Hollywood- Berühmtheiten in der ersten Reihe, neben Tom Cruise beispielsweise John Travolta, Kirstie Alley, Juliette Lewis. Der Fischzug in der Filmbranche war eine Idee des 1986 verstorbenen Hubbard, und Miscavige hat sie umgesetzt. Er hat verstanden, dass Macht in Hollywood Macht in der Öffentlichkeit und sogar Macht in der Politik bedeutet. Vielleicht war es auch Miscavige, der deshalb jetzt dafür sorgte, dass die Scheidung von „TomKat“ schnell geregelt wurde. Mit Tom Cruise geht Miscavige seit 20 Jahren Gleitschirm springen, Motorrad fahren und Tontauben schießen. Ehemalige Top-Scientologen haben keinen Zweifel daran, dass Miscavige die Regeln ihrer Beziehung definiert und er den Superstar – als eine Art bürgerliches Alter Ego – losschickt, um beispielsweise Politiker in den USA zum Protest gegen die angebliche Diskriminierung von Scientology in Europa zu gewinnen. Es war Miscavige gewiss nicht in die Wiege gelegt, Hollywoodstars wie Schachfiguren zu benutzen. Ebenso wenig wie voraussehbar war, dass er als Vorsitzender des scientologischen „Religious Technology Center“ in Los Angeles, mitten in einem der freiesten Länder der Erde, eine totalitäre Gehirnwäsche- Organisation leiten würde. Der Erbe Hubbards stammt aus kleinsten Verhältnissen und machte bei Scientology eine uramerikanische Karriere – vom Laufburschen zum Milliardär. „Er ist extrem eitel, aber auch sehr intelligent“, sagt sein ehemaliger Geheimdienstchef Mike Rinder, der 2007 ausstieg. „Doch er nutzt seine Intelligenz für böse Dinge. Er ist wirklich der Diktator von Scientology. Ein verrücktes Genie. Wenn er sich von dir gekränkt fühlt, wird er das nie vergessen – und dir das Messer in den Rücken stechen, wenn du es überhaupt nicht erwartest.“ Vom Scientology-Elitejüngling zum Konzernchef und Diktator David Miscavige wurde 1961 in eine polnisch-italienische Einwandererfamilie in Philadelphia geboren. Als er zehn Jahre alt war, begann sein Vater, der die Familie als Trompeter durchbrachte, in der lokalen Scientology-Filiale („Org“) sogenannte Auditings zu buchen, Rückführungen in vergangene Leben am Lügendetektor („E- Meter“). Weil David unter Asthma litt, nahm ihn der Vater mit in die Org – und die Beschwerden verschwanden, zumindest eine Zeit lang. Miscavige sagte später, er habe damals gefühlt: „Das ist es. Ich habe die Antwort.“ Kurz danach ging die Familie für drei Jahre nach England, um dort „clear“ zu werden. Nach der Rückkehr in die USA entschied sich der 15-Jährige, fortan nur noch für Scientology zu arbeiten. Der ehrgeizige Jugendliche fand zunächst Verwendung als Laufbursche. Bald aber wurde er für die „Messenger Org“ rekrutiert, eine Elitetruppe aus halbwüchsigen Kindern von Scientologen, die unmittelbar dem Sektenchef Hubbard unterstand en. 1979 fand in Washington ein aufsehenerregender Prozess gegen die Führung des Scientology-Geheimdiensts statt wegen Verschwörung gegen die USA, bei dem elf Top-Scientologen zu Haftstrafen verurteilt wurden. Hubbard tauchte damals unter, und Miscavige wurde sein wichtigster Verbindungsmann zur Zentrale in Hollywood. Der Aufsteiger nutzte Hubbards Protektion und die internen Wirren, um 1982 gegen das Scientology-Management zu putschen. Handstreichartig kaperten er und seine „Messenger“-Kumpel – ungebildete, wilde Jungen, die nichts als Scientology gelernt hatten – ein globales Unternehmen, das einen jährlichen Umsatz von rund 300 Millionen Dollar machte und Tausende von abhängigen Kunden besaß. Anschließend begannen der 21-Jährige und sein Führungsstab, den Psychokonzern militärisch straff durchzuorganisieren. Doch gingen sowohl die Strapazen des Machtkampfs wie die unkontrollierten Wutanfälle Hubbards an Miscavige nicht spurlos vorbei. Der Aussteiger Jesse Prince, damals die Nummer zwei in der Scientology-Spitze, beobachtete schreckliche Asthma-Attacken des jungen Führers. „Mit Hubbard unmittelbar zu tun zu haben, war eine traumatische Erfahrung.“ Vielleicht empfand Miscavige es als Befreiung, als der Sektengründer 1986 im kalifornischen Creston starb. Die Stärke des Nachfolgers war es, dass er die Sekte nach dem Verlust des charismatischen Führers darauf einschwor, dessen Werk fortzusetzen. Zugleich begann er, um Hollywoodstars zu werben, denen die Sekte Seelenmassage und Hilfe beim beruflichen Aufstieg versprach. Die größte Aufgabe aber, die vor Miscavige lag, war, den jahrzehntelangen Streit mit der Steuerbehörde IRS zu lösen, deren Millionen-Dollar-Forderungen den Bankrott für Scientology bedeutet hätten. Miscavige ging zweigleisig vor. Zunächst begann er, große Summen aus den USA auf Konten in Europa zu leiten. Sein Ex-Finanzchef Marty Rathbun, der 2004 ausstieg, beziffert den Wert des Scientology-Vermögens auf derzeit rund drei Milliarden Dollar. Er bestätigt zudem, dass es Scientology gelang, die Steuerbehörde mit 2300 Klagen gegen einzelne Sachbearbeiter fast lahmzulegen: „Das hat ausgereicht.“ Die Behörde kapitulierte und gewährte Scientology 1993 völlige Steuerfreiheit. Der Coup machte aus einer Sekte, die damals auch in Amerika als verrückt und gefährlich galt, eine respektable „Kirche“ mit Steuerprivilegien und Protektion durch die US- Regierung. „Der Krieg ist vorbei!“, jubelte Miscavige vor Tausenden Anhängern in Hollywood. "Der Vorstandsvorsitzende" bereitet die "totale Entscheidung" vor Der „Vorstandsvorsitzende“ bezieht nach offiziellen Angaben nur ein sehr bescheidenes Geschäftsführergehalt. Doch Jesse Prince konnte „Daves“ Verwandlung vom bettelarmen Boten in einen der vermutlich tausend reichsten Männer Amerikas direkt miterleben. Während seine Untergebenen oft gerade mal 25 Dollar in der Woche verdienten, habe sich der junge Scientology-Herrscher maßgeschneiderte 250-Dollar-Hemden gegönnt, sagt Prince. Ein Stab von bis zu 20 scientologischen Butlern, Dienstmädchen, Boten und Bodyguards sei nur für den Chef tätig. Sein Reisebudget sei unbegrenzt, wenn er mit Entourage zum Shoppen nach Paris oder zum Hochseefischen auf die Bahamas fliege. Seine Frau Shelly habe am liebsten bei Chanel und Dior eingekauft (sie ist allerdings in Ungnade gefallen und wurde seit zwei Jahren nicht mehr öffentlich gesehen). „DM“, wie er intern genannt wird, gilt als absoluter Perfektionist, der jedes Detail seines Imperiums unter Kontrolle haben will, bis hin zur Auswahl der Uniformstoffe für die paramilitärische Elitetruppe Sea Org. „Seine Macht und Kontrolle sind in jeder Hinsicht absolut“, sagt Jesse Prince. Seine Untergebenen lässt er angeblich sogar vor seinem Hund salutieren, der eine Uniform mit goldenen Streifen trägt. Ende der neunziger Jahre verlagerte Miscavige das Machtzentrum in die „Gold Base“ genannte Wüstenbasis rund 100 Kilometer südöstlich von Los Angeles, die er in ein Luxusresort mit privaten Kinos, Swimmingpools und Golfplatz umbauen ließ. Neben seinem Anwesen wurden dort Villen für Tom Cruise und John Travolta errichtet. Die Sicherheitsarchitektur des mit 700 Elitescientologen besetzten Geländes entspricht der einer Militäreinrichtung: Kameras, Bewegungsmelder und massive Stahlzäune mit rasiermesserscharfen Metallspitzen. Jesse Prince ist überzeugt, dass man auch Waffen einsetzen würde, falls die Regierung jemals auf die Idee käme, David Miscavige zu verhaften. „Der einzige Weg, den er kennt, um zu handeln, ist mit extremer Kraft alles zu überwältigen, was sich ihm in den Weg stellt.“ Frühere hochrangige Scientologen schildern den Waffennarren als skrupellosen Tyrannen mit extremen Launen, der Untergebene erniedrigt und geschlagen habe. Miscavige wies die Anschuldigungen zurück und höhnte in einem Zeitungsinterview: „Bringt doch endlich was vor oder haltet den Mund. Lasst mal die Beweise sehen.“ Zumindest Hinweise gibt es inzwischen zuhauf. Zahlreiche Schlüsselfiguren aus dem innersten Führungszirkel haben Scientology in den vergangenen Jahren verlassen und von körperlichen Misshandlungen, Psychoterror, Sklavenarbeit berichtet. Mike Rinder, der selbst nicht als zimperlich galt, bezeugt, er sei von Miscavige bis zu 50 Mal mit Faustschlägen und Fußtritten malträtiert worden. Auch Marty Rathbun erzählt von regelrechten Prügelorgien. Miscavige habe eine interne Gewaltkultur etabliert, die den gesamten Apparat durchziehe, und er halte etwa 80 Manager seit Jahren in einer Baracke in der Gold Base gefangen. „Sie müssen auf dem Fußboden schlafen und imm er wieder vor allen anderen ihre Verbrechen gestehen. Weil Miscavige sie zu Feinden erklärt hat.“ Scientology bestreitet all dies. Es handele sich um „absolute und totale Lügen“. Miscavige aber fürchtet die Abtrünnigen. Seit mehr als einem Jahr werden Rathbun und seine Frau in ihrem Haus in Texas von Scientology-Agenten rund um die Uhr observiert, gefilmt, geschmäht. Ähnlich geht es den anderen Top- Aussteigern. „Immer angreifen, nie verteidigen“, den Leitspruch Hubbards hat Miscavige offenbar verinnerlicht. 1998 sagte er der Zeitung St. Petersburg Times in Florida: „Wenn wir in einen Krieg verwickelt werden, in dem wir unser Überleben bedroht sehen, werden wir entschlossen kämpfen!“ Es könnte bald so weit sein, befürchten ehemalige Weggefährten. Mehr und mehr Mitglieder verlassen die Organisation in immer kürzeren Abständen. Darunter sogar Miscaviges Eltern, sein Bruder Ronnie und seine Nichte Jenna. Für den ehemaligen Finanzchef Marty Rathbun befindet sich Scientology derzeit „in der Endphase einer Diktatur“. Er glaubt, dass ihr harter Kern aus gerade noch 20 000 Menschen bestehe. „Ich habe Angst, dass Scientology in einem Blutbad endet“, sagt er. „Mein Albtraum: Miscavige befiehlt die letzten tausend Scientologen in die Gold Base und lässt seine Garde dann mit Maschinengewehren alle niedermähen. Er ist ein Soziopath, er will die Herrschaft oder den Untergang.“

Harburger Anzeiger, 19.08.2012, Florian Kleist
Verfassungsschutz warnt So will Scientology die Harburger ködern
Ein türkisfarbenes DIN-A5-Heftchen, darauf das Bild eines benebelt blickenden Jugendlichen, Pillen, Dunst, der Titel: "Fakten über Drogen". Diese Flyer liegen derzeit in zahlreichen Harburger Geschäften und Cafés der Innenstadt aus. Junge Männer und Frauen in türkisfarbenen T-Shirts hatten sie verteilt. Als Urheber ist ein Verein "Sag nein zu Drogen" angegeben. Aber hinter der Aktion steht eine viel bekanntere Organisation: Scientology. Das Deckblatt der Broschüre: Laut Verfassungsschutz steht hinter den Verteilaktionen Scientology. Harburg. Manfred Napieralla ist Scientology-Experte beim Hamburger Verfassungsschutz. Seiner Einschätzung nach soll mit den Anti-Drogen-Flyern nur eine Tür zu der vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation geöffnet werden: "Scientology will mit diesen Aktionen Interesse wecken. Sie sprechen gezielt junge Menschen und Eltern an, um einen Kontakt herzustellen." In Hamburg habe die Organisation offenbar festgestellt, dass sie mit dem Thema Drogen sehr erfolgreich Leute ansprechen kann. Und entsprechend häufig sind die Mitarbeiter von "Sag nein zu Drogen" im Einsatz: "Das ist zurzeit die aktivste Gruppe der Scientologen." Das Problem sei nicht der Inhalt der Flyer, so Napieralla. Hier finden sich allgemeine Warnungen vor Drogen, Erfahrungsberichte von Süchtigen, chemische Details. Aber: "Die meisten wissen nicht, dass Scientology hinter diesen Flyern steht. Es besteht die Gefahr, dass Menschen über diese Gruppe Kontakte zu Scientology bekommen." Die Hamburger Filiale vermeldet unterdessen den Erfolg der Aktion. Über ihren Pressedienst teilt Scientology mit, dass die Anzahl verteilter Drogenaufklärungshefte jetzt die 40 000-Marke überschritten hat. Der Grund hierfür: "In Hamburg fanden größere Verteil-Aktionen während des Hamburger Doms statt, auf dem Kiez und vielen weiteren Stadtteilen, um möglichst auf breiter Basis die Informationshefte zu verteilen."

Tages-Anzeiger", 17.08.2012, Hugo Stamm
Zurich Film Festival John Travolta verleiht der Veranstaltung Glanz. Doch die PR-Aktion ist mit Risiken verbunden. Roter Teppich für Scientology
Am 20. September kommt John Travolta ans Zurich Film Festival. Er wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Das Werk ist nicht das Problem, wohl aber das Leben. Denn wo Travolta draufsteht, steckt auch Scientology drin. Der Schauspieler identifiziert sich mit der kruden Ideologie und verkörpert den Musterscientologen, der die Welt im Sinne der Sekte verändern will. Wie deren Gründer Ron Hubbard glaubt auch Travolta, dass unser Planet nur durch diese «Heilmethode» vor dem Untergang gerettet werden kann. Der 58-jährige John Travolta ist ein braver Sektensoldat, der die höchsten Ausbildungsstufen erklommen hat und glaubt, bald «Ursache über Leben, Materie, Raum und Zeit» zu sein, also göttlich. Über die umstrittene Scientology-Lehre Dianetik sagt er: «Sie brachte mich ganz nach oben.» Dank ihr habe er «etwas wirklich Grosses erreicht». Der Filmstar nutzt seinen Status, um für die Sekte zu werben und zu kämpfen. Zum Beispiel: John Travolta und Tom Cruise wurden immer wieder bei Staatspräsidenten wie Bill Clinton und Nicolas Sarkozy vorstellig und drängten erfolgreich darauf, dass Deutschland vom Menschenrechtskomitee der Vereinten Nationen gerügt wurde. Der Hintergrund: Unser Nachbar lässt Scientology durch den Staatsschutz beobachten. 1997 unterschrieben auf Druck von Travolta 34 Hollywoodstars wie Dustin Hoffman sowie Talkmaster Larry King einen offenen Brief, in dem die Regierung von Helmut Kohl wegen der angeblichen Unterdrückung von Scientologen mit dem Naziregime verglichen wurde. Es kam deswegen sogar zu einer Anhörung im US-Kongress, bei der Travolta Scientology als Garant für die Menschenrechte darstellte. Obskurer Vergleich Ausserdem schrieben die Hollywoodstars in einem ganzseitigen Inserat in der «International Herald Tribune»: «In den Dreissigerjahren waren es die Juden. Heute sind es die Scientologen.» Die Filme der Scientologen Travolta und Cruise würden verdammt und wohl bald auch öffentlich verbrannt. Und dies nicht im Deutschland von 1936, sondern von 1996. Auslöser der Kampagne waren einzelne Boykottaufrufe in Deutschland, die allerdings wirkungslos verhallten. Als 1997 das deutsche Bundesarbeitsgericht prüfte, ob Scientology ein kommunes Unternehmen und keine Religionsgemeinschaft sei, organisierte die Sekte in Berlin eine Grossdemonstration «gegen die schlimmste Unterdrückung nicht nur in der Welt, sondern im Universum». Europa und die USA wären «ernsthaft gefährdet», falls Scientology in Deutschland verboten würde, behauptete die Sekte. John Travolta unterstützte die protestierenden Scientologen in ihrem Kampf mit einer Ansprache ab Band. Travolta hat auch in zwei Filmen Scientology-Themen aufgegriffen. «Battlefield Earth» beruht auf dem gleichnamigen Buch von Hubbard. Travolta war Produzent und Schauspieler. Ausserdem investierte er Millionen in den Streifen, der ein Flop wurde. Beim Film «Phenomenon», auch ein Travolta-Produkt, werden Scientology-Ideen transportiert. Travolta nutzt seinen Prominentenstatus, um der Sekte zuzudienen. Seine Rolle als Schauspieler ist nicht von seiner Funktion als Scientologe zu trennen. Somit rollt das Zurich Film Festival auch den Scientologen den roten Teppich aus, wenn es sich mit Travolta schmückt. Und der Schauspieler kommt gerne - weil andere Festivals ihren Ruf nicht mit einem Scientologen besudeln wollen.

Der Spiegel, 17.08.20, Sebastian Fischer
Vermeintliche Drogenhilfe - Tod in der Sekten-Klinik
Homepage der Narconon-Klinik in Oklahoma: Drei Menschen starben innerhalb von zehn Monaten während des Entzugsprogramms, nun ermitteln die Behörden. Drei Tote in den letzten zehn Monaten - in einer Drogenentzugsklinik im US-Staat Oklahoma mehren sich mysteriöse Todesfälle. Die Einrichtung fällt mit dubiosen Methoden auf - und mit ihrer Nähe zum Scientology-Universum. Es begann mit einem Versprechen. Am Ende aber stand der Tod. "Hier bei Narconon helfen wir Menschen, die drogenabhängig oder alkoholsüchtig sind", heißt es auf der Homepage von Narconon International. "Tausende" seien schon erfolgreich rehabilitiert worden und lebten nun "ein stabiles, ethisches, produktives, drogenfreies Leben". Und: "An unsere Erfolgsrate kommt keiner ran." Tatsächlich? Jetzt rückt eine ganz andere Rate in den Vordergrund. In der Narconon-Entzugsanstalt Arrowhead im US-Südstaat Oklahoma sind allein in den letzten zehn Monaten drei Patienten verstorben: Der 32-jährige Gabriel Graves im Oktober, die 21-jährige Hillary Holten im April und vor wenigen Wochen im Juli die 20-jährige Stacy Murphy. Sauna, Nikotinsäure, Sauna, Nikotinsäure Narconon verfolgt eine mittlerweile berüchtigte Entziehungskur: In mehrwöchigen Kuren müssen die Patienten, die Studenten genannt werden, bis zu fünf Stunden am Tag in der Sauna sitzen, zudem Nikotinsäure und andere Vitamine zu sich nehmen. Vor und nach Abschluss der gesamten Prozedur absolvieren sie eine Art Persönlichkeitstraining. Besonders pikant: Narconon ist mit Scientology verbandelt. Die Sekte wirbt auf ihrer Homepage offensiv für die Einrichtung, listet sie unter der Überschrift "humanitäre Programme". Sogar Narconon Arrowhead wird gewürdigt. Scientologen hätten die Entstehung des Zentrums gefördert, heißt es auf der amerikanischen Seite: "Gegründet im Jahr 2001 ist es der führende Standort des Narconon Netzwerks." Es sei nicht nur "die weltweit größte stationäre Einrichtung ihrer Art", sondern diene auch als "internationales Trainingszentrum für Drogenentzugsspezialisten". Stolz schreiben die Sitemacher der Sekte, dass Narconon mittlerweile 180 Zentren in 47 Ländern betreibe. Die Methode für den Drogenentzug ist mehr als dubios: Sie beruht auf Eingebungen von Sekten-Gründer L. Ron Hubbard aus den sechziger Jahren. Nach dessen Vorstellung lagern sich Rückstände der Drogen im Gewebe der Süchtigen ab. Durch Sauna und Co. sollen diese Substanzen dann ohne Medikamente aus dem Körper gewaschen werden. Experten und Kritiker haben dieses Verfahren wieder und wieder als pseudowissenschaftlich gebrandmarkt. Will man also wirklich Drogensüchtigen und Alkoholkranken helfen? Oder geht es um etwas ganz anderes? Tatsächlich dienten all die vermeintlich humanitären Aktivitäten der Scientologen offenbar vor allem einem Zweck: Sie sollen "den Ruhm und die zahlende Heerschar des Sektengründers Hubbard mehren", wie der SPIEGEL bereits 1991 mutmaßte. Verstörend und traurig ist die Geschichte von Stacy Murphy, der 20-jährigen Toten von Narconon Arrowhead. Öffentlich gemacht wurde sie von Rick S., einem Alkoholkranken, der zeitgleich mit Stacy in der Anstalt lebte; die New Yorker Wochenzeitung "The Village Voice" hat sie in ihrem Blog aufgeschrieben. Demnach soll die 20-Jährige nach einigen Behandlungswochen die Erlaubnis bekommen haben, ihre Familie zu besuchen. "Sie erfüllte keine der Kriterien für solch eine Beurlaubung, aber sie hat alle nötigen Unterschriften bekommen", erinnert sich Rick S. Man mache eine Ausnahme, habe man ihm erzählt. "Kein Arzt unter dem Personal" Als Stacy am Mittwoch, den 18. Juli, zurückkehrte, bemerkte das Personal laut Rick S., dass sie "high" gewesen sei. Man habe sie noch in derselben Nacht auf die Entzugsstation der Einrichtung verlegt. Ihre Lage verschlimmerte sich zusehends, offenbar litt sie an einer Überdosis. "Da gab es keinen Arzt, keine Schwester unter dem Personal", berichtet Rick S. dem Blog. "Das ganze Personal setzt sich aus früheren Patienten zusammen." Ausnahme seien nur Fahrer und Sicherheitskräfte. Die Leute seien überfordert gewesen von Stacys Situation. Und Medikamente, die das Mädchen hätten retten können? Fehlanzeige. "Entweder waren die nicht verfügbar oder keiner wusste, wie man sie handhabt", zitiert "The Village Voice" Rick S. Am nächsten Morgen habe er gehört, dass Stacy gestorben sei. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE äußerte sich Narconon International am Mittwoch nicht zu den mysteriösen Todesfällen. Der US-Sender NBC zitierte ein Statement von Narconon: Man habe "Zehntausenden" geholfen und "drei von vier Narconon-Absolventen" seien befähigt worden, wieder ein "stabiles, drogenfreies Leben" zu führen. Narconon-Arrowhead-Chef Gary Smith sagte NBC, er könne die Todesfälle mit Blick auf Gesetze zum Schutz des Persönlichkeitsrechts nicht kommentieren. Doch seien er und seine Angestellten über den Verlust junger Leben am Boden zerstört: "Unsere Gebete sind mit den Familien und den Verstorbenen", so Smith. Scientology-Sprecherin Karin Pouw erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE, es gebe keine Anhaltspunkte, "dass diese Vorfälle mit der Methodologie des Narconon-Drogenentzugs zu tun haben". Am Ende werde die Wahrheit über Narconon herauskommen "und die erzeugte Kontroverse wird verschwinden". Pouw betonte, dass Narconon "nicht Teil" von Scientology sei. Man unterstütze die Organisation aber "sehr offen". Narconon und sein berühmter Unterstützer Werden die Todesfälle nun den Blick auf Narconon verändern? Vielen Hilfesuchenden war in der Vergangenheit die Verbindung des Unternehmens zu Scientology nicht klar. Auch er habe das nicht gewusst, beteuert Rick S. Aber schon "in der ersten Stunde" vor Ort sei ihm klar geworden: "Das ist Scientology." Prominente Sektenmitglieder machen ohnehin keinen Hehl aus der Verbindung. Da ist etwa Hollywood-Schauspieler Tom Cruise. In einem SPIEGEL-Interview aus dem April 2005 bekennt sich der Star-Scientologe zu Narconon: Cruise: Ich selbst habe zum Beispiel Hunderten Leuten geholfen, von Drogen loszukommen. Wir bei Scientology haben das einzig erfolgreiche Drogen- Rehabilitationsprogramm der Welt. Es heißt Narconon. SPIEGEL: Das stimmt nicht. Unter den anerkannten Entzugsverfahren taucht Ihres nirgends auf; unabhängige Mediziner warnen davor, weil es auf Pseudowissenschaft beruhe. Cruise: Sie verstehen nicht, was ich sage. Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass es nur ein erfolgreiches Drogen-Rehabilitationsprogramm gibt in der Welt. Punkt. SPIEGEL: Bei allem Respekt: Wir bezweifeln das, Mr. Cruise. Rick S. jedenfalls sorgt sich derzeit weniger um seine Alkoholsucht. Er hat Angst vor Scientology - weil er bei der Untersuchung von Stacys Tod geholfen hat: "Ich fürchte um mein Leben."

bild.de, 15.08.2012
Narconon: Mysteriöse Todesfälle im Scientology-Entzug
Polizei ermittelt - Mysteriöse Todesfälle im Scientology-Entzug Oklahoma (USA) – Sie wollten von den Drogen wegkommen, begaben sich unwissentlich in die Fänge von Scientology und bezahlten ihre fragwürdige Therapie mit dem Leben. In den vergangenen neun Monaten starben drei Patienten in einer Entzugsklinik der Organisation Narconon. Ein ehemaliger Patient erhebt schwere Vorwürfe gegen die Klinik – jetzt ermittelt die Polizei! Das Entzugs-Programm von Narconon wurde 1966 entwickelt. Basierend auf den Ideen und Ansichten des berüchtigten Scientology-Gründers L. Ron Hubbard. Die Macher von Narconon versuchen, die Zugehörigkeit zur Sekte zu vertuschen. Ohne Erfolg. Narconon ist im Besitz der Scientology-Organisation ABLE (association for better living and education). Sogar berühmte Scientologen loben die Tarnorganisation und ihre Methoden öffentlich. „Verglichen mit anderen Entzugseinrichtungen, sind wird die Besten“, sagt Hollywood-Star John Travolta. Unfassbar: Die Patienten müssen täglich fünf Stunden in der Sauna sitzen - 30 Tage lang. Dazu werden sie mit riesigen Mengen des Vitamins Niacin, auch Nikotinsäure genannt, vollgepumpt. Auch Tom Cruise ist voll des Lobes für die Scientology-Tarnorganisation. Der Superstar lobt eine Klinik, in der Gabriel Graves († 32), Hillary Holton († 21) und Stacy Murphy († 20) starben. Jetzt packt ein ehemaliger Patient aus. Aus Angst möchte er anonym blieben, nennt sich Rick S. Rick war zusammen mit Stacy Murphy in der Klinik. Stacy darf die Entzugsklinik tagsüber verlassen. Am 18. Juli kehrt sie von einem Ausflug zurück, sie steht unter Drogen. „Sie wurde in die Entgiftungsstation geschickt. Dort wurde ihr Zustand immer schlimmer. Die Medikamente, die ihr geholfen hätten, waren nicht da oder das Personal wusste nicht, wie man sie verabreicht“, sagte Rick der US-Zeitung „Village Voice“. Der Vorwurf: In der Klink arbeiten angeblich ehemalige Patienten, die keine medizinischen Kenntnisse haben. Rick wusste zunächst nichts von den Verbindungen zwischen Narconon und Scientology: „Ich habe aber in der ersten Stunde gemerkt, dass es Scientology war. Was sie von dir wollen, ist wahnsinnig.“ Drei Tote in neun Monaten – jetzt interessiert sich auch die Staatsanwaltschaft für die zweifelhafte Scientology-Organisation. Die Polizei ermittelt gegen die Klinik. Die Leichen von Holton und Murphy sollen jetzt obduziert werden. Schon beim ersten Opfer gab es keine eindeutige Diagnose: Gabriel Graves' Todesursache und der Todeszeitpunkt sind unbekannt.

Berliner Zeitung, 15.08.2012, Frank Nordhausen
Tod einer Scientologin
Biggi Reichert aus Bayern war ein prominentes Mitglied der Psycho-Sekte. Vor sechs Jahren brachte sie sich um. Bis heute ist ungeklärt, was mit ihr passiert ist HAMBURG/AUGSBURG. Am Dienstag den 5. März 2006 wird die Hamburger Polizei um 19.45 Uhr zu einer Tiefgarage im Bezirk Winterhude gerufen, weil dort ein blauer VW-Corrado mit laufendem Motor steht. Am Steuer finden die Beamten eine leblose Frau. Es handelt sich um die 40-jährige Tierärztin Walburga Reichert. Alles deutet auf einen Selbstmord hin, die Polizisten finden auch einen Abschiedsbrief. Doch es gibt Auffälligkeiten: Rezepte für Medikamente, Spritzen, blutbefleckte Papiertücher. Ein Flugticket nach Florida. Und vor allem zahlreiche Dokumente, die darauf hindeuten, dass Walburga Reichert zu der umstrittenen Scientology-Sekte gehört. Die Gerichtsmediziner erkennen als Todesursache „eine Mischung aus Schlaftabletten und Kohlenmonoxid“. Doch dann entdecken sie seltsame Wunden am Kopf der Toten unter dem Haar. Sie zählen „28 tiefgehende, vorwiegend runde Verbrennungen“, die ihr sieben bis 14 Tage vor dem Tod zugefügt wurden, als sie gerade in Amerika war. Die Pathologen stehen vor einem Rätsel. „Es handelt sich um thermische oder elektrothermische Einwirkungen mit einem runden Gegenstand“, steht in einem Bericht, den der Verfassungsschutz zwei Wochen später erstellt. Es spreche alles für Strom – zugefügt mit „Methoden, die auch als Folter betrachtet werden können“. Die Hamburger Kripo geht von gefährlicher Körperverletzung aus. Walburga Reichert, die alle nur „Biggi“ nannten, war vom 23. Februar bis kurz vor ihrem Tod eine Woche in der Stadt Clearwater in Florida gewesen, wo Scientology ihr „geistliches Zentrum“ namens „Flag“ unterhält. Aus ihrem Abschiedsbrief geht hervor, dass sie dort war, um „Probleme zu klären“. Inzwischen ist die Polizei auch im Besitz ihres Laptops, doch alle Daten sind gelöscht. Jetzt rätseln die Beamten: Was ist in Florida passiert? „Sie haben mir die Unterlagen vorgelegt und gefragt, ob bei Scientology gefoltert wird“, erinnert sich die Hamburger Sektenbeauftragte Ursula Caberta. „Ich habe gesagt: Ihr müsst direkt bei den Scientologen nachforschen. Doch niemand hat in Florida und bei Scientology ermittelt.“ Caberta indessen ging der Fall nie aus dem Kopf. Sie hat uns davon erzählt und damit eine jahrelange Recherche angestoßen. Stück für Stück ergab sich die Geschichte einer systematischen, scheinbar unaufhaltsamen moralischen und physischen Zerstörung eines Menschen. Diese Geschichte der Biggi Reichert beginnt in einer bayerischen Kleinstadt in der Nähe von Augsburg. Scientology und Biggis Ehemann Hans-Jürgen trügen gemeinsam die Schuld am Tod ihrer Tochter, behauptet ihre 84-jährige Mutter Dora N. bei einem Treffen in ihrem Schrebergarten. Ihren eigenen und den Namen der Gemeinde möchten die Verwandten nicht genannt haben. In der katholischen Gegend ist Biggis tragisches Schicksal bis heute unbekannt. „Ich bin oft am Grab gestanden und sage: Wie kann so was sein?“, sagt die weißhaarige, rüstige Mutter mit kräftiger Stimme. „Und ich wünsch’ es niemand, dass ein Kind so sterben muss.“ Dann sagt die bayerische Bauersfrau, sie müsse oft an einen Spruch denken, den der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard einst geschrieben hat. „Wir haben dich lieber tot als unfähig.“ 
Mehr Erfolg, nie mehr krank
Biggi war außerordentlich fähig. „Sie war überall beliebt, fröhlich und total überzeugt von ihrem Beruf. Die Biggi hat immer gewusst, was sie will“, sagt Herbert M., ihr 56-jähriger Schwager. Mit Scientology kommt sie 1989 in Berührung, als sie in München Tiermedizin studiert. „Ich habe etwas gefunden, das mich weiter bringt“, erklärt sie bei ihren seltenen Besuchen zu Hause. „Man hat mehr Erfolg im Beruf. Man wird nie krank.“ Es ist die Zeit, als Scientologys menschenverachtende Methoden gerade in der Öffentlichkeit bekannt werden, doch Biggi schwärmt vom Auditing, einem hypnoseähnlichen Verfahren, das Kritiker als Kern der scientologischen Gehirnwäsche bezeichnen. „Wenn das Thema auf Scientology kam, ist es immer im Streit geendet“, sagt ihre ältere Schwester Cornelia. „Wir haben dann lieber nicht mehr darüber gesprochen.“ Biggi kauft sich in eine florierende Tierarztpraxis ein und spezialisiert sich auf Pferde. Die Eltern schenken ihr eine Wohnung. Doch mit der Zeit nimmt Scientology mehr und mehr Raum ein in ihrem Leben. Stolz verkündet sie in einem Brief, sie sei die einzige scientologische Tierärztin in Deutschland. Sie träumt davon, ein Operierender Thetan der Stufe acht, Herrscherin über Raum, Zeit, Materie und Energie zu werden. 1996, mit dreißig Jahren, reist sie das erste Mal nach Flag in Florida. Im Mekka der Scientologen kostet eine Stunde Auditing bis zu 1 000 Dollar. Das übersteigt ihre Möglichkeiten, immer wieder bittet sie die Eltern nach Geld. Ihre Mutter sagt: „Ich hab immer zu ihr gesagt, das ist eine geldgierige Sekte, und das war ja das Schlimmste für sie.“ Damals bekommt Biggi auch selbst zum ersten Mal Zweifel – so erinnert sich der Amerikaner Michael Laws, ihr scientologischer „Fallüberwacher“ in Florida. 1996 bittet ihn Biggi plötzlich um Hilfe. Die Scientologin Rosie F. aus München habe sich in den Besitz ihrer Kreditkartennummer gebracht, und habe ohne ihr Wissen für rund 15 000 Dollar Kurse auf dem Scientology-Kreuzfahrer „Freewinds“ gekauft und das Konto heillos überzogen. Biggi ist hilflos, denn Scientologen dürfen sich untereinander nicht vor Gerichten verklagen. „Rosie hatte einflussreiche Freunde“, sagt der Ex-Scientologe Michael Laws. Vergeblich setzt er sich für Biggi ein. Sie schreibt auch an den zuständigen „Inspections Officer“ in Florida: „All das geschah ohne mein Wissen und ohne meine Einwilligung, und ich bin sehr wütend darüber!!!“ Vergeblich. Trotzdem verschwinden ihre Zweifel wieder. „Wenn man bei Scientology ist, glaubt man mit absoluter Sicherheit, dass es das einzige ist, das die Welt verbessern kann“, sagt Laws. „Deshalb hat sie alles Geld, was sie hatte, immer der Church gegeben.“ Ein Jahr später stellt Biggi ihren Eltern plötzlich einen Ehemann vor: „Er ist die Liebe meines Lebens.“ Hans-Jürgen Reichert, 17 Jahre älter, Vater von vier Kindern, Immobilienmakler aus Hamburg und schon Operierender Thetan, den sie in Clearwater geheiratet hat. „Der war völlig anders als die Leute bei uns“, sagt Biggis Schwager Herbert M. „Immer Anzug, Krawatte, Weste, was kostet die Welt?“ Er hat auch eine Yacht, ein Haus in Florida, einen Mercedes. Ihm zuliebe zieht Biggi nach Hamburg, verkauft ihren Anteil an der Tierarztpraxis und die Eigentumswohnung. „Praxis futsch, Erbe futsch, alles Geld bei Scientology“, fasst der Schwager zusammen. „Wenn man zusammenrechnet, was sie an die Scientologen verschossen hat, kommt man wohl auf 1,5 Millionen Euro.“ Biggis Energie gilt der Sekte. Im September 2000 eröffnet sie ihre eigene Scientology-Mission in Augsburg, um die Stadt zu „klären“. Es geht schief. Kaum jemand interessiert sich dafür. Mietrückstände laufen auf. Bis Ende 2003 pendelt Biggi Reichert rastlos zwischen Bayern und Hamburg hin und her. Um ihre weitere Karriere auf der scientologischen „Brücke zur totalen geistigen Freiheit“ zu finanzieren, ist sie gezwungen, anderweitig Geld zu verdienen. In Hamburg fängt sie als Assistentin in einer Tierklinik an. Schon seit Jahren arbeitet sie nebenher in der Immobilienfirma ihres Mannes. Als die Scientologen wollen, dass sie mehr für die neue Sektenzentrale in der Hamburger City tut, unterzeichnet sie im Frühjahr 2005 einen Arbeitsvertrag für zweieinhalb Jahre mit lächerlich geringem Entgelt. Sie ist verantwortlich für die Missionierung von Neumitgliedern. Es ist der Zeitpunkt, als sie den Gipfel ihrer scientologischen Karriere erreicht. Im April 2005 absolviert sie den Kurs zum Operierenden Thetan der Stufe acht. Begeistert mailt sie einer anderen Scientologin: „Ja, ich bin seit dem 10. April OT VIII! Ein echter Hammer.“ Doch inzwischen ist Hans-Jürgen, der sein Geld mit der Umwandlung von Altbauwohnungen verdient hat, pleite. Biggi gesteht in einem ihrer Reports nach Florida, dass er auf einem Schuldenberg sitze. „Er verdient im Moment überhaupt kein Geld. Wenn er es nicht hinkriegt, werden sich die Leute wegen des Geldes an mich halten“, schreibt sie nach Florida. Diese E-Mail und Hunderte andere stammen von Biggi Reicherts Computer, den die Polizei der Familie zurückgegeben hatte. Zwei pfiffigen Neffen ist es gelungen, die Dateien wieder sichtbar zu machen. Bis zum Herbst 2005, so zeigt es sich, ist ihre Tante eine 150-prozentige Scientologin. Dann plötzlich drängt die Realität in die Sektenwelt, in der sie lebt. Der Scientology-Direktorin in Hamburg schildert sie ihren brutalen 80-Stunden-Alltag zwischen Scientology-Org, Tierklinik und Immobilienbüro: „Liebe Pia, ich stehe morgens um sieben Uhr auf, rase dann nach Bergedorf, dann nach Hause, kurz duschen, was essen, dann Büroarbeit und dann in die Org. Am Donnerstag war es auch wieder 0.00 Uhr als ich zu Hause war. Weil ich morgens früh aufstehe, ist das mördermäßig. Am Freitagabend war ich da, obwohl ich frei gehabt hätte. Am Samstag fuhr ich von der Arbeit nur noch schnell was Essen und düste dann gleich in die Org. Am Sonntag war ich da, obwohl das eigentlich mein freier Tag ist.“ Der Hamburger Tierklinikchef Hans-Dieter Gerber erinnert sich: „Sie hatte Augenringe. Zum Schluss wurde sie immer dünner.“ Wenn sie ihre Eltern in Bayern besuchen darf, schläft sie vor Erschöpfung den halben Tag lang. Ihre Mutter erinnert sich, dass sie am Tag vor Heiligabend 2005 kam und am ersten Weihnachtsfeiertag schon wieder nach Hamburg musste. Aber ihren Schwager Herbert M. zieht Biggi kurz beiseite: „Du, wir müssen reden. Ich will zurück nach Bayern.“ Zu dem Gespräch kommt es nicht mehr. Im neuen Jahr informiert Biggi die Scientology-Verantwortlichen immer wieder über ihre desolate Lage. Am 24. Januar 2006 schreibt sie ihren „Fallüberwachern“ nach Amerika, dass sie sich dem Punkt nähere, wo sie kein Geld mehr abheben könne. Inzwischen seien ihre Mutter und ihr Schwager „Antagonisten“ – Feinde von Scientology –, und würden ihr keinen Cent mehr geben. Sie bittet um drei Monate Urlaub. Der wird nicht gewährt. „Ich schlug vor, die Zahl der Wochenstunden auf 30 zu verkürzen – und erntete entsetzte Blicke“, hält sie fest. Der Druck lässt nie nach. „Hans Jürgen unterstützt mich nicht mehr“, klagt Biggi. „Ich komme aus der Sache nicht mehr raus.“ 
Was geschah in Flag?
Im Februar 2006 beschließt Biggi Reichert, sich Hilfe in Flag zu holen, wo es laut Scientologen-Werbung „Lösungen für alle Probleme des Lebens“ gibt. Am 23. Februar fliegt sie nach Florida. Doch irgendetwas geht schief. Schon am 1. März, früher als geplant, kehrt sie zurück und wird nach Aussage eines ehemaligen hochrangigen Sektenmitglieds von zwei jungen deutschen Scientologen bis nach Europa eskortiert. Die vier letzten Tage ihres Lebens verbringt Biggi Reichert im Wesentlichen bei ihrer scientologischen Freundin Gloria S. auf einem Pferdehof bei Hamburg. Hat sie ihr nichts erzählt von den furchtbaren Wunden am Kopf? Den Schmerzen? Warum will Gloria S. dazu nichts sagen? Da Biggi Reichert eine prominente Scientologin ist, spricht sich ihr Tod in der Sekte herum. Von Suizid ist nie die Rede. „Wenn ein hochrangiger Scientologe Selbstmord begeht, dann wird Scientology alles tun, um das zu vertuschen“, sagt Biggis amerikanischer Freund Michael Laws. Werde jemand in Flag psychotisch oder äußere Selbstmordgedanken, werde er sofort ausgeflogen. Es gibt auch Scientologen, die behaupten, dass Scientology Mitgliedern, die als „Psychos“ galten, den Befehl erteilt habe, Suizid zu verüben. Ist Biggi Reichert mit Gehirnwäschemethoden in den Tod getrieben worden? Was hat man in Flag mit ihr gemacht? Scientology dementiert jegliche Vorwürfe. Der Scientology-Sprecher Frank Busch aus Hamburg erklärt schriftlich, man habe mit dem Tod von Biggi Reichert nichts zu tun: „Über Probleme mit Schulden bezüglich der Verstorbenen ist uns nichts bekannt.“ Auch habe sie stets nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten in der Org gearbeitet. „Eine vertragliche Verpflichtung gab es nicht.“ Die Hamburger Kripo ermittelt zwei Jahre lang. Die Beamten beantragen Durchsuchungsbeschlüsse für ihren Arbeitsplatz, die Wohnung, den Reiterhof. Doch die Staatsanwaltschaft lehnt diese stets ab. Warum? Wieso wurden die amerikanische Polizei und das FBI wegen der Kopfwunden nicht um Amtshilfe gebeten? Warum wurde Biggi Reicherts Computer nicht ordentlich durchleuchtet? „Man könnte die Theorie aufstellen, dass Frau Reichert durch die Scientologen mental in ihren Selbstmord hineingetrieben worden ist“, antwortet der Hamburger Oberstaatsanwalt Wilhelm-Antonius Möllers. „Aber Selbstmord ist nach deutschem Recht nicht strafbar. Beihilfe und Anstiftung ebenso wenig.“ Und die Kopfverletzungen seien schließlich auch als Hautkrankheit interpretierbar gewesen. Der Leipziger Gerichtsmediziner Carsten Hädrich ist anderer Meinung. Im Obduktionsbericht würden eindeutig „Merkmale von Strommarken“ beschrieben, sagt er. „Also Hautveränderungen, die durch Einwirkung von Hitze von elektrischem Strom entstehen.“ „Ein völliges Versagen der Ermittlungsbehörden“, konstatiert die Hamburger Scientology-Expertin Ursula Caberta. „Hier wird offenbar gefoltert – und man zuckt mit den Achseln?“ Was mit Biggi Reichert geschah, könnten jene Scientologen enthüllen, die sie in den letzten Tagen ihres Lebens begleiteten. Aber sie reden nicht. Biggis Mutter und der Schwager haben inzwischen die Ermittlungsakte der Polizei erhalten. Darin liegt auch der handschriftliche Abschiedsbrief an die Mutter. „Leider gibt es für mich keinen anderen Ausweg mehr. Sage ihnen allen, dass ich sie sehr liebe und dass sie nichts falsch gemacht haben. Mit lieben Grüßen Biggi.“

Süddeutsche 25.07.2012
Scientology-Aussteiger im Gespräch - "Ich habe als Kind gelernt, Menschen zu kontrollieren" Interview: Tobias Dorfer
Als Kind kam Markus Stuckenbrock zu Scientology, doch er schaffte den 
Absprung. Sein Bruder blieb dabei - und starb. In einem TV-Film erhebt 
Stuckenbrock deshalb schwere Vorwürfe gegen die Organisation. Ein Gespräch 
über ein Familiendrama sowie Tom Cruise und Katie Holmes. 
Als er hörte, dass Katie Holmes die Scheidung von Tom Cruise eingereicht hat, 
atmete Markus Stuckenbrock auf. Wie viele andere vermutet auch er, dass Holmes 
so den Einfluss von Scientology auf Tochter Suri verhindern will. Stuckenbrock 
weiß, wovon er spricht. Als Kind geriet er selbst in die umstrittene Organisation. 
Inzwischen hat sich der Neu-Ulmer von Scientology losgesagt. Sein Bruder Uwe 
schaffte den Absprung nicht. Er starb 2008 in den USA. In der SWR-
Dokumentation "Die Seelenfänger", die im Jahr 2010 ausgestrahlt wurde, erhebt 
Markus Stuckenbrock deswegen schwere Vorwürfe gegen Scientology. Er glaubt, 
dass die umstrittene Organisation mit am Tod seines Bruder schuld sei, da sie dem 
an Multipler Sklerose Erkrankten die notwendigen Medikamente und Therapien 
vorenthielt. 
Markus Stuckenbrock kämpft seit Jahren gegen Scientology. (© privat) 
Süddeutsche.de: Herr Stuckenbrock, was dachten Sie, als Sie hörten, dass sich 
Katie Holmes von Tom Cruise getrennt hat? 
Markus Stuckenbrock: Meine erste Reaktion: Gut gemacht, Katie Holmes. Vor 
allem wegen der Tochter Suri, die meiner Meinung nach in großer Gefahr 
schwebte. 
Süddeutsche.de: Es wird gemutmaßt, dass Katie Holmes mit der Scheidung 
verhindern wollte, dass Scientology Einfluss auf Suri bekommt. 
Stuckenbrock: Genau. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Scientology für 
Kinder nicht gut ist. Scientologen glauben, Kinder sind Erwachsene in kleinen 
Körpern. So werden sie behandelt. Sie bekommen keine Liebe und keine 
Fürsorge. Das ist in den Leitlinien nicht vorgesehen. Diese Doktrin führt dazu, 
dass Kinder in Scientology komplett vernachlässigt werden, was ich aus eigener 
Erfahrung bestätigen kann. Eltern, die sich an Hubbards Doktrin halten, stellen 
ihre Kinder meist an die zweite Stelle. Es kann sein, dass sie kein Geld für die 
Hochzeit oder das Studium erhalten oder dass die Eltern, die für Scientology 
arbeiten, nicht zum Solokonzert in die Schule kommen. Die Organisation 
bekommt Liebe, Aufmerksamkeit und das Geld. 
Süddeutsche.de: Suri Cruise ist heute sechs Jahre alt und wurde in die 
Organisation hineingeboren. Sie selbst stießen als Kind zu Scientology. Wie kam 
es dazu? 
Stuckenbrock: Ich war elf Jahre alt. Unsere Familie hatte es damals nicht leicht. 
Mein jüngerer Bruder litt an einem schweren Herzfehler, an dem er später starb. 
Außerdem kriselte es in der Ehe meiner Eltern. Mein Vater ist 1975 in München 
ganz klassisch von einem Scientologen angesprochen worden. Ich denke, er war 
damals einfach anfällig für die Botschaften Hubbards. 
Süddeutsche.de: Wussten Sie damals, was Scientology ist? 
Stuckenbrock: Nein. Wir sind als Familie einfach reingerutscht. Ich selbst wurde 
ziemlich schnell zu meinem ersten Kommunikationskurs für Kinder geschickt. 
Das war ein ganzes Wochenende in einer Hütte auf der Schwäbischen Alb. Ich 
musste auf einem anderen Kurs zu Kindern und Erwachsenen sagen: "Schau auf 
diese Wand. Danke. Gehe hinüber zu dieser Wand. Danke." Das mag jetzt harmlos 
klingen, aber das ist es nicht. Ich habe als Elfjähriger gelernt, andere Menschen zu 
kontrollieren. 
Süddeutsche.de: Wie ging es Ihnen als Kind bei Scientology? 
Stuckenbrock: Für mich war das belastend. Als sich meine Eltern im Jahr 1980 
scheiden ließen, zogen wir Kinder zu unserer Mutter und brachen den Kontakt zur 
Organisation ab. Damals war ich 16 Jahre alt. Mein Vater machte dann Karriere 
bei Scientology, er ist heute einer der führenden Köpfe in Süddeutschland. Ich war 
in der zehnten Klasse, als er wieder Kontakt zu mir aufnahm. 
Süddeutsche.de: ... und Sie sind sofort wieder in die Organisation gerutscht? 
Stuckenbrock: Ja. Anfang der achtziger Jahre war die Friedensbewegung stark, es 
gab Menschenketten gegen die Stationierung von Pershing-Raketen. Scientology 
verspricht eine Welt ohne Kriege und Krankheiten. Dafür war ich anfällig. Mein 
Vater lud mich zu einem Vortrag ein und dann bekam ich das Angebot, für die 
UImer Scientology-Mission zu arbeiten. In der Schule lief es bei mir damals auch 
nicht gut, deshalb habe ich das Angebot angenommen. Ich brach das Gymnasium 
ab und widmete mich ganz der Organisation. Bereits ein paar Wochen später 
wurde ich monatelang zur Sea Org nach Kopenhagen und später dann in die USA 
geschickt. (Die Sea Org ist eine Elitegruppe innerhalb von Scientology, von der de 
facto die Macht und Kontrolle über die Organisation ausgeht. Scientology selbst 
bezeichnet die Sea Org als "Ordensgemeinschaft"., Anm. d. Red.) 
Süddeutsche.de: Was war der Auslöser, dass Sie Scientology später erneut den 
Rücken kehrten? 
Stuckenbrock: Das war ein längerer Prozess. Ich kam aus der Sea Org in Florida 
zurück und gab in Ulm Kommunikationskurse, mit denen ich etwa 150 Mark im 
Monat verdiente. Davon kann man nicht leben. Dann hatte ich Ärger mit dem 
Chef der Öffentlichkeitsabteilung. Er hat mir meine Studenten weggenommen, um 
ihnen Auditings (von Scientology zu Therapiezwecken angewandte 
Gesprächstechnik, Anm. d. Red) zu verkaufen. Dann behauptete er, meine 
Kursstatistik sei schlecht. Das wiederum führte dazu, dass ich noch weniger 
verdiente. Ich arbeitete Tag und Nacht und keiner dankte es mir. Irgendwann hat 
es mir dann gereicht. 
"Statt Medikamente bekommen die Kranken Säfte und vitaminreiche Kost"  
Süddeutsche.de: Wie lief die Flucht? 
Stuckenbrock: Ich bekam die Aufgabe, in Ulm Menschen anzusprechen. 
Stattdessen bin ich zum Bahnhof gegangen habe mich in den Zug nach 
Friedrichshafen zu meiner Mutter gesetzt. Scientology hat dann noch oft 
angerufen, aber meine Mutter und meine Großmutter haben das alles abgeblockt. 
Süddeutsche.de: Bei Ihnen ging die Geschichte einigermaßen glimpflich aus. Ihr 
älterer Bruder Uwe hat den Absprung nicht geschafft. 
Stuckenbrock: Nein, er kam mit 16 Jahren in die Sea Org. Erst lebte und arbeitete 
er in Großbritannien und später im internationalen Scientology-Hauptquartier in 
den USA. Damit war er für die Familie verloren. Es war, als ob er in einem 
Schwarzen Loch im Weltall verschwunden wäre. Verpflanzt in die USA mit 17 
Jahren. Dann wurde es noch schwieriger mit dem Kontakt. Wenn wir Uwe 
sprechen wollten, konnten wir bei der Sea Org in Los Angeles anrufen. Mit Glück 
hat mein Bruder dann Tage später zurückgerufen. Aber wirklich erhellend waren 
diese Gespräche nicht. 
Süddeutsche.de: Wissen Sie, was seine Aufgabe bei Scientology war? 
Stuckenbrock: Inzwischen ja. Er war im internationalen Hauptquartier, wo auch 
Scientology-Chef David Miscavige wohnt, tätig. Uwe war Sicherheitschef in 
diesem Hauptquartier. Dort arbeitet die oberste Elite. 
Süddeutsche.de: Im Jahr 2008 meldete sich Scientology und teilte Ihnen mit, dass 
Ihr Bruder gestorben sei. 
Stuckenbrock: Mein Vater rief mich an und erzählte es mir. Sechs Jahre zuvor 
hatte ich zum ersten Mal gehört, dass Uwe an Multipler Sklerose erkrankt war, 
aber mehr wusste ich damals nicht. Mit einem Kamerateam des SWR bin ich 2010 
in die USA gegangen, um die Geschichte meines Bruders zu rekonstruieren. Dort 
erfuhr ich, dass bereits 1988 die ersten Symptome der Krankheit auftraten. 
Süddeutsche.de: Und trotzdem arbeitete Ihr Bruder noch für die Sea Org? 
Stuckenbrock: Ja. Als die Krankheit dann später ausbrach, kam er meinen 
Recherchen zufolge in ein Scientology-Straflager*. Ich glaube, dass mein Bruder 
als Sicherheitschef zu viel wusste. Außerdem habe ich erfahren, dass er 
mindestens einmal einen Fluchtversuch unternommen hat. Deshalb haben sie ihn 
da reingesteckt. 
Süddeutsche.de: Was werfen Sie Scientology vor? 
Stuckenbrock: Dass die Organisation mitverantwortlich am Tod meines Bruders 
ist. 1996 - acht Jahre, nachdem die ersten MS-Symptome auftraten - war er zum 
ersten Mal bei einem Arzt. Bei meinen Nachforschungen in den USA bin ich in 
den Besitz von Krankenunterlagen meines Bruders gelangt, die meinen Verdacht 
bestätigen, dass Uwe nicht die dringend nötige medizinische Versorgung erhalten 
hat. 
*) Die ehemalige AG Scientology in der Hamburger Behörde für Inneres wirft 
Scientology vor, unter der Bezeichnung RPF (Rehabilitation Project Force) 
Programme zur Rehabilitation "abweichlerischer" Mitglieder zu betreiben. Hierbei 
soll es nach Recherchen der Behörde, die zu den Ergebnissen im Jahr 2000 eine 
Broschüre veröffentlichte, unter anderem zu Bestrafung und sozialer Isolierung 
gekommen sein. Die Broschüre ist noch auf den Internetseiten der Stadt Hamburg 
abrufbar. Scientology bestätigt auf einer offiziellen Internetseite die Existenz der 
RPF. Das "Projekt zur Rehabilitierung" sei "eine Möglichkeit der 
Wiederingliederung in den Orden nach schwerem Fehlverhalten", geschehe jedoch 
auf freiwilliger Basis und sei kein Gefängnis oder Straflager. In Deutschland gebe 
es eine solche Einrichtung nicht. 
"Mein Bruder war im Straflager"  
Süddeutsche.de: Warum ist Ihr Bruder nicht früher zum Arzt gegangen? 
Stuckenbrock: Ich glaube, es wurde ihm verboten. Scientology-Gründer L. Ron 
Hubbard hat behauptet, 90 Prozent aller Krankheiten lassen sich durch Auditing in 
den Griff bekommen. Statt Medikamente bekommen die Kranken Säfte und 
vitaminreiche Kost. Aber mein Bruder hat diesen Lehren ja auch selbst geglaubt. 
Wir haben versucht, ihm aus Deutschland Medikamente zu schicken. Ohne Erfolg. 
Süddeutsche.de: Multiple Sklerose ist nicht heilbar. 
Stuckenbrock: Das stimmt. Aber meine Mutter war in der Behindertenpflege tätig 
und ich selbst arbeite ebenfalls im sozialen Bereich. Wenn wir früher von der 
Krankheit meines Bruders früher erfahren, hätten wir ihn in Deutschland pflegen 
können. In den USA hat er unnötig leiden müssen. Wir hätten alles dafür getan, 
ihn nach Hause zu holen. 
Süddeutsche.de: Nach Ihren Recherchen haben Sie in den USA einen Anwalt 
eingeschaltet, um den Fall juristisch aufzuarbeiten. Was kam dabei heraus? 
Stuckenbrock: Ich war in Kontakt mit einem Anwalt. Aber letztlich ist die Sache 
am Geld gescheitert. Ich habe hier in Deutschland eine Familie, die mir wichtiger 
ist und wollte deshalb nicht den finanziellen Ruin riskieren. Vielleicht hätte sich 
Scientology am Ende doch wieder rausgewunden. 
Süddeutsche.de: Scientology hat sich zu Ihrem Fall geäußert. Die deutsche 
Vizepräsidentin Sabine Weber hat zu Jetzt.de gesagt, Ihr Bruder habe eine 
"intensive medizinische Betreuung" erhalten. 
Stuckenbrock: Ich kann Ihnen schildern, wie diese intensive medizinische 
Betreuung aussah. Der erste nachweisbare Kontakt zum Arzt fand 1996 statt, acht 
Jahre nachdem die ersten Symptome auftraten. Dieser Arzt sagte, man müsse 
einen Plan aufstellen, um die Krankheit zu bekämpfen. Nichts geschah. 2002 war 
Uwe noch einmal beim Arzt. Der hat ihm eine Wassertherapie verordnet. Das ist 
diese medizinische Betreuung. Medikamente wurden abgelehnt, das weiß ich über 
meine Mutter. Es wurde immer nur der alternative Weg beschritten und dazu 
Auditing. 
Süddeutsche.de: Scientology sagt auch, Ihr Bruder sei nie in einem Straflager 
gewesen. 
Stuckenbrock: Auch dafür gibt es zahlreiche Zeugen. Einige erzählen davon in der 
SWR-Reportage "Die Seelenfänger". Mein Bruder war definitiv im Straflager. 
Süddeutsche.de: Ihr Vater hat Ihre Familie damals an Scientology herangeführt. 
Werfen Sie ihm das heute vor? 
Stuckenbrock: Das ist eine schwierige Frage. Natürlich werfe ich es ihm vor. 
Anderseits weiß ich auch, wie anfällig er damals war. Ich hätte gerne Kontakt zu 
meinem Vater. Aber er hat diesen Kontakt nach der Ausstrahlung der SWR-
Dokumentation, die Uwes Geschichte erzählte, im Jahr 2010 komplett 
abgebrochen. 
Süddeutsche.de: Sie haben selbst auch für Scientology gearbeitet und Menschen 
für die Organisation angeworben. Wie geht es Ihnen damit? 
Stuckenbrock: Mein Job war ja vergleichsweise harmlos. Ich war in der 
Öffentlichkeitsarbeit und gab Kommunikationskurse. Kürzlich jedoch habe ich in 
Ulm einen Scientology-Stand gesehen. Ich ging hin und wollte mit den Leuten 
über die Geschichte meines Bruders sprechen. Die Frau, mit der ich sprach, kam 
mir bekannt vor. Dann erkannte ich, dass sie eine ehemalige Studentin von mir ist. 
Jetzt ist sie eine überzeugte Scientologin. Diese Erkenntnis hat mir sehr wehgetan, 
weil ich sie damals in die Klauen dieser Organisation gelockt habe. 

Focus, 31.07.2012
Scientology-Aussteigerin über Suri Cruise „Fröhliche Kinder sind nicht vorgesehen“
Erstaunlich schnell ist es still geworden um Katie Holmes, Tom Cruise und Suri. 
Das hat System bei Scientology. Aussteigerin Jeannette Schweitzer über 
Kinderdrill und abtrainierte Muttergefühle. 
 „Ich will meinen Papa!“, soll Suri Cruise laut dem amerikanischen Magazin 
„Intouch“ gesagt haben. Bis jetzt hat Katie Holmes nach der Trennung von Tom 
Cruise das Sorgerecht für die Sechsjährige, die Zeit mit dem Vater ist geregelt. An 
ihrem ersten Wiedersehenswochenende hatte der 50-Jährige alle Geschütze 
aufgefahren, um Suri für sich einzunehmen: Helikopterflug über Manhattan, ein 
tolles Hotel, jede Menge Süßigkeiten und Spielzeug. 170 000 Dollar soll Cruise 
sich das Vergnügen laut dem Magazin „Star“ kosten haben lassen. 
Dass Scientology auch großzügig in Sachen Scheidung und Unterhaltszahlungen 
ist, weiß Jeannette Schweitzer. Die Aussteigerin war selbst drei Jahre lang in den 
Fängen der Sekte verloren. Ihre Erfahrungen mit den menschenverachtenden 
Maßnahmen hat die gelernte Bankkauffrau und Bilanzbuchhalterin in ihrem Buch 
„Der Apparat“ verarbeitet. Ein Rauswurf aus der Firma lieferte den rettenden 
Anstoß für ihr Leben danach. Eine Erlösung ebenfalls für ihre Tochter, die sie in 
der ganzen Zeit abgeschoben und vernachlässigt hatte. Mit AMICA Online sprach 
Schweitzer über Repressalien, was sie sich von Katie Holmes wünscht und wie 
Kinder bei Scientology misshandelt werden. 
FOCUS Online: Flucht von Katie Holmes mit Suri, Trennung von Tom Cruise 
und schnelle Sorgerechtseinigung – wie beurteilen Sie den Trennungsprozess von 
Katie Holmes und Tom Cruise? 
Jeannette Schweitzer: Alles, was mit Scientology zu tun hat, verfolge ich mit 
Interesse und stelle fest, dass die Dinge sich immer wieder nach dem gleichen 
Schema abspielen. Ich habe erwartet, dass der Prozess so verläuft. Für die 
Öffentlichkeit hat man sich schnell geeinigt, damit es keine weiteren 
Negativschlagzeilen gibt. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder hätte Katie 
Holmes an die Öffentlichkeit gehen und Klartext über Scientology reden können. 
Dafür hätte ich sie sehr bewundert. Oder die andere Möglichkeit, die eingetreten 
ist, ist die schnelle Einigung und eine Schweigevereinbarung. Solche Scheidungen 
gehen bei Scientology ganz schnell, weil man sich gütlich einigt. So bleibt 
möglichst viel schöner Schein. 
FOCUS Online: Sie hätten sich also mehr von Katie Holmes gewünscht? 
Schweitzer: Klar wäre es schön gewesen, wenn sie öffentlich gegen Scientology 
aufgetreten wäre. Andererseits habe ich auch das nicht erwartet, denn sie hätte auf 
jeden Fall Schwierigkeiten bekommen. Das hat sich vorher ja bereits angedeutet. 
Sie hat sich von einem hochrangigen Scientologen getrennt, das darf sie natürlich 
nicht ohne über das scientologische Ethik-Gericht zu gehen. Außerdem hätte sie 
nicht einfach abhauen dürfen. Das nennt sich bei der Organisation „blown“ und ist 
ein Schwerverbrechen. Genauso wie die Tatsache, dass sie mit Tom Cruise einen 
hochrangigen Scientologen in der Öffentlichkeit in ein schlechtes Ansehen gestellt 
hat. Denn in den Medien stand er als der Mann, vor dem Katie Holmes flüchten 
musste. 
FOCUS Online: Hätte es überhaupt eine scientologisch-korrekte Trennung geben 
können? 
Schweitzer: Nein. Das ist ja das Interessante. Scientology hat ein eigenes 
Rechtssystem, ein eigenes Gericht und erkennt die Regelungen des Staates nicht 
an. Vor diesem sogenannten Ethik-Gericht, das unter Ethik etwas ganz anderes 
versteht, wird die angestrebte Trennung verhandelt. Die Person muss immer 
wieder Auditings durchlaufen, so lange bis sie wieder auf Scientology-Linie ist. 
Scheidung ist nicht vorgesehen, erst recht nicht bei solchen Persönlichkeiten, weil 
das dem Image schadet. 
„Wenn sie nicht funktionieren, werden Kinder bestraft“ 
FOCUS Online: Nicht-Mitglieder gelten als Fremdkörper. Wie groß schätzen Sie 
die Möglichkeit ein, dass nicht Katie sich befreit hat, sondern Scientology sie 
gezielt loswerden wollte? 
Schweitzer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht Mitglied war. Er hat sie 
hineingeheiratet und sie zur Scientologin gemacht. Dass sie vielleicht auf dem 
Papier katholisch war, stört nicht. Ich glaube nicht, dass Scientology sie loswerden 
wollte, weil Promis ja wichtige Aushängeschilder sind. Sie werden sogar PR-
Maschinen genannt. 
FOCUS Online: Weil Sie vorher die Repressalien angesprochen hatten. Wie 
vergleichbar sind sie bei prominenten und „normalen“ Mitgliedern? 
Schweitzer: Natürlich ist man hier vorsichtiger. Solange sie in der Öffentlichkeit 
stehen, ist es schwieriger sie mit den gleichen Mitteln unter Druck zu setzen, wie 
das bei mir der Fall war. Sie hätten Katie Holmes jetzt nicht entführen können 
oder dergleichen. Davor hüten sie sich schon, wobei in diesem totalitären System 
selbstverständlich alle Behandlungen vorgeschrieben sind. Das gilt beispielsweise 
auch für die Erziehung der Kinder. 
FOCUS Online: Wie würde demnach die weitere Kindheit von Suri ausgesehen? 
Schweitzer: Dieses Kind erfährt von Anfang an die Ideologie von Scientology. 
Dort gibt es keine Kinder. Es gibt nur Menschen mit kleinem Körper und 
Menschen mit großem Körper, das ist die einzige Unterscheidung. Suri müsste 
weiter das scientologische Studium gemacht, Drills und Strafmaßnahmen erleben. 
FOCUS Online: Was müssen wir uns darunter vorstellen? 
Schweitzer: Ich habe Kinder erlebt, die den ganzen Tag Putzarbeiten erledigen 
mussten. Schweigend. Sie durften sich mit niemandem unterhalten. Sie waren ein 
Nichts, das Fenster und Fliesen putzen, Boden schrubben musste. In manchen 
Straflagern sollen die Kinder auch noch schlimmer behandelt werden. 
FOCUS Online: Wofür werden die Kinder damit bestraft? 
Schweitzer: Wenn sie nicht funktioniert haben. Das heißt, wenn sie ihre Aufgaben 
nicht erledigt haben. Leistung ist ein ganz zentraler Punkt. Kleinste Kinder werden 
hier schon mit Statistiken bewertet. Beispielsweise bekommen sie ein Sternchen, 
wenn sie eine scientologische Aufgabe lösen. Am nächsten Tag müssen sie schon 
zwei Aufgaben lösen und bekommen noch ein Sternchen. Wenn sie diese 
allerdings nicht schaffen, wird das Sternchen wieder abgenommen. Es wird 
extrem mit Belohnung und Bestrafung gearbeitet. 
FOCUS Online: Wie sieht es aus mit Zeit zum Spielen? 
Schweitzer: Ich habe keine fröhlichen, spielenden Kinder bei Scientology gesehen. 
Fröhlich vor allem nicht. Das ist mir bei dem Mädchen von Tom Cruise und Katie 
Holmes besonders aufgefallen. Das Kind hat nie kindlich gelacht, oder überhaupt 
gelacht. Kinder dürfen nicht ausgelassen mit anderen Kindern spielen auf dem 
Spielplatz oder im Dreck. Sie werden von Anfang an auf Leistung getrimmt und 
mit dem Gedankengut ideologisiert. 
„Mein Muttergefühl war verschwunden“ 
FOCUS Online: Ihre Tochter haben Sie nur einmal zu Scientology gegeben. Wie 
haben Sie es geschafft sie dort rauszuhalten? 
Schweitzer: Mein Muttergefühl war verschwunden. Das wurde wie alle anderen 
Gefühle abtrainiert, beziehungsweise überlagert. Aber dieses Kind war als es 
wiederkam so verzerrt im Gesicht, rot und aufgeblasen, dass doch irgendwie das 
Muttergefühl durchgekommen ist. Mein Schutzreflex hat mich dazu bewegt, dass 
ich nur noch an mein Kind dachte und sie nie wieder dort hingebracht habe. 
FOCUS Online: Wie ist Ihr Verhältnis heute zueinander? 
Schweitzer: Nachdem auch ich aus der ganzen Geschichte ausgestiegen war, hat 
sie zunächst in den Medien darüber geredet und ihre Sicht geschildert, was ich 
sehr gut fand. Zu dem Zeitpunkt wollte sie das, hat dann aber mit 18 beschlossen, 
dass es damit für sie abgeschlossen ist. Wir haben uns beide intensiv damit 
auseinander gesetzt und ausgesprochen. Die Verletzungen ausgesprochen. Das 
war für mich wichtig, weil ich diese Verletzungen zuließ. Alles zusammen hat 
uns, trotz vieler Konflikte, sehr nah zusammengebracht. 
FOCUS Online: Wie sind Sie aus dem System Scientology herausgekommen? 
Schweitzer: Ich hatte nie den Gedanken, ich muss hier raus. Als Scientologe stellt 
man das System nicht in Frage, weil man schnell lernt, kritische Gedanken zu 
unterdrücken. Ich hatte das Glück, dass ich von der Firma suspendiert wurde, weil 
ich die kriminellen Machenschaften nicht mitmachte, obwohl ich bis ins Straflager 
gehen musste. Nur dadurch habe ich einen wunderbaren Schritt gemacht und bin 
erst einmal dreihundert Kilometer weit abgehauen. Die räumliche Trennung von 
diesen Menschen ist ganz wichtig. Denn sie wollen einen halten, knechten, in ihre 
Ethik zwingen. Bis ich allerdings einen kritischen Gedanken denken durfte ohne 
Angst zu haben, hat es noch eineinhalb Jahre gedauert. 
FOCUS Online: Welchen Rat haben Sie für Frauen in ähnlichen Situationen? 
Schweitzer: Sie sollten sich an Menschen mit Erfahrung wenden. Katie Holmes 
hat das toll gemacht, indem sie sich Anwälte genommen hat, die nicht zu 
Scientology gehörten. Das für die juristische Seite. Um aber mit den Ängsten klar 
zu kommen, sind Verbündete ganz wichtig. So wie Nicole Kidman für Katie 
Holmes.

Süddeutsche, 12.07.2012
Sekte mit TV-Programm - Scientology plant eigenen Fernsehsender
Pamphlete, Hubbard-Bücher und DVDs sind nicht mehr genug. In den USA hat Scientology ein TV-Studio gekauft und plant, von dort ein eigenes Programm zu produzieren. Dessen Inhalte könnten sich am Vorbild christlicher Fernsehsender orientieren - mit Tom Cruise als Gaststar. Nach den Negativschlagzeilen über die Scheidung von Tom Cruise und Katie Holmes möchte Scientology jetzt offenbar mit einem eigenen Fernsehsender neue Mitglieder anwerben. Die Sekte hat zu diesem Zweck in Hollywood bereits ein Fernsehstudio gekauft. Sie plane, dort eine Medienzentrale zu errichten und "in die Produktion religiösen Fernsehens und Radios einzusteigen", bestätigte Sprecherin Karin Pouw gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Wann der Sendebetrieb beginnen soll, stehe noch nicht fest. In Zukunft möchte die Sekte Scientology vom ehemaligen Studiogelände des Fernsehsenders KCET auf dem Sunset Boulevard in Hollywood ein eigenes Fernsehprogramm produzieren. (© REUTERS) Das etwa zwei Hektar große Studiogelände direkt am berühmten Sunset Boulevard in Los Angeles gehörte zuletzt dem unabhängigen kalifornischen Fernsehsender KCET. Scientology brachte 42 Millionen US-Dollar für den Kauf des Studios auf. Das Hollywoodstudio, so Sprecherin Pouw, werde außerdem das Programm der "Golden Era Productions" ergänzen, einer Firma, die für Scientology DVDs und "anderes audiovisuelles Material" produziert. Ein Scientology-Sender könnte sich am Vorbild christlicher Fernsehsender wie dem Christian Broadcasting Network oder dem Trinity Broadcasting Network orientieren, zitiert Reuters den Sektenexperten Rick Ross, dessen Institut Informationen über "kontroverse Gruppen" (http://www.rickross.com/sg_alpha.html) sammelt und Ausstiegswillige berät. Die Sekte habe in ihren Reihen "viele talentierte Leute", die für einen solchen Sender Shows produzieren könnten. Selbst Gastauftritte von Stars wie Tom Cruise hält Ross für möglich. Auch Elayne Rapping, Professorin für Amerikastudien an der Universität von Buffalo, sagte zu Reuters, sie sei nicht überrascht von dem Schritt der Sekte. Scientology brauche "gute PR, die sie kontrollieren können, um ihr schlechtes Bild in anderen Medien aufzuwiegen."

Der Sonntag, 08.07.2012, Aline Wanner
Baufirma will die Psycho- Sekte jetzt verklagen
Die Scientology-Sekte geht in der Schweiz in die Offensive: Mehrere Grosskirchen sind geplant – unter anderen in Zürich und in Basel. Jetzt zeigen Recherchen des «Sonntags»: Scientology bezahlt die Rechnungen für die Bauarbeiten nicht. Hans Alzer, Geschäftsführer der General International GmbH, einer Baufirma in Dübendorf, hat von einem dubiosen Mittelsmann in Berlin Planungsaufträge für Kirchen in Basel und Stuttgart bekommen, ein weiterer Auftrag für Zürich wurde ihm in Aussicht gestellt. Alzer ist verärgert, denn er wartet derzeit vergebens auf über 30 000 Franken. So viel kosten erste Planungsarbeiten, die Alzer und sein Team in Basel ausgeführt haben. Und das ist noch nicht alles: Alzer spricht von einem Betrag von über 100 000 Franken, den er den Scientologen für die bisher geleistete Arbeit in Rechnung stellen werde. Seine Tätigkeit hat Alzer nun bis auf weiteres eingestellt. Der Geschäftsmann geht von einem geplanten Betrug aus. ALZERS AUFTRAGGEBER heisst Andrew Carr, Projektleiter der CPC Management Ltd. in Berlin. Dieser vergab Anfang März die Aufträge für die Scientologen. Alzer forderte Carr per E-Mail mehrfach auf, die Rechnungen zu begleichen. Carr lehnte die Bezahlung ohne Begründung ab. Der Mail-Verkehr liegt dem «Sonntag» vor. Carr wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern. Patrick Schnidrig, Präsident der Scientology-Kirche Basel, spricht von einem Missverständnis, von dem er keine Kenntnis hatte. Diese Aussage widerlegt ein Mail, in dem Alzer Schnidrig darüber informiert, dass Rechnungen nicht bezahlt wurden. Alzer droht damit, Schadenersatz in der Höhe von bis zu 400 000 Franken einzufordern. Da weder Carr noch Schnidrig auf die Zahlungsaufforderungen reagierten, hat Alzer nun einen Anwalt engagiert. Dieser hat Carr Anfang Woche schriftlich aufgefordert, die Rechnungen zu begleichen und ihm eine Frist bis Freitag gesetzt. Carr liess die Frist verstreichen. Alzer hat deshalb seinen Anwalt beauftragt, sofort Strafanzeige einzureichen und gegen Andrew Carr zu klagen. Gegenüber dem «Sonntag» sagt Alzer, er werde alle möglichen rechtlichen Schritte gegen Scientology einleiten.

Der Sonntag, 02.06.2012, Aline Wanner
Scientology geht in die Offensive
Läuft alles nach Plan, wird noch in diesem Jahr eine neue Scientology-Kirche in Basel eröffnet. Danach sollen weitere in Zürich, Bern und der Westschweiz folgen. Mit neuen repräsentativen Gebäuden, sogenannten Ideal Orgs, will Scientology weltweit Präsenz markieren und ihren Mitgliedern den vollen Umfang an scientologischen Diensten zur Verfügung stellen. Das schreibt die Sekte auf ihrer Homepage. In den USA und anderen Teilen Europas haben Scientologen bereits etliche solche Tempel eröffnet. Das soll bald auch in der Schweiz geschehen. Recherchen des «Sonntags» zeigen: Die Bemühungen, eine solche Kirche bald in Basel einzuweihen, sind in vollem Gange. Es wäre nach Berlin erst die zweite Ideal-Org-Kirche im deutschsprachigen Raum. Zwei Scientologen kauften vor einem Jahr eine rund 4000 Quadratmeter grosse Parzelle nahe der französischen Grenze. Annette Klug, Pressesprecherin von Scientology, bestätigt gegenüber dem «Sonntag» erstmals die Pläne. Ein Eröffnungstermin stehe aber nicht fest, da noch Renovationen anstehen würden, sagt Klug. Scientology werde zu gegebener Zeit informieren. Das Grundstück, wo sich heute der Basler Hauptsitz der Sekte befindet, hat die Sekte bereits verkauft. Der neue Inhaber will Wohnungen daraus machen. Geplant sind in der Schweiz noch weitere neue Scientology-Tempel. Gemäss Insidern sind die Pläne in Zürich am weitesten fortgeschritten. Als Standorte waren Oerlikon und Schwamendingen im Gespräch. Das Projekt soll aber ins Stocken geraten sein, weil zu wenig Geld vorhanden ist. Anette Klug sagt dazu: «In Zürich sind wir noch nicht so weit.» Abklärungen seien aber weiterhin im Gang. Dies gelte auch für alle anderen Scientology-Kirchen in der Schweiz, die in Zukunft eröffnet werden sollen. Ableger in Form von Kirchen oder Missionen hat Scientology derzeit neben Basel und Zürich in Bern, Luzern sowie in der Westschweiz und im Tessin. Laut Sektenexperte Georg Schmid werden die neuen Kirchen jeweils von Scientologen vor Ort finanziert. «In Basel scheinen Geldgeber gefunden», sagt er. Der Aufbau von sogenannten Ideal Orgs solle zum Zuwachs von Mitgliedern führen. Scientology habe gemäss Aussagen von Schweizer Aussteigern rund tausend aktive Mitglieder in der Schweiz. «Die Zahl scheint sich seit Jahren in dieser Grössenordnung zu bewegen», sagt Schmid. Die Geschäftsleiterin von Infosekta, Susanne Schaaf, warnt vor der Gefahr, die nach wie vor von Scientology ausgehe. Die Organisation dürfe nicht verharmlost werden, auch wenn die Mitgliederzahl in der Vergangenheit in der Schweiz nicht angestiegen sei. «Leute, die in die Fänge der Sekte geraten, werden schnell abhängig und massiv in der persönlichen Freiheit eingeschränkt», sagt Schaaf. Zwar seien in der Schweiz viele Leute für die Problematik von Scientology sensibilisiert. Wissen schütze aber nicht immer davor, einer Sekte beizutreten. Scientology wurde in den 50er-Jahren vom amerikanischen Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard gegründet. Die Sekte versucht weltweit, ihren Einfluss auszubauen und ist aufgrund ihrer Praktiken höchst umstritten.

heute.at, 26.03.2012
Warnung ausgesprochen - Scientology in Schulen auf Mitgliedssuche
Das Werbematerial zielt vor allem auf Volksschüler ab. Österreichs Schulleiter schlagen Alarm: An mehrere Schulen wurde in den vergangenen Tagen "Unterrichtsmaterial" der Sekte Scientology versandt. Die Kinder sollen mit dem Material manipuliert werden. Das Scientology-Paket habe immer denselben Inhalt - zwei DVDs mit dem Titel "Der Weg zum Glücklichsein". Im Begleitschreiben wird darum gebeten, die DVDs für Präsentationen an der Schule zu verwenden und sie der Schulbibliothek verfügbar zu machen. Zusätzlich wird ein Ausbildungspaket angeboten, um diese Prinzipien zur Lösung von Lebensproblemen im Klassenzimmer unterrichten zu können, berichtet orf.at. Immer wieder wird auch Sekten-Gründer L. Ron Hubbard im Schreiben und auf den DVDs zitiert. In Kärnten, wo sich die Fälle häuften, wurde bereits das Bezirksschulinspektorat eingeschaltet und alle Schulleiter werden vor den "Werbe-Päckchen" gewarnt. Erst kürzlich berichteten Heute-Leser davon, dass Scientology Werbungen in iPad-Spielen eingebaut hatte.

Hamburger Abendblatt, 16.03.2012, jel
Landesamt warnt vor Kampagne von Scientology 
Mit Angeboten im Internet sollen Jugendliche und labile Erwachsene geködert werden. Auch im Stadtbild zeigt die Sekte wieder mehr Präsenz. Hamburg. Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) warnt vor neuen Aktivitäten der Scientology-Organisation. Die Psychosekte versuche derzeit vermehrt über das Internet neue Unterstützer zu gewinnen. Insbesondere wende sich die Organisation im Netz an Kinder und Jugendliche sowie psychisch labile Erwachsene. Ihnen werden scheinbare Lösungen für alltägliche wie auch schwerwiegende Probleme angeboten. Das Ziel der Kampagne: Menschen in eine Abhängigkeit zu locken und sie finanziell auszunehmen. +++ Mark Rathbun: Ein Sekten-Aussteiger aus Amerika +++ Der etwas hölzerne Titel der Internet-Kampagne lautet „Effektive Scientology- Lebenshilfen in Form von kostenlosen Online-Angeboten“ und ist offenbar Teil des von Sektenführern bereits 2008 verkündeten „Vorstoßes in den Cyberspace“. Scientology nennt das Angebot „Lebensverbesserungskurse“ und verspricht Hilfe bei Krisen in den Bereichen Arbeit, Drogen, Geld, Ehe, Stress und Kommunikation – und das alles mit wenigen Mausklicks. Die wahren Hintergründe der Netz-Offensive sind nach Ansicht des Verfassungsschutzes, dem die Arbeitsgruppe Scientology um Ursula Caberta angegliedert wurde, anders gelagert. Sprecher Marco Haase: „Es handelt sich um Lockangebote. Die Scientologen verstehen es, im Sinne ihrer Ideologie zielstrebig zu kommunizieren.“ Zuerst gebe es etwas umsonst, später werde Druck ausgeübt, der Organisation immer mehr Geld zu geben. Auch im Stadtbild zeigen die Scientologen laut LfV neuerdings wieder mehr Präsenz. Seitdem die Hamburger Niederlassung modernisiert wurde, werden vermehrt Prospekte und Einladungen zum Besuch des Gebäudes am Domplatz verteilt. Haase: „Der Scientology-Organisation geht es um Macht, Geld und den Einzug in alle gesellschaftlichen Bereiche. Die Werbebotschaften dienen dem Zweck, mit scientologischen Technologien in die Gesellschaft einzudringen und irgendwann wirtschaftlichen und politischen Einfluss nehmen zu können.“ Eine der Werbebotschaften der Organisation lautet: „Nicht immer geht alles glatt im Leben.“ Der LfV warnt aus genau diesem Grunde vor dem Kontakt mit Scientology: „Es könnten eher weitere Probleme dazukommen.“

Hessen und Deutsches Tageblatt, 15.03.2012
Hamburg – LfV Hamburg: Vorsicht vor kostenlosen Online-Kursen der Scientology-Organisation
Neues Lockangebot im Internet zielt auf Menschen in Krisensituationen Das LfV berät all jene, die bereits Kontakt zu Scientology hatten Hamburg - Das Landesamt für Verfassungsschutz warnt vor kostenlosen Online- Kursen, die auf deutschsprachigen Internet-Seiten der Scientology-Organisation (SO) angeboten werden. Die SO wirbt für diese Kurse unter dem Motto „Effektive Scientology-Lebenshilfen in Form von kostenlosen Online-Kursen“. Bereits seit Jahren baut die SO ihre Internetpräsenz aus, um Interessierte mit populären Themen wie einer Anti-Drogen-Kampagne („Sag Nein zu Drogen – Sag Ja zum Leben“) oder dem Einsatz für Menschenrechte („Jugend für Menschenrechte“) anzulocken. Den Stellenwert des Internets für ihre Mitgliederwerbung untermauerte die SO mit dem im Mai 2008 propagierten „Vorstoß in den Cyberspace“. Und über soziale Netzwerke sucht die Organisation insbesondere den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Wurde der Scientology-Hintergrund wegen des schlechten Images der SO häufig auch verschleiert, tritt die Organisation in den neuen Online-Kursen offensiver auf und bietet ein breites Spektrum von Lebenshilfe ganz offen unter dem Titel „Scientology“ an. Dabei werden angebliche Lösungen zu den verschiedensten Problemen des menschlichen Lebens angepriesen – mit wenigen Klicks ist für jede Altersgruppe etwas dabei: Arbeit, Geld, Ehe, Stress, Kommunikation, Drogen und mehr. Die SO nennt das „Lebensverbesserungskurse“, und der Scientology- Pressedienst verspricht durch die scheinbar „vermittelten Lösungen (…) ein erfülltes und glückliches Leben.“ Das LfV Hamburg warnt vor diesen neuen Lockangeboten. Die Scientologen verstehen es, mit Menschen, die Lebenshilfe suchen, im Sinne ihrer Ideologie zielstrebig zu kommunizieren. Genau das trainieren sie. Geschickt und freundlich beginnt es im Netz und setzt sich dann in den Scientology-Niederlassungen fort. Dort gibt es dann allerdings kaum noch etwas umsonst. Ganz im Gegenteil: Der Druck auf die einzelnen Scientology-Anhänger, ihrer Organisation immer mehr Geld zu geben, hat enorm zugenommen. Dieses „Ausnehmen“ der Mitglieder wurde in der Vergangenheit auch schon intern kritisiert. Der SO geht es um Macht, Geld und den Einzug in alle gesellschaftlichen Bereiche. Gerade vor wenigen Wochen wurde die Hamburger Niederlassung am Domplatz modernisiert und mit mehr Personal ausgestattet, um Scientology hier vor Ort stärker zu etablieren. Seither verteilt das scientologische Personal in der Innenstadt vermehrt Flyer, in denen zu einem Besuch des renovierten Gebäudes eingeladen wird. Die Werbebotschaften per Flyer und im Netz dienen dem Zweck, mit scientologischen Technologien in die Gesellschaft einzudringen, um sich dort auszubreiten und irgendwann auch wirtschaftlichen und politischen Einfluss im Sinne dieser totalitären Organisation nehmen zu können. Die SO wirbt für ihr neues Angebot unter anderem mit der Binsenweisheit „Nicht immer geht alles glatt im Leben.“ Das LfV Hamburg warnt davor, den Scientologen sein Leben anzuvertrauen; gerade im Hinblick auf die angebotenen Lebenshilfen und die Folgen könnten die Ratsuchenden mit Scientology in ihrem Leben eher weitere Probleme bekommen.

derwesten.de, 15.03.2012, Melanie Bergs
Wie Scientology versucht, sich in NRW-Schulen einzuschleichen
Essen. Sekten-Experten schlagen Alarm: Über eine Tarnorganisation verschickt Scientology derzeit Bücher an Schulen in NRW. Die Sorge ist groß, dass das Werk unbemerkt in den Schul-Bibliotheken landet. Doch das Schulministerium reagiert bisher nicht. Das Buch kommt völlig harmlos daher. In seiner naiven Bildsprache erinnert es ein wenig an die Heftchen, die die Zeugen Jehovas an den Haustüren verteilen. Auf dem Cover schlängelt sich ein Weg durch grüne Wiesen, über allem erstrahlt eine leuchtende Sonne. „Der Weg zum Glücklichsein“ lautet der Titel. Das klingt unverfänglich und verheißungsvoll. Ebenso wie die 21 Regeln, die man auf dem Weg ins Glück befolgen soll, etwa: „Geben Sie Kindern Liebe und Hilfe“, „Morden Sie nicht“, „Schützen und verbessern Sie Ihre Umwelt“. Wer sollte dazu schon Nein sagen?
Beliebigkeit und scheinbaren Harmlosigkeit liegt jedoch die Gefahr dieses Buchs. Als Herausgeber tritt zwar die „Way To Happiness Foundation“ auf, eine Stiftung mit Sitz in den USA, doch nach Informationen der Sekten-Info NRW steckt Scientology dahinter. „Die Scientologen versuchen seit einigen Wochen, mit Hilfe dieser Tarnorganisation Kontakt zu Schulen zu bekommen“, warnt Sabine Riede, Geschäftsführerin der Sekten-Info. Das Buch sei bereits an mehrere weiterführende Schulen in NRW verschickt worden, wie eine Aussteigerin den Sekten-Experten berichtet hat. „Gefahr groß, dass das Scientology-Buch in der Schul-Bibliothek landet“ Die Bücher würden mit einem Begleitschreiben versandt, in dem die Stiftung ihre Ziele darlege, so Riede. Die Schüler sollten wieder verstärkt an moralische Fragen herangeführt werden, erklärten die Absender darin. Auf der Homepage der „Way To Happiness Foundation“ können Pädagogen sogar Material herunterladen, um das Buch im Unterricht zu behandeln. Erfahrungsberichte von Lehrern und Bildungspolitikern aus den USA, Israel und Nigeria gaukeln die Erfolge der Schul-Lektüre vor. „Auch auf der Internetseite der Stiftung ist die Verbindung zu Scientology für Laien kaum zu erkennen“, sagt Riede. Nur der Name des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard taucht als Autor des Werks mehrfach auf. „Aber auch damit können nicht unbedingt alle Pädagogen auf Anhieb etwas anfangen“, befürchtet die Sekten-Expertin. Anfang Februar hat Sekten-Info NRW das Schulministerium deshalb dazu aufgefordert, die Schulen über die neue Tarn-Strategie der Scientologen zu informieren. Auch Marc Ratajczak, der Sektenbeauftragte der CDU-Landtagsfraktion, hat sich dem Appell angeschlossen. „Der Bezug zu Scientology ist für viele Lehrer nicht ersichtlich“, meint Ratajczak. „Daher ist die Gefahr groß, dass das Buch unbemerkt in der Schulbibliothek landet.“ Verband will Warn-Mail an die Schulen schicken Beim Schulministerium reagiert man dagegen gelassen. „Ein solches Buch gehört nicht in die Schule“, erklärt Ministeriums-Sprecher Jörg Harm gegenüber DerWesten. Bisher gebe es jedoch noch keine Hinweise von Schulen, die das Buch erhalten hätten. „Wir verschicken keine allgemeine Warn-Mail an die Schulen, um die Sache nicht unnötig aufzuwerten“, sagt Harm. Beim Ministerium gehe man vielmehr davon aus, dass die Lehrer ausreichend für das Thema Scientology sensibilisiert seien. Für Ratajczak ist das eine „völlig unverständliche Reaktion“. Das Schulministerium mache es sich sehr einfach, klagt der CDU-Politiker. Auch Andreas Merkendorf vom Philologenverband NRW ist verwundert: „Es wäre für das Ministerium kein großer Aufwand gewesen, die Schulen einfach zu informieren.“ Der Verband möchte nun seine Mitglieder selbst mit einer Rundmail vor „Der Weg zum Glücklichsein“ warnen. Kontakt zu Scientologen unbedingt vermeiden Dass Lehrer ihre Kompetenz im Umgang mit Scientology gelegentlich überschätzen, erlebt Sekten-Expertin Riede immer wieder: „Manche Pädagogen laden Scientologen in den Unterricht ein, um diese vermeintlich zu entzaubern oder schicken Schüler zur Referats-Recherche bei der Organisation vorbei.“ Doch persönlicher Kontakt sei ein großes Risiko und sollte unbedingt vermieden werden. „Scientologen treten stets freundlich auf und sind oftmals geschickt darin, ihr Gegenüber zu manipulieren“, sagt Riede. Gerade Schüler in Lebenskrisen seien dadurch leicht verführbar. Auch Merkendorf mahnt die Pädagogen zur Vorsicht: „Unsere Leute sind solchen Konfrontationen nicht unbedingt gewachsen.“ Besonders in der Pubertät seien Jugendliche sehr beeinflussbar.
Dabei ist die Way-to-Happiness-Strategie längst nicht der erste Versuch der Organisation, gezielt an Jugendliche heranzukommen. Der Verfassungsschutz NRW beobachtet seit einiger Zeit, dass Scientologen dabei verstärkt über das Internet operieren. „Scientology und ihre Tarnorganisationen nutzen Social Netwoks wie Facebook, Channels wie Youtube oder Twitter, Foren, Blogs und die Enzyklopädie Wikipedia“, stellen die Verfassungsschützer im Jahresbericht 2010 fest. „Geschickte Verquickungen sind erfolgreich darauf ausgerichtet, vor allem Jugendlich zu manipulieren, anzusprechen und in den Bann der Organisation zu ziehen.“ „Jugendliche geraten in völlige Abhängigkeit von Scientology“ So versuchte die Organisation 2010 etwa, junge Leute mit einer Informationsseite über Menschenrechte oder einer Anti-Drogen-Kampagne im Netz zu ködern. Auch Nachhilfe-Kurse waren in den vergangenen Jahren ein Mittel der Scientologen, um sich den Weg in die Kinderzimmer zu bahnen. Eine der Hauptgefahren für Jugendliche sei, dass sie den Verheißungen der Scientologen Glauben schenkten, sagt Riede. „Sie raten den jungen Leuten von einem Studium oder einer Ausbildung ab und versprechen ihnen eine glanzvolle Zukunft innerhalb der Organisation. Dabei geraten die Betroffenen in komplette finanzielle Abhängigkeit von Scientology und vernachlässigen ihre Ausbildung.“ Auch das von Scientologen praktizierte „Auditing“ ist laut Riede hochgefährlich. Mit dieser Psycho-Methode sollen die Anhänger zu „perfekten Menschen“ heranreifen. „Doch damit werden gerade bei psychisch vorbelasteten Menschen Probleme wie Depressionen oder Traumata noch verstärkt“, sagt Riede. Im schlimmsten Fall drohe der völlige psychische Zusammenbruch. „Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Schulen informiert werden. Jeder Schüler, der durch diese Aktion in die Fänge von Scientology gerät, ist einer zuviel.

heute.at, 29.02.2012, Jörg Michner
Scientology-Sekte geht heimlich auf Kinderfang 
Eine der vielen Scientology-Werbungen (© privat) "Papa, was ist Scientology?", wollte Michael (6) von seinem Vater David (46) wissen. Gesehen hat der Bub das Wort auf dem iPad – als Werbeleiste bei einem Spiel für Kinder! "Ich bin schockiert, dass eine gefährliche Sekte direkt auf Kinder abzielen kann", erzählt Heute-Leser David besorgt: "Scientology verspricht das Paradies – wenn man ihnen all sein Geld gibt. Ehemalige Mitglieder berichten immer wieder von Gehirnwäsche." Aufgetaucht sind mehrere Werbungen der Sekte in der App "Nursery TV", erhältlich für Apples iPhone und iPad.

Tages-Anzeiger vom 2502.2012, Stamm Hugo
Scientologen: Psychiater sind für Suizide verantwortlich
Sektenanhänger verschicken Propaganda-DVD mit dem Titel «Psychiatrie - Die Todesfalle» an Schulen und Kindergärten.
Zürich - Zahlreiche Kindergärten, Schulen, Behörden und Politiker im Kanton Zürich haben in letzter Zeit alarmierende Post von der Bürgerkommission für Menschenrechte CCHR bekommen. Das Couvert enthielt eine DVD mit martialischem Titel: «Psychiatrie - Die Todesfalle». Etliche Empfänger waren ratlos. Von einer Bürgerkommission hatten sie noch nie gehört. Der 90-minütige Film gab auch keinen Aufschluss. Einen Hinweis auf den Urheber fand erst, wer die beigelegte Broschüre genau studierte. Auf einer der letzten Seiten steht: «Die CCHR wurde 1969 von Mitgliedern der Scientology-Kirche und Dr. Thomas Szasz gegründet.» Die DVD ist ein flammendes Pamphlet gegen Seelenärzte und Pharmaindustrie. Im Film mit dem Untertitel «Wie Psychopharmaka ihr Kind töten können» schwingt permanent die Botschaft mit, dass alle Kinder, denen Antidepressiva und vor allem Ritalin gegen das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS verschrieben werden, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt werden. Laut CCHR betrifft dies 20 Millionen junge Menschen. Bild einer skrupellosen Industrie Eltern, die keine Erfahrung mit psychischen Krankheiten besitzen, erhalten tatsächlich den Eindruck, Psychiater betrieben einen vorsätzlichen Massenmord. Mit stereotypen Klischees wird das Bild einer skrupellosen Gesundheitsindustrie gezeichnet. Hauptfigur des Films ist Matthew Steubing. Der junge Amerikaner nahm sich mit 18 Jahren das Leben. Er litt unter einer schweren Depression, weshalb ihm sein Arzt Psychopharmaka verschrieb. Nach dem Tod von Matthew begann seine Mutter zu recherchieren und gelangte zur Überzeugung, dass die Medikamente zu hundert Prozent verantwortlich für den Suizid ihres Sohnes waren. Sie interviewte Leidensgenossinnen und Pharmakritiker und machte daraus den Film. Die DVD ist nach dem üblichen Strickmuster von Scientology gefertigt. So enthält der Film keine wissenschaftlichen Erklärungen oder Gegenstimmen. Er zieht auch nicht in Betracht, dass die psychischen Krankheiten Ursache für die Suizide sein könnten. Hass auf die Fachärzte «Es ist ein übler Propagandafilm», sagte eine Zürcher Lehrerin gegenüber dem TA. «Eltern, die nicht realisieren, dass Scientologen dahinterstecken, können verunsichert werden und die Medikamente bei ihren Kindern absetzen. Das kann die Suizidgefahr erhöhen.» Es ist kein Zufall, dass die Scientologen vor allem Schulen und Lehrer bei ihren Kampagnen ins Visier nehmen. Tatsächlich wird unaufmerksamen Schülern immer häufiger Ritalin verschrieben. Für CCHR ist das ein Verbrechen an den Kindern. Die Organisation behauptet denn auch, es handle sich um die Vermarktung erfundener Krankheiten. Am Schluss des Films werden die Betrachter aufgefordert: «Besorgen Sie sich Fakten. Retten Sie ein Kind.»Geistiger Vater der Bürgerkommission ist Ron Hubbard. Der Gründer von Scientology schrieb: «Das grösste Verbrechen unserer Zeit ist der Gebrauch von Psychologie und Psychiatrie.» Politiker würden Psychiater unterstützen. Dazu Hubbard: «Mörder scharen sich gern um Mörder.» Ausserdem beschimpfte der Sektenführer die Fachärzte als «verrückte und tötende Psychiater». Der Hass auf Psychologen und Psychiater geht darauf zurück, dass diese Hubbards Pseudotherapien scharf kritisierten. So schrieb beispielsweise der bekannte Psychoanalytiker Erich Fromm schon 1950, Hubbard leiste sich übermässige Vereinfachungen, Halbwahrheiten und platte Absurditäten, der Scientology- Gründer betrachte den Menschen als eine Maschine. Um sich zu rächen, bekämpfen Scientologen seit über 40 Jahren die Psychiatrie. Ableger auch in Zürich CCHR hat 350 Büros in 31 Ländern In der Bürgerkommission für Menschenrechte CCHR engagieren sich hauptsächlich Scientologen, die den Kampf gegen die Psychiatrie im Namen ihres Sektengründers Ron Hubbard führen. Ein Ableger ist auch in Zürich aktiv, er organisiert regelmässig Informationsstände beim Pestalozzi-Denkmal, das nächste Mal am kommenden 3. März. CCHR hat in Zürich vor ein paar Jahren eine Demonstration organisiert, bei der Scientologen Transparente mit den Slogans «Psychiater zerstören Leben», und «Psychiater fresst eure Pillen selber» in die Höhe hielten. Gemäss Felix Affolter, dem Präsidenten von CCHR Schweiz, umfasst, die Kommission mehr als 350 Büros in 31 Ländern, welche die Psychiatrie überwachen würden. Wie viele DVDs die CCHR verschickt hat, kann er nicht sagen. Der Film zeige, «wie verheerend - und sogar tödlich - sich die Verabreichung von Psychopharmaka auf Kinder und Familien auswirken kann».

kipa-apic.ch, 25.02.2012
Scientology verschickt Filmpamphlet gegen Psychopharmaka 
Zürich, 25.2.12 (Kipa) Anhänger der Psychosekte verschicken im Kanton Zürich eine Propaganda-DVD mit dem Titel «Psychiatrie – Die Todesfalle» an Schulen und Kindergärten. Sektenexperte Hugo Stamm warnt in einem Artikel im Tages-Anzeiger (Samstag) davor. Zahlreiche Kindergärten, Schulen, Behörden und Politiker im Kanton Zürich haben laut der Zeitung in letzter Zeit alarmierende Post von der Bürgerkommission für Menschenrechte CCHR bekommen. Das Couvert enthielt eine DVD mit Titel: «Psychiatrie – Die Todesfalle». Laut Stamm ist dies Propagandamaterial der Scientology – wie eine beigelegte Broschüre verrate. Die DVD enthalte ein flammendes Pamphlet gegen Seelenärzte und Pharmaindustrie. Im Film mit dem Untertitel „Wie Psychopharmaka ihr Kind töten können“ schwinge die Botschaft mit, dass Kinder, denen Antidepressiva oder Ritalin gegen das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS verschrieben werden, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt seien. Suizidgefahr - weshalb? Der Film beschreibt das Leben eines depressiven 18-jährigen Amerikaners, der Psychopharmaka verschrieben erhielt und sich das Leben nahm; worauf dessen Mutter die Psychopharmaka für den Suizid verantwortlich machte. Stamm kritisiert, dass der Film - nach dem üblichen Strickmuster der Scientology - keine wissenschaftlichen Erklärungen oder Gegenstimmen enthalte. Er ziehe nicht in Betracht, dass psychische Krankheiten Ursachen für Suizide sein könnten. Laut einer im Zeitungsartikel zitierten Lehrerin kann die DVD aber die Suizidgefahr erhöhen. Dann nämlich, wenn Eltern durch deren Botschaft verunsichert werden und die Medikamente bei ihren Kindern absetzen.

hamburg.de, 24.02.2012
Scientology geht im Internet auf Mitgliederfang 
Innenbehörde warnt vor Online-Aktivitäten der vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation Seit einiger Zeit bietet Scientology im Internet spezielle Kurse zur Lebenshilfe an. Die Behörde für Inneres und Sport warnt vor diesen Offerten. Scientology gehe es darum, unter einem Vorwand Menschen für die Organisation zu interessieren, betont Hamburgs Scientology-Expertin Ursula Caberta. Die Ziele, die die vom Verfassungsschutz beobachtete Organisation verfolge, seien immer gleich und gelten auch für dieses „kostenlose“ Angebot von Scientology: Die Internet-Werbung soll Caberta zufolge neugierig machen und dient dazu, persönliche Daten zu erfassen, um weitere Kontakte zu ermöglichen und Menschen für die Organisation zu rekrutieren. Ursula Caberta: „Es ist die klassische Anwerbemethode, von der Straße ins Internet verlagert. Mit Hilfe scheinbar harmloser Einstiegsangebote wie kostenlosen Stress- und Persönlichkeitstests versucht Scientology schon seit jeher, Menschen in die Abhängigkeit zu treiben und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Viele Betroffene weltweit, die Scientology auf den Leim gegangen sind, haben auf diese Weise schon ihre Persönlichkeit, ihre Familie und ihr Erspartes verloren. Also Finger weg – auch von den Angeboten im Internet.“

Neue Westfälische, 22.02.2012, Matthias Bungeroth
BIELEFELD/ NRW Scientology greift nach den Schulen - Buch soll in Bibliotheken eingeschleust werden
"Der Weg zum Glücklichsein" soll in Schulbibliotheken eingeschleust werden. | SYMBOLFOTO: DPA Bielefeld. Die Scientology-Sekte versucht, an den Schulen Nordrhein-Westfalens Fuß zu fassen. Davor warnt die Beratungsstelle Sekten-Info NRW. Scientology wolle seine Broschüre "Der Weg zum Glücklichsein" in alle Schulbibliotheken einschleusen, heißt es. "Sehr gefährlich" nennt Sabine Riede, Geschäftsführerin des Büros, die Aktivitäten. Das Buch gehöre dort nicht hin. Auch der Verfassungsschutz NRW warnt vor wachsendem Einfluss der Scientology-Organisation (SO) im größten Bundesland. Nicht nur über die Broschüre versuche Scientology seinen Einfluss zu festigen und neue Mitglieder anzuwerben. "Ein aktueller Angriff auf Kinder und Jugendliche erfolgt jüngst über die (Tarn-)Organisation ,Applied Scholastics‘ (Nachhilfe) und ,ZIEL‘ (Zentrum für individuelles und effektives Lernen)", sagt Birgit Axler vom Innenministerium des Landes NRW. Vor SO-Aktivitäten in der Nachhilfe warnt auch Marc Ratajczak, Sektenbeauftragter der CDU-Landtagsfraktion.
Die oben zitierte OS-Broschüre soll laut Sabine Riede an allen Schulen des Landes verteilt werden mit dem Ziel, dass sie dort in den Bibliotheken platziert wird. "Der Name Scientology taucht dort nicht auf." Inhalt des Buches seien moralische Themen und Ziele, denen man sich zunächst durchaus anschließen könne. Doch falls Schüler nähere Informationen zu dem Buch haben wollten, "bleibt die Gefahr, dass sie übers Internet mit Scientology in Berührung kommen". Riede sagt, sie habe die zuständigen Fachaufsichten über die aktuellen Vorgänge bereits informiert. 
Gerichtsurteil gegen Scientology
"Literatur von verfassungsfeindlichen Organisationen hat in der Schule nichts zu suchen", so Riede. Im NRW-Verfassungsschutzbericht werden Scientology "Strukturen mit totalitärem Anspruch und menschenverachtenden Tendenzen" zugeschrieben. Im bevölkerungsreichsten Bundesland sei die OS-Mitgliederzahl "in den letzten Jahren stark angestiegen – auf derzeit circa 600". Bundesweit habe SO 5.000 bis 6.000 Mitglieder. Das Oberverwaltungsgericht Münster urteilte 2008, dass sich die Lehre von SO "gegen die Menschenwürde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz" richte. Die SO-Broschüre ist laut Auskunft von Riede bereits an Schulen in NRW im Umlauf. "Dass Bücher schon rausgegangen sind, ist eindeutig." Sie habe hierüber zuverlässige Berichte einer SO-Aussteigerin. Norbert Blüm (CDU), ehemaliger Bundesarbeitsminister, plädierte dafür, die SO- Aktivitäten ernst zu nehmen. "Wir haben es mit einer mächtigen, einflussreichen Organisation zu tun", so Blüm auf Anfrage. "Das ist ein Geldgeschäft." Als Minister habe er sich viel mit Scientology auseinandergesetzt. NRW sei für Scientology ein "strategischer Brückenkopf bei der Eroberung des Ostens". Die dortigen Länder seien durch den Sozialismus ausgetrocknet. "Dort gibt es große Sehnsüchte", so Blüm. Er setzt bei der Auseinandersetzung mit Scientology aber nicht auf Verbote, sondern auf die geistige Auseinandersetzung. "Ich glaube, dass wir nicht machtlos sind."

Tages-Anzeiger, 11.02.2012, Hugo Stamm
100 Scientologen in Verlies gesteckt? 
Scientology-Kaderfrau Debbie Cook beschuldigt Sektenboss David Miscavige vor Gericht schwer.
Debbie Cook, 17 Jahre lang eine führende Scientologin, schilderte am Donnerstag vor Gericht in San Antonio, Texas, ruhig und in knappen Sätzen, dass Scientology-Boss Miscavige sie «in ein Loch» stecken liess. Als sie von der Demütigung sprach, erstickten Tränen ihre Worte. Nach diesem Erlebnis hatte Debbie Cook den ScientologyDienst quittiert. Sie war mausarm, weil sie nie einen Lohn bekommen hatte. Miscavige zahlte ihr 50 000 Dollar Abfindung. Im Gegenzug musste sie unterschreiben, keine Sektengeheimnisse der Öffentlichkeit preiszugeben (TA vom 5. Jan. und 9. Feb.). Wütender Sektenboss Anfang Januar schrieb Cook eine Mail an Tausende Scientologen und kritisierte die harte Spendenstrategie des Sektenbosses. In ihrer Dienstzeit seien 1,7 Milliarden Dollar von Sektenmitgliedern eingetrieben worden. Miscavige sah darin eine Verletzung der Vereinbarung und klagte. Cook zeichnete nun vor Gericht kein schmeichelhaftes Bild vom Sektenboss. Miscavige, der den Sektenkonzern von Gründer Ron Hubbard übernommen hatte, habe sie 2007 am Telefon wegen ihrer mangelhaften Leistung wutentbrannt kritisiert. Deshalb öffnete sie nicht, als es an der Tür klopfte. Kurz darauf seien zwei Männer durchs Fenster in ihr Büro gestiegen. «Sind sie da?», habe Miscavige am Telefon gefragt. Er habe die Aktion offensichtlich selbst angeordnet. Die Scientologen steckten Cook laut ihrer Aussage in eine Art Verlies. Dort sei sie auf über 100 weitere hochrangige Mitarbeiter getroffen, die ebenfalls eine Strafe absitzen mussten. Noch heute werde sie von diesem Albtraum verfolgt. Die Stimmung unter den Insassen sei aggressiv, oft gewalttätig gewesen, zu essen habe es nur aufgewärmte Reste gegeben, sagte Cook weiter. In «diesem Loch» sei es bis 38 Grad warm geworden, die Eingesperrten hätten auf einem Boden voller Ameisen schlafen müssen. Sieben Wochen im «Loch» Sieben Wochen dauerte laut Cook die martialische Strafaktion, während zwei Wochen habe Miscavige sogar den Strom abgestellt. Sie sei auch danach im Scientology-Zentrum in Clearwater gefangen gehalten worden. Deshalb habe sie den Knebelvertrag unterzeichnet. Sie hätte in dieser Situation alles unterschrieben, sagte sie vor Gericht, sogar, dass sie Babys erstochen habe. Die Frage, ob Miscavige sie geschlagen habe, verneinte Cook. Er habe sie aber gepackt und heftig geschüttelt. Andere ehemalige Scientologen berichteten hingegen früher schon von Prügelstrafen. Der ehemalige Chef des scientologischen Geheimdienstes, Mike Rinder, sagte, er sei mehrere Dutzend Male von Miscavige geschlagen worden. Manchmal habe er blutige Verletzungen davongetragen. Amy Scobee, langjährige Chefin des Celebrity Centers, das Hollywoodstars wie Tom Cruise und John Travolta betreut, bestätigte die Prügelpraxis von Miscavige. Der Scientology-Anwalt sagte, die Schilderungen von Cook seien irrelevant, es gehe nur um einen einfachen Vertrag. Cooks Anwalt entgegnete, dieser sei unter Druck erzwungen worden und nicht durchsetzbar. Scientology-Sprecherin Karin Pouw erklärte, Cook wolle mit falschen Behauptungen und wilden Geschichten das Gericht ablenken.

Tages-Anzeiger, 08.02.2012, Hugo Stamm
ScientologyBoss-David-Miscavige- schlaegt-zurueck
Ein ehemaliges Mitglied des geheimen Machtzentrums von Scientology kritisierte die Sekte. Nun antwortet diese mit einer brisanten Klage. Abfällige Bemerkungen verboten: David Miscavige während einer Scientology- Zeremonie in London. Bild: Reuters Der Streit zwischen der einst ranghohen Scientology-Mitarbeiterin Debbie Cook und Sektenboss David Miscavige (TA vom 5. Januar) geht in die nächste Runde und spitzt sich zu: Die Sekte klagte Cook kürzlich ein, weil sie in einer Mail an Tausende von Scientologen Miscavige hart kritisiert hatte. Die ehemalige Scientologin, die 17 Jahre lang im Hauptquartier in Clearwater (Florida) gearbeitet hatte, kritisierte die komplexe Kommandostruktur und die knallharte Strategie zum Eintreiben von Spenden. In ihrer Dienstzeit seien 1,7 Milliarden Dollar von Sektenmitgliedern eingetrieben worden. Ausserdem habe Miscavige die Gelder nicht im Sinn von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard verwendet. Scientology scheint geahnt zu haben, dass die 50-jährige Cook, einst im Rang eines «Captains» tätig, für die Sekte zur lebenden Zeitbombe werden könnte. Als sie und ihr Ehemann Wayne Baumgarten die Arbeit bei Scientology mausarm quittierten, wurden sie mit einer Art Schweigegeld von je 50'000 Dollar gefüttert. Im Gegenzug mussten sie unterschreiben, keine Sektengeheimnisse preiszugeben, wie die Zeitung «Tampa Bay Times» schreibt. Die Vereinbarung sieht Strafen von mindestens 100'000 Dollar für jede abfällige Bemerkung über Scientology in den Medien vor. 300'000 Dollar gefordert Die erste Anhörung findet bereits heute statt. Scientology verlangt einen Schadenersatz von mindestens 300'000 Dollar. Die Klage könnte für Scientology aber zum Bumerang werden: Sollte Debbie Cook vor Gericht Interna auspacken und ein Sittenbild von der Führungsriege zeichnen, wäre der Imageschaden für die Sekte wohl weit grösser. Der Knebelvertrag von Scientology macht die repressiven und teilweise undemokratischen Methoden deutlich, mit denen die Sekte arbeitet. So mussten Cook und Baumgarten unterschreiben, «bis in alle Ewigkeit» keine Informationen über Scientology, seine aktiven oder ehemaligen Mitarbeiter offenzulegen oder abfällige Bemerkungen über Scientology zu machen. Weiter verbietet ihnen die Vereinbarung, Berichte zu veröffentlichen oder den Medien zu helfen, solche zu erstellen. Kein Geld für einen Anwalt In einer Erklärung hielt Scientology-Sprecherin Karin Pouw fest, Cook und Baumgarten hätten eine rechtlich verbindliche Vereinbarung verletzt und Scientology einen grossen Schaden zugefügt. Laut Klage haben 24 Millionen Menschen via Medienberichten von Cooks rufschädigender Mail erfahren. Es gehe um den Schutz ihrer Rechte, so Pouw weiter. Cook wird sich mit dem Argument verteidigen, sie habe ihre Mail nur intern verschickt. Darin heisst es, sie wolle nicht, dass die Öffentlichkeit Kenntnis davon erhalte. Cook erklärte, sie habe kein Geld, um sich mithilfe eines Anwalts zu verteidigen. Tatsächlich arbeiten selbst Führungskräfte meist ohne eigentliche Entlöhnung für Scientology. Marty Rathbun, ein einst hochrangiger Scientologe, hat ein Spendenkonto für solche Fälle eingerichtet und engagiert für Cook nun einen Rechtsvertreter. Der jahrelange Kampf zwischen der Sekte und ihren Aussteigern geht somit weiter.

religion.orf.at, 02.02.2012
Scientology Urteil Frankreich - „Bandenmäßiger Betrug“: Geldstrafe für Scientology Frankreich 
Die wichtigsten Gruppierungen der Scientology-Organisation in Frankreich sind zu einer hohen Geldstrafe wegen „bandenmäßigen Betrugs“ verurteilt worden. Ein Berufungsgericht bestätigte am Donnerstag in Paris ein früheres Urteil, wonach zwei Einrichtungen von Scientology eine Strafe von insgesamt 600.000 Euro zahlen müssen. Fünf Scientologen wurden außerdem zu Geldstrafen oder Bewährungstrafen verurteilt. Den beiden Einrichtungen, dem in Paris ansässigen Celebrity-Zentrum und seiner Buchhandlung, war vorgeworfen worden, Anhänger in den 90er Jahren psychisch unter Druck gesetzt zu haben, um sich an ihnen zu bereichern. Der erste Prozess war durch die Strafanzeige einer Frau ins Rollen gekommen, die rund 20.000 Euro für Bücher, Medikamente und "Kommunikationskurse" der Organisation gezahlt hatte. In Frankreich als Sekte eingestuft Die 1954 gegründete Scientology-Bewegung gilt in den USA als Religion, in Frankreich wird sie hingegen als Sekte eingestuft. In Österreich ist Scientology weder eine anerkannte Religionsgemeinschaft noch eine eingetragene Bekenntnisgemeinschaft. Bekannteste Vertreter sind die Hollywoodstars Tom Cruise und John Travolta. Die Organisation will weltweit rund zehn Millionen Mitglieder haben, davon 45.000 in Frankreich. Im ersten Verfahren hatte die Anklage auch die Auflösung der Scientology-Organisationen in Frankreich verlangt. Das war aber unmöglich, weil im Mai 2009, einige Monate vor der Urteilsverkündung, eine Gesetzesänderung verabschiedet worden war, die Sekten vor Auflösung schützt. (AFP)

Die Welt, 23.1.2012
Bombastischer Scientology-Palast mit "Zeitmaschine"
Scientology baut in Florida ein gigantisches Schulungszentrum - inklusive "Schmerzstation". Die Kritiker der Sekte lassen sich davon nicht beeindrucken. Möglicherweise möchten die Scientologen den Vergleich anders verstanden haben: Im Mittelalter, argumentieren die Verantwortlichen der Sekte, habe ja auch die katholische Kirche gewaltige Kathedralen errichtet, um für sich zu werben, und diesem Vorbild folge man mit dem riesigen Bauwerk, das gerade in Clearwater in Florida entsteht. Scientology-Sekte in Clearwater im US-Bundesstaat Florida die bombastische Lobby Ein gigantischer Glaubens- und Schulungskomplex für über 100 Millionen Dollar soll am geistigen Zentrum der in den USA als steuerbefreite Religionsgemeinschaft anerkannten Organisation noch in diesem Jahr eröffnet werden. Das Mittelalter im Sonnenstaat. Oder Science-Fiction an Floridas Golfküste. Zuerst Mittelalter: Das siebenstöckige Bauwerk mit kirchenähnlichem Turm, das unter Bezug auf den seebegeisterten Glaubensstifter L. Ron Hubbard und in offenkundigem Wettbewerb mit muslimischer Glaubensstrenge "Flagge Mekka" genannt wird, beherbergt im fünften Stock einen mysteriösen Raum.Laut Plänen, die im Scientology-kritischen Blog "Villagevoice" veröffentlicht wurden, warten darin schwenkbare Platten in Form großer Tische, die mit "heiß-kalt-elektrisch", mit "heiß" und mit "kalt" ausgezeichnet sind. Ein Tisch, gespickt mit Nägeln, wird als "Schmerzstation" bezeichnet. Sollen in diesem Raum jene 57 übermenschlichen Fähigkeiten antrainiert werden, ohne die kein Scientologe auf die höchste Bewusstseinsstufe eines "Thetan" gelangt? Das wäre die harmlosere Spekulation. Bombastik eines Dubaier Luxushotels Und dann Science-Fiction: Das Bauwerk beherbergt nicht nur modernste Multimediaräume, in die Wände eingelassene Flachbildschirme samt Überwachungskameras und ein so schickes wie ungemütliches Café, sondern auch eine ominöse Zeitmaschine. Was das sein soll, wird wohlweislich nicht erklärt. Um mit ihr reisen zu können, muss man mutmaßlich ein "Thetan" sein. Als "Super Power Rundown", sinngemäß übersetzt als eine Art Ablaufplan zur Erlangung übermenschlicher Fähigkeiten, sollen die Kursangebote zur Stählung von Geist und Körper dienen, die der 1986 verstorbene Hubbard für dieses schon von ihm erträumte Gebäude vorsah. Das hohe Atrium mit kühn geschwungenen Freitreppen, kunstvollen Skulpturen und der Bombastik eines Dubaier Luxushotels dürfte empfängliche Geister durchaus überzeugen, dass hinter diesen Mauern Vervollkommnung zu erreichen sei. Gleichwohl dürfte es schwer für die Organisation werden, die Plätze für die 1600 Studenten, die dort laut einer Scientology-Broschüre Jahr für Jahr zu höherem Bewusstsein gelangen sollen, zu rekrutieren. Denn gar so mächtig, wie die Sekte von sich selbst und dem einen oder anderen hauptberuflichen Scientology-Beauftragten gern erklärt wird, ist sie keineswegs. Sekte rechnet sich auf zehn Millionen Jünger hoch Scientology rechnet sich durch die Addition einmaliger Teilnehmer einzelner "Auditing-Kurse", den Meilensteinen auf dem Weg zum Thetan, auf zehn Millionen Jünger hoch. Nach seriösen Schätzungen kommt die Gemeinde aber weltweit kaum über 100.000 Mitglieder hinaus. Die meisten leben in den USA, wo ihnen die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit eine weitgehend ungestörte Entfaltung ermöglicht. Indes gibt es immer wieder Kritiker aus den eigenen Reihen. Unlängst behauptete der 2006 mit zwei Oscars für den Film "Crash"ausgezeichnete Regisseur Paul Haggis, ein Ex-Scientologe, die Sekte lasse ihn überwachen. Privatdetektive durchwühlten seine Mülltonnen auf der Suche nach schriftlichen Notizen. Haggis hatte im Oktober 2009 nach langer Mitgliedschaft mit Scientology gebrochen und gesagt: "Ich war 34 Jahre lang in einer Sekte. Jeder konnte das sehen. Ich begreife nicht, warum ich es nicht konnte." Neuerdings wird die Spitze der Sekte sogar von treuen Gefolgsleuten kritisiert. Debra "Debbie" Cook, die nach eigenen Angaben 29 Jahre lang in SeaOrg, einer Art Führungsorden innerhalb Scientology diente, 17 Jahre davon im Rang eines "Kapitäns", schrieb am Neujahrstag eine in der Geschichte der Organisation beispiellose E- Mail an Tausende Mitglieder. Streit um Scientologen-Chef David Miscavige Darin warnte sie eindringlich vor dem Scientologen-Chef David Miscavige. Dieser habe sich zum "Führer" der Sekte gemacht, alle Kontrollorgane aufgelöst und deren Mitglieder entmachtet. Hubbard, von Cook durchgängig als "LRH" abgekürzt, habe hingegen "eine vollständige und brillante Organisationsstruktur, nicht ein einzelnes Individuum" gewollt. Der Scientology-Chef lasse seine Mitglieder ständig Spenden sammeln, setze das Geld aber nicht für die Missionsarbeit oder Anzeigenkampagnen ein, sondern gebe es für Prunkbauten aus oder lasse es auf der Bank liegen und organisiere die Sekte ausschließlich über die Zinserträge. Scientology verfüge über ein Guthaben von einer Milliarde Dollar, so Cook. Sie versichert, weiterhin eine gläubige Scientologin im Sinne Hubbards zu sein. Das Imperium schlug zurück: Cook sei "eine verärgerte Überläuferin", die bereits 2007 bei Scientology "aus Gesundheitsgründen" ausgeschieden sei, so Pressesprecherin Karin Pouw. Diese "kleinliche, ignorante und unaufgeklärte Sicht" werde "nicht geteilt von den Tausenden überglücklichen Scientologen". Und weiter: "Die Kirche betrachtet Personen wie Mrs. Cook als Eichhörnchen. Ein Eichhörnchen ist jemand, der die Schriftverfälscht: ein Ketzer."

Tagesspigel, 18.01.2012
Wie gefährlich ist Scientology?
Der Psychokonzern wollte „den Planeten säubern“, eine neue Gesellschaft gründen und „geistig gestörte“ Menschen befreien. Doch jetzt zeigt sich: Die Sekte ist trotz neuer Werbeoffensiven dem eigenen Untergang nahe.
Kameras überwachen den Eingang in der Berliner Otto-Suhr-Allee 30–34. Aber an diesem Freitagmittag im Januar gibt es nichts zu beobachten. Die Berliner hasten vorbei, keiner hört hin, was die Stimme aus dem Monitor verkündet: „Scientology: Verstehen Sie sich selbst, verstehen Sie das Leben.“ Drinnen ist es leer, ein Mann von vielleicht 20 Jahren verschwindet fast hinter dem Empfangstresen. Vor fünf Jahren war das anders. Passanten drückten sich an den Scheiben die Nase platt, Journalisten warteten auf Gesprächstermine, Scientologen aus ganz Europa drängten sich in den Hallen.
Am 13. Januar 2007 bezog Scientology das sechsstöckige Haus mit 4.000 Quadratmetern, mitten in Berlin, um die Ecke von Ministerien und Politikern. In einem internen Papier hieß es 2006: „Berlin als die Hauptstadt Deutschlands ist die lebenswichtige Adresse bezüglich Scientology. Um unsere planetarischen Rettungskampagnen in Anwendung zu bringen, müssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen.“ Die Berliner Repräsentanz solle „die nötigen Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament bauen, um unsere Lösungen tatsächlich eingearbeitet zu bekommen in die gesamte deutsche Gesellschaft“. Von diesen Plänen wusste in der Öffentlichkeit damals niemand, unbemerkt hatte Scientology das Haus gemietet und eingerichtet, der damalige Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) musste zugeben, dass er aus der Zeitung davon erfahren hatte. Nach der Jahrtausendwende war es ruhiger geworden um die Sekte, mit einem Mal stand sie wieder auf der Tagesordnung. Zeitungen und Fernsehsender berichteten, Eltern sorgten sich um ihre Kinder, Schulen klagten über massive Zusendung von Werbematerial, Anwohner beschwerten sich, dass sie in der Otto-Suhr-Allee nicht mehr unbelästigt auf den Bus warten können. Scientologen tauchten im Abgeordnetenhaus auf und ihre Infostände überall in der Stadt. Was ist geblieben von dem Wirbel? Fünf Jahre danach? Im Erdgeschoss des verglasten Gebäudes in Charlottenburg warten die gestapelten Ausgaben der „Dianetik“, der Bibel des Science-Fiction-Autors Lafayette Ron Hubbard, vergeblich auf Leser. Sofas sind verwaist. Laut Verfassungsschutz hat Scientology in Berlin 130 Mitglieder. 2007 waren es 200. Deutschlandweit sind 1.000 Mitglieder abgesprungen. Heute sollen es noch 4.000 bis 5.000 sein, weltweit 100.000 bis 120.000. Also nicht mehr der Rede wert?
Gehirnwäsche und Psycho-Tricks 
In einer Ecke steht das „E-Meter“: zwei Blechdosen, die mit einem Messgerät verkabelt sind. Das ist das wichtigste Arbeitsinstrument der Scientologen: eine Art Lügendetektor. Er zeichnet angeblich jede emotionale Regung des Angeschlossenen auf und ermöglicht Kontrolle über das Denken und Fühlen eines anderen. Denn Ron Hubbards Mission „Clear Planet“ zielt darauf ab, den Planeten zu „säubern“. Alle „geistig gestörten“ Menschen sollen „befreit“ werden. „Geistig gestört“ sind nach Hubbards Auffassung alle Nicht-Scientologen. Das ist ernst gemeint. Mit der Scientology ist nicht zu spaßen. „Die Organisation wendet einer Gehirnwäsche vergleichbare Psycho-Techniken an“, schrieb der Bayerische Verfassungsschutz 2010. „Personen, die sich diesen Verfahren aussetzen, verändern ihre Persönlichkeit erheblich. Sie werden im Kurssystem der Organisation gefangen und entwickeln ein suchtähnliches Verlangen nach weiteren Kursen mit Kosten bis zu mehreren hunderttausend Euro.“ Am Ende stünden oft der finanzielle Ruin und eine lückenlose Kontrolle durch Scientology. „Scientologen werden darauf programmiert, wie eine Maschine zu funktionieren.“ Man merkt schnell, dass hier nichts unkontrolliert geschieht. Einfach mal umschauen ist nicht. Kaum steht man ein paar Sekunden vor den „Dianetik“-Stapeln, kommt eine grauhaarige Frau und fragt, was man möchte. „Mal umschauen.“ „Was genau wollen Sie sehen?“, fragt sie zurück. „Mal umschauen.“ Sie lässt nicht locker: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Jährt sich nicht demnächst die Eröffnung des Hauses zum fünften Mal?“ Sie sagt, sie wisse es nicht. Auch der junge Mann am Empfang sagt: „keine Ahnung“. Dann wird eine Mitarbeiterin von den oberen Etagen gerufen. Sie erklärt, dass sie dazu nichts sagen kann. Auch ob es eine Feier zum Jubiläum gibt, könne sie nicht sagen. Man möge Sabine Weber anrufen, die Präsidentin von Scientology in Berlin, hier sei die Handynummer. Dann nickt sie in Richtung Tür. Das Gespräch ist beendet. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat festgestellt, dass die Psychosekte nicht nur für den Einzelnen gefährlich ist, der in ihre Fänge gerät, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Es gebe den „begründeten Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen“, urteilten die Richter 2008, die Beobachtung durch den Verfassungsschutz sei gerechtfertigt. Aus den – zum Teil nicht allgemein zugänglichen – scientologischen Schriften sowie den Aktivitäten ihrer Mitglieder ergäben sich „zahlreiche Hinweise, dass Scientology eine Gesellschaftsordnung anstrebe, in der die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt werden sollten“, heißt es in dem Urteil. „Zur Hölle mit dieser Gesellschaft. Wir errichten eine neue“, schrieb Hubbard 1961. Er träumte von einem Zwei-Klassen-System, in dem nur Scientologen Grundrechte hätten. Die anderen dürften nicht mal heiraten oder Kinder bekommen. So steht es in seiner „Dianetik“, dem „Leitfaden für den menschlichen Verstand“, der wie alles, was Hubbard geschrieben hat, bis heute für Scientologen maßgeblich ist. Scientology sei dabei, ihre Prinzipien in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft mehr und mehr zu verbreiten und lege dabei ein „besonderes Augenmerk“ auf Berlin, urteilten die Münsteraner Richter.
"Wir müssen drillen und viel, viel mehr werben" 
Die Aufregung um den Psychokonzern und sein neues Haus in Berlin führte dazu, dass der Berliner Senat im Sommer 2008 eine Leitstelle für Sektenfragen einrichtete. Stefan Barthel ist einer von drei Mitarbeitern. Er sagt am Telefon, dass die Missionierungsversuche 2007 und 2008 durchaus erfolgreich gewesen seien. Auch die Debatte um Tom Cruise habe Scientology geholfen. Der Hollywood-Star ist „Operierender Thetan“ der Stufe 8 und Freund von Scientology-Boss David Miscavige. Im Sommer 2007 mischte er Berlin mit seinem Film „Valkyrie“ auf. Wochenlang diskutierten Politiker und Journalisten, ob ausgerechnet Cruise, dessen „Sekte mit dubiosen Methoden versucht, Menschen gefügig zu machen“ (Klaus-Uwe Benneter, SPD), den Widerstandskämpfer Stauffenberg spielen sollte. Schließlich durfte er sogar im Bendlerblock drehen. Im November bekam er dafür noch den „Bambi für Courage“ aus dem Medienhaus Burda – und eine Laudatio von Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Journalisten schrieben von „Heldengottesdienst“. Kritiker waren sich einig: Besser hätte es Scientology nicht einfädeln können. Im Archiv findet sich auch der Artikel des Journalisten Fredy Gareis. Er hat fünf Monate undercover bei Scientology in Berlin recherchiert und schreibt, dass es im März 2008 eine Feier mit 250 Mitgliedern gab, weil das Berliner Haus angeblich mehr Zulauf hatte als alle anderen europäischen Niederlassungen. Die einzelnen Niederlassungen werden regelmäßig von der Führung in den USA bewertet und erhalten einen bestimmten Status – je nachdem, wie viele Mitglieder sie angeworben und wie viel Geld sie in die USA überwiesen haben. 2009 sollten die Berliner vom amerikanischen Mutterhaus sogar mit dem begehrten „Saint-Hill-Status“ ausgezeichnet werden. Dann hätten sie noch teurere Kurse anbieten und Operierende Thetanen ausbilden können; die wirtschaftliche Basis wäre gesichert gewesen. Der Pokal war graviert, die Einladungen waren verschickt. So haben es ihm Aussteiger erzählt, berichtet Stefan Barthel von der Berliner Sektenleitstelle. Doch die Feier wurde abgesagt. Barthel schließt nicht aus, dass die Organisation einen Imageschaden befürchtete, nachdem die Polizei kurz zuvor gegen ein Mitglied der Berliner Scientologen Ermittlungen aufgenommen hatte. Den Saint-Hill-Status hat die Berliner Zentrale jedenfalls nicht bekommen. Danach ging es offenbar bergab. In einem internen „Schlachtplan“ von Juli 2010 wird der „Zustand“ der Berliner Niederlassung mit „normal“ angegeben. Das ist kurz vor der „Notlage“. Das Haus müsse wieder gefüllt werden, heißt es im „Schlachtplan“, man müsse „drillen“ und „viel viel mehr werben“. Anruf bei Ursula Caberta in Hamburg. Die frühere SPD-Politikern beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Scientology. Von 1992 bis 2010 leitete sie die „Arbeitsgruppe Scientology“ in der Hamburger Innenbehörde. 2010 wurde die Arbeitsgruppe aufgelöst, Caberta ist in der Innenverwaltung die Ansprechpartnerin für Scientology geblieben. „Auch auf der obersten Führungsebene von Scientology in den USA gibt es Auflösungserscheinungen“, sagt sie. Vertraute von Chef David Miscavige sind ausgestiegen, darunter die Nummer zwei und der Geheimdienstchef. Vor zwei Wochen ging Debbie Cook in einer Mail an 12.000 Scientologen Miscavige direkt an. „Ein ungewöhnlicher Vorgang“, sagt Caberta, denn Kritik an der Führung sei tabu. Cook war viele Jahre ganz oben in der paramilitärischen Kaderschmiede „Sea Org“ tätig und „Captain“ im spirituellen Zentrum von Scientology in Clearwater in Florida. Cook kritisiert die rabiaten Methoden beim Spendensammeln und wirft Miscavige vor, Führungskräfte auszuschalten und Hubbards Ideen zu verraten. Cooks Ansichten „reflektieren eine kleine, unwissende und unaufgeklärte Sicht der Welt von Scientology“, hieß es in einer Stellungnahme von Scientology. Cook werde nun vermutlich zur Feindin erklärt, sagt Caberta. „Hoffentlich überlebt sie das.“
Versteckt hinter Tarnorganisationen 
Die Sektenexperten sehen keinen Grund zur Entwarnung. Der Wille, die Welt zu erobern, sei ungebrochen, sagt Stefan Barthel von der Berliner Sektenleitstelle. Nach wie vor finden Schulen und Jugendclubs Werbung von Scientology in der Post, häufig auch von Tarnorganisationen wie „Sag nein zu Drogen, sag ja zum Leben“ oder „Jugend für Menschenrechte“, bei denen nicht auf den ersten Blick klar ist, dass Scientology dahintersteckt. Auch beim Karneval der Kulturen wollte Scientology mitmachen. Wer eine Immobilie kaufen will, kann Scientologen vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf in die Arme laufen. Und auch Bundestagsabgeordnete sind nie sicher vor ihnen. Sie werden regelmäßig von der Sekte angeschrieben und angesprochen – „in letzter Zeit wieder verstärkt“, heißt es aus dem Bundesfamilienministerium. Nach wie vor beobachtet Scientology genau, was politisch vor sich geht – bis hinein in die Berliner Bezirksparlamente. Als die Zwickauer Neonazi-Zelle aufflog, forderte die Organisation wenige Tage später per Mail an Landtags- und Bundestagsabgeordnete, der Verfassungsschutz solle seine „Ressourcen dort einsetzen, wo sie benötigt werden“ und Scientology in Ruhe lassen. Offenbar gab es auch Versuche, die junge Piratenpartei zu unterwandern. Gegen ein Düsseldorfer Parteimitglied läuft mittlerweile ein Parteiausschlussverfahren, weil sich der Mann als Scientologe geoutet hat. In Nordrhein-Westfalen sind die Mitgliederzahlen laut Verfassungsschutz „in den letzten Jahren stark gestiegen auf derzeit 600“. Scientology nutze die neuen Medien intensiv für Werbung und Manipulation und bediene sich Plattformen wie Youtube und Twitter, sowie sozialer Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder SchülerVZ, warnen die Verfassungsschützer. Sabine Riede von der „Sekten-Info NRW“ sagt, dass die Sekte versucht habe, Versicherungen zu unterwandern – bislang wohl ohne Erfolg. Man ist an jenem Freitag im Januar noch nicht wieder von dem Ausflug in die Otto-Suhr-Allee zu Hause, da ist schon eine Mail von Sabine Weber im Postfach. Scientology habe in der Hauptstadt seit Ende 2006 „einen riesigen Sprung nach vorn vollzogen“, schreibt die Präsidentin von Scientology in Berlin. Damals seien 15 Mitglieder hauptamtlich aktiv gewesen, bei der Eröffnung der neuen Zentrale seien mehr als 100 hauptamtlich Aktive dabei gewesen. Mittlerweile seien es um die 90. Die Zahl der einfachen Mitglieder habe sich von 200 auf 600 verdreifacht. Ein Blick ins Archiv fördert zutage: Vor fünf Jahren, Anfang 2007, hatte die Organisation auch schon angegeben, in Berlin 600 Mitglieder zu haben.

Bild, 17.01.2012, Franz Solms-Laubach
Verfassungsfeindliche Sekte - Innenminister fordern schärferen Umgang mit Scientology
Mehrere Innenminister fordern in BILD einen schärferen Umgang mit der Scientology-Sekte. So hält Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die Psychosekte eindeutig für „eine verfassungsfeindliche, menschenverachtende Organisation.“ Deswegen sei es richtig und wichtig, dass die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder die Organisation beobachten, immer wieder auf die Gefahren durch Scientology hinweisen und darüber aufklären. Herrmann weiter: „Ich mache keinen Hehl daraus, dass mir ein Verbot von Scientology am liebsten wäre. Das ist aber Sache des Bundes.“ Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) sagte dazu zu BILD: „Scientology muss weiterhin genau beobachtet werden.“ Zwar gebe es in Baden- Württemberg keinen verstärkten Zuspruch für diese Organisation. Ihr sei es 2011 auch nicht gelungen, die seit Jahren angekündigte Eröffnung eines repräsentativen Zentrums („Ideale Org“) in Stuttgart vorzunehmen. Doch Scientology habe in Baden-Württemberg nach wie vor das dichteste organisatorische Netz und rund 1000 Anhänger. Zudem hätten Mitglieder der Organisation unlängst in Mannheim versucht, sich in Nachhilfeschulen einzuschleichen. Die „Scientology-Organisation“ hat laut „Verfassungsschutzbericht 2010“ rund 5500 Mitglieder bundesweit. Sie ist unter anderem stark in Bayern (1700 Mitglieder) und Baden-Württemberg (1000 Mitglieder) verwurzelt. Die deutschen Verfassungsschutzbehörden stufen Scientology als Wirtschaftskonzern ein, der einerseits nach Gewinnmaximierung strebt und dafür seine Mitglieder ausbeutet, und der andererseits ein weltweites Herrschaftssystem nach eigenen Vorstellungen errichten will. Als Religionsgemeinschaft gilt Scientology in Deutschland nicht.

Tages-Anzeiger, 05.01.2012
Scientology-Mitglied attackiert den Sektenboss - Scientology kommt in den USA nicht zur Ruhe
Eine ehemalige führende Mitarbeiterin kritisiert, dass Scientology trotz Reserven in Milliardenhöhe weiter Druck auf Mitglieder ausübt, zu spenden. Von Hugo Stamm. In letzter Zeit haben führende Kader die Sekte verlassen und schwere Kritik geübt. Nun verschickte eine ehemalige Mitarbeiterin eine brisante Mail an Tausende von Scientologen und griff darin auch David Miscavige an, den Nachfolger von Sektengründer Ron Hubbard. Urheberin der internen Aktion ist die 50-jährige Debbie Cook, eine bis 2008 ranghohe Mitarbeiterin, die während 20 Jahren viel Insiderwissen anhäufte. Sie bekleidete den Rang eines «Captain». Ihre Kritik ist besonders glaubwürdig, weil sie nach wie vor von den Scientology-Lehren überzeugt ist und zur Organisation steht. Pikant ist auch, dass nun viele Scientologen über die Missstände in ihrer Bewegung informiert sind, denn diese verfolgen die weltweite Kritik in den Medien in der Regel nicht. Für Cook dürften schwere Zeiten anbrechen, denn Sektengründer Hubbard wertete interne Angriffe als Schwerverbrechen. Cook kritisiert in ihrem Mail die extremen Methoden beim Eintreiben der Spenden, wie die britische Zeitung «Times» schreibt. Für die Geldpolitik macht sie Miscavige verantwortlich. Unsummen angehäuft Tatsächlich werden Scientologen oft angehalten, möglichst grosse Spenden zu tätigen. Aussteiger berichten immer wieder, sie seien moralisch unter Druck gesetzt worden. Laut Cook hat der Sektenboss über eine Milliarde Dollar angehäuft. Die Scientologin kritisiert auch, dass die Spendengelder gehortet oder in überflüssige Immobilien investiert würden, was gegen den Willen von Hubbard sei. Ähnliche Vorwürfe richteten in jüngster Zeit auch amerikanische Medien an Scientology. Viele Empfänger der Mails wollten nicht glauben, dass Cook Miscavige attackierte. Inzwischen hat die Scientologin aber auf Facebook ihre Aktion bestätigt. Sie habe es aus Liebe und Respekt zu Ron Hubbard gemacht. Und weil sie möchte, dass Missstände korrigiert würden. Scientology liess die Kritik nicht auf sich sitzen: «Die Meinungen von Frau Cook zeugen von einem kleinen, ignoranten und unaufgeklärten Blick auf die heutige Welt.» Diese würden laut «Times» von den Tausenden Scientologen nicht geteilt. Die «Patron-Aktion» Cook, die nun voraussichtlich zum Feind gestempelt wird, wollte eine öffentliche Debatte verhindern. Deshalb schrieb sie im Mail an die Scientologen: «Bitte haltet diese Mail unter Scientologen. Die Medien haben in dieser Sache nichts verloren.» Das wichtigste Spendeninstrument von Scientology ist die «Patron-Aktion». Wer viel Geld einzahlt, kommt auf die PatronListe, die in Scientology-Zeitschriften publiziert wird und den Spendern viel Prestige einbringt. Die höchste Patron- Spende beträgt eine Million Dollar. Prozentual gesehen führen Schweizer Scientologen die Spendenliste an, die nach Ländern eingeteilt ist. Allerdings sind die Neuzugänge mässig, weil die Schweizer Scientologen nicht mehr so zahlungskräftig sind wie früher.

Spiegelonline, 03.01.2012
Spendengelder Insiderin schickt Brand-Mail an Scientology-Anhänger
Ärger für Scientology: In den USA hat eine ehemals führende Mitarbeiterin eine wütende E-Mail an Tausende Anhänger der Sekte geschickt. Das Schreiben ist ein direkter Angriff auf die Führung der Organisation - und ihren Umgang mit Spendengeldern.
Hamburg - Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang in einer Organisation, die so viel Wert auf Geschlossenheit legt: In einer langen E-Mail hat eine ehemals führende Mitarbeiterin von Scientology deutliche Worte an die Führung der Organisation gerichtet. So wie das Schreiben in US-Medien und der britischen "Times" zitiert wird, ist es nichts anderes als ein scharfer Angriff auf den Vorsitzenden David Miscavige.
Verfasserin des Brandbriefs ist Debbie Cook, die sich noch immer als überzeugte Anhängerin der Lehre von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard bezeichnet. Cook beklagt das massive Spendeneintreiben der Organisation. Die "extremen Methoden" unter Miscavige hätten es ermöglicht, mehr als eine Milliarde Dollar anzuhäufen, so Cook. Das Geld werde jedoch nicht dazu verwendet, den Glauben zu verbreiten, sondern gehortet oder in unnötige Bauten gesteckt. Das sei eine Abkehr von den Lehren Hubbards. Es gebe keine Frage, so Cook, "das Zeitalter des kontinuierlichen Spendensammelns ist nicht unsere Sternstunde". Derartige Vorwürfe gegen Scientology gab es schon häufiger. Zuletzt hatten Aussteiger in einer Serie der "Tampa Bay Times" von erzwungenen Spenden berichtet ("The Money Machine"). Miscavige und andere Führungsmitglieder haben solche Vorwürfe allerdings stets bestritten. Unangenehm für die Scientology-Führung wird Cooks Kritik vor allem durch ihre eigene prominente Rolle in der Organisation. Laut "Tampa Bay Times" war die 50-Jährige von 1989 bis 2006 "Captain" im spirituellen Zentrum Scientologys in Clearwater, Florida. Sie fungierte außerdem in hoher Position in der Sea Org, einer Kaderorganisation von Scientology. Erst 2008 habe sie den Mitarbeiterstab verlassen. In welchem Verhältnis Cook zuletzt zu aktiven Scientologen stand, ist nicht klar. Sie habe immer noch Insider-Informationen und auch geschäftlichen Kontakt zu Scientologen, schreibt die "Tampa Bay Times". "Aus Liebe und Respekt zu LRH" Den Berichten zufolge ging das Schreiben an Tausende Scientologen. Viele wollten offenbar zunächst nicht glauben, dass eine Person wie Cook sich in dieser Weise über Scientology äußert. Doch auf ihrer Facebook-Seite hat sie inzwischen bestätigt, Verfasserin der E-Mail zu sein. Sie habe es "aus Liebe und Respekt zu LRH [L. Ron Hubbard, die Redaktion] getan", schreibt Cook, "und aus dem Wunsch zu sehen, dass wir Zustände korrigieren, die in unserer Gruppe korrigiert werden müssen." Sie arbeite zwar nicht mehr in der Sea Org, stehe aber gemeinsam mit ihrem Mann immernoch in gutem Verhältnis zu Scientology, schreibt Cook. Das dürfte sich jetzt ändern: Nach der öffentlichen Kritik werde Cook "als Feind eingestuft", sagt die deutsche Scientology-Expertin Ursula Caberta. Für sie deutet Cooks Schreiben auf einen Abnabelungsprozess von Scientology hin. Cook sei eine spannende Person, die eine Menge aus dem Innenleben der Organisation erzählen könne. Scientology werde daher vermutlich versuchen, Einfluss auf Cook zu nehmen, damit sie sich nicht mehr äußere, so Caberta. ANZEIGE Cook wirft Miscavige auch vor, die Organisationsstrukturen Hubbards abgebaut und Führungskräfte kaltgestellt zu haben. Laut "Times" heißt es in einem ersten Scientology-Statement: "Die Meinungen von Frau Cook zeugen von einem kleinen, ignoranten und unaufgeklärten Blick auf die heutige Welt. Sie werden nicht geteilt von den Tausenden Scientologen, die hocherfreut über unsere 27 neuen Kirchen und deren Bedeutung für ihre Gemeinschaften sind." Cook selbst wusste offensichtlich um die Brisanz ihres Schreibens und die negative Öffentlichkeitswirkung für Scientology. Denn zum Schluss der Mail - so wie sie übereinstimmend in mehreren US-Blogs zitiert wird - heißt es: "Bitte haltet diese Mail unter Scientologen. Die Medien haben in dieser Sache nichts verloren."


2011

Sonntag / Mittellandzeitung, 11.12.2011
Basler Scientology-Hauptsitz verkauft
Die Sekte plant aber, einen neuen Tempel, ein so genanntes Ideal-Org- Gebäude, in Basel zu bauen Die Veräusserung des Grundstücks am Herrengrabenweg ist abgewickelt: Neuer Besitzer ist die Swiss Immo Trust AG. Aline Wanner. Nun ist klar, wer der neue Eigentümer des rund tausend Quadratmeter grossen Grundstücks am Herrengrabenweg 56 ist: die Aktiengesellschaft Swiss Immo Trust AG mit Sitz in Kaiseraugst. Die Firma kaufte die Parzelle der SK Basel GmbH ab, deren Geschäftsführer Scientology- Basel-Präsident Patrick Schnidrig ist. Heute befindet sich am Herrengrabenweg der Basler Hauptsitz von Scientology. Die Sekte plant aber, einen neuen Tempel, ein so genanntes Ideal-Org- Gebäude, in Basel zu bauen. Scientology bestätigte, dass sie deshalb in der Region mögliche neue Standorte prüfte. Im Frühjahr kaufte Schnidrig zusammen mit einem Zürcher Scientologen an der Burgfelderstrasse ein rund viertausend Quadratmeter grosses Grundstück, wie Recherchen des «Sonntag » zeigten. Ein Gebäude dort steht leer, in einem ist der Baukonzern Implenia eingemietet. Schnidrig gibt an, dass der Mietvertrag mit der Scientology-Kirche am Herrengrabenweg vorerst noch weiterlaufe. Bis Ende November wollte die Sekte eigentlich bekannt geben, wie weit die Planung des neuen Tempels in Basel bereits vorangeschritten sei. Schnidrig verweist nun aber auf Ende Jahr: Er hoffe, dass der Entscheid bis dann definitiv gefallen sei. DIE SWISS IMMO TRUST BESTÄTIGT, dass sie die Parzelle am Herrengrabenweg künftig nicht mehr als Standort für den Scientology-Kirche nutzen will. Das sagt der Verwaltungsrat der Swiss Immo Trust, David Wirz, gegenüber dem «Sonntag». Eine Umnutzung in eine reine Wohnimmobilie sei sinnvoll, da sich das Objekt in einer typischen Wohnzone befinde, schreibt Wirz. Und erklärt weiter: «Im Laufe des nächsten Jahres werden sicher Vorabklärungen in diese Richtung stattfinden.» Falls positiv, werde anschliessend ein Projekt für eine vollständige Sanierung samt Umnutzung zum reinen Wohnbau ausgearbeitet. DAVID WIRZ GRÜNDETE zusammen mit Rudolf Flösser 2007 die Vorläufer- Firma der Swiss Immo Trust AG; die Rioziom Immobilien GmbH. Flösser trat als Gesellschafter, Wirz als Geschäftsführer auf. Zwei Monate später wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und in Swiss Immo Trust AG umgetauft. Seither tritt Flösser offiziell nicht mehr in Erscheinung mit der Firma, erhielt aber damals für seine Stammanteile Aktien der Swiss Immo Trust. Wirz räumt aber ein, dass Flösser Kontakte zu Scientology pflegte. Wie weit diese gingen, sei ihm nicht bekannt. Wirz selbst bestreitet, Scientology anzugehören. Er verneint auch, dass die Swiss Immo Trust AG je Geld an die Scientology-Zentrale überwiesen habe. Auch er persönlich habe nie Geld an die Scientology- Sekte gespendet. Die Swiss Immo Trust AG tauchte allerdings auf einer vom Magazin «Beobachter» herausgegebenen Liste von Scientology-Firmen auf. In der Vergangenheit machte die Swiss Immo Trust AG mehrmals durch Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam. 2008 kaufte die Immobilienfirma ein Haus in Oberwil, kündete den Mietern und vermietete die Wohnungen zu sehr hohen Preisen an Fans während der Euro 08, bevor die Wohnungen saniert und als Eigentumswohnungen verkauft wurden. 2010 kaufte die Firma zwei über hundert Jahre alte Häuser am Spalenring 78 und 80, die Mieter erhielten trotz Widerstand die Kündigung. Dort sollen 18 neue Eigentumswohnungen entstehen.

Tageswoche, 05.12.2011, Dani Winter
Scientology-nahe Gruppierung ködert Leute am Rümelinsplatz
Scientology verstärkt ihre Aktivitäten in Basel. Nachdem bekannt wurde, dass die Psycho-Sekte im Hegenheimerquartier eine "Kirche" plant, ködert nun die Scientology-nahe "Bürgerkommission für Menschenrechte" (CCHR) auf dem Rümelinsplatz Passanten mit einer Anti-Psychiatrie-Ausstellung.
Bis vor einigen Jahren war das Modehaus Rümelin bekannt wegen seiner Damenmode für grosse Grössen. Und wegen seiner Schaufenster zur Weihnachtszeit, die beim Schaufensterwettbewerb Prix déco der "Basler Zeitung" stets zu den Favoriten gehörte. In diesem Advent sind die Schaufenster nicht eben weihnächtlich gestaltet. Stattdessen stechen Plakate und Bildschirme mit reisserischen Slogans ins Auge: Sie werben für die Ausstellung "Psychiatrie - Tod statt Hilfe" der "Bürgerkommission für Menschenrechte" (Citizen Commission on Human Rights, CCHR). Nachdem die Betreiber der Ausstellung tagelang unbehelligt Flyer an Passanten verteilten, erhielten sie am Montagmorgen Besuch von der Polizei. Grund: Für das Verteilen von Werbematerial auf der Allmend fehlt den Organisatoren die Bewilligung. Kaum war die Polizei verschwunden, verteilten die CCHR-Leute ihre Flyer munter weiter. In der Ausstellung werden an Stellwänden und auf Bildschirmen einschlägige Informationen über das "Milliardengeschäft Psychiatrie" verbreitet, insbesondere gegen das Verschreiben von Psychopharmaka. Dass die CCHR selbst einen Sinn fürs Geschäftliche hat, zeigt der Umstand, dass die Filme auf DVD verkauft werden. 
Verschleierte Nähe zu Scientology
"Wir stehen Scientology nahe, gehören organisatorisch aber nicht dazu", erklärt ein Mitarbeiter freimütig. Für weitere Auskünfte verweist der Mitarbeiter an den Veranstalter der Ausstellung, Felix Altorfer. Dieser stellt sich auf den Standpunkt, dass das Verteilen von Flyern für die Ausstellung keiner Bewilligung bedürfe. "Wir haben ein politisches Anliegen. Darüber zu informieren ist durch das Recht auf freie Meinungsäusserung gedeckt", erklärt er auf die Frage der TagesWoche, wieso seine Leute trotz polizeilichem Hinweis auf die fehlende Bewilligung weiterhin Flyer verteilten. Auch einen Hinweis auf die Nähe seiner Organisation zu Scientology findet er nicht nötig. "Wir sind eine unabhängige Organisation und viele unserer Mitglieder haben mit Scientology nichts zu tun." Was Altorfer antreibt, stand unlängst in der "Basellandschaftlichen Zeitung" (bz) zu lesen. Diese bot dem "Menschenrechtler" in ihrer Ausgabe vom 3. Dezember reichlich Platz, um seine Ansichten zu verbreiten: "Psychiatrie ist eine Pseudowissenschaft" lautet eine Aussage, "In der Psychiatrie ist niemand gut aufgehoben" eine andere. Dass die ominöse "Bürgerkommission" Scientology nahesteht, erfährt man in dem bz-Artikel nicht. Und das, obwohl das Mutterblatt der bz, die "Aargauer Zeitung" im Februar diesen Jahres in einem ausführlichen Artikel über die Aktivitäten der CCHR berichtete. Damals war die Ausstellung in Baden, wo sie für ähnlichen Ärger sorgte wie jetzt in Basel. 
CCHR sorgt nicht nur in Basel für Ärger
Im Juni sah sich die Zürcher Regierung veranlasst, in einer Antwort auf eine Anfrage der SP festzuhalten, keine Räume an Scientology vermieten zu wollen. Anlass für die Anfrage war die Vermietung der Alten Börse in Zürich an die CCHR für die Dauer von fünf Tagen. Die Zürcher Regierung erklärte die Vermietung mit dem Umstand, dass ihr der Zusammenhang zwischen CCHR und Scientology nicht bekannt gewesen sei. Ob sich der Besitzer der Liegenschaft Rümelinsplatz 1 bewusst ist, an wen er seine Räumlichkeiten vermietet hat, ist unklar. Die Liegenschaft wurde im Oktober 2006 von der Basler Klimson AG an die Shinma Holdings S.à.r.L. mit Sitz im luxemburgischen Schuttrange verkauft. Die Klimson AG besass das Gebäude während der Zeit, in der es das Modehaus Rümelin beherbergte. Scientology hat ihren Hauptsitz in Basel am Herrengrabenweg 56. Diese Liegenschaft soll zugunsten eines geplanten Kirchenbaus aufgegeben werden: Laut einem Bericht im "Sonntag" vom 30. Oktober plant Scientology im Hegenheimerquartier eine von vier "Ideal-Org"-Kirchen Europas. Neben dem Hauptsitz führt die Sekte eine Niederlassung an der Rebgasse 5. Auch am Claraplatz werden Leute offensiv von Scientology-Vertretern angesprochen und zu sogenannten "Persönlichkeitstests" eingeladen. Darauf angesprochen, erklärt Polizeisprecher Klaus Mannhart: "Das aggressive Werben von Scientology war früher ein grösseres Thema als heute." Diesbezügliche Klagen habe es aber seit mehreren Jahren nicht mehr gegeben. Wer in Basel Informationsmaterial unter die Leute bringen will, braucht dafür die Bewilligung für einen Infostand von der Allmendverwaltung. Scientology und ihr nahestehende Organisationen wie die CCHR hätten aufgrund ihrer Aktivitäten ein klar begrenztes Kontingent erhalten. Die aktuelle Aktion falle nicht darunter. Das unbewilligte Verteilen von Flyern ist wiederum in der Strassenverkehrsordnung geregelt und fällt damit in die Zuständigkeit der Polizei.

yahoo-Nachrichten, 01.12.2011
Ehemaliges Scientology-Mitglied: Angeblich zwölf Jahre auf Schiff gefangen
Es ist eine Geschichte, bei der einem kalte Schauer über den Rücken laufen. Das ehemalige Scientology-Mitglied Valeska Paris behauptete in einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC, dass sie zwölf Jahre lang von der umstrittenen „Scientology“-Organisation auf einem Schiff gefangen gehalten wurde. Grund sei der Ausstieg ihrer Mutter aus der Sekte gewesen. Normalerweise unternehmen Menschen auf Kreuzfahrtschiffen tolle Reisen. Für Valeska Paris war das luxuriöse Passagierschiff „The Freewinds“, auf dem Scientology Seminare der höchsten Mitgliedsebenen abhält, nach eigenen Aussagen zwölf Jahre lang ein Gefängnis. In einem Interview der Sendung „Lateline“ des US-Fernsehsenders ABC erhebt die in der Schweiz geborene Frau schwere Vorwürfe gegen die Sekte. Paris, die in eine Familie aus Scientology-Anhängern hineingeboren wurde, behauptet, sie sei im Alter von 18 Jahren im Auftrag von Organisationschef David Miscavige auf ein Schiff verbannt worden. Der Vorfall habe sich ereignet, nachdem ihre Familie aus der Sekte ausgetreten sei. „Im Grunde wurde ich festgenommen und mir wurde gesagt, meine Mutter hätte die Kirche angegriffen. Ich müsse mich von ihr trennen, da sie unterdrückend sei“, so Paris gegenüber ABC. Man habe ihr mitgeteilt, dass der Aufenthalt auf dem Schiff zwei Wochen andauern würde. Laut Paris wurden daraus zwölf Jahre. Beim Betreten des Schiffs seien ihr die Ausweispapiere abgenommen worden. Zudem sei sie auf der „Freewinds“ isoliert wie auf einer Insel gewesen: „Demnach ist es etwas schwierig [zu flüchten]. Außerdem war ich damals 18 Jahre alt. Ich war mein ganzes Leben lang bei Scientology. Es ist nicht so, dass ich gewusst hätte, wie ich fliehen soll.“ Auf dem Schiff habe sie arbeiten müssen – zum Teil bis zu 48 Stunden am Stück. Außerdem habe sie nie allein von Deck gehen dürfen. Lesen Sie auch: Mordfall in Polynesien: Verdächtiger stellt sich Laut Paris‘ Aussage habe sie den Scientology-Mitgliedern durchaus zu verstehen gegeben, dass sie das Schiff verlassen wollte: „Ich wollte nicht dort sein. Ich habe deutlich gemacht, dass ich nicht da sein wollte.“ Das wiederum sei als schlechte, moralische Einstellung und damit als falsch angesehen worden. Im Alter von 14 Jahren habe Paris einen „Vertrag“ mit Scientology unterschrieben. Darin habe sie sich für eine Milliarde Jahre der Sekte verpflichtet. Im Zuge dieses Bekenntnisses sollte auch die Verbundenheit mit ihrer eigenen Familie außer Kraft gesetzt werden, schreibt die britische Tageszeitung „Daily Mail“. Die Mutter Paris‘ war bei Scientology in Ungnade gefallen, nachdem sie die Sekte im französischen Fernsehen nach dem Selbstmord ihres Ehemannes angeprangert hatte. Der Self-Made-Millionär sei bei seinem Tod verarmt gewesen und beschuldigte Scientology, ihn um sein Vermögen gebracht zu haben. Aus Angst, die Mutter würde ihre Tochter aus der Sekte holen, schaltete sich angeblich Organisationschef David Miscavige persönlich ein und ordnete die „Gefangennahme“ der damals 18-Jährigen an. Laut „Daily Mail“ widerspricht Scientology in einem Statement den Vorwürfen Paris‘. „Sie wurde sicherlich nicht ‚gezwungen‘, da zu sein. Sie wurde auch nie dazu gezwungen, im Maschinenraum zu arbeiten“, wird daraus zitiert. Auch dass sie das Schiff nur in Begleitung habe verlassen dürfen, entspreche nicht der Wahrheit.

Tagesanzeiger, 01.12.2011, Renaud Malik
Die Genfer Sklavin auf der Freewinds
Zwölf Jahre lang wurde Valeska Guider an Bord des schwimmenden Hauptquartiers der Scientologen festgehalten. In der Zeitung "Le Matin" schildert sie ihren langen Leidensweg.
Was verbirgt die Freewinds, diese Luxusjacht, die in der Karibik kreuzt und die Fahne der Scientologen hisst? Für die einen ist sie ein Ort für religiöse Einkehr und Studium. Für andere ist sie ein "schwimmender Vatikan", auf dem die Geheimschriften der Organisation versteckt sein sollen. Die Wirklichkeit könnte noch dunkler sein, wenn man Valeska Guiders Zeugenbericht vor ein paar Tagen auf dem amerikanischen Fernsehsender ABC glauben will. Die gebürtige Genferin erzählte dort, sie sei während zwölf Jahren an Bord der Freewinds festgehalten worden. Auf Anfrage der Zeitung "Le Matin" bestätigt die 34-jährige Ex-Scientologin mit Nachdruck: Sie sei 1996 gegen ihren Willen auf das Schiff gebracht worden, auf dem sie ein "Sklavendasein" führte bis 2007. Ein langer Leidensweg, der sie dazu brachte, endgültig die Organisation zu verlassen, der sie seit Kindsbeinen angehörte. Die Tochter von Scientologen Valeska war Scientologin seit ihrer Geburt. "Meine Eltern, Ariane und Jean-François, waren beide Mitglieder der Kirche. Ich habe gute Erinnerungen an meine ersten Jahre in Genf. Alles änderte sich, als ich sechs Jahre alt war, im Jahr 1983." Die Eltern lassen sich scheiden, der Vater erhält das Sorgerecht und beschliesst, seine Kinder nach England zu schicken in ein scientologisches Zentrum mit Internat. Für Valeska beginnt damit ein Leben voller Frondienste: "Wir mussten arbeiten wie Dienstmädchen, meine Schwester und ich. Es war unerträglich." Trost findet sie in den Ferien in Meyrin (GE) bei ihrer Mutter und deren neuem Ehemann, Albert Jacquier, einem reichen Genfer Scientologen. "Wir liebten die Zeit in diesem Haus, wo wir gut essen und in geheizten Zimmern schlafen konnten!" Trotz allem gewöhnt sich Valeska langsam an ein Leben, das der Scientology gewidmet ist. 1992 beschliesst sie, in die Sea Org einzutreten, eine Elitetruppe der Scientologen. Dazu unterzeichnet sie den berühmten "Vertrag für eine Milliarde Jahre", obligatorisch für alle Mitglieder. "Ich hatte immer gehört, der Sea Org beizutreten, sei ein Dienst an der Menschheit. Ich glaubte daran." Auch in Clearwater ist sie billige Haushaltskraft Die 14-Jährige kommt nach Clearwater, in die Landbasis der Sea Org in Florida. Dort beschränkt sich ihre Aufgabe wiederum auf den Haushalt - waschen und bügeln vor allem - im Dienst der Führungskräfte. Ein Häftlingsleben? Vielleicht. Aber damals war Valeska noch einverstanden damit. 1996 ändert sich alles, als Valeskas Mutter öffentlich mit Scientology bricht und auf TF1 erzählt, wie ihr die Organisation ihre Kinder geraubt habe. Sie wird umgehend als "Antisoziale" geächtet. Trotzdem versucht sie, mit Valeska in Kontakt zu bleiben. Doch die Sea Org befiehlt der jungen Frau, sich auf der Freewinds einzuschiffen, um sie dem Einfluss ihrer Mutter zu entziehen. "Man sagte mir, es sei nur für zwei Wochen", erinnert sich Valeska. Bei ihrer Ankunft an Bord zeigt sie Widerstand. Sie bezahlt dafür, man teilt ihr harte Arbeiten zu und überwacht sie ständig. "Ich musste für den Schiffsunterhalt arbeiten und dann im Restaurant servieren. Ich arbeitete jeden Tag für 50 Dollar die Woche. Ich konnte das Schiff nur unter Begleitung verlassen und musste eine Erlaubnis einholen für jeden Ruhetag." Manchmal, sagt sie, habe sie versucht, sich aufzulehnen. Aber Flucht war unmöglich: "Man hatte mir meinen Pass weggenommen, ich hatte kein Bankkonto. Ich war mitten im Nirgendwo, mit einem Wächter, der das Schiff überwachte. Ich wusste nicht, wo meine Eltern waren. Ich hätte nicht gewusst, wohin." In der "Rehabilitation" lernt sie ihren Mann kennen Die Rettung kam durch ihre wiederholten Gehorsamsverweigerungen. Im Dezember 2007 schickte man sie nach Australien in einen "Rehabilitationsaufenthalt". Dort lernte sie ihren jetzigen Mann Chris kennen. "Wir haben heimlich geheiratet, im März 2009. Einen Monat später haben wir Scientology verlassen." Heute lebt sie in Australien mit ihrem Mann und ihrem kleinen Jungen. Entschlossener denn je, die Öffentlichkeit über ihre Vergangenheit als "Sklavin" aufzuklären. Sie ist sich auch bewusst, dass ihr Zeugenbericht schwer wiegen kann in Prozessen gegen Scientology in Australien und Frankreich. Die Verantwortlichen der Organisation bemühen sich allerdings, ihre Aussagen herunterzuspielen. "Das ist ein Einzelfall", meint die Scientology-Sprecherin für die Westschweiz, Francine Bielawski. Ein Einzelfall, wirklich? Die Präsidentin des Interkantonalen Informationszentrums zu Glaubensfragen (CIC), Brigitte Knobel, weist darauf hin, dass weitere Fälle von Zwangsarbeit bei Scientology "der Justiz zur Kenntnis gebracht wurden". Valeska ist überzeugt, dass andere Gleiches erlebt haben. "Und ich werde alles tun, damit dies bekannt wird."

derstandard.at, 03.11.2011
Berufungsprozess gegen Scientology gestartet
Einrichtungen sollen Anhänger unter Druck gesetzt haben Paris - Ein Berufungsprozess gegen zwei Einrichtungen von Scientology hat am Donnerstag in Paris begonnen. Ihnen wird vorgeworfen, Anhänger psychisch unter Druck gesetzt zu haben, um sich an ihnen zu bereichern. In erster Instanz waren die beiden Einrichtungen - das in Paris ansässige Celebrity-Zentrum und seine Buchhandlung - im Oktober 2009 zu Geldstrafen von insgesamt 600.000 Euros verurteilt worden.
Der Anwalt der gegen Sekten ankämpfenden Organisation Unadfi, Olivier Morice, hofft, dass in dem bis zum 1. Dezember dauernden Prozess die "Methoden und Techniken" verurteilt werden, mit denen sich die Scientology-Bewegung an ihren Mitgliedern bereichert. Scientology sei ein "Unternehmen", argumentiert Morice. Dessen wichtigstes Ziel sei es, an das Vermögen seiner Anhänger zu gelangen. Der erste Prozess war durch die Strafanzeige einer Frau ins Rollen gekommen, die rund 20.000 Euro für Bücher, Medikamente und "Kommunikationskurse" der Organisation gezahlt hatte. Haft auf Bewährung Der Leiter des französischen Scientology-Ablegers, Alain Rosenberg, bekam eine zweijährige Haft auf Bewährung und 30.000 Euro Geldstrafe auferlegt. Vier andere Anhänger der Scientology-Bewegung erhielten ebenfalls Bewährungs- beziehungsweise Geldstrafen. Dagegen hatten sie Berufung eingelegt. Im ersten Verfahren hatte die Anklage auch die Auflösung der Scientology-Organisationen in Frankreich verlangt. Dies war aber unmöglich, weil im Mai 2009 - einige Monate vor der Urteilsverkündung - eine Gesetzesänderung verabschiedet worden war, die Sekten vor Auflösung schützte. Seither ermöglicht ein neues Gesetz zwar die Auflösung von sektenähnlichen Organisationen, die wegen Betrugs verurteilt wurden. Diese Neuregelung kann aber nicht rückwirkend und somit nicht auf die Scientology-Bewegung angewandt werden. Die 1954 gegründete Scientology-Bewegung gilt in den USA als Religion, in Frankreich wird sie hingegen als Sekte eingestuft. In Österreich ist Scientology weder eine anerkannte Religionsgemeinschaft noch eine eingetragene Bekenntnisgemeinschaft. Die Organisation beansprucht weltweit rund zwölf Millionen Mitglieder, davon 45.000 in Frankreich. Bekannteste Vertreter sind die Hollywoodstars Tom Cruise und John Travolta. (APA)

20min.ch, 23.10.2011
Neuer Tempel für Scientologen geplant - Scientology plant im St.-Johann-Quartier eine sogenannte Ideal Org einzurichten.
Die Zentren sollen zur «Rettung der Menschheit vor dem Zerfall der Zivilisation» dienen. «Um Wichtigkeit vorzutäuschen, mieten sie sich in Räume ein, die grösser als benötigt sind», weiss Sektenexperte Georg Otto Schmid. Die Sekte leidet nämlich an Mitgliederschwund. Hatte sie 1990 in der Schweiz noch 3000 Mitglieder, sind es heuer weniger als 1000. Schmid vermutet, dass dieser «Krebsgang» anhalten wird. Trotzdem müsse man die Sekte im Auge behalten. «Ihre Pläne sind brisant», sagt er. Laut «SonntagsBlick» sind im entsprechenden Gebäude im St.?Johann bereits Scientologen an der Arbeit.

Berliner Zeitung, 11.10.2011, Frank Nordhausen
Der Leutnant, der Scientology mit Scientology bekämpft 
Mark Rathbun war die Nummer zwei der Organisation. Dann stieg er aus, weil er die Gewalt nicht mehr ertrug. Er knüpft ein Netzwerk, um das System zu stürzen.
HAMBURG. Ein reuiger Sünder ist Mark Rathbun nicht. Er fühlt sich mehr wie Frankenstein, der ein Monster schuf, das er nicht mehr kontrollieren kann, sagt er. Er sieht mit Schrecken das Ergebnis. Braun gebrannt sitzt der 54-Jährige in einem Hotel in Hamburg und erzählt von seiner Zeit bei Scientology. Mark Rathbun war einmal die Nummer zwei der Organisation, bis er vor sieben Jahren ausstieg. Jetzt ist er der größte Widersacher der Sekte und ihres Anführers David Miscavige. Er will, dass Schluss ist mit dem "Wahnsinn". Auf seinem Internet-Blog ruft er dazu auf, eine Petition an die US-Regierung zu unterzeichnen: "Wir fordern, dass das Justizministerium unverzüglich eine Untersuchung der Aktivitäten der Church of Scientology beginnt." Anfang September war Mark Rathbun zu Besuch in Hamburg. Er kam, um öffentlich über Scientology zu reden. Um "auszupacken", wie das Ursula Caberta nennt, die Hamburger Sektenbeauftragte, die ihn eingeladen hatte. Caberta war für Rathbun früher so etwas wie der Teufel persönlich. Wenn er sich jetzt mit ihr trifft, dann ist das, als ob der Lieblingssohn des Mafia-Paten zum obersten Staatsanwalt geht, um reinen Tisch zu machen. Einerseits. Andererseits hat sich Mark Rathbun zwar vom "System Scientology" gelöst, aber nicht von Scientology. Er sagt: "Ich bin und bleibe Scientologe." Er verdammt die Praxis, aber nicht die Ideologie des 1986 verstorbenen Sektengründers L. Ron Hubbard. Er ist ein Scientologe, der Scientology mit Scientology bekämpft. Ein befehlsgewohnter Mann, der umwerfend nett und ätzend arrogant sein kann. Einer, der von sich sagt: "Ich bin kein Opfer. Ich habe Dinge getan, die schlecht waren. Wer sich von mir geschädigt fühlt, soll kommen und mit mir reden. Viele haben das in den letzten zwei Jahren getan, und ich habe mich entschuldigt." Geld regelt alles Während der vier Tage in Deutschland hat Rathbun enthüllt, wie eine verhältnismäßig kleine extremistische Gruppe die Außenpolitik des mächtigsten Staates der Welt beeinflussen kann. "Wir haben ein Problem mit Deutschland gehabt", sagt er, "und das haben wir in Washington geregelt - mit sehr viel Geld." Immer wieder gerät er beim Reden über die "Church" unwillkürlich ins "Wir". "Wir sind in der Lage, einem Politiker Zehntausende Dollar zu spenden, ohne dass auffällt, woher das Geld kommt. Der Trick ist: Hunderte von Scientologen zahlen auf das Konto ein. Niemand weiß, dass es Scientologen sind." Einsatz unbegrenzter Geldmittel - das ist der Schlüssel zu allem, sagt Rathbun. Er kann genau erklären, wie Scientology die Clinton-Regierung dazu brachte, im Ausland für sie Partei zu ergreifen. Vor allem in Deutschland, wo die Sekte seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet wird und mehr als einmal über ein Verbot diskutiert wurde. Plötzlich wurde Scientology Gesprächsthema bei deutsch-amerikanischen Regierungstreffen; bis heute kritisiert das State Department die angebliche Diskriminierung von Scientologen in Deutschland. "Über die US-Konsulate wird Druck auf deutsche Politiker ausgeübt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen", sagt Mark Rathbun. Wie das geht? "Mit Lobbyismus." Als Scharnier zur US-Politik sicherte sich Scientology schon Ende der Achtzigerjahre die Dienste der bedeutendsten Washingtoner Anwalts-Kanzlei, Williams & Connolly. "Diese Kanzlei hat Bill Clinton in der Lewinsky-Affäre vertreten. Sie vertritt Tony Blair, Dick Cheney, Barack Obama. Alle Fäden laufen dort zusammen", sagt Rathbun. "Gewaltige Summen sind geflossen." Und er verrät, wie reich Scientology wirklich ist: rund drei Milliarden Dollar. Knapp eine Milliarde in der Kriegskasse. "Clinton brauchte Geld für seine Stiftung", sagt Mark Rathbun. "Also hat er es gekriegt." Die Lobbyarbeit der Sekte profitiert auch von ihren Hollywood-Stars. Tom Cruise habe Bill Clintons Telefonnummer gehabt und ihn mehrfach wegen Scientology angerufen, sagt Rathbun. "Ich saß neben ihm, als er mit Clinton telefonierte. Er traf sich auch mit Präsident Bushs Vizeaußenminister Armitage." Rathbun sagt, die Prominenten öffneten in Washington viele Türen, weil jeder sich gern mit ihnen zeige. "Scientology schickte die Schauspielerin Ann Archer ins Oval Office, um Clinton zu sagen, dass die Nazis in Deutschland stärker werden. Die Fox-News-Moderatorin Greta van Susteren hat die halbe Clinton-Administration in Sachen Scientology-Diskriminierung in Deutschland instruiert." John Travolta hätte ohnehin eine "direkte Kommunikationsleitung" ins Weiße Haus gehabt. Und das Ergebnis? "Die Kritiker wurden leiser, ein Verbot kam nie zustande." Es war die Zeit, als David Miscavige 5000 Scientologen in Los Angeles zurief: "Die Macht unserer Gruppe ist größer, als ihr es euch überhaupt vorstellen könnt!" Rathbun sagt: "Wenn man sich anguckt, wer heute in den Kernressorts der Obama-Regierung das Sagen hat, so sind es wieder die gleichen Leute, in die die Church 15 bis 20 Jahre lang investiert hat." Noch nie in der Geschichte von Scientology hat ein Abweichler die Sektenverbindung ins Weiße Haus so detailliert bezeugt. Es hat auch noch nie einen gegeben, der die Interna so gut kannte. Mark "Marty" Rathbun kam 1977 als junger Mann zu Scientology und blieb 27 Jahre, die meiste Zeit davon im innersten Führungszirkel. Miscavige vertraute ihm uneingeschränkt und machte ihn 1986 zum "Inspector General for Ethics", dafür zuständig, "Probleme zu bereinigen". Rathbun leitete Schmutzkampagnen gegen Kritiker ein und ließ prominente Abweichler fertigmachen. Er hat eingeräumt, dass er Beweismittel vernichtete, die Scientology gefährlich werden konnten. Er sagt: "Wenn du wissen willst, wie Scientology funktioniert, guck dir den ,Paten' Teil eins und Teil zwei an." Beim größten Coup seiner Laufbahn besteht Rathbun allerdings darauf, dass alles legal gelaufen sei. 1993 wurde Scientology in den USA von der Steuer befreit. Vorher galt sie auch in Amerika als verrückte und gefährliche Sekte - und plötzlich war sie gemeinnützig, was ihr Hunderte Millionen Dollar ersparte und einen Zustand fast vollständiger Immunität einbrachte. Das Ziel sei mit "Unsummen von Geld" erreicht worden, sagt Rathbun. "Wir haben in Archiven nach Verfehlungen der Finanzbeamten gesucht. Dann brachten wir rund 2700 Klagen ein und legten die Steuerbehörde lahm - das zwang sie an den Verhandlungstisch." Wegen seiner unbedingten Loyalität galt Mark Rathbun als "bester Leutnant" des Scientology-Generals Miscavige. "Wenn irgendwas zu regeln war, hieß es: Marty, mach du mal." Rathbun kennt die tiefsten Geheimnisse, und Rathbun hat noch immer viele Freunde in der Sekte. Er war nicht nur ihr Vollstrecker, sondern galt auch als herausragender "Auditor" für Hubbards hypnoseähnliches "Auditing", das Kernstück der Scientology-Bewusstseinskontrolle. "Ich habe praktisch alle unsere VIPs auditiert: Tom Cruise, Kirstie Alley, Lisa Marie Presley, Isaac Hayes, John Travolta." Deshalb lehnen ihn selbst hoch indoktrinierte Scientologen nicht von vornherein ab. Er spricht ihre Sprache. Er versteht ihre Furcht vor der Außenwelt. Er sagt, dass viele Scientologen die teure "Brücke zur totalen Freiheit" satthätten. Dass sie aber eine Brücke nach draußen suchten, die ihnen die Trennung ermögliche. Seit er sich gegen den Sektendiktator wendet, hat Rathbun es mit denselben Methoden zu tun gekriegt, die er selbst einst anwandte. Sein Auftritt in Hamburg war begleitet von Scientology-Störmanövern. Der deutsche Scientology-Sprecher Jürg Stettler griff ihn an: Rathbun sei ein "Münchhausen", der 2002 wegen "zahlreicher und weitreichender Verfehlungen innerhalb der Scientology-Kirche von allen Ämtern enthoben" worden sei. Damit sind andere Vergehen gemeint, als jene, über die er eigentlich Bescheid weiß, aber nicht redet. Befohlene Selbstmorde? "Hat es nicht gegeben." Seltsame Todesfälle? "Wo sind die Beweise?" "Dafür war ich nicht zuständig", sagt er oft. Er muss befürchten, dass alles, was er sagt, auf ihn selbst zurückfällt. Die Polizei hätte ihn in Deutschland festnehmen können. Stattdessen wurde er von Scientology-Detektiven beschattet. "Wie von der Stasi", sagt er und lacht nervös. Er hat die Detektive gefilmt und die Videos auf seinem Blog veröffentlicht - markrathbun.wordpress.com ist seine Waffe im Feldzug, den er seit zwei Jahren gegen die Church führt. Mehr als vier Millionen Besucher hat er gezählt. Das macht der Scientology-Führung Angst. "Die Leute lesen den Blog, weil ich Hubbard nicht angreife", sagt er. Das gibt ihm die Chance, jene zu erreichen, die in der Blase leben, die eine Sekte bedeutet - und die sie abschirmt von Kritik und Medien. Mark Rathbun ruft ihnen zu: "Ihr braucht keine Organisation. Ihr braucht keine Gehirnwäsche. Ihr könnt Scientology mit viel weniger Geld betreiben." Dabei wollte sich Rathbun, als er im Dezember 2004 ausstieg, einfach nur wegducken. Er hatte genug vom Terror in der Scientology-Führung. Er spricht von ungezügelter Gewalt und einem Umgangston wie bei einer Vorstadt-Gang. Davon, wie David Miscavige seine engsten Mitarbeiter anbrüllt, verprügelt und würgt. Wie er 80 Manager, praktisch das gesamte obere Management, seit Jahren in einer Baracke im "Internationalen Hauptquartier" in der kalifornischen Wüste gefangen hält. "Sie müssen auf dem Fußboden schlafen und immer wieder vor allen anderen ihre Verbrechen gestehen. Weil Miscavige sie zu Feinden erklärt hat." Einmal meldete sich die Polizei, da schrieben die Gefangenen eidesstattliche Versicherungen: "Wir sind gerne hier. Es geht uns gut. Wir lieben David Miscavige." Scientology bestreitet diese Vorwürfe. Von dem Gefängnis in der Wüste berichten indessen auch andere Abweichler. Dort gehe es zu wie in einem chinesischen Umerziehungslager, bestätigt Mark Headley, ein früherer Scientology-Manager aus Denver, der 2005 ausstieg und es vorher mit Rathbun zu tun bekam. "Ich wurde dort eingesperrt und sollte etwas gestehen, das einfach nicht stimmte. Rathbun verhörte mich stundenlang. Dann ging er mit mir vor die Tür und schlug mir mit aller Kraft in den Magen. Er fragte: Gestehst du jetzt? Und ich sagte immer noch: Nein." Headley flüchtete kurz darauf mit einem Motorrad. Herrschaft oder Untergang Rathbun erzählt seine Fluchtgeschichte: "Ich musste meine engsten Mitarbeiter zusammenschlagen. Als Miscavige mir befahl, anzusehen, wie er meinen Freund Tom de Vocht misshandelte, ertrug ich es nicht, ging raus, setzte mich auf mein Motorrad und fuhr davon." Drei Jahre lebte Rathbun im Verborgenen, bis ihm andere Aussteiger erzählten, dass alles immer schlimmer wurde. "Deshalb habe ich mich Mitte 2009 an die Medien gewandt. Ich hatte Angst, dass Scientology in einem Blutbad endet. Mein Alptraum: Miscavige befiehlt die letzten tausend Scientologen in die Wüstenbasis und lässt seine Garde dann mit Maschinengewehren alle niedermähen. Er ist ein Soziopath, er will die Herrschaft oder den Untergang." Seit April werden Rathbun, seine Frau und ihre Besucher in ihrem Haus an der texanischen Golfküste von bis zu acht Scientology-Agenten rund um die Uhr observiert, gefilmt, geschmäht. Es sind Methoden, wie sie Rathbun einst selbst entwickelt hat. "Sie wollen, dass ich ausflippe", sagt er. "Natürlich habe ich Angst." Es hat einen Anschlag auf ihn gegeben. Doch Rathbun ist ein harter Knochen. "Niemals verteidigen - immer angreifen", den Leitspruch Hubbards wendet er gegen die Hubbardisten. Er hat Zuträger überall, wo es Scientologen gibt. Er knüpft ein Netzwerk. In Hamburg hat sich Rathbun dargestellt als größter Feind von Scientology - und als ihr größter Bewahrer. Scientology sei gut, es sei nur von Miscavige verdorben worden, hat er gesagt. Er benutzte den Begriff "Kirche" für eine Organisation, die in Deutschland als faschistoid gilt. Er machte keinen Hehl daraus, dass er Ex-Scientologen auditiert und davon lebt. Vor allem sein Bekenntnis zu Hubbard hat viele irritiert. Schon im Vorfeld hatte es Ärger gegeben - wie könne Caberta einem aktiven Scientologen ein Forum bieten? "Ich will, dass das System und Miscavige stürzen", sagt Caberta. Es ist ein Drahtseilakt. Im Internet unterstellen manche dem Aussteiger, er wolle eine eigene Kirche gründen. Wie eine Art "Martin Luther von Scientology". Er selbst sagt, er wolle nichts von der Church. Nicht ihre Methoden, nicht ihre Immobilien, nicht ihr Geld. "Es sollte den Opfern von Scientology gegeben werden." Am letzten Tag in Hamburg hat Rathbun zwei Dutzend Ex-Scientologen aus Europa um sich versammelt. Es ist ein Versöhnungstreffen. Die Ehemaligen drängen sich um ihn. Währenddessen erodiert der Konzern. Auf gerade noch 20000 Menschen schätzt Rathbun den harten Kern. "Ich gebe der Church noch drei Jahre", sagt er. "Aber das Counselling wird bleiben. Kleine Gruppen, die die Technologie trainieren. Scientology ohne die Church." Es ist seine persönliche Tragik, nichts anderes gelernt zu haben als Scientology. Deshalb weicht er Fragen nach dem menschlichen Wert der Ideologie aus. War es nicht Hubbard selbst, der Menschen foltern und sie wochenlang einsperren ließ? Der befahl, Abweichler "zu vernichten"? Ist Miscavige nicht Hubbards Ziehsohn? Rathbun bricht das Gespräch ab. "Ich bin für L. Ron Hubbard!", ruft er. Ich werde ihn verteidigen bis zum Tod!"

Israelheute, 05.10.2011
Scientology-Schule eröffnet 
Die Bewohner der israelischen Stadt Yehud im Tel Aviver Umkreis sind besorgt und wenden sich mit aller Kraft gegen die Eröffnung einer Schule mit Verbindungen zur Scientology-Sekte. Proteste, die wegen der Eröffnung der Atid- Schule (Schule der Zukunft) abgehalten wurden, blieben weitgehend ignoriert. Die Organisation Yad LeAchim hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Schule wieder schließen zu lassen. Zuvor residierte die Einrichtung in der Stadt Holon, aber nachdem sich Anwohner beschwert haben, Kinder würden „rekrutiert“ werden, wurde die Schule zum Umzug gezwungen. Trotz allem hat Israels Bildungsministerium die Atid-Schule offiziell anerkannt und sie wird von der Regierung finanziell gefördert. Yad LeAchim hat auch messianische Gemeinden in Israel ins Visier genommen. Vielen messianischen Juden wird dadurch die Einwanderung nach Israel verwehrt. Die israelischen Medien haben viel über messianische Gemeinden in Israel berichtet, was unter zahlreichen Israelis eine Welle des Verständnisses für den Kampf der messianischen Juden in Israel ausgelöst hat.

20min, 26.09.2011, Lena Berger
Scientology-Ideologie Drogenaufklärung mit Sekten-Broschüren von 
Eine Oberstufenschule hat für die Drogenaufklärung Material der Sekte Scientology verwendet. Ein Sektenexperte kritisiert die Verantwortlichen. Der Schulleiter ist bestürzt. Broschüren der Scientology: Fragwürdige Drogenaufklärung. Im Frühling wurde der damalige Neuntklässler G.H.* an der Oberstufenschule Avanti in Hochdorf mit diversem Infomaterial über Drogen aufgeklärt – als er kürzlich dieselben Aufklärungsbroschüren an einem Scientology-Stand in die Hand gedrückt bekam, traute er seinen Augen kaum. «Ich habe das damals nicht realisiert», so der Schüler. Auf der Rückseite der Broschüren wird auf den Verein Sag Nein zu Drogen verwiesen, wo auch Informationen zum Scientology-Gründer L. Ron Hubbard bezogen werden können. Mit dessen Hilfe hätten sich «bereits Hunderttausende von Drogen befreit». Solche versteckte Sektenpropaganda ist gemäss Martin Scheidegger von der Ökumenischen Sektenberatungsstelle Zentralschweiz äusserst gefährlich: «Jugendliche im Ablösungsprozess sind anfällig für solche Ideologien, weil sie falsche Versprechungen nicht durchschauen.» Er sieht die Verantwortung klar bei der Schule: «Schulen sind verantwortlich dafür, was ihren Schülern als Lernmaterial vorgesetzt wird.» Schulleiter Matthias Klaus erfuhr erst durch 20 Minuten von dem Vorfall. Er ist bestürzt: «Das hätte nicht passieren dürfen.» Er will nun mit den verantwortlichen Lehrpersonen das Gespräch suchen. 
*Name der Redaktion bekannt

Sonntagsblick, 18.09.2011, Sascha Schmid
Scientology sucht Kirche
Die Sekte sucht in Zürich nach eigenen Angaben ein grosses Haus – um Stärke zu demonstrieren. Lang war es ruhig um Scientology in der Schweiz – wohl zu ruhig für die Verantwortlichen. Nach Informationen von SonntagsBlick plant die umstrittene Organisation eine Offensive. Sie ist auf der Suche nach einem «repräsentativen Gebäude an zentraler Lage in Zürich», wie Sprecherin Annette Klug bestätigt. Noch sei man aber nicht fündig geworden. Dem widerspricht ein Insider: «Scientology hat intensiv Geld gesammelt. Man sagte uns, man habe für zehn Millionen Franken ein Haus gekauft. » Für diese Aussage spricht das Video einer Scientology-Spendenveranstaltung im Juli, das SonntagsBlick vorliegt. Bei dem Treffen in den USA wurde eine Liegenschaft in Zürich Schwamendingen gezeigt – eindeutig im Scientology- Look. «Die Zürcher haben jetzt ein Gebäude. Die Pläne für die Inneneinrichtung sind schon abgesegnet», heisst es im Video. «Dieser Film zeigt tatsächlich eine Version eines möglichen neuen Gebäudes in Zürich, das in der Vergangenheit zur Diskussion stand. Dass dies bei der Veranstaltung gezeigt wurde, war uns vorher gar nicht bekannt und deshalb etwas verwirrend», sagt Sprecherin Klug. Für den Sektenexperten Georg Schmid hingegen passen die Pläne ins Konzept der Organisation: «Scientology ist in den letzten Jahren sehr stark geschrumpft. Mit grossen Bauprojekten versuchen sie nach innen und nach aussen Wachstum vorzutäuschen. Meist verschwinden solche grossen Zentren nach kurzer Zeit klammheimlich.» 

Neue Zürcher Zeitung, 09. 09.2011
Rache-Manifest - Die Scientology-Kirche reitet eine Attacke gegen den «New Yorker»
Andrea Köhler «Freedom» prangt auf dem Heft, das letzte Woche im Gewand des renommierten Magazins «The New Yorker» erschien – mit dem gleichen Layout und der berühmten Figur von Eustace Tilley auf dem Cover, die seit der ersten Nummer im Jahr 1925 zum Markenzeichen der New Yorker Intellektuellen-Publikation wurde. Andrea Köhler «Freedom» prangt auf dem Heft, das letzte Woche im Gewand des renommierten Magazins «The New Yorker» erschien – mit dem gleichen Layout und der berühmten Figur von Eustace Tilley auf dem Cover, die seit der ersten Nummer im Jahr 1925 zum Markenzeichen der New Yorker Intellektuellen-Publikation wurde. Nur dass sich der Dandy mit Hut und Monokel auf dem Fake-«New Yorker» mit freier Brust und einer heruntergekommenen, schlampigen Attitüde präsentiert. «Der New Yorker: Was für eine geballte Ladung dummes Geschwätz» steht auf dem Titelblatt. Copyright: Church of Scientology. Beigelegt ist eine dreiteilige DVD, die «investigativen Journalismus im öffentlichen Interesse» zu vermitteln vorgibt. Umerziehungslager Die 51 Seiten umfassende Hochglanz-Parodie ist eine Antwort auf einen längeren Artikel von Lawrence Wright, der im Februar 2011 unter dem Titel «Der Abtrünnige» im «New Yorker» erschienen ist. Der Text basiert in erster Linie auf den Aussagen des Hollywood-Regisseurs und Scientology-Aussteigers Paul Haggis. Wright beschreibt die Kirche darin als einen halbkriminellen Kult, in dem Umerziehungslager und physische Misshandlung zu den geläufigen Disziplinierungsmassnahmen zählen. Das FBI prüfe unter anderem den Vorwurf des Menschenhandels und der Sklavenarbeit. Obschon Haggis als Drehbuchschreiber und Regisseur auf eine lange TV-Karriere zurückblickt (und im Jahr 2006 für den Film «Crash» zwei Oscars erhielt), ist er ausserhalb Hollywoods wenig bekannt. Haggis hatte sich Scientology bereits 1975 angeschlossen und sein halbes Leben in der Organisation verbracht. Doch erst nachdem er sich mehrfach vergebens über schwulenfeindliche Aktionen der Kirche beschwert hatte, entschied er sich 2009, mit ihr zu brechen. Homosexuelle, heisst es in Wrights Artikel, würden auf der hausinternen «Emotions-Skala» auf der untersten Stufe angesiedelt; für den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard firmierten sie auf «dem gefährlichsten und niederträchtigsten Grad». Die Kirche ist bekannt für ihre engen Verbindungen zu den Schönen und Reichen der Welt des Films und dürfte angesichts der sexuellen Liberalität Hollywoods von solchen Eröffnungen wenig begeistert gewesen sein. Denn Scientology rühmt sich damit, für ambitionierte Aspiranten des Filmgeschäfts oder strauchelnde Stars als Karrierehilfe und Psycho-Stabilisator zu operieren. Tom Cruise, seine Frau Katie Holmes, Kirstie Alley und John Travolta haben – den Intentionen des Gründers Hubbard folgend – ausgiebig Werbung für dessen «neue Religion» gemacht. Auch Haggis gehörte einst zu der Topliga. In der «Freedom»-Nummer wird er nun als «Heuchler von Hollywood» und als ein «Niemand» diskreditiert. Die kryptoreligiöse Organisation, die schon viele in den finanziellen und sozialen Ruin getrieben haben soll und ihre Gegner überall auf der Welt eisern verfolgt, ist für den Druck bekannt, den sie auf einstige Mitglieder ausübt. Sie ist zudem berüchtigt für ihr beinhartes Vorgehen gegenüber Medien, die diese als Quelle benutzen. Mit exorbitanten Schadenersatzforderungen verbundene Klagen gegen kritische Stimmen sind kein Einzelfall. Das «Time Magazine» sah sich nach einem Artikel unter der Überschrift «Der blühende Kult von Gier und Macht» mit einer 416-Millionen-Dollar-Klage konfrontiert. Sie wurde abgewiesen. Im Zuge solcher Aktionen wird auch das seit 1968 erscheinende Magazin «Freedom», das dazu dient, die Segnungen der Kirche in den prächtigsten Farben zu rühmen, gern als Diffamierungsorgan benutzt. Erst im Juli 2010 hatte Scientology ein ganzes Heft gegen den CNN-Moderator Anderson Cooper lanciert, flankiert von manipulierten Videos mit denunzierendem Material. Cooper hatte in einer fünfteiligen Serie die Kirche unter der Überschrift «Scientology: A History of Violence» attackiert. Hemdsärmlig und mimosenhaft In der jüngsten «Freedom»-Ausgabe, die – dem Usus der Kirche folgend – auch unentgeltlich vor dem Gebäude des «New Yorker» am Time Square verteilt worden war, wird das Magazin der antireligiösen Hetzkampagne, schlampiger Recherche und unzuverlässiger Quellen bezichtigt. In Wahrheit aber ist das Manifest eine 51 Seiten lange Polemik, in der nicht nur das «Schundblatt in literarischer Verkleidung», sondern – angefangen bei Kronzeugen bis hin zu Redaktoren und Fact-Checkern – sämtliche an dem Artikel beteiligten Personen diskreditiert werden. Unter der Überschrift «The New Yorker – falls Sie sich schon einmal gefragt haben, warum er keine Fotos bringt» wurden die Mitarbeiter überdies mit wenig schmeichelhaften Bildern porträtiert. Der «New Yorker», der bekannt ist für seine penible Recherche-Politik, hatte fünf Fact-Checker an das Stück gesetzt und der Kirche vor Erscheinen des Textes einen 971 Punkte umfassenden Katalog vorgelegt. Überdies kamen der Autor, das Recherche-Team des «New Yorker» und dessen Chefredakteur mit dem Sprecher von Scientology und vier Anwälten zu einer achtstündigen Sitzung zusammen, zu der die Kirche 48 Aktenordner angeschleppt hatte. Doch statt sich in diese zu vertiefen, behauptet Scientology nun, habe der «New Yorker» die Kirche nach monatelangem Schweigen mit einem weiteren «Angriff aus anstössigen, einseitigen, zumeist falschen und komplett bigotten Fragen» überfallen. Man mag sich wundern, was die Kirche sechs Monate nach Erscheinen von Lawrence Wrights Artikel mit diesem Rundumschlag bezweckt. Denn erfahrungsgemäss führen solche Kampagnen exakt zum Gegenteil des erwünschten Effekts. Wrights Text hat auf diese Weise jedenfalls neue Aufmerksamkeit gefunden – und die wütende Schmähschrift den schlechten Leumund der Kirche nur konsolidiert. Zumal die abgewandelte Cover-Karikatur des «New Yorker»-Dandys eine deutlich schwulenfeindliche Signatur aufweist. Zumindest in dieser Hinsicht gibt Scientology ihrem Kritiker nur allzu recht.

Neue Zürcher Zeitung, 09.09.2011
Rache-Manifest - Die Scientology-Kirche reitet eine Attacke gegen den «New Yorker»
Andrea Köhler «Freedom» prangt auf dem Heft, das letzte Woche im Gewand des renommierten Magazins «The New Yorker» erschien – mit dem gleichen Layout und der berühmten Figur von Eustace Tilley auf dem Cover, die seit der ersten Nummer im Jahr 1925 zum Markenzeichen der New Yorker Intellektuellen-Publikation wurde. Andrea Köhler «Freedom» prangt auf dem Heft, das letzte Woche im Gewand des renommierten Magazins «The New Yorker» erschien – mit dem gleichen Layout und der berühmten Figur von Eustace Tilley auf dem Cover, die seit der ersten Nummer im Jahr 1925 zum Markenzeichen der New Yorker Intellektuellen-Publikation wurde. Nur dass sich der Dandy mit Hut und Monokel auf dem Fake-«New Yorker» mit freier Brust und einer heruntergekommenen, schlampigen Attitüde präsentiert. «Der New Yorker: Was für eine geballte Ladung dummes Geschwätz» steht auf dem Titelblatt. Copyright: Church of Scientology. Beigelegt ist eine dreiteilige DVD, die «investigativen Journalismus im öffentlichen Interesse» zu vermitteln vorgibt. Umerziehungslager Die 51 Seiten umfassende Hochglanz-Parodie ist eine Antwort auf einen längeren Artikel von Lawrence Wright, der im Februar 2011 unter dem Titel «Der Abtrünnige» im «New Yorker» erschienen ist. Der Text basiert in erster Linie auf den Aussagen des Hollywood-Regisseurs und Scientology-Aussteigers Paul Haggis. Wright beschreibt die Kirche darin als einen halbkriminellen Kult, in dem Umerziehungslager und physische Misshandlung zu den geläufigen Disziplinierungsmassnahmen zählen. Das FBI prüfe unter anderem den Vorwurf des Menschenhandels und der Sklavenarbeit. Obschon Haggis als Drehbuchschreiber und Regisseur auf eine lange TV-Karriere zurückblickt (und im Jahr 2006 für den Film «Crash» zwei Oscars erhielt), ist er ausserhalb Hollywoods wenig bekannt. Haggis hatte sich Scientology bereits 1975 angeschlossen und sein halbes Leben in der Organisation verbracht. Doch erst nachdem er sich mehrfach vergebens über schwulenfeindliche Aktionen der Kirche beschwert hatte, entschied er sich 2009, mit ihr zu brechen. Homosexuelle, heisst es in Wrights Artikel, würden auf der hausinternen «Emotions-Skala» auf der untersten Stufe angesiedelt; für den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard firmierten sie auf «dem gefährlichsten und niederträchtigsten Grad». Die Kirche ist bekannt für ihre engen Verbindungen zu den Schönen und Reichen der Welt des Films und dürfte angesichts der sexuellen Liberalität Hollywoods von solchen Eröffnungen wenig begeistert gewesen sein. Denn Scientology rühmt sich damit, für ambitionierte Aspiranten des Filmgeschäfts oder strauchelnde Stars als Karrierehilfe und Psycho-Stabilisator zu operieren. Tom Cruise, seine Frau Katie Holmes, Kirstie Alley und John Travolta haben – den Intentionen des Gründers Hubbard folgend – ausgiebig Werbung für dessen «neue Religion» gemacht. Auch Haggis gehörte einst zu der Topliga. In der «Freedom»-Nummer wird er nun als «Heuchler von Hollywood» und als ein «Niemand» diskreditiert. Die kryptoreligiöse Organisation, die schon viele in den finanziellen und sozialen Ruin getrieben haben soll und ihre Gegner überall auf der Welt eisern verfolgt, ist für den Druck bekannt, den sie auf einstige Mitglieder ausübt. Sie ist zudem berüchtigt für ihr beinhartes Vorgehen gegenüber Medien, die diese als Quelle benutzen. Mit exorbitanten Schadenersatzforderungen verbundene Klagen gegen kritische Stimmen sind kein Einzelfall. Das «Time Magazine» sah sich nach einem Artikel unter der Überschrift «Der blühende Kult von Gier und Macht» mit einer 416-Millionen-Dollar-Klage konfrontiert. Sie wurde abgewiesen. Im Zuge solcher Aktionen wird auch das seit 1968 erscheinende Magazin «Freedom», das dazu dient, die Segnungen der Kirche in den prächtigsten Farben zu rühmen, gern als Diffamierungsorgan benutzt. Erst im Juli 2010 hatte Scientology ein ganzes Heft gegen den CNN-Moderator Anderson Cooper lanciert, flankiert von manipulierten Videos mit denunzierendem Material. Cooper hatte in einer fünfteiligen Serie die Kirche unter der Überschrift «Scientology: A History of Violence» attackiert. Hemdsärmlig und mimosenhaft In der jüngsten «Freedom»-Ausgabe, die – dem Usus der Kirche folgend – auch unentgeltlich vor dem Gebäude des «New Yorker» am Time Square verteilt worden war, wird das Magazin der antireligiösen Hetzkampagne, schlampiger Recherche und unzuverlässiger Quellen bezichtigt. In Wahrheit aber ist das Manifest eine 51 Seiten lange Polemik, in der nicht nur das «Schundblatt in literarischer Verkleidung», sondern – angefangen bei Kronzeugen bis hin zu Redaktoren und Fact-Checkern – sämtliche an dem Artikel beteiligten Personen diskreditiert werden. Unter der Überschrift «The New Yorker – falls Sie sich schon einmal gefragt haben, warum er keine Fotos bringt» wurden die Mitarbeiter überdies mit wenig schmeichelhaften Bildern porträtiert. Der «New Yorker», der bekannt ist für seine penible Recherche-Politik, hatte fünf Fact-Checker an das Stück gesetzt und der Kirche vor Erscheinen des Textes einen 971 Punkte umfassenden Katalog vorgelegt. Überdies kamen der Autor, das Recherche-Team des «New Yorker» und dessen Chefredakteur mit dem Sprecher von Scientology und vier Anwälten zu einer achtstündigen Sitzung zusammen, zu der die Kirche 48 Aktenordner angeschleppt hatte. Doch statt sich in diese zu vertiefen, behauptet Scientology nun, habe der «New Yorker» die Kirche nach monatelangem Schweigen mit einem weiteren «Angriff aus anstössigen, einseitigen, zumeist falschen und komplett bigotten Fragen» überfallen. Man mag sich wundern, was die Kirche sechs Monate nach Erscheinen von Lawrence Wrights Artikel mit diesem Rundumschlag bezweckt. Denn erfahrungsgemäss führen solche Kampagnen exakt zum Gegenteil des erwünschten Effekts. Wrights Text hat auf diese Weise jedenfalls neue Aufmerksamkeit gefunden – und die wütende Schmähschrift den schlechten Leumund der Kirche nur konsolidiert. Zumal die abgewandelte Cover-Karikatur des «New Yorker»-Dandys eine deutlich schwulenfeindliche Signatur aufweist. Zumindest in dieser Hinsicht gibt Scientology ihrem Kritiker nur allzu recht.

Berliner Zeitung, 28.07.2011, Thomas Schuler
Scientology Journalisten gesucht 
Die Kritik an Scientology verbirgt sich, wie hier in Deutschland, manchmal hinter einer Maske. Denn die Sekte lässt ihr bekannte Gegner ausforschen. von 
Berlin - "Investigative Reporter gesucht." Die Anzeige, die im Juli in einer amerikanischen Jobbörse im Internet erschien, klang interessant. Freie Journalisten sollten für eine seit 40 Jahren eingeführte Zeitschrift, die dem Allgemeinwohl verpflichtet sei, an langfristigen Projekten zum Thema Menschenrechte und Soziales recherchieren, die Bezahlung sei Verhandlungssache. Konkret habe die Chefredaktion Aufträge in New York, in Los Angeles und im Süden von Texas zu vergeben. Verlockende Aussichten in einem Land, in dem in den vergangenen Jahren mehr als 10 000 Journalisten gefeuert wurden und vor allem investigative Journalisten kaum Arbeit finden, weil ihre Recherchen zu kostspielig sind. Das Problem der Anzeige ist der Auftraggeber: die Scientology- Sekte. Reporter sollen mit den eigenen Waffen geschlagen werden Die selbst ernannte Kirche versucht mit Hilfe ihrer mehrsprachig erscheinenden Zeitschrift Freedom, die Krise vieler Zeitungen für ihre Zwecke zu nutzen. Statt um Menschenrechte und Religionsfreiheit geht es Scientology in Wirklichkeit meist nur um die eigene Freiheit. Journalisten sollen in ihrem Auftrag Kritisches über Aussteiger und Gegner schreiben. Die Sekte hat schon mehrfach versucht, Reporter mit deren eigenen Waffen zu schlagen und lässt sie dazu bei Recherchen und Interviews von ihren eigenen Mitarbeitern filmen. 2007 drehte sie ein Video über John Sweeney, der sechs Monate für eine BBC-Reportage recherchierte. Während der Interviews warf ihm Scientology wiederholt vor, er sei voreingenommen. Einmal verlor Sweeney die Nerven und schrie den Sprecher der Scientologen an. Er sei "explodiert wie eine Tomate", schrieb Sweeney später zerknirscht über den eigenen Auftritt, den Millionen sahen. Denn Scientology stellte den Ausschnitt am Tag der BBC-Ausstrahlung auf YouTube und veröffentlichte ein Video, um die Glaubwürdigkeit der BBC-Reportage anzugreifen. Videos über Kritiker Sweeney entschuldigte sich öffentlich, berichtete aber weiter kritisch über die Sekte. Freedom veröffentlichte damals lange Artikel gegen die BBC. 2010 wiederholte sich das Ganze mit CNN. Auf 20 Seiten und unter dem Titel "A History of Lies" (Eine Lügengeschichte) warf die Sekte dem Nachrichtensender CNN und seinem Journalisten Anderson Cooper vor, Tatsachen zu verdrehen und falsch und fehlerhaft zu berichten. Wieder produzierte Scientology ein Video, das dem Heft als DVD beilag. Wer wie BBC und CNN Kritiker und Aussteiger zu Wort kommen lässt, wird als Lügner beschimpft. Was Scientology mit Freedom produziere, sei kein Journalismus, sondern Marketing oder PR, betont Nicholas Lemann, der Chef der angesehenen Journalistenschule der Columbia University in New York. Ziel dieser Berichte ist vermutlich nicht die allgemeine Öffentlichkeit. Vielmehr will Scientology die eigenen Mitglieder beruhigen, die Kritik bitte nicht ernst zu nehmen. Doch die Sekte verzeichnet mit ihrer Strategie Teilerfolge. Mit einer ähnlichen Anzeige wie der eingangs erwähnten warb sie 2009 zwei namhafte, unter anderem mit einem Pulitzer-Preis und einem Emmy ausgezeichnete investigative Reporter an, um gegen die Tageszeitung St. Petersburg Times in Florida zu recherchieren. Die Zeitung ist der Sekte seit Jahrzehnten verhasst und Ziel ihrer Angriffe. Im 100 000-Einwohner-Küstenort Clearwater in Florida unterhält die Sekte eine von zwei Zentralen (die andere ist in Los Angeles). Scientology besitzt 54 Gebäude in Clearwater; in der Region leben rund 10.000 Scientologen. Wenig glaubwürdige Verteidigungen Als "Scientology Town" hat die St. Petersburg Times die Stadt beschrieben. Die führende Zeitung der Region gehört einer Journalistenschule - dem gemeinnützigen Poynter Institut - und hat die Sekte mit Enthüllungen immer wieder in Bedrängnis gebracht. Sie war es, die im Januar 1976 herausfand, dass sich Scientology unter falschem Namen eingekauft hatte. Scientology setzte die Times daraufhin als "Feind Nummer eins" an die Spitze einer Liste von Gegnern, die es gelte zu infiltrieren und zu bekämpfen. Die Times stand dort vor allen anderen Kritikern: dem Bürgermeister, dem Lokalfernsehen und den Justizbehörden. Mehrfach brach Scientology in die Anwaltskanzlei der St. Petersburg Times ein und gelangte so in den Besitz von Schriftsätzen, Memos sowie Briefen und erfuhr Details laufender Recherchen. Für ihre hartnäckige Aufklärung dieser Praktiken erhielt die Times 1980 den Pulitzer-Preis. Im Sommer 2009 veröffentlichte die Zeitung nach monatelangen Recherchen erneut eine aufwendige Enthüllungsserie. Einige der ehemals ranghöchsten Mitstreiter von Sektenchef David Miscavige hatten sich der Zeitung anvertraut und brachten gegen ihn schwere Vorwürfe vor. Während sich Miscavige von seinen Leuten als Erneuerer und gar Retter von Scientology feiern lasse, sei er in Wirklichkeit dabei, den Zusammenhalt zu zerstören. Er habe in der gesamten Organisation eine Kultur der Gewalt etabliert. Scientology betonte, die Vorwürfe seien "absolute und totale Lügen". Glaubwürdig klang die Sekte mit ihrer Verteidigung nicht. Das FBI ermittelt Mehrfach griff Scientology die Times zudem in ihrer Zeitschrift Freedom an und warf ihr "Diebstahl, Bestechung und Spionage" vor, außerdem Fanatismus, Scheinheiligkeit und "schwere Verstöße gegen journalistische Ethik". Warum? Weil die Times den Sektenchef Miscavige nicht zu den Vorwürfen befragt habe. Dabei hatte die Zeitung ihn mehrfach angefragt und eine Stellungnahme von Scientology abgedruckt. Was die namhaften Journalisten betrifft, die Scientology gegen die St. Petersburg Times anheuerte, so blieb es beim Teilerfolg der Anwerbung: Ihr 20-seitiger Bericht fiel offenbar nicht so kritisch aus, wie Scientology sich erhofft hatte, er wird bis heute unter Verschluss gehalten. Inzwischen haben mehrere nationale Medien, darunter CNN, die New York Times und die angesehene Zeitschrift New Yorker, die Kritik der Aussteiger aufgegriffen; die Bundespolizei FBI ermittelt angeblich wegen Menschenhandel. Zu den Aussteigern zählt Marty Rathbun, die ehemalige Nummer zwei bei Scientology. Rathbun fungierte als Auditor (eine Art spiritueller Berater und Beichtvater) des Schauspielers Tom Cruise und war maßgeblich beteiligt, als Scientology mit mehr als Tausend Einzelklagen massiv Druck auf die amerikanischen Finanzbehörden ausübte und so die Steuerbefreiung 1993 erzwang. Recherchen in Texas Darüber hat Rathbun ausführlich in Interviews gesprochen. Scientology führt Krieg gegen ihn. Man bekämpft sich gegenseitig im Internet in Blogs. Scientology hat offenbar ein Filmteam angeheuert, berichtet Rathbun, das ihn auf Schritt und Tritt verfolgt und filmt - offiziell wieder einmal nur, um eine unabhängige Dokumentation zu drehen. Heute lebt Rathbun übrigens in einer Kleinstadt im Süden von Texas - genau dort hat Scientology jetzt wieder einen "unabhängigen" Rechercheauftrag im Dienst der Menschenrechte zu vergeben.

br-online vom 28.07.2011
Bayerischer Verwaltungsgerichtshof - Scientology muss nicht zahlen
Die "Scientology Kirche Bayern e.V." muss für das Jahr 1993 keine Ausgleichsbeiträge nach dem Schwerbehindertenrecht zahlen. Der Freistaat forderte damals 19.000 Mark, weil Scientology Bayern nach Auffassung des Sozialministeriums keine Schwerbehinderten beschäftigt hatte. Die mündliche Berufungsverhandlung fand am Mittwoch (27.07.11) an der Außenstelle Ansbach des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs statt. Das Urteil wurde nicht direkt nach der Verhandlung verkündet, sondern erst am Abend über die Pressestelle des Gerichts mitgeteilt. Zur Urteilsbegründung heißt es, es sei nicht hinreichend belegt, dass der klagende Verein Scientology Bayern e.V. im Jahr 1993 mehr als 15 Personen in einem Arbeitsverhältnis im Sinne des Schwerbehindertengesetzes beschäftigt hatte. Das Gericht sah auch nach der mündlichen Berufungsverhandlung keine Möglichkeiten, den rund 18 Jahre alten Sachverhalt weiter klären zu können. Vereinstätigkeit oder Arbeitsplatz Mit seinem Urteil bestätigt der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Ansbach vom vergangenen Dezember. Die Problematik in dem Fall lag laut dem Vorsitzenden Richter Olgierd Adolph in der Frage der Abgrenzung, ob jemand als Mitglied eines eingetragenen Vereins abgabefreie "Vereinstätigkeiten" leistet oder ob er einen "Arbeitsplatz" ausfüllt. Nur dann würden Ausgleichszahlungen anfallen, wenn keine Schwerbehinderten beschäftigt sind. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Ob eine Revision zugelassen wird, ist noch nicht bekannt. Umstrittene Organisation Die 1954 in Los Angeles gegründete Organisation Scientology bezeichnet sich selbst als "völlig neue Religion". Während sie unter anderem in den USA auch offiziell als Religion gilt, existiert Scientology in Deutschland als eingetragener Verein. In der Öffentlichkeit ist die Organisation stark umstritten. Der bayerische Verfassungsschutz sieht Scientology als "internationalen Wirtschaftskonzern", der "ein auf Psycho-Technologien und der bedingungslosen Unterordnung des Einzelnen beruhendes" Gesellschaftssystem anstrebt. Unter anderem ist von Methoden die Rede, die einer Gehirnwäsche gleichen sollen. Dabei würden verschiedene im deutschen Grundgesetz zugesicherte Grundrechte missachtet, so die Verfassungsschützer. Scientology selbst bezeichnet sich dagegen als "Kirche".´

aargauerzeitung.ch, 03.07.2011, Pirmin Kramer
«Scientology pfeift in der Schweiz aus dem letzten Loch» 
Die Organisation kämpfe mit grossen Schwierigkeiten, sagen Sektenbeobachter Die Scientology-Pressesprecherin wehrt sich gegen die Aussagen von Experten, ihre Organisation finde kaum mehr Mitglieder: Solche Behauptungen seien «völlig absurd».
In Deutschland hat sich im Mai die Bundesregierung zu Scientology geäussert: Die Organisation verliere Anhänger und habe derzeit rund 4500 Mitglieder, teilte sie in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage mit. Wie steht es um Scientology in der Schweiz? «In der Schweiz findet eine leichte Expansion statt, aber nicht so stark wie in anderen Ländern», sagt Scientology-Sprecherin Annette Klug. «Passiv- und Aktivmitglieder zusammen gibt es in der Schweiz zirka 5000.» Religionswissenschafter und Sektenexperte Georg Otto Schmid kann das nicht glauben: «Scientology schrumpft kontinuierlich, und ich könnte mir vorstellen, dass es diese Sekte in der Schweiz in einigen Jahren nicht mehr geben wird.» Er schätzt, dass Scientology hierzulande noch ungefähr 1000 aktive Mitglieder habe. Die grösste Anzahl Anhänger habe die Sekte etwa im Jahr 1990 gehabt, damals hätten ihr etwa 3000 Menschen aktiv angehört. GEMÄSS EIGENER WEBSITE ist Scientology «eine Religion, die einen exakten Weg bietet, der zu einem vollständigen Verstehen und einer Gewissheit über die eigene spirituelle Natur führt». Prominente Schauspieler wie John Travolta und Tom Cruise bekennen sich zur Organisation. Sektenexperten werfen Scientology vor, ihre Anhänger psychisch und finanziell abhängig zu machen. «Scientology hat in der Schweiz derzeit ganz grosse Schwierigkeiten», sagt der deutsche Sek tenbeobachter Christian Ruch, der in der Schweiz lebt. «Diese Sekte schafft es kaum mehr, neue Mitglieder zu finden.» Wenn er sehe, wie schlecht geschult die Leute seien, die auf den Strassen auf Mitgliedersuche gehen, «dann ist das für mich ein Zeichen dafür, dass Scientology aus dem letzten Loch pfeift». Annette Klug von Scientology entgegnet, diese Vorwürfe seien «völlig absurd »: «Alleine in Zürich hatten wir vor ein paar Wochen eine Veranstaltung der lokalen Kirche für die Scientologen aus der Umgebung, an der mehr als 500 Personen teilnahmen.» Und alleine bei der Internationalen Scientology-Vereinigung (IAS) gebe es weit über 2000 Mitglieder aus der Schweiz. Doch auch ein dritter Sektenexperte aus der Schweiz glaubt, dass Scientology hierzulande mit «grossen Schwierigkeiten » kämpft: «Sie prozessieren viel weniger oft als früher, es scheint ihnen das Geld auszugehen», sagt Dieter Sträuli von der Fachstelle Infosekta. «Dass wir keine Gerichtsverfahren mehr führen, ist doch eine völlig positive Entwicklung und ein Beweis dafür, dass wir es nicht mehr nötig haben, uns mit rechtlichen Mitteln zu wehren», sagt Annette Klug. Derweil glaubt Sträuli, dass Scientology nicht nur in der Schweiz Probleme habe: «Weltweit zu schaffen macht der Sekte ausserdem, dass es inzwischen regelmässig prominente Aussteiger gibt.» So trat nach 35 Jahren Mitgliedschaft Hollywood-Regisseur und Oscar-Preisträger Paul Haggis aus Scientology aus.

Der Spiegel vom 02.07.2011, Benjamin Bidder, Moskau
Psychosekte: Russland stuft Scientology als extremistisch ein
Bücher des Scientology-Gründers in Düsseldorf: Künftig in Russland auf dem Index Scientology gerät ins Visier russischer Behörden. Jetzt hat ein russisches Gericht die Schriften von Gründer L. Ron Hubbard auf den Index gesetzt - auf dem auch Hitlers "Mein Kampf" steht. Dabei gibt es in Russland viele weitere Sekten: Eine verehrt Wladimir Putin als wiedergeborenen Apostel Paulus. Als russische Ermittler im Mai das "Land der Wunder" durchsuchten, ein Privatinternat für Kinder wohlhabender Eltern im Moskauer Umland, stießen sie auf einen ungewöhnlichen Stundenplan. In dem roten Backsteinbau mit Erker wurden nicht nur Mathematik und russische Literatur unterrichtet, sondern auch die Lehren von L. Ron Hubbard, dem Gründer der Sekte Scientology. Dessen Schriften standen in der kleinen Bibliothek gleich neben klassischen Lehrbüchern, und am Schwarzen Brett hing eine Broschüre der Sekte über die "Straße zum Glück" aus. Ob sich die Betreiber aber nach russischem Gesetz strafbar gemacht haben, dafür musste erst eine langwierige Prüfung der Scientology-Texte eingeleitet werden. Die Staatsanwaltschaft eröffnete deshalb parallel ein Verfahren wegen "ungesetzlichen Unternehmertums", sicher ist sicher. Seit Jahren versucht Russland, gegen Scientology vorzugehen In Zukunft werden es russische Rechtsschutzorgane leichter haben, wenn sie gegen Scientology vorgehen: Ein Gericht hat Scientology-Literatur nun als extremistisch eingestuft. Hubbards Schriften seien "auf die Formierung isolierter Gruppen ausgerichtet," deren Aufgabe "zu einem bedeutenden Teil der Kampf gegen die restliche Welt" sei, heißt es in einem Statement der russischen Generalstaatsanwaltschaft zu dem Urteil. Russlands Justizministerium wird nun die beanstandeten Werke, darunter ein Buch mit dem Titel "Was bedeutet Scientology", auf den Index "extremistischer Materialien" setzen, zu denen unter anderem auch Adolf Hitlers "Mein Kampf" zählt. Experten schätzen die Zahl der Scientology-Mitglieder in dem östlichen Riesenreich auf 10.000 bis 100.000. Genaue Statistiken gibt es nicht. Russland sucht seit Jahren nach Wegen, um härter gegen die Sekte vorzugehen. Zunächst versagten die Behörden der "Scientology-Kirche Moskau" eine Neu- Registrierung. Sie wurden dafür aber 2007 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu einer Geldstrafe verurteilt. Der damalige Präsident Wladimir Putin sandte daraufhin Kreml-treue Jugendgruppen gegen die Organisation aus. Sekten haben großen Zulauf Die Mitglieder der "Gemeinsam Gehenden" verteilten Flyer ("Vorsicht, Scientology!") und demonstrierten vor Gebäuden der Sekte in Moskau. Versuche, die Lehren der Sekte als extremistisch einzustufen, scheiterten jedoch bis zuletzt. Noch Anfang Mai ordnete ein Gericht in Sibirien die Streichung von Hubbards Schriften von der Liste des Justizministeriums an. Auch knapp hundert Jahre nach dem Tod des Wanderpredigers und angeblichen "Geistheilers" Rasputin verzeichnen Sekten in Russland erheblichen Zulauf. Landesweit schätzten Experten wie Alexander Dworkin die Zahl der Sektenmitglieder auf 600.000 bis 800.000. Nach dem Ende der Sowjetunion erlebte nicht nur die unter den Kommunisten unterdrückte Orthodoxe Kirche eine Renaissance, sondern auch Hunderte religiöser Bewegungen, die das ideologische Vakuum zu füllen suchten. Allein zwischen 1991 und 1999 stieg nach Angaben der Moskauer Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta" die Zahl der Mitglieder der Zeugen Jehowas in Russland von 30.000 auf rund eine Viertelmillion. In Sibirien wiederum huldigen Tausende Gläubige dem ehemaligen Polizisten Sergej Anatoljewitsch Torop, der sich für den neuen Jesus Christus hält. Und nahe der Wolgastadt Nischni Nowgorod verehrt eine kleine Sekte Russlands Premierminister Wladimir Putin - als wiedergeborenen Apostel Paulus.

Die Welt kompakt vom 01.07.2011
Russland verbietet Scientology-Schriften 
Russland hat einzelne Schriften der umstrittenen Organisation Scientology als extremistische Literatur eingestuft und damit verboten. Die Werke des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard stehen nun auf dem Index, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit. Die Texte seien darauf gerichtet, eine isolierte soziale Gruppe zu bilden, die gegen den Rest der Welt kämpfe, begründete die Behörde ihre Entscheidung. In Hubbards Werken gebe es "erniedrigende Charakterisierungen, Ablehnung und negative Einstellungen gegenüber Menschen und ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht", hieß es.

SWR.de, 01.07.2011
Scientology unterwandert Schülernachhilfen
MannheimScientology unterwandert Schülernachhilfen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Scientology haben sich offenbar in zwei Nachhilfeschulen in Mannheim eingeschlichen. Nach SWR-Informationen geht es konkret um vier Fälle, bei denen drei Mitglieder der Sekte versucht haben sollen, Kinder nach umstrittenen Scientology-Methoden zu unterrichten. Die Mitglieder hatten sich in Mannheim zunächst regulär um die Stellen in den Nachhilfeschulen beworben und dort zum Teil mehrere Wochen unauffällig unterrichtet. Nach und nach sollen dann Scientology-typische Bücher und Unterrichtsmaterialien des Sektengründers L. Ron Hubbard benutzt worden sein. Als die ungewöhnlichen Nachhilfe-Stunden bekannt wurden, kündigten die drei Mitarbeiter. Aus Angst vor Repressalien der Sekte wollen die betroffenen Nachhilfe-Institute nicht öffentlich auftreten oder erkannt werden. Scientology ist seit Jahren verstärkt auf dem Bildungsmarkt tätig und wird seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Sekte betreibt deutschlandweit nach eigenen Angaben vier so genannte Lerncenter, darunter beispielsweise eines in Bad Cannstatt.

FAZ.net, 22.06.2011, Verena Lueken
Scientology In der Kirche des Ich
Früher stiegen hier Katharine Hepburn, Humphrey Bogart und Clark Gable ab, heute gibt es zumindest noch gutes Essen: Ein Besuch im ehemaligen Residenzhotel Chateau Élysée, in dem sich heute das Celebrity Center von Scientology befindet.
Fällt es Ihnen schwer, einen klaren Gedanken zu fassen? Waren Sie schon einmal müde, ohne dass es einen offensichtlichen Grund dafür gab? Sind Sie manchmal grundlos gereizt? Haben Sie sich je hölzern und leblos gefühlt? Macht es Ihnen Schwierigkeiten, sich für Menschen oder Dinge zu begeistern? Wenn Sie von zehn solcher Fragen mehr als drei mit „Ja“ beantworten, sind Sie ein klarer Fall für das innere Reinigungsprogramm von Scientology. Dann haben sich in Ihrem Körper Drogen, Chemikalien und andere Gifte angesammelt, die Sie nicht so einfach wieder loswerden; gegen die Sie auf dem Laufband anrennen sollten; die Sie bekämpfen, ausschwitzen, mit vielen Litern Flüssigkeit rausschwemmen und mit Vitaminpillen beschießen müssen. So erklärte es uns in der vergangenen Woche Jenni vom Celebrity Center der Church of Scientology in Los Angeles. Wir standen in einem warmen Kellerraum zwischen marktgängigen Fitnessgeräten, schauten einem trainierenden Mann auf den nackten Rücken und sogen in tiefen Zügen die von vermutlich botanischen Zusätzen schwere, aus der Sauna nebenan strömende Luft ein. Reinigung, von innen, schien plötzlich keine so schlechte Idee.
Wollten Sie nicht auch schon mal Ihre Frau ermorden?
Wir waren ja auch gut vorbereitet. Fast zwei Stunden lang hatten wir zuvor Michael Wisner zugehört – er stellte sich als „Produzent, Autor und Umweltaktivist“ vor, trug eine dottergelbe Krawatte, einen unsauberen Haarschnitt und einen buschigen Vertreterschnäuzer –, was er zum Thema zu sagen hatte. Es klang in seiner vermutlich berechtigen Verteufelung des Agrarkonzerns Monsanto ein bisschen wie die Vortragsversion des Films „Food Inc.“, bestand aus einer rasanten Abfolge von Schreckensmeldungen über giftige Chemikalien im Haushalt, auf den Feldern, in der Kleidung, der Nahrung und der Luft einschließlich der dramatischen Folgestatistiken über Brust- und Eierstockkrebs (toxins do real harm to real people), und brauchte mehr als hundert Minuten, bis zum ersten Mal der Name L. Ron Hubbard fiel. Da hatte Wisner die zweitbesten Tipps gegen all das Übel schon ausgepackt: Fenster auf, vor allem im Auto, und die Schuhe, an denen, da kann man machen, was man will, Bleireste kleben, vor der Haustür stehen lassen. Den besten Tipp lieferte dann der leitende Direktor des Celebrity Center selbst: „Dianetics“ und das Reinigungsprogramm im Keller. Seine Grundlage ist das Standardwerk „Clear Body, Clear Mind“ des Sektengründers L. Ron Hubbard, dessen Werke in fünfzig Sprachen sich laut Eigenwerbung inzwischen mehr als 160 Millionen Mal verkauft haben. Auch ich erwarb zwei Bücher, obwohl mich das, was als wrap up angekündigt war und dann von David, so hieß er, mit der übertriebenen Zappeligkeit eines gescheiterten Stand-up-Komikers vorgetragen wurde, doch irritiert hatte: „Wollten Sie nicht auch schon mal Ihre Frau ermorden?“, kreischte er etwa und rief „peng“ zur entsprechenden Geste. „Haben Sie sich nicht schon einmal vor Angst verkrochen?“, wisperte er mit wedelnden Händen und wimmerte dann wie ein Kleinkind – solche Clownereien machte er uns vor, um zu zeigen, welch ungesunde Emotionen unsere vergifteten Körper hervorbringen.
Auch damals wurde Sinnsuche betrieben
Meine Beziehungen zu Scientology waren intensiv, wenn auch kurz. Alles begann mit der Idee, im Renaissance, dem sehr gelobten Restaurant im Celebrity Center in Los Angeles, einen Tisch für ein Abendessen zu reservieren. Das war kein Problem, das Restaurant steht allen offen, wie die Church of Scientology selbst angeblich auch, was sich allerdings als nicht ganz richtig erwies. Das Celebrity Center ist, wenn man das so tautologisch sagen darf, berühmt, weil dort schon die Tochter von John Travolta bei Weihnachtsfeiern aufgetreten ist, Tom Cruise und die Seinen zu Gast waren wie auch Chick Corea und viele andere Größen der Film- und Unterhaltungsindustrie, die behaupten, ihr Erfolg habe ursächlich damit zu tun, dass sie über die scientologische Lehre und deren Praktiken zur Optimierung ihres Selbst (und zur Dezimierung der Gifte in ihrem Körper) gefunden hätten. Nachdem die Reservierung so problemlos aufgenommen worden war, rief ich noch einmal an und fragte, ob ich wohl vor dem Essen eine Führung durch das Gebäude bekommen könne. Es handelt sich nämlich um das Château Élysée, ein ehemaliges Residenzhotel der Luxusklasse, in dem eine Reihe von Filmstars, die mir deutlich näher sind als die, die jetzt dort absteigen, einst Quartier bezogen hatten: Lilian Gish, Bette Davis, Carol Lombard, Katharine Hepburn, Humphrey Bogart, Clark Gable, Cary Grant – die ganze Riege Unsterblicher, deren Geistern ich dort zu begegnen hoffte. Gebaut hat das Château der Architekt Arthur E. Harvey 1927 im Stil einer französischen Burg aus dem siebzehnten Jahrhundert, allerdings mit Aufzug in die sieben Stockwerke des verschachtelten Baus. Seine Auftraggeberin war Eleanor Ince, die Witwe des Stummfilmproduzenten Thomas H. Ince, und es ist zu vermuten, dass auch damals in diesen Hallen Sinnsuche betrieben wurde, nur mit anderen Mitteln. Die Partys sollen in den Dreißigern berühmt und berüchtigt gewesen sein.
Ein etwas mulmiges Gefühl 
Jedenfalls hoffte ich darauf, in den Zimmern 603 (Humphrey Bogart) oder 216 (Edward G. Robinson) oder in den Gängen und Treppenhäusern zwischen ihnen, im Foyer oder dem Garten mit den uralten Kautschukbäumen eine Spur von ihnen zu finden. Ich stellte mir vor, wie die Erinnerungen aus den Tapeten strömen und wie als Schweif freundlicher Gespenster noch einmal die große Zeit Hollywoods vorbeiwehen würde mit all der Melancholie, die seine Stars umhüllte und die sich im Chteau eingenistet haben musste. Raymond Chandler hat einmal von einem Hotelfoyer in Los Angeles geschrieben, die Erinnerungen hingen dort in den Ecken wie Spinnweben, und nach so etwas wollte ich Ausschau halten. „Kein Problem“, lautete die Antwort auf meine Tour-Anfrage. „Wenn Sie um acht essen wollen, kommen Sie zur Führung doch schon um sechs. Fragen Sie nach Craig. Oder Saul.“ Wir waren pünktlich. Das Auto parkten wir ein wenig abseits, und mit etwas mulmigem Gefühl betraten wir das Grundstück, das von der Straße aus durch hohe, dicke Hecken kaum einsehbar, aber mit einer Messingplatte klar beschildert ist. Welchem Typ Mensch würden wir dort begegnen? Ich kannte ja die Geschichten über Scientology, ich wusste von den zerstörten Existenzen derer, die einst dazugehört hatten, den abstrusen Auftritten von Tom Cruise und auch von der langen, bestürzenden Geschichte von Paul Haggis und seinem Austritt aus der Sekte, die kürzlich im „New Yorker“ stand. Auch Haggis – inzwischen mehrfacher Oscargewinner, zum Beispiel für sein Drehbuch von „Million Dollar Baby“ – hat im Chateau gewohnt, als er 1976 nach Hollywood kam und auf erste Aufträge als Drehbuchautor hoffte. Damals war das Haus heruntergekommen, und vom ehemaligen Glamour war, wie in der ganzen Gegend, nichts mehr zu sehen. Nach aufwendiger Renovierung des Schlosshotels und einer ganzen Reihe anderer historischer Gebäude in Hollywood, die Scientology gehören, steht das Celebrity Center inzwischen unter Denkmalschutz. 
Plakate und gerahmte Hubbard-Bilder
Haggis, so hieß es in dem Artikel, habe an diesem damals so schäbigen Ort ein Gefühl der Kameradschaft erlebt, das ihm gänzlich unbekannt gewesen sei: „All diese Atheisten auf der Suche nach etwas, an das sie glauben, all die Einzelgänger auf der Suche nach einem Club, dem sie beitreten konnten!“ Würden wir heute, da das Château in altem Glanz eine fast einschüchternde Solidität und gleichzeitig etwas Unheimliches ausstrahlt, Atheisten und Einzelgänger treffen, die etwas suchen, das es hier zu finden gibt? Erst einmal trafen wir Craig. Er hatte die weiche Stimme eines Fachverkäufers, einen nicht ganz trockenen Händedruck und die undurchdringlich glatte Haut eines genmanipulierten Filmgeschöpfs. Als Erstes schlug er vor, den Ablauf zu ändern. Ein weltberühmter Bestsellerautor komme um halb acht, um einen Vortrag zu halten, dazu seien wir herzlich eingeladen. „Und die Führung?“, fragten wir. Die gebe es später, und essen könnten wir, wenn es uns recht sei, doch jetzt schon? Da war es Viertel nach sechs, aber die Aussicht auf viel mehr Scientology, als wir zu hoffen gewagt hatten, war zu verlockend, als dass wir bei der Essenszeit kleinlich sein wollten. Craig zeigte uns also eilig das Foyer mit seinem weißen Flügel und der Hubbard-Büste, führte uns in raschem Schritt an den offenstehenden Bürotüren vorbei, durch die man auf Plakate und gerahmte Hubbard-Bilder schauen konnte, und geleitete uns ins Restaurant, in dem etwa fünf Menschen saßen. Wir blickten in den Garten mit seinen kunstvoll beschnittenen Hecken und Rasenflächen, überlegten, ob einer der beiden Männer, die an einem Gartentisch saßen und rauchten, wohl ein Vetter von John Travolta sei, und wunderten uns über die zahlreichen Menschen, die im hinteren Teil des Parks um einen großen Pavillon herumstanden wie auf einer Party, bei der niemand den Gastgeber kennt. 
Dem Katholizismus deutlich unterlegen?
Unseren Wunsch nach zwei Mojitos konnte das Restaurant nicht erfüllen. Es hat keine Lizenz für harte Drinks, das muss früher einmal anders gewesen sein. Das Essen war gut, ein großer Tisch in der Nähe, reserviert offenbar für höhere Ränge in der Hierarchie von Scientology, füllte sich nach und nach mit entspannt wirkenden Männern und Frauen, die sicher Wesentliches zu besprechen hatten, und irgendwann kam Craig zurück, um uns zum Vortrag abzuholen. Und fragte, was wir so täten im Leben. Mein Freund sagte, er sei Schriftsteller und Gelehrter, ich gab mich als Filmkritikerin zu erkennen. Craig wurde sofort misstrauisch. Wenn ich vorhätte, etwas zu schreiben, müsse ich mit der Presseabteilung Kontakt aufnehmen. Ich erklärte, ich interessierte mich für das im April von Scientology erworbene Film- und Fernsehstudio KCET und dafür, was Scientology damit vorhabe. Bei KCET hatte ich bereits angerufen, um eine Studiotour zu erbitten. So etwas ist nichts Ungewöhnliches in Hollywood, doch mein Anruf erreichte nur ein Band: „Die Studiotour ist aus Sicherheitsgründen bis auf weiteres ausgesetzt“, erklärte eine Stimme, die ich nicht fragen konnte, ob Anschlagsgefahr bestehe oder nur die Dachziegeln lose seien? „Wir haben das Gelände noch nicht in Besitz genommen“, ließ später die Scientology-Presseabteilung wissen. Wenn es so weit sei, werde man renovieren, und später dann, „da bin ich sicher“, schrieb Karin Pouw vom PR-Büro, werde es wieder Führungen geben, aber „davon sind wir noch weit entfernt“. Da mich dasselbe Büro bei meiner Frage nach dem Studiokauf und den zukünftigen Plänen bereits mit einer Presseerklärung abgefertigt hatte, schien es mir sinnlos zu fragen, was mich am meisten interessierte, nämlich: wie es zu erklären sei, dass sich nicht einmal Grundzüge von Hubbards Lehren im Werk all jener Filmemacher aufspüren lassen, die als Berühmtheiten so hofiert werden, dass ihnen eigens ein Schloss zur Verfügung gestellt wird? Und ob da Scientology, sich selbst als Kirche verstehend, dem Katholizismus nicht deutlich unterlegen sei? Denn dessen große Topoi durchziehen doch die Filmgeschichte von Anfang an bis heute? Erreichen die Werke nicht mehr als ihre Schöpfer? Mehr im Sinn von Reklame, wenn man so will? 
Die Nadel schlug bis zum Anschlag aus
Statt dies zu fragen, setzten wir uns zu einer Handvoll Interessierter in einem Zimmerchen auf zierliche Stühle und hörten zu, was Michael Wisner uns zu sagen hatte. Wisner, der weltweit berühmte Bestsellerautor, hat übrigens, soweit das bei den üblichen Internetanbietern zu erkennen ist, nur ein Buch geschrieben, und zwar 1996 gemeinsam mit David Steinman unter dem Titel „Living Healthy in a Toxic World“. Für 0,01 Dollar kann man es dort gebraucht erwerben, aber ich vermute, es steht wohl nicht mehr drin als das, was er an jenem Abend erzählte. Als der Vortrag vorbei war, verteilte Jenni kleine Karten mit den Fragen, ob es uns manchmal schwerfalle, einen klaren Gedanken zu fassen, ob wir grundlos müde oder gereizt seien. Nachdem wir anschließend den Keller und die Fitnessanlage gesehen hatten, führte sie uns in den Buchladen, wo ich die zwei Bücher kaufte, von denen eines immer noch eingeschweißt daliegt, und zeigte mir auf meine Bitte noch den Elektropsychometer, kurz E-meter genannt. Sie bat mich sogar in einen anderen Raum, um mich ausprobieren zu lassen, wie das geht – zwei suppendosenähnliche Metallzylinder in die Hände nehmen, nicht zu fest zupacken und stumm, aber ehrlich auf eine einfache Frage antworten. Zum Beispiel: „An wen denken Sie?“ Die Nadel des Geräts schlug bis zum Anschlag aus. Ich erschrak, und auch Jenni reagierte entsetzt. Ich sagte ihr, an wen ich gedacht hatte, und sie versuchte, mich zu trösten: „Mit solch einem Gewicht im Kreuz müssen Sie nicht durchs Leben gehen. Ich schenke Ihnen zwei Stunden ,auditing‘. Passt es Ihnen übermorgen um fünf Uhr nachmittags?“ 
Sie schrieb nicht zurück
Das „auditing“ ist eine der grundlegenden Techniken von Scientology, ein standardisiertes Gespräch mit festgelegten Fragen, in dem alte Lebenskonflikte aufgespürt und eliminiert werden. „Clear“ zu werden ist das erklärte Ziel dieser Methode. Haggis hatte dem „New Yorker“ erzählt, er selbst sei damals im Château „clear“ geworden, er habe hier also den Ausgangspunkt für seinen Aufstieg in die spirituell höheren Etagen der Organisation gefunden. Stand ich kurz davor, einen ersten Schritt in diese Richtung zu tun? Um dann möglicherweise frühere Leben ins Bewusstsein zurückzurufen oder wenigstens eine blendende Karriere zu machen? Diese Möglichkeit im Auge, verließen wir das Château. Auf dem Heimweg fuhren wir den Sunset Boulevard entlang. Wir passierten die Church of Blessed Sacrament auf der linken Seite, den Nachtclub „Der siebte Schleier“ auf der rechten, glitten am Bräunungsstudio Hollywood TanMan vorbei, an den Läden für Beauty Supplies und Tätowierungen, kleinen Malls, dem Hollywood Studio Motel und dem Comfort Inn, Gitarrenläden und immer wieder „Girls, Girls, Girls“. Die Palmen wuchsen höher als die höchsten Reklameschilder, von denen das höchste überhaupt ein Cartoon-Plüschtier in Karatepose zeigte, die Werbung für „Kung Fu Panda 2 – Double the Awesomness“. Am nächsten Tag erreichte mich der Anruf: Mein „auditing“ sei abgesagt. Da ich Journalistin sei, komme das nicht mehr in Betracht. Ich schrieb an Jenni und gab meiner Enttäuschung darüber Ausdruck, dass die versprochene Offenheit von Scientology offenbar jederzeit für jeden gelte, nur für meinen Berufsstand nicht. Sie schrieb nicht zurück. Wir aber spürten in jener Nacht in Hollywood: Irgendwie, irgendwann werden nach den Körpern auch die Seelen all der Suchenden in Bestform sein.

Aargauer Zeitung, 15.06.2011, Dieter Minder
So geht Scientology in Baden auf Kundenfang
Die Sekte Scientology geht auf dem Bahnhofplatz im aargauischen Baden auf Kundenfang. Sie versprechen dabei den Menschen menschliche Defizite auszumerzen. Zudem verkaufte die Sekte DVD's mit ihrem Gedankengut für 18 Franken.
Vor rund 2000 Jahren, 50 Tage nach Ostern, ist der Heilige Geist auf die Erde herabgekommen, so steht es in der Bibel. Mit dem Pfingstfest erinnern die christlichen Kirchen an diesen Tag der Erleuchtung. Obwohl Pfingsten keines der ganz grossen christlichen Feste ist, gilt der Tag als Gründungsmoment der christlichen Kirche. Eher eine Irrlichtvariante propagierten zum Pfingstwochenende auf dem Bahnhofplatz in Baden die Scientologen. Sie hatten ihre grosse gelbe Zeltstadt aufgestellt, um darin Werbung für ihre Sicht des Glaubens zu machen. Sie versprachen den Weg zum Glücklichsein. Gedankengut ab 18 Franken Dabei muss das Geld eine nicht unbedeutende Rolle spielen, denn primär wurden DVDs zum Kauf angeboten. Ab 18 Franken, aber auch zu höheren Preisen, konnte scientologisches Gedankengut erworben werden. Wer sich dafür interessierte, wurde alsbald ins Innere des Zeltes eingeladen. Dort standen auf Tischen, zwei der für die Scientologen wichtigen E-Meter. Es handelt sich letztlich lediglich um elektrische Widerstandsmessgeräte. Der Besucher muss in jede Hand einen Kontakt nehmen, was automatisch einen Ausschlag des Zeigers zur Folge hat. Die Scientologen behaupten, damit Defizite beim Menschen feststellen zu können. Defizite, die ihn daran hindern, ein guter, erfüllter Mensch zu sein. Getreu ihrem Motto «Man kann immer etwas tun» wird der Besucher eingeladen, einen Persönlichkeitstest zu machen und danach seine Defizite abzuarbeiten. Das macht er am besten mit Scientology-Kursen. Und diese Kurse kosten Geld. Bei einem Kurs bleibt es in der Regel nicht, weitere Kurse, um neu erkannte Defizite zu beseitigen, müssen absolviert werden. Beobachter bezeichnen Scientology mit diesem Kurssystem als eine Geldmaschine. Studenten würden Gewalt konsumieren Fast etwas verschämt ob all den angebotenen DVDs hingen am Zelt noch einige Blätter, auf denen «bewiesen» wurde, wie gross der moralische Verfall der Gesellschaft ist. Da wurde behauptet, dass 14,6% der Studierenden an Sprühflaschen inhaliert hätten. 20% der Studierenden würden täglich mehr als 3 Stunden Gewalt am Fernsehen konsumieren und 65% der 13 bis 17-Jährigen sagten, dass an den Schulen geschummelt werde. Gegen diesen von ihnen diagnostizierten Verfall sollen die Scientologen mit ihrem auf dem «gesunden Menschenverstand beruhenden Moralkodex» ankämpfen. Dazu aber brauchen sie viele Anhänger, die den Kampf auch finanziell unterstützen. In Baden hielt sich der Erfolg ihrer Rekrutierung in Grenzen. Wenige machten den Schritt durch die Zeltöffnung, über der ein dem christlichen Kreuz nachempfundenes Symbol prangte.

news.com, 04.06.2011
Scientologe zahlen für 'einschüchternd angebliche Opfer sexuellen Missbrauchs
Ein hochrangiges Mitglied der Church of Scientology Kirche wurde von der Polizei erhoben worden für einschüchternd ein junges Mädchen, die innerhalb der wollte Bericht sexuellen Missbrauchs Vorwürfe. Jan Eastgate, das Haupt der Kirche ist "International Commission on Human Rights", die Psychologie Angriffe, wurde von NSW Police wurde mit Behinderung der Justiz. Nach der ABC-TV's Lateline hat die Polizei angeblich Eastgate eingeschüchtert einer damals 11-jährige Carmen Rainer, falsche Aussagen über sexuellen Missbrauch durch ihren Stiefvater zu stellen. Frau Rainer hat behauptet, dass Frau Eastgate, der damals Leiter der Kirche Bürger-Kommission für Menschenrechte in Australien, ihr gesagt, sie sollten alle Kosten des sexuellen Missbrauchs zu verweigern oder sie und ihr Bruder würde sich von sozialen Diensten getroffen werden. Frau Rainers Mutter Phoebe hat auch zugegeben, Frau Eastgate erzählte sie beide, was sie sagen und zu lügen, um Polizei und in einem Interview mit dem Department of Community Services. Frau Eastgate früher als die Vorwürfe "unerhört false". Sie hat sie nicht kommentiert seit geladen. Frau Eastgate wurde von NSW Polizei aufgefordert worden, ihren Paß zu ergeben. Frau Rainer hatte zuvor gesagt, dass sie von hochrangigen Mitgliedern der Scientology wurde gesagt, dass Missbrauch Strafe für die in einem früheren Leben schlecht war. "Sie sagte:" Nur Nein sagen, so oft wiederholen, dass "," Frau Rainer sagte dem ABC in einem Interview im vergangenen Jahr. "Sie sagte mir, es war meine Schuld, weil ich hatte in einem früheren Leben schlecht. Ich glaubte ihnen." Frau Eastgate war der Empfänger der Church of Scientology "Freedom Medal für ihre Arbeit mit den Menschenrechten, in erster Linie auf die Aufdeckung Probleme mit Psychologie Behandlungen ab. Die Nachricht kommt nach der Australian Securities & Investments Commission Anfang dieses Monats startete eine Untersuchung über die Geschäfte eines Sydney Bauträger und leitende Scientologe über eine Reihe von Immobilien-Deals. Die Untersuchung von ASIC in Carly Crutchfield wurde nach unabhängigen Senator Nick Xenophon gestartet - eine vokale Gegner von Scientology - schickte ein Dossier mit dem Unternehmensnetzwerk Watchdog im letzten Monat. Senator Xenophon ist für eine gerichtliche Untersuchung in die Kirche ruft. Die South Australian Senator verlangt, dass die Organisation der offiziellen religiösen Status als Kirche, die unter anderem das Ergebnis nicht besteuert werden Mittel abgezogen werden.Scientology basiert auf den Lehren des amerikanischen Science-Fiction-Schriftsteller L. Ron Hubbard, der das menschliche psychische Probleme aufgrund einer uralten außerirdischen Führer namens Xenu, die den Planeten Erde angegriffen und hinterließ traumatisierten Geister der ehemaligen Erde Rennen gelehrt werden gegründet.

Limmattaler Zeitung, 04.06.2011
Kanton Zürich will keine Räume an Scientology vermieten
Der Kanton Zürich will keine kantonseigenen Räumen an die umstrittene Organisation Scientology vermieten. Dies hält der Regierungsrat in einer Antwort auf eine SP-Anfrage fest. Dafür müsse man allerdings auch wissen, mit wem man es zu tun habe.
In der Anfrage wollten zwei SP- Kantonsräte wissen, wie es dazu kommen konnte, dass die Citizens Commission on Human Rights (CCHR) im Februar 2011 die Alte Börse in Zürich für fünf Tage mieten konnte, obwohl die CCHR eine Scientology- Tochterorganisation ist. Das Gebäude der Alten Börse befindet sich im Besitz der BVK des Kantons Zürich. Der Regierungsrat betont, in der Vergangenheit seien Vermietungen an Scientology jeweils abgelehnt worden. Das wäre auch «mit grosser Wahrscheinlichkeit» im Februar so gewesen. Dass es Verbindungen des Mieters - einer Privatperson - zur CCHR und Scientology gab, habe man jedoch nicht gewusst. Die CCHR, die sich als «Bürgerkommission für Menschenrechte» bezeichnet, wurde nach eigenen Angaben 1969 von Mitgliedern der Scientology und dem Psychiater Thomas Szasz gegründet. Sie gibt an, Verletzungen der Menschenrechte durch die Psychiatrie zu untersuchen. Vom 18. bis 23. Februar präsentierte sie in der Alten Börse eine Ausstellung mit dem Titel «Psychiatrie - Hilfe oder Tod?» Präsidiert wird die Vereinigung in der Schweiz vom Winterthurer Psychiater Felix Altorfer.

Merkur-online, 17.05.2011
Scientologen beschweren sich über Brucks OB
Fürstenfeldbruck - Das „Zentrum für eine bessere Welt“, das sich zu Scientology bekennt, will in der Fürstenfeldbrucker Öffentlichkeit immer wieder für sich werben Die Stadt versucht, das auf verwaltungstechnischem Weg abzulehnen. Nun hat die Organisation gegen OB Sepp Kellerer, Rechtsamtsleiter Christian Kieser und Fürstenfeld-Chef Norbert Leinweber Dienstaufsichtsbeschwerde erhoben. Zudem werden alle Stadträte in einem Brief zur Stellungnahme aufgefordert. Der Vorwurf: Die Verwaltung verbiete dem in Maisach ansässigen Zentrum, Infostände an der Sparkasse aufzubauen und Räume im Veranstaltungsforum für Seminare anzumieten - aus reiner Willkür, wie Marianne Altheimer in dem Brief schreibt. Der Hintergrund: Seit Jahren versucht das zu Scientology gehörige Zentrum am Hauptplatz präsent zu sein. Da die Stadt dieser Organisation keine Plattform bieten möchte, wurden dahingehende Anträge soweit möglich abgelehnt, berichtet Kieser. „Etwa, wenn bereits andere Infostände genehmigt waren, oder uns der Stand zu groß erschien.“ An den vergangenen zwei Wochenenden musste er aber doch genehmigt werden. Weltanschauung alleine reiche nicht für eine Ablehnung. Im vergangenen Jahr diskutierte der Stadtrat bereits einmal über die Problematik. OB Sepp Kellerer (CSU) zog sogar in Erwägung, vor der Sparkasse grundsätzlich auf alle Infostände zu verzichten. Diese Idee kommt bei Marianne Altheimer vom „Zentrum für eine bessere Welt“ nicht gut an. Der Stadtrat habe beschlossen, keine Infostände des Zentrums mehr zu genehmigen, schreibt sie den Stadträten. Sie frage sich, auf welcher Rechtsgrundlage das basiere und will von jedem Kommunalpolitiker wissen, was ihn zur Zustimmung bewogen habe. Zudem droht sie, gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch zunächst wolle sie in einem persönlichen Gespräch die Sachlage aufgreifen. Auch in der Stadtbibliothek in der Aumühle will das Zentrum offenbar Fuß fassen. Die Leiterin berichtet, dass Altheimer zweimal versuchte, ihr Scientology- Bücher zu schenken. „Sie hat darauf gedrängt, dass wir sie aus Gründen der Informationsfreiheit nehmen müssen.“ Es gebe genug Bücher gegen Scientology. Die Bürger hätten das Recht, die andere Seite zu sehen. Doch sie sei hart geblieben. Resultat: Das Zentrum habe sich beim OB über sie beschwert. Bei der Stadt rechnet man damit, dass Scientology weiter Druck macht. „Der Stadtrat wird sich damit beschäftigen müssen, ob er eine generelle Regelung für Infostände macht“, sagt Rechtsamtsleiter Christian Kieser. Die Folge: In bestimmten Gegenden sind sie dann außerhalb des Wahlkampfs für alle verboten. Die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen OB Kellerer bearbeitet die Kommunalaufsicht.

Die Welt, 03.05.2011, Hanns-Georg Rodek
Scientology sitzt nun im Herzen Hollywoods
Die Sekte kauft das älteste Filmstudio am Sunset Boulevard - und verliert mit dem Oscar-Gewinner Paul Haggis einen ihrer wichtigsten Prominenten Als David Wark Griffith 1916 seinen Blockbuster "Intolerance" drehte, ließ er im Studio ein Jerusalem wie zu Christi Zeiten aufbauen. Nun brauchte er nur noch den Ölberg. Sein Kameramann entdeckte in nächster Nähe den Olive Hill, der sich als ideal erwies für den Blick auf die Heilige Filmstadt und ihren Erlöser. Wer nun heutzutage vom Olive Hill gen Süden schaut, blickt direkt auf den L. Ron Hubbard Way. Vor fünfzehn Jahren genehmigte der Stadtrat von Los Angeles die Umbenennung der Berendo Street zu Ehren des Gründers der Church of Scientology. L.A. ist immer noch ein gutes Pflaster für Erlöser. Bald wird die Präsenz der "Kirche" in der Filmstadt noch sichtbarer sein. Fährt man den Sunset nur zwei Avenues weiter nach Osten, erhebt sich dort ein Gebäude mit rötlich-olivener Klinkerglasfassade: "KCET" steht in großen Lettern dort, wo bald der Scientology-Schriftzug prangen dürfte. Die Sekte hat das älteste kontinuierlich für Filmezwecke genutzte Studio in Hollywood gekauft. An der Adresse 4401 Sunset Boulevard residierten viele Jahre das B-Film-Studio Monogram Pictures und sein Nachfolger Allied Artists, hier entstanden die Innenszenen Hunderter von Western, von den Charlie-Chan-Detektivfilmen und dem Charlton Heston-Monumentalfilm "El Cid". Anfang der Siebziger, als das klassische Studiosystem sich in Auflösung befand, machte Allied seine Immobilie zu Geld, und der nächste Mediennutzer zog ein: die öffentlich-rechtliche Fernsehstation KCET. Nun, vierzig Jahre später, sieht sich wiederum die Fernsehindustrie von einem neuen Medium attackiert, und prompt wechselt das Gebäude erneut seinen Besitzer. "Das neue Studio" - so eine Pressemitteilung der Scientologen - "ermöglicht es der Kirche, eines der fortgeschrittensten Zentren für religiöse Sendungen zu errichten." Das bisherige Medienzentrum der Sekte befindet sich im kalifornischen Riverside County, aber die 28 000 Quadratmeter an Studiohallen, Nachbearbeitungsräumen und Büros am Sunset Boulevard verdoppeln ihre Kapazitäten. Außerdem sind nun Studios, Druckzentrum und das Scientologen-Hauptquartier im L. Ron Hubbard Way - neu eröffnet im vorigen August - alle in Los Angeles konzentriert. Dort hatte Scientology bereits Ende der Sechzigerjahre sein erstes "Celebrity Centre" gegründet; heute gibt es davon Ableger in Paris, Wien, Düsseldorf, München, London, New York, Florenz, Las Vegas und Nashville. Zur gleichen Zeit, in der Scientology ihre Medienaktivitäten bündelt, bläst der Organisation auch in Amerika der Gegenwind (etwas) stärker ins Gesicht. Anfang des Jahres sickerte durch, dass der bisher hochrangigste Prominente Scientology verlassen habe: Paul Haggis, zweimal Oscar-gekrönter Drehbuchautor für "Million Dollar Baby" und "L.A. Crash" und Regisseur von "Im Tal von Elah" und "72 Stunden". Haggis war dreieinhalb Jahrzehnte Sektenmitglied und hatte deren höchstes "Level der Erkenntnis" erreicht: Er war ein "Operating Thetan VII", ein Titel der erst nach endlosen Stunden des Lernens (sprich: der Gehirnwäsche) verliehen wird. Scientology-kritische Experten schätzen, dass sich die Kosten der Kurse bis zum höchsten Thetan-Level auf bis zu einer halben Million Dollar belaufen können. Inzwischen wurde eine noch höhere Erkenntnisstufe eingeführt, der "Thetan VIII", den nur erreichen kann, wer sich Intensivkursen auf Schiffen unterzieht. Dieser Art von Indoktrination hatte sich Haggis verweigert, obwohl er in seinem Gehorsam sehr weit gegangen war. Die "Kirche" hatte seiner Frau befohlen, jeden Kontakt zu ihren Eltern abzubrechen (die aus der Sekte ausgetreten waren), und "obwohl es ihr schrecklichen Schmerz bereitete", hatte sich Haggis' Frau an diese Anweisung gehalten. Selbst dies war für Haggis noch kein Knackpunkt gewesen. Der kam erst, als seine jüngste Tochter Katy einem Scientologen-Freund gestand, dass sie lesbisch sei. Der Freund begann daraufhin, andere Sektenmitglieder zu warnen: "Katy ist 1.1.". Der Code bezieht sich auf die Kategorisierung von Menschen in L. Ron Hubbards "The Science of Survival", und ein "1.1." ist demnach ein "verdeckter Feind", und das seien die gefährlichsten und heimtückischsten. Derartige Personen hätten Gelegenheitssex, seien Sadisten und Homosexuelle. Diese Bemerkungen finden sich in den neueren Auflagen des kanonischen Scientology-Buches nicht mehr, und offiziell wird Homosexualität nicht mehr verurteilt. Doch deren Missbilligung scheint in Sekten-Kreisen noch weit verbreitet zu sein. Als 2008 in Kalifornien über die gleichgeschlechtliche Ehe abgestimmt wurde, sprachen sich Scientologen öffentlich für deren Verbot aus. Haggis schrieb nun an den Chef-Pressesprecher der Kirche, an Tommy Davis (Sohn der Schauspielerin Anne Archer, bekannt als Frau von Michael Douglas in "Eine verhängnisvolle Affäre"), und kritisierte das offizielle Schweigen: "Schweigen ist Zustimmung, Tommy. Ich weigere mich, zuzustimmen... Hiermit gebe ich meine Mitgliedschaft in der Kirche zurück." Solch prominente Austritte werden ansonsten höchst diskret behandelt. Haggis jedoch schickte seinen Brief an mehr als zwanzig Scientologen-Freunde weiter, darunter an Anne Archer, John Travolta und Sky Danton, den Gründer von EarthLink. So wird die Psycho-Sekte langsam auch zum Problemthema in den Vereinigten Staaten. In Hollywood selbst arbeitet der Regisseur Paul Thomas Anderson - bekannt durch "Magnolia" und "There will be Blood" - an einem Film namens "The Master". Es soll darin um eine Kirche namens "The Cause" (Die Sache) gehen und um die Beziehung zwischen deren charismatischem Gründer und einem jungen Herumtreiber, der seine rechte Hand wird. Das Wort "Scientology" kommt nirgends im Drehbuch vor, aber alle warten gespannt auf den ersten Hollywood- Film, der sich die Sekte vornimmt, die sich im Herzen der Traumfabrik eingenistet hat.

RP-online, 29.04.2011
Scientology erwirbt modernes Studiogelände
Berlin (kna). Die umstrittene "Church of Scientology" will ihre weltweiten Medienaktivitäten ausweiten. Sie erwarb nach eigenen Angaben ein 4,5 Hektar großes TV-Studiogelände in Hollywood. Das Areal sei hervorragend für den Ausbau eigener religiöser und sozialer Produktionen geeignet, teilte der deutsche Zweig von Scientology mit. Wegen des Verdachts auf antidemokratische Tendenzen wird Scientology in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet.

BZ, 26.04.2011
Die sterbende Krake Scientology bläst zum Großangriff auf Berlin "Wir müssen viel, viel mehr werben"
Die Anweisungen klingen streng, befehlsartig. Sie künden von einem bis ins kleinste Detail vorherrschenden Macht- und Kontrollbedürfnis. Der B.Z. liegt exklusiv ein Scientology-Papier vor. Die Sekte selbst nennt es "Schlachtplan". Der Inhalt: Führungsdirektiven, mit denen die angeschlagene Berliner Organisation finanziell und personell wieder stark werden will. Der Plan wurde anonym Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (57, SPD) und Innensenator Ehrhart Körting (68, SPD) zugesandt. Das interne Dokument der vom Verfassungsschutz beobachteten Scientology-Kirche zeigt, welcher immense Druck auf die fest angestellten Mitglieder (Staffs) aufgebaut wird. Ziel: mehr Profit, Berliner "auf Kurs" bringen. Zitat: "Wir müssen viel, viel mehr werben!!" Um jede einzelne Person wird gekämpft (siehe Ausrisse). Typisch: Abkürzungen und englisch-deutsches Kauderwelsch. "Die Organisation ist weiterhin in Berlin nicht erfolgreich und hat Mitglieder verloren", so Verfassungsschutzpräsidentin Claudia Schmid. "Sie gerät zunehmend unter Druck, denn ihr eigentliches Ziel ist es, Geld zu verdienen. "Laut Sektenleitstelle sank die Zahl der Mitglieder von 200 auf 100.

Bildungsklick, 15.04.2011
Berlin: Scientology wirbt an Berliner Schulen
Die Leitstelle für Sektenfragen klärt mit aktuellem Faltblatt auf Berliner Schulen erhielten am Anfang dieser Woche Einladungen zu einem "Tag der offenen Tür" zum Thema "Drogenprävention", Absender: Die Scientology Zentrale in der Otto-Suhr-Allee. "Scientology inkognito" heißt ein neues Faltblatt der Leitstelle für Sektenfragen, das über die zahlreichen Unterorganisationen und Kampagnen der selbsternannten Kirche informieren soll und jetzt an die Schulen verteilt wird. Die in der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung ansässige Leitstelle für Sektenfragen reagiert damit auf verstärkte Werbebemühungen der Unterorganisationen von Scientology. Mit vermeintlich karitativen oder sozialen Initiativen versucht die Organisation jugendliche Zielgruppen zu erreichen. Sie nutzt dazu soziale Netzwerke wie Facebook, SchülerVZ, YouTube, setzt Plakate ein und verteilt Broschüren, DVDs und Musikvideos an Infotischen. Nach Einschätzung der Leitstelle für Sektenfragen bieten diese Unterorganisationen von Scientology mit ihren Kampagnen keine nachhaltige Hilfe. Stattdessen verbreiten sie vor allem scientologisches Gedankengut, und dies, ohne dass für Interessierte der Zusammenhang gleich erkennbar ist. Scientology selbst bezeichnet diese Kampagnen als ihre "wichtigen Verbreitungs- Werkzeuge". Das neue Faltblatt benennt alle Unterorganisationen und Kampagnen, schafft Transparenz und ist damit ein wichtiger Bestandteil der Berliner Präventionsarbeit. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden ist die Mitgliederzahl der Scientology-Organisation zwar deutschlandweit rückläufig. Dennoch versucht die Organisation nach eigenem Bekunden weiterhin im Rahmen einer so genannten "Idealen-Org-Kampagne" ihre deutschen Niederlassungen nachhaltig zu vergrößern und zu stärken. Das Faltblatt kann auf der Seite www.berlin.de/sen/familie/sekten-psychogruppen eingesehen und runtergeladen werden. 
Der direkte Weg zum Flyer:
http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-familie/sekten-psychogruppen/scientology_inkognito.pdf?start&ts=1302868083&file=scientology_inkognito.pdf

Der Westen vom 12.04.2011, Wilfried Goebels
Scientology ist via Facebook auf dem Weg ins Kinderzimmer
Der NRW-Verfassungsschutz beobachtet mit Sorge, dass Scientology immer häufiger über soziale Netzwerke Kontakte zu Jugendlichen knüpft.
Düsseldorf. Die Sekte Scientology nutzt soziale Netzwerke wie Facebook, StudiVZ und SchülerVZ als Kontaktplattformen zur Jugend. Der Verfassungsschutz hat wegen der wachsenden Gefahren und der steigenden Mitgliederzahlen die Beobachtung verstärkt. Die Scientology-Sekte verschafft sich über das Internet Zugang in die Kinderzimmer. Der NRW-Verfassungsschutz beobachtet mit Sorge, dass die Sekte immer mehr Jugendliche mit gezielten Kampagnen dort abholt, wo sie viel Zeit verbringen: am heimischen Computer. Scientology hat die neuen Medien für sich entdeckt. Auf Plattformen wie YouTube und Twitter, in sozialen Netzwerken von Facebook über StudiVZ und SchülerVZ, sowie in Blogs und Foren geht die Sekte mit Videos von Tarnorganisationen wie „Jugend für Menschenrechte“ oder „Sag nein zu Drogen – sag ja zum Leben“ auf Kundenfang. Der Verfassungsschutz hat wegen der wachsenden Gefahren und der steigenden Mitgliederzahlen die Beobachtung verstärkt. Laut Verfassungsschutzbericht geht Scientology ganz gezielt vor. Kinder und Jugendliche, die auf der Suche nach Materialien für ein Referat zu den Themen Drogen und Menschenrechte im Internet surfen, landen schnell auf den Seiten der Scientologen. 600 Mitglieder in NRW Dort finden arglose Surfer neben professionellen Videoclips auch Infomaterial – und landen zwischen Links zu anerkannten Organisationen wie den Vereinten Nationen in einem Atemzug bei Scientology-Organisationen. Dort wird dann in Kampagnen ein positives Bild der Sekte vermittelt. Der Verein „Jugend für Menschenrechte“ fordert Surfer schnell auf, Mitglied zu werden. Gibt der Jugendliche seine Daten preis, kann ihn die Sekte direkt ansprechen. Der Verfassungsschutz warnt: Dass Scientology hinter der Kampagne steckt, steht nur im Kleingedruckten. Die Mitgliederzahl hat Scientology in NRW in jüngster Zeit auf 600 erhöht – Tendenz steigend. Verfassungsschutzpräsidentin Mathilde Koller verfolgt den Angriff auf die „Zielgruppe Kinder“ mit wachsender Sorge. Scientology verfügt aus Sicht des NRW-Verfassungsschutzes „über Strukturen mit totalitärem Anspruch“. Scientology rüstet auf: Die Sekte bemüht sich um den Kauf eines repräsentativen Gebäudes in Düsseldorf.

Europaticker, 11.04.2011
CDU-Fraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen warnt vor Scientology- Tarnorganisationen 
Vor getarnter Mitgliederwerbung der Scientology-Sekte warnt der CDU- Landtagsabgeordnete Marc Ratajczak. So verberge sich beispielsweise hinter Tarnorganisationen namens „Sag nein zu Drogen – sag ja zum Leben“ oder „Jugend für Menschenrechte“ in Wahrheit die Scientology-Sekte. „Vor allem Kinder und Jugendliche stehen bei der Sekte im Fokus der Neumitgliederwerbung. Das Werben hat eine neue Dimension erreicht. Scientology geht es nicht um die Drogenproblematik oder um Menschenrechte, sondern ausschließlich um die Werbung neuer Mitglieder und damit die Verbreitung der Sekte. Mithilfe solcher Tarnorganisationen und des Internets sollen gezielt junge, ahnungslose Menschen ‚eingewickelt‘ werden“, warnt der CDU-Landtagsabgeordnete. Auch bei den Nachhilfeinstitutionen setzt Scientology auf Tarnung. Eindeutige Kennzeichen einer Verbindung von Nachhilfeinstituten zu Scientology sind Namen wie ‚Nachhilfe und Lerntechniken‘, Zentrum für individuelles und effektives Lernen‘ (ZIEL), ‚Applied Scholastics‘ oder ‚Ziel Concept‘. Der CDU-Politiker begrüßt daher, dass sich der jüngst vorgestellte Verfassungsschutzbericht 2010 ausführlich mit der Sekte befasst und auch in den Medien auf die gefährliche Organisation und deren verlogene Tarnungen hingewiesen wird. Derzeit hat Scientology laut Verfassungsschutzbericht in Nordrhein-Westfalen 600 aktive Mitglieder und diese Zahl soll weiter ausgebaut werden. Dazu setzen Scientology auch auf Internetportale und soziale Netzwerke wie Youtube, Facebook, MeinVZ oder SchülerVZ. Nur selten ist dabei auf den ersten Blick zu erkennen, dass hinter bestimmten Seiten die gefährliche Sekte Scientology steht. „Ich empfehle den Eltern mit ihren Kindern über die Nutzung des Internets zu sprechen und sie zu fragen, auf welchen Seiten sie sich bewegen bzw. bei welchen Vereinen und Organisationen sich ihre Kinder anmelden bzw. Informationsmaterial anfordern. Sollten die Eltern unsicher sein, können sie sich auf den Seiten des Verfassungsschutzes NRW und Sekten Info NRW (ww w.sekten-info-nrw.de) informieren“, so Ratajczak.

Tages-Anzeiger, 10.03.2011, Hugo Stamm.
Tragischer Held Ron Hubbard
Ron Hubbard war kein Universalgenie und auch kein Kriegsheld. Der Gründer von Scientology hat seine Biografie geschönt. Soll Schriftsteller, Flugpionier, Filmemacher bei Expeditionen und vieles mehr gewesen sein: Ron Hubbard. 
Mit pompösen Festen feiern die Scientologen an diesem Wochenende weltweit den 100. Geburtstag ihres Gründers Ron Hubbard. Obwohl der Sektenführer vor 25 Jahren gestorben ist, verehren sie ihn wie einen lebenden Messias. In vielen Zentren ist ein Büro für ihn eingerichtet, das nur das Putzpersonal betritt. Es soll signalisieren: Hubbard ist hier, zumindest sein Geist. Die Scientologen sprechen denn auch gern in der Gegenwartsform von ihrem Gründer, denn das Genie ist in ihren Augen unsterblich. Um dem Publikum das epochale Jubiläum nahe zu bringen, verbreitet Scientology in Inseraten seine Heldentaten. Auch in Zürich. 400'000 Reisekilometer In der Scientology-Version tritt uns Hubbard als Universalgenie entgegen. Mit drei Jahren konnte er lesen, mit 14, also 1925, reiste er durch mehrere Länder Asiens. In Nordchina studierte er «bei asiatischen Mönchen die geistige Bestimmung der Menschheit». Bevor er an der George Washington University das Studium begann, soll er bereits über 400'000 Reisekilometer zurückgelegt haben. «Mit 21 Jahren beschloss er seine Hochschulstudien mit einer Eins», heisst es in einer Broschüre. Hubbard soll Schriftsteller, Forscher auf geistes- und naturwissenschaftlichen Gebieten, Flugpionier, Filmemacher bei Expeditionen und vieles mehr gewesen sein. «Verdacht auf Geistesgestörtheit» Was er als junger Mann in nur sieben Jahren angeblich vollbracht hat, dafür bräuchten sterbliche Wesen ein ganzes Leben. Viele Heldentaten entsprangen aber seiner Fantasie, so auch sein Hochschulabschluss, denn davon weiss die Uni nichts. Kurz: Die offiziellen Biografien enthalten ähnlich viel Fiktion wie seine Bücher und Heilslehre. Besonders amüsant lesen sich die kriegerischen Grosstaten des Scientology- Gründers. Bei einem Marineeinsatz wurde er an der Front halb blind, gelähmt und «in Stücke geschossen». Die Ärzte hätten ihn aufgegeben, doch er heilte sich selbst – und entdeckte dabei die Grundlagen von Scientology. In Wirklichkeit bekam er wegen eines Magengeschwürs und Arthritis eine Rente. Ein amerikanischer Journalist fand heraus, dass ein Beamter folgenden Vermerk an die Hubbard-Akte heftete: «Verdacht auf Geistesgestörtheit.»

Schwäbische Post, 23.02.2011, Manfred Moll
Scientology wirbt an den Schulen
Unter einem Deckmantel schickt die Sekte den Aalener Elternbeiratsvorsitzenden einen Brief und eine Film-DVD Scientology wirbt im Umfeld von Aalener Schulen. Dabei spielt die Sekte nicht mit offenen Karten. Die Elternbeiräte erhielten in den vergangenen Wochen Post, und zwar an die jeweilige Adresse der Schule. Der Inhalt des Umschlags: Ein Brief und ein Film auf DVD, in denen vor angeblichen Gefahren von Psychopharmaka gewarnt wird.
Aalen. Absenderin der Umschläge ist eine Aalener Bürgerin. In dem Schreiben gibt sie vor, sich Sorgen zu machen über das Ausmaß, in dem Schulkindern Psychopharmaka verabreicht werden. Beigelegt ist eine Film-DVD mit einer angeblichen „Dokumentation“. Der Film (liegt der SchwäPo vor) dreht sich um eine US-Amerikanerin, deren 18- jähriger Sohn sich das Leben genommen haben soll. Behauptet wird, er sei in den Tod gesprungen, weil er mit Psychopharmaka behandelt wurde. Auf diesen Film nimmt die Aalenerin Bezug. Der Film ist in Englisch mit deutschen Untertiteln. Ins Deutsche übersetzt jedoch ist das Begleitheft. Und darin wird versucht, ganz unterschwellig zu vermitteln, alle medizinische Behandlung von Schulkindern mit Psychopharmaka sei letztlich ein Versagen der Eltern und generell eigentlich unnötig. Zitiert werden etliche „Experten“ – die Scientology nahestehen. Im Film selbst kommt unter anderem ein Arzt zu Wort, der in etwa behauptet, wer sich gesund ernähre, ausreichend an der frischen Luft sei und sich mit den richtigen Leuten abgebe, könne gar nicht psychisch krank werden. – Mit den „richtigen Leuten“ sind natürlich Scientology-Mitglieder gemeint. Das Begleitheft verweist auf „empfohlene Lektüre“. Herausgeber sind zumeist Scientology-nahe Verlage und eine ihrer Tarnorganisationen (cchr.org). Ganz platt wird es dann, wo im Begleitheft steht, das Wort „pharmazeutisch“ stamme von dem griechischen „pharmakeutikos“ ab, was „Ausübung der Hexerei“ bedeute. Das allein, so heißt es, sollte doch Warnung genug sein . . . Etliche Elternbeiratsvorsitzende wurden sofort aktiv, nachdem sie die fragliche Post ihrem jeweiligen Fach im Schulsekretariat entnommen hatten. Aber wahrscheinlich nicht in der Art und Weise, wie die Absenderin sich das vorgestellt hat. Denn sie begannen, Nachforschungen anzustellen, und fanden schnell heraus, dass die Absenderin eine Scientology-Aktivistin ist, die auch eine entsprechende Internet-Homepage hat. (Name und Adresse der Frau sind der SchwäPo bekannt, sie räumt auch ein, Absenderin der Postsendung zu sein.) Gleichzeitig wurden der Gesamtelternbeiratsvorsitzende und das Schulamt der Stadt von dem Vorgang informiert. Der Aalener Gesamtelternbeiratsvorsitzende Klaus Seeling seinerseits stellte sofort per E-Mail klar, dass der Brief und die Film-DVD nicht vom Gesamtelternbeirat kommen, sondern von Scientology. „Leider unter einem Deckmäntelchen“, sagt er zur SchwäPo. Werbung zu verschicken sei natürlich nichts Strafbares, meint er. Aber sobald sie von totalitären Organisationen komme, müsse man sich dagegen wehren, betont Klaus Seeling. Das Schulamt der Stadt und Klaus Seeling haben das staatliche Schulamt Göppingen und das baden-württembergische Kultusministerium informiert. „Wir nehmen das ernst“, sagt Hans-Jörg Polzer, Leiter des staatlichen Schulamts. Er bittet alle Elternbeiräte und Schulen, die derartige Post bekommen, seine Behörde darüber zu informieren. Das Kultusministerium hat die Sache seinem Sektenbeauftragten übergeben. „Scientology“ gelte schließlich als eine demokratiefeindliche Organisation (der Verfassungsschutz hat sie im Visier). Sprecherin Carina Olnhoff ergänzt, im vergangenen Jahr habe es in Stuttgart eine ähnliche Aktion der Sekte gegeben.
Info: Scientology 
Die Organisation gilt als religiöse Sekte, die ihre Mitglieder in psychische Abhängigkeit bringt. Aussteiger und Kritiker werden massiv bekämpft. Der Gründer Ron L. Hubbard wollte ursprünglich die Psychotherapie revolutionieren. Heute bekämpft Scientology die psychiatrische Medizin radikal. Hubbard, ein US-Amerikaner, der 1986 gestorben ist, bezeichnete seine Lehre, die „Dianetik“, als „moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“. Die Psychiatrie sah er als unliebsame Konkurrenz. Kein Wunder: Sekten rekrutieren ihre (zahlenden) Mitglieder oft unter psychisch labilen Menschen.

Augsburger Allgemeine, 21.02.2011, Oliver Helmstädter
Markus Stuckenbrocks Kampf gegen Scientology 
Der Burlafinger Scientology-Aussteiger Markus Stuckenbrock kämpft gegen die Methoden der Sekte und macht sie für den frühen Tod seines Bruders verantwortlich. von 
Nicht immer gelingt es Markus Stuckenbrock einfach vorbei zu gehen, wenn er den knallbunten Stand von Scientology zwischen Hirsch- und Bahnhofsstraße in Ulm sieht. Er wisse allzu gut aus eigener und familiärer Erfahrung, was die angebotenen Bücher und Psychotests anrichten können: Psychische Abhängigkeit durch vielgestaltige Manipulation sowie den sozialen und finanziellen Ruin. Der Sekten-Aussteiger sieht die Stadtverwaltung in der Pflicht, gegen solche Stände vorzugehen. Die sehen aber ihre Hände gebunden. Ein Blick auf den Kampf gegen eine selbst ernannte Religion, an die der Burlafinger Stuckenbrock (fast) die ganze Familie verloren hat. „Methoden zur Indoktrination“, die der „ideologischen Umerziehung“ dienen, nennt der Verfassungsschutzbericht von Baden-Württemberg, was regelmäßig an Samstagen Passanten in Ulm angeboten wird. Manchmal verteilt der Ex- Scientologe scientology-kritische Schriften vor ihrem Stand. „Dass weniger Menschen in diese Falle tappen.“ Er selbst war schon drin. Und sein Vater ist bis heute Scientologe, genauso wie seine (Halb-)Brüder. Markus Stuckenbrock (46) stieg mit 19 aus, er ist heute verheiratet und hat zwei fast erwachsene Töchter. Der Kontakt zu Brüdern und Vater ist schwierig. Als Abtrünniger ist er geächtet und gilt als Verräter. Angeblich wurde sein Bruder ohne ausreichende Hilfe eingesperrt Außerdem macht Stuckenbrock Scientology für den frühen Tod seines Bruders vor drei Jahren verantwortlich. Viel Zeit und Geld habe er investiert, um die Umstände des Todes vor Ort zu rekonstruieren. Angeblich sei sein Bruder Uwe Stuckenbrock – dessen Sekten-Karriere einst in Ulm begann, als er an multipler Sklerose erkrankte – in einem Reha-Zentrum von Scientology jahrelang ohne ausreichende medizinische Hilfe eingesperrt worden. Bis er im Oktober 2008 starb. „Das war ein Arbeits- und Gleichschaltungslager, in dem abtrünnige oder angeblich schlecht produzierende Mitarbeiter wieder auf den rechten Weg zurückgeführt werden sollen.“ Markus Stuckenbrock spricht von einer „schrecklichen Leidensgeschichte in einer fanatischen, totalitären Organisation“, die in Ulm ihren Anfang nahm. 1998 flüchtete Uwe demnach aus dem internationalen Hauptquartier nahe Hemet in Kalifornien mit einem Motorrad, wurde aber sehr schnell von Sicherheitskräften zurück gebracht. Scientology habe seinen Bruder daran gehindert, Mutter und Familie über seine Krankheit zu informieren. Sein Bruder, einst im Führungskader habe nämlich nicht mehr ins Selbstbild der Psychosekte gepasst und sei daher abgeschoben worden. Denn perfekt trainierte Scientologen können der Lehre nach nie krank werden, wie Jürgen Keltsch vom Bayerischen Innenministerium in einer Publikation erklärt. Sektengründer L. Ron Hubbard behauptete demnach, er könne mit Scientology einen neuen, besseren Menschen erschaffen – den so genannten „Homo Novus“. Dauerhaft kranke Menschen wie Uwe Stuckenbrock oder Menschen mit Behinderung haben in dieser Welt keinen Platz. Markus Stuckenbrock, der Scientology-Aussteiger, schaffte es in eine andere Welt: Er arbeitet seit 20 Jahren als Heilerziehungspfleger mit Behinderten. Scientology, das laut Verfassungsschutzbericht einen eigenen Nachrichtendienst („Office of Special Affairs“) betreibt, der die Aufgabe hat, Kritiker und Gegner auszuforschen und unter Umständen repressive Maßnahmen zu treffen, weist alle Vorwürfe weit von sich. Dies alles spiegelt aus ihrer Sicht, „die Paranoia eines Apparats wieder, der seine Agenten darauf ansetzt, Rufmordkampagnen gegen die Scientolo gy-Kirchen in Deutschland durchzuführen“. Auf ein medizinisches Gutachten über den Tod seines Bruders, das ein Scientologe Stuckenbrock nach dem Auftritt in der Talkshow „Markus Lanz“ offenbar versprach, wartete Stuckenbrock vergebens. Kritiker und insbesondere Aussteiger wie Stuckenbrock werden von Scientology als „Kriminelle“ bezeichnet und als zu bekämpfende „unterdrückerische Personen“ stigmatisiert, auf unterstem Niveau geschmäht, herabgewürdigt und mitunter auch verklagt. So steht es im Verfassungsschutzbericht. Scientology wittert hingegen seit Jahren eine Diffamierungskampagne der Verfassungsschützer. „Lügen als Programm“ heißt der Vorwurf auf einer eigenen Internetseite von Scientology über ihre „Wahrheiten“ und den Verfassungsschutz. Außer einer Flut an Hubbard-Werbematerial habe Stuckenbrock bislang keine Reaktionen auf seine öffentliche Kritik an den Methoden und Zielen von Scientology erhalten. Er will weiter zu Felde gegen Scientology ziehen. Anwälte in den USA seien längst eingeschaltet. Das FBI ermittelt dem Nachrichtenmagazin Spiegel zufolge schon „seit einer ganzen Weile“ gegen Scientology. So habe die Behörde im Dezember 2009 tagelang Scientology-Aussteiger vernommen. Das FBI prüfe unter anderem den Vorwurf des Menschenhandels und der Sklavenarbeit. Stuckenbrock hofft, dass der Todesfall seines Bruders ein Teil der FBI-Ermittlungen ist. So will Markus Stuckenbrock wenigstens die Kreise der „Mission“ genannten Ulmer Scientology-Zweigstelle stören. Er versuchte dies auch per Brief an Oberbürgermeister Ivo Gönner, in dem er aufzeigte, wie der Stand in der Fußgängerzone verhindert werden könne. Mehrere deutsche Gerichte hätten Scientology als wirtschaftlichen Betrieb eingestuft, sodass ein Stand über hohe Gebühren verhindert werden kann. Die Ulmer Stadtverwaltung sieht jedoch ihre Hände gebunden, da es sich nicht um eine verbotene Organisation handle. Markus Stuckenbrock kann das kaum ertragen. In schwachen Momenten seien Menschen sehr empfänglich für die Heilsversprechungen. So wie seine Eltern in den 70er Jahren. Sie suchten Halt, als ihr jüngster Sohn nach einer Operation starb. Nun sei sein Vater blind durch die Psycho-Methoden: Er merke nicht, dass er durch die Sekte noch mehr Kinder verloren habe.

Berliner Zeitung, 16.02.2011, Frank Nordhausen
Der US-amerikanische Regisseur Paul Haggis macht öffentlich, warum er Scientology verlassen hat Von 
„Ich mochte das Versprechen, dass Scientology die Fähigen fähiger macht." So begründet der Hollywood-Regisseur Paul Haggis, warum er der berüchtigten Psycho-Sekte fast 35 Jahre lang treu blieb. Es schmeichelte ihm, zur Elite des Planeten zu gehören, sagt Haggis, "zu den Besten der Besten". So nämlich hätschelt Scientology jene Celebritys, die ihr als Werbeträger dienen. Darunter Stars wie Tom Cruise, Katie Holmes, John Travolta, Chick Corea, denen in Großbuchstaben auf die Stirn geschrieben scheint: "Ich bin, was ich bin, durch Scientology. Wer auch so erfolgreich sein will, der muss zu Scientology kommen - und zwar sofort." Deshalb war es ein PR-Desaster für die Sekte, als Paul Haggis Scientology vor anderthalb Jahren verließ, als erster Aussteiger der Top-Prominenten-Garde. Jetzt ist der zweite Schlag erfolgt. Denn jetzt enthüllt Haggis der amerikanischen Öffentlichkeit den Zynismus, die Gewalt und die Gehirnwäschemethoden der Organisation - in der aktuellen Ausgabe des Magazins New Yorker. Er ist die Hauptperson einer 26-Seiten-Recherche des angesehenen US-Journalisten und Buchautors Lawrence Wright. Der 57-jährige Haggis ist ein sehr erfolgreicher Hollywood-Regisseur und Drehbuchautor. Er hat Oscars gewonnen für "Million Dollar Baby" (2004) und "L.A.Crash" (2006), hat Bücher für TV-Serien und James-Bond-Filme geschrieben. Wohl auch deswegen hat die ausführliche Darstellung seines Bruchs mit Scientology in den USA so großes Aufsehen erregt. Die Zeitschrift New Yorker hat sich zudem extrem gut abgesichert, hat mit äußerster Akribie recherchiert und für jede Behauptung eine Stellungnahme von Scientology eingeholt - die fast immer lautet: "Scientology bestreitet diese Darstellung." Damit wurde der klagefreudigen Sekte von vornherein der juristische Wind aus den Segeln genommen. Was das Magazin gegebenenfalls zu befürchten hatte, machte der Scientology-Sprecher Tommy Davies klar, als er zum offiziellen Interview gleich vier Anwälte mitbrachte. Und jeder Chefredakteur in Amerika weiß, dass Scientology die New York Times 1991 für ihre Enthüllungsrecherche "Kult der Gier" auf 416 Millionen Dollar Schadenersatz verklagte. Die Zeitung gewann den Prozess zwar nach Jahren. Aber die Drohung existenzgefährdender Verfahren schwebt seither über jedem, der Ähnliches wagt. Bis vor Kurzem war Scientology in den USA ein Thema, das die Medien nur mit Samthandschuhen anfassten. Das hat sich geändert. Der New-Yorker-Artikel steht in einer Reihe neuerer Veröffentlichungen, die Scientology in einer in den USA bisher ungekannten Weise vorführen. Viele Top-Scientologen haben den Sektenkonzern in den vergangenen zwei Jahren verlassen und Bücher über ihre teils schockierenden Erlebnisse geschrieben. Mutige Zeitungen wie die St. Petersburg Times aus Florida, wo Scientologys "spirituelles Zentrum" ist, haben gewagt, sie zu interviewen. Paul Haggis gehörte nicht zu diesen Spitzenkadern, die viel internes Wissen haben, sondern zum Kreis ihrer umhegten Hollywoodstars, die von den finsteren Seiten der Organisation nur durch Zufall erfahren oder wenn sie, wie der gebürtige Kanadier, beginnen, Fragen zu stellen. Paul Haggis geriet in einen inneren Konflikt, als Scientology 2008 das Referendum gegen die damals legale Homo-Ehe in Kalifornien unterstützte und alle Mitglieder ebenfalls dazu aufforderte. Seine beiden Töchter sind lesbisch. "Das ist ein Makel in der Integrität unserer Organisation", schrieb Haggis damals in einem Brief an die Scientology-Leitung. Erst zu der Zeit fiel ihm auf, dass der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard Homosexualität bereits in den Fünfzigerjahren als "gefährlich" definierte und die Sekte Kurse zur Heilung der "Krankheit" anbietet. Einmal irritiert, begann Haggis im Internet zu recherchieren und stieß auf viele weitere Widersprüche in der Scientology-"Ethik": den "Trennungsbefehl" von Scientology-kritischen Angehörigen, die Kinderarbeit in der Elitetruppe "Sea Org", die Umerziehungs- und Straflager, die extreme Kontrolle. Er erfuhr, dass Mitglieder der Sea Org, die sich für eine Milliarde Jahre dienstverpflichten, nur 50 Dollar Wochenlohn bekommen, während der Scientology-Boss David Miscavige und sein Freund Tom Cruise einen "luxuriösen Lebensstil" pflegen, mit nickelveredelten Motorrädern, privaten Dienern und Köchen aus der Sea Org. Scientology bestreitet all dies. Der Bericht des New Yorker schildert zeitversetzt, was in Europa und im Internet seit Mitte der Neunzigerjahre bekannt ist, und was jeder Interessierte etwa in den Broschüren der deutschen Verfassungsschutzämter nachlesen kann, die die als verfassungsfeindlich eingestufte Organisation seit 1997 beobachten. Ein Jahr zuvor enthüllte die Berliner Zeitung Interna aus den Straflagern des Psychokonzerns. Im selben Jahr publizierte die Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats die erste wissenschaftliche Studie darüber. Gleichwohl galt Scientology - und gilt bis heute - in den USA als "Religion". "35 Jahre lang war ich in einer Sekte", sagt Paul Haggis jetzt, aber er habe das nicht wahrgenommen. Immerhin sehen heute nicht mehr alle US-Behörden über die Scientology-Aktivitäten hinweg. Seit einigen Jahren ermittelt das FBI, unter anderem wegen des Vorwurfs der Kinderarbeit und des Menschenhandels. Bisher allerdings ohne sichtbares Ergebnis.

Aargauer Zeitung, 12.02.2011, Dieter Minder
Scientologen versuchen in Baden Anhänger zu werben 
In der Badstrasse in Baden stehen fast jeden Samstag diskret zwei Personen, die Werbung machen für eine Bürgerkommission, deren Mitglieder fast ausschliesslich Scientologen sind. Jetzt ist es nicht mehr die grosse gelbe Zeltstadt auf dem Bahnhofplatz, jetzt sind es diskret zwei Personen, die fast jeden Samstag auf der Badstrasse in Baden für die Scientologen Werbung machen. Wobei sie ganz streng genommen nicht für Scientology werben, sondern für die Bürgerkommission für Menschenrechte (Citizens Commission on Human Rights, CCHR). Diese «untersucht und enthüllt Verletzungen der Menschenrechte durch die Psychiatrie», zumindest behauptet sie das. Effektiv handelt es sich bei der CCHR um eine Organisation, deren Mitglieder fast ausschliesslich Scientologen sind. Diese werben auf sehr druckvolle Art für ihre Weltanschauung, von der sie behaupten, es handle sich um eine Religion. Konsequenterweise sprechen sie von einer Kirche und benutzen Symbole, die bei flüchtigem Hinsehen mit christlichen Symbolen verwechselt werden können. Wer Näheres erfahren will, über den ergiesst sich ein fast unendlicher Wortschwall von eher unergiebigem Informationsgehalt. Dieser Gefahr setzen sich alle Leute aus, die sich von den Scientologen in der Badstrasse in ein Gespräch verwickeln lassen. Für die Anhänger wird es teuer In einem ersten Schritt versuchen sie den Leuten Bücher über Scientology oder Dianetik, wie sie ihre Theorie auch nennen, zu verkaufen. Wer sich interessiert zeigt, der wird aufgefordert, einen Persönlichkeitstest über sich ergehen zu lassen. Fast immer zeigt dieser, dass der Getestete in seiner Persönlichkeit noch einige Defizite hat. Die kann er nur beheben, wenn er bei den Scientologen Kurse bucht. Damit gerät die Person in einen Strudel, aus dem sie sich fast nicht mehr befreien kann. Immer weitere Kurse, oft zu sehr hohen Preisen, muss sie absolvieren, um endlich zum so genannten Clear oder Operierenden Thetan zu werden. Das sind die Wesen, die dank Vertrag mit Scientology einige Milliarden Jahre existieren sollen. Viele Satellitenorganisationen Die CCHR, die momentan in Baden auftritt, ist nur eine der Satellitenorganisationen, in der Scientologen tätig sind. Weitere sind die Ehrenamtlichen Geistlichen (Volunteer Ministers), das Aktionskomitee «Sag nein zu Drogen», die Gesellschaft für ein besseres Leben und Ausbildung (Association for better Living and Education, ABLE) oder die Stiftung Vision Zukunft mit Sitz in Holziken. Von sich behauten die Scientologen, sie seien eine Kirche. Geschaffen hat ihre Grundlage der 1984 verstorbene Science-Fiction-Schriftsteller Ron Lafayette Hubbard. Seiner Ansicht nach kann der Mensch fast unendlich lange leben. Die Voraussetzung, er muss dafür eine fast unendliche Anzahl von Kursen absolvieren und einen Vertrag über einige Milliarden Lebensjahre abschliessen. All das kann sehr kostspielig werden. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen sich Leute stark verschuldet haben, um Geld an Scientology zu überweisen. Sie wird von den Kritikern als Konzern mit rein wirtschaftlichen Zielen angesehen. Das gilt unter anderem für die ökumenische Sektenberatung Schweiz, die evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen oder die Infosekta. Eine totalitäre Bewegung In Deutschland hat sogar der Verfassungsschutz ein wachsames Auge auf Scientology geworfen. So schreibt das Landesamt für Verfassungsschutz von Baden-Württemberg, dass Hubbards Ansichten «unvereinbar mit der verfassungsmässigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland» seien. Begründet wird dies unter anderem mit folgenden Worten: «Wie andere totalitäre – und damit extremistische – Bewegungen erhebt die Scientology-Organisation eine Art Alleinvertretungsanspruch. Sie versteht sich als einzige und ausschliessliche Besitzerin politischer, religiöser oder sonstiger weltanschaulicher Wahrheiten.»

Short News, 08.02.2011
Scientology-Sekte wird angeblich wegen Menschenschmuggels vom FBI untersucht 
Die Scientology-Sekte wird angeblich wegen Menschenschmuggels, Sklaverei und Gewaltanwendung vom FBI untersucht. Die ehemaligen Mitglieder der Kirche, zu der solche prominenten Personen wie Tom Cruise und John Travolta gehören, werden derzeit zu diesen Vorwürfen befragt. Außerdem geriet David Miscavige, der Leiter der Kirche, ins Visier der Untersucher. Ihm wird nämlich wiederholte Gewalt gegen die jungen Mitglieder der Kirche unterstellt. Obwohl diese Information erst jetzt an die Öffentlichkeit gerät, soll die FBI-Untersuchung bereits seit einem Jahr andauern.

Tagesanzeiger, 26.01.2011, Hugo Stamm
Gesellschaft Scientology kommt auf Samtpfoten 
Früher missionierten Scientologen vornehmlich mit Flugblättern. Heute setzt die Psychogruppe vermehrt moderne Marketingmethoden ein, um Anhänger zu gewinnen. Gibt es Scientology überhaupt noch? Diese Frage stellen sich viele, denn missionierende Scientologen sieht man nur noch selten am Bahnhof oder auf öffentlichen Plätzen. Scientology gibt es nach wie vor. Bloss ködert die Psychogruppe heute mit diskreteren Methoden als früher neue Anhänger. Sie will den Ruf als aggressive Sekte korrigieren. Obwohl sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit weniger präsent ist, missioniert sie wie eh und je. Dies erfuhr zum Beispiel ein leitender Beamter einer staatlichen Behörde. Kürzlich bekam er ein englisches Mail von einer internationalen Stiftung. Um glücklich zu werden, solle er die Broschüre «Der Weg zum Glücklichsein» lesen. Weiter wurde er aufgefordert, 18 Exemplare zu kaufen und an Freunde zu verteilen, um diese ebenfalls glücklich zu machen. Er suchte vergeblich einen Absender, entdeckte dann aber im Kleingedruckten einen Hinweis, der ihn stutzig machte: Das Copyright liege bei der Hubbard- Bibliothek, las er. Dahinter steckt Scientology, schoss es ihm durch den Kopf. Unklare Datenherkunft Drei Tage später bekam er ein Mail vom Scientology- Zentrum Zürich mit folgendem, verbal doch recht abenteuerlichen Inhalt: «Hallo, um Hilfe zu erhalten, um Ihr Leben sollte man unserer Kirche in Zürich Kontakt liegt. Die Mitarbeiter dort werden sehr glücklich sein, Ihnen zu helfen.» Nach einem weiteren Mail folgte ein Anruf einer Scientologin, die sich auf die Mails bezog. Als er sie aufforderte, die Mailzuschriften zu unterbinden, kam es zu einem Disput. Was den Beamten besonders irritiert: Die Scientologen besitzen private Eckdaten, die nicht leicht zu beschaffen sind. Er fragt sich, wie Scientology die Angaben beschafft hat. Scientology-Sprecherin Annette Klug erklärt, sie hätten keine Adressen von der Stiftung erhalten, welche die Broschüre vertreibt. Sie kann sich nicht erklären, wie es zu dieser Verstrickung gekommen ist. Sie würden auf Wunsch Ma iladressen löschen. Telefon und Massagen Ein beliebtes Missionierungsinstrument ist das Telefon. TA-Leser beschweren sich immer wieder, sie seien von Scientologen kontaktiert worden. «Will jemand keinen Kontakt, dann wird dies selbstverständlich respektiert», sagt die Scientology-Sprecherin. In jüngster Zeit schaltet Scientology auch Publireportagen in Gratiszeitungen, die wie normale Artikel daherkommen. Dank der Broschüre «Der Weg zum Glücklichsein» habe die Gewaltanwendung an Schulen um 70 bis 80 Prozent gesenkt werden können, wird in einem Text behauptet. Weiter missionieren Scientologen vermehrt mit Info- Ständen, ohne sich als Anhänger des Sektengründers Ron Hubbard zu erkennen zu geben. Sie treten beispielsweise als Vertreter einer Menschenrechtsorganisation auf. Manchmal stellen sie Massagetische auf und behandeln Passanten. Dabei können sie diese in ein Gespräch verwickeln. Manchmal lassen sich Passanten auch auf einen Test mit dem Hubbard-Elektrometer ein – eine Art Lügendetektor. Die Behörden haben kaum Möglichkeiten, die Standbewilligung zu verweigern, weil Scientology dagegen klagen würde. Arbeitslose im Visier Scientology peilt auch gern Arbeitslose an und bietet ihnen in Inseraten eine Stelle an. Der Wortlaut: «Niedriges Gehalt – grossartige Zukunft.» Ausserdem streut die amerikanische Organisation eigene Zeitungen mit Artikeln von Hubbard und Referenzschreiben ihrer Promis. Schauspieler John Travolta lässt sich beispielsweise so zitieren: «Dianetik brachte mich ganz nach oben.» Dabei handelt es sich um eine Art therapeutisches Verfahren, dank dem Travolta angeblich «etwas wirklich Grosses erreichen konnte.»

spielfilm.de, 07.01.2011, Sira Brand
Paul Haggis packt aus: Kritisches Buch über Scientology 
Der Name sagt alles: Mit "The Heretic of Hollywood: Paul Haggis vs. The Church of Scientology" wird der Oscarpreisträger sich bei Thetan-Jüngern zweifellos sehr unbeliebt machen. Mutig: Der Regisseur und Autor Paul Haggis (L.A. Crash (WA)) plant, ein Buch über seine Erfahrungen mit der Scientology zu veröffentlichen. "The Heretic of Hollywood: Paul Haggis vs.The Church of Scientology" sollen seine Memoiren heißen, die er zusammen mit Lawrence Wright, einem Journalisten des Magazins New Yorker, verfassen wird. Haggis löste sich 2009 von dem Kult - die Gründe beschrieb er in einem Brief: Latente Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen, sowie den Zwang, Kontakt zu Familienmitgliedern, die Scientology kritisch gegenüberstehen, abzubrechen. In seinem Schreiben gab Haggis an, man habe seine Frau Deborah Rennard gezwungen, nicht mehr mit ihren Eltern zu sprechen, nachdem diese aus der Sekte ausgetreten waren. Im Übrigen solle Scientology, sobald jemand austrete, private Details für Schmierkampagnen missbrauchen - als Beispiel führte Haggis Amy Scobee an, eine Frau, die ursprünglich für die Anwerbung von Prominenten zuständig war und schließlich ihre negativen Erfahrungen mit dem Kult den Medien gegenüber beschrieb. Haggis Buch' soll sich vorwiegend mit dem Leben des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard, einem ehemaligen SciFi-Autor, sowie diversen Machenschaften des derzeitigen Kult-Kopfes David Miscavige - welcher von vielen Aussteigern als gewalttätig beschrieben und in Kalifornien wegen Menschenhandel angeklagt wurde - beschäftigen. Die Veröffentlichung ist für Juni diesen Jahres angesetzt. In Deutschland wird Scientology seit 1997 vom Bundesamt für Verfassungsschutz (sowie einigen entsprechenden Landesämtern) beobachtet. Der Grund: Verdacht auf "Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung." Konkretere Informationen dazu gibt es hier www.verfassungsschutz.de Haggis verriet in dieser Woche außerdem in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian, dass eine kritische Haltung gegenüber organisiertem Glauben bei ihm quasi in der Familie liege: Er wurde katholisch erzogen und als er dreizehn Jahre alt war, rügte seine Mutter den Gemeindepriester dafür, einen neuen Cadillac gekauft zu haben. "Der Priester sagte: 'Ich habe darüber viel nachgedacht und Gott will, dass ich einen Cadillac habe.' Meine Mutter sagte dem Priester, dass sie auch viel darüber nachgedacht habe und dass Gott nicht mehr wollte, dass sie den Gottesdienst in seiner Kirche besuchten. Also denke ich, das habe ich von ihr. Woran auch immer du glaubst, du musst fähig sein, das zu hinterfragen.


2010

Tages-Anzeiger, 28.12.2010, Hugo Stamm
Scientologe erpresst Verzichtserklaerung der Eltern
Zürich – Scientology behauptet, praktisch alle Probleme lösen zu können, auch familiäre. Der Fall eines Zürcher Scientologen zeigt aber, dass die Sekte eigenartige Vorstellungen davon hat, wie Eltern gezähmt werden sollen. Die Geschichte begann vor acht Jahren. Damals war Robert A. (Name geändert) 23 Jahre alt und hatte Liebeskummer. Ein Scientologe sprach ihn auf der Strasse an und versprach ihm Lösungen. Robert verschwieg seinen Eltern das Engagement bei Scientology. Obwohl er nur ein kleines Einkommen hatte, zahlte er der Sekte innerhalb von zwei Monaten fast 12 000 Franken. 3000 Franken davon waren für eine «lebenslange Mitgliedschaft», die restlichen Gelder deklarierte Scientology als Spenden. Um das Geld aufzubringen, verkaufte Robert unter anderem sein Auto. Bankkredit für die Sekte Robert nahm ausserdem einen Bankkredit von 23 000 Franken auf. Danach spendete er noch einmal 4000 Franken. Dafür erhielt er Urkunden, die ihm bescheinigten, er sei bereit, «diesen Planeten zu retten». Nicht genug: Als die Eltern hinter seine Scientology- Mitgliedschaft kamen, erklärte Robert, er wolle einen Scientology- Kurs absolvieren, der 30 000 Franken koste. «Du steckst in einer Sekte», warnten die Eltern. Vergeblich. Darauf stürmte seine Mutter ins Scientology-Zentrum und drohte den Führungskräften mit der Polizei. Nach langen Diskussionen liess sich Robert umstimmen, distanzierte sich von Scientology und forderte einen Teil der Spenden zurück. Doch die Sekte weigerte sich – wie in anderen Fällen auch – das Geld zurückzuzahlen. Vor einiger Zeit begann für die Eltern der Albtraum von Neuem. Er müsse seine Probleme beim Studium mit Dianetik-Kursen von Scientology lösen, erklärte ihr Sohn aus heiterem Himmel. Voraussichtlich werde er in einem Scientology-Zentrum in Kopenhagen oder in den USA arbeiten. Um die Eltern zum Schweigen zu bringen, legte er ihnen eine Verzichtserklärung vor. Mit ihrer Unterschrift sollten sie bestätigen, «Scientology weder verbal noch mit rechtlichen Mitteln anzugreifen» und darauf verzichten, Robert von «Scientology wegzubringen». Die Eltern fielen aus allen Wolken: «Wir weigerten uns kategorisch, den Wisch zu unterschreiben», sagt die Mutter. Robert war betrübt und telefonierte sofort Scientologen, die ihm per Mail eine leicht abgeschwächte Verzichtserklärung schickten. Mit Kontaktabbruch gedroht Die Mutter liess sich aber nicht beirren und sagte: «Scientology ist eine gefährliche Sekte und hat dir das Gehirn gewaschen.» Roberts Eltern informierten die Polizei über die Machenschaften. Die Beamten rieten dringend ab, die Erklärung zu unterschreiben. Nun erklärte Robert seinen Eltern, er müsse den Kontakt zu ihnen vollends abbrechen. Für Scientologen sind Roberts Eltern, «unterdrückerische Personen». Die Sektendoktrin verlangt, dass sie «gehandhabt werden»: Man überzeugt die Eltern, dass Scientology eine segensreiche Organisation sei oder legt die Beziehung auf Eis. Da Robert seine Eltern nicht handhaben konnte, drohte er ihnen den Kontaktabbruch an. Im Buch «Was ist Scientology?» heisst es dazu, ein Scientologe könne Probleme mit seinem spirituellen Fortschritt haben, wenn er mit einer unterdrückerischen Person in Verbindung stehe. Entweder müsse er den Konflikt «mit wahren Informationen» über Scientology beheben oder als letzte Möglichkeit «die Verbindung abbrechen». Spenden «auf eigenen Wunsch» Scientology-Sprecherin Annette Klug sagte, Robert habe die Spenden «auf seinen eigenen Wunsch» getätigt. Scientology Zürich habe von der Aktion nichts gewusst. Der TA besitzt aber ein Mail, das die familiäre Einmischung von Scientologen beweist. Darauf antwortete Klug: «Die Person, die ihm das geschrieben hat, war hier früher Mitarbeiter.» Robert selbst erklärte dazu, dass er «nach einem Gespräch mit ScientologyKollegen aus Dänemark auf die Idee» mit der Verzichtserklärung gekommen sei. Die jüngste Auseinandersetzung mit der Sekte und die Diskussion mit den Eltern haben dazu geführt, dass er Scientology momentan mit etwas kritischeren Augen betrachtet.

Reutlinger General-Anzeiger, 26.12.2010
Rech warnt vor Scientology-Propaganda im Internet
STUTTGART. Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) warnt vor zunehmenden Aktivitäten der umstrittenen Scientology-Organisation im Internet. Rech sagte der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart, die Organisation nutze das Internet für massive Propaganda. »Die Zahl der Webseiten, hinter denen Scientology steckt, steigt.« Vor allem junge Leute würden dadurch angesprochen. In Deutschland sind Scientology und ihr nahe stehenden Freundeskreisen nach Schätzungen des Innenministeriums rund 100 Seiten im Internet zuzurechnen. Weltweit dürfte es ein Vielfaches sein. Rech sagte: »Die Organisation hat ihre Strategie geändert. Die Leute werden nicht mehr auf der Straße angesprochen, sondern verstärkt in sozialen Netzwerken.« Der Scientology-Hintergrund sei bei manchen Webseiten nicht sofort erkennbar. Der Jugendschutz müsse verstärkt werden, um gegen die Organisation effektiv vorgehen zu können. Die Anhänger der umstrittenen Organisation sind in Baden- Württemberg weniger geworden. Im Südwesten sei die Zahl der Scientology-Anhänger in den vergangenen zehn Jahren von 1200 auf 1000 Menschen gesunken. »Eine Expansion findet nicht statt.« In Deutschland beläuft sich die Zahl der Mitglieder nach Schätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz zwischen 4500 bis 5500 Menschen. Die aus den USA stammende Vereinigung gründete 1970 ihre erste Niederlassung in Deutschland. »Scientology strebt eine totalitäre Gesellschaftsordnung an«, warnte der Landesinnenminister weiter. Die umstrittene Organisation verfüge über große finanzielle Ressourcen. Im Südwesten liege einer der Schwerpunkte der Organisation. »Der Aktivitätsgrad der Scientologen in Baden-Württemberg ist im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland hoch.« Der Grund: Baden- Württemberg gehöre zu den wirtschaftlich stärksten Bundesländern, das könnte sich finanziell lohnen. Scientology sei auch stark in Hamburg und Bayern vertreten. Wichtig bleibe weiterhin die Aufklärung über die Gefahren, die von der Organisation ausgingen. Rech sagte weiter: »Auch die so genannten Menschenrechtskampagnen von Scientology sind nur Blendwerk für die Öffentlichkeit. Sie will durch Expansion ihr antidemokratisches System auf die Gesellschaft übertragen.« Die Organisation versuche, Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft von ihrer Ideologie zu überzeugen, um Einfluss und Macht in der Gesellschaft zu gewinnen. Der CDU-Politiker räumt immer wieder aufkommenden Forderungen nach einem Verbot kaum Chancen ein. »Ein Verbot von Scientology wäre sehr, sehr schwierig.« Das Landesamt für Verfassungsschutz werde die Machenschaften der Organisation aber weiterhin mit Argusaugen beobachten.

swr.de, 26.12.2010
Rech warnt vor Scientology-Propaganda im Netz
Die umstrittene Scientology-Organisation verstärkt ihre Aktivitäten im Internet. Davor hat Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) gewarnt. Scientology nutze das Netz für massive Propaganda vor allem bei jungen Leuten. Der Jugendschutz müsse verstärkt werden, um effektiv gegen die Organisation vorgehen zu können, sagte Rech in einem dpa-Gespräch. Die Organisation habe ihre Strategie geändert. Die Leute würden nicht mehr auf der Straße angesprochen, sondern verstärkt in sozialen Netzwerken. Der Scientology- Hintergrund sei bei manchen Webseiten nicht sofort erkennbar. In Deutschland sind nach Schätzungen von Rechs Ministerium rund 100 Seiten im Internet Scientology oder ihr nahe stehenden Kreisen zuzurechnen. Weltweit dürfte es ein Vielfaches sein, so Rech. Scientology mit Schwerpunkt im Südwesten "Scientology strebt eine totalitäre Gesellschaftsordnung an", warnt der Innenminister. Die Organisation verfüge über große finanzielle Ressourcen. Im Südwesten liege einer ihrer Schwerpunkte. "Der Aktivitätsgrad der Scientologen in Baden-Württemberg ist im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland hoch", sagte Rech. Dies liege unter anderem daran, dass Baden-Württemberg zu den wirtschaftlich stärksten Bundesländern zähle. Die Zahl der Anhänger ist allerdings in den letzten Jahren gesunken; laut Rech sind es derzeit etwa 1.000, in ganz Deutschland nach Schätzungen des Verfassungsschutzes bis zu 5.500 Personen. Kaum Chancen für Verbot Die Organisation versuche, Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft von ihrer Ideologie zu überzeugen, um Einfluss und Macht in der Gesellschaft zu gewinnen. Immer wieder aufkommenden Forderungen nach einem Verbot von Scientology räumt Rech jedoch nur geringe Chancen ein. Dies wäre "sehr schwierig". Das Landesamt für Verfassungsschutz werde die Machenschaften aber weiterhin mit Argusaugen beobachten.

Nürnberger Nachrichten 09.12.2010
Scientology muss nicht zahlen  -  Verein siegte vor Gericht im Streit um Ausgleichsabgabe
ANSBACH - Der Verein „Scientology-Kirche Bayern“ hat vor dem Verwaltungsgericht (VG) einen Erfolg errungen. Er muss keine Ausgleichsabgabe nach dem früheren Schwerbehindertengesetz zahlen. Schon seit Jahren schwelt der Streit zwischen dem Verein und dem Freistaat Bayern. Der Verein wendet sich gegen die Festsetzung einer Ausgleichsabgabe nach dem früheren Schwerbehindertengesetz für das Jahr 1993. Danach hatten Arbeitgeber, die über mindestens 16 Arbeitsplätze verfügten, auf wenigstens sechs Prozent der Arbeitsplätze Schwerbehinderte zu beschäftigen. Anderenfalls hätte der Arbeitgeber für jeden unbesetzten Pflichtplatz monatlich eine Ausgleichsabgabe in Höhe von 200 DM zu entrichten. Zunächst Ausgleichsabgabe festgesetzt Die Regierung hatte 1997 gegenüber der Klägerin für das Jahr 1993 eine Ausgleichsabgabe in Höhe von zunächst 43.200 DM festgesetzt. Sie ging davon aus, dass die Klägerin im Jahr 1993 über 300 Arbeitsplätze verfügt habe. Im Jahr 2007 reduzierte die Regierung ihre Forderung auf 19.220 Euro. Sie schätzte die Zahl der Arbeitsplätze auf 129. Das VG Ansbach hat nun der Klage von „Scientology Kirche Bayern“ stattgegeben und die angefochtenen Bescheide aufgehoben. Die Klägerin beschäftige als eingetragener Verein keine Arbeitnehmer, so dass keine mit Schwerbehinderten zu besetzende Pflichtplätze vorhanden seien.

Nürnberger Zeitung, 02.12.2010
Scientology in Ansbach vor Gericht - Streit um Behindertenabgabe
ANSBACH - Muss die Scientology Kirche eine Behindertenabgabe bezahlen oder nicht? Mit dieser Frage beschäftigt sich erneut das Ansbacher Verwaltungsgericht. Seit Jahren zieht sich das Verfahren bereits hin; es geht immer noch um das Jahr 1993. Es geht um viel Geld, denn wenn Scientology Angestellte beschäftigt, müssen ab 16 Arbeitnehmer mindestens sechs Prozent Schwerbehinderte beschäftigt werden oder eine entsprechende Abgabe an das Integrationsamt wird fällig. Für das Jahr 1993 hatte die Regierung von Mittelfranken eine Abgabe von rund 22000 Euro (43200 D-Mark) ermittelt, nach Angaben der Agentur für Arbeit sollen 300 Angestellte beschäftigt gewesen sein. Die Glaubensgemeinschaft erklärt hingegen, dass aktive Mitglieder zugeteilte Aufgaben freiwillig übernommen hätten. Sie seien somit keine normalen Angestellten und deshalb würde auch keine Abgabe fällig. Das Sozialgericht Nürnberg bestätigt diese Sichtweise in einem Urteil vom Januar 2000. Darin heißt es, dass die Beschäftigungen bei der Glaubensgemeinschaft einen caritativen Charakter haben. Die Regierung von Mittelfranken änderte daraufhin ihren Bescheid und reduzierte den Betrag auf knapp 10000 Euro (19220 D-Mark). Sie ging immer noch von ordentlich Beschäftigten aus, wenn auch von deutlich weniger. Gegen den neuen Bescheid klagt nun die Scientology Kirche. Nach wie vor ist die Regierung überzeugt, dass es sich um normale Anstellungsverhältnisse handelt, denn die Mitglieder hätten umfangreiche Aufgaben zu erfüllen. Nach ihrer Auffassung wolle die Glaubensgemeinschaft lediglich rechtliche Sozialabgaben umgehen. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet.

25.11.2010
Neue Broschüre "Das System Scientology"
Die Broschüre kann hier heruntergeladen werden: http://www.verwaltung.bayern.de/Anlage4015418/D asSystemScientology.pdf
Neue Broschüre zu Scientology Innenminister Joachim Herrmann hat heute die aktualisierte Neuauflage der Broschüre “Das System Scientology - Fragen und Antworten” vorgestellt. “Scientology ist ganz eindeutig eine verfassungsfeindliche, menschenverachtende Organisation. Sie widerspricht klar wesentlichen Grundprinzipien unserer Demokratie.” Scientology sei ein überaus gefährlicher Wirtschaftskonzern mit verfassungsfeindlichen Bestrebungen. Die Organisation habe es vor allem auf den Geldbeutel der Menschen abgesehen und stelle auch eine große Gefahr für die Psyche ihrer Mitglieder dar. Herrmann: “Wir müssen alles unternehmen, um möglichst viele Menschen auf Distanz zu Scientology zu halten. Deswegen ist Aufklärung oberstes Gebot. Unsere Broschüre leistet hier einen wichtigen Beitrag. Die Broschüre ”Das System Scientology - Fragen und Antworten” klärt nicht nur über die verfassungsfeindlichen Ziele von Scientology auf, sondern macht in Fragen und Antworten die Methoden und Funktionsweise der Organisation transparent. Sie folgt damit einem übergreifenden Ansatz, der bundesweit einzigartig ist. Herrmann: “Entgegen den Selbstbeteuerungen ist Scientology ein internationaler Wirtschaftskonzern, der aber nicht nur nach Gewinnmaximierung strebt, sondern der auch ein weltweites Herrschaftssystem nach eigenen Vorstellungen errichten will. An die Stelle von Demokratie und Grundrechten soll ein totalitäres Herrschaftssystem treten, das auf Psycho- Technologien und der bedingungslosen Unterordnung des Einzelnen beruht.” Die Organisation sei aber auch eine Gefahr für den Einzelnen, der in ihre Fänge gerate. Die Broschüre ”Das System Scientology” kläre über die Organisation, ihre Ziele, ihre Methoden und ihre Gefahren auf. “Wer das System verstanden hat, kann die Gefahren richtig einschätzen und wird nicht mehr leichtgläubiges Opfer”, so der Innenminister.


Video Scientology
SF1, Scientology.Sendung vom 15.11.2010

Domradio, 17.10.2010
London - Keine Steuerprivilegien für Scientology Quelle: 
In Großbritannien ist ein Streit um Steuervergünstigungen für Scientology entbrannt. Der für die Kommunen zuständige britische Staatssekretär Pickles verlangte von den Städten und Gemeinden, der Scientology-Organisation keine Vergünstigungen zu gewähren, wie sie Religionsgemeinschaften und Wohlfahrtsorganisationen zuerkannt werden. Nach den Medienberichten billigten mindestens vier lokale Behörden Scientology verringerte Immobilien- und Kommunalsteuern zu. Pickles sagte, die Mehrheit der Bevölkerung wolle aber nicht, dass die „umstrittene Organisation“ so unterstützt werde.

Berliner Zeitung, 15.09,2010, Frank Nordhausen
Ende eines Experiments 
Ursula Caberta gilt als größte Feindin von Scientology. Heute entscheidet sich, ob ihre Aufklärungsstelle in Hamburg wirklich geschlossen wird
HAMBURG. Der lange Flur wirkt verlassen. Manchmal klingelt ein Telefon, aber nur kurz, weil sofort ein Anrufbeantworter anspringt. Ursula Caberta huscht von Raum zu Raum, als wolle sie ganz allein den Bürobetrieb simulieren. Acht Zimmer mit acht Computern auf acht Schreibtischen. Aber nicht einmal die Kaffeemaschine arbeitet mehr, es ist still geworden in den Büroräumen am Hamburger Hafen. So hat es die schwarz-grüne Landesregierung in den Sommerferien beschlossen. Am 31. August war der letzte offizielle Arbeitstag der Behörde, die sich „Arbeitsgruppe Scientology“ nennt. „Traurig“, sagt Ursula Caberta, die Chefin, die nun ganz allein ist. Dann lacht sie plötzlich und sagt: „Ich glaube eigentlich nicht, dass es das schon gewesen ist.“ Heute wird sich herausstellen, ob sie recht behält. Der Hamburger SPD-Innenexperte Andreas Dressel hat einen Abstimmungsantrag auf die Tagesordnung der Hamburger Bürgerschaft gesetzt, der den neuen Regierungschef Christoph Ahlhaus und die Abgeordneten von CDU und Grünen zwingt, sich zu entscheiden. Im Antrag heißt es: „Der Senat wird aufgefordert, die Arbeitsgruppe Scientology als eigenständige organisatorische Einheit zu erhalten.“ Andreas Dressel sagt: „Das Argument, man könne mit der Schließung 140 000 Euro jährlich einsparen, ist lächerlich. Die Einsparung beträgt nur einen Bruchteil der Kosten der von Ahlhaus eingeführten Reiterstaffel der Hamburger Polizei.“ „Alles fing mit Hoisdorf an“ Der neue Bürgermeister hatte möglicherweise die Popularität von Ursula Caberta in Hamburg unterschätzt – und als „zugewanderter“ Heidelberger nicht bedacht, wie geschichtsträchtig die weltweit bekannte Arbeitsgruppe Scientology ist. Denn als das Amt im Herbst 1992 gegründet wurde, geschah dies nach einstimmigem Beschluss der Bürgerschaft. Und es hatte viel mit Ursula Caberta zu tun. „Alles fing mit Hoisdorf an“, sagt die 60-Jährige und packt einen Stapel Papiere in eine Kiste. In Hoisdorf nahe Hamburg wollte ein Scientologe damals ein Sekten-Internat errichten. Dagegen wehrte sich eine Bürgerinitiative, deren Anliegen Caberta aufgriff. Sie war alleinerziehende Mutter, Bürgerschaftsabgeordnete der SPD und eigentlich für Ausländer zuständig. Damals kamen immer häufiger Hamburger Bürger in ihre Sprechstunde, die von Scientologen berichteten, die Mietshäuser aufkauften und die Bewohner mit schikanösen Methoden aus ihren Wohnungen vertrieben. Eine Protestbewegung entstand, die bundesweit mehr als 50 000 Unterschriften für einen Bundestags-Untersuchungsausschuss zu Scientology sammelte. Dazu kam es nicht, aber Caberta lernte in jener Zeit die ersten Aussteiger kennen; Menschen, die der Sekte oft erst nach vielen Jahren den Rücken kehrten, nicht selten unter Depressionen und enormen Schulden ächzten. Und sie erkannte die politische Brisanz des Themas. „Mir war schnell klar, das ist keine Religion, sondern eine totalitäre Organisation wie die Nazis, mit Führerkult und Herrenmenschentum.“ Die 1992 gegründete Arbeitsgruppe Scientology war ein politisches Experiment. Laut Beschluss der Bürgerschaft sollte sie die Machenschaften der Organisation dokumentieren und Handlungsvorschläge erarbeiten. Caberta überzeugte den Senat, die Behörde im Innenressort anzusiedeln. Man teilte ihr vier Planstellen zu, die sie unter anderem mit einem Volljuristen besetzte. Etwas Ähnliches hatte es in der Aufklärungsarbeit über Sekten in Deutschland noch nicht gegeben. „Das war ein Quantensprung“, sagt Caberta. „Erstmals wurde Scientology als innenpolitisches Problem behandelt. Als wirtschaftskriminelle Vereinigung.“ Als Amtsleiterin war Ursula Caberta die natürliche Wahl, auch wenn sie damals schon als schwierig galt. „Wenn Männer Charakter haben, nennt man sie stark“, sagt Caberta. „Bei Frauen sagt man, sie sind schwierig.“ Wenn heute die meisten Deutschen das Wort Scientology kennen, so hat das viel mit Ursula Caberta zu tun. Natürlich ist sie umstritten. Ihre Arbeitsgruppe war ein Juwel der Aufklärung für die einen, ein Hort der Religionsverfolgung für die anderen. Unbestreitbar war sie das erste und einzige staatliche Amt der Welt, dessen Aufgabe nur darin bestand, die Bevölkerung vor einer Sekte zu schützen – der amerikanischen Scientology- Organisation, die der Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard 1954 gegründet hatte. Ursula Caberta nimmt einen Aktenordner aus dem Regal im Flur, in dem Dutzende bunte Hubbard-Bücher stehen. „OSA – Office of Special Affairs“, steht auf dem Rücken. Der Name des Scientology-Geheimdienstes. Darin detaillierte Anweisungen, wie Kritiker von Scientology zu überwachen und einzuschüchtern sind. „Jahrelang bin ich von Detektiven ausgespäht worden. Sie haben Demonstrationen veranstaltet, haben mich verleumdet“, sagt Caberta. Ein Flugblatt verunglimpfte sie als „modernen Goebbels“; die Standardformel lautet, sie führe sich als „neuzeitliche Inquisitorin“ auf. Sie erhielt Morddrohungen. Auf Rat des Landeskriminalamtes wechselte sie ihre Wohnung. Sie blieb dennoch offen und zugewandt. „Wir sind zu den Aussteigern immer nett gewesen, auch wenn das nicht immer leicht war“, sagt sie und blickt auf den großen Tisch am Fenster. „Hier habe ich mit ihnen gesessen. Hier haben sie sich ausgeheult.“ Hilfesuchende aus aller Welt sind in den vergangenen 18 Jahren nach Hamburg gekommen. Sie kamen aus den Wohngemeinschaften und „Orgs“ genannten Filialen von Scientology, auch aus den „spirituellen Zentren“ in Florida und Kalifornien. Wann immer man Caberta besuchte in ihrem Büro, waren Menschen da, denen es dreckig ging. „Scientology ist wie eine Droge, und wer aussteigt, ist auf Entzug“, so hat Caberta es einmal ausgedrückt. Sie kümmerte sich wie eine Mutter um jeden, der kam. Es ist ihr zu verdanken, dass die Zahl der Scientologen in Deutschland deutlich unter 10 000 sank. Im August 2007 beispielsweise kamen ein 25-jähriger Mann und seine 14 Jahre alte Schwester, die Kinder der Berliner Scientology-Direktorin, die beide in der Sekte aufgewachsen waren. Das Mädchen hatte Angst, auf ein Scientology-Internat in Dänemark geschickt zu werden. Ursula Caberta nahm sie in den Arm, besorgte ihr eine Unterkunft, verhandelte mit dem Jugendamt. Am Ende gelang es ihr im Streit mit der Verwaltung nicht, dem Kind einen Platz in einer Hamburger Jugendeinrichtung zu sichern. Die 14-Jährige musste zurück nach Berlin. Caberta sagt: „Ich werde aber nie vergessen, wie ihre Augen leuchteten, weil sie mal nicht ununterbrochen an Scientology dachte.“ Umgehend wurde sie von den Scientologen verklagt, weil sie ihre amtlichen Kompetenzen überschritten habe. Caberta gewann den Prozess – wie meistens. In der Verwaltung aber nahm man ihr die vielen Verfahren übel, denn sie bedeuteten Ärger. Und genau darum dürfte es den Sektierern gegangen sein, getreu der Devise ihres 1986 verstorbenen Gurus Hubbard: „Prozesse führen wir nicht, um zu gewinnen, sondern um den Gegner zu zermürben.“ Caberta war ohnehin viel zu eigenwillig, um sich geschmeidig in die Bürokratie einzufügen. Seit dem 1. September nun findet eine Beratungstätigkeit nicht mehr statt. Es ist das eingetreten, was Scientology seit Jahren gefordert hat: die Auflösung der verhassten Behörde. Zur Schließung will Ursula Caberta sich nicht äußern. Ihre Arbeitsgruppe galt einmal als politisches Aushängeschild Hamburgs. Ihr Thema war seit Mitte der Neunzigerjahre immer wieder auf den Titelseiten. „Ich habe erreicht, dass beim Stichwort Scientology überall die Alarmglocken klingeln“, sagt Caberta. Es gab eine Zeit, da war sie berühmt – als weltweiter „Feind Nummer eins“ von Scientology. Als sie anfing, glaubte Caberta noch, dass ihr Job nach vier Jahren erledigt sein würde. Sie wurde eines Besseren belehrt. Ständig meldeten sich Aussteiger bei ihr, um Hilfe zu suchen, und sie brachten Unterlagen mit: Listen, Statistiken, geheime Anweisungen. Das mehrfach gesicherte Archiv der Arbeitsgruppe enthält die umfangreichste Sammlung über Scientology, die weltweit existiert. „Die Arbeitsgruppe war die einzige Stelle, die wirklich etwas gegen Scientology gemacht hat“, sagt der Berliner evangelische Sektenbeauftragte Thomas Gandow. Längst ist Scientology Cabertas Lebensthema geworden. Sie erreichte, dass die Geschäfte von Scientology in Deutschland einbrachen. Nach ihrer Vorlage entschied die Innenministerkonferenz 1997, die Sekte als „neue Form des politischen Extremismus“ vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Sie hat Bücher darüber geschrieben und immer wieder dargelegt, wie falsch die Behauptung ist, dass jeder selbst schuld sei, der dort lande. „Tausende Kinder, die in Scientology-Familien aufwachsen, haben keine Wahl, ob sie gehirngewaschen werden wollen oder nicht“, sagt sie. Nur ein Verbot von Scientology erreichte sie nicht. Dafür gelang es ihr, Führungskader in den USA herauszubrechen. Wenn Scientology in den letzten Jahren weltweit ins Straucheln geriet, so hat das viel mit Cabertas Arbeit zu tun. Legendär sind ihre Kongresse, bei denen Top-Aussteiger erzählten – von Gehirnwäsche, Folter, Sklavenarbeit. Doch die ständigen Anfeindungen aus der Sekte haben Cabertas Wahrnehmung geprägt. Sie hat immer härtere Worte für die „Extremisten aus Ami-Land“ gefunden. Vielleicht hat das Aus auch damit zu tun. Denn ihre kleine Arbeitsgruppe löste mehr als einmal transatlantischen Streit aus wegen der angeblichen Diskriminierung von Scientology in Deutschland. „Es gab immer Druck aus Washington, die Arbeitsgruppe aufzulösen“, sagt sie. Deshalb konnte sie es auch nicht leiden, wenn Journalisten Scientology als Verrücktheit abtaten, die man halt ertragen müsse. „Scientology bleibt gefährlich“, sagt sie. „Wo man mit der Aufmerksamkeit nachlässt, besetzen sie die Räume sofort.“ Trotz ihrer Erfolge blieb Caberta in der Hamburger Verwaltung ungeliebt. 2009 begann man, ihr die Stellen zusammenzustreichen. Im Februar 2009 schrieb die Bild-Zeitung, Caberta wolle hinschmeißen. Sie selbst wurde mit den Worten zitiert: „Zu meiner eigenen Hinrichtung äußere ich mich nicht.“ „Weiter ganz weit oben“ Ende 2009 entschied der schwarz-grüne Senat, den Personalbestand der Arbeitsgruppe „abzusenken“. Von Auflösung war noch immer nicht die Rede. Im Gegenteil, als die ARD im März den Aufsehen erregenden Spielfilm „Bis nichts mehr bleibt“ über Scientology ausstrahlte, forderte Hamburgs Innensenator und jetziger Erster Bürgermeister Christoph Ahlhaus überraschend das Verbot der „menschenverachtenden Organisation Scientology“ und bedauerte, dass man dafür „bisher nie eine bundesweite Mehrheit gefunden“ habe. Derselbe Christoph Ahlhaus verfügte dann die Schließung der Arbeitsgruppe. Später gerieten die Verantwortlichen im Hamburger Rathaus doch wieder ins Rudern. Ahlhaus’ Pressesprecher wiegelten ab: Caberta könne als Ministerialreferentin für die Aufklärung über Scientology zuständig bleiben. Bestätigt wurde, dass man ihr die Beratung entziehe und diese dem Verfassungsschutz übertrage. Ein Ahlhaus-Sprecher erklärte: „Die Bekämpfung von Scientology steht für den Hamburger Senat weiter ganz weit oben.“ Es ist Nachmittag geworden. Im leeren Bürotrakt der Arbeitsgruppe Scientology klingelt ein Telefon. Ursula Caberta nimmt den Hörer ab. „Haben Sie etwa den Eindruck, man könnte mir irgend etwas verbieten?“ fragt sie und lacht dröhnend. Dann legt sie den Hörer auf und sagt: „Ich finde mich erstaunlich fröhlich für die Situation.“

Berliner Zeitung, 18.8.2010, Frank Nordhausen
Katastrophe für Scientology-Opfer 
Es war fast exakt vor drei Jahren, als ein 14-jähriges Mädchen aus Berlin nach Hamburg flüchtete, weil sie nichts mehr mit der Scientology-Sekte zu tun haben wollten. Ihre Mutter war die Berliner Scientology-Direktorin und wollte sie in ein Sekteninternat bringen. Hilfe fand die Jugendliche nur bei Ursula Caberta, der Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats. Die Amtschefin besorgte eine Wohnung, vermittelte beim Jugendamt, half mit Gutachten vor dem Familiengericht und war Tag und Nacht erreichbar. Wie hier, hat Caberta hundertfach in den vergangenen 17 Jahren interveniert. Doch mit dieser deutschlandweit einmaligen Hilfe für Scientology-Opfer ist es ab sofort vorbei. Still und heimlich hat der schwarz-grüne Hamburger Senat die international bekannte Arbeitsgruppe aufgelöst. Zum 1. September stellt sie ihre Arbeit ein, die Räume sind gekündigt, die Zukunft des Archivs ist ungewiss. Derselbe Senat, der für die Elbphilharmonie Millionen verpulvert, begründet das Aus für Cabertas Leute mit der vergleichsweise lächerlichen Einsparung von 140 000 Euro. Caberta darf zwar weiter „Öffentlichkeitsarbeit“ machen, die Beratung aber sollen Verfassungsschützer übernehmen. Doch die stehen niemandem auf dem Amt und vor Gericht zur Seite. Das Signal ist fatal: Der Staat lässt die Opfer der Gehirnwäsche-Sekte im Stich. Scientology hat lange auf diesen Tag gewartet.

epd-Meldung
Hamburger Aufklärungsstelle zu Scientology wird umstrukturiert - Aufklärungsarbeit soll weitergehen
Hamburg/Berlin (epd). Die deutschlandweit einzige Aufklärungsstelle eines Bundeslandes über die umstrittene Scientology-Organisation in Hamburg steht nach 17 Jahren offenbar vor dem Aus. Die „Berliner Zeitung“ (Dienstagsausgabe) berichtete, die von Ursula Caberta geleitete Arbeitsgruppe solle bereits Ende August aufgelöst werden. Die Hamburger Innenbehörde spricht dagegen von einer „Umstrukturierung“. Die Büroräume seien bereits gekündigt worden, bestätigte Behördensprecher Thomas Butter dem epd in Hamburg. Falsch sei jedoch, dass auch den Mitarbeitern gekündigt worden sei. Sie würden vielmehr an anderen Stellen der Verwaltung beschäftigt. Überdies werde die Aufklärungsarbeit über Scientology weitergehen. Die Beratung von Opfern werde künftig der Verfassungsschutz übernehmen. Auch Ursula Caberta, die sich mit ihrem Engagement gegen Scientology bundesweit einen Namen gemacht hat, werde als Ministerialreferentin in der Behörde weiter Aufklärungsarbeit über die in der Öffentlichkeit auch als Psychosekte benannte Organisation betreiben. Hintergrund der Umstrukturierung sei ein Beschluss des CDU- GAL-Senats, bei der Arbeitsgruppe 140.000 Euro jährlich einzusparen, sagte Butter. Der Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Andreas Dressel bezeichnete den Senatsbeschluss als „verheerendes“ Signal: „Was Scientology nicht geschafft hat - Caberta kleinzukriegen - das macht nun der Senat.“ Dass der Hamburger Innensenator und designierte Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) erst ein bundesweites Verbot von Scientology fordere und dann ein Instrument im Kampf gegen diese Organisation beschädige, sei „an Absurdität nicht zu überbieten“, sagte Dressel. Caberta war am Dienstag nicht zu erreichen. Dagegen begrüßte der Hamburger Scientology-Sprecher Frank Busch das Ende der, wie er es nannte, „Steuergeldverschwendung“.

Berliner Zeitung, 17.8.2010, Frank Nordhausen
SPD und Linke kritisieren Folgen des Sparbeschlusses - Hamburger Senat schließt AG Scientology 
BERLIN/HAMBURG. Seit 17 Jahren gibt es in Hamburg ein staatliches Amt, das eine weltweit einzigartige Aufklärungsarbeit leistet: die Arbeitsgruppe Scientology des Senats. Jetzt hat die schwarz-grüne Landesregierung beschlossen, die von der ehemaligen SPD- Politikerin Ursula Caberta geleitete Behörde dichtzumachen und ihre Dienststelle aufzulösen. Wie der Sprecher der Hamburger Innenbehörde, Thomas Butter, der Berliner Zeitung bestätigte, sind die Büros der Arbeitsgruppe am Hamburger Hafen zum 31. Dezember gekündigt worden. Die Arbeitsgruppe werde bereits zum 31. August geschlossen, sagte Butter. Sektenexperten und Politiker von SPD und der Linken kritisierten den Beschluss. Verheerendes Signal Butter sagte, die Entscheidung bedeute nicht das Ende der Arbeit von Frau Caberta. „Sie wird als Ministerialreferentin in der Innenbehörde für die Öffentlichkeitsarbeit über Scientology zuständig bleiben.“ Die Beratung von Opfern der Organisation werde zukünftig der Verfassungsschutz übernehmen. Unklar sei noch, wohin das Archiv der AG Scientology komme. Es handelt sich um eine weltweit einmalige Sammlung mit vielen Geheimdokumenten. Hintergrund der Maßnahmen sei ein Senatsbeschluss von CDU und Grünen, für die Haushaltskonsolidierung bei der AG Scientology 140 000 Euro jährlich einzusparen, sagte Butter. Ursula Caberta erklärt, sie äußere sich nicht zu dem Beschluss. Seit 1992 hat sie die Dienststelle geleitet, hat Dutzende Prozesse durchgestanden und Hunderte Aussteiger betreut. Erwartungsgemäß erfreut kommentiert der Sprecher von Scientology Hamburg, Frank Busch, das Aus für die Arbeitsgruppe: „Wir begrüßen es, dass die Steuergeldverschwendung in Hamburg damit endlich ad acta gelegt wird.“ Der Berliner evangelische Sektenbeauftragte Thomas Gandow beklagt den „Sieg für Scientology“. „Es ist zwar gut, dass die Beratung in Zukunft wie bei Rechtsradikalen und Islamisten der Verfassungsschutz übernehmen soll – allein mir fehlt der Glaube, dass das etwas wird.“ Wie Gandow spricht die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Ulla Jelpke, von einem Skandal: „Frau Caberta hat verdienstvolle Arbeit geleistet. Die Schließung bedeutet freie Fahrt für Scientology.“ Und der Hamburger SPD- Bürgerschaftsabgeordnete Andreas Dressel sagt: „Ich halte das für ein verheerendes Signal. Was Scientology nicht geschafft hat – Caberta loszuwerden –, das macht nun der Senat.“ Er schwäche damit den Staat gegenüber der Psychosekte. Dressel will prüfen, ob der Senat den einstimmigen Parlamentsbeschluss von 1992, die Arbeitsgruppe Scientology einzusetzen, einfach so zurücknehmen kann. Dressel hat kürzlich auch eine Kleine Anfrage im Landesparlament dazu gestellt. In der Antwort des Senats vom 6. August heißt es, die Gefährdungslage durch die vom Verfassungsschutz beobachtete Scientology-Organisation habe sich nicht geändert; doch wegen des „hohen Aufklärungsstandes in der Bevölkerung“ sei der Sparbeschluss vertretbar. Noch im April hatte der Hamburger Innensenator und designierte Regierungschef Christoph Ahlhaus (CDU) das bundesweite Verbot von Scientology gefordert. „Das ist an Absurdität nicht zu überbieten – der Senator denkt über ein Verbot nach und beschädigt zugleich ein Instrument im Kampf gegen diese Sekte“, sagt Dressel. Caberta fühlte sich schon lange von der Verwaltung nicht mehr unterstützt. Statt wie früher vier Planstellen hatte ihre Arbeitsgruppe zuletzt nur noch anderthalb. Sie wollte im Frühjahr 2009 schon von sich aus den Job hinwerfen.

Stuttgarter Wochenblatt, 21.07.2010
Die unfassbare Gefahr - Scientology hat ein neues Domizil in Bad Cannstatt
Darf sich eine Organisation, die seit 1997 unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes steht, in einem Sanierungsgebiet, in dem sich auch genug Wohnflächen befinden, ansiedeln? Gegen Scientology, jetzt in der Reichenbachstraße in Bad Cannstatt, scheint es nur wenig Mittel zu geben. In der Reichenbachstraße steht ein gelber Kleintransporter: "Man kann immer etwas tun", prangt hier auf der rechten Ladetür. Auf der linken Tür liest man: "Scientology, ehrenamtliche Geistliche." Hier in Bad Cannstatt, im Sanierungsgebiet Veielbrunnen, hat Scientology ein neues Domizil bezogen. Das Sozialunternehmen "Neue Arbeit" ist hier beispielsweise auch beherbergt. Grünen-Fraktionschef Werner Wölfle hat sich ziemlich geärgert, dass der Eigentümer, seines Zeichen Professor an einer Hochschule Heilbronn, an Scientology vermietet hat. Es sei, so der Vermieter, unwissentlich geschehen. Bisher war Scientology in der Hohenheimer Straße untergebracht. "Ich habe diese Entwicklung, dass Scientology von der Innenstadt in ein Gewerbegebiet zieht, auch in Düsseldorf beobachtet", sagt Hans-Werner Carlhoff, der seit 1993 beim Kultusministerium als Sektenbeauftragter tätig ist. "Ich habe das Gefühl, dass man versucht, hier eine Übergangslösung zu schaffen, wieder Aufmerksamkeit zu erzielen und so hofft , einen neuen Standort, die so genannte ideale Org, anzustreben, die dann wieder im Stadtzentrum sein sollte." In Hamburg sei Scientology beispielsweise direkt neben dem Rathaus angesiedelt. Dass Eigentümer nicht wüssten, an wen sie vermieteten, sieht Carlhoff eher zweifelhaft. Was er positiv herausstellt, ist die Tatsache, dass in Stuttgart nicht mehr ohne weiteres geworben werden darf: "Hier gab es Prozesse und die hat Scientology verloren." Rechtlich sind der Stadt ansonsten die Hände gebunden: "Die Sanierungsrechtliche Genehmigung darf nur versagt werden, wenn die beabsichtigten Vorhaben die Sanierung unmöglich machen", so heißt es aus dem Stuttgarter Rathaus. Dass Scientology immer noch eine Gefahr sei, die mit raffinierten Mittel an ihr Ziel kommt, bestätigt auch Helga Lerchenmüller, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins Aktion Bildungsinformation, kurz Abi. Zwar sind die Mitgliederzahlen in der Vergangenheit leicht rückläufig - im letzten Bericht des Verfassungsschutzes sind 1000 Mitglieder in Baden-Württemberg genannt - "es handelt sich aber um eine Szene, die sich verfestigt hat, die, die drin sind, bleiben auch drin." Außerdem seien in der Zahl wirklich nur diejenigen erfasst, die zur Zeit in den Zentren sind. "Es gibt aber weiterhin eine Vielzahl von sogenannten Schläfern, die gerade kein Geld haben, um weitere Kurse anzubieten und neue Mitglieder zu gewinnen." Die Weitergabe der Weltanschauung von L. Ron Hubbard, Gründer der Church of Scientology, setzten die Scientologen gezielt ein und die Betroffenen würden es gar nicht gleich merken: "Oft werden junge Existenzgründer ganz gezielt ausgewählt." Lerchenmüller nennt beispielswiese die Martin-Kolb-Akademie mit Sitz in Dettingen unter Teck. "Wenn man Scientology expandiere ließe, dann würden sie, die sich selbst als Religionsgemeinschaft sehen und eine totalitäte Staatsordnung anstreben, die Gesetze der Demokratie aus den Angeln heben." Weiterhin sei es nicht nur der Verein Scientology, von dem die Gefahr ausgeht, sondern auch die Unterorganisationen: "Narkonon, Applied Scholastics, Jugend für Menschenrechte, Professionelle Lern-Center", zählt Hans-Werner Carlhoff auf. "Scientology schafft es immer wieder, sogar akademisch gebildete Menschen für sich zu vereinnahmen, ein großes Problem ist, dass es so viele Aufpasser in der Organisation gibt, dass auch die Person, die aussteigen will, an der Tür abgefangen wird, so haben es mir Betroffene erzählt, und gefragt wird: Wo warst du in der vergangenen Sitzung?" Protokolle und Persönlichkeitstests mit Daten der Betroffenen würden nicht unter das "Beichtgeheimnis" fallen, wie es Scientoly behaupten würde, sondern an die übergeordnete Office of Special Affairs weitergegeben werden.

Stuttgarter Zeitung, 04.06.2010, Markus Heffner
Scientology will in Stuttgart expandieren
Protest Die Organisation plant ein großes Gemeindezentrum. Die Grünen fordern, das Projekt zu stoppen.
Das neue Domizil in der Cannstatter Reichenbachstraße ist gerade erst eingerichtet und bezogen worden, allzu lange wollen die Stuttgarter Scientologen aber offenbar nicht in dem dreistöckigen Bürohaus im Gewerbemischgebiet bleiben. "Wir haben das Ziel, in Stuttgart ein repräsentatives Gemeindezentrum aufzubauen. Aber nicht an diesem Standort", sagt Hubert Kech von der Scientology Gemeinde Baden-Württemberg. Der Umzug nach Cannstatt sei nur nötig gewesen, weil es in der Geschäftsstelle in der Hohenheimer Straße zu eng geworden sei. Um die "angemessenen Räumlichkeiten" zu finden, die ausreichend Platz für "Andachten, religiöse Feiern, seelsorgerische Betätigungen, Kursräume und ein großes Informationszentrum für die Öffentlichkeit" bieten sollen, will Scientology bereits in den nächsten Wochen Inserate schalten. Der Text für die Anzeige steht laut Kech schon: "Seit Jahren sind wir schon am Suchen und wollen jetzt endlich buchen", heißt es darin etwa am Anfang. Und auch ihre genauen Vorstellungen über Größe und Ort haben die Scientologen in Reime gefasst: "5000 Quadratmeter in der Mitte wäre unsere Bitte." "Ideale Org" nennen die Scientologen solch eine repräsentative Niederlassung, bei den Verfassungsschützern und Politikern schrillen dabei die Alarmglocken. Sinn und Zweck so einer Repräsentanz sei, so der Grünen-Fraktionschef Werner Wölfle, "ökonomische und politische Seilschaften zu stärken". Um das zu verhindern oder zumindest zu erschweren, haben die Grünen jetzt einen Antrag gestellt. Darin fordert die Fraktion, dass die Stadt zunächst die angestrebte Nutzung der Räume in der Reichenbachstraße klärt und prüft, ob die notwendigen Genehmigungen vorliegen. Das von Scientology gemietete Gebäude liege im Sanierungsgebiet Veilbrunnen, für das die Stadt viel Geld ausgebe, so Wölfle. Die Grünen wollen außerdem, dass die Stadt ihre Aufklärungsarbeit über die Ziele der Sekte und ihrer Unterorganisationen verstärkt, damit kein Privater unwissentlich an sie verkauft oder vermietet. Mit Immobilieneigentümern und Vermietern, die sich aus reinem Profitdenken wissentlich mit Scientology einlassen und Verträge abschließen, soll die Stadt im Übrigen, soweit es das geltende Recht zulasse, keine geschäftliche Beziehung mehr unterhalten. Vor allem der zuletzt genannte Punkt ist für Werner Wölfle beim Kampf gegen die Machenschaften der Sekte von zentraler Bedeutung. So soll der Eigentümer des Bürogebäudes in der Cannstatter Reichenbachstraße, ein Professor für Betriebswirtschaft der Hochschule Heilbronn, der unter anderem in Stuttgart als Unternehmensberater arbeitet, wissentlich an Scientology vermietet haben, so Wölfle. "Wir wollen nicht, dass die sogenannte Scientology Kirche in Stuttgart ihre Ziele verwirklichen kann", betont der Fraktionschef. "Wer der Sekte dabei hilft, soll wissen, dass die Stadt das nicht vergessen wird." Finanziert werden soll das neue Gemeindezentrum unter anderem von freiwilligen Spenden der Mitglieder von Scientology, wie deren Sprecher Hubert Kech sagt. Knapp 2000 Gemeindemitglieder gebe es in Baden-Württemberg. Viele hätten bereits eine freiwillige Spende geleistet und würden das auch weiterhin tun. Genaue Zahlen zum Spendenaufkommen nennt Scientology nicht. Das Innenministerium geht aber davon aus, "dass Scientology in den letzten Jahren alleine an ihrer Stuttgarter Basis fünf Millionen Euro eingetrieben hat." Seit Anfang des Jahres, so der Innenminister Heribert Rech, sei die Spendeneintreibung nach einer Ruhephase wieder deutlich forciert worden. In Deutschland steht Scientology seit 1997 unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Das sei keine Glaubensgemeinschaft, sagt Werner Wölfle, sondern eine gefährliche Psychosekte, die ihre Mitglieder ausnimmt. Wer in ihre Fänge gerate, komme kaum mehr heraus. "Die Expansionsträume dieser Menschenfischer müssen zügig unterbunden werden."

Leipziger Internetzeitung l-iz, 27.05.2010
Im Schatten des Weltkongresses: Sucht Scientology wieder eine Bühne in Leipzig?
"Psychiater etablieren sich als ein Terrorsymbol“, „sie kidnappen, foltern und morden“, schrieb der US-amerikanische Science-Fiction-Autor und Scientology-Gründer Lafayette Ronald Hubbard. Hubbard ist bald 25 Jahre tot, seine Botschaft wird weiter getragen. Ende Juni findet in Leipzig der Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie statt. Kenner des scientologischen Kultes rechnen damit, dass Scientology dieses Ereignis für seine menschenverachtende Ideologie vereinnahmen wird. Die Organisation stellt psychiatrische Methoden heute in eine Reihe mit der Folter- und Vernichtungsmaschinerie der Euthanasie in Nazi-Deutschland. In dieser Woche hat Leipzig Besuch von Vertretern des harmlos klingenden Vereins „Kommission für Verstöße in der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ (KVPM). Sie suchen Ausstellungsräume in exzellenter City-Lage im Zeitraum 29. Juni bis 4. Juli. Der Titel der Wander- Ausstellung lautet: „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“. Solveig Prass beschäftigt sich mit destruktiven Sekten, Kulten und totalitären Gruppen. Die Leipziger Geschäftsführerin der Eltern- und Betroffeneninitiative, EBI e.V., warnt: „Hinter der Tarnorganisation KVPM steckt die Scientology- Organisation (SO), die in Leipzig endlich Fuß fassen will.“ Anfang Mai wurden die ersten Akteure in Leipzig wach. Solveig Prass machte darauf aufmerksam, dass die geplante Ausstellung im gleichen Zeitraum stattfinden soll wie der Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie (29. Juni bis 3. Juli: World Congress of the World Association for Infant Mental Health). Die wissenschaftliche Leitung liegt in den Händen von Prof. Kai von Klitzing, Direktor der Universitätsklinik und -Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters. Prass: „Diese Ausstellung diskriminiert und kriminalisiert Psychiater in ihrem Beruf. Die Scientologen diffamieren eine gesamte Berufsgruppe und das mit unhaltbaren Argumenten und unsäglichen, pseudodokumentarischen Filmen, die sie zeigen wollen.“ Für Ursula Caberta ist das nichts Neues. Sie leitet die Arbeitsgruppe Scientology in der Behörde für Inneres in Hamburg. In den frühen 90er- Jahren hätten die Scientologen „immer auf der Matte gestanden“, wenn Psychiatrie-Kongresse stattfanden. „Das ist praktisch die Einladung, dass sie dann ihre Propagandaschiene gegen die Psychiatrie fahren.“ Die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte versucht einen Zusammenhang auch gar nicht zu verbergen: „Tatsächlich ist der Weltkongress der Anlass, warum wir nach Leipzig kommen“, bestätigt Nicola Cramer, Vizepräsidentin. „Wir möchten die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass hier ein Milliardengeschäft mit Psychopillen gemacht wird, dass ganz normale Kinder mit erfundenen psychiatrischen Diagnosen zu Geisteskranken umdefiniert werden und dann mit Medikamenten traktiert werden, die zum Teil sogar zum Tode führen können.“ Die Ausstellung tourt Cramer zufolge durch rund 30 Länder. Stellwände und Dokumentarfilme würden „darüber aufklären, was tatsächlich hinter den geschlossenen Mauern psychiatrischer Anstalten vor sich geht.“ Die Kosten für die Ausstellung trägt der Weltverband der Scientologen (International Association of Scientologists, IAS). Die Psychiatrie wird von Scientology als Konkurrenz wahrgenommen, weil Psychiater sich um das Seelenheil kümmerten. Der Gründer von Scientology gab jedoch vor, dass allein die scientologisch Erhellten den Weg zur – im Scientology-Jargon – „geistigen Gesundheit“ kennen. Leute, die schlechte Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht hätten, ließen sich unter Umständen von der Organisation einlullen, befürchtet Caberta. „Das ist die Gefahr dabei.“ Es gehe den Ausstellungsmachern jedoch nicht um psychisch Kranke, sondern beispielsweise um ihre Familienangehörigen. Caberta: „Sie sollen sich angesprochen fühlen von der Aussage: Psychiatrie ist etwas Gefährliches. Doch das ist nur ein Vorwand, um bei Scientology anzudocken. Und schwupps, sind sie in einer verfassungsfeindlichen Truppe drin.“ Caberta hatte viele Gelegenheiten, sich mit Scientology auseinanderzusetzen. Sie weiß: „Kritiker, die sich bemühen, der Organisation die Maske vom Gesicht zu reißen, gelten als psychisch krank. Die ganze Welt ist psychisch krank, nur die Scientologen sind gesund. Das ist nicht gerade eine menschenfreundliche Ideologie.“ Und dennoch tritt die von Scientologen 1972 mitgegründete Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte als Menschenfreundin auf. Zurück nach Leipzig. Jetzt sei vor allem eines wichtig, sagt Prass, eine enge Zusammenarbeit aller Betroffenen und Beteiligten. Prass zufolge gingen alle verfügbaren Informationen unter anderem an Oberbürgermeister Burkhard Jung, an den Jugendamtsleiter, Siegfried Haller, an den städtischen Fachkoordinator für Psychiatrie, Thomas Seyde, sowie an den Staatsschutz. Doch lediglich Haller und eine Mitarbeiterin im Jugendamt würden mitziehen. Die Auskunft vom Staatsschutz laute: Bevor sicher ist, dass die Ausstellung kommt, geht nichts. „Das ist mir auch klar“, sagt Prass. „Aber ich kann mich doch vorbereiten!“ Viele Fragen könnten schon jetzt geklärt werden, zum Beispiel: Dürfen Scientologen nach Stadt- und Wegerecht auch vor den Ausstellungsräumen für sich werben und Leute ansprechen? Welche Möglichkeiten hat das Ordnungsamt, die Ausstellungsräume zu prüfen und Auflagen zu erteilen? Besonders ein Szenario steht Prass vor Augen. Am 30. Juni soll im Friedenspark der Grundstein für ein Mahnmal für die Leipziger Opfer der Kindereuthanasie gelegt werden. Prass rechnet fest mit einer Spontandemo von Scientologen. „Wenn ich als Polizei nicht vorbereitet bin, kann ich diese störende Demo nicht verhindern. Und das ist das, was ich anmahne. Es geht hier darum, einer menschenverachtenden, verfassungsfeindlichen Organisation nicht den Raum zu bieten, den sie gerne haben möchte. Das ist ein internationaler Kongress. Wir werden sehr viel Medienpräsenz haben.“ Leipzig ist ein Bollwerk gegen Scientology – noch. Die Organisation hat in vielen Städten Missionen und kleinere Niederlassungen. Und auch in Leipzig gibt es immer wieder neue Anläufe dazu. Nach der Wende eröffnete die Scientology-Organisation hier eine Mission, die aber unter anderem wegen gezielter Öffentlichkeitsarbeit wieder schließen musste. „Ich denke mal, das wurmt sie“, so Prass. „Es ist natürlich ein Stachel im Fleisch, dass sie einmal eine Mission hatten und dann wieder vor die Stadttore gesetzt wurden.“ In Leipzig rief ein Komitee einen Menschenrechtspreis für Personen ins Leben, die über Scientology aufklären. „Scientology hat stark auf solche Aktionen reagiert, zum Beispiel mit Demos und Störungen bei der Preisverleihung“, erinnert sich Prass. Der letzte Versuch, hier Fuß zu fassen, scheiterte im Januar 2009. Die SO wollte ihre gelben PR-Zelte auf dem Augustusplatz aufstellen. Ihre sogenannten ehrenamtlichen Geistlichen sollten hier für die scientologische Ideologie werben. Der EBI e. V. erwirkte durch Zuarbeit einen städtischen Ablehnungsbescheid. Die gelben Zelte leuchteten einen Monat später in der Dresdner Altstadt – hier fehlten offenbar der nötige Wille und das Wissen, die Aktion zu verhindern. Die Ausstellung ist nun der nächste Versuch. Dieses Mal gehen die Scientologen geschickter vor. Sie lassen ihrer Vorfeld-Organisation KVMP den Vortritt. In den Anfragen an Immobilienvertreter für Ausstellungsräume ist weder von Scientology die Rede noch von dem plakativen Titel „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“. Dennoch, die SO- Pressesprecherin von Berlin, Sabine Weber, bestätigte der Leipziger Internet Zeitung L-IZ.de, dass in Sachsen eine Mission geplant ist. Über Standort und Ablauf sei man gegenüber der Presse noch „zurückhaltend“. Ob es Leipzig wird? Hintergrund: 5.000 bis 6.000 Mitglieder hat die Scientology-Organisation hierzulande nach Zählart des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Scientology zählt anders und sprach auf Anfrage von 30.000 Mitgliedern, darunter 12.000 Aktive. Gegründet wurde Scientology 1954 von L. Ron Hubbard auf Grundlage seines Selbsthilfe-Ratgebers „Dianetik – Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“. Die erste Niederlassung in der Bundesrepublik entstand 1970. Kritiker werfen der Organisation unter anderem vor, durch teure Psychokurse ihre Mitglieder in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen. In Deutschland wird Scientology seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet.

hamburg.de, 20.05.2010
Vorsicht: Scientology-Werbung!
Vorsicht: Scientology-Werbung! „Freie Stress-Tests“ und „Dianetik“ auf Marktplätzen und Promenaden in Norddeutschland. Hamburger Scientologen auf der Suche nach neuen Mitgliedern.
Da steht doch nur Dianetik dran, sind das wirklich Scientologen?“, fragte eine Urlauberin vor einem Informationsstand auf der Promenade am Ostseestrand. Das war im vergangenen Spätsommer. Zum Saisonbeginn 2010 schwärmen Hamburger Scientologen nun wieder aus. In den vergangenen Wochen waren sie bereits verstärkt im Hamburger Umland aktiv. In Glinde waren sich die Passanten am vergangenen Wochenende einig: „Dass es sich um einen Stand von Scientology handelt, ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen.“ Doch es kam zu Protesten von wachsamen örtlichen Politikern. Sie klärten auf und warnten erfolgreich vor Scientology. Die Scientologen machten sich daraufhin frustriert und vorzeitig auf den Heimweg. „Freie Stress-Tests“ und „Dianetik“ sind Lockmittel der Scientologen. Zu ihren rot-gelben Infotischen gehören Dianetik-Bücher und ein „E-Meter" (Elektrometer): Ein Instrument, ähnlich einem Lügendetektor, mit dem Scientologen den „geistigen Zustand“ messen wollen. Zurzeit verläuft die Expansion der SO nicht erfolgreich. Daher verstärken ihre Mitarbeiter in Hamburg und in Norddeutschland ihre Werbeaktivitäten. Bücherstände mit einem kostenlosen Stresstest und dem sogenannten E-Meter können Neugier wecken. Das E-Meter ist ein Gerät mit einer Mess-Skala und zwei mit Kabeln angeschlossenen Blechdosen. Der interessierte Passant bekommt sie in die Hände gedrückt, und es werden sehr persönliche Fragen gestellt. Bei den Antworten oder manchmal schon zuvor schlägt ein Zeiger auf einer Skala des Gerätes aus. Das Ganze funktioniert durch Messung des Hautwiderstands wie bei altmodischen Lügendetektoren. Als Lügendetektor wird das Gerät tatsächlich auch unter Scientologen eingesetzt. An den Ständen der Scientologen hat das etwas Spielerisches und ist doch gefährlich, weil es ihr Geschäft ist, damit Interesse zu wecken, überzeugend zu wirken und somit neue Mitglieder zu gewinnen.
Mit wenigen gezielten Fragen werden Stress und alltägliche Probleme offenbar, die sogar die Nadel am E-Meter ausschlagen lassen. Das Gerät könne also unseren geistigen Zustand messen, wollen die Scientologen weismachen, und an dem gibt es naturgemäß immer etwas zu verbessern. Die Werber der SO wenden in der Folge das an, was sie intensiv trainiert haben: Sie agieren personenzentriert, freundlich und hilfsbereit, sie suchen nach Schwachpunkten, intern „Ruin Points“ genannt. Sie bemühen sich um eine Beziehungsebene und versprechen, dass Scientology Defizite beseitige und dass sich „Gewinne“ einstellen würden. Im Bewusstsein der umworbenen Personen sollen sich ihre Probleme nachhaltig mit der Hoffnung auf Hilfe durch die scientologische Technologie verknüpfen. Es kann mit einem umfangreicheren Test und mit sehr intimen Fragen weitergehen, einer Buchempfehlung, einem Kurs für Kommunikation oder für „Aufs und Abs im Leben“. Die Angebotspalette umfasst ein großes Spektrum. Es werden einfache Erklärungsmuster für persönliche Probleme offeriert, und unversehens öffnet sich ein Weg in eine Organisation mit totalitärem Charakter. Das Politische steht bei der SO nicht im Vordergrund. Erst wenn die Organisation die Gedanken und Handlungen ihrer Mitglieder kontrolliert und bei fortgeschrittenen Unterweisungen in der scientologischen Ideologie wird eine „Neue Zivilisation“ ausgerufen. Der freiheitlichen Demokratie wird ein scientologisches Modell gegenübergestellt, in dem nur noch Scientologen Rechte haben sollen. Von diesen eingeschränkten Rechten, dem Kontroll- und Bestrafungssystem in der Organisation kann der Passant, der sich neugierig einem freundlichen Scientologen und seinem Stress-Test aussetzt, nichts ahnen. Wer sich darauf einlässt, hat somit auch die Chance festzustellen, dass anschließend kaum noch etwas „frei“ in dem extremistischen Psychokult ist - weder die Gedanken noch die kostenintensiven weiteren Kurse.

Vorschau:  SF 1 zeigt am Pfingstmontag, 24. Mai 2010, um 20.05 Uhr die ARD-Produktion «Bis nichts mehr bleibt». Direkt im Anschluss diskutieren unter der Leitung von Christine Maier in einem «Club Extra» zwei Scientologen mit Aussteigern und Kritikern über die Frage: Wie gefährlich ist Scientology?


Hamburger Abendblatt, 17.05.2010
Protestaktion in Glinde (Scientology)  -  Wir bleiben, bis die gehen
Glinde. "Wir wollen keine Scientologen in Glinde", steht in großen Buchstaben auf dem Plakat am Stand der CDU-Glinde und erregt die Aufmerksamkeit vieler Passanten. Die Christdemokraten haben direkt gegenüber des Scientologen- Werbestandes am Anfang des Glinder Marktes Stellung bezogen. Sie verteilen Flugblätter und klären die Menschen über die Ziele und Aktivitäten der Organisation auf, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. "Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass Scientology im Hamburger Umland verstärkt um Mitglieder wirbt", sagt der CDU-Ortsvereinsvorsitzende und Kreistagsabgeordnete Lukas Kilian. Auch in Glinde versuche die Organisation mit unterschiedlichsten Mitteln, Menschen an sich zu binden. Kilian: "Das werden wir verhindern." Schon vor ein paar Wochen hatte Scientology einen Werbestand in der Stadt aufgebaut. Auch damals hatte die CDU protestiert. "Die Scientologen haben versucht uns einzuschüchtern", sagt Kilian. Sie fotografierten den Stand und kündigten an, die CDUler zu verklagen. Kilian: "Davon lassen wir uns aber nicht beeindrucken." Bei den Glindern stößt die jüngste Protestaktion auf breite Zustimmung. Innerhalb kürzester Zeit verteilten 15 Glinder CDU-Mitglieder mehrere Hundert Flugblätter, auf denen vor der Sekte gewarnt wird. "Es ist gut, dass immer wieder über die Organisation aufgeklärt wird", sagt die Glinder Bürgerin Käthe Poppe im Gespräch mit dem Ortsvereinsvorsitzenden. "Wir alle sollten wachsam sein." Viele Passanten fragen sich aber auch, warum ein Scientology-Stand von der Gemeinde überhaupt genehmigt wird. "In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit, das gilt auch für Scientology. Deshalb dürfen sie auch für sich werben", sagt der Landstagsabgeordnete Mark Oliver Potzahr. Umso wichtiger sei, gegen das "menschenverachtende Scientology-System" zu protestieren. Aufklärung sei auch deshalb wichtig, weil die Organisation vielfach unter dem Namen "Dianetics" auftritt. So auch in Glinde. "Dass es sich um einen Stand von Scientology handelt, ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen", sagt Lukas Kilian. Vielen Passanten sei erst durch die Protestaktion der CDU aufgefallen, wer dort für sich werben wollte. Es ist kalt an diesem Vormittag, heftige Böen fegen über den Marktplatz. Die Scientologen haben ihren Stand von 8 bis 18 Uhr angemeldet. "Wir bleiben solange, bis die gehen", sagt Lukas Kilian. Das tun sie an diesem Tag schneller als erwartet. Bereits kurz vor 12 Uhr packen die Scientologen ihr Werbematerial wieder ein. Die Mitglieder des Ortsvereins der CDU werten das als einen Erfolg. Der Vorsitzende sagt: "Es muss schon frustrierend sein, hier keinerlei Zuspruch zu bekommen. Wenigstens sei ihnen aber klar geworden, dass wir sie hier in Glinde nicht wollen." Die CDU Glinde hat angekündigt, ihre Protestaktion fortzuführen.


Hinweis: für eine unbestimmte Zeit ist der Film und die anschliessende Diskussion in der Mediathek des ARD und Das Erste zu sehen.
Hier die Links:

Bis nichts mehr bleibt

Hart aber Fair, 31.03.2010, Sekten, Gurus und Gehirnwäsche (anschliessende Diskusion an den Fernsehfilm)

Beckmann, 29.03.2010, Scientology-Aussteiger sprechen über ihre Erfahrungen


Berliner Zeitung, 31.03.2010, Frank Nordhausen
Triumph über Scientology 
Es ist eine gute Nachricht, wenn heute Abend im deutschen Fernsehen der weltweit erste Spielfilm über Scientology läuft, der die totalitäre Psychosekte klar beim Namen nennt. Es ist ein Erfolg für die Kunst- und Meinungsfreiheit, denn Scientology hat es in der Vergangenheit vermocht, durch Drohungen und einstweilige Verfügungen ähnliche Vorhaben oft zu vereiteln. Wie im Fall des mutigen Films über die Contergan-Affäre und die Herstellerfirma Grünenthal setzt abermals die ARD Maßstäbe. Ihr gebührt dafür uneingeschränktes Lob. Der Film "Bis nichts mehr bleibt" wäre aber kaum entstanden ohne die jahrzehntelangen Bemühungen der deutschen Zivilgesellschaft, die Machenschaften von Scientology öffentlich zu machen. Betroffene Bürger aus Hamburg und Schleswig-Holstein brachten diesen Prozess Ende der 80er-Jahre ins Rollen, als sie dem Bundestags- Petitionsausschuss 50 000 Unterschriften gegen den Psychokonzern übergaben und einen Untersuchungsausschuss forderten. Damals begann die Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ursula Caberta, sich für das Anliegen der Bürger zu engagieren. Es war ihr gemeinsames Verdienst, dass die Stadt Hamburg 1992 eine weltweit einzigartige Arbeitsgruppe Scientology gründete, die Caberta bis heute leitet. Ihrer Aufklärung ist es wesentlich zu verdanken, dass der Gehirnwäschekonzern heute in seiner schwersten Krise steckt. Caberta beriet auch die Macher des ARD-Films. Umso befremdlicher wirkt es, dass der Hamburger Senat der Arbeitsgruppe ausgerechnet jetzt die Mittel halbiert - und wirkungsvolle Arbeit unmöglich macht.

Berliner Zeitung, 31.03.2010, Frank Nordhausen
Angsteinflößend wahr - Die ARD zeigt einen ebenso spannenden wie aufklärerischen Film über Scientology
Bis nichts mehr bleibt", heißt der Scientology-Film, den die ARD heute Abend zeigt. Es ist der erste große Spielfilm weltweit, der es wagt, die Sekte beim Namen zu nennen. Das ehrt die ARD und ist von der ironischen Pointe gekrönt, dass der Film ohne den Top- Scientologen Tom Cruise gar nicht entstanden wäre. "Im Dezember 2007 sah ich die Bambi-Verleihung an Tom Cruise im Fernsehen", sagte der Produzent Carl Bergengruen bei der Filmpremiere. Tom Cruise habe endlos lange über sein "neues Menschenbild" gesprochen ohne dass jemand im Saal protestierte. "Da dachte ich, es wird Zeit, sich filmisch mit Scientology zu befassen." "Bis nichts mehr bleibt" erzählt die Geschichte des Taxifahrers Frank (Felix Klare), der erst sich selbst und sein Geld, dann seine Frau Gine (Silke Bodenbender) und am Ende auch die kleine Tochter Sarah an Scientology verliert. Der Film zeigt im zweiten Teil, wie Frank nach Jahren der psychischen und materiellen Abhängigkeit zwar der Ausstieg gelingt, aber Gine und Sarah ihm nicht folgen. Beide geraten nur immer tiefer hinein in die Manipulationsmaschine der Sekte, deren wichtigstes Mantra lautet: "Wahr ist, was du für wahr hältst." Schließlich trifft man sich vor dem Familiengericht, das die Rahmenhandlung des Films abgibt. Frank möchte Gine das Sorgerecht entziehen lassen, weil sie unter dem Einfluss von Scientology steht. Gine sagt, er wolle ihr die Tochter nehmen, weil er gegen ihre Religion sei. Und die Richterin urteilt so, wie die deutsche Justiz leider allzu häufig in ähnlichen Fällen Recht spricht - rein nach dem äußeren Anschein. "Sie wollen, dass wir der Mutter das Kind entziehen", fragt sie Frank, "nur weil sie weiter einer Religionsgemeinschaft angehört, der Sie abgeschworen haben?" Missbrauch von Seele und Körper Wie wenig Scientology mit einer Religionsgemeinschaft zu tun hat, wie viel dagegen mit Missbrauch von Seele und Körper, das bringt dieser Film in verstörender Weise zum Ausdruck. Dabei gelingt es dem Regisseur Niki Stein, seine Geschichte zu erzählen, ohne der Versuchung zu erliegen, den didaktischen Zeigefinger allzu stark zu strapazieren. Dafür zuständig ist im Film Franks Rechtsanwältin (Suzanne von Borsody), deren Rolle deutlich dem Vorbild der Hamburger Scientology-Beauftragten Ursula Caberta folgt. Sie erklärt einige der abstrusesten oder filmisch kaum zu integrierenden Zusammenhänge. Wie die Legende vom bösen Alien-Fürsten Xenu, der die "Body-Thetanen" kontrolliert, die jeden Scientologen quälen. Oder warum Kinder bei Scientology kein Spielzeug brauchen: Sie gelten als "Erwachsene in kleinen Körpern". Sonst aber verlässt sich Stein auf die filmischen Mittel. Frank ist zum Abendessen in der eleganten Wohnung eines Rechtsanwaltes (Kai Wiesinger) erschienen, den sein wohlhabender Schwiegervater engagiert hat, um die Erbschaftsangelegenheiten der Tochter zu regeln. Der sich daran anschließende, allmähliche Übergang in die Wahnwelt der Sekte erscheint absolut nachfühlbar - wobei die Zuschauer gleichzeitig die Psychotricks zu durchschauen lernen. Und wenn der Film die hermetische Sondersprache der Scientology eins zu eins abbildet, versteht man zwar nicht, was genau da verhandelt wird, aber man spürt: Das soziale Koordinatensystem verschiebt sich so, dass den Protagonisten nur die Alternative bleibt, weiter hineinzugleiten in die Sektenwelt oder von ihr ausgespuckt zu werden. Letzteres passiert Frank, der hilflos die Zerstörung seiner Familie erlebt. Dass Scientology mit der Hypnosetechnik "Auditing" eine betörende Sucht erzeugt, transportieren die Bilder ebenso wie die allgegenwärtige Überwachung und die Gefühlskälte, die die Sekte Sarah anerzieht, bis sie am Ende Scientology mehr liebt als den Vater. Das ist das eigentlich Perfide an dieser wie an den meisten anderen Sekten: der Missbrauch von Kindern, die eben nicht selbst entscheiden können, ob sie mitmachen wollen oder nicht. Darüber bestimmen ihre Sekteneltern - die nicht selten von ignoranten Familienrichtern bestätigt werden. Auch diese Wendung ist wie der gesamte Film angelehnt an wahre Schicksale, vor allem des Hamburgers Dieter von Rönn, der 1984 von Scientology angeworben wurde und seine Frau in die Sekte brachte. Während er nach zehn Jahren den Absprung schaffte, blieb seine Frau mit den Kindern bei Scientology. Rönn lebt heute gemeinsam mit seiner neuen Frau Astrid, die damals mit ihm ausstieg. Nina Kunzendorf erzählte bei der Filmpremiere, dass sie und die anderen Hauptdarsteller mit Rönns zusammensaßen und sich deren Geschichten anhörten. Ein früherer Top- Scientologe spielte mit ihnen das Auditing durch, am E-Meter, dem Lügendetektor von Scientology. Mit dem Ergebnis, dass Kunzendorf die kühle "Ethik-Offizierin" der Scientology-Filiale beängstigend realistisch verkörpert. Es hat viele Versuche im Fernsehen gegeben, Scientology zu dramatisieren, beim "Tatort", auch in Krimis der Privatsender. War die filmische Sekte auch nach dem Vorbild gestrickt, durfte sie doch nie Scientology heißen. Das ist in "Bis nichts mehr bleibt" anders. Noch nie wurde die unterkühlt-elegante Atmosphäre einer Scientology-Org so wirklichkeitsgetreu in Bilder umgesetzt. Das Setting stimmt bis in die kleinsten Details: die Thetan-Armbänder, die Clear-Urkunden an der Wand, die bizarren Marine-Uniformen der Sea-Org-Offiziere, die zur Strafaktion anrücken. Und erstmals wird im Spielfilm auch ein scientologisches Straflager gezeigt, wo die "Rehabilitanden" schwarze Overalls tragen und sich den ganzen Tag im Laufschritt bewegen müssen. "Inseln des Totalitarismus in der demokratischen Gesellschaft" hat der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton Sekten wie Scientology genannt. Was das heißt, konnte man selten so realistisch erfahren wie in diesem spannenden, im besten Sinne aufklärerischen Film. Dabei war das Ziel, die Wirklichkeit möglichst genau abzubilden, das eigentliche Wagnis für die Filmemacher. Denn die Organisation verfügt über eine millionenschwere "Kriegskasse", um Kritiker zu bekämpfen. "Erhebt bei jeder Gelegenheit Verleumdungsklagen", schrieb der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. "Es geht nicht darum zu gewinnen. Der Zweck einer Klage ist es, den Gegner zu zermürben und zu entmutigen." Um das Projekt nicht zu gefährden und die Informanten zu schützen, entstand der Film daher unter strenger Geheimhaltung. Der Regisseur Niki Stein sagte bei der Berliner Premiere, Scientology sei derart facettenreich, dass er nur fünf Prozent davon habe abbilden können. Am Ende versteht man daher zwar nicht recht, wozu der ganze Apparat des Psychokonzerns eigentlich da ist und wer davon profitiert. Aber man begreift, wieso ganz normale Menschen fremdbestimmte Scientologen werden. Das ist sehr viel. Und man muss den Film loben für seinen Mut, im Abspann darauf hinzuweisen, dass es auch die Möglichkeit gäbe, Scientology zu verbieten - dass dies aber in Deutschland wie in den meisten anderen Ländern nicht geschieht.

Der Spiegel, 25.03.2010, Michael Fröhlingsdorf
Scientology gegen ARD "Geschichten, die vorne und hinten nicht stimmen" 
ARD-Film "Bis nichts mehr bleibt" (31.3., 20.15 Uhr): "Übelst echt" Weil die ARD einen Spielfilm über einen Scientology-Aussteiger gedreht hat, sehen sich die Scientologen in der Defensive: Sie streben eine Schadensersatzklage gegen die Stadt Hamburg an - und haben einen Gegenfilm zum ARD-Werk gedreht. Die Interview-Partner sind nur von hinten zu sehen. Vor ihnen auf einem Leder- Sofa sitzt Frank Busch, ein großer, schlanker Mann im dunklen Anzug. Alles sieht vertrauenserweckend aus, wenn auch ein wenig improvisiert. Es geht um einen acht Jahre alten Sorgerechtsstreit. Busch, Scientology-Pressesprecher in Hamburg, kennt die Antworten seiner Gesprächspartner schon. Trotzdem verhaspelt er sich manchmal. So reagiert die selbsternannte Kirche auf ein TV-Drama, das die ARD am 31. März um 20.15 Uhr senden will. Unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" geht es dort um das Schicksal eines Aussteigers, darum, wie Scientology sein Leben und das seiner Familie zerstört hat. Nun hat auch Scientology einen Film gedreht: Am Donnerstagvormittag wird er in Hamburg vorgestellt, danach wird er im Internet abrufbar sein. Das 40-minütige Werk ist allerdings weit weniger aufwendig als der ARD-Spielfilm. Es besteht hauptsächlich aus Interviews mit der geschiedenen Ehefrau des Ex-Mitglieds und einem Sohn des Paars. Beide sind laut Sekte bis heute Scientologen. Außerdem werden Dokumente des Jugendamtes und des Hamburger Familiengerichts präsentiert, die vor allem eines belegen sollen: Der Aussteiger Heiner von Rönn, an den sich die TV-Story anlehnt, habe sein Familienleben durch sein Verhalten in dem Streit selber ruiniert - und Schuld an der ganzen Misere habe die Hamburger Scientology-Expertin Ursula Caberta. Noch mehr als den fiktiven Einblick in ihr Innenleben stört die Organisation, die in vielen Ländern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, nämlich, dass Caberta den Medien immer wieder Aussteiger präsentiert und so für negative Berichte sorgt. Auch das Filmteam vom Südwestrundfunk (SWR) hat sie beraten und den Kontakt zu von Rönn hergestellt. Seit Jahren schon streiten sich die Mitarbeiterin der Hamburger Innenbehörde und Scientology in etlichen Verfahren vor Gericht. Nun könnte bald eine weitere Auseinandersetzung hinzukommen. Die Sekte will eine Schadensersatzklage gegen die Stadt Hamburg einreichen, weil, so der Pressesprecher der München Niederlassung, Jürg Stettler, Caberta den Medien immer wieder Aussteigergeschichten präsentiere, "die vorne und hinten nicht stimmen". "Juristisch ist da nichts zu machen" Sich selbst versucht die Sekte dagegen betont seriös darzustellen. Keine Kritik an den Medien, nur ein dezenter Hinweis auf die Programmrichtlinien der ARD und die Frage, wofür Gebührengelder eingesetzt würden. Der Presse könne man keinen Vorwurf machen, wenn sie eine "quasi amtlich geprüfte Version" ohne weitere Recherchen übernehmen würden, sagt Stettler. Auch gegen die ARD will Scientology nicht rechtlich vorgehen. Das hat auch einen anderen Grund. "Juristisch ist da nichts zu machen", gibt Busch zu. Da passt es gut zum seriösen Auftreten, dass die Sekte zumindest mit einem Vorwurf wohl tatsächlich nichts zu tun hat. Während der Dreharbeiten wurde das SWR-Filmteam bespitzelt und am Telefon bedroht. Doch nicht etwa Scientology steckte hinter den Aktionen. Verantwortlich war wohl die Anonymous-Gruppe, die über das Internet vernetzt ist und weltweit Scientology bekämpft. Tatsächlich hatten Hamburger Mitglieder den Drehort am schicken Hamburger Balindamm gesichtet und geglaubt, Scientology würde dort eine neue Filiale errichten. Tagelang beobachteten sie das Geschehen und stellten heimlich geschossene Fotos ins Internet. Erst später stellten sie den Irrtum fest. "Gut, wir sind also auf ein Filmset reingefallen, aber kann passieren, sah ja auch übelst echt aus", gab "anonn004" Entwarnung.

Tagesspiegel.de, 19.03.2010, Markus Ehrenberg
Scientology - Bis doch was bleibt -  Strengste Geheimhaltung, Tarnname, Security: Ein ARD-Film über einen Scientology-Aussteiger 
Polizeiwagen, Einlass nur mit persönlicher Einladung, Mini-Demo mit Maskierten vor der Tür, drinnen eine proppevolle Halle, rund 500 Gäste in Stuhlreihen vor einem riesigen Bildschirm, drumherum patrouillierend Sicherheitsleute – am Mittwochabend bot sich dem Besucher des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin Mitte ein beeindruckendes Bild. Anlass war die Vorab-Präsentation des SWR-Fernsehfilms „Bis nichts mehr bleibt“, der am 31.3. im Ersten ausgestrahlt werden soll und der das Schicksal eines jungen Familienvaters und Scientology- Aussteigers beschreibt, der Frau und Tochter an Scientology verliert.
Es handelt sich um das mutigste Projekt der jüngeren Fernsehgeschichte. Der Film basiert laut Vorspann auf einer wahren Geschichte ehemaliger Mitglieder von Scientology. Erstmals wird dieses heikle Thema in Deutschland zu einem fiktionalen Stoff verdichtet und die Organisation beim Namen genannt. SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen wies darauf hin, dass Scientology seit 13 Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Um die Produktion von „Bis nichts mehr bleibt“ wurde monatelang ein großes Geheimnis gemacht. Alle Beteiligten mussten sich vertraglich zu Stillschweigen verpflichten. Der Film wurde unter dem Tarnnamen „Der Tote im Sund“ gedreht. Es wurden keine DVDs vorab versendet. Treibende Kraft war SWR-Fernsehfilmchef Carl Bergengruen – und die Nonstop-Rede von Tom Cruise, die der Hollywoodstar und bekennende Scientologe 2007 bei der Verleihung des Bambi, „Kategorie Mut“, gehalten hat. Von da an war Bergengruen, dem nach eigener Aussage als Student in den 80er Jahren von US-Scientologen die berühmten 100-Psycho-Fragen vorgelegt worden waren, laut eigener Aussage nicht mehr zu halten. Viel Applaus im ARD-Hauptstadtstudio. Auch für Team-Worx-Produzent Nico Hofmann, der daran erinnerte, wie aktiv Scientology gerade auch an Berliner Schulhöfen und Straßen unterwegs sei. Scientology soll geschätzt rund 5000 bis 6000 Mitglieder in Deutschland haben. Mit einem Spielfilm, so Bergengruen, könne man mehr Menschen erreichen als mit Dokus. Die Botschaft ist klar. „Bis nichts mehr bleibt“ erzählt, mit welch’ raffinierten Methoden es der Organisation immer wieder gelingt, Menschen psychisch und materiell von sich abhängig zu machen und, wie in diesem Fall, sogar eine Familie zu zerreißen. Wissensberichte, Rehabilitationszentren, der hermetische Scientology-Sprech, das Verhältnis zu Kindern – bei aller Fassungslosigkeit über die Methoden und die Duldsamkeit der Anhänger ist das eine über weite Strecken bannende Studie (Buch und Regie: Niki Stein), getragen vom Darstellerensemble um Felix Klare und Silke Bodenbender. Während der 90-minütigen Präsentation bei der ARD konnte man jede Stecknadel fallen hören. Die Story lehnt sich weitestgehend an die Geschichte des Scientology-Aussteigers Heiner von Rönn an, der auch unter den Zuschauern war. Das Unbehagen war mit Händen zu greifen. Tagesspiegel http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Bis-nichts-mehr-bleibt-Felix... 1 von 2 18.03.2010 18:51 Nichts zu sehen vor Ort von Scientology. Nur eben die Mini-Demo von „Anonymous“, einer Gruppe von Scientology-Gegnern. Im Vorfeld war zu lesen, dass sich Scientology gegen den Aussteigerfilm wehren wolle. Die Organisation habe, so Bergengruen, permanent versucht, Details über das Projekt zu erfahren. Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als unverfilmbar. Es schien nur eine Frage der Zeit, dass Scientologen Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würden. Scientology Deutschland kündigte für die nächsten Tage denn auch eine eigene Pressekonferenz mit „brisanten Hintergründen zu der geplanten ARD-Sendung“ an. Es sei dazu ein eigener halbstündiger Film produziert wurden. Das letzte Wort zu diesem Aussteigerfilm scheint wohl noch nicht gesprochen

jetzt.de, 08.03.2010, Marc Felix Serrao
Scientology wehrt sich gegen Aussteigerfilm der ARD
Jürg Stettler ist bestens informiert. Da sei doch gerade diese Pressevorführung in München gewesen, sagt der Sprecher von Scientology Deutschland am Telefon. "Da waren wir auch nicht eingeladen." Wie er so schnell von dem Termin, der eben erst stattgefunden hat, erfahren konnte, sagt er nicht. Dabei hatte der Südwestrundfunk (SWR) nur eine Handvoll Journalisten in das Schwabinger Programmkino eingeladen. Alle wurden mit Handschlag begrüßt, DVDs zum Mitnehmen gab es "aus Sicherheitsgründen" keine. Das Gemeinschaftsprojekt, das der SWR - stellvertretend auch für ARD-Degeto, NDR und die Produktionsfirma Teamworx - vergangene Woche in München vorgestellt haben, will die ARD am 31. März um 20.15 Uhr zeigen. Ob es soweit kommt, ist allerdings nicht sicher. Will Scientology den Film verhindern? "Das ist noch offen", sagt Stettler: "Das müssen Anwälte prüfen." Die ARD versuche " ja alles, damit wir den Film vor der Ausstrahlung nicht sehen". Trotzdem scheint er den Inhalt schon ziemlich gut zu kennen: "Es ist eine Verletzung der Programmrichtlinien der ARD, was dort verbreitet werden soll. Der Sender ist verpflichtet, religiöse Toleranz zu fördern, nicht umgekehrt." "Das Gegenteil ist wahr" Bis nichts mehr bleibt (Buch und Regie: Niki Stein) erzählt die Geschichte einer Familie, die zerrissen wird - von Scientology. Es ist eine Premiere, in jeder Hinsicht. Nie zuvor hat es ein deutscher Fernsehsender gewagt, Scientology zu einem fiktionalen Stoff zu verarbeiten - und die Organisation beim Namen genannt. Gedreht wurde an Originalplätzen, etwa vor der Europazentrale in Kopenhagen. Vom Mitgliederjargon, in dem man ab einer bestimmten Stufe "Operierender Thetan" ist (mit speziellem Armbändchen), über die harten Schulungsmethoden bis hin zu den güldenen Bühnenbildern bei Feierlichkeiten, ist der Film um Authentizität bemüht. Das Urteil ist dabei eindeutig: Scientology, so wie die Organisation hier gezeigt wird, ist eine totalitäre Gefahr, die den Prinzipien einer freien Gesellschaft widerspricht. Die Gefahr für das eigene, ohnehin stark lädierte Image hat die Gemeinschaft, die sich selbst als Kirche bezeichnet, inzwischen erkannt. Nachdem Scientology Sender und Produktionsfirma bislang nur mit Anrufen, E-Mails und Briefen traktiert hat, sucht sie nun die Konfrontation. "Scientology macht jetzt einen eigenen Film", kündigte ihr Sprecher im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung an. Geplant sei eine circa halbstündige Doku, "mit Interviews und Gerichtsurteilen". Der Film werde gerade im Schneideraum bearbeitet und solle in ein bis zwei Wochen vorgestellt werden, vermutlich in Hamburg oder München. "Wir werden zeigen, das die von der ARD engagierte sogenannte Expertin Ursula Caberta die Medien mit falschen Informationen füttert", sagt Stettler. Auch die Geschichte des Vater, der im Film sein Kind durch Scientology verliert, sei erfunden: "Genau das Gegenteil von dem, was die ARD zeigt, ist wahr." Dem Vorwurf, Scientology falsch darzustellen, widersprechen der SWR und Teamworx mit Nachdruck. "Wir haben bewusst einen Spielfilm gemacht, keine politische Gesamtanalyse von Scientology, weil wir so viele Menschen wie möglich erreichen wollten", sagt Carl Bergengruen, der das Projekt als Fernsehfilmchef des SWR auf den Weg gebracht hat. Trotzdem erzähle der Film eine "wahre Geschichte". Neben dem Einzelschicksal, auf dem diese basiere, seien weitere Fälle eingeflossen, "von denen wir wissen, dass sie so stattgefunden haben". Ähnlich äußert sich auch Benjamin Benedict, Produzent von Teamworxx. Neben einem ausführlichen Literaturstudium hätten die Produzenten monatelang mit Aussteigern der Organisation gesprochen. Zudem hätten sie sich von Ursula Caberta beraten lassen, "die sich seit vielen Jahren mit der Thematik beschäftigt". Die 59-Jährige ist Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Stadt Hamburg und eine der schärfsten Kritikerinnen der Organisation in Deutschland. Benedict ist im Gespräch auffallend zurückhaltend. Mit Nachdruck bittet der Produzent darum, seine Zitate schriftlich autorisieren zu dürfen. Zur Frage, ob er um die Ausstrahlung des Films fürchte, will er sich gar nicht erst äußern. Die Vorsicht der Filmemacher, die der Spiegel nach einer ersten Pressevorführung in Hamburg als "Geheimniskrämer-Tamtam" bezeichnet hat, ist sehr nachvollziehbar. Wie gefährlich die in vielen Ländern als Religion anerkannte "Church of Scientology" wirklich ist, können Außenstehende nur schwer beurteilen. Doch wenn es darum geht, gegen Kritiker vorzugehen, ist die Gemeinschaft bekanntlich nicht zimperlich. Im Bayerischen Verfassungsschutzbericht von 2008 etwa wird aus Hubbards Einführung in die Ethik der Scientology zitiert: "Um die Macht zu behalten", heißt es da, müsse man "kaltblütig, skrupellos, hemmungslos, gegebenenfalls auch heimtückisch, hinterlistig und mit Gewalt gegen die eigenen Feinde vorgehen, ansonsten werde man die Macht verlieren". Die Macht verliert in Bis nichts mehr bleibt auch der junge Hauptdarsteller Felix Klare (den man als Kommissar Bootz aus dem Stuttgarter Tatort kennt): erst über sich, dann über seine Familie. Scientology gewinnt - auch wenn die Organisation in diesem speziellen Fall alles tun wird, um das Gegenteil zu beweisen.

beobachter.ch, 05.03.2010, Thomas Angeli
Science-Fiction im Keller
Mit mysteriöser «Raumenergie» soll ein Gerät für viel Geld Mauern trockenlegen. Die Wissenschaft schmunzelt, und die Nähe des Anbieters zu Scientology ist offensichtlich.
Vertrauen einflössende Zertifikate und wohlklingende Auszeichnungen haben schon manchem Geschäft auf die Sprünge geholfen. Auf der Homepage der österreichischen Firma Aquapol ist beides zu finden. Das «Aquapol-Mauertrockenlegungssystem» kommt ohne Strom aus, funktioniert allein durch «Raumenergie», «Kapillarkräfte» und «Magnetokinese». Es kann ein europäisches Patent vorweisen, einen «EMV-Prüfbericht» vom TÜV-Rheinland, sein Erfinder Wilhelm Mohorn ist Träger der «Kaplan-Medaille für Grundlagenforschung» und noch vieles mehr. Mit einer grossen Publireportage auf newsnetz.ch warb Aquapol im Januar auch wieder einmal in der Schweiz. Sie könne «Aquapol auf jeden Fall weiterempfehlen», strahlte Barbara Weil aus Gunten BE darin: «Das Klima ist allgemein angenehmer und der Boden viel trockener.» Das Gleiche beteuert sie auch gegenüber dem Beobachter. Der derart gepriesene Apparat sieht erstaunlich unspektakulär aus, und auch das Innere gemahnt nicht an revolutionäre Technik: Ein paar Kupferkabel und Stangen, je nach Modell zwei parallel angeordnete grüne Scheiben, mehr ist da nicht. Aquapol vermeldet stolz 43'000 Häuser, die mit dem Apparat seit 25 Jahren trockengelegt worden seien. Nachprüfen lässt sich das nicht, und unabhängige wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit des Geräts gibts nicht. Aquapol zitiert in einer Stellungnahme an den Beobachter zwar die Professoren Karl Ernst Lotz und Josef Gruber, bloss: Beide sind im Vorstand der «Österreichischen Vereinigung für Raumenergie». Deren Präsident: Wilhelm Mohorn, Aquapol-Erfinder und -Vermarkter – und Freund der Scientologen (siehe nachfogender «Hintergrund»). Unabhängigkeit sieht anders aus. Eine Wirkung jedoch hat das Wunderding zweifelsohne – auf das Konto der Firma Aquapol und ihrer Franchisenehmer. 6000 bis 13'000 Franken kostet das Gerät. Michael Müller, Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal, der den Apparat im Auftrag des ZDF auseinanderschraubte, attestierte den Komponenten einen Materialwert von etwa 20 Euro. Aquapol verkaufe halt «keine Geräte zur Mauertrockenlegung, sondern eine umfassende Dienstleistung», lässt Erfinder Mohorn über seinen Mediensprecher ausrichten. Dazu gehören eine «umfassende Mauerwerksdiagnostik» sowie eine «Fülle von aussagekräftigen Messungen und Spezialdienstleistungen». «Vereinigung von Zauberkästchen-Bauern» Auch die Zertifikate und Auszeichnungen entpuppen sich als mehr Schein als Sein. Der EMV-Prüfbericht des TÜV bescheinigt lediglich die elektromagnetische Verträglichkeit, sprich: Aquapol, das keinen Strom benötigt, stört keine elektrischen Geräte. Auch das Zertifikat des «Europäischen Arbeitskreises für Mauerwerksanierung» taugt nach Aussage eines Fachmanns, der nicht genannt werden will, nicht viel: «Das ist eine Vereinigung von Zauberkästchen-Bauern, die sich gegenseitig zertifizieren.» Und ein Patent kann jeder anmelden, der etwas erfunden zu haben meint. Ob die Erfindung funktioniert, spielt keine Rolle. Fachleute, die nicht mit Aquapol verbandelt sind, bezweifeln die Wirkung des Geräts geradeheraus: «Das System kann keine entfeuchtende Wirkung entfalten», schreibt etwa das deutsche Fraunhofer-Institut für Bauphysik. Ähnlich sieht das Rainer Bunge, Professor für Umwelttechnik an der Hochschule Rapperswil: «Aus wissenschaftlicher Sicht steht fest, dass Aquapol weder funktioniert noch überhaupt theoretisch funktionieren kann.» Die Erklärung für die Wirkungsweise von Aquapol lese sich, «als ob jemand mit dem Zufallsgenerator über ein Physiklexikon gefahren wäre». Auch vom angeblichen «Gravomagnetismus», mit dem Aquapol funktionieren soll, halten die Forscher nicht viel: «Die gravomagnetische Energie wurde noch nie in einem wissenschaftlichen Versuch nachgewiesen», schreibt der Physiker Kolja Prothmann vom Max-Planck-Institut: «Die einzige mir bekannte Referenz bezieht sich auf die Science-Fiction-Serie ‹Mondbasis Alpha 1› aus dem Jahr 1977.» Hintergrund Viel Geld für Scientology Aquapol-Erfinder Wilhelm Mohorn erwähnt auf seiner Website stolz seine Mitgliedschaft im Bundessenat des honorigen «Senats der Wirtschaft» in Österreich. Wer sich dort erkundigt, erfährt Erstaunliches: Der Senat habe sich «aufgrund der zwischenzeitlich in Erfahrung gebrachten Aktivitäten für Scientologen von Herrn Mohorn und so­mit auch dessen Unternehmen» distanzieren müssen, sagt eine Sprecherin.Mohorn ist in der Scientology-Publikation «Impact» von 2006 als «Patron Meritorious» aufgeführt. Diesen Titel erhält, wer mindestens 100'000 Dollar gespendet hat. Mo­horn will das nicht kommentieren. In der Schweiz wird Aquapol übrigens von der Firma Delphin Bürkli & Partner vertrieben – alte Bekannte in der Scientology-Szene: Der Beobachter berichtete schon 1995 von der Sektenzugehörigkeit der Inhaber.

merkur-online.de, 04.03.2010
Scientology-Aussteiger packen in der ARD aus 
Das Drehbuch? Geheim. Der Titel? Top secret, genauso wie die Schauspieler: Bis zuletzt hat der SWR Details zum Film "Bis nichts mehr bleibt" unter Verschluss gehalten. Kein Wunder. © ARD Szene aus dem ARD-Film: Ein Mitglied (Nina Kunzendorf) überzeugt Frank (Felix Klare) von der Scientology. Mit dem Spielfilm kommt hochbrisanter Stoff ins Fernsehen: Es geht um Frank Reiners, Architektur- Student, Taxifahrer – und Mitglied bei Scientology, der umstrittenen Organisation, die sich selbst als Kirche verkauft und das Leben von Aussteigern zur Hölle macht. So ergeht es auch Reiners, der den Absprung geschafft hat und am Ende nicht nur ohne Geld dasteht, sondern auch noch Frau und Kind an Scientology verliert. Er muss zusehen, wie die Tochter weiter von der Mutter beeinflusst wird. Am Mittwoch wurde der Film erstmals in München der Presse vorgeführt. Anonyme Anrufe, Auto geknackt Wie SWR-Redakteur Michael Schmidl betont, ist es der erste Film, der sich mit Scientology in dieser Weise auseinandersetzt: „Vorher hat sich anscheinend niemand getraut.“ Denn Scientology ist dafür bekannt, Kritiker massiv anzugehen. Das bekam auch die Crew beim Dreh zu spüren: „Es gab anonyme Anrufe, Besuche am Set“, erzählt Schmidl. Sogar das Auto des Regisseurs Niki Stein wurde geknackt: Ein Unbekannter hatte den Kofferraum aufgebrochen. Das Geheimnis um den Film ließ sich eben nicht ganz bewahren. Und das, obwohl die Produktion sogar unter einem Decknamen lief: Angeblich sollte ein neuer Tatort, genauer "Der Tote im Sund", in der Mache sein. "Bis nichts mehr bleibt", 31. März, 20:15 Uhr, ARD Doch Felix Klare, bekannt aus dem Stuttgarter Tatort, ging bei diesem Dreh nicht auf Verbrecherjagd. Der 31-Jährige spielt den jungen Reiners aus Hamburg. Ende der 80er-Jahre rutscht er immer tiefer in das System Scientology. Ein Anwalt, der für den Vater seiner Freundin arbeitet, bringt ihn zum sogenannten Dianetik-Zentrum. Dort lässt sich der Familienvater auf dubiose Psychotests ein: „Kauen Sie an Fingernägeln oder Bleistiften?“, steht auf dem ellenlangen Fragebogen, oder: „Haben Sie viele gute Freunde?“ Anhand der Antworten stellt sich heraus: Frank lässt sich zu sehr herumschubsen und von anderen sagen, was er zu tun hat. Das lässt sich ändern – dazu muss er nur die Kurse von Scientology besuchen. Bald zieht er auch seine Frau Gine in den Bann der Gemeinschaft, bald darauf auch die gemeinsame Tochter Sarah. Das Unglück nimmt seinen Lauf … Echte Geschichten von Aussteigern Eine Geschichte, die nicht aus der Luft gegriffen ist: „99 Prozent des Films sind echt“, sagt Hauptdarsteller Klare. Er traf sich mit Aussteigern, um mehr über ihre bedrückende Vergangenheit zu erfahren. Denn Bis nichts mehr bleibt basiert nicht nur auf einem Schicksal, es fließen die Erfahrungen mehrerer Aussteiger ein. Ein Vater, der seine Familie aus dem teils unterdrückerischen System nicht befreien kann – auch das ist kein Einzelfall. Klare hat sich mit dem Mann getroffen, der seine zwei Söhne seit 27 Jahren nicht gesehen hat. Sie dürften heute knapp über 30 Jahre alt sein. Eva Hutter Scientology Aus einem Bericht des Verfassungsschutzes aus dem Jahre 2008 geht hervor, dass es in Deutschland etwa 5000 bis 6000 Scientologen gibt, in Bayern geht man von circa 2600 Mitgliedern aus. Scientology ist eine Bewegung, deren Ideologie auf Schriften des US-amerikanischen Schriftstellers L. Ron Hubbard aus dem Jahre 1952 zurückgeht. In der Öffentlichkeit ist Scientology umstritten. Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz unterhält ein „vertrauliches Telefon“ (Nummer: 089/31 20 12 96). Opfer, Aussteiger und Angehörige von Mitgliedern können dort Hinweise über Scientology geben.

20Min., 01.03.2010
Neues «Abnehmprogramm» Schlank dank Kirstie Alley und Scientology
Kirstie Alley hat das neue Abnehmprogramm «Organic Liaison» erfunden: Mit Vitaminzusätzen, die «Rette mich» oder «Unterstütze mich» heissen, geht die Aktrice auf Pfunde-Jagd. Das Problem: Scientiology ist auch an Bord. Promis auf Seelenfang Scientology zählt weltweit rund acht Millionen Anhänger. Hier einige der bekanntesten Scientologen, die immer wieder neue Mitglieder anziehen... Schon lange hatte Kirstie Alley angekündigt, eine Schlankmacher-Linie ins Leben zu rufen, jetzt ist es soweit: Die Schauspieler («Guck mal, wer da spricht») hat «Organic Liaison» vorgestellt. Das Programm kostet monatlich zehn Dollar Grundgebühr, was den Mitgliedern die Nutzung von «Online-Tools» und Unterstützung von Leidensgenossen ermöglichen soll. Hauptelement der Kur sind jedoch Nahrungsmittelzusätze, die für zwölf bis 15 Dollar pro Flasche gekauft werden müssen. Die Monatsration kostet 139 Dollar. Die Produkte mit klingenden Namen wie «Rescue Me» («Rette mich») oder «Relieve Me» (Unterstütze mich») versprechen, den Körper «natürlich» zu reinigen und den Hunger zu bremsen. Obwohl die Produkte gewöhnliche Vitamine und Mineralien enthalten, spricht Alley in einem Werbeclip davon, ihr Programm sei «das weltweit erste zertifizierte biologische Gewichtsverlust- und Management-Programm». Die verkauften Zusätze «fluten ihren Körper mit den Elementen, die ihm fehlen», so dass das Abnehmen zum Kinderspiel werde, so der 115 Kilogramm schwere Hollywoodstar. Abgesehen davon, dass solche «Elemente» normalerweise problemlos mit ausgewogener Ernährung zu sich genommen werden können, verwirrt ein zweites Detail: Das Promotion-Video mit Kirstie Alley ist im «Fort Harrison Hotel», der Scientology-Basis im kalifornischen Clearwater gedreht werden. Dass Alley Mitglied in der Sekte ist, war allerdings bekannt. Komisch ist aber, dass mit Thomas Lovejoy und Michelle Seward auch mindestens zwei von fünf Beratern des Programms der Bewegung angehören. Wenn dann auch noch die Adresse von «Organic Liaison» mit der von Saul B Lipson, einem bekennenden Scientology-Anhänger absolut identisch ist, müssen sich die Konsumenten fragen, ob sie der Sekte nicht persönliche Daten in die Hände spielen. Beide Postadressen lauten «1515 North University, Suite 222, Coral Springs, Florida 33071». Ein Schelm wer Bauernfängerei hinter diesem Umstand vermutet …
Bereits seit zwei Jahren habe Kirstie an Organic Liaison gearbeitet und sei dabei von den „besten Wissenschaftlern auf diesem Planeten“ unterstützt worden, heißt es. Sie schwöre vor allem auf den natürlichen Appetitzügler „Rescue Me”. Ach, übrigens steht im Kleingedruckten, dass Organic Liaison nur dann funktioniert, wenn man seine Ernährung umstellt. Am besten soll man nur noch Bio-Produkte essen. Und natürlich muss man dazu noch viel Disziplin haben und soll zum Sport gehen.

Hamburger Abendblatt, 27.02.2010
Verwaltungsgericht weist Klage von Scientologen ab
Das Verwaltungsgericht hat die Klage eines Scientologen abgewiesen, der die Hansestadt darauf verklagt hatte, Informationen zu seiner Person herauszugeben. Die Stadt hatte das Ansinnen des Scientologen zuvor mit Verweis auf eine Ausschussklausel im Hamburgischen Informationsfreiheitsgesetz abgelehnt. Danach müssen Informationen, die die Tätigkeit der Arbeitsgruppe Scientology betreffen, nicht herausgegeben werden. Das Gericht bestätigte jetzt die Verfassungsmäßigkeit der Ausnahmenorm. Die Leiterin der Arbeitsgruppe, Ursula Caberta, begrüßte die mit dem Urteil gewonnene Rechtssicherheit. Das Verwaltungsgericht habe seine Entscheidung mit der verfassungsfeindlichen Ausrichtung von Scientology begründet.

Stern.de, 17.02.2010, Stefan Düsterhöft
Scientology-Aussteiger Lino Bombonato: Wenn Freunde zu Feinden werden
Scientology war Lino Bombonatos Leben: Sieben Jahre lang beschäftigte sich der Rheinländer täglich mit der Sekte, arbeitete für einen Hungerlohn für sie, spionierte am Ende sogar Sektengegner aus. Doch dann geriet sein Bild von der heilen Scientology-Welt ins Wanken.
Eigentlich ist es nur ein Persönlichkeitstest auf der Internetseite von Scientology, der Lino Bombonato im Jahr 2003 neugierig macht. Nach seiner Stimmung wird der damals 15-Jährige da zum Beispiel gefragt, ob er gut schlafe und ob er zu Eifersucht neige. Der Schüler beantwortet die Fragen und gibt seine Kontaktdaten an. Wenig später macht er sich auf den Weg nach Düsseldorf: In der dortigen Scientology-Kirche will er sein Testergebnis erfragen. Steile Karriere bei Scientology Doch bei dem angeblichen Persönlichkeitstest bleibt es nicht. Die Scientologen wecken das Interesse des jungen Rheinländers - und begeistern ihn für eine Mitgliedschaft. Den Gedanken, sich selbst "weiterzuentwickeln", findet Lino Bombonato spannend. Deshalb beginnt er, Kurse der Düsseldorfer Scientology-Kirche zu besuchen. Kurz darauf legt er eine steile Sektenkarriere hin. Lino Bombonato fühlt sich bei den Scientologen geborgen und anerkannt. Die Sekte sei in dieser Zeit "wie eine Familie" gewesen, sagt er heute. Der junge Mann wird Mitglied des scientologischen Geheimdienstes, spioniert Kritiker aus und versucht, Demonstrationen von Sektengegnern zu stören.
Das Verhältnis zu seinen Eltern wird währenddessen immer schlechter. Lino Bombonato hält nur wegen des Geldes Kontakt zu ihnen - denn eine Scientology-Mitgliedschaft kostet. Weil sein Vater die Sekte aber ablehnt, kann Lino Bombonato innerhalb der Organisation nicht weiter aufsteigen. Eine letzte Chance, das zu ändern, scheint der Selbstmord. Die Scientologen haben Lino eingeredet, nach seinem Tod könne er in einer "besseren Umgebung", also mit Eltern, die selbst Scientologen sind, wiedergeboren werden. Selbstmordversuch misslingt Doch der Selbstmordversuch misslingt: Lino Bombonato wird rechtzeitig gefunden. Ans Aussteigen denkt der junge Mann trotzdem nicht. Erst seine Spionagetätigkeit öffnet ihm später die Augen: Zunächst chattet er nur mit Mitgliedern einer Anti-Scientology-Organisation, um sie auszuhorchen. Doch der Kontakt wird enger - auch zu Ursula Caberta, die den Hamburger Arbeitskreis Scientology leitet. Caberta beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Sekte und ist oft die erste Anlaufstelle für Aussteiger. Sie ist sich sicher: "Je jünger man ist, wenn man zu Scientology kommt, desto eher übernimmt man die Ideologie - und desto schwerer wird der Ausstieg." So ist es auch bei Lino Bombonato: Er bleibt zunächst bei der Sekte, hält aber auch weiterhin Kontakt zu den Gegnern. Als die Scientologen das mitbekommen, muss Lino Bombonato sich vor den Sektenoberen in so genannten Ethiksitzungen rechtfertigen. Er wird dabei an einen Lügendetektor angeschlossen. Durch seine Gespräche mit einem Scientology-Gegner beschließt Lino Bombonato, bei dem Test zu lügen. Das Gerät erkennt die Lüge nicht. Lino Bombonato ist entsetzt - eigentlich hat er fest an die Funktionstüchtigkeit des Geräts geglaubt. Seine Zweifel an der Sekte werden größer.
Ein Freund verrät Lino Bombonato Er vertraut sich einem Freund an - doch der verrät ihn. Scientology verurteilt Lino Bombonato zu weiteren Ethiksitzungen. Ende Mai 2009 steht dann sein Entschluss fest: Der damals 22-Jährige will aussteigen. Persönlich geht er in die Scientology-Kirche, verkündet dort seinen Entschluss. Die Sektenmitglieder reagieren kalt - niemand scheint sich mehr für Lino Bombonato zu interessieren. "Das war eine bittere Erkenntnis. Die haben mich behandelt, wie jemanden, der mit einem Schlag nichts mehr wert ist", sagt der junge Mann heute. Und: "Ich wurde weg geschoben, als sei gar nichts gewesen." Nach seinem Ausstieg steht Lino Bombonato vor dem Nichts: Er hat 8000 Euro Schulden bei der Bank, muss Kredite abbezahlen, die er aufgenommen hat, um seine Sektenmitgliedschaft zu finanzieren. Eine Ausbildung hat er nicht, die Schule hat er nach dem Hauptschulabschluss abgebrochen. Sieben Jahre seines Lebens sind verschenkt. Der Traum von einem normalen Leben Scientology hat Lino Bombonato fast alles genommen - in Ruhe lässt ihn die Sekte trotzdem nicht. Die Scientologen versuchen im Internet seinen Ruf zu ruinieren, setzen Persönliches gegen ihn ein. Lino Bombonato versucht dennoch, nach vorne zu schauen: Er will seine Schulden zurückzahlen. Und er will einen Beruf erlernen - am liebsten einen, in dem er anderen Menschen helfen kann. "Ein normales Leben führen", sagt Lino Bombonato, dass sei sein Wunsch.

Der Spiegel, 02.02.2010, Martin U. Müller
Fernsehfilm Operation Scientology
Mit großem Geheimniskrämer-Tamtam hat die ARD das wahre Schicksal eines Aussteigers verfilmt. Das TV-Team fürchtete schon während des Drehs Ärger. Heiner von Rönn könnte eine ziemlich erschütternde Liste erstellen mit Menschen und Werten, die er an Scientology verloren hat: Abertausende Euro, zehn Jahre seines Lebens, seine damalige Frau und seine beiden Kinder. 15 Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Psycho-Imperium stand er kürzlich wieder mittendrin in seiner eigenen Vergangenheit, den Begriffen und Bedrohungen von einst. Seine Geschichte ist echt, die Kulisse war es nicht: In den nachgebauten Räumen einer Scientology-Niederlassung drehte ein Filmteam ein TV-Drama über eine Familie, die letztlich an der Organisation zerbrach. Die Story lehnt sich an Rönns Leben an, die gesamte Mannschaft des federführenden Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) ging mit seltener Heimlichtuerei zu Werke. Auf den Schildern, Drehbüchern, selbst auf der Regieklappe - überall stand als Titel "Der Tote im Sund". Es war ein Tarnname, weil die Dreharbeiten für diesen ARD-Film absolut geheim gehalten werden sollten. Erst diese Woche wollen die Verantwortlichen an die Öffentlichkeit gehen: Am Dienstag möchten sie das fertig gedrehte Projekt präsentieren, das schließlich am 31. März unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" gezeigt werden soll. Zum ersten Mal wird es also einen Spielfilm geben, in dem es um Scientology geht. Glaubensterror als Abendunterhaltung. Ist die ARD mutiger geworden? Oder Scientology schlichtweg harmloser? In den vergangenen Jahren hat das Erste immer wieder Filme über sensible gesellschaftliche Themen gesendet wie etwa Contergan. Nun hat man sich einer Organisation gewidmet, die für ihr rücksichtsloses Verhalten gegenüber Kritikern und Journalisten bekannt ist. Doch war die ARD-Paranoia im Vorfeld wirklich begründet? Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des SWR, verteidigt die Geheimhaltung: "Scientology hat permanent versucht, auf unterschiedlichsten Wegen Details über das Projekt zu erfahren. Wir mussten befürchten, dass die Organisation alles tun würde, um mit juristischen Mitteln die Ausstrahlung des Films zu verhindern." Daher habe man "aus Sicherheitsgründen" das Projekt "so lange wie möglich unter Verschluss gehalten". Leise Anflüge von Verfolgungswahn erwischten das Team trotzdem schon beim Dreh. Am Set erzählte man sich, eine Art Pressesprecher von Scientology sei gesichtet worden. Ein andermal fand ein Informant des Regisseurs Niki Stein den Kofferraum seines Autos aufgebrochen vor. Erst dachte er sich nichts dabei, bis Steins Telefon klingelte und er sich an die Notizbücher im Kofferraum erinnerte. "Wir wissen, dass Sie einen Film über Scientology drehen", sagte die Stimme am Telefon und legte wieder auf. Scientology dementiert auf Anfrage jede Beteiligung. Sonst wurden keine Vorfälle aktenkundig. Immerhin: Während der Dreharbeiten spürte auch Aussteiger Rönn wieder altes Unbehagen. Er ist ein schweigsamer Mensch, der zwischen seinen Erzählungen oft hilfesuchend seine jetzige Frau Astrid ansieht. "Meiner Meinung nach war das so", sagt sie dann und übernimmt für ihren Mann das Antworten. Auch sie war einst bei Scientology und stieg dann mit Rönn aus, während dessen erste Frau mit den Kindern dabeiblieb. Astrid von Rönn kann Jahreszahlen, Episoden und Namen besser ordnen. Ihr Mann Heiner wirkt in diesen Momenten wie jemand, der leicht den Überblick übers eigene Leben verliert. Das erklärt vielleicht auch ein wenig, wie erwachsene Menschen anfangen können, an Thetane zu glauben und Zehntausende Euro für Vitamine oder Auditing auszugeben. Bevor Rönn 1984 von Scientology zu einem "Kommunikationskurs" überredet wurde, hatte er von der Organisation nie gehört. Seine damalige Frau war bereits ein paar Monate dabei, überzeugt vom eigenen Bruder. Erst mehr als zehn Jahre später schaffte Rönn den Absprung, hochverschuldet und sozial isoliert; seine Familie war zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Fall fürs Familiengericht. Das alles solle wenigstens im Nachhinein einen Sinn bekommen, als Warnung helfen, findet er. So sei er bei dem TV-Projekt gelandet. 89 Minuten lang erzählt die Fiktion nun bemerkenswert unaufgeregt in Rückblenden, wie ein Mann in die Arme von Scientology gerät und hinterher um das Sorgerecht für sein Kind kämpft. Zu sehen ist auch eine Fahrt in eine Art Straflager in der Europazentrale der Psycho-Organisation, das plötzliche Verschwinden der Ehefrau zur Zentrale in Florida und die Kasernierung der Tochter in einem geheimen Internat. 2,5 Millionen Euro hat die ARD in den Film gesteckt. SWR-Mann Bergengruen hat das Geld in eine penible Recherche, gute Schauspieler und eine ziemlich genaue Rekonstruktion investiert. Obwohl einiges verfremdet wurde, bleibt erstaunlich, wie offensiv das reale Vorbild Rönn mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Dafür hat er jetzt Angst, dass sein Hund vergiftet werden könnte oder man ihm zu Hause die Scheiben einschmeißt. Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als schier unverfilmbar. Unter Filmleuten war man sich nahezu gewiss, dass Scientology Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würde. So übte sich die Öffentlichkeit in Debatten um die Verfassungsmäßigkeit des Imperiums, oder man erzählte sich Schauergeschichten über Gehirnwäschen der obskuren Glaubensgemeinschaft. Dazwischen gab es nichts. SWR-Mann Bergengruen hat nun die Lücke geschlossen. Den Anstoß dazu gab ausgerechnet der Schauspieler und Star-Scientologe Tom Cruise. Im November 2007 wurde ihm mit allerlei Ehrenbezeugungen der Medienpreis Bambi des Burda- Verlags überreicht. Da reichte es Bergengruen. Dass das dramatische Thema nun zur TV-Abendunterhaltung taugt, hat aber wohl noch einen anderen Grund: Erst mit einem bestimmten Abstand eignen sich reale Sujets bisweilen als Fiktion. Die härtesten Auseinandersetzungen zwischen deutscher Öffentlichkeit und Scientology sind schon etliche Jahre her. Andererseits hat die Organisation laut einer Analyse des Verfassungsschutzes angeblich nichts an Gefährlichkeit eingebüßt. Viel spreche dafür, dass sie "sinnvollerweise auch und gerade mit geheimdienstlichen Mitteln beobachtet werden" müsse, urteilte das Verwaltungsgericht Köln. Es sind nur noch ein paar Wochen, bis der Film im Fernsehen zu sehen sein wird. Kürzlich wurde Heiner von Rönn mit Frau und Hund vom Team noch mal in einen Vorführraum gebeten, um ihn vorab zu sehen. Rönn setzte sich mit seinem Hund in die erste Reihe. Als er sah, wie der Mann im Film an einem Geländer steht und sein Kind zum letzten Mal sieht, da weinte er. Das TV-Drama endet mit dieser Szene. Das Leben der Rönns geht weiter. Nach der Vorführung fuhren sie zurück in ihre Dreizimmerwohnung am Hamburger Stadtrand. Im Kinderzimmer bewahrt Astrid von Rönn nun die Wäsche auf. Das ist die Realität ihres Lebens.

Berliner Zeitung, 29.01.2010, Frank Nordhausen
Die Bastion wankt - Viele Prominente in Hollywood sind Mitglieder von Scientology. Jetzt gehen die ersten
Wer eine Scientology-Filiale betritt, bekommt dort meist den Werbefilm „Orientation“ vorgespielt, in dem John Travolta davon schwärmt, wie erfüllt er in der „Kirche“ lebe. „Ohne Scientology wäre ich tot“, sagt seine Ehefrau Kirstie Alley. Am Schluss sagt ein lächelnder älterer Herr: „Wenn du jetzt mit Scientology weitermachst, wirst du sehr froh darüber sein.“ Umso verheerender ist die Botschaft, dass ausgerechnet der Star des Werbefilms jetzt nicht mehr froh ist, sondern die Sekte verlassen hat. Larry Anderson ist ein Hollywoodschauspieler, den die meisten kennen, ohne ihn bewusst wahrzunehmen. Anderson hat in Dutzenden TV-Serien wie „Desperate Housewifes“ gespielt, war Nebendarsteller in Kinofilmen wie „Star Trek“. Und er war bis vor zwei Wochen Mitglied der berüchtigten Scientology-Organisation, als deren Star und Stimme er in vielen Propagandafilmen wirkte. Nun hat der 57-Jährige die Sekte nach 33 Jahren plötzlich verlassen und seine Gründe in der Presse dargestellt. Seither hat Scientology ein Problem mehr. Keine Superkräfte verspürt Die Mitgliedschaft bei Scientology ist an sich nichts Besonderes in Hollywood. Tom Cruise ist in der Sekte, John Travolta ist es und Juliette Lewis. Vor allem aber besuchen viele Mimen, Regisseure und Drehbuchautoren aus der zweiten Reihe die teuren Kurse im Celebrity Centre Hollywood. In diesem Zuckerbäckerschloss werden sie betreut und sollen Superkräfte gewinnen. Und sie erhalten Jobangebote. Denn das US-Filmbusiness ist durchsetzt mit Scientologen, die viel Einfluss auf die Castings haben. Umgekehrt sind die Prominenten Scientologys wichtigste Werbeträger. „Ich wurde zu einem Scharlatan gemacht“, sagte Anderson jetzt der Zeitung St. Petersburg Times. Nie habe er die versprochenen „Gewinne auf der Brücke zur totalen Freiheit“ erreicht. Rund 270 000 Dollar habe er im Lauf seiner Mitgliedschaft bezahlt, um irgendwann als Operierender Thetan – eine Art Gott – wiedergeboren zu werden. Jetzt hatte er genug von der Geldgier der Sekte. Anderson ist nicht der einzige Scientologe, der so denkt. Vor drei Jahren setzte ein regelrechter Exodus im Sektenhauptquartier ein. Topleute wie der Geheimdienstleiter Mike Rinder und der Finanzchef Mark Rathbun sind ausgestiegen. Dutzende „namenlose“ Dissidenten äußern Kritik im Internet. Die Zeichen mehren sich, dass die Absetzbewegung nun Hollywood erreicht hat. Den Anfang machte im April 2008 der Schauspieler Jason Beghe, Darsteller in Serien wie „CSI“ oder „Criminal Minds“. Er warf dem Sektenboss David Miscavige vor, Scientology zu einer „korrupten Organisation“ geformt zu haben, die mit „Einschüchterung und Gehirnwäsche“ arbeite. Vor drei Monaten verließ sogar der Regisseur und Autor der Drehbücher von „Crash“ und „Million Dollar Baby“, Paul Haggis, nach 35 Jahren die Sekte. Das ist von großer Bedeutung, denn nur solange Weltstars wie Cruise, Travolta oder eben Haggis Scientology die Treue halten, lässt sich eine Massenflucht vermeiden. Haggis verabschiedete sich mit der Klage, Scientology habe die Hetzkampagne gegen die Homo-Ehe in Kalifornien mitgetragen: „Ich kann nicht länger einer Organisation angehören, die Schwulen-Bashing toleriert.“ Das war ein Angriff auf L. Ron Hubbard selbst, den Gründer der „Church“, der die Homophobie zum Lehrsatz erhoben hatte. Nach Angaben früherer Leitungskader ist verdeckte Homosexualität ein Thema, das Scientology benutzt, um Mitglieder unter Druck zu setzen. John Travoltas Neigung soll der Grund dafür sein, dass der Mime bis heute dabeiblieb. „Wenn Travolta geht, werden die Akten herausgeholt“, sagt der ehemalige Exekutivdirektor William Franks. Die Sekte verwaltet intime Bekenntnisse ihrer Mitglieder in geheimen Akten. Scientology hat diese Vorwürfe stets dementiert. „Je mehr Prominente gehen, desto mehr kommen die anderen ins Grübeln, sagt Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte Hamburgs. Caberta hat mit ihrer Arbeit viel zur Erosion der Sekte beigetragen, doch sie ist jetzt mit massiven Sparplänen des Hamburger Senats konfrontiert. „Eine effektive Betreuung der Aussteiger wird dann nicht mehr möglich sein“, fürchtet sie. Der Schauspieler Larry Anderson kam durch den Ausstieg seines Freundes Jason Beghe zum Nachdenken. Er hat die „Church“ zur Rückzahlung von 120 000 Dollar aufgefordert, die er bezahlt, für die er aber keine Gegenleistung bekommen haben will. Doch die Scientology-Führer wollten nur zahlen, wenn er öffentlich nicht über seinen Ausstieg rede. Anderson weigerte sich. Daher ist „die Stimme Scientologys“ jetzt die Stimme der Kritiker – mit unabsehbaren Folgen.

Der Standard, 24.01.2010
Helfen durch Handauflegen - Nach der Katastrophe kommt Scientology
"Terapi Gratis": Die Science-Fiction-Sekte Scientology nutzte schon den Tsunami in Südostasien für ihre eigenen Zwecke. Auch nach dem Hurrikan "Katrina" in New Orleans "halfen" Scientologen. Auch den katastrophengebeutelten Menschen in Haiti bleibt dies nicht erspart. Leidgeprüften Haitianern bleibt nichts erspart: Psycho-Sekte will Opfer durch Handauflegen "heilen" Port-au-Prince - Nach dem schweren Erdbeben mischen sich in Haiti auch Anhänger der Psycho-Sekte Scientology unter die Krisenhelfer. Ein privater Spender hat ein Flugzeug organisiert, das 80 Ehrenamtliche und 50 Ärzte aus Los Angeles zu den Erdbebenopfern brachte. In der Hauptstadt Port-au-Prince bieten die Scientology-Anhänger in gelben T-Shirts den Überlebenden, die unter Plastikplanen im Hof eines Krankenhauses kauern, nun ihre Hilfe an - durch Handauflegen. Mit der "Therapie" namens "Assist" würden gekappte Nervenverbindungen wieder zusammengefügt, erklärt Sylvie, eine Scientology- "Heilerin" aus Paris. Neben ihr liegt der 22-jährige Oscar Elweels, der zwei Tage lang unter den Trümmern seiner Schule begraben war. Sein rechtes Bein wurde amputiert, auch das linke ist verwundet. "Vor einer Stunde hatte er kein Gefühl in seinem linken Bein", berichtet Sylvie. "Dann habe ich ihm die Methode erklärt und ihn berührt, und nach einer Weile hat er gesagt: Jetzt fühle ich alles." Scientology wurde 1954 vom Science-Fiction-Autor Ron Hubbard in den Vereinigten Staaten gegründet und hat berühmte Anhänger wie die Hollywood-Stars Tom Cruise und John Travolta.

Berliner Zeitung, 21.01.2010, Frank Nordhausen
SCIENTOLOGY Zweifelhafte Helfer
BERLIN. Er hat einen privaten Jumbo-Jet und will jetzt damit ins Katastrophengebiet fliegen, um Medikamente, freiwillige Helfer und "spirituellen Beistand" zu den Menschen zu bringen. Der Vorsatz ehrte den Schauspieler und Hobbypiloten John Travolta - wäre er nicht Botschafter der Scientology-Organisation, und würde es sich bei den Freiwilligen nicht um Mitglieder der Sekte handeln, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird und in Frankreich kürzlich als kriminelle Bande verurteilt wurde. Mehr als dreißig Helfer will Scientology mit Travolta nach Haiti entsenden, erklärt die Organisation im Internet. Auf Youtube ist zu sehen, wie Scientologen gemeinsam mit einem von der Sekte gesponserten haitianischen Ärzteteam schon am Sonnabend auf dem Kennedy-Flughafen in New York eincheckten. Die Scientologen trugen gelbe T- Shirts, die sie als "ehrenamtliche Geistliche" auswiesen. Ein Vertreter der Botschaft Haitis wünschte ihnen Glück bei der Mission. Doch frühere Erfahrungen zeigen: Den gelb gewandeten "Geistlichen" geht es vor allem um Missionierung, weniger um medizinische Hilfe. Seit dem 11. September 2001 nutzen sie Terrorangriffe und Naturkatastrophen, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Bei allen großen Tragödien tauchten sie auf, ob beim Elbehochwasser 2002 oder nach den U- Bahn-Anschlägen in London 2005. In einer internen Scientology-Zeitschrift hieß es über diese Art von Hilfe im indonesischen Banda Aceh 2005: "Wir brachten den Überlebenden des Tsunamis LRH Tech" - also die "Technologie" des Scientology-Gründers L. Hubbard. Die "ehrenamtlichen Geistlichen" hätten dort 51 376 Männer und Frauen scientologisch "trainiert". Damals beklagte sich das Rote Kreuz, die Scientologen diskreditierten die Arbeit seriöser Hilfswerke . 
Auch andere Sekten oder Fundamentalisten nutzen die Katastrophe in Haiti zur Propaganda. So schickten auch Mormonen, Evangelikale und die umstrittene Hilfsorganisation Islamic Relief Mitglieder auf Hilfs-"Mission" nach Haiti.


2009

Tagespost 08.12.2009 
Kirchenbegriff klären Sekten-Expertin: Christen sollen gegen Scientology klagen
Hamburg (DT/KNA) Die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats, Ursula Caberta, hat die christlichen Kirchen aufgefordert, gegen die Scientology-0rganisation wegen der Verwendung des Begriffs Kirche gerichtlich vorzugehen. Für sie sei Kirche immer das „Gotteshaus und nicht das Rob-Hubbard-Haus“, sagte Caberta am Freitag in Hamburg auf Anfrage. Der Nordamerikaner Lafayette Ronald Hubbard (1911 – 1986) ließ den Begriff „Church of Scientology“ 1953 als Markenzeichen eintragen und gründete ein Jahr später die gleichnamige 0rganisation. Der Begriff Kirche sei eine der Hauptirreführungen von Scientology, so Caberta weiter. Sie sicherte den Kirchen zu, sie bei der Vorbereitung einer Klage „tatkräftig und mit Freuden zu unterstützen“. Bisher allerdings sei keine Glaubensgemeinschaft auf sie zugekommen. Sie nannte es „unmöglich“, dass beispielsweise an der Hamburger Scientology-Zentrale das Wort „Kirche“ stehe. Über Presseberichte, wonach die Innenbehörde des Hamburger Senats in der Arbeitsgruppe Scientology Stellen streichen will, zeigte sich Caberta überrascht. Mit ihr habe die Behördenleitung darüber noch nicht gesprochen, „aber eigentlich bräuchte ich mehr Stellen statt weniger“, sagte die 59jährige, die die Arbeitsgruppe seit 1992 leitet. Ein Behördensprecher bestätigte auf Anfrage, die Arbeitsgruppe müsse im Rahmen der Haushaltskonsolidierung neu organisiert werden. Näheres sei hier noch nicht entschieden; mögliche Veränderungen würden erst 2011 wirksam. Die Arbeitsgruppe Scientology werde auch weiterhin ihre „wichtige Arbeit ausführen und Präventionsarbeit auf einem hohen Niveau leisten“, so der Sprecher der Innenbehörde. Die Hamburger schwarz-grüne Regierung will in den nächsten drei Jahren gut 1,15 Milliarden Euro einsparen. Die Arbeitsgruppe Scientolgy ist derzeit mit drei ganzen und drei halben Stellen besetzt.

Leipziger Volkszeitung, 03.12.2009, Peter Krutsch / Frank Döring
"Scientology auf dem Weihnachtsmarkt" 
Knuffig und kuschelig sehen sie aus, die auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt angebotenen Handpuppen der Marke Kumquats. Die Fäden im Hintergrund ziehe allerdings Scientolgy, so die Sektenexpertin Solveig Prass. Das Herstellerunternehmen, die L. Bodrik KG, werde nach streng scientologischen Grundsätzen geführt. „Die Puppen bezahlen Mutter oder Vater nicht einfach so, sondern es gibt eine Adoption. Auf dem entsprechenden Papier hinterlassen die Eltern wichtige Daten, wie ihre Adresse. Dann bekommen sie irgendwann Post. Und dreimal dürfen Sie raten, vom wem. Von der Sekte“, sagt Prass. Letztlich sei „Scientology auf dem Weihnachtsmarkt über diesen Umweg präsent“. Die Leipzigerin Prass arbeitet bei der hiesigen Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische Abhängigkeiten. Sie rät Eltern, am Stand – er befindet sich etwa in der Mitte des Marktes – keine persönlichen Angaben zu machen. Dort verkauft eine ältere, nette Dame, die ihren Namen aber nicht nennen will, die Handpuppen. Dass ihr Auftraggeber („Ich bekomme 7,50 Euro pro Stunde“) etwas mit einer Sekte zu tun habe, sei ihr völlig neu, erzählt sie. Was Scientology bedeute, sei ihr gar nicht bekannt. Dennoch bekräftigt sie: „Ich will damit nichts zu tun haben.“ Auf 13 verschiedenen Weihnachtsmärkten würden die Puppen verkauft, seit sieben Jahren sei sie damit auf dem Leipziger Markt. „Für mich ist das lebenswichtig, da ich nur 400 Euro Rente bekomme. Meine Kunden möchte ich nicht verlieren. Die Kinder lieben diese Puppen.“ Und was kosten sie? „Zwischen 69 und 159 Euro.“ Prass sagt dazu: „Aufgrund des hohen Preises weiß Scientology auch gleich, dass bei den gesammelten Adressen ordentlich Geld zu holen ist.“ Die Stadt ist offenbar ahnungslos. „Wir haben unter 500 Bewerbern 250 ausgewählt“, erklärt Marktamtsleiter Herbert Unglaub. „Keiner der Standbetreiber muss offenlegen, was er mit seinen Einnahmen macht. Wir wussten nichts von einer solchen Verbindung zu Scientology, müssen jetzt alles gründlich prüfen und Konsequenzen ziehen.“ Prass behauptet dagegen, sie habe die Kommune im Vorfeld dieses Weihnachtsmarkts gewarnt. Weil Scientology Anfang des Jahres den Augustusplatz mieten wollte, habe es im Januar ein Gespräch gegeben. „Ich formulierte damals den Ablehnungsbescheid. Gleichzeitig habe ich auf die Firma Kumquats hingewiesen. Das Marktamt müsste eigentlich davon wissen. Ich verstehe nicht, warum die immer wieder zugelassen werden.“ Vielleicht, weil die Hersteller-Firma viel Energie aufbringt, um die Nähe zu Scientology zu leugnen. Auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite heißt es: „Kumquats und die Firma L. Bodrik KG sind weder rechtlich noch organisatorisch an die Scientology-Kirche gebunden.“ Der gesellschaftliche Aufstieg scheint der Firma geglückt zu sein. Arglos posiert selbst Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler schon mal mit Kumquats-Puppe Willi. Diversen Internet-Publikationen zufolge liegen Verbindungen der beiden Firmenchefs (die am Donnerstag telefonisch nicht zu erreichen waren) zur Sekte auf der Hand: Sie werden von der International Association of Scientologists als großzügige Spender in einer „Honor Roll“ geführt. Laut dieser „Ehren-Liste“ hat einer der Kumquats-Eigner mindestens 20 000 Dollar gespendet, sein Partner gar 100 000 Dollar. Unter dessen Namen ist sogar eine Webseite angemeldet mit dem Bekenntnis: „Ich bin Scientologe.“

FAZ.net, 25.11.2009, Stefan Locke
Scientology Schleichender Niedergang
Der Brief klingt offiziell. „Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Sabine Weber, und ich bin für die Öffentlichkeitsarbeit der Scientology-Kirche in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt zuständig“, lautet der erste Satz eines Schreibens, das die Organisation seit Schuljahrsbeginn an weiterführende Schulen und Universitäten in Berlin schickt. Es gebe Unklarheiten, schreibt Frau Weber, und deshalb wolle man jetzt aufklären. Auf dem beigelegten Antwort-Fax sind die Optionen „Gespräch in der Schule“, „Besuch der Scientology-Kirche in Berlin“ und „Zusendung scientologischer Schriften“ anzukreuzen. Bisher sei noch kein Fax zurückgekommen, sagt Sabine Weber. Scientology ist kein Thema mehr - genau das ist schließlich der Anlass der Imagewerbung. „Wir haben per Rundschreiben alle Schulen über die Kampagne informiert“, sagt Stefan Barthel von der vor zwei Jahren eingerichteten „Leitstelle für Fragen zu Sekten“ des Berliner Senats. „Aber die wussten bereits selbst bestens Bescheid.“
Die gezielte Ansprache von Jugendlichen ist wohl der verzweifelte Versuch der sich selbst als Kirche bezeichnenden Organisation, in Berlin doch noch Fuß zu fassen. Vor knapp drei Jahren eröffnete Scientology seine „Hauptstadt-Zentrale“ in Charlottenburg, ein siebenstöckiges Haus mit Glasfront und Büros auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern. Von hier aus wollte Scientology Lobbyarbeit betreiben, Einfluss auf Politik und Wirtschaft nehmen, Prominente für sich gewinnen und vor allem selbst schnell wachsen. In Berlin nicht Fuß gefasst „Um unsere planetarischen Rettungskampagnen in Anwendung zu bringen, müssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen“, hieß es 2006 in einem internen Strategiepapier. Scientology in Berlin sei verantwortlich, „die nötigen Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament zu bauen, um unsere Lösungen tatsächlich eingearbeitet zu bekommen in die gesamte deutsche Gesellschaft“. Politiker wurden mit persönlichen Anschreiben, Broschüren und DVDs der Organisation überhäuft. Doch bis heute hat sich kein einziger Adressat zu Scientology bekannt. Die Zufahrtsstraße ins Parlament ist noch nicht einmal ein Trampelpfad.
Schon im vergangenen Jahr bescheinigte deshalb der Berliner Verfassungsschutz, der wie fast alle Bundesländer Scientology wegen ihres aggressiven Auftretens sowie ihres totalitären Welt- und Menschenbildes beobachtet, der Organisation Erfolglosigkeit. „Die Berliner Niederlassung ist nicht die Deutschland- oder gar die Europazentrale“, heißt es im Jahresbericht 2008. „Ihre angekündigten Kampagnen, Werbe- und Lobbymaßnahmen blieben bislang erfolglos.“ Scientology stoße auf Ablehnung und habe in und um Berlin lediglich 200 Mitglieder. Sabine Weber spricht von 600, aber auch davon, dass das „noch längst nicht ausreichend“ sei. Stagnierende Mitgliederzahlen In ganz Deutschland gibt es zwischen 5000 und 6000 Mitglieder, schätzt der Bundesverfassungsschutz, doch auch diese Zahl sei seit Jahren unverändert. Scientology selbst hat die Zahl der Sympathisanten von einst 80.000 auf etwa 30.000 korrigiert, wovon circa 12.000 aktive Mitglieder seien, die regelmäßig in die „Kirche“ kämen. Mehr als drei Viertel der deutschen Scientologen leben in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg, von einer Expansion aber ist auch dort nichts zu spüren. „Die Mitgliederzahl stagniert seit Jahren“, konstatiert der bayerische Verfassungsschutz, Baden-Württemberg attestiert der Organisation gar einen „schleichenden Niedergang“: „Die SO kann nur wenige neue Mitglieder dauerhaft an sich binden und ihre Stagnation nicht überwinden.“ Hamburg stellt bei Scientology ein aus „Mitgliederschwund“ resultierendes „reduziertes Kursangebot“ sowie „Überalterung“ fest. Da verwundert es, dass die Organisation bei dieser Lage nicht in die Offensive geht. „Offenbar schlägt hier die Finanzkrise durch“, vermutet Stefan Barthel von der Leitstelle für Sektenfragen. Zudem habe er schon länger den Eindruck, dass die Krisensymptome von Scientology in den Vereinigten Staaten (Austritte von Prominenten, Ausscheiden von Managern) auch auf die europäischen Dependancen wirken. „In Berlin etwa tritt Scientology nicht mehr so auf wie früher“, sagt Barthel. „Sie kommen weniger strategisch, sondern eher konfus daher.“ „Es brummt nicht“
Dass die Expansion in Deutschland stockt, weist nicht einmal Scientology selbst zurück. Mit der Finanzkrise oder den Ereignissen in Amerika und Frankreich habe das allerdings nichts zu tun. „Es geht eben nur sehr langsam voran“, sagt Jürg Stettler, Sprecher der Organisation in Deutschland und Präsident von Scientology in Zürich. „Es war schon immer so, dass nur wenige bei uns bleiben.“ Die Schuld sucht er bei anderen. „Durch die Kampagnen gegen uns sind die Leute extrem zurückhaltend.“ Freilich gebe es Gespräche mit Prominenten, auch Politikern, doch das sei vertraulich. „Wer sich öffentlich bekennt, über den fällt man doch sofort her.“ Auch Sabine Weber gibt zu, dass der Zulauf in Berlin nicht gerade einem „Lauffeuer“ gleiche und man in dem neuen Gebäude noch „viel Platz“ habe. Den nutzten jüngst etwa zwei ranghohe amerikanische Scientologen, die der Berliner Filiale auf die Sprünge helfen sollten. Laut Barthel aber ist der Effekt davon bisher ausgeblieben. „Scientology wirkt stark verunsichert und agiert eher zurückgezogen.“ Kontakte mit der Politik gebe es allenfalls noch sporadisch, und an den immerhin noch zahlreichen „Dianetik“-Infoständen in der Stadt tauchten stets die gleichen Personen auf, die jeden etwaigen Interessenten allerdings auch gnadenlos belagerten.
Nicht einmal die etablierten Kirchen malen beim Thema Scientology noch den Teufel an die Wand. „Es brummt nicht“, stellt Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) fest. Früher sei abends das gesamte Scientology-Gebäude illuminiert gewesen, heute leuchte allenfalls noch das Erdgeschoss. Utsch führt die Entwicklung auf Aufklärung, aber auch die starke Aufmerksamkeit zurück, die der Senat in den letzten Jahren der Organisation gewidmet hat. „Die Politik hat reagiert, aber eben anders, als Scientology sich das vorgestellt hat.“ Wissenschaftler plädiert für Gelassenheit „Scientology ist nirgendwo in Europa sonderlich erfolgreich“, sagt der Göttinger Sozial- und Religionswissenschaftler Gerald Willms. Von ihrer Hochphase in den achtziger Jahren sei die Organisation heute weit entfernt. „90 Prozent der Leute, die mal einen Kurs mitgemacht haben, finden's uninteressant und gehen danach nie wieder hin.“ Auch von den restlichen zehn Prozent entschließe sich kaum jemand, der Organisation beizutreten. „Wer es doch tut, glaubt offenbar fest daran“, sagt Willms. Im Zuge seiner Forschungen sei er ohnehin „immer wieder erstaunt, woran Leute so alles glauben“. Er plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit der Organisation, was ihm wiederum heftige Kritik einbringt. Denn aus der aggressiven Bekämpfung von Scientology ist für manche Buchautoren und Talkshowreisende auch ein Geschäft geworden. „Scientology will gern groß, mächtig und schön erscheinen“, sagt Willms. „Genau so wünschen sich einige Gegner die Organisation auch, um den selbsterzeugten Alarm zu rechtfertigen.“ Aus Versehen werde heute jedoch niemand mehr Scientologe. „Wer das behauptet, ertrinkt auch im Schwimmbad, weil er nicht weiß, dass da Wasser drin ist.“ „Wer unbedingt Scientologe werden will, soll das auch tun, aber er muss eben wissen, worauf er sich einlässt“, sagt Michael Utsch von der EZW. Deshalb dürfe die Aufklärung nicht nachlassen. Die finanzielle und psychische Abhängigkeit, in die Mitglieder geraten können, sowie der enorme Druck auf Aussteiger seien eine ernstzunehmende Gefahr, der man jedoch besonnen begegnen müsse, rät auch Stefan Barthel. „Hysterie schadet nur. Mit einer nüchternen Herangehensweise ist viel mehr zu erreichen.“ So will Berlin künftig in seiner Präventionsarbeit stärker über Merkmale vereinnahmender Gruppen informieren und mit Jugendlichen vor allem über jene Bedürfnisse und Sehnsüchte sprechen, die durch Organisationen wie Scientology ausgenutzt werden. „Das Kümmern, Zuhören und Zeitnehmen wollen wir nicht diesen Gruppen überlassen“, sagt Barthel. Deshalb sollen Gemeinschaft und Geborgenheit auch in Schulen und Jugendeinrichtungen künftig eine große Rolle spielen. Berlins Scientology-Chefin Weber wiederum will ihrerseits aufklären, auch mit neuen Aktionen, auch an Schulen. Ein Ziel sieht sie in Deutschland immerhin schon erreicht: „Die wenigsten Gemeinschaften überstehen so massive Gegenkampagnen wie wir.“

Der Westen, 20.11.2009, Raphaela Spranz  
Harmlose Handpuppen... (alle Jahre wieder)
...werden auf dem Weihnachtsmarkt verkauft. Was viele nicht wissen: Der Kauf kommt Scientology zugute. Komm doch mal etwas näher”, flüstert die Verkäuferin des Weihnachtsstandes einer verschüchterten Dreijährigen zu, den Unterarm in einer zirka 50 Zentimeter großen Handpuppe – auch Kumquats genannt. Sie versteckt sich hinter dem zotteligen Haar und dem frechen Gesicht. Der Mund der Puppe bewegt sich synchron zu ihren Worten – eine Szene des Oberhauseners Weihnachtsmarkt am Centro. Harmlose Handpuppen? „Der Besitzer der Firma ist eindeutig Scientologe”, weiß Sabine Riede, Leiterin der Sekteninfo Essen. Doch viele Käufer ahnen nicht, dass sie mit diesem Weihnachtsgeschenk die Scientology-Kirche unterstützen – zumindest finanziell. Denn es ist durchaus bekannt, dass Mitglieder „einen hohen Anteil ihres Einkommens an Scientology spenden müssen”, so Riede. Unerwünschte Werbung von Scientology Ein Problem, das auch dem Centro-Management bewusst ist. Dennoch läuft der Verkauf aufgrund mangelnder Beweise weiter, denn „die Firma erhält das Geld, was sie damit macht, können wir nicht nachvollziehen”, bedauert Eventmanager Markus Remark. Die Herstellerfirma Bodrik erklärt in einer Stellungnahme im Internet ausdrücklich: „weder rechtlich noch organisatorisch an die Scientology-Kirche gebunden” zu sein. Eine sehr allgemein gehaltene Rechtfertigung. Möglicherweise um den Worten Glaubwürdigkeit zu verleihen, lässt der Weihnachtsmarktstand keinerlei Rückschlüsse auf die Sekte zu. Zudem fänden „keine Werbegespräche statt und es wird kein Infomaterial verteilt”, weiß Riede nach ausführlichen Testversuchen. Wahr sei jedoch, dass aus „Spaß und Spielerei” so genannte Adoptionsurkunden angeboten würden: Die Kunden können darin ihre Adressdaten oder die des beschenkten Kindes angeben – jedoch alles freiwillig. In manchen Fällen hätten Kunden daraufhin Werbematerial der Sekte in ihren Briefkästen gefunden. Auch eine NRZ-Leserin beschwerte sich über derartige ungewünschte Werbeversuche. Die Firma Bodrik antwortet auf diesen Vorwurf mit einer schlichten Gegenfrage: „Was soll irgendeine Kirche oder Weltanschauung mit Adressen von Leuten, die Puppen kaufen, anfangen?” Naja, Mitglieder werben zum Beispiel? Angefangen hat die Geschichte der Kumquats-Puppen bereits 1993 – unter Hervorhebung des pädagogischen Aspekts: Die Puppen sollten als Kommunikationsmedium den Zugang zu Kindern erleichtern und werden inzwischen in zahlreichen Bereichen eingesetzt: bei Zahnarztbesuchen, therapeutischen Sitzungen, polizeilichen Ermittlungen und auch in Kindergärten. Selbst in der Politik haben sie Einzug erhalten: Gesundheitsminister Philipp Rösler zeigt sich auf seiner Homepage mit der Kumquats-Puppe „Willi”. „Einem Kind, das Angst vor dem Arzt hat oder zu Hause mit der Puppe spielt, ist eine Verbindung zu Scientology egal”, merkt Remark an. Daher müssen die Eltern entscheiden, ob sie eine finanzielle Unterstützung in Kauf nehmen oder nicht. Unterstützung und nicht nur anonyme Beschwerden, wünscht sich auch das Centro. Denn Remark betont: „Aufgrund von Gerüchten können wir keine Verträge kündigen”. Würde sich jedoch herausstellen, dass beim Verkauf der Puppen beispielsweise Adressen verlangt werden, hätte man eine „Handhabe”.

SPIEGEL ONLINE, 20.11.2009, Hendrik Ternieden
"Scientology ist eine kriminelle Organisation"
Zwangsabtreibungen, Folter, Freiheitsberaubungen: Ein australischer Senator hat schwere Vorwürfe gegen Scientology erhoben, Premierminister Kevin Rudd erwägt eine Untersuchung. Die umstrittene Organisation weist die Anschuldigungen zurück. Hamburg - In Australien wurden in dieser Woche Vorwürfe laut, die schockieren: Von Zwangsabtreibungen, Folter und Freiheitsentzug bei Scientology war die Rede. Senator Nick Xenophone aus Adelaide legte Dokumente vor, in denen Aussteiger solche Anschuldigungen erhoben hatten, und forderte eine Untersuchung. "Scientology ist keine religiöse, sondern eine kriminelle Organisation, die sich hinter ihren sogenannten religiösen Überzeugungen versteckt", so Xenophone. Scientology wehrte sich in einer offiziellen Mitteilung: "Der Senator wird offensichtlich von früheren Mitgliedern unter Druck gesetzt, die Hassreden schwingen und Fakten verdrehen. Sie sind in etwa so zuverlässig wie geschiedene Eheleute, die über ihren Ex-Partner reden." Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu dem Thema ließen sowohl Scientology Australien als auch Scientology International in Los Angeles unbeantwortet. Dabei drohen den Scientologen große Schwierigkeiten. Australiens Premierminister Kevin Rudd erwägt eine Untersuchung, die Anschuldigungen seien "ernst" und müssten "sorgsam angeschaut" werden. Erst Ende Oktober wurde Scientology in Paris wegen bandenmäßigen Betrugs zu einer Strafe von 600.000 Euro verurteilt. Nicht überrascht Die Hamburger Scientology-Expertin Ursula Caberta verfolgt die Entwicklungen gespannt: "Es ist wunderbar, dass das in Australien auf höchster politischer Ebene angekommen ist", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Caberta gehört zu den profiliertesten Scientology-Gegnern in Deutschland und zeigt sich von den Vorwürfen nicht überrascht. "Zwangsabtreibungen gibt es vor allem in der Sea-Org, der Eliteorganisation innerhalb Scientologys", sagte Caberta. In Deutschland existiere die aber nicht, weshalb von derartigen Fällen in der Bundesrepublik nichts bekannt sei. In den USA berichteten Aussteiger dagegen seit Jahren immer wieder Ähnliches, so Caberta. Nun sind die Horrorgeschichten aus der Scientology-Welt offensichtlich auch im australischen Parlament angekommen. Freiheitsberaubung, Folter und Nötigung Xenophone zitierte vor dem Senat aus einem Brief, in dem Scientology-Aussteiger Aaron Saxton aus Perth ein Geständnis abgelegt hatte: Er selbst sei an Freiheitsberaubung, Folter und der Nötigung schwangerer Frauen beteiligt gewesen. Letztere habe er gedrängt, ihre Kinder abzutreiben. So sollte laut Saxton erreicht werden, dass die Frauen ihre Arbeitskraft auch künftig vollständig in den Dienst Scientologys stellten. In einem anderen Brief berichtete Carmel Underwood, eine frühere Scientology-Direktorin aus Sydney, dass sie als Schwangere extrem bedrängt worden sei, ihr Kind abzutreiben. 16-stündige Arbeitstage seien als Mutter schließlich nicht möglich - das sei der Hintergedanke ihrer Peiniger gewesen. "Alles, was der Expansion von Scientology nützt", so Ursula Caberta, "kann gemacht werden."

kath.net, 18.11.2009
Scientology droht Untersuchungsausschuss in Australien
Es handle sich um «eine kriminelle Organisation, die sich hinter sogenannten religiösen Überzeugen versteckt», sagt ein Senator. Canberra (kath.net/KNA) Australiens Premierminister Kevin Rudd ist grundsätzlich bereit, einen parlamentarischen Ausschuss zur Untersuchung der Aktivitäten der Scientology Church einzuberufen. Wie australische Medien am Mittwoch berichteten, reagierte Rudd auf Äußerungen des parteilosen Senators Nick Xenophon, der Scientology als «kriminelle Organisation» bezeichnet hatte. Der Senator berief sich dabei auf schriftliche Aussagen ehemaliger Scientology-Mitglieder. Diese sprachen unter anderem von erzwungenen Abtreibungen sowie Anwendung von körperlicher Gewalt und Erpressung.
Xenophon forderte die australische Regierung auf, die Steuerbefreiung für Scientology rückgängig zu machen. Es handle sich um «eine kriminelle Organisation, die sich hinter sogenannten religiösen Überzeugen versteckt.» Premierminister Rudd kündigte an, eine endgültige Entscheidung über die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu treffen, sobald die «schweren Anschuldigungen» Xenophons überprüft worden seien.

news, 01.11.2009, Ines Weißbach
Scientology «Nicht nur gehirngewaschene Sektenmitglieder»
Straflager und Morddrohungen oder eine Hilfe bei der Suche nach dem Sinn des Lebens? Die umstrittene Weltanschauungsgemeinschaft Scientology ist ein Fall für Religionswissenschaftler Andreas Grünschloß. Scientology unterwandert den Staat, kippt Gesetzesvorlagen, ist überall. Von solchen Verschwörungstheorien hält Religionswissenschaftler Andreas Grünschloß nichts. Zu bescheiden seien die Mitgliederzahlen in Deutschland, sagt der Religionswissenschaftler, der sich seit vielen Jahren mit der Glaubensgemeinschaft beschäftigt, die für viele schlicht eine Sekte ist. Von 30.000 zwar nicht aktiven, aber bei Bedarf aktivierbaren Scientologen spricht Jürg Stettler, Sprecher von Scientology Deutschland und Präsident des Kirchenvereins in der Schweiz. Nur 10.000 bis 12.000 hält Grünschloß für realistisch. Weltweit gibt es empirischen Erhebungen zufolge gerade 500.000 Mitglieder, nicht die von Scientology erhofften 12 Millionen. Zu wenige für eine scientologische Revolution. Für Jeannette Schweitzer, die den Verein Vitem gegründet hat und Scientologen beim Ausstieg hilft, ist das auf die gute Aufklärungsarbeit zurückzuführen. «Viele fallen auf Scientology nicht mehr herein. Die Leute, die drin sind, sind das schon seit 15 oder 20 Jahren», erzählt Schweitzer aus ihren Erfahrungen. Immer wieder kämen Eltern, Geschwister oder Freunde von Scientology-Anhängern zu ihr, um ihre Lieben aus den Fängen zu retten. Russland verweigert Scientology-Anerkennung zu Unrecht «Scientology hat in Deutschland einen schweren Stand, weil hier ein starker Gefahrendiskurs etabliert ist», erläutert Grünschloß. Für Stettler sind diese Diskussionen durchaus mühsam. «Ich empfinde es als eine Art Kreuzzug, die richtigen Informationen über Scientology herauszugeben oder mitzudiskutieren, weil so viele falsche Informationen verbreitet werden. In der Schweiz ist mir das schon ganz gut gelungen. In Deutschland habe ich noch zu knabbern. Das ist eine Herausforderung.» Die kritische Sicht auf die Organisation könne sich nach Grünschloß´ Meinung nur ändern, wenn sich auch Scientology ändere und nicht mehr an den Lehren L. Ron Hubbards unkritisch festhalte. In Deutschland fehle laut Stettler zwar die öffentliche Anerkennung, rechtlich habe man jedoch schon viel erreicht. Er spricht von ungefähr 50 Urteilen, die seine Glaubensgemeinschaft unter den Schutz der Religionsfreiheit stellen. Erst Anfang Oktober urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass Russland Scientology die Registrierung als religiöse Organisation zu Unrecht verweigert. In Spanien sei Scientology bereits genauso anerkannt wie die katholische Kirche. Auch in Italien gebe es eine religiöse Anerkennung. «In Deutschland, Frankreich und Belgien läuft dieser Kampf noch», sagt Stettler. Besonders Geschichten wie die von Jeannette Schweitzer, die drei Jahre für die Sekte lebte, Geld und Nerven an sie verlor und nach ihrem Ausstieg mit Morddrohungen traktiert und eingeschüchtert wurde, befeuern das negative Bild in Deutschland. Sie erzählt ihre Geschichte und gibt Beispiele anderer Aussteiger. «Jeder, der sich öffentlich gegen Scientology äußert, ist in deren Augen ein Schwerverbrecher. Deshalb haben alle anderen Leute ganz viel Angst. Wenn Mütter und Väter rauskommen, haben sie Angst um ihre Kinder. Oder sie haben viel Geld verloren und schämen sich dafür.» Auch Jürg Stettler kennt diese Aussteigergeschichten, wiegelt jedoch ab. «Das heißt nicht, dass es gar keine Leute gibt, die negative Erfahrungen gemacht haben mögen und dass immer alles perfekt gelaufen ist. Aber die Aussteigerstorys werden von einer verschwindend geringen, immer gleichen Personenzahl erzählt.» Stettler selbst ist seit 33 Jahren aktives Mitglied bei Scientology. «Ich habe mehr Sinn im Leben gesucht. Scientology hat mir zugesagt.» «Nicht jeder Scientologe ist ein ‹gehirngewaschenes›, von der Organisation aufgefressenes ‹Sekten›-Mitglied», räumt Religionswissenschaftler Grünschloß ein. Er spricht von einer «mitunter geradezu volkskirchlichen» Form der Teilnahme vieler Mitglieder, die nur ab und zu einen Kurs oder einen so genannten «sunday service» besuchen. Die Normalkarriere eines Scientologen bestehe darin, einen Kommunikationskurs zu besuchen, eventuell zwei Bücher Hubbards zu kaufen und sich wieder zu verabschieden. «Die Allerwenigsten bleiben wirklich hängen», sagt Grünschloß. Und dann gibt es sie doch, die Aufgefressenen, die im besten Fall zu Aussteigern werden. Ihre Kritikpunkte an Scientology sind laut Grünschloß immer die gleichen. «Je mehr jemand aktiv wird, desto mehr besteht die Gefahr, dass er von Scientology absorbiert wird. Nicht nur Lebens- und Arbeitszeit dort verbringt, sondern auch ökonomisch ausblutet.» Das könne zu einer Spirale werden, die Menschen abhängig von Scientology mache. L. Ron Hubbard, Gründer der Glaubensgemeinschaft, habe bereits in den 1960er Jahren begonnen, Scientology «fast militärisch zu regieren», sagt Grünschloß. Er habe einen internen Überwachungsapparat institutionalisiert, der die Mitglieder rigoros auf ihre Produktivität und Linientreue überprüft. Mehr Mitglieder, mehr Kursabsolventen, mehr Geld, sei die Devise der Glaubensgemeinschaft, die auch Jeannette Schweitzer bestätigt. Sie wurde von Scientology unter Druck gesetzt, weil sie nicht mehr «optimal funktionierte». Grünschloß sieht aber auch religiöse Elemente in der Lehre Hubbards. Das seien unter anderem die Etablierung von Übergangsriten, die Wiedergeburtslehre und die Vorstellung von der Befreiung der «Seele» aus dem Gefängnis der Materie. «Viele von Hubbards Rückführungsberichten wird man aber als gelenkte Fantasien zu verstehen haben und nicht als historisch glaubwürdige Schilderungen.» All dem liege ein «technizistisches Machbarkeitsideal» zugrunde. Diese Vermischung von modernem technologischem Weltbild, therapeutischen Interventionsverfahren und spirituellen Hoffnungen und Sehnsüchten findet Grünschloß interessant. Er würde Scientology daher «am ehesten als eine auf den Vertrieb ihrer therapieartigen Produkte ausgerichtete Organisation mit weltanschaulichem Charakter und ein paar religiösen Elementen» charakterisieren. «Mit einem gewissen Science-Fiction-Einschlag und intergalaktischer Mythologie steht die Organisation übrigens deutlich im Kontext von Ufo-Glaubensbewegungen der Fünfziger Jahre.» Er glaubt, dass es in der modernen Lebenswelt solche Phänomene wie Scientology noch öfter geben werde, denn viele Anbieter auf dem esoterischen und therapeutischen Markt praktizieren heute bereits ganz ähnliche Mischformen. Gallionsfiguren und Vorzeigescientologen Derweil will Jeannette Schweitzer auch 17 Jahre nach ihrem Ausstieg noch vor einer Organisation warnen, die besonders durch Prominente in die Öffentlichkeit rückt. Tom Cruise ist der Vorzeigescientologe. «Die Stars werden angehimmelt und sind Maschinen für die Öffentlichkeitsarbeit», sagt Schweitzer. Obwohl besonders Cruise in der öffentlichen Wahrnehmung wenige Sympathien wecke, verkaufe er dennoch seine Filme und stehe Scientology als Sponsor zur Seite. Jürg Stettler verneint jedoch, dass mit den Prominenten Werbung gemacht werde. «Das sind Mitglieder wie jedes andere auch.» Das öffentliche Interesse an dem kürzlichen Austritt von Regisseur Paul Haggis kann Stettler nicht verstehen. «Sie wussten wahrscheinlich nicht, dass er Scientologe ist. Wenn Tom Cruise ausgestiegen wäre, wäre eine Medienhype vielleicht verständlicher.» Dennoch bescheinigt auch Religionsforscher Grünschloß den besonderen Status von Cruise, Travolta und Co. «Scientology hat früh erkannt, wie wichtig solche Gallionsfiguren sind, mit denen man sich schmücken kann – und sie kommen daher in den Genuss einer entsprechenden Sonderbehandlung.»

Connection 11/2009,  Wolf Schneider
Die Pfui-Sekte 
Wie eine geld- und machtbesessene Gesellschaft mit ihrer Karikatur umgeht Seit vielen Jahren warnen die seriösen Institutionen unserer Gesellschaft vor den Sekten, insbesondere vor einer: Scientology. Nun inseriert die auch noch hier! Hat connection hiermit endgültig ihre Unabhängigkeit verloren? Eine Tirade ihres Herausgebers
Zum ersten Mal Kontakt mit Scientology bekam ich, als eine Freundin von mir, die immer mal wieder Phasen von Depression erlitt, dort Auditing-Kurse nahm. Das Auditing hatte ihr anfangs geholfen, nun wollte sie immer wieder dorthin, bezahlte viel dafür, die Kosten wurden immer höher, und sie verschuldete sich. Nun war die Depression schlimmer als zuvor, und sie hatte einen guten Grund mehr für ihre Deprimiertheit: die Verschuldung. Um sie zu verstehen las ich in dem Dianetik-Buch von Ron Hubbard. Sein Größenwahn und Ehrgeiz stießen mich ab, auch seine Methoden und die Totalität seiner anmaßenden Forderungen. Ich konnte nicht verstehen, wie man sich in eine solche Organisation begeben konnte. Erst viele Jahre später lernte ich Menschen kennen, die ich schätze, obwohl sie Mitglied bei Scientology sind, wie etwa den Maler Carl-W. Röhrig, von dem wir in connection Bilder veröffentlicht haben, darunter auch Titelbilder, und den Verleger Michael Kent, der die beachtliche »Kent-Depesche« heraus gibt (erfreulich radikal in ihrer Gesellschaftskritik, leider weitgehend unkritisch gegenüber Verschwörungstheorien). Dann gibt es noch einige, die bei Scientology gelernt haben und dann ausgestiegen sind, um was Besseres zu gründen, wie etwa Harry Palmer mit der Avatar-Lehre. In den Jahren 1994 bis 2001 veröffentlichten wir eine Reihe von Artikeln über »Religionen und religiöse Bewegungen« – insgesamt 44 gut recherchierte, mehrseitige Artikel, geliefert vom religionswissenschaftlichen Institut REMID in Marburg. Die Texte bestanden überwiegend aus einem einigermaßen neutral berichtenden faktischen Teil, dann kam eine kritische Würdigung. Behandelt wurden das Christentum, der Buddhismus, die Zeugen Jehovas, Falun Gong und viele andere, darunter auch (im Februar 1995) Scientology. Das hatte Folgen. Was, ihr habt was über Scientology geschrieben? connection, ist das nicht die Zeitschrift, die über Scientology was geschrieben hat? Ich erinnere: Die 90er Jahre, das war die Zeit, in der Ursula Caberta ihre Feindschaft gegen Scientology entfaltete und damit bei den großen Massenmedien (Spiegel, ZDF u.a.) Gehör fand sowie auch in der Politik. Als ich damals an einer Volkshochschule Vorträge geben wollte, musste ich unterschreiben, nichts mit Scientology zu tun zu haben. Jeder musste das. Es war wie ein sich bekreuzigen, bevor man als Dozent in diese Stätte öffentlicher Bildung eingelassen wurde. Hexenwahn Tief eingeprägt aus dieser Zeit hat sich mir die anonyme Postwurfsendung in einem kleinen Ort nahe unseres Verlagssitzes Niedertaufkirchen. Dort wohnte ein Frau, die gelegentlich für uns im Connectionhaus Seminare bekocht hatte. Sonst hatte sie kaum etwas mit uns zu tun, wir waren nur locker befreundet. Die Postwurfsendung warnte die Bewohner ihres Ortes davor, ihre Kinder mit denen unserer Gelegenheitsköchin spielen zu lassen. Warum? Weil ihre Mutter bei uns gekocht hatte, in einem Haus, in dem eine Zeitschrift erstellt wurde, die u.a. über Scientology berichtet hatte. Kritisch berichtet – egal: Wir hatten berichtet. Damit war offenbar das ganze Haus infiziert von dem Bösen, und wer dort ein und aus ging (Köchinnen, Briefträger …) gleich mit. Mich gruselt es bei solchen Vorfällen. Sie erinnern mich an den Hexenwahn, der Europa jahrhundertelang terrorisiert hatte, an Pogrome und Verfolgungen von Minderheiten aller Art, seien es nun ethnische, religiöse, politische oder sprachliche Minderheiten, Homosexuelle oder eben die so genannten »Sekten«, die ja meistens sehr friedliche Gruppen oder Grüppchen sind, oft viel friedlicher und friedliebender als die sie diffamierende Gesellschaft. Kirche oder Unternehmen? Unter diesen Gruppen ist Scientolgy auserkoren worden, auch dank des hohen persönlichen Einsatzes von Frau Caberta, als Vorzeige- und Pfui-Sekte zu dienen. Warum gerade Scientology? Ich meine, diesen Prominentenrang unter den Sekten hat Scientology der Tatsache zu verdanken, dass sie auf besondere Weise die sie diffamierende Gesellschaft karikiert. Ist Scientology eine Kirche oder »bloß« ein Wirtschaftsunternehmen? Die USA, Australien, Spanien, Portugal, Schweden und einige andere Länder haben sie als Kirche anerkannt. Als Russland der »Church of Scientology« den Status einer Religionsgemeinschaft versagte, fand der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das rechtswidrig – die Scientologen jubelten. Von mir aus dürfen sie gerne den Status einer Kirche haben. Ich halte von Kirchen eh nicht viel. Auch Kirchen sind Wirtschaftsunternehmen, einige davon so erfolgreich, da können die Scientologen vor Neid erblassen. Ihre Mitgliederzahl wird, um Panik zu schüren, notorisch übertrieben, wozu auch sie selbst in ihrem Größenwahn gerne beitragen. Vermutlich sind es in Deutschland nur etwa 12.000, das ist ein Sechstel von einem Promille der Bevölkerung. Die katholische Kirche als Ganzes, mit ihren in Deutschland etwa 25 Millionen, weltweit ungefähr eine Milliarde Mitgliedern, richtet weit mehr Schaden an als die paar Scientologen. Ethisch würde ich Scientology in etwa so beurteilen wie das vom Papst so geschätzte Opus Dei. Es ist zahlenmäßig ungefähr so groß wie Scientology, aber unvergleichlich viel mächtiger. »Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen« »Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen«, das soll Voltaire gesagt haben (hat er aber nicht, sondern Evelyn Beatrice Hall 1906 in »Die Freunde von Voltaire«. Wörtlich hat Voltaire gesagt: »Du bist anderer Meinung als ich, und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen«. Quelle: Wikipedia). Ich halte Ron Hubbard für durchgeknallt und größenwahnsinnig, die scientologischen Methoden nur in den seltensten Fällen für hilfreich, und der Orga misstraue ich. Soweit meine Beurteilung. Aber ich setze mich dafür ein, dass sie ihre Meinung sagen dürfen! Zum Beispiel auch hier in dieser Zeitschrift, mit einer Anzeige. Wer hat diesen Kommentar finanziert? Anzeige? »Was bekommt ihr denn dafür? Und ich hatte gedacht, connection sei unabhängig …« Wir bekommen für die Dreimalschaltung der unten stehenden Anzeige circa 1.700?€. Wenn ich die Abokündigungen davon abziehe, die mir die Annahme einer Anzeige dieser Pfui-Sekte einbrocken wird, und den Rückzug von Anzeigen »seriöserer« Kunden, bleiben mir vielleicht 1.000?€. Ha, habe ich endlich mal einen Artikel bezahlt bekommen! Einen Artikel, in dem ich über die Kirchen lästern kann und mich belustigen darf über eine Gesellschaft, die ihr eigenes Spiegelbild jagt: In der Gier, Machtbesessenheit und Pseudoreligiosität der Scientology-Kirche spiegelt sich die Gier, Machtbesessenheit und Pseudoreligiosität einer Gesellschaft, in der die Banken um ein Vielfaches größer und besser eingerichtet sind als die Kirchen – eine Gesellschaft, die dem Mammon dient, dem Wahn und dem Schein und die bereit ist, dafür sogar die Natur zu opfern, die uns Jahrmillionen lang so gut ern ährt hat. Beschmuddel ich mit dieser Tirade einen Anzeigenkunden? Ich denke, die Scientologen sind härteren Tobak gewohnt. Mit unseren Juxanzeigen (siehe auch unser Juxanzeigenmuseum) belustigen wir uns seit Jahren über krasse Auswüchse der Eso-Szene. Wer trotzdem bei uns inseriert, hat Humor oder ein dickes Fell. Oder ist wirklich gut. Bei den Scientologen vermute ich, dass sie ein dickes Fell haben. Und sie dürfen sich freuen: Eine ganze Doppelseite Kommentar des Herausgebers der Zeitschrift! Aufmerksamkeit ist die Währung unserer Zeit.

Tagesanzeiger, 31.10.2009, Hugo Stamm
Stettler willkommen beim Sasek-Kongress
Das Klassentreffen der unheimlichen Patrioten
Grosser Empfang für Weltverschwörer und Sektierer in der Olma-Halle: Stargast beim Anti-Zensur-Koalitions-Kongress ist Scientology-Boss Jürg Stettler. Will erklären, «was Scientology wirklich ist»: Sekten-Chef Jürg Stettler.
Zum Kongress der Anti-Zensur-Koalition (AZK) von heute Samstag in St. Gallen hat der 53-jährige «Apostel» Ivo Sasek eingeladen. Der ehemalige Zürcher Automechaniker verbreitet mit seiner grossen, international tätigen Sekte Organische Christusgeneration (OCG) seit vielen Jahren Drohbotschaften. Nach biblischer Doktrin propagiert er beispielsweise die Züchtigung der Kinder mit der Rute. «Du errettest sein Leben», behauptet Sasek, «blutige Striemen schützen vor der Hölle.» Sasek wurmt es seit langem, dass seine Gemeinschaft mit Sitz in Walzenhausen AR in der Öffentlichkeit als Sekte wahrgenommen wird und seine Anliegen in den Medien kaum Gehör finden. Deshalb startete er zusammen mit seiner Frau politische Aktionen und gründete die AZK. Aus dem Sektenumfeld stammt auch die Anti-Genozid-Partei (AGP), die gegen die staatliche Überwachung kämpft. Die AGP hatte Unterschriften für das Referendum gegen die biometrischen Pässe gesammelt. Die Partei ist überzeugt, dass die Bevölkerung bald mit implantierten Chips überwacht wird. Forum für Sektierer Die Anti-Zensur-Koalition hat sich in kurzer Zeit zu einem Forum für Sektierer entwickelt. Sasek organisiert regelmässig Konferenzen, die Hunderte Besucher anlocken. Die Stossrichtung lässt sich aus den Artikeln der «Anti-Zensur-Zeitung» ablesen. Es geht um die «tödlichen Mobilfunkstrahlungen», die «Nebenwirkungen der Homosexualität» («hohe Suizidrate, Depressionen, Ekel vor sich selber»), den Schwindel über die Klimaerwärmung, die neue Weltordnung und die Unfruchtbarkeit durch Gennahrung. In dieses Themenfeld passen auch antisemitische Töne. Die AZK-Zeitung zitiert einen Artikel der «Basler Nachrichten» vom 13. Juni 1946, wonach sich die Zahl der jüdischen Opfer im Zweiten Weltkrieg lediglich zwischen 1 und 1,5 Millionen bewegt habe. Ausserdem äussert das Blatt die Vermutung, dass die Schweinegrippe mithilfe der Gentechnik hergestellt worden sei und nun als militärische Waffe für biologische Kriegsführung diene. Aufschlussreich ist auch die aktuelle Referentenliste. In der Olma-Halle wird Scientology-Chef Jürg Stettler erklären, «was Scientology wirklich ist». Weitere Redner werden den «Impf-Terrorismus» anprangern und gegen die Klimalügen wettern. Warnung vor den Illuminaten Bei einer früheren Konferenz in Chur propagierte Harald Baumann die «Germanische Neue Medizin» des Scharlatans Geerd Hamer, ein anderer Referent beschwor die drohende Eugenik und die neue Weltordnung, und die Impf-Kritikerin Anita Petek Dimmer vom Verein Aegis warnte vor den Impf-Gefahren. In einem weiteren Vortrag wurde die Gefahr der Illuminati, der geheimen Weltregierung, thematisiert. Obwohl der Eintritt in die Olma-Halle gratis ist, zieht die AZK die Konferenz professionell auf. Die Referenten werden auf mehrere Leinwände projiziert und ihre Vorträge in verschiedene Sprachen übersetzt. Ein grosser Kamerakran kann Publikum und Vortragende effektvoll ins Bild rücken. Selbst die Verpflegung in den Pausen ist kostenlos. Moderiert werden die Grossveranstaltungen von Sektengründer Sasek persönlich. Ein grosses Orchester sorgt für einen würdigen Rahmen. Die eigens komponierte AZK-Hymne wird von sechs seiner zehn Kinder gesungen, wobei die Töchter in züchtigen langen Röcken auftreten. Ralph Engel, Abteilungsleiter bei den Olma-Messen St. Gallen, stützt sich auf den Entscheid der Gewerbepolizei ab, die den Kongress bewilligt hat. «Wir halten uns aus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion heraus», erklärt er. Er werde aber genau prüfen, ob die Veranstalter sektiererisch auftreten oder gegen Sitten und Gebräuche verstossen werden. (Tages-Anzeiger)

Tagesanzeiger, 28.10.2009, Matthias Chapman
«Im Untergrund bestünde die Gefahr des Märtyrertums»
Das Pariser Urteil gegen Scientology bringt die Sekte in Bedrängnis. Sekten-Experte Hugo Stamm erklärt die Folgen, und warum die Schweizer Behörden nicht handeln.
Herr Stamm, falls die letzte Instanz das jetzt gesprochene Urteil bestätigt, ist Scientology in Frankreich dann am Ende? Scientology wird vermutlich Mitglieder verlieren und geschwächt werden, aber nicht am Ende sein. Die hohen Bussen werden den Aktionsradius einschränken, voraussichtlich würde aber die Mutterorganisation in den USA Geld einschiessen, um den französischen Ableger vor dem Konkurs zu retten. Wieso kam es gerade in Frankreich zum gross angelegten Prozess gegen Scientology? In Frankreich war die Toleranz gegenüber Sekten immer schon kleiner als in anderen europäischen Staaten. Seit dem Sektendrama um die Sonnentempler zwischen 1994 und 1997 gehen Justiz und Politik die Sektenproblematik noch seriöser an. Beispielsweise wurden Gesetze angepasst. Die Anklage hat das Urteil als «historisch» bezeichnet. Warum? In der jüngeren Zeit gab es keine vergleichbaren Urteile. Obwohl das Gericht unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft geblieben ist, sind die Strafen hoch ausgefallen. Ausserdem wurden erstmals Unterorganisationen wie das Celebrity Center, das sich um Promis kümmert, belangt. Bisher sind vor allem die Sektenbosse gerichtlich verfolgt worden, nicht aber Scientology als Organisation oder ihre Tarngruppen. Wird es in anderen Ländern Europas zu Prozessen gegen Scientology kommen? Das Urteil wird kaum auf andere Staaten ausstrahlen. Das Verfahren hat neun Jahre gedauert, ein Ende ist noch nicht in Sicht. So viel Durchhaltewillen kann man von anderen Ländern kaum erwarten, zumal Scientology in vielen Staaten juristisch als Glaubensgemeinschaft eingestuft wird. Wie sieht es in der Schweiz oder etwa in Deutschland aus? In der Schweiz fehlt den Behörden der Biss, sich mit der Sekte anzulegen. Diese müssten meines Erachtens wie in Frankreich untersuchen, unter welchen Bedingungen die Mitarbeiter arbeiten müssen und wie die Mitglieder indoktriniert und abgezockt werden. In Deutschland beobachtet zumindest der Staatsschutz Scientology, die Sekte ist aber kaum eine Gefahr für den Staat, dazu ist sie zu klein und die Exponenten sind zu wenig raffiniert. Das Pariser Gericht begründete sein Nein zum Verbot mit der Angst, Scientology würde aus dem Untergrund arbeiten. Wäre die Organisation so gefährlicher? Verschwinden würde Scientology nicht. Im Untergrund bestünde die Gefahr des Märtyrertums und der Radikalisierung. Ausserdem würde der Druck auf die Anhänger noch grösser. Gewonnen wäre also nichts.

Berliner Zeitung, 28.10.2009, Frank Nordhausen 
Scientology als kriminelle Bande verurteilt 
Pariser Gericht erkennt auf organisierten Betrug PARIS/BERLIN. Der große Gerichtssaal im historischen Palais de Justice in Paris war bis auf den letzten Platz besetzt, als das Urteil gegen die französische Scientology-Organisation erging. Die Richter verurteilten die umstrittene Sekte gestern wegen bandenmäßigen Betrugs zu hohen Geldstrafen. Ihre zwei wichtigsten Einrichtungen in Paris müssen 600 000 Euro Strafe zahlen, dürfen allerdings weiterarbeiten. Der Pariser Scientology-Chef Alain Rosenberg wurde zu zwei Jahren auf Bewährung und 30 000 Euro Strafe verurteilt. Drei weitere führende Mitarbeiter erhielten Bewährungs- und Geldbußen. Das Urteil sei "moderne Inquisition", sagte eine Sektensprecher-in; ihre Anwälte kündigten Berufung dagegen an. Mysteriöse Gesetzesänderung Die wichtigste Forderung der Staatsanwaltschaft, ein Verbot der Organisation in Frankreich, ist wegen einer umstrittenen Gesetzesänderung jedoch nicht mehr möglich gewesen. Ein Gesetz, sektenartige Organisationen aufzulösen, wenn ihnen Betrug nachgewiesen werden kann, war 1994 nach dem Massenselbstmord der Sonnentempler in Frankreich eingeführt worden. Kurz vor dem Auftakt des Scientology-Prozesses im Mai 2009 wurde es aber im Rahmen eines Gesetzespakets zur Rechtsvereinfachung von einer parlamentarischen Kommission wieder aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Seit die Änderung im September bekannt wurde, rätselt die Öffentlichkeit in Frankreich, wie es zur "Lex Scientology" kam und wer dafür verantwortlich ist. Selbst die Präsident Sarkozy unterstellte Interministerielle Mission gegen Sekten (Miviludes) wurde laut ihrem Sprecher Henri-Pierre Debord davon völlig überrascht. Laut Sprechern der Regierungsparteien wurde das fragliche Gesetz "aus Versehen" geändert. Scientology-Kritiker unterstellen der Organisation aber, die Nationalversammlung mit Lobbyisten unterwandert zu haben. Zwar hat die Justizministerin angekündigt, das Originalgesetz wieder einzuführen, nur kann es dann nicht mehr auf Vorgänge vor 2009 angewendet werden. In Gang kam der Prozess durch die Beschwerde einer Frau, die nach eigenen Angaben 21 000 Euro für Bücher, Seminare und Medikamente an Scientology gezahlt hatte, dafür aber nicht wie versprochen "geistig frei", sondern psychisch schwer geschädigt wurde. Andere Kläger schlossen sich an. Laut dem Urteil warb die Organisation neue Mitglieder tatsächlich mit strafbaren Methoden an und nahm ihnen hohe Geldsummen ab. Die Staatsanwaltschaft hatte neben der Auflösung von Scientology Geldstrafen von vier Millionen Euro gefordert. Der Anwalt der Privatkläger, Olivier Morice, hatte die Gesetzesänderung publik gemacht. Er bezeichnete die Verurteilung wegen "organisiertem gemeinschaftlichen Betrugs" gestern als historisch. Das Pariser Strafgericht habe dem Urteil "eine nationale und internationale Dimension" verliehen, um eventuelle Opfer vor den Methoden von Scientology zu warnen. Auch die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta begrüßte das Urteil. "Wenn vernünftig ermittelt wird, dann kriegt man Scientology auch verurteilt", sagte sie.

Tagesanzeiger, 28.10.2009, Hugo Stamm
Warum das Scientology-Urteil als «historisch» bezeichnet wird
Nachdem in Paris Scientologen zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden, jubelt die Anklage. Die Verurteilten kochen und die Richter erklären, warum sie von einem Verbot absahen.
Im neun Jahre dauernden Gerichtsverfahren gegen die Sekte und führende Scientology-Mitglieder verhängten die Richter in Paris gestern Dienstag hohe Strafen. Das Celebrity Center, das sich um Promis wie Tom Cruise und John Travolta kümmert, muss mehr als 600'000 Franken Busse zahlen, die Pariser Sektenbuchhandlung über 300'000 Franken. Anwalt Olivier Morice, Vertreter der Privatkläger, hat die Verurteilung von Scientology wegen bandenmässigen Betrugs als «historische Entscheidung» bezeichnet. Der Hauptangeklagte und oberste Scientologe in Frankreich, Alain Rosenberg, wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Busse von 45'000 Franken verurteilt, drei weitere Angeklagte erhielten bedingte Gefängnisstrafen von 10 bis 18 Monaten. Ihnen werden betrügerische Machenschaften vorgeworfen. Anklage wollte Auflösung Die Richter in Paris kamen zum Schluss, Scientology habe mit unlauteren Methoden neue Mitglieder angeworben und diese finanziell ausgenommen. Das Gericht warf der Sekte vor, ihren Mitgliedern unter Ausnutzung ihrer Schwächen bis zu 100'000 Franken abgeknöpft zu haben. Die Richter beurteilten diese Methoden, die auch in der Schweiz und andern Staaten angewendet werden, als rechtswidrig. Das Urteil weist auch ein Novum auf: Zum ersten Mal sind Unterorganisationen von Scientology als juristische Personen gerichtlich belangt worden. Das Gericht blieb bei seinen Urteilen allerdings deutlich unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Diese hatte Bussen von insgesamt mehreren Millionen Franken und mehrjährige Haftstrafen für die verantwortlichen Scientologen gefordert. Ausserdem hatte der Ankläger für die Auflösung der Sekte plädiert. Die Angst vor der Untergrundorganisation Dazu kam es aber nicht, weil kurz zuvor unter mysteriösen Umständen ein Gesetz gestrichen worden war, das diese Massnahme erlaubt hätte. Sektenkritiker vermuteten, dass eine Intrige von Scientology zur überraschenden Aktion des Justizministeriums geführt habe. Als die Gesetzesänderung publik wurde, entbrannte in Frankreich ein Sturm der Entrüstung. Politiker und Parlamentarier erklärten sofort, die Gesetzeslücke so rasch als möglich wieder schliessen zu wollen. Das Pariser Gericht äusserte in seinem Urteil aber Zweifel, ob ein radikales Verbot eine sinnvolle Massnahme wäre. Es bestünde nämlich die Gefahr, dass Scientology aus dem Untergrund weiter agieren würde. Die Richter forderten deshalb eine bessere Beaufsichtigung von Scientology. Ein Rezept, wie die abgeschottete Sekte kontrolliert werden könne, hatten die Richter aber nicht. Berufung angekündigt Scientology bewertete das Verfahren als Ketzerprozess und Inquisition. Die Sekte akzeptiert das Urteil nicht und will Berufung einlegen.

rtbf.be, 27,10,2009, (Übersetzung F.G.)
Scientology – zwei Verfahren in Belgien anhängig 
Während die Scientology-Kirche sich am Dienstag durch die französische Justiz wegen organisierten bandenmäßigen Betrugs verurteilt sah, ist sie in Belgien Gegenstand zweier juristischer Verfahren. Eine Untersuchung der Scientology-Kirche begann 1997 in Belgien als Folge der Klage ehemaliger Mitglieder wegen Betrugs, Erpressung, gesetzeswidriger Ausübung der Heilkunst, Verstößen gegen wirtschaftliche Praktiken und kriminelle Organisation. Zwei Jahre später wurden an verschiedenen Sitzen der Bewegung Hausdurchsuchungen durchgeführt. 2007 forderte die Bundesstaatsanwaltschaft den Verweis (?) von zwölf natürlichen und zwei juristischen Personen, der Scientology-Kirche von Belgien und des europäischen Büros der internationalen Scientology-Kirche. Alle betreffenden Personen leugneten die Taten. Im vergangenen Mai hat die Verteidigung mehrerer Angeklagter vor der Ratskammer zusätzliche Auflagen verlangt. Diese Forderung, der teilweise stattgegeben wurde, wird bei der Berufungsverhandlung im November durch die Anklagekammer überprüft. Außerdem hat im vergangenen April die Bundespolizei am belgischen Sitz der Scientology-Kirche in Uccle im Rahmen eines Verfahrens wegen Urkundenfälschung und Betrug eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Die Untersuchung begann auf Grund von Informationen des regionalen Brüsseler Büros für Beschäftigung bezüglich der von der Scientology-Kirche erstellten Beschäftigungsverträge. Nur die Gemeinnützigkeit der Scientology-Kirche wird in diesem Stadium beschuldigt. Keine juristische Definition von Sekten Im Gegensatz zu Frankreich, wo die Sekten als Organisationen verurteilt werden können, die Personen in Situationen der Schwäche mental oder physisch missbrauchen, kennt die belgische Gesetzgebung keine juristische Definition von Sekten. Es gibt kein Verzeichnis von Sekten. Zufolge CIAOSN (dem Zentrum für Information und Beratung bezüglich schädlicher sektiererischer Organisationen) stellt die Scientology-Kirche in Belgien mit etwa 250 Mitgliedern eine marginale Bewegung dar. Die Scientology-Kirche von Belgien behauptet ihrerseits, 2000 Mitglieder zu haben. Die Scientology-Kirche von Belgien hat im vergangenen Mai ihren Sitz von Uccle nach Malines verlegt, wo etwa fünfzehn Personen tätig sind. Sie verfügt über ein Dianetikzentrum in Westhoek in Flandern. Die Bewegung dürfte demnächst in der Waterloo-Straße in Brüssel ein europäisches Zentrum eröffnen, das für den Verkauf von Waren (Büchern …) und Dienstleistungen bestimmt ist. Dieses Zentrum wird in sechs Stockwerken auf 2200 Quadratmetern eingerichtet. Die internationale Scientology-Kirche verfügt außerdem noch über ein europäisches Büro in der Gesetzes-Straße. Eine Bücherei der Scientology-Kirche, die sich früher in der kleinen Butterstraße in Brüssel befand, wurde im vergangenen Frühjahr geschlossen. Für die CIAOSN bedeuten Vorgänge wie die Schließung dieser Bücherei und die Übersiedlung des belgischen Sitzes in eine ‚auf internationaler Ebene weniger strahlende Zone’ einen Abstieg der Bewegung. Die Scientology-Kirche trat in Belgien Mitte der Siebzigerjahre in Erscheinung und erlebte gemäß CIAOSN ihren Höhepunkt Ende der Achtzigerjahre. Die Scientology-Kirche von Belgien versichert ihrerseits, dass die Anzahl ihrer Mitglieder zunimmt.

Stern, 27.10.2009
Scientology: Gericht verurteilt Scientology zu Millionen-Strafe 
Die französische Scientology-Bewegung ist wegen Betruges zu Geldstrafen von insgesamt 600.000 Euro verurteilt worden. Der Forderung der Staatsanwaltschaft nach einer Auflösung folgten die Richter nach einer umstrittenen Gesetzesänderung nicht.
Die französische Scientology-Bewegung ist wegen Betruges zu Geldstrafen von insgesamt 600.000 Euro verurteilt worden. Der Forderung der Staatsanwaltschaft nach einer Auflösung folgten die Richter nach einer umstrittenen Gesetzesänderung nicht. Zwei ehemalige Anhänger der Organisation hatten geklagt, weil sie dazu gedrängt worden seien, viel Geld für Persönlichkeitstests, Vitaminkuren, Saunagänge und "Reinigungspackungen" zu zahlen. Das Gericht verurteilte vier Führungsmitglieder der Organisation daraufhin zu Geldbußen sowie Bewährungsstrafen zwischen zehn Monaten und zwei Jahren. Scientology wies den Betrugsvorwurf zurück und kündigte Rechtsmittel an. Nach einer inzwischen zurückgenommenen Gesetzesänderung kurz vor dem Beginn des Prozesses im Mai war ein Verbot der Organisation ausgeschlossen. Scientology gilt in Frankreich offiziell als Sekte und wurde bereits 1997 und 1999 wegen Betruges angeklagt. In Deutschland steht die Bewegung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Welt Online, 27.10.2009, Dietrich Alexander
Nachsicht mit Scientology
Scientology wurde in Frankreich wegen Betrugs verurteilt. Die Strafe wird die Organisation aus der Portokasse bezahlen. Für eine härtere Strafe fehlte es an politischen Willen.
Die französische Scientology-Sprecherin griff tief ins Archiv ihrer Kampfrhetorik: „Moderne Inquisition“ sei das Urteil des Pariser Strafgerichtshofs. Die Richter hatten die Sekte mit dem Anspruch eine Kirche zu sein zur Zahlung von 600.000 Euro und Bewährungsstrafen für vier Führungsmitglieder wegen organisierten Betrugs verurteilt. Scientology will in Berufung gehen, dabei hätte es viel schlimmer kommen können für die Organisation, die hierzulande unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht. Der Staatsanwalt in Paris hatte die Auflösung sowie Geldstrafen in Höhe von vier Millionen Euro verlangt. Dass es dazu nach neun Jahre währenden Ermittlungen nicht gekommen ist hat zwei Gründe, einen gesetzgeberischen und einen gesellschaftspolitischen. Mangel an politischem Willen Der gesetzgeberische: Im Zuge eines Reformpaketes zur Rechtsvereinfachung wurde ein Strafrechtspassus „aus Versehen“ gestrichen, der ein Verbot ermöglicht hätte. Der gesellschaftspolitische: Das Gericht hätte sich natürlich zur Urteilsverkündung auf einen Zeitpunkt vertagen können, da der fehlende Zusatz wieder eingepflegt worden wäre. Doch dazu fehlte offenbar der Wille. Ein Verbot, so erklärte das Gericht, hätte die Sekte in den Untergrund gedrängt und damit unkontrollierbar gemacht. Obschon Scientology krimineller Machenschaften überführt wurde, zieht die französische Justiz nicht die daraus resultierende Konsequenz. Scientology kann die Geldstrafen aus der Portokasse begleichen und weiter Quasi-Enteignungen vornehmen. Kein Ruhmesblatt für Justitia. Herzlichen Glückwunsch Scientology!

NZZ-Online, 27.10.2009, Manfred Rist
Urteil gegen Scientology in Frankreich - Hohe Geldstrafe wegen organisiertem Betrug
In einem mit Spannung erwarteten Urteil hat das Pariser Strafgericht die Scientology-Kirche am Dienstag des «bandenmässig organisierten Betrugs» für schuldig gesprochen und zu einer insgesamt 600'000 Euro hohen Geldstrafe verurteilt. Gegen vier führende Exponenten der Sekte haben die Richter zudem bedingte Freiheitsstrafen zwischen eineinhalb und zwei Jahren sowie individuelle Geldbussen ausgesprochen.
Das Urteil entzieht Scientology zwar nicht Geschäftsgrundlage; eine Auflösung der Organisation stand nach einer kürzlich verabschiedeten Gesetzesrevision ohnehin nicht mehr zur Debatte. Doch der Schuldspruch stellt die dubiosen Praktiken der Organisation und den manipulativen Umgang mit ihren Mitglieder bloss. Die Richter verlangen in diesem Zusammenhang, dass das Verdikt in französischen Zeitungen publiziert wird.
Das Urteil, das gemäss einem Rechtsvertreter der Organisation angefochten werden soll, geht auf zwei Klagen von ehemaligen Mitgliedern zurück. Sie warfen Scientology die Ausnutzung ihrer damaligen seelischen Notlage vor. Aufgrund ihrer Lebenskrise, die eine hohe Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit zur Folge hatte, waren sie zu hohen Ausgaben für Kurse, Bücher und Medikamente genötigt worden. Ursprünglich waren sechs Kläger gegen die Sekte aufgetreten. Vier von ihnen zogen später ihre Klage zurück, vermutlich im Rahmen einer aussergerichtlichen Einigung. Scientology zählt nach Schätzungen aus Gerichtskreisen in Frankreich etwa 3000 Anhänger.

SF Tagesschau, 27.10.2009
Scientology in Frankreich wegen Betruges verurteilt 
Die Sekte «Scientology» ist in Frankreich von einem Gericht wegen Betruges zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt worden - und dennoch mit einem blauen Auge davongekommen. Ein französisches Gericht hat die Scientology-Kirche wegen Betruges zu hohen Geldstrafen von verurteilt. Zwei Scientology-Einrichtungen, das «Celebrity Centre» und die Buchhandlung SEL, müssen 400'000 beziehungsweise 200'000 Euro Strafe zahlen. Der Forderung der Staatsanwaltschaft nach einer Auflösung der Bewegung folgten die Richter nicht. Der Gründer und Leiter des französischen Ablegers, Alain Rosenberg, wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und muss 30'000 Euro Strafe zahlen. Das Gericht blieb mit seinem Urteil deutlich hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Scientology gilt in Frankreich offiziell als Sekte und wurde bereits 1997 und 1999 wegen Betruges angeklagt. In Deutschland steht die Bewegung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Filmreporter, 26.10.2009, Carlos Corbelle
Gegen Schwulendiskriminierung 
Paul Haggis verlässt Scientology 
35 Jahre lang war Paul Haggis Mitglied von Scientology. Nun verlässt der Regisseur die Kirche. Im Internet publiziert er einen wütenden Brief mit den Gründen. Darin bringt Haggis seine Empörung über die Diskriminierung von Homosexuellen zum Ausdruck. 26. Okt 2009: Wie das Entertainmentmagazin Movieline am 25. Oktober 2009 berichtet, hatte die Niederlassung in San Diego einen Volksentscheid gegen Schwule unterstützt. Haggis forderte Scientology mehrmals auf, die Aktion öffentlich zu verurteilen. In seinem Brief macht der Filmemacher den derzeitigen Scientology-Sprecher Tommy Davis dafür verantwortlich, nichts gegen die Anti-Schwulenkampagne unternommen zu haben. 

Basler Zeitung, 17.10.2009, Hugo Stamm
Katie Holmes widersetzt sich Tom Cruise
Die Schauspielerin schickt Tochter Suri nicht in die Scientology-Schule. Stattdessen soll das Mädchen im Geist des Papstes erzogen werden.
Wer kennt ihn nicht, den heimlichen Wunsch, prominent zu sein? Ein paar öffentliche Streicheleinheiten befriedigen narzisstische Neigungen schliesslich aufs Beste. Deshalb wurden auch die Castingshows erfunden. Die einfachste Art, ins Rampenlicht zu treten – oder getreten zu werden –, ist mit dem Umstand verbunden, Kind prominenter Eltern zu sein. Suri ist als Tochter der Schauspieler Tom Cruise und Katie Holmes ein typisches Beispiel. 
Ihr Vater ist zugleich der prominenteste Scientologe überhaupt. So viel VIP auf einmal kumuliert sich auch in der Glitzerwelt von Hollywood nicht täglich.
Die «stille Geburt» Schon bei der Geburt manifestierte sich dieser doppelte Promistatus. Die Medien rätselten wochenlang über die als «stille Geburt» angekündigte Niederkunft. Scientologen glauben nämlich, dass störende Geräusche bei einem traumatischen Akt wie der Geburt negative Prägungen verursachen. Damals, am 18. April 2006, war die Welt von Cruise noch heil. Seine überbordende Freude hatte der 47-jährige schon vorher öffentlich in der Fernsehtalkshow von Oprah Winfrey zelebriert. Der Schauspieler hüpfte auf dem Sofa herum und schrie: «Ich bin verliebt, ich bin verliebt.» In der Folge wurde die Formulierung «jumping the couch» in den USA zum Synonym für einen Selbstdarsteller, der öffentlich seinen Ruf ruiniert – und zum treffendsten Slang-Ausdruck gewählt. Suri weiss noch nichts von ihrem öffentlichen Status. Das Mädchen freut sich wie die meisten Kinder, bald zur Schule gehen zu dürfen. Für Scientologen ist die Einschulung allerdings meist der Beginn der Sektenkarriere. Das Sofaglück von Papa Tom wäre damit vollkommen. 
Hat Tom Katie «nicht richtig gehandhabt»?
Doch es kam anders. Katie Holmes macht Tom Cruise Stress. Ihre Skepsis gegenüber Scientology hat sich offensichtlich zu einer handfesten Allergie entwickelt. Amerikanische Medien behaupten sogar, Katie weigere sich inzwischen, mit Tom das Bett zu teilen. Die Folgen bekommt Suri zu spüren. Sie soll in der Schule nicht unter den Lernmethoden von Scientology büffeln, sondern im Geist des Papstes erzogen werden. Ihre Mamma hat sie beim Yawkey Center in Boston angemeldet. Für Cruise ein GAU: Nach der Schmach am Familientisch kommt der Showdown im Scientology-Zentrum. Denn nach scientologischer Ethik hat Vorzeigemitglied Cruise seine Frau «nicht richtig gehandhabt». Das ist die kapitale Sünde eines Stümpers, der die Hubbard-Doktrin weder begriffen hat noch sie umzusetzen weiss. Für Cruise folgt – falls die Scientology-Regeln auch bei ihm angewandt werden – das übliche Programm zur Wiedergutmachung. Es beginnt mit einem Sicherheitscheck, bei dem das Hubbard-Elektrometer im Mittelpunkt steht. Dieses Gerät, benannt nach dem Sektengründer Ron Hubbard, soll die seelische Ladung des Schauspielers messen. In Wirklichkeit aber dient die Maschine, die ähnlich wie ein Lügendetektor funktioniert, dem Verhör. 
Zur «Umerziehung» einrücken
Gelingt es Cruise nicht, seine Frau auf den Pfad der Sektentugend zurückzuführen, drohen immer härtere Sanktionen. Es beginnt mit dem Reinigen von WCs und kann im sekteneigenen Straflager RPF enden.
Was ihn dort erwartet, könnte Cruise vom Schweizer Scientology-Chef Jürg Stettler erfahren. Der musste vor ein paar Jahren nämlich, weil er einen Prozess verloren hatte, zur «Umerziehung» einrücken. Aussteiger erzählen, dass die Insassen dort schuften und die Hubbard-Weisheiten bis zum Umfallen studieren – teilweise unter Sprechverbot. Suri dürften die drohenden Strafmassnahmen gegen ihren Vater wenig kümmern. Sie wird einen Teil des Promi-Ballastes abwerfen und sich über neue «Gspänli» freuen können, die keine Ahnung haben, wer Cruise und Hubbard sind.

Der Standard, 06.10.2009
Wie man Scientology ärgern kann
Vom Internet in die Realität: Anonymous-AktivistInnen demonstrierten in London vor einem Scientology-Gebäude. Seit bald zwei Jahren sorgen die Aktivisten von "Anonymous" mit ihren Aktionen für Wutanfälle bei Scientology Am 18. Jänner 2008 begann eine der größten virtuellen Schlachten in der Geschichte des Internet. Doch damals ging es weder um Wirtschaftsspionage noch um zwischenstaatliche Konflikte, sondern um die Zensur im Internet und den Umgang mit Kritik. An diesen Tag startete die 4chan-Hackergruppe "Anonymous" mit einer großen Denial-of-Service-Attacke gegen "Scientology". Mit den Mitteln der Trolle Laut einem Bericht des US-Magazins "Wired" liegt der große Erfolg von Anonymous in der Wahl der eingesetzten Mittel. Die AktivistInnen haben das "Trolling" kultiviert und für ihre Ideen nutzbar gemacht. Dadurch wurde eine neue Art des politischen Aktivismus gestartet, meint Wired. Ein Video als Auslöser Der Auslöser für die Kontroverse war ein Video in dem der US-Schauspieler und Scientologe Tom Cruise seine Kirche bewirbt. Das Video gelangte auf YouTube und wurde rasch zum Hit. Doch dürfte man bei Scientology die Auswirkungen der Kritik nicht bedacht haben und entschied sich das Video wieder entfernen zu lassen. Als Antwort auf dieses Vorgehen startete "Anonymous" am 21. Jänner mit seinem Antwortvideo "A Message to Scientology" und entsprechenden Attacken auf die Webportale des Widersachers. Don't feed the Trolls Das US-Magazin Wired widmet sich ausführlich dem Konflikt zwischen Anonymous und Scientology und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Warum hat es Scientology nicht geschafft die KritikerInnen verstummen zu lassen? Wieso konnte Anonymous überhaupt eine derart große Aufmerksamkeit erregen? Die Antwort: Scientology hat einen großen Fehler begangen - sie haben eine Grundregel nicht beachtet, und diese lautet: Don't feed the Trolls". Eine weltweite Bewegung "Anonymous" erwuchs aus einer spontanen Idee, ohne einen fixen Plan und eine festgelegte Führungsebene. Wer wollte, konnte partizipieren und den Gedanken vorantreiben. Wie ein großer Bienenschwarm gab die Gruppe die Richtung vor und alle konnten folgen, neue Ideen einbringen und sich spontane Aktionen einfallen lassen. Einzige Regel war lediglich, dass sich die Mitglieder auch untereinander nicht mit echtem Namen kannten. Alle Aktionen wurden nicht von einer bestimmten Person durchgeführt, sondern stets von der anonymen Gruppe als Gesamtheit. Innerhalb kürzester Zeit wurde "Anonymous" zu einem weltweiten Phänomen. Auch und vor allem, weil Scientology den Aktivitäten sehr viel Bedeutung zumaß und so für eine enorme Aufmerksamkeit sorgte. "Hello, leaders of Scientology. We are Anonymous" Mit diesen Worten, gesprochen von einer metallenen Computerstimme, begann die erste Botschaft von Anonymous an Scientology. Die Nachricht endete mit den Worten: "We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us." "Project Chanology" Die Kampagne gegen Scientology, unter den TeilnehmerInnen besser bekannt als "Project Chanology", wurde in den nächsten Monaten weitergeführt und um zahlreiche neue Aktionen erweitert. Immer neue Ideen, die über die unterschiedlichsten Kanäle im Internet verbreitet wurden, zeigten Wirkung. Das "Project Chanology" markierte einen neuen Höhepunkt im Bereich der Online-Demonstrationen und kann im Nachhinein als die wohl erste große Aktion einer Gruppe sozialer AktivistInnen bezeichnet werden, die nachfolgenden Ideen einen deutlichen Stempel aufdrückten. Ein wesentliches Element der Kampagne war das Ausnützen einer der wohl zweifelhaftesten Ausprägungen die das Internet geschaffen hat - nämlich des "Trolling". Umgeben von Trollen Trolling ist - zumindest für den Troll - ein Akt zur Unterhaltung. Für Anonymous war es lange Zeit eine Art zu Leben. Trolling bedeutet unverdächtige Web-Communities mit Botschaften zu verstopfen, die wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun haben, dafür aber einzig und alleine darauf abzielen Unruhe zu stiften, Diskussionen anzuheizen oder zu beleidigen. Aufmerksamkeit ist das große Ziel der Trolle. Dank der Aufregung innerhalb der Scientology-Community konnten sich die AktivistInnen nicht über das Fehlen von Aufmerksamkeit beschweren. "Operation Slickpubes" Bald schon folgten den virtuellen Attacken die ersten Aktionen in der Realität. Demonstrationen vor Scientology-Kirchen in den USA und Europa - die AktivistInnen dabei mit Guy Fawkes-Masken bekleidet - bildeten medienwirksame Höhepunkte abseits der Internet-Aktionen. "Operation Slickpubes: Anonymous vs. Scientology" zeigte auch wie sehr Einzelaktionen oder besser gesagt deren Publikmachung im Internet weiter für Ärger bei Scientology sorgten. Der Kampf gegen die TerroristInnen Scientology startete sehr bald mit eigenen Aktionen gegen Anonymous. Von Anfang an versuchte man die Öffentlichkeit dazu zu überzeugen, dass es sich um mehr oder weniger verrückte Menschen handelte. Als diese Argumentationskette nicht zur vollen Zufriedenheit von Scientology griff, wurden "Anonymous"-AktivistInnen zu TerroristInnen erklärt. "Das ist eine terroristische Organisation", wird Scientology-Sprecher Tommy Davis von Wired zitiert. "Ihre Absicht ist es Angst und Hass zu schüren. Dafür gibt es keine andere Erklärung." Der Ordner mit "Anonymous"-Attacken gegen Scientology Kirchen aber auch MitarbeiterInnen wuchs stetig an, so Davis, der aber nun der Meindung ist, dass "Anonymous bald nicht mehr existieren wird." Man habe vor Gericht erste Erfolge feiern können und werde weiter hart gegen die Aktionen vorgehen. Ein Erfolg Die Faszination, die Anonymous auf viele Menschen auszuüben scheint, liegt nicht in der Tatsache welche Seite hier Recht oder Unrecht hat, sondern in einer neuen Art von sozialem Engagement. Selbst wenn das Ziel von "Project Chanology" - nämlich Scientology in die Schranken zu weisen - scheitern sollte, so haben die Aktionen doch zu einem wesentlichen Wandel im politischen Aktivismus geführt. Zahlreiche andere Projekte - etwa Operation Didgeridie oder Project Controll, die gegen die australischen beziehungsweise chinesischen Zensurversuche im Internet vorgehen - nutzen jene Kanäle, die Anonymous erstmals verwendet hat. Im Juni wurde das "Why we Protest"-Netzwerk von Anonymous zu einem wesentlichen Forum zur Unterstützung der iranischen Opposition. Das perfekte Duo Ob sich die Erfolge von Anonymous vs. Scientology auch bei einem anderen Widerpart wiederholen lassen, bleibt allerdings fraglich. Immerhin haben sich hier zwei absolute Extreme gefunden, die mit der anderen Seite so gut wie keine Gemeinsamkeit haben: Auf der einen Seite organisiertes Chaos abseits jeder Regeln und mit einem enormen Spaßfaktor und einer Portion Verrücktheit, auf der anderen eine starre Organisation mit hierarchischen Regeln. Das "Project Chanology" wird in die Geschichte eingehen, wenn nicht als erste Ausgeburt einer neuen Form des Online-Protestes, so sicherlich als der letzte epische Kraftakt der Internet-Trolle.

a-z.ch, 22.09.2009, Andrea Weibel
Scientology jetzt in Hermetschwil
Im Mai wurde das «Reiner Körper Klares Denken»-Center in Hermetschwil-Staffeln eröffnet. Das Konzept dahinter stammt vom Gründer der Scientology.
Ein Flugblatt sorgte in der vergangenen Woche für Aufsehen in Hermetschwil-Staffeln. Mit einem Zitat von L. Ron Hubbard, dem Begründer von Scientology, warb das im Juni im Industriegebiet von Hermetschwil eröffnete «Reiner Körper Klares Denken»-Center für einen Vortrag. Thema: die ebenfalls von Hubbard entwickelte Dianetik. Inhaberin Yvonne Steimer hat die Lizenz von der Scientology Kirche International, bestimmte Dienste zu liefern, worunter auch ein Reinigungsprogramm gehört. «All diese Dienste zielen darauf ab, geistige Barrieren wie Stress und Angstzustände zu bewältigen und ein höheres geistiges Bewusstsein zu erlangen. Doch wir binden die Leute nicht an uns. Sie kommen einmal den Film anschauen und brauchen uns dann im Prinzip nicht mehr.»
Nicht für kranke Leute 
Der AZ zeigte Steimer ihre Räumlichkeiten, die sich über zwei Stockwerke des modernen, leuchtend hellblauen Gebäudes erstrecken. Im unteren Stock befindet sich das Entgiftungszenter mit Sauna, darüber sind Sitzungs- und Vorführräume sowie Büros untergebracht. Doch das Center ist nicht für erkrankte Leute gedacht. «Unsere Zielgruppe sind gesunde, interessierte Menschen, die mehr über sich erfahren wollen», beschreibt die 38-jährige Mutter zweier Kinder. Bei der Entgiftung würden nicht Drogensüchtige geheilt, sondern Menschen von ihren im Alltag durch Elektrosmog oder Medikamente aufgenommenen Giftrückständen im Körper befreit. Zudem zeige die Dianetik, wie man mithilfe von spezifischen Gesprächen - ob mit Fachpersonen des Centers oder Freunden - seine Probleme oder Ängste auf frühere schlimme Erlebnisse zurückführen und diese ausmerzen könne. Scientology sei auch keine Sekte, so Yvonne Steimer. «Es ist eine angewandte religiöse Philosophie», sagt sie, «denn eine Sekte ist eine Absplitterung einer Mutterkirche, und das ist Scientology nicht. Ausserdem wird keine Einzelperson dadurch bereichtert.» Zudem müsse man nicht Mitglied werden, um bei ihr Entgiftungskuren zu machen oder Vorträge zu besuchen, macht sie klar. 
«Kein Problem für Gemeinde» 
Ihre Türen stehen Interessierten offen, zu fürchten brauche sich also niemand, findet Steimer. Die Angst versteht auch Gemeindeammann Roger Heiss nicht. «Das ist einfach nur ein Entgiftungscenter, dessen Besitzer der Scientology nahestehen», betont er. «In der Schweiz haben wir kein Sektenverbot.» Ausserdem würden die Betreiber nicht missionieren, sondern lediglich behandeln. «Für mich und die Leute, mit denen ich bisher gesprochen habe, ist das alles gar kein Problem.» Zudem brauche jegliche Nutzungsänderung eine entsprechende Bewilligung des Gemeinderats. «Falls die Betreiber also plötzlich ein Dianetik-Zentrum daraus machen würden, müssten sie das eintragen lassen. Andernfalls würde die Gemeinde einschreiten und eine Untersuchung einleiten», stellt Heiss klar. Ob die Vorführräume und Behandlungszimmer im oberen Stock nun aber der Bewilligung entsprechen oder nicht, dazu könne er sich nicht äussern. Am Montag sind die Räume baulich abgenommen worden. «Von diesem Standpunkt her ist alles in Ordnung», so Heiss.

20min.ch, 11.09.2009, Nico Menzato
Scientology auf Jagd völlig hemmungslos
Scientology will mit einem Trick die Krise nutzen: Die Sekte lockt Arbeitslose mit einem interessanten Job – Lohn gibt es aber fast keinen, dafür die Mitgliedschaft. «Wir haben eine interessante Arbeitsstelle für Sie!» Tausende solcher Flyer landeten in den letzten Tagen in Briefkästen der Region Zürich. Ein fingierter Anruf ergab, dass bei Scientology Stellen im Büro, der Finanzabteilung und gar im Management frei seien. Eine entsprechende Ausbildung sei nicht nötig, diese erhalte man intern. Auf offizielle Anfrage verneinte Sektensprecherin Annette Klug nicht, dass man mit dem Flyer, den man schon seit Jahren verwende, neue Mitglieder gewinnen wolle. Wie viele Jobs zu vergeben sind, wurde nicht beantwortet – wobei Job hierbei das falsche Wort ist. Für eine 40-Stunden-Woche gibt es als «Lohn» lediglich ein Taschengeld. Mitarbeiter werden aber automatisch auch Mitglied der Sekte. Georg Schmid kritisiert diesen «irreführenden Flyer mitten in der Krise». Überrascht ist der Sektenexperte jedoch nicht: «Scientology ist bekannt für ihre hemmungslose Jagd nach Mitgliedern.» Die Masche sei immer dieselbe: «Geködert wird mit einem Versprechen – und man hofft, dass Verzweifelte dann der Sekte beitreten», so Schmid. Klug bezeichnet diese Anschuldigungen als «völlig absurd». Interessenten werde genau gesagt, «wer wir sind, wie wir arbeiten und was zu erwarten ist».

winfuture.de, 08.09.2009
Scientology fordert in Australien den Schutz des Staates vor Kritikern im Internet 
Wieder eine Versuchsballon von SO: 
Scientology fordert den Schutz des Staates vor Kritikern im Internet In einem offenen Brief an die Menschenrechtskommission von Australien fordert die Scientology-Sekte nun eine Zensur von kritischen Äußerungen im Internet und in anderen Medien. Speziell gegen das Scientology-kritische Netzwerk "Anonymus" soll der australische Staat vorgehen. Die Sekte sieht ihre Kritiker als "Hass-Gruppierung" und "Cyberterroristen", wie aus dem Schreiben hervorgeht. Anonymus verbreite gezielt und massiv falsche Tatsachen, welche nichts mit demokratischen Prozessen zu tun hätten. Scientology sieht sich selbst als religiöse Minderheit an, die vom Staat geschützt werden müsse. Die tatsächlichen Glaubensinhalte und die humanitären Programme der Scientology-"Kirche" seien den meisten Menschen nicht bekannt.

oe24, 28.08.2009
"Commanding Officer" - Österreicher ist EU-Chef von Scientology
Wien/Kopenhagen, 28. August 2009 Der Österreicher Walter Kotric soll leitender Direktor der Organisation sein. In der Top-Führungsriege der umstrittenen Organisation "Scientology" in Europa befindet sich auch ein Österreicher. Laut Recherchen der dänischen Boulevard-Zeitung "Ekstra Bladet" trägt der mit einer Amerikanerin verheiratete Österreicher Walter Kotric den Titel eines "Commanding Officers" des in Kopenhagen angesiedelten Scientology-Verbindungsbüros für Europa (Abkürzung: CO CLO EU). Dies sei gleichbedeutend mit der Funktion eines leitenden Direktors, so "Ekstra Bladet". In Spanien anerkannt "Scientology" bezeichnet sich selbst als Glaubensgemeinschaft, wird aber von den meisten europäischen Staaten nicht als solche anerkannt. Eine der Ausnahmen ist Spanien, wo Scientology seit zwei Jahren als Kirche anerkannt ist. In Deutschland wird die Organisation überwacht, in Frankreich bemüht sich die Justiz um ein Verbot des Vereins. Auftritt im Ledermantel Laut "Extra Bladet", das sich auf mehrere, großteils anonyme Informationen aus Kreisen ehemaliger Scientologen beruft, hat Kotric eine militärische Vergangenheit. Er soll häufig einen Ledermantel über der schwarzen Scientology-Uniform tragen und erinnere an einen Nazi-General, zitiert "Ekstra Bladet" den Scientology-Abspringer Robert Dam. "Ekstra Bladet" behauptet, mehrfach vergeblich versucht zu haben, den Österreicher direkt für eine Stellungnahme zu erreichen. Im Internet finden sich in einschlägigen Foren Spuren der Recherche zu Kotric. Über die Person Kotrics ist im Netz nicht viel zu erfahren, außer dass dessen Name und Funktion in mehreren Berichten von ehemaligen Scientologen auftauchen.

FAZ, 27.08.2009, Katja Gelinsky
Scientology Schläge im spirituellen Hauptquartier
Scientology-Führer Miscavige soll Mitarbeiter geschlagen haben 27. August 2009 John Travolta gehört weiter dazu. Als „völlig falsch“ wies ein Sprecher des Hollywood-Schauspielers Berichte zurück, Travolta habe nach dem tragischen Tod seines Sohns Jett Anfang des Jahres die Verbindung zu „Scientology“ beendet. „Es gibt keine Veränderung in der Beziehung zwischen der ,Church of Scientology' und John“, teilte Paul Block, der Sprecher des Schauspielers, mit. „Er (Travolta) ist Mitglied, und so wird es nun und für immer bleiben.“ Amy Scobee war jahrelang die Frau im Top-Management von Scientology, die sicherstellte, dass prominente Mitglieder wie John Travolta oder auch Hollywood-Schauspieler Tom Cruise in „Celebrity Centers“ der Organisation betreut, beraten und bei der Stange gehalten werden. Zwei Mal hat sie Travolta angeblich zurückgeholt, als der Filmstar die Sekte verlassen wollte. „Nie“ hätte Scobee damals gedacht, dass sie selbst auf die Idee kommen könnte, auszusteigen. Wie viele führende Scientologen ihrer Generation war die 45 Jahre alte Amerikanerin schon als Teenager Mitglied geworden. „Ich wusste nichts von der Welt draußen, weil ich schon so lange dabei war.“ Doch 2005, nach 27 Jahren Scientology, entschloss sich Scobee zum „blow“, wie der Ausstieg Abtrünniger im Vokabular der Sekte heißt. „Auf unserer Agenda steht die Förderung von Menschenrechten, aber wir haben selbst die übelste Bilanz, die man sich denken kann“, sagte die ehemals Verantwortliche für die Haute Volée von Scientology unlängst in einem Interview mit der in Florida erscheinenden Zeitung „St. Petersburg Times“ Körperliche Gewalt, Sklavenarbeit, Straflager Scobee ist eines von vier ehemaligen Scientology-Mitgliedern aus dem engsten Führungszirkel, die nach Jahren des Schweigens als Abtrünnige jetzt massive Vorwürfe gegen die Sekte und vor allem gegen David Miscavige erheben, das langjährige Oberhaupt von Scientology. Die Aussteiger berichten von körperlichen Misshandlungen, Psychoterror, Sklavenarbeit, Straflager, Gewalt- und Willkürherrschaft. Miscavige habe eigenhändig seine engsten Mitarbeiter geschlagen, gewürgt und getreten. Solche Vorwürfe sind nicht neu. „Aber nun melden sich Schlüsselfiguren zu Wort“, sagt die bekannte Scientology-Kritikerin Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Innenbehörde. „Dies sind extrem wichtige Leute“, bestätigt der Soziologieprofessor Stephen Kent von der kanadischen University of Alberta, einer der wenigen Wissenschaftler in Nordamerika, die sich kritisch mit Scientology auseinandersetzen. Neben Amy Scobee haben die ehemaligen Scientology-Führungskader Tom De Vocht, Mark Rathbun und Mike Rinder gegenüber der „St. Petersburg Times“ ausgepackt. Etliche weitere amerikanische Scientologen sagten sich daraufhin ebenfalls von der Sekte los. De Vocht, ein gebürtiger Belgier, der Scientology 28 Jahre angehörte, war jahrelang einer der Spitzenmanager in Clearwater, Florida. Dort befindet sich das „spirituelle Hauptquartier für Scientologen aus der ganzen Welt“, wie die Sekte selbst über das Zentrum schreibt. De Vocht schätzt, er habe von 2003 bis zu seinem „blow“ 2005 bis zu einhundert Mal beobachtet, wie Miscavige Mitarbeiter schlug. Auch er selbst wurde Opfer der Wutausbrüche des 49 Jahre alten Scientology-Oberhaupts. Selbst Mark Rathbun und Mike Rider blieben nicht verschont. „Dabei waren sie die rechte und die linke Hand von Miscavige“, sagt Ursula Caberta. Rider war jahrelang Sprecher von Scientology und Chef des berüchtigten Geheimdienstes der Sekte. Jetzt verkauft der 54 Jahre alte Aussteiger Autos. Rathbun besetzte als Chef für juristische und finanzielle Angelegenheiten jahrelang eine Schlüsselposition im höchsten Führungsgremium, dem „Religious Technology Center“ mit Sitz in Los Angeles. 2004 verließ er Scientology, nachdem er bei Miscavige in Ungnade gefallen war. Manche vermuteten, Rathbun sei gestorben. Im Februar 2009 meldete sich der 52 Jahre alte Aussteiger im Internet als Berater für Scientology-Abtrünnige zurück. Nach den Schilderungen von Rathbun und Rider war das Management der Scientology-Organisation, die damit wirbt, „eine Zivilisation ohne Irrsinn, ohne Kriminelle und ohne Krieg“ zu schaffen, ein Mikrokosmos, der das Gegenteil dieser Ziele verkörperte. Miscavige habe nicht nur geprügelt. Die Mitarbeiter seien auch durch bizarre Spiele, öffentliche Beichten, Sicherheitsüberprüfungen und durch zwangsweise Isolierung bei angeblichen Missetaten drangsaliert worden. Aber Rathbun und Rider geben zu, dass sie nicht nur Opfer waren. Auch sie selbst hätten Mitarbeiter misshandelt. Mitglieder gehen „in immer kürzeren Abständen“ In der Eliteeinheit „Sea Organization“ (Sea Org) habe es ein gegenseitiges Hauen und Stechen gegeben. „Niemand wird respektiert, weil er (Miscavige) ständig Leute schlechtmacht und schlägt“, so Rathbun. Rider sieht die Organisation damit auf dem Weg der Selbstvernichtung. „Diese Fäulnis aus dem Inneren heraus ist . . . zerstörerischer für die Scientology-Bewegung als alle äußeren Einflüsse.“ Ähnlich äußert sich der Aussteiger Mark Headley aus Burbank, Kalifornien. „Mehr und mehr Mitglieder verlassen die Organisation in immer kürzeren Abständen“, sagte das ehemalige Sea-Org-Mitglied, im Gespräch mit dieser Zeitung. Wie viele Mitglieder Scientology noch hat, weiß man nicht genau. Aber Headley ist sich sicher, dass ihre Zahl mittlerweile geringer ist als die Zahl der Aussteiger. Abtrünnige wie Headley, Rathbun und Scobee werden von Scientology als verbitterte Lügner und Versager gebrandmarkt. In der Organisation stehe alles zum Besten. Scientology verzeichne „enormes Wachstum“, behauptet der Sprecher der Sekte, Tommy Davis, der Sohn der Schauspielerin und Scientologin Anne Archer. Seit 2004 habe man neun neue Zentren eröffnet, fünf weitere sollten noch in diesem Jahr folgen. „Reine Propaganda“, sagt Ursula Caberta. Die Zahl der Scientologen stagniere international oder sei rückläufig. „Wir beobachten schon seit längerem Zerfallserscheinungen.“ Auch Stephen Kent hat den Eindruck, dass die Sekte „in großen Schwierigkeiten steckt“. Der Soziologieprofessor und die Leiterin der Hamburger Arbeitsgruppe Scientology führen diese Entwicklung auch auf die Vernetzung von Aussteigern im Internet zurück. „Vor allem in den Vereinigten Staaten, wo keine staatliche Aufklärungsarbeit betrieben wird, spielen die schockierenden Berichte der Abtrünnigen eine wichtige Rolle“, sagt Caberta. Auch die Protestbewegung „Anonymous“ mache der Sekte schwer zu schaffen. Die Aktivisten, die ihren Widerstand gegen Scientology im Internet begonnen haben, organisieren international Proteste vor Scientology-Zentren. Außerdem ist Miscavige mit potentiell kostspieligen Schadensersatzklagen einstiger Verbündeter konfrontiert - eine ironische Wende, denn jahrelang hat die Sekte ihre Gegner mit Gerichtsprozessen bekämpft. Von Detektiven verfolgt, bei Freunden schlechtgemacht Nun ist sie selbst die Beklagte, zum Beispiel in einem Verfahren wegen Verletzung von Arbeitsgesetzen, das Mark Headley gegen Miscavige und seine Getreuen angestrengt hat. Scientology „versklave“ seine Angestellten durch „Einschüchterung, erzwungene Unterschriften unter Verzichtserklärungen und durch erzwungene Armut“, heißt es in der Klageschrift. Headley, der mit seiner Mutter als Sechsjähriger zu Scientology kam, bezieht sich auf seine Erlebnisse im kalifornischen Scientology-Komplex „International Management Headquarters“ bei Hot Springs. Dort arbeitete er von 1989 bis zu seinem Ausstieg 2005, unter anderem als Leiter für Medienproduktion. Der Prozess ist als „Testfall“ für mögliche weitere Klagen von Aussteigern gedacht. Für sein Aufbegehren zahlt Headley allerdings einen hohen Preis. Er werde bespitzelt und denunziert. „Ich werde von Detektiven verfolgt, bei meinen Freunden schlechtgemacht, und einige meiner Kunden bekamen Anrufe von Scientology-Vertretern, die behaupteten, ich sei Anführer oder Mitglied einer internationalen Hassgruppe“, schildert er. Damit nicht noch mehr Führungsleute davonlaufen, hat der Scientology-Chef auch den Druck nach innen verstärkt. „Miscavige und sein verbliebenes Personal sind hoch nervös“, sagt die Scientology-Beauftragte Caberta. Die amerikanische Regierung schützt Scientology - noch Bislang vergeblich warten Kritiker der Sekte auf Anzeichen dafür, dass Polizei und Justiz in den Vereinigten Staaten den jüngsten Enthüllungen über Gewalt und Zwang an der Spitze von „Scientology“ nachgehen. Auch die Politik müsse reagieren, findet Ursula Caberta. „Hochinteressant“ aus deutscher Sicht seien vor allem die Berichte des Aussteigers Rathbun zur Steuerbefreiung von Scientology. Rathbun bestätigte gegenüber der „St. Petersburg Times“, dass die Sekte die Anerkennung als „Non-Profit-Organisation“ 1993 durch Zermürbung der amerikanischen Steuerbehörde mit Tausenden von Klagen erkämpfte. „Erpressung war nicht mehr nötig“, so der Architekt der Steuerbefreiungsaktion. Seit Rathbuns Coup genießt Scientology den Schutz der amerikanischen Regierung - auch gegenüber deutschen Behörden. So wird Deutschland im Menschenrechtsbericht des amerikanischen Außenministeriums regelmäßig dafür kritisiert, dass Scientology nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt wird. „Ich erwarte schon“, so Caberta, „dass die amerikanische Regierung nun darüber nachdenkt, für wen sie sich da eigentlich einsetzt.“

Tagesanzeiger 27.08.2009
Scientology-Bosse prügelten sich blutig 
In den Chefetagen von Scientology wird mit harten Bandagen gekämpft. Oft sogar mit roher Gewalt, wie einstige Führungskräfte berichten.
Die Anzeichen mehren sich, dass Scientology im Mutterland USA in der Krise steckt. Sehr tief sogar, wenn man die Schilderungen ehemaliger Weggefährten des 49-jährigen Sektenbosses David Miscavige zum Nennwert nimmt. Allein schon die Tatsache, dass in letzter Zeit mehrere hohe Kaderfunktionäre die Flucht ergriffen haben, lässt das Fundament von Scientology erschüttern. Zumal sie es wagen, aus der Schule zu plaudern. Denn ihre Enthüllungen über Macht, Intrigen, Demütigungen und Misshandlungen sind brisant. Kronzeuge ist der ehemalige Mediensprecher und Chef des scientologischen Geheimdienstes, Mike Rinder. Mehrere Dutzend Male sei er von Miscavige geschlagen oder mit den Füssen getreten worden, sagte er der Zeitung «St. Petersburg Times» aus Florida, wo die Sekte das Hauptquartier unterhält. Wie die anderen Kaderleute hat er die Wutausbrüche von Miscavige widerstandslos über sich ergehen lassen, sonst hätte er noch härtere Bestrafungen erdulden müssen. Das Szenario reicht bei der Sekte vom Putzdienst bis zur Einweisung ins eigene Straflager RPF. Auch für Bosse. 
Sektenboss als Boxsack
Rinder sagt weiter aus, Miscavige habe ihn manchmal blutig geschlagen, er sei sich als Boxsack vorgekommen. Er wolle mit seinem Outing verhindern, dass andere Scientologen weiterhin gedemütigt und misshandelt würden. Rinders Mut hat auch andere Sektenmitglieder bewogen, auszupacken. Amy Scobee, langjährige Chefin des Celebrity Centers, das Hollywoodstars wie Tom Cruise und John Travolta betreut, bestätigt die Prügelpraxis. Miscavige, der als gefühlskalt und herrschsüchtig beschrieben wird, habe in ihrer Gegenwart Rinder so heftig gewürgt, dass dieser im Gesicht rot angelaufen sei. Schützenhilfe haben die hochrangigen Aussteiger auch von Mark Rathbun, dem ehemaligen Finanzchef, bekommen. Er bestätigt die Prügelorgien und gesteht, selbst Schmutz an den Händen zu haben, weil er im Auftrag von Miscavige andere misshandelt habe. Ironie der Geschichte: Rathbun war für die Ethikrichtlinien der Sekte zuständig. Rinder und Rathbun waren schon in den 1980er-Jahren dabei, als sich der damals erst 21-jährige Miscavige an die Spitze von Scientology geputscht hatte. Gemeinsam trimmten sie die Pseudokirche zu einer militärisch hierarchisierten Psychosekte. 
Lohnnachzahlungen gefordert
Ein ehemaliger Kadermann wagt gar eine Klage. Marc Headley hat 15 Jahre lang unter unmenschlichen Bedingungen und für ein Taschengeld gearbeitet, wie er betont. In einem Zivilprozess in Los Angeles verlangt er nachträglich Lohnzahlungen. Andere ehemalige Mitarbeiter der Sekte wollen nachziehen. Tatsächlich erhalten vollamtliche Mitarbeiter oft lediglich einen Wochenlohn von 50 bis 100 Dollar. Scientology wischt die Vorwürfe seiner ehemaligen Führungskräfte pauschal vom Tisch. Alle Geschichten seien erlogen, Miscavige habe nie jemanden geschlagen. Vielmehr habe er die Abtrünnigen vor ihrem Ausstieg zurückgebunden, weil diese andere mit Prügelstrafen traktiert und den Aufstand geprobt hätten

Berliner Zeitung vom 13.08.2009, Frank Nordhausen
Final Countdown Gewalt, Verhöre, Intrigen - Enthüllungen ehemaliger Führungskader in den USA erschüttern die Scientology-Organisation
BERLIN. Es rumort in der Church of Scientology. Die Milliarden-Dollar-Sekte aus Kalifornien durchlebt zurzeit die größte Krise ihrer Geschichte. Führende Manager haben Scientology in letzter Zeit verlassen und erheben jetzt in amerikanischen Medien schwere Vorwürfe gegen den 49-jährigen "Vorstandsvorsitzenden" David Miscavige. Sie sind Schlüsselfiguren aus dem innersten Führungszirkel, enge Wegbegleiter des Mannes, der die Sekte seit 27 Jahren führt. "Miscavige schlug unsere Köpfe zusammen, bis ich blutete", berichtete der einstige Chef des scientologischen Geheimdienstes, Mike Rinder, in der Tageszeitung St. Petersburg Times aus Florida, wo Scientology ihr "spirituelles Hauptquartier" unterhält. Der ehemalige Finanzchef Mark Rathbun und Tom De Vocht, der frühere Leiter des "spirituellen Zentrums", erzählten von regelrechten Prügelorgien. "Die Menschen dort wurden verrückt und gerieten außer Kontrolle", sagte De Vocht. " Ich schlug jemand. Jeder wurde geschlagen. Und es wurde geschrien und geschimpft." Alle drei "Kirchenführer" gaben zu, dass sie selbst im Gegenzug auch andere geschlagen hätten. Der knapp 1,70 Meter kleine Miscavige, der als kalt und herrschsüchtig beschrieben wird, habe eine interne Gewaltkultur etabliert, die den gesamten Apparat durchziehe. Auch Amy Scobee, die langjährige Leiterin des "Celebrity Centers" für Prominente in Los Angeles, wo Tom Cruise, John Travolta, Anne Archer und andere Hollywoodgrößen "betreut" werden, ist ausgestiegen. Sie bestätigte die Demütigungsrituale. Einmal habe Miscavige vor ihren Augen Mike Rinder gewürgt, bis sich dessen Gesicht hochrot färbte. Derzeit vergeht kaum eine Woche, ohne dass frühere Führungskräfte der Sekte in den USA mit neuen haarsträubenden Details an die Öffentlichkeit gehen - meist in der St. Petersburg Times, die in der Metropole Tampa-St. Petersburg erscheint, wo Tausende von Scientologen im Umfeld des "spirituellen Zentrums" wohnen. Noch nie aber haben derart hochrangige Führungskader gemeinsam solch schwere und gleichlautende Vorwürfe gegen die Organisation erhoben, die damit wirbt, eine "Welt ohne Krieg, Kriminalität und Geisteskrankheiten" zu schaffen. "Die rechte und die linke Hand des Bosses", nennt Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, die beiden Top-Leute Rinder und Rathbun. Caberta sagt: "Eine ganze Generation von Ex-Scientologen wendet sich gerade massiv gegen die Führung. Ich glaube nicht, dass die Organisation das überlebt." Scientology reagierte scharf auf die Vorhaltungen: Es handele sich um "absolute und totale Lügen". Nichts davon sei wahr. Miscavige habe niemals einen Angestellten der "Kirche" geschlagen. Er habe im Gegenteil die Überläufer degradiert, als diese gewalttätig wurden. Rathbun habe seinerzeit innerhalb der "Kirche" eine "Herrschaft des Terrors" errichtet. Die Dissidenten hätten mit ihren Falschaussagen einen Coup vorbereitet, "um selbst die Kontrolle in der Organisation zu übernehmen". Doch ein solcher Putsch ist kaum denkbar, weil Miscavige alle echten Konkurrenten im Lauf der Zeit weggebissen hat. Mit ihrer Reaktion gesteht Scientology aber ein, dass Eruptionen ihr Reich erschüttern, dem nach eigenen Angaben acht Millionen, nach seriösen Schätzungen maximal 200 000 Menschen weltweit angehören. Die Vorwürfe der Gewalttätigkeit selbst sind im Kern nicht neu. Seit Jahren schon kursieren entsprechende Berichte einstiger Scientologen. Der Sekte gelang es jedoch stets, diese als Erfindungen von Abweichlern abzukanzeln. Sie schaffte es meist, die Aussteiger mit Schweigegeldern oder endlosen Gerichtsverfahren mundtot zu machen. Jetzt aber drehen ehemalige TopScientologen auch vor Gericht den Spieß um. Am Dienstag begannen in Los Angeles erste Anhörungen in einem Zivilprozess gegen die Chefs der Sea Org, der Elitetruppe von Scientology. Marc Headley, der bis 2005 fünfzehn Jahre lang neben Miscavige die scientologische Medienproduktion leitete, und andere Kader der mittleren Ebene klagen wegen "unmenschlicher Arbeitsbedingungen" auf Entschädigung. Headley verlangt auch eine Nachzahlung des Arbeitslohns, weil er all die Jahre "für ein Taschengeld" gearbeitet habe. Auch diese Klagen zielen direkt auf den Sektenführer. "Denn in der Scientology-Welt geschieht nichts ohne Befehl von David Miscavige", sagte Marc Headley der Berliner Zeitung. Als Journalisten der St. Petersburg Times 1998 das erste und bis heute einzige Zeitungsinterview mit dem "Vorstandsvorsitzenden" führten, erwähnten sie bereits Vorwürfe gegen ihn, er sei gewalttätig. Miscavige wies die Anschuldigungen zurück und höhnte: "Bringt doch endlich was vor oder haltet den Mund. Lasst mal die Beweise sehen." Die Beweise liegen jetzt auf dem Tisch. Die Ex-Scientologen Mike Rinder, und Mark Rathbun, 52 und 53 Jahre alt, die Scientology vor vier und zwei Jahren verlassen haben, nehmen kein Blatt vor den Mund. Der frühere Geheimdienstchef Rinder, der zudem als Sprecher von Scientology fast zwanzig Jahre lang das öffentliche "Gesicht" der Sekte war und heute Autos in Denver verkauft, erklärte, er sei von Miscavige bis zu fünfzig Mal mit Faustschlägen und Fußtritten malträtiert worden. "Ich war ein Boxsack", sagte er. Er habe die Schläge hingenommen, wie alle sie hinnahmen, um ihre Loyalität unter Beweis zu stellen. "Ich möchte nicht mehr, dass Menschen weiterhin verletzt, ausgetrickst und belogen werden", sagte Rinder über seine Motivation, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Ich glaube, dass dieser Missbrauch aufhören muss." Rinder und Rathbun hatten früher oft "offizielle" Interviews gegeben. 1998 hatte Mark Rathbun seinen Chef dagegen verteidigt, raue Umgangsformen zu pflegen: "Das ist nicht seine Art." Jetzt bestätigte er, dass es bei Scientology wie bei der Mafia zuging. Er sei nicht nur vom Boss geprügelt worden, sondern habe in seinen 27 Jahren bei Scientology im Auftrag von Miscavige andere Mitglieder körperlich misshandelt. "Ich habe Schmutz an den Händen", sagte der einstige "Generalinspekteur für Ethik". Auch die anderen Aussteiger bezeugten, dass David Miscavige hochrangige Kader wiederholt ohrfeigte, ihre Köpfe gegen Wände schlug, sie würgte oder verprügelte. Sie seien peinlichen "Sicherheitschecks" am Lügendetektor unterzogen worden. Miscavige habe "Gruppenbeichten" befohlen und Führungskräfte zur "Rehabilitation" im Winter in einen See springen lassen, während er sie als "Verräter" beschimpfte. Neu ist, dass die schärfste Kritik von Mitarbeitern kommt, die wie Miscavige zur ersten Generation jener gehören, die schon als Kinder Scientologen wurden und nichts anderes kennenlernten als die isolierte Welt der strikt hierarchischen Sekte. Sie wurden von ihren Eltern mit fünf bis dreizehn Jahren zu Scientology gebracht. Alle vier Führungskader dienten mehr als 25 Jahre der Organisation. In der vergangenen Woche meldeten sich elf weitere Scientology-Opfer in der St. Petersburg Times zu Wort, um die vier Wortführer zu unterstützen und eigene, oft erschütternde Geschichten zu erzählen. Sie zeichnen ein ähnliches Bild - das einer Organisation, die ihre Mitglieder unter extremer Kontrolle hält und sie regelmäßig demütigt. Im Internet berichten nun weitere Ehemalige über konkrete Details - etwa blutende Köpfe. Die führenden Kritiker sind Scientology-intern so bekannt, dass ihre Aussagen große Unruhe in den weltweiten Filialen auslösen. Auch sie sind gewiss keine Heiligen, sondern Opfer und Täter zugleich. Als sich der gerade 21-jährige Miscavige 1982 an die Spitze der Sekte putschte, halfen ihm Rinder und Rathbun. Gemeinsam machten sie aus dem Sektiererverein einen militärisch durchorganisierten Psychokonzern. Als es Miscavige dann gelang, Schauspieler wie John Travolta und Tom Cruise als Werbeträger zu gewinnen, wuchs Scientology von Mitte der Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre stark an. Über diese Hintergründe weiß keiner so gut Bescheid wie die Aussteigerin Amy Scobee. Noch hat sie gar nicht angefangen, darüber zu reden. Scobee und die anderen früheren Scientology-Manager kennen so gut wie jedes Geheimnis der Organisation. Etwa, wie es 1993 in den USA zu der überraschenden Steuerbefreiung der Sekte als "gemeinnützig" kam. Diese machte aus einer Gruppe, die damals in Amerika als verrückt und gefährlich galt, eine respektable "Kirche". Die einstigen Steuerrebellen hatten nun Steuerprivilegien und genießen seither die Protektion der US-Regierung. Als Scientology in Deutschland unter Kritik geriet und die Innenminister 1997 beschlossen, sie als "neue Form des politischen Extremismus" vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen, schaltete sich das Weiße Haus ein und kritisierte die Bundesrepublik in scharfer Form. Seither bekommt Deutschland im jährlichen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums schlechte Noten wegen angeblicher "Diskriminierung" der "Religionsgemeinschaft". Diesen Coup hatte wesentlich Mark Rathbun zu verantworten. Er galt Scientology-intern als Miscaviges "Mann fürs Grobe". Legendär ist, wie er und Miscavige im Oktober 1991 unangemeldet beim Chef der Steuerbehörde IRS in Washington auftauchten und den Deal vereinbarten. Jetzt hat Rathbun bestätigt, was Journalisten schon herausgefunden hatten. Die Steuerbehörde sei mit 2 300 Klagen gegen einzelne Sachbearbeiter lahmgelegt worden. "Das hat ausgereicht", sagte Rathbun über den Zermürbungskrieg. "Wir brauchten gar keine Erpressung." Mike Rinder war seinerseits für die Diffamierungskampagnen gegen Scientology-Kritiker wie Norbert Blüm, Günter Beckstein und Ursula Caberta verantwortlich. Er bezeichnete Caberta im US-Fernsehen als "neuen Goebbels" und ließ sie im Jahr 2000 bei einem Besuch in Florida von Demonstranten begleiten, die "Nazi criminal, go back to Germany" riefen. Die Öffentlichkeit habe er damals ungeniert belogen, um seine "Kirche" zu schützen, sagte er. Gelogen wurde auch, als Scientology in Verdacht geriet, sie habe eine psychisch kranke Frau 1995 in einer Art Isolierhaft sterben lassen. Rathbun räumte ein, er selbst habe damals angeordnet, Beweismaterial in dem Fall zu vernichten. Die Enthüllungen müssten nun eigentlich die amerikanische Justiz und das FBI auf den Plan rufen. Doch bisher haben weder Justiz noch Regierung darauf reagiert. Seit etwa zwei Jahren erodiert der so monolithisch wirkende Sektenkonzern. Es begann mit Scharmützeln im Internet, als Kritiker dort Scientologys teure "heiligen Schriften" veröffentlichten und mündete in weltweit simultan stattfindende Demonstrationen der Scientology-kritischen "Anonymus"-Gruppe. Marc Headley und andere Aussteiger wissen, dass weitere Führungskräfte kurz vor dem Ausstieg stehen. Die Kritik der Abtrünnigen wird in der Sekte durchaus wahrgenommen. Die Hamburger Beauftragte Ursula Caberta sagt, in den deutschen Filialen seien jetzt Sea-Org-Offiziere aus Amerika aufgetaucht, um für Ruhe zu sorgen. Doch je stärker eine Sekte unter Druck gerät, desto unberechenbarer wird sie auch. Eine extreme Radikalisierung ist ebenso denkbar wie eine Auflösung der Organisation und ihr Neubeginn in kleinen Zirkeln. Ursula Caberta spricht vom "final countdown", der angebrochen sei. Nur weiß keiner, wo der Countdown begonnen hat und wie lange er läuft. Aber Caberta ist sich sicher: "Das Ende von Scientology war noch nie so nah wie jetzt."

ostsee-zeitung.de, 15.08.2009, Tommy Kruse
Kühlungsborn genehmigt Scientology-Werbung 
Scientology darf am Sonnabend einen Infostand in Kühlungsborn betreiben. Die Stadt hätte ihn nicht genehmigen müssen, sagen Kritiker. *Kühlungsborn* Das Ostseebad ist im Sommer beliebter Anziehungspunkt nicht nur für Erholungssuchende. Auch Parteien, Vereine, Gewerbetreibende und Geschäftemacher aller Coleur geben sich in den Sommermonaten gern an exklusivem Standort in Kühlungsborn die sprichwörtliche Klinke in die Hand — in der Hoffnung, dass sie mit ihrem Anliegen bei gut gelaunten Urlaubern Gehör finden. Werbeaktionen starten in diesen Wochen einige Krankenkassen, der Bundestag schickt sein Info-Mobil, Parteien stellen sich vor und am kommenden Sonnabend von 9.30 bis 18 Uhr darf sogar die umstrittene „Church of Scientology“ im Kühlungsborner Balticpark werben. Genehmigt wurde die ganztägige Präsenz des Hamburger Ablegers im Kühlungsborner Rathaus. „Die sind ja schließlich nicht verboten“, lautet die lapidare Begründung der zuständigen Ordnungsamtsleiterin, Angela Wehner. Und auf den Hinweis, dass Scientology von der Innenministerkonferenz als verfassungsfeindlich eingestuft wurde und in mehreren Bundesländern durch den Verfassungsschutz beobachtet wird, reagiert die Amtsleiterin: „Genau wie die Linke, die wird auch in einigen Bundesländern beobachtet.“ Eine Möglichkeit, dem Antragsteller die Werbeaktion zu verwehren, sehe sie nicht, so Wehner. Bürgermeister Rainer Karl teilt die Rechtsauffassung seiner Amtsleiterin. „Scientology ist eine Religionsgemeinschaft, die in Deutschland nicht verboten ist. Also gibt es für uns auch keine rechtliche Handhabe, den Informationsstand nicht zu genehmigen“, argumentiert Karl und fügt hinzu: „Die verteilen da nur ihre Bücher! Das haben sie letztes Jahr auch schon gemacht und niemand hat sich darüber beschwert“, erinnert sich Karl. „Das ist ja völliger Blödsinn und die typische Antwort eines Kommunalpolitikers, dem nicht bewusst zu sein scheint, wie gefährlich diese Organisation ist und der nicht begriffen hat, dass es seine Pflicht ist, die Menschen in seiner Stadt vor den Machenschaften dieser Leute zu schützen“, sagt Ursula Caberta. Die Leiterin der „Arbeitsgruppe Scientology“ in der Hamburger Innenbehörde hat schon so manchen Kampf mit der „Church“ erfolgreich ausgetragen und klärt zunächst einmal über den Status der Bewegung auf: „Scientology ist in Hamburg offiziell als Gewerbe angemeldet und weder als Kirche noch als Religionsgemeinschaft anerkannt. Es gibt höchstrichterliche Beschlüsse, die es jeder Kommune erlauben, Scientology auch wie ein Gewerbe zu behandeln. In ganz Hamburg dürfen die jedenfalls keine Zettel mehr verteilen oder Leute auf der Straße ansprechen“, betont Ursula Caberta, die als Aufklärerin in Sachen Scientology schon mehrfach im Fernsehen auftrat. „Es ist nur eine Frage der Einstellung. Wer diese Leute nicht haben will, bekommt sie auch von der Straße weg“, ist die Sekten-Expertin überzeugt und verweist auf einen juristisch „wasserdichten“ Musterbescheid, den jede Kommune in ihrer Behörde erhalten kann. Ein ähnliches Dokument hätte die Kühlungsborner Stadtverwaltung — hätte sie nicht so voreilig oder blauäugig gehandelt — wohl auch bei der eigenen Landesregierung bekommen. Denn auch im Bildungsministerium in Schwerin gibt es eine „Sekteninformationsstelle“. Doch einen Kontakt zur Landesbehörde hatte es im Vorfeld der Genehmigung seitens der Stadtverwaltung offensichtlich nicht gegeben. „Ich weiß nichts von einem solchen Termin. Ich fände es aber überaus verwunderlich, wenn die Kommune sich vor der Erteilung einer entsprechenden Genehmigung nicht mit uns oder dem Innenministerium in Verbindung gesetzt hätte“, äußert sich Ministerialrat Ulrich Hojczyk auf OZ-Anfrage. Auch der Beamte sagt, dass die Organisation weder bei den Kirchen noch bei den religiösen Gemeinschaften einzuordnen sei. Ingo Heinemann, Jurist und bekannter Scientology-Kritiker, wirft der Stadtverwaltung Kühlungsborn sogar indirekt Förderung von Straftaten vor. Bei den Aktionen der selbsternannten Kirche handele es sich meistens um Werbung für unerlaubte Heilbehandlungen, also für Straftaten. Durch Genehmigung der Werbung würden diese Straftaten durch die Behörde gefördert. Schlimm sei vor allem der Schaden, den der Ruf des Ostseebades durch die Präsenz der Scientologen erleide, meint Ursula Caberta. Da die Genehmigung bereits erteilt wurde, sei aber der Auftritt der Organisation, die nach ihrer Erkenntnis eine „gefährliche Form des politischen Extremismus“ darstelle, wohl nicht mehr abzuwenden. Das befürchteten vor einer Woche auch die Bürger der Kreisstadt Heide in Schleswig-Holstein. Jedoch erhielten die Dittmarschener überraschend Hilfe von außen: Mitglieder der international agierenden Protestbewegung „Anonymous“ traten lautstark in Aktion und die Scientologen bauten ihren Infostand, für den sie die Genehmigung erst per Gericht erwirken mussten, gar nicht erst auf. Auch der Kühlungsborner Termin ist den anonymen Aktivisten bekannt. Über das Internetforum http://forums.whyweprotest.net organisiert die Gruppe derzeit eine Protestaktion für Sonnabend.

Neue Luzerner Zeitung, 08.08.2009
Stiller Protest gegen Scientology 
«Vorsicht Scientology»: Maskierte protestierten in Luzern gegen die Machenschaften der «Bürgerkommission für Menschenrechte» (CCHR), eine der Scientology-nahen Gruppierung.
Zu fünft stehen sie da, bunt sind sie gekleidet. In der Hand halten Sie Spruchbänder. «Vorsicht Scientology» steht dort, der Hintergrund ist orange, um nicht übersehen zu werden. Die Gruppe Anonymous Schweiz warnt in der Hertensteinstrasse vor den Machenschaften der Scientology-nahen Organisation CCHR, in denen sie eine Rekrutierungsorganisation der Scientology sehen. Sie wollen mit ihrer Aktion erreichen, dass Passanten nicht mit den Scientology-Mitgliedern ins Gespräch zu kommen. Zu ihrer Identität stehen sie allerdings nicht: Sie treten maskiert auf. Weil sie Angst davor haben, von den Scientologen verfolgt zu werden. Von der Aktion unbeirrt geben derweil Mitglieder der «Bürgerkommission für Menschenrechte» (CCHR) an einem Stand Passanten «Hilfeleistungen in schwierigen Lebenssituationen».

Neue Luzerner Zeitung, 07.08.2009
Anonymous: Aktivisten dürfen sich maskieren 
Die Aktivisten, die am Samstag gegen die CCHR, eine Scientology-nahe Organisation, protestieren, dürfen dies maskiert tun. Dies jedoch zum letzten Mal in Luzern.
Dies bestätigte Toni Schüpfer, Leiter Managementsupport Stadtraum und Veranstaltungen, auf Anfrage. «Wir haben diese Bewilligung noch einmal erteilt», sagt Schüpfer. Zwar gibts ein Vermummungsverbot. In begründeten Fällen könne die zuständige Behörde aber Ausnahmen bewilligen. «Die gleiche Bewilligung haben wir der Gruppe ja schon einmal erteilt, daher wäre es nicht nachvollziehbar, diesmal anders zu entscheiden», sagt Schüpfer. Allerdings: Man habe der Gruppe auch klargemacht, dass bei einem dritten Mal keine Bewilligung mehr zum Maskentragen erteilt werde.

Tages-Anzeiger vom 03.08.2009
SO - Er schlug unsere Köpfe zusammen, bis ich blutete
Eine Zeitung aus Florida enthüllte die Geschichte von vier einstigen Top-Mitgliedern von Scientology, die jahrelang misshandelt wurden. Jetzt melden sich Dutzende weitere – und erzählen.
Schwere Vorwürfe gegen David Miscavige.
David Miscavige, 49 Jahre alt, arbeitet seit seinem 16. Lebensjahr Vollzeit für Scientology. Nach verschiedenen Medienberichten habe er den Sektengründer L. Ron Hubbard mit seinem Ehrgeiz beeindruckt. Er holte ihn früh ins kalifornische Hauptquartier, wo Miscavige immer höher in der Hierarchie der strikt organisierten Kirche aufstieg. Als Hubbard 1986 starb, übernahm Miscavige den Chefposten von Scientology. Unter seiner Führung wuchs die Kirche rapide an, ausserdem erreichte er, dass sie als Religionsgemeinschaft von Steuerpflicht befreit wurde. Die «St. Petersburg Times», ein Blatt aus Florida mit nationaler Ausstrahlung, zog die Geschichte gross auf. Unter dem Titel «The Truth Rundown», etwa «Die enthüllte Wahrheit», brachte sie eine dreiteilige Reportage, mitsamt zugehöriger multimedial gestalteter Webseite, über Marty Rathbun, Mike Rinder, Tom De Vocht und Amy Scobee. Sie sind die vier höchsten Mitglieder von Scientology, die je die Kirche verlassen haben. Die ehemaligen Scientologen, denen Aufgaben wie die Medienarbeit der Kirche, die Führung des Prominentennetzes oder auch des Hauptsitzes zugeteilt waren, erzählen von Jahrzehnte langen Demütigungen und Misshandlungen, insbesondere durch David Miscavige, den Anführer der Scientologen. Miscavige hat seinen Platz auf dem Scientology-Thron einst von Gründer L. Ron Hubbard geerbt und wird von Mitgliedern weltweit als spirituelle Leitfigur verehrt. «Die Macht der grossen Zahl» Die Geschichten der Vier ähneln sich. Sie handeln davon, wie Miscavige die hochrangigen Mitglieder wiederholt ohrfeigte, ihre Köpfe gegen Wände schlug oder sie verprügelte. Teilweise wurden sie auch vor der versammelten Gemeinde verbal gedemütigt oder mussten «Reise nach Jerusalem» spielen, die Übung, bei dem immer ein Stuhl zu wenig in der Runde steht. Miscavige beschimpfte sie dabei als «Verlierer». Seit die «St. Petersburg Times» die Reportage veröffentlicht hat, haben sich nun zahlreiche weitere ehemalige Mitglieder bei den Autoren gemeldet und von ihren Erfahrungen mit der Sekte erzählt. Zwölf von ihnen zeigte die Zeitung am vergangenen Sonntag auf der Titelseite ihrer gedruckten Ausgabe – unter der Zeile «Die Macht ihrer grossen Zahl». Zwei Drittel redeten nicht öffentlich Manche der bekennenden Scientology-Opfer wollten mit ihren Erzählungen ihre vier Vorgänger unterstützen, die von der Kirche als Lügner dargestellt würden, so das Blatt. Andere fühlten sich nun, nachdem so prominente Aussteiger an die Öffentlichkeit gegangen seien, sicherer, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Trotzdem: «Für jeden, der offen mit Namen und Text hinsteht, gab es einen bis zwei, die das ablehnten», schreiben die Autoren. Diejenigen, die es taten, zeichnen ein ähnliches Bild wie Rathbun, Rinder, De Vocht und Scobee – das einer Organisation, die ihre Mitglieder unter extremer Kontrolle hält und sie regelmässig demütigt. Vier weitere sagen ebenfalls aus, sie seien von Miscavige misshandelt worden. Einer von ihnen, Mark Fisher, schildert eine besonders brutale Szene. An einem Treffen habe Miscavige ihn und ein anderes Mitglied gequält: «Er schlug unsere Köpfe zusammen, bis ich blutete.» Einer der anderen Zeugen, die sich bei der «Times» meldeten, hat den Vorfall nach eigener Aussage beobachtet. «Desillusioniert, bitter und unehrlich» Scientology weist die Berichte als falsch zurück. «Es ist offensichtlich, dass diese neuen ‹Berichte› durch ihre ersten Artikel ausgelöst worden sind», wird Sprecher Tommy Davis zitiert. «Sie sind nichts weiter als Hirngespinste einiger Anti-Scientologen, die sich im Internet tümmeln und gegenseitig aufheizen.» Laut der Zeitung liess Scientology den Autoren über zwanzig Aussagen von aktuellen und früheren Top-Mitgliedern der Organisation zukommen, die den Kritikern die Glaubwürdigkeit absprechen. «Sie sehen anhand dieser Beweise, dass ihre ursprünglichen Quellen desillusioniert, bitter und unehrlich waren; die neuen Quellen sind bloss mehr von demselben», soll Davis dazu geschrieben haben. Die «St. Petersburg Times» ist bekannt für ihre investigativen Berichte zur Scientology-Kirche. Sie hat seit 1964 acht Pulitzer-Preise erhalten, einen davon 1979 für ein Stück, dass eine Immobilien-Investition der Sekte aufdeckte.

Neue Luzerner Zeitung, 03.08.2009, Fabian Fellmann
Anonymous: Maskendemonstration in Luzern? 
Luzern, Bern, Zürich: Eine Gruppe anonymer Maskierter tritt an, Scientology als gefährlich zu entlarven. Die Nervosität nimmt zu.
In den USA gilt die Scientology-Kirche als Religion und wirbt mit prominenten Aushängeschildern wie dem Schauspieler Tom Cruise. Vor allem in Europa wird Scientology aber oft als Sekte kritisiert, die verboten werden sollte. In der Schweiz, wo die Organisation gemäss eigenen Angaben rund 5000 Mitglieder zählt, diesebezüglich besonders aktiv ist Anonymous Schweiz, der Ableger einer internationalen Internetgemeinde, die gegen Scientology vorgeht. So auch am kommenden Samstag, 8. August, an der Hertensteinstrasse vor der Matthäuskirche in Luzern, wenn die scientology-nahe CCHR Schweiz, die «Bürgerkommission für Menschenrechte», dort ihren Stand aufstellt. Es gebe keinen Grund, die Demonstration nicht zu bewilligen, sagt Alfred Fischer, stellvertretender Leiter beim zuständigen Luzerner Stadtraum-Inspektorat. Der Name des Gesuchstellers sei bekannt, es sei jedoch noch nicht entschieden, ob die Protestierenden Masken tragen dürften.

Tages-Anzeiger, 27.07.2009, Hugo Stamm
Scientology-Kritiker von Polizei empfangen
Sektengegner der Bewegung Anonymous demonstrierten vor dem Scientology-Zentrum in Albisrieden. Scientologen und Polizei waren aber schneller.
Zürich. – Die von Scientologen organisierte Bürgerkommission für Menschenrechte (CCHR) besass für den vergangenen Samstag die Bewilligung, einen Informationsstand vor der Pestalozzi-Wiese zu betreiben. Scientologen haben darin Erfahrung, man trifft sie doch über zwei Dutzend Mal pro Jahr an der Bahnhofstrasse oder an andern Orten der Stadt.Für die Aktivisten von Anonymous (siehe Kasten) ist dies ein Affront. Die Sektenkritiker verstehen nicht, dass Scientologen auf öffentlichem Grund werben dürfen. Deshalb wollten sie am Samstag die Passanten mit Transparenten und Flugblättern warnen und sie darauf aufmerksam machen, dass hinter CCHR Scientologen stecken. Die Überraschung der AnonymousAktivisten war aber gross, als sie auf der Bahnhofstrasse eintrafen. Der übliche Infostand mit der Aufschrift «Psychiatrie zerstört Leben» von CCHR war nirgends zu sehen. Hatten die Scientologen die Kundgebung geahnt und deshalb den Stand nicht aufgestellt, fragten sich die Demonstranten. Nach kurzer Beratung entschloss sich die kleine Anonymous-Gruppe, den Protest vor das Scientology-Zentrum in Albisrieden zu verlegen. Als sie dort in die Freilagerstrasse einbogen, wurden sie zu ihrer Überraschung von Polizisten und einem hochrangigen Scientologen empfangen. Die Vermutung der Anonymous-Leute schien sich zu bestätigen, dass sie an der Bahnhofstrasse beobachtet und danach überwacht worden waren. Die Polizisten verlangten die Ausweise der Demonstranten und gaben die Daten per Funk an die Zentrale weiter. «Wir kennen das Prozedere von Demos aus andern Städten», sagte eine Aktivistin, zückte ein Papier und gab es einer Polizistin. Es war die Bewilligung der Polizei, die es den Anonymous-Aktivisten erlaubte, mit Masken zu demonstrieren. Als die Polizisten abzogen, ohne Sanktionen zu ergreifen, verstand der Scientologe die Welt nicht mehr. «Sie nehmen uns ernst und fürchten uns», stellte ein Aktivist zufrieden fest und verschwand.

Tages-Anzeiger, 27.07.2009
Anonymous bleibt am Scientologen Tom Cruise dran
In vielen Ländern formiert sich Widerstand gegen Scientology. Dieses Ungemach haben sich die Scientologen selbst eingebrockt. Es begann mit einem Video, das den berühmten Muster-Scientologen Tom Cruise während einer Sektenveranstaltung zeigt. Der Schauspieler preist darin Scientology in den höchsten Tönen. In der Pose eines Führers trägt Cruise theatralisch Aussagen vor, die Sektengründer Hubbard immer wieder vorgebetet hatte. Das Video landete auf Umwegen auf der Internet-Plattform Youtube und wurde zum Renner. Die plakative und entlarvende Werbeleier von Cruise wirkte auf Uneingeweihte peinlich. Deshalb zwang Scientology Youtube auf dem Rechtsweg, die Cruise-Beichte aus dem Internet zu entfernen. Das war kein schlauer Schachzug. Im Netz brach ein Sturm der Entrüstung los. Anonymous, eine weltweite lose Internet- Interessengemeinschaft, kämpfte gegen die Bevormundung und integrierte das verbotene Cruise-Video immer wieder in Youtube, wo es heute noch zu sehen ist. Gleichzeitig befassten sich die Anonymous-Aktivisten näher mit Scientology. Ihre Erkenntnisse bestürzten viele. Sie entschlossen sich, auch ausserhalb des Internets gegen Scientology zu kämpfen. Um sich vor Repressionen zu schützen, treten sie anonym auf und tragen Masken.

Deutschlandradio, 24.07.2009
Caberta: "Das kann das Ende von Scientology bedeuten"
Caberta sieht Scientology in Bedrängnis (hier ein Blick auf den Eingang des Hauptquartiers der Organisation) in Berlin
"Das kann das Ende von Scientoloy bedeuten" Kritikerin Caberta sieht Organisation nach Aussteigervorwürfen in Bedrängnis
Ursula Caberta im Gespräch mit Ulrike Timm
Die Scientology-Kritikerin Ursula Caberta sieht in den jüngsten schweren Vorwürfen zweier früherer Top-Scientologen eine besondere Brisanz. "Es packen aus die rechte und die linke Hand des Bosses", sagte Caberta.
Ulrike Timm: Und darüber wollen wir sprechen mit Ursula Caberta. Sie leitet die AG Scientology in Hamburg und ist eine der weltweit schärfsten Kritikerinnen der Organisation. Schönen guten Tag!
Ursula Caberta: Tag!
Timm: Frau Caberta, das sind zwei Führungskräfte des innersten Kreises, die da auspacken, das hat zweifellos besondere Qualität, aber erläutern Sie uns bitte mal genauer: Wer packt da aus?
Caberta: Es packen aus die rechte und die linke Hand des Bosses David Miscavige, also dem Führer von Scientology weltweit. Die beiden waren praktisch die linke und die rechte Hand dieses Menschen, und das schon ein paar Jahre, sind auch mit ihm groß geworden in der Organisation, sind also nicht zufällig in den Funktionen, in denen sie waren, und insofern hat das eine besondere Brisanz. 
Timm: Und welche Bedeutung hatten die beiden für Scientology als Funktionäre?
Caberta: Also der Mark Rathbun, der eine, der auch am meisten erzählt bisher, war verantwortlich für die internationalen Finanzen eine ganze Zeit, war aber auch so etwas mehr so der Troubleshooter von dem David Miscavige. Immer, wenn irgendwo was querlief, denn wurde der eingesetzt. Es gibt Aussagen von ihm, dass er auch, als Tom Cruise, also das Aushängeschild von Scientology, sich mal absetzen wollte, eingesetzt wurde, ihn wieder einzufangen und Ähnliches. Also das ist schon eine der bedeutendsten Personen dort gewesen.
Timm: Mark Rathbun hat ja als Finanzchef durchgesetzt, dass Scientology als Kirche in den USA steuerbegünstigt ist. Es geht also auch um Geld, wenn er jetzt über Betrug redet. Heißt das im Umkehrschluss, ohne ihn wäre Scientology in den USA keine anerkannte religiöse Bewegung, sondern ein schlichtes, etwas obskures Unternehmen?
Caberta: Na ja, das ist auch so ganz nicht richtig, sie sind in den USA nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt, das gibt's in den USA ebenso wenig wie woanders, sondern sie sind steuerbefreit, also ein gemeinnütziger Verein, was aber an den politischen Auswirkungen nichts ausmacht. (…) war dafür mit zuständig, und David Miscavige, also die beiden, haben die ganzen Sachen mit der US-amerikanischen Finanzbehörde geführt, haben das durchgesetzt, und darüber plaudert er jetzt, dass das zustande gekommen ist dadurch, dass sie Beamte und Mitarbeiter der US-amerikanischen Finanzbehörde mit Klagen und sonst was überzogen haben und es dann einen Deal gab: Wir ziehen unsere Klagen zurück - Tausende von Klagen, es waren nicht ein paar - und dafür kriegen wir die Gemeinnützigkeit, also die Steuerbefreiung.
Das hat also nichts damit zu tun, dass das in irgendeiner Form irgendetwas Weltanschauliches oder Religiöses ist, war schlicht und ergreifend ein Deal, damit das Finanzministerium endlich Ruhe vor diesen Attacken von Scientology hat. Und dass er das jetzt erzählt, ist natürlich viel Wert, weil aus dieser Steuerbefreiung sich ganz viel politischer Druck aus den USA ergab.
Timm: Beide sind aber schon vor längerer Zeit ausgestiegen, und man muss kein Freund von Scientology sein, um zu vermuten, dass da persönliche Rechnungen offen waren und jetzt heftigst nachgetreten wird. Sind beide vollkommen glaubwürdig?
Caberta: Natürlich, wobei Mike Rinder natürlich noch viel mehr. Natürlich sind sie glaubwürdig, alle Aussteiger aus Scientology sind glaubwürdig, und mit offenen Rechnungen hat das auch nichts zu tun, sondern die beiden sind einen Weg gegangen, den schon viele vor ihnen gegangen sind. Es sind auch früher schon Führungspersonen ausgestiegen, allerdings nicht die rechte und die linke Hand des Bosses, das macht die Brisanz noch mal deutlich.
Und der Mike Rinder war ja der oberste internationale Geheimdienstchef von Scientology, der ja auch einiges erledigt hat für die Organisation, an Kritikerbekämpfung und Verfolgung von Aussteigern. Insofern ist das nicht irgendwer. Die sind glaubwürdig, die sind absolut glaubwürdig, wie alle Aussteiger mit ihrer Geschichte, die sie in Scientology erlebt haben, immer glaubwürdig waren.
Timm: Welche Folgen hat denn dieser Krach für Scientology? 
Caberta: Also im Moment ist es so, dass in den USA dadurch, dass sie auch gesprochen haben, öffentlich gesprochen haben - das machen ja nicht alle, viele haben ja auch Angst vor den Repressalien, die dann Herr Miscavige mit seinen Truppen anlegt, und sagen lieber nichts. Die beiden sprechen jetzt öffentlich auch in den USA. Das kann das Ende von Scientology bedeuten, wenn das in den USA aufgenommen wird und auch die US-amerikanischen Behörden sehen, dass das, wenn die beiden Führungskräfte reden, vielleicht doch nicht das so ne harmlose Truppe ist, wie das in den letzten Jahren von den Vereinigten Staaten immer dargestellt wurde.
Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton", im Gespräch mit der Scientology-Kritikerin Ursula Caberta. Frau Caberta, wenn zwei Ex-Führungskräfte Scientologys offenbaren, was immer vermutet wurde, aber schwer zu beweisen ist - es gibt Gewalt, es geht um Geld, das ist letztlich der Kern -, schwächt das Scientology auch über die amerikanischen Grenzen hinaus?
Caberta: Ja natürlich. Außerdem, also was die beiden erzählen, dass Miscavige seine Leute prügelt und dass sie auch von ihm geschlagen worden sind, also Gewalt als Repressalie an der Tagesordnung ist vom obersten Boss, das macht natürlich kein gutes Bild, auch nicht in den USA. Und sie berichten ja auch, dass sie selber auch geschlagen haben, weil das sich von oben nach unten fortsetzt. Also das wirft ein Bild auf Scientology, was für viele, die sich mit Scientology auseinandersetzen, jetzt nicht überraschend ist, aber in der Dramatik, wie die das schildern, dass sie auch in Wasser geschmissen worden mit vollen Klamotten und mit nassen Klamotten dann da rumlaufen mussten und Ähnliches, das hat ja voll da ähnliche eben Ausmaße, die da stattfinden, und zwar auch bei den Führungskräften. Das wirft natürlich ein Bild auf Scientology, was bisher vor allen Dingen in den USA in der Öffentlichkeit so noch nicht diskutiert wurde. 
Timm: In Deutschland tritt Scientology ja als sehr smarte Organisation auf. Welche Strategie wird denn aktuell in Deutschland verfolgt, um wen wird vor allem geworben?
Caberta: Scientology wirbt immer um alle, also die nehmen jeden. Sie haben die verschiedensten Abteilungen, die zuständig sind. Das World Institute of Scientology Enterprises, der Wirtschaftsarm, die sind für die Wirtschaft zuständig, um über Kommunikationsberatung, Unternehmensberatung die Leute und damit auch die Firma in die Organisation zu ziehen.
In Hamburg haben wir ja im Gegensatz zu Berlin keine Straßenwerbung mehr, also das sogenannte "raw meat", rohe Fleisch, so heißen in der Scientology-Sprache die Nichtscientologen, können sie in Hamburg von der Straße nicht mehr fischen, das ist in anderen Städten dieser Republik noch anders. Also wir müssen ihnen so ein bisschen was abschneiden, aber das sind die üblichen Werbemethoden, die gab's immer. Und an der Strategie hat sich auch noch nichts geändert. Vielleicht ändert sich das, wenn Miscavige in den USA fällt und der ganze Laden zusammenbricht. Ich meine, dann kann ich mir wohl endlich 'nen neuen Job suchen.
Timm: Sie selber haben in fast zwei Jahrzehnten Arbeit gegen Scientology Ihre Meinung geändert. Viele Jahre wollten Sie "nur" in Anführungszeichen umfassend aufklären, meinen aber inzwischen, Scientology müsse verboten werden in Deutschland. Warum? Und was sollte das bringen?
Caberta: Na ja, Aufklärung hat natürlich 'ne ganze Menge gebracht. Also ich glaube, Scientology in Deutschland hat es schwerer als in anderen Ländern, und auch durch die Beobachtung durch den Verfassungsschutz, also das Einsortieren dieser Organisation in die neue Form des politischen Extremismus, es war natürlich ein Riesenschritt, die da hinzubringen, wo sie hingehören, in die politisch extremistische Ecke. Aber politische Extremisten guckt man sich ja umsonst intensiver an als andere Gruppen, um dann irgendwann vielleicht auch zu sagen: Die werden für unsere Gesellschaft zu gefährlich, dass wir sie verbieten lassen müssen. Und zu dieser Auffassung ist das Land Hamburg - ist ja nicht meine persönliche Auffassung, sondern ich arbeite ja für die Hamburger Landesregierung -, es ist also Auffassung der Hamburger Landesregierung und des Landes Bayern, Hamburg und Bayern Hand in Hand in dieser Frage. Ich glaube, wenn die sich nicht selbst zerlegen, gerade da in den USA, wenn das nicht gelingt, werden wir nicht drumrum kommen, sie irgendwann hier zu verbieten, um Mensch und Gesellschaft vor dieser Organisation zu schützen.
Timm: Frau Caberta, kann ich Sie zum Schluss verführen, auf einer Skala von eins bis zehn mal zu orten, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist nach diesen Ereignissen, dass sich Scientology selbst zerlegt und Sie sich einen neuen Job suchen müssen? 
Caberta: Na ja, eins ist die höchste oder zehn ist die höchste Wahrscheinlichkeit?
Timm: Die Zehn ist die höchste. 
Caberta: Dann sind wir jetzt bei drei. 
Timm: Da haben wir noch viel Luft nach oben. 
Caberta: Das stimmt. 
Timm: Ursula Caberta, die schärfste Scientology-Kritikerin in Deutschland und eine der schärfsten weltweit, über die neuesten Vorgänge bei Scientology. Vielen herzlichen Dank fürs Gespräch! 
Caberta: Gerne!

Polskaweb News, 08.07.2009
Neue Scientology-Offensive in Polen 
Mit einer kontroversen Kampagne ist die umstrittene Scientology Sekte wieder einmal in Polen auf Aquise. Nachdem man hier in den vergangenen zwei Jahrzehnten so gut wie garnicht Fuß fassen konnte, versucht man nun über Bildungseinrichtungen Zugang zum Volke zu finden. Zeichen für eine bereits begonnene Offensive ist der bereits laufende Versand von 60 Tausend kostenlosen Büchern an 3800 polnischen Bibliotheken. Die unerwünschte Aktion wird über den deutschen Hauptsitz von Scientology durchgeführt und über Dänemark finanziert und koordiniert, wo ein gewisser Nandor Juchos die umstrittene "Groß-Spende" mit dem angeblichen Bedarf der Menschheit nach Zugang zu den Original-Materialien des Sekten Gründers Ron Hubbard rechtfertigt. Die Scientology Kirche gilt weltweit als eine der gefährlichsten Sekten, die über eine relativ primitive Gehirnwäsche ihre Mitglieder dazu verleitet, ihren persönlichen wirtschaftlichen Erfolg mit der Führungsriege der Organisation zu teilen. Das Nationale Sicherheitsbüro Polens in Warschau warnt nicht umsonst vor Scientology. Auch in vielen anderen Ländern dieser Welt hat man das Problem mit der Sekte bereits vor Jahren erkannt und setzt sogar Geheimdienste ein, um Gründe für deren Ablehnung zu sammeln. Besonders in Deutschland und jetzt auch verschärft in Frankreich gehen Behörden gegen die Ausbreitung von Scientology im Lande vor. Die Erfolge in diesem Kampf sind allerdings eher mager, da man zwar einzelnen Mitgliedern "Verfehlungen" nachweisen kann, aber nicht der gesamten Organisation an sich. In Polen hatte Scientology bereits in den frühen 90er Jahren versucht Fuß zu fassen, was aber damals nicht gelang. Ebenso wie in Ostdeutschland war man auf eine breite Ablehnung gestossen. Das berechtigte Mißtrauen der Bürger aus den ehemaligen sowjetischen Satelliten- Staaten hatte der Sekte erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Bibliothek der Universität Warschau hat bereits ein "Scientology Paket" bekommen und 19 Titel von Sekten- Gründer Ron Hubbard in ein Regal mit der Bezeichnung "Mystik" einsortiert. Man ist offen gegenüber fremden Weltanschauungen, von Ron Hubbard oder Scientology hatte man im Übrigen aber noch nicht gehört, und die Bilder von Tom Cruise und Gattin Katie Holmes kannte man schon aus der Klatschpresse. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckte man in einem Hubbard Buch namens "Planetary Interiors" plötzlich ein Beiblatt auf dem die "Spender" um die Erstattung von Versandkosten usw. in Höhe von einigen Hundert Zloty bitten. Nach Aussage des Leiters dieser Bibliothek hatte der Verlag "New Era Publications" aus Berlin bereits zweimal größere Pakete mit Scientology Büchern geschickt, doch habe man hiervon keines hiervon wirklich gebraucht oder genutzt, zudem sie nicht einmal in polnischer Sprache vorlägen. Auch in anderen öffentlichen Bibliotheken Warschaus findet man Bücher von Scientology. Spenden sind hier generell willkommen und werden auch angenommen. Einige Bücher Hubbards wurden auch ins Polnische Übersetzt und schon vor ein paar Jahren über Ungarn an diverse Schul- Bibliotheken in Polen gesandt. Freundlich ermutigte man Lehrer, in den Begleitschreiben der Pakete aus Budapest, doch die Inhalte der Hubbard Bücher alsbald in die Lehrpläne aufzunehmen. Diese jetzt laufende große Buchaktion Scientologies soll aber nur die erste Phase des Plans zur Expansion in Polen sein. Im Berliner Zentrum der Sekte bastelt man schon seit 2007 an neuen Strategien, wie man Polen, die Tschechische Republik und andere Länder in Mittel-Europa ideologisch in den Griff bekommen kann. Neue Scientology Dianetik Zentren und Kurse in Breslau, Krakau und Warschau beweisen, dass man sich nun auch schon räumlich in Polen einnistet.

taz Hamburg, 22.06.2009, Uta Gensichen
Hubbard macht Schule 
WERBEKAMPAGNE Die Hamburger Scientology-Kirche verschickt derzeit Briefe an Schulen. Darin lädt sie Religionsklassen zu einem Besuch ein. Die Innenbehörde ist alarmiert
Die Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Innenbehörde warnt derzeit vor einer massiven Werbekampagne der Scientology Organisation an Schulen. Ziel der Kampagne sei es demnach, die verfassungsfeindliche Lehre der Scientologen in den Religions- und Ethikunterricht einzubringen. Vor rund zwei Wochen hatten die ersten Briefe Schulen in Hamburg und Umgebung erreicht, sagt Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe. Darin bitte die Organisation um ein Gespräch und biete Klassen den Besuch in der Scientology-Zentrale sowie Informationsmaterial an. "Das Ziel ist immer dasselbe", sagt Caberta. Über das Bildungssystem wolle Scientology an die Menschen herankommen. Es ginge der Organisation vor allem darum, Menschen abhängig zu machen und wirtschaftlich auszunutzen. Mit Religion und Kirche habe das nicht zu tun. Caberta warnt davor, auf das Angebot einzugehen: "Andere verfassungsfeindliche Institutionen werden doch auch nicht in Schulen eingeladen." Neu an der Kampagne sei, dass Scientology in die Öffentlichkeit gehe, ohne sich hinter dem Namen einer Unterorganisation zu verstecken. "Seit langer Zeit tritt sie mal wieder mit offenem Visier auf", sagt Caberta. In Norddeutschland aktive Initiativen der Scientologen seien etwa "Jugend für Menschenrechte" und "Sag Nein zu Drogen - Sag Ja zum Leben". Diese Gruppen haben in den vergangenen Jahren von Hamburg aus durch Broschüren und Kundgebungen auf sich aufmerksam gemacht. Eine direkte Verbindung zur Scientology-Kirche ist in den Veröffentlichungen auf Anhieb nicht erkennbar. So harmlos sich deren Inhalte zunächst anhörten, man dürfe nicht vergessen, wer sich damit tarnt, sagt Caberta. Die Scientology Kirche Hamburg wirft indes der Innenbehörde vor, in die Meinungsfreiheit einzugreifen. "Das ist ein Indikator für den Versuch der staatlichen Bevormundung", sagt Pressesprecher Frank Busch. Mit der Schulkampagne mache die Organisation allein von ihrem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch. Das Angebot an die Schüler, die Schriften des Scientology-Erfinders L. Ron Hubbard kostenfrei zu nutzen, diene demnach ausschließlich der Meinungsbildung. "Schließlich schaut jeder Schüler ja auch in die Bibel, um dann darüber zu sprechen", sagt Busch. Diese scheinbar wissenschaftliche Begründung könnte laut Verfassungsschutz allerdings der Versuch sein, jugendliche Mitglieder zu werben. Dem aktuellen Bericht zufolge ist die aus rund 700 Mitgliedern bestehende Hamburger Organisation überaltert. Bis auf die Kinder von Scientologen fehle es der hiesigen Kirche an Nachwuchs. Mithilfe von unauffälligen Jugendinitiativen oder dem direkten Weg in die Schulen hoffen die Scientologen darauf, den Mitgliederschwund aufhalten zu können. Im Juni 1997 hatten sich die Innenminister des Bundes und der Länder (IMK) darauf geeinigt, Scientology durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Demnach ginge aus den Schriften der Organisation hervor, dass zentrale Verfassungswerte wie die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung außer Kraft oder eingeschränkt werden sollten.
UTA GENSICHEN ÜBER DIE SCIENTOLOGY-WERBEAKTION 
Lernen, kritisch zu sein 
Scientology ist weniger eine Religionsgemeinschaft, als vielmehr eine intransparente Vereinigung von vielen, die sich von wenigen das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Der Verfassungsschutz weist schon lange auf die totalitären Tendenzen hin, die sich in den Schriften der Scientologen ablesen lassen. Vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, heißt aber nicht zwangsläufig, eine Gefahr für die Demokratie zu sein. Solange Scientology hierzulande ihre so genannten Lehren verbreiten darf, können Kritiker zwar vor den Gefahren warnen - verbieten können sie die Auseinandersetzung mit Scientology dennoch nicht. Die eigentliche Frage bleibt demnach: Warum sollen sich Schüler nicht mit den Texten des amerikanischen Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard beschäftigen? Scientology hat nicht ganz Unrecht, wenn sie sagt, das trage zur freien Meinungsbildung bei. Wie sonst sollen junge Menschen zu Verfechtern der Demokratie werden, wenn sie die Argumente der Gegner nicht kennen? Natürlich dürften Lehrer solcherlei Literatur nicht unkommentiert stehen lassen. Schüler müssen kritisches Denken erst lernen. Sie wohlwollend von verfassungsfeindlichen Gedanken fernzuhalten, fördert nicht die Urteilsfähigkeit, sondern unhinterfragtes Ja-Sagen. Und nichts schadet der Demokratie mehr als das.

NDR Online-Nachrichten, 19.06.2009
Hamburg- Innenbehörde warnt vor Kampagne von Scientology
Die Innenbehörde hat vor umfangreichen Werbemaßnahmen der Scientology-Organisation an Hamburger Schulen gewarnt. "Ziel dieser Kampagne ist es, die verfassungsfeindliche Lehre der Scientologen unter dem Deckmantel der Religions- bzw. Menschenrechtsdiskussion in den Unterricht einbringen zu können", teilte die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology, Ursula Caberta, am Freitag mit. In einem Schreiben an die Schulen bitte die Organisation um ein Gespräch und biete einen Besuch in der Scientology-Zentrale sowie kostenloses Unterrichtsmaterial an. "Scientologen wollen direkten Kontakt aufnehmen" "Die Scientologen verfolgen ihre übliche Strategie und wollen den direkten Kontakt aufnehmen, um so an die Menschen heranzukommen", sagte Caberta. Lehrer, Eltern und Schüler müssten sich jedoch klarmachen, dass hinter Scientology das verfassungsfeindliche Menschenbild des Gründers L. Ron Hubbard stehe. Der Organisation gehe es vor allem darum, Menschen abhängig zu machen und wirtschaftlich auszunutzen.

Zürcher Oberländer, 16.06.2009
Scientology im Coop 
Georg Schmid kritisiert geplantes Musical Hinter einer geplanten Musical-Aufführung vom Mittwoch steht eine Sekte, sagt Experte Georg Schmid. Diese Aufführung wird die Coop-Verkaufsleitung wohl kritisch begutachten: Am Mittwoch ist die Zürcher «Ziel»-Schule mit einem Kindermusical zu Gast im Hinwiler Coop Megastore. Doch diese Privatschule ist nicht wie jede andere: Den Schülern werden unter anderem die Lehren von Scientology-Gründer Ron L. Hubbard näher gebracht. Sektenexperte Georg Schmid befürchtet darum, dass die Schule am Mittwoch nach neuen Schülern und somit potenziellen Mitgliedern suchen wird. «Keine Anwerbung» Schmid findet es bedenklich, dass das Musical an einem solchen Ort stattfindet: «Die Eltern werden nirgends darüber informiert, dass es sich um eine Scientology-Privatschule handelt.» Bei der «Ziel»-Schule beteuert man, keine neuen Schüler anwerben zu wollen; das habe man nicht nötig. Die Schule existiert seit zehn Jahren und wurde auf einem Angebot an Privatunterricht aufgebaut; sie gibt sich auf ihrer Homepage als «überkonfessionell». (heu)

KNA-Basisdienst vom 16.06.2009 
Frankreich: Staatsanwaltschaft fordert Auflösung von Scientology 
Paris (KNA) Im Prozess gegen Scientology in Paris hat die Staatsanwaltschaft die Auflösung der Organisation verlangt. Zudem forderten die Staatsanwälte, die beiden wichtigsten französischen Scientology-Vereinigungen zu jeweils zwei Millionen Euro Geldbuße zu verurteilen, wie französische Medien am Dienstag berichteten. Der spirituelle Leiter der Organisation, Alain Rosenberg, solle zu vier Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldbuße von 150.000 Euro verurteilt werden. Geldbußen und Bewährungsstrafen forderten die Staatsanwälte auch für fünf Mitangeklagte. Scientology wird bandenmäßiger Betrug und illegale medizinische Betätigung vorgeworfen. Der Prozess gegen die Organisation hatte Ende Mai begonnen. Er soll am Mittwoch zu Ende gehen. Ein Urteil wird aber erst in einigen Wochen erwartet. Dem Prozess voraus gingen neun Jahre dauernde Ermittlungen. Geklagt hatten zwei ehemalige Scientology-Mitglieder. Drei weitere Klagen wurden laut Medienberichten zurückgezogen, nachdem Scientology mit den Klägern eine finanzielle Einigung erreicht hatte. Es ist der zweite Prozess gegen Scientology in Frankreich. 2003 war die Organisation vom Vorwurf des Betrugs freigesprochen worden. Sie wurde damals aber wegen Verstoßes gegen die Datenschutzbestimmungen verurteilt. Bereits in den 1990er Jahren wurden führende Scientology-Mitglieder sowohl in Lyon als auch in Marseille wegen Betrugs verurteilt.

Der Westen, 04.06.2009, Silke Hoock und Jürgen Polzin
Verfassungsschutz Scientology schleicht sich in Firmen ein 
Düsseldorf/Essen. Verfassungsschützer und Sekten-Experten raten der Wirtschaft in NRW eindringlich, Unternehmen vor einer Einflussnahme durch die Scientology-Organisation zu schützen. Vorgesetzte sollen Mitarbeiter unter Druck gesetzt haben. „Leitende Angestellte eines Betriebes sollten eine Abstandserklärung unterzeichnen, in der sie sich von den Zielen der Scientologen distanzieren”, sagte Dirk Ritter-Dausend, Experte im NRW-Innenministerium, im Gespräch mit der WAZ-Gruppe. Bei Verstößen könnten dann arbeitsrechtliche Schritte eingeleitet werden. Nach Erkenntnissen des NRW-Innenministeriums und der Beratungsstelle Sekten-Info NRW sind 15 Fälle bekannt, in denen Vorgesetzte ihre Mitarbeiter zur Teilnahme an Scientology-Kursen oder zu Studien von Büchern der Organisation genötigt hätten. Betroffen seien oft kleinere Unternehmen ohne Mitarbeitervertretung. Ziel sei es, Mitglieder zu gewinnen und Geldquellen zu erschließen. Scientology steht seit 1997 im Blickfeld des Verfassungsschutzes. Laut NRW-Innenministerium strebt die Organisation eine Führung der Gesellschaft an. Sie verfüge über Strukturen mit totalitärem Anspruch und menschenverachtenden Tendenzen. Weltweit habe Scientology 100 000 Mitglieder. In Deutschland seien es 5000, in NRW 400. Schulungen als verkappte Werbung Die Gefahr für Unternehmen geht laut Experten von betriebsinternen Kursen aus. Scientologen würden darin für Ziele der Organisation werben. Werde ein Unternehmen für Schulungen engagiert, sei Vorsicht angebracht, warnte Ritter-Dausend. Er mahnte, auf Wortmarken und Symbole zu achten. Die Scientology Kirche Düsseldorf sprach von einer „Desinformationskampagne” und wies die Vorwürfe zurück: „Uns sind keine Fälle bekannt bei denen Mitarbeiter von Firmen unter Druck gesetzt werden, um Kurse bei Scientology zu belegen”, teilte die Organisation mit. Scientology verwies mit Blick auf die geforderte Abstandserklärung auf Urteile, die eine solche Erklärung als verfassungswidrig abstempelten. Sie würde auch dem Recht auf Religions- und Meinungsfreiheit diametral entgegenstehen. Scientology erklärte zudem, Kontakt mit den Behörden und Beratungsstellen zu suchen, „um falsche Informationen zu korrigieren.”
Neue Masche von Scientology
Essen. Verfassungsschützer, Sekteninfo NRW und Handelskammer Dortmund sind beunruhigt: Scientology benutzt Führungskräfte von Unternehmen, um deren Untergebene als Mitglieder zu gewinnen. Und nistet sich in den Firmen ein, um an Geld zu kommen. Am Ende der Unterredung wurde der Chef dann deutlich. „Man spreche hier eine gemeinsame Sprache, sagte er dem Auszubildenden. Dann forderte er ihn auf, das Buch ,Dianetik' des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard zu lesen. Als sich der Azubi weigerte, wurde der Chef noch deutlicher. Du bist unser Feind im Team, sagte er.” Sabine Riede, Leiterin der Beratungsstelle Sekten-Info NRW, erzählt diese Geschichte. Sie nennt keine Namen. Ihre Erkenntnisse alarmieren Verfassungsschützer, Vertreter von Industrie- und Handelskammern, Abgeordnete des NRW-Landtags. Nun warnen sie gemeinsam: Die Scientology-Organisation hat in NRW die Wirtschaft infiltriert, benutzt Führungskräfte, um deren Untergebene als Mitglieder zu gewinnen. Es geht ums Missionieren und darum, Geld zu machen, sagt Marc Ratajczak, sektenpolitischer Sprecher der CDU im NRW-Landtag. Im Visier: die Firmen Sekteninfo NRW berichtet von 15 Unternehmen in NRW, in denen Mitarbeiter von Scientologen wiederholt und massiv unter Druck gesetzt worden sind. Die Vorfälle hätten sich in Unternehmen verschiedener Branchen ereignet: Immobilien, Kreditvergabe, Druckereien, Spielwaren, Geschenkartikel. Auch Handwerksbetriebe seien darunter, sagt Sabine Riede. Das Wirken von Scientology habe insbesondere in kleineren, mittelständischen Unternehmen ohne Mitarbeitervertretung Erfolg, so Experten. Marc Ratajczak berichtet von dem Fall eines jungen Auszubildenden, der bei einem Düsseldorfer Immobilienhändler beschäftigt gewesen sei. Der Geschäftsführer habe ihn dazu zwingen wollen, Scientology-Seminare zu besuchen. Immer wieder habe er insistiert. „Der Auszubildende hat schließlich die IHK um Hilfe gebeten. Man hat ihm eine neue Lehrstelle besorgt.” Das Vehikel: die Macht Die Anwerbeversuche richteten sich meist gegen Untergebene, sagt Sabine Riede. „Die Möglichkeit, am Arbeitsplatz Macht auszuüben, ist das Vehikel.” Auszubildende könnten besonders leicht unter Druck gesetzt werden. Denn: „Nur die Mutigsten entscheiden sich, direkt zu Beginn ihrer Arbeitskarriere eine Ausbildung abzubrechen.” In Betrieben, in denen ein Teil der Belegschaft zu Scientology gehöre, würden „Abtrünnige” durch Spitzeldienste unter Druck gesetzt, hören die Berater von Betroffenen. Es sind übliche Mobbing-Methoden, sagt Sabine Riede: „Äußerungen wurden dem Chef zugetragen, E-Mails und Rechner überwacht. Dadurch entstand ein Klima der Angst.” Die Masche: Coaching Das Einfallstor ist die Sprache, sagen Beobachter. Kommunikations-Kurse und Persönlichkeitstraining seien typische Situationen, in denen Anwerbeversuche gestartet würden, berichtet Sabine Riede. Ihr Beispiel: „Der Chef verordne betriebsinterne Weiterbildungen, die sich als spezielle Kurse von Scientology-Organisationen entpuppen. Die Anbieter sind uns namentlich bekannt, in den Kursen fallen typische Sätze, oder wir erkennen es an den Titeln der Bücher.” Teilnehmer der Kurse hätten berichtet, dass sie sich in die Augen schauen sollten, ohne dabei eine Regung zu zeigen. „Das Training dauert so lange, bis der Scientologe meint, das Ziel sei erreicht.” Wer sich entziehe, würde unter Druck gesetzt. Riede: „Wer keinen weiteren Kurs wollte, wurde im Betrieb mit Missachtung bestraft. Wer sich positiv äußerte, wurde mit Gehaltserhöhungen belohnt.” Das Motiv: Geld Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes stehen in NRW kommerzielle Aktivitäten der Organisation im Vordergrund. Die Staatsschützer warnen: Scientology erschließt sich Geldquellen. Kurse für Einsteiger kosteten einige hundert Euro, für höhere Stufen könnten fünfstellige Beträge verlangt werden. Dirk Ritter-Dausend, Scientology-Experte im NRW-Innenministerium: „Wenn es der Organisation gelingen sollte, mit einem Unternehmen enge Verbindungen aufzubauen oder es sogar zu unterwandern, ist das bei Bekanntwerden mit hohen Reputationsschäden verbunden. Das kann schlimmstenfalls zur Insolvenz des Unternehmens führen.” „Jede Menge Geld” Die Industrie- und Handelskammer zu Dortmund nennt Fall einer Dortmunder Bäckerei, die Insolvenz anmelden musste. „Aus dem Unternehmen wurde jede Menge Geld gezogen”, sagt Sprecher Georg Schulte. Auch Sekteninfo NRW berichtet von Finanzströmen. Sabine Riede: „Mir ist ein Fall bekannt, bei dem ein Firmenchef regelmäßig 18 Prozent seines Gewinns an Scientology gespendet hatte.”

heiseticker.de, 29.05.2009
Wikipedia sperrt IP-Adressen von Scientology aus 
Das Wikipedia-Schiedsgericht[1] hat entschieden, Beiträge oder Beitragsänderungen von Mitgliedern der sogenannten Scientology Church ab sofort zu verhindern. Das soll erreicht werden, indem IP-Adressen, die der Organisation zugeordnet werden können, ausgesperrt werden. Diese werden demnach ebenso gehandhabt wie Adressen von offenen Proxys, die bei Wikipedia unerwünscht sind. Das Schiedsgericht hatte erwogen, die Sperre nur für Artikel einzurichten, die in einem Zusammenhang mit Scientology stehen, doch das erschien letztlich nicht umsetzbar. Die Aussperrung der US-amerikanischen Organisation, die auch in Deutschland vertreten ist, wurde im Schiedsgericht seit dem 11. Dezember 2008 diskutiert; insgesamt lief dort das vierte Verfahren rund um Scientology. Wikipedia hat sich dazu verpflichtet, alle Einträge von einem neutralen Standpunkt aus zu verfassen. Diesen hätten Nutzer verlassen, die Scientology zugeordnet werden können, indem sie Werbung in eigener Sache gemacht hätten. Nutzer sollen von Scientology aus Artikel bearbeitet und ihre Aktionen mit ihresgleichen koordiniert haben.

Baseler Zeitung 25.5.09, Claudio Habicht
Flüchten Frankreichs Scientologen in die Schweiz?
Frankreich macht Scientology den Prozess. Kommt es zu einem Schuldspruch, droht der Sekte dort das Ende. Viele Anhänger könnten in die Schweiz ausweichen, glaubt Experte Georg Schmid. Scientology in der Schweiz In der Schweiz gibt es laut Sektenexperte Georg Schmid von der evangelischen Informationsstelle «Kirchen – Sekten – Religionen» mehrere Hundert aktive Scientologen. Im Vergleich zu anderen Ländern sei das eine grosse Anzahl. «Gerade das hohe Einkommensniveau ist für die Sekte interessant: Nach Aussage von Ehemaligen ist jeder sechste Scientologe auf der höchsten Kurs-Stufe Schweizer.» Schmid schätzt Scientology als gefährliche Sekte ein: Sie übt grossen Druck auf ihre Mitglieder aus, Kurse zu kaufen, und hat Mitglieder öfters auch veranlasst, zur Finanzierung der Kurse Kredite aufzunehmen. «Menschen, die bei Scientology aussteigen, sind oftmals hoch verschuldet.» Die Anklage gegen Scientology lautet: organisierter Bandenbetrug. Folgen ihr die Richter des Pariser Gerichts, könnte die Sekte in Frankreich zwangsaufgelöst werden. Für den harten Kern der Sekte – etwa 1000 bis 2000 Personen – bliebe nur eines: Auswandern. «Es ist anzunehmen, dass die Scientologen versuchen werden, in andere französischsprachige Gebiete auszuweichen», sagt Sektenexperte Georg Schmid von der evangelischen Informationsstelle «Kirchen – Sekten – Religionen» im zürcherischen Rüti. «Lockerer Umgang mit Extremisten» Die Schweiz ist besonders attraktiv für die Scientologen: Die Behörden schränken so genannte weltanschauliche Gemeinschaften hierzulande nicht ein. «In der Schweiz ist man lockerer im Umgang mit Extremisten», sagt Schmid. Der Sektenexperte vermutet, dass die Scientologen in Genf oder in Lausanne in Lauerstellung gehen würden. Nicht nur die Romandie, auch andere frankophone Gebiete bieten sich den Scientologen an. «Québec wäre eigentlich naheliegender als die Schweiz. Die kanadische Provinz liegt näher an der Zentrale in den USA.» Für Sektenexperte Schmid ist allerdings klar, dass nur vermögende Scientologen die Möglichkeit hätten, nach Übersee zu gehen. Gar nicht in Frage kommt Belgien: Die dortigen Behörden betreiben eine ähnlich scharfe Antisektenpolitik wie Frankreich. Druck aus den USA vorprogrammiert Der Prozess in Paris dauert noch bis 17. Juni. Eines ist für Schmid aber schon jetzt klar: «Das wird einen riesigen Wirbel geben. Die Scientologen sind gut mit der US-Politik vernetzt, ein französisches Verbot würde in den USA als Schlag gegen die Religionsfreiheit angesehen.» In Deutschland, wo die Sekte als totalitäre Organisation eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet wird, hat man laut Schmid genau aus diesem Grund von einem Verbot abgesehen. Der Druck aus den USA sei zu gross geworden. Bei Scientology will man keine Stellung nehmen zur möglichen Abwanderung von französischen Mitgliedern in die Schweiz: «Wir gehen davon aus, dass der Fall eingestellt wird», sagt Sprecherin Annette Klug.

AFP, 25.05.2009
In Tschechien öffnet angeblich Scientology-Grundschule
Prag (AFP) — In Tschechien wird laut einem Pressebericht demnächst mit Billigung der Regierung eine Grundschule eröffnet, die Verbindungen zur umstrittenen Scientoloy-Organisation haben soll. Die Schule werde im September ihre Pforten öffnen, berichtete die tschechische Wochenzeitung "Tyden" laut einer Vorabveröffentlichung. In der Einrichtung mit dem Namen "Erste Schule für angewendete Scholastik" werde nach der Methode des Scientology-Gründers Ron Hubbard unterrichtet. Zunächst solle es drei Klassen mit acht bis 15 Schülern geben, die jeweils ein Schulgeld von umgerechnet 131 Euro monatlich bezahlen sollten. Das tschechische Bildungsministerium habe Scientology 2004 zwar als gefährliche Sekte eingestuft, die Schulgründung aber erlaubt, berichtete "Tyden". Er habe nicht gewusst, dass es sich um eine Scientology-Einrichtung handele, sagte der Beamte, der die Schule ins Register aufgenommen hatte, dem Blatt. Scientology wird vielerorts als Sekte angesehen, in den USA, wo die Organisation in den 50er Jahren gegründet wurde, hat sie den Status einer Kirche.

n-tv.de, 22.05.2009, Kerstin Löffler
Wegen Betrugs in Frankreich Scientology vor Gericht
Mit Spannungsmessgeräten und Saunakuren fürs Seelenheil verdient Scientology in Frankreich vielleicht bald kein Geld mehr. Die umstrittene Organisation steht wegen "organisierten Bandenbetrugs" ab Montag vor einem Pariser Gericht, im Falle eines Schuldspruches droht ihr die Auflösung. In dem auf zweieinhalb Wochen angesetzten Verfahren geht es um eine Frau, die 1998 einen "Persönlichkeitstest" bei Scientology gemacht hatte. In der Folge zahlte die Französin für Bücher, Medikamente und ein "Elektrometer" zur angeblichen Messung ihres geistigen Wohlbefindens über 200.000 Francs (gut 30.000 Euro) an die Organisation, die in Frankreich als Sekte gilt. *"Illegale Ausübung des Apothekerberufs"* Das so genannte Elektrometer wird Anhängern der Scientology-Lehre für tausende Euro verkauft, obwohl er nur ein paar hundert wert ist; es handelt sich um einen simplen Apparat, der die Spannung zwischen den Händen misst. Auch mit wochenlangen Saunakuren zur Reinigung von Körper und Geist sowie Vitaminpräparaten verdient die Organisation offenbar kräftig. Die Mitglieder bekämen die Vitamine in solchen Überdosen verpasst, dass sie bleiern müde würden und langsam die Beziehungsfähigkeit zur Gesellschaft verlören, zitiert das Wochenmagazin "L'Express" aus der Anklageschrift. Mehrere Scientologen stehen deshalb auch wegen "illegaler Ausübung des Apothekerberufes" vor Gericht. Es ist nicht das erste Mal, dass Scientology einen Rechtsstreit am Hals hat. Aber es ist das erste Mal, dass die Organisation sich als juristische Person vor Gericht verantworten muss. Angeklagt sind das "Celebrity Centre", die wichtigste Scientology-Struktur in Frankreich, ihr Leiter Alain Rosenberg und sechs weitere französische Mitglieder der Organisation. Die Verteidigung gibt zu, dass der Prozess "lebenswichtig" sei: "Wenn unser Mandant verurteilt wird, können die Scientologen in Frankreich nicht mehr tätig sein", sagte der Rechtsanwalt Patrick Maisonneuve dem "L'Express". *Ron Hubbard in Frankreich verurteilt* Eine erste Scientology-Vereinigung in Frankreich war 1995 aufgelöst worden, weil sie sich weigerte, Steuern zu zahlen: Statt sie als religiöse Gemeinschaft anzuerkennen, stufte Frankreich die Organisation seinerzeit als Sekte ein. Schon 1978 hatte ein französisches Gericht den Scientology-Gründer Ron Hubbard wegen Betruges zu vier Jahren Gefängnis verurteilt; der Science-Fiction-Autor aus den USA verlor den Prozess schon deshalb, weil er nicht zum Gerichtstermin erschien. Ende der 90er Jahre musste sich der ehemalige Ortsvorsitzende der Scientologen in Lyon vor Gericht verantworten, nachdem eine Anhängerin der Bewegung sich das Leben genommen hatte. Derzeit läuft in Frankreich, wo die Organisation schätzungsweise mehrere tausend Mitglieder hat, ein weiteres Verfahren, nachdem der belgische Pianist Alain Stoffen sie angezeigt hatte. *Am Rande des Selbstmordes* Stoffen war Mitte der 80er Jahre zu Scientology gestoßen und konnte sich erst 15 Jahre später dem "Reich des Hasses" befreien, wie er heute sagt. "Ich ertrage es nicht, dass diese Sekte weiterhin durch das Netz der Justiz rutscht", erklärt der Musiker, der gerade ein Buch über "Die Reise ins Herz von Scientology" geschrieben hat. Die Organisation habe seine Beziehungen zerstört und ihn an den Rand des Selbstmordes getrieben. "Ich will, dass die Masken fallen und dass die Wahrheit ans Licht kommt." Allerdings wird es nicht einfach sein. "Wenn ein Priester sich an Kindern vergeht, kann man nicht die ganze katholische Kirche anprangern", sagt Anwalt Maisonneuve. "Die Anklage muss beweisen, dass Scientology eine Bande von Schurken ist und die Absicht hatte, dies zu sein." 

Tages-Anzeiger 13.05.2009, Hugo Stamm
In der Rezession haben Sekten Hochkonjunktur
Mit den Sekten ist es wie mit den Drogen: Nach einer Phase der Angst und Empörung gewöhnt man sich an sie. Die Gefahr nimmt aber nicht ab. Ein aktuelles Ranking.
1.Scientology Scientology hat das umfassendste Heilsangebot, ein starkes Vereinnahmungssystem und vielfältige Missionsmethoden. 
Um Scientology ist es relativ ruhig geworden. Trotzdem bleibt die amerikanische Organisation die unbestrittene Nummer eins unter den Sekten. Zentrales Merkmal sind die radikale Einbindung und Vereinnahmung der Anhänger: Mitglieder der scientologischen Elite-Einheit Sea-Org unterschreiben einen Mitgliedschaftsvertrag über eine Milliarde Jahre. Gleichzeitig erhalten Sektenanhänger einen Scientology-Pass, der gültig ist, «solang das Universum existiert». Elite-Scientologen sind also bereit, ihre Seele auf alle Ewigkeit zu verkaufen. Dabei arbeiten sie 60 bis 80 Stunden pro Woche für ein besseres Trinkgeld und rutschen in eine radikale Gegenwelt ab, in der Sciencefiction die Realität überdeckt. Scientology verlangt von seinen Anhängern eiserne Disziplin. Wenn die Welt nicht in nützlicher Frist scientologisch wird, ist sie dem Untergang geweiht, trichterte der 1986 verstorbene Gründer Ron Hubbard seinen Kolonnen ein. Dies koste Schweiss und Tränen. Und viel Geld. Die Spendenskala reicht bis zu einer Million Dollar. Alle rackern sich durch das verschachtelte, teure Kurssystem. Mit Psychotechniken und Therapien wollen sie unsterbliche Genies werden. In der Kunstwelt von Scientology ist selbst der Glaube eine Technologie. Schliesslich ist die Heilslehre geprägt vom Geist der Sciencefiction-Romane Hubbards. Der einstige Chef von Scientology Österreich, Wilfried Handl, erklärt, die Sekte habe ihn zum Zombie gemacht. Nach Hubbard muss die Welt scientologisch werden. Weltweit soll es fünf Millionen und in der Schweiz 5000 Anhänger geben. Das sind Propagandazahlen, denn Scientology stagniert seit ein paar Jahren.
2. Zeugen Jehovas Zeugen Jehovas ist eine der grössten Sekten, die flächendeckend missioniert und die Gläubigen entfremdet. 
Die Zeugen Jehovas nannten sich einst ernsthafte Bibelforscher. Ernsthaft ist zumindest ihr Lebenswandel geblieben. Lebensfreude wird nicht zur Schau getragen, sie könnte Ausdruck satanischer Verführung sein. Ein Fest zum Geburtstag gibt es nicht, Rechtgläubige feiern nur Gott. Wer fremden Herren dient, verliert das Seelenheil. Deshalb leisten sie keinen Militärdienst und meiden politische Ämter. Der Gott der Zeugen Jehovas ist so übermächtig, dass er einen apokalyptischen Schatten auf die Welt wirft. Tatsächlich ist die Endzeit bei den Zeugen das Generalthema. Ihre Legitimation holten die Gründerväter Ende des 19. Jahrhunderts aus der Überzeugung des nahen Endes der Zeit, das sie aus der Bibel herleiteten. Gründer Charles Russell errechnete das Jahr 1914, seine Anhänger bereiteten sich mental auf den Tod vor - vergeblich. Die Zeugen verkündeten noch weitere apokalyptische Daten. Nun erklären sie wie andere Freikirchen auch, wir lebten «in den letzten Tagen». Tage, die nun schon Jahrzehnte dauern. Der Endzeitglaube stürzt viele junge Zeugen in einen Gewissenskonflikt. Sie überlegen sich, ob es sich lohnt, eine Ausbildung zu machen oder Kinder zu haben. Trotz der kapitalen Fehlprognosen entwickelten sich die Zeugen Jehovas zu einer grossen christlichen Glaubensgemeinschaft, die weltweit Millionen von Anhängern hat. Sie missionieren mit den Traktaten «Wachtturm» und «Erwachet». Die Zeugen Jehovas interpretieren die Bibel auf eigenwillige Weise. So auch das biblische Verbot, Blut zu sich zu nehmen. Deshalb verweigern sie Bluttransfusionen. Immer wieder sterben Gläubige deswegen. Erst kürzlich wieder eine 29-jährige schwangere Deutsche: Sie verblutete und liess das ungeborene Kind sterben.
3. Raël-Bewegung Der Wahn, den Menschen genetisch zu veredeln, und apokalyptische Ideen führen in eine Scheinwelt. 
Die Anhänger der weltweit aktiven Ufo-Sekte flüchten in eine Fantasy-Welt, in der Sciencefiction zur Wirklichkeit umgedeutet wird. Was für Aussenstehende als Autosuggestion und Konditionierung erscheint, empfinden die Anhänger als spirituelle Metamorphose. Als Zaubermeister amtet der heute 62-jährige französische Autojournalist Claude Vorilhon (Raël). Die Wandlung begann 1973. Ausserirdische, Elohim genannt, besuchten den Kultgründer mit ihren fliegenden Untertassen und offenbarten ihm, sie hätten vor 22'000 Jahren genetische Versuche unternommen. Dabei sei irrtümlicherweise das Abfallprodukt Mensch entstanden. Um ihr Missgeschick zu korrigieren, erkoren sie Vorilhon als Retter. Er soll ihnen bei der genetischen Veredelung des dekadenten Homo sapiens helfen. Die Endphase der Mission begann an Weihnachten 2002. Die Anhänger verkündeten, das erste Klonbaby Eve sei geboren. Die Meldung ging um die Welt. Heute sollen fünf geklonte Kinder existieren, gesehen hat sie aber niemand. Trotzdem könnte es dem Klonlabor der Sekte bald gelingen, Embryos im Reagenzglas zu erzeugen. Der Guru träumt sogar von der Erzeugung künstlicher Intelligenz: «Das Leben in einem Computer wird möglich.» Raëls Todessehnsüchte erinnern an den Massensuizid der Sonnentempler. «Für die Elohim zu sterben, ist das Schönste, was es auf diesem Planeten gibt», schreibt er in der Zeitschrift «Apocalypse». Dabei erinnert er an den mutigen Tod der Urchristen in den Löwengruben der Römer. Die Juden würden es den Opfern der Gaskammern verdanken, dass sie heute friedlich in Israel leben könnten. Die mehreren Hundert Schweizer Raëlianer gehören zu den aktivsten Anhängern Vorilhons. Jährliche Treffen fanden mehrmals im Wallis statt, wo die Ufo-Anhänger nackt auf Bergwiesen herumhüpften. Der Guru hätte sich gern in der Schweiz niedergelassen, doch die Walliser Behörden verweigerten ihm die Bewilligung. Sexpraktiken und Klonen widersprächen der Bundesverfassung. Das Kantonsgericht hielt fest, die Sexualerziehung der Kinder könnte pädophile Akte begünstigen.
4. Universale Kirche Die Angst vor Handystrahlen und antisemitische Tendenzen führen zur radikalen Bindung an die Pseudokirche. 
Die Universale Kirche (UK), auch Bruderschaft der Menschheit genannt, gehört zu den theosophischen Bewegungen. Guru Leach Lewis glaubt, auf medialem Weg spirituelle Botschaften von aufgestiegenen Meistern oder Avataren aus den kosmischen Sphären zu empfangen. Sein autoritäres Verhalten, der Absolutheitsanspruch und die antisemitische Geisteshaltung machen die UK zu einer Sekte mit erheblichem Gefahrenpotenzial. Mit ihrer Unterorganisation Weltfundament für Naturwissenschaften verbreitet sie Horrorvisionen jenseits religiöser Anschauungen. Wissenschaftler der Sekte behaupten, Handystrahlen und Mikrowellengeräte seien schlimmer als der Holocaust und würden Millionen von Opfern fordern. Die Schweiz ist die Drehscheibe des international tätigen Kultes. Wegen antisemitischer Aussagen («In ihrer satanischen Gier haben die Juden den 3. Weltkrieg angezettelt») wurden führende Mitglieder in der Schweiz verurteilt. Der 71-jährige Peter Leach Lewis, der zeitweise mit einer Einreisesperre belegt worden war, sieht sich als der wiedergeborene Jesus. Mitglieder der UK tauchen in eine radikale Schein- oder Gegenwelt ab, die geprägt ist von Verfolgungsängsten. Der Guru zeichnet irrationale Bedrohungsszenarien, um seine Anhänger von der realen Welt zu entfremden und an die Bewegung zu binden. Er verlangt bedingungslosen Gehorsam: «Seid ihr bereit, für euer Leben zu kämpfen? Seid ihr bereit, euer Leben für euern Mit-Chela zu geben?», schrieb er. (Mit-Chela bedeutet Glaubensbruder.) UK-Mitglieder versuchen mit vielfältigen Aktionen und Unterorganisationen, ihre Ideen in die Gesellschaft zu tragen. Sie bieten in Schulen Vorträge über den sinnvollen Umgang mit Handys an und geben die Zeitschrift «Zeitenschrift» heraus. Die Sekte hat vor allem auch bei höheren Kadern Erfolg. So zählen ein einflussreicher Manager, ein ehemaliger Rektor einer Mittelschule und ein bekannter Wirtschaftsanwalt dazu. Die Zahl der Mitglieder wird auf rund 2000 geschätzt. In der Schweiz dürften es etwa 500 sein. Das Zentrum für Europa ist in Luzern, der Kultsaal in Rotkreuz.
5. VPM Hunderte von Akademikern und Lehrern tarnen sich geschickt und beeinflussen die Schweiz auch politisch. 
Vor sieben Jahren hat sich der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) aus taktischen Gründen aufgelöst, viele Anhänger sind aus Zürich in den Hinterthurgau geflüchtet. Um sich zu tarnen, haben sie zahlreiche Bürgeraktionen, Foren und Unterorganisationen gegründet. Nach dem Rückzug der VPM-Leute ins Tannzapfenland atmete Zürich auf. Die Psychosekte um die Führerin Annemarie Buchholz-Kaiser hatte viele Politiker, Behörden und Schulen mit ihren radikalen Ansichten und Aktionen auf Trab gehalten. Wer Kritik an ihren schul-, drogen- und realpolitischen Forderungen übte, wurde eingeklagt oder angezeigt. Verfolgungsängste und Weltschmerz trieben die VPM-Leute - meist Akademiker und Lehrer - in die Provinz. Angst vor Umweltverseuchung, atomarer Verstrahlung, Terrorismus und dem Dritten Weltkrieg schweissten sie zusammen. Wie zu Zeiten des Gründervaters Friedrich Liebling vor mehr als 40 Jahren treffen sie sich zu einer Art Massentherapie. Im Beisein der Chefin diskutieren bis zu 300 Anhänger in einem Saal in Sirnach psychologische und politische Grundsatzthemen. Jeder Besucher zahlt einen Obolus. Die Kasse führt nun nicht mehr der VPM, sondern Buchholz. Die Wühlarbeit geht weiter. Manche eidgenössische Abstimmung wäre ohne die VPM-Leute nicht zustande gekommen. Das jüngste Beispiel: Die Initiative «Volkssouveränität statt Behördenpropaganda» des unbekannten Vereins «Bürger für Bürger» war vor allem das Werk von VPM-Leuten. Als Propaganda-Vehikel dient die eigene Zeitung «Zeit-Fragen».

rbb-online.de, 09.04.2009
Scientology eröffnet Büro in Berlin-Spandau 
Die umstrittene Scientology-Organisation hat sich in Berlin ein weiteres Standbein geschaffen. Nach Informationen des rbb wird sie in Kürze in der Spandauer Altstadt ein Informationsbüro eröffnen. Im Umfeld dieses Büros in der Charlottenstrasse befinden sich drei Schulen. Das Bezirksamt Spandau hatte nach eigenen Angaben vom Abschluss des Mietvertrages nichts gewusst und erst in dieser Woche erfahren, dass sich Scientology im Bezirk niederlassen wird. 2007 hatte die Organisation ihre Deutschland-Zentrale in Berlin-Charlottenburg eröffnet. Auch damals wurden die Behörden überrascht. Da Scientology als verfassungsfeindlich eingeschätzt wird, wird die Organisation inzwischen wieder vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet.

chiemgau online, 04.04.2009
Kein Platz für Scientology 
Traunstein (bjr). Bestürzt über rege Aktivitäten der Scientology-Sekte in Traunstein zeigten sich die Traunsteiner CSU-Mitglieder auf ihrer jüngsten Sitzung. Laut Mitteilung der CSU-Vorstandschaft hatten Scientologen am Faschingssamstag einen Infostand auf dem Maxplatz aufgebaut. Viele Jugendliche und Kinder, die wegen des Faschingszuges in die Stadt gekommen waren, hätten Flyer und Werbematerial von Scientology erhalten. Dabei gelte die Organisation als extremistisch und werde seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Alle CSU-Mitglieder seien sich darin einig, dass Extremisten keinen Platz in Traunstein haben dürften und man entschieden gegen jede Form Extremismus eintreten müsse. In einer gemeinsamen Erklärung von CSU-Ortsverband, CSU-Stadtratsfraktion und Junge Union stellt sich die CSU gegen das offene Werben der Sekte in Traunstein. CSU-Ortsvorsitzender Karl Schulz erklärte, die politische Gruppierungen und alle Bürgerin Traunstein sollten sich gemeinsam gegen die Scientology-Organisation stellen. „Insbesondere sollten Eltern ihre Kinder aufklären und sie dazu anhalten, keinerlei Werbematerial anzunehmen.“ Wolfgang Osenstätter, Vorsitzender der CSUStadtratsfraktion forderte, dass die Stadtverwaltung alle rechtlich zulässigen Mittel ergreifen sollte, um Informationsstände oder ähnliche öffentliche Veranstaltungen von Scientology zu unterbinden. „Die Stadtratsfraktion wird hierzu Vorschläge einbringen.“ Kreistagsmitglied Gerhard Kotter sprach sich dafür aus, aktiv auf die Gefahren hinzuweisen, die von Scientology ausgehen. „Wegschauen verschlimmert das Problem. Es ist eine Bürgerpflicht, sich gegen Extremisten zu wenden.“ Der JU-Ortsvorsitzende Christian Hümmer, sagte, besonders Kinder und Jugendliche seien einer großen Gefahr ausgesetzt.

sueddeutsche.de, 01.04.2009, Christoph Kappes
Nachhilfestudio in der Hand von Scientology
Scientology betreibt nach Beobachtungen des Verfassungsschutzes eine sogenannte Lernakademie in Pliening. Für die Elterninitiative sind die Aktivitäten ein "rotes Tuch". Der bayerische Verfassungsschutz warnt in seinem jüngst veröffentlichten Bericht vor Aktivitäten der Scientology-Organisation in Pliening: Demnach wird in der Gemeinde ein Nachhilfestudio betrieben, unter dessen Adresse eine "ranghohe Scientologin" wohne. Elternvertreter berichten, die Organisation sei für viele in der Gemeinde schon seit Jahren "ein rotes Tuch". Die im Gemeindegebiet Pliening wohnhafte Scientologin ist laut Verfassungsschutzbericht seit längerem "für die SO (Scientology-Organisation, Anm. d. Red.) im Bereich Kinder- und Jugendarbeit tätig". Aufmerksam wurden die Verfassungsschützer durch Flugblätter, die im vergangenen Sommer für eine "Lernakademie" warben und über die es eine Beschwerde aus dem Plieninger Elternbeirat gab, wie ein Sprecher des Innenministeriums berichtet. Eine entsprechende Überprüfung habe Hinweise auf Scientology bestätigt. Daraufhin sei das Kultusministerium unterrichtet worden, das wiederum die Schulen über den Hintergrund der "Lernakademie" informierte. Der Betreiber der "Lernakademie" teilte auf Anfrage der SZ mit, er stehe vor Freitag nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. "Diese Lernakademie existiert in Gelting", bestätigt Max Huber, stellvertretender Vorsitzender des Plieninger Elternbeirats und Gemeinderatsmitglied für die Wählergruppe Gelting. Die Werbezettel für das Nachhilfestudio kursieren laut Huber schon seit längerer Zeit im Landkreis, im Juli 2008 seien sie dann erstmals auch in Briefkästen aufgetaucht. Daraufhin kam es zur Beschwerde aus dem Elternbeirat beim Verfassungsschutz, allerdings nicht vonseiten der Vorsitzenden, betont Huber. Laut Huber macht der Betreiber des Lernstudios kein Hehl aus seiner Zugehörigkeit zu Scientology. Eine Einladung, die "Lernakademie" zu besichtigten, lehnte Huber allerdings ab: Er wolle nicht Gefahr laufen, "als Gemeinderat und Elternbeiratsvorsitzender Werbung" zu machen. Man wolle die Sache jedenfalls "nicht an die große Glocke" hängen: "Die Leute wissen, was dahinter steht, danach können sie sich richten", sagt Huber. Manche scheuten auch deshalb eine Auseinandersetzung, weil sie fürchteten, das könnte "gefährlich mit denen" werden. AuchAnnette Stadler, Vorsitzende der Elterninitiative Pliening, beobachtet schon seit längerem Aktivitäten der Scientology-Organisation. So sei vor Jahren bekannt geworden, dass eine Geltinger Ballettlehrerin Mitglied der Organisation sei. Laut Stadler bat eine Scientology-Familie auch um Aufnahme in die Elterninitiative: Nachdem man aber mehrfach Vorbehalte signalisierte, sei der Antrag wieder zurückgezogen worden. Die Eltern in Pliening seien jedenfalls für das Thema "sensibilisiert". "Wir sind alle hellhörig". Wie aktiv die Organisation derzeit in der Gemeinde sei, wisse sie nicht zu sagen. Doch auch Stadler haben die Flugblätter aufgeschreckt: "Das ist ein rotes Tuch für uns." Eva Strauß, unabhängige Gemeinderätin und Jugendreferentin, beschäftigt das "Thema Scientology schon lange". Allerdings könne auch sie über keine aktuellen Vorfälle berichten, die Aufregung verursachten. Trotzdem herrsche "unter Eltern große Sorge".

Allgäuer Zeitung, 27.03.2009, Stefanie Heckel
Kaum Handhabe gegen unerwünschte Infostände Gesetzeslage - Stadt konnte rechte Gruppierung nicht ablehnen
Kempten  Darf eigentlich jeder einen Infostand in der Stadt aufbauen - egal, wie extrem das Gedankengut derer ist, die dahinter stecken? Diese Frage stellen sich viele seit bekannt wurde, dass vor zwei Wochen die rechte Gruppierung «Nationales Augsburg» einen Stand in der Fußgängerzone aufgestellt hatte (wir berichteten). Tatsächlich, so erläutert Kemptens Rechtsreferent Wolfgang Klaus, habe die Stadt kaum eine Handhabe. Vor sechs Jahren sei man vor Gericht «kläglich» mit dem Versuch gescheitert, einen Infostand der Organisation Scientology zu verbieten. Die Grundlage dafür, dass Infostände überhaupt aufgestellt werden können, liefert Klaus zufolge das Bayerische Straßen- und Wegegesetz. Dieses sehe vor, dass öffentlicher Raum «sondergenutzt» werden darf. Diese «Sondernutzung» allerdings muss von der Stadt genehmigt werden. Geregelt ist das in der Satzung, in der es auch ums Aufstellen von Verkaufsständen und Kiosken sowie um Plakatwerbung geht. «Wenn bei uns ein Antrag eingeht, können wir nur überprüfen, ob verkehrliche Belange eingehalten werden», so Klaus. Soll heißen: Wenn die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt werde, müsse die Erlaubnis in aller Regel erteilt werden. Deshalb sei übrigens auch das Amt für Verkehrswesen zuständig und nicht das Ordnungsamt. «Natürlich lassen wir uns vorher vorlegen, was am Stand passieren soll», ergänzt Klaus.
Solange damit aber nicht gegen das Gesetz verstoßen werde, könne so leicht niemandem ein Riegel vorgeschoben werden. Das habe sogar ein Gericht festgestellt. «Es ging um einen Stand von Scientology», erzählt Klaus. Diesen Stand ließ die Stadt verbieten. Die Organisation allerdings sei vor Gericht gezogen - und bekam Recht. Die Begründung: Bei legalen Organisationen (und dazu zählt Scientology) habe die Stadt keine inhaltliche Prüfung vorzunehmen. Der Infostand sei durch die freie Meinungsäußerung gedeckt. Deshalb habe man den Stand der Rechten nicht verbieten können. «Dabei haben wir sogar bezüglich des Plakatmaterials recherchiert. Das stammt von einer Jugendorganisation der NPD und ist damit nicht verboten», so Klaus. Und auch die Polizei - mit ihr arbeite man in solchen Fällen zusammen - habe keinen Verstoß feststellen können.

merkur-online.de, 16.03.2009
Fürstenfeldbruck - Das Jugendamt warnt vor dem Verein „Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben“, 
der offenbar auch im Landkreis versucht, Fuß zu fassen. Bei der Aktion handle es sich um eine gezielte Werbekampagne von Scientology. Auf der Homepage des Vereins sei nicht auf den ersten Blick erkenntbar, dass es sich um einen Werbezug von Scientology handelt, berichtet Tobias Knie vom Landkratsamt. Nur ein Blick ins Impressum verrate es. Dies und eine genauere Prüfung via Innenministerium habe ergeben, dass der Verein mit Scientology verbunden ist und gezielt auf Jugendliche und Jugendeinrichtungen zugehen möchte. Ziel sei es, über Informationsveranstaltungen und die Versendung von Werbematerilien Interessenten zu finden und damit Jugendliche oder Personen, die im Jugendbereich arbeiten, für sich zu gewinnen.

newsclick.de, 13.03.2009, Michael Ahlers
Verfassungsschutz beobachtet Scientology 
Umstrittene Organisation soll in Hannover auf Immobiliensuche sein
HANNOVER. Mit angeblichen Expansionsplänen in der Landeshauptstadt machte Scientology schon öfter Schlagzeilen. Der Verfassungsschutz sieht es gelassen. Erleuchtung sieht anders aus. In Hannovers Odeonstraße muss sich Scientology mit Räumen in einem tristen Häuserblock begnügen. Laufkundschaft, die man gewinnen könnte, gibt es dort nicht. Das Viertel liegt in Bahnhofsnähe und ist doch isoliert. SPD und Grüne haben hier ihre Büros, Drogenberatung und Verbraucherschützer auch. "Jede Kirche sucht weltweit größere Gebäude wie in Berlin und Hamburg", sagt Scientology-Mann Jürg Stettler aus der Münchener Vertretung der Organisation. Mit "Kirche" meint Scientology sich selbst. Und über die Räume in der Odeonstraße, laut Scientology rund 300 Quadratmeter, sagt Christine Richter von Scientology Hannover: "Das ist zu klein, wir haben viele Anfragen." Dass Scientology nun gezielt Großgebäude an Ausfallstraßen sucht, weil im Zentrum nichts zu holen sei, bestätigt Stettler nicht. Konkrete Pläne gebe es nicht, längerfristig sei eine Veränderung aber schon ein Ziel, sagt er. Angebote gebe es, aber Makler wollten keinesfalls in die Schusslinie geraten. Der Verfassungsschutz wirft Scientology vor, ein totalitäres Herrschaftssystem durchsetzen zu wollen, im niedersächsischen Verfassungsschutzbericht ist der Organisation ein eigenes Kapitel gewidmet. Im Internet bietet der Verfassungsschutz zudem eine Telefonnummer für Aussteiger an. Scientology spricht von Diskriminierung, auch wenn Aussteigerberichte dem Ruf immer wieder verheerend schaden. "Man sieht und hört nach außen nichts", sagt Niedersachsens Verfassungsschutz-Präsident Günter Heiß über die aktuellen Aktivitäten von Scientology in Hannover. "Wenn die ein gutes Objekt in der Innenstadt finden, kann ich mir aber schon vorstellen, dass der eine oder andere Besucher da auch reingeht", sagt Heiß. Und das ist wohl keine Perspektive, die den Verfassungsschützern gefiele. In der großen Münchner Vertretung gibt man auch zu bedenken, dass Hannover ein kleiner Standort sei, mit Berlin oder Hamburg nicht zu vergleichen. So gesehen wäre ein repräsentativer Immobilienkauf, gelänge er denn, bestimmt ein besonderer Coup. "Die Pläne wurden bisher nicht umgesetzt", heißt es lapidar im jüngsten Verfassungsschutzbericht.

live-PR.com, 06.03.2009
Scientology jetzt auch in Argentinien als Religion anerkannt!
Scientology Kirche Argentinien hat ihren religiösen Charakter seit langem bewiesen. Der Sekretär für Glaubens-Angelegenheiten in Buenos Aires beschloss daher, die Scientology Kirche
Bereits im Dezember 2008 wurde der Beschluss vom Generaldirektor des nationalen Religionsregisters Argentinien gefasst, Scientology in das Register für Religionen einzutragen. Er sieht die Scientology Kirche Argentinien damit im Einklang mit Artikel 14 der Verfassung des Landes. Darin ist das Recht jeder Person festgeschrieben, ihre Religion frei praktizieren zu können. Der Präsident der Scientology Kirche Argentinien wurde somit am 11. Dezember 2008 von der Registerbehörde darüber informiert, dass Scientology „ihren religiösen Charakter in der Vergangenheit und auch heute präsentiert“. Aus diesem Grund wurde die Scientology Kirche Argentinien in das Register für Religionen unter der Nummer 4.006 eingetragen. Argentinien ist ein weiteres Land, das die Scientology als Religion anerkennt. Zu den weiteren Ländern gehören Portugal, Spanien, Schweden, Italien, Slowenien, Kroatien, USA, Ungarn, Venezuela, Ecuador, Costa Rica, Brasilien, Philippinen, Indien, Australien, Neuseeland, Südafrika, Kanada, Kasachstan, Kirgisistan, Taiwan, Nepal, Tansania und Sri Lanka. Seit der Entscheidung vom 5. April 2007 des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, ist dies das vierte Land, das Scientology als Religion anerkennt. Im April 2007 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass die Scientology Kirche unter den Schutz der Religionsfreiheit fällt. Dieses Urteil ist rechtskräftig und für alle 47 europäischen Länder uneingeschränkt gültig. Der Leiter der Scientology Kirche Argentinien empfand diese Anerkennung als sehr wichtig und als einen großen Triumph für die internationale Religionsfreiheit. Diese Anerkennung wurde in der gleichen Woche gemeldet, als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ ihren 60ten Jahrestag feierte. Die Scientology Kirche Argentinien hatte ihren Anfang im Jahre 1986. Das Interesse für die Dienste der Kirche und die religiösen Schriften des Stifters L. Ron Hubbard fand schnell großes Interesse. Bald darauf wurden die ersten Dianetik-Gruppen und Scientology-Missionen in der Hauptstadt Buenos Aires gegründet. Heute betreut die Hauptkirche in Buenos Aires 7000 Mitglieder, die verschiedene Dienste in Anspruch nehmen. Es gibt zudem Scientology-Gruppen in ganz Argentinien wie z.B. in Córdoba, Salta, San Juan, Ushuaia, Santa Cruz, Entre Ríos, Santa Fe, Rosario, usw. Außer der Kirche in Buenos Aires existieren zwei weitere Scientology Kirchen: eine in Stanta Fe und eine in Tucuman. Zwanzig Kilometer außerhalb von Buenos Aires, in San Isidro, existiert auch ein NARCONON-Center für Drogenabhängige. Das NARCONON-Selbsthilfeprogramm ist ein drogenfreies Langzeitkonzept, das sich seit Jahren weltweit bewährt hat. Es gibt Abhängigen die Chance, ein völlig neues Kapitel in ihrem Leben zu beginnen. Hier wird auch das erfolgreiche Entgiftungs-Programm von L. Ron Hubbard durchgeführt. „Scientology ist eine Religion im wahrsten Sinne des Wortes. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir nun im amtlichen Register für Religionen eingetragen sind. Dies war die einzige und richtige Entscheidung.“ teilte der Leiter der Scientology Kirche, Signore Libardi, der Presse mit.

openpr.de, 24.02.2009
CDU macht mobil gegen Scientology Politik, Recht & Gesellschaft Pressemitteilung von: CDU Spandau (openPR) - Keine
Werbeveranstaltungen auf öffentlichem Straßenland CDU-Fraktion bringt zur Aufklärung einen BVV-Dringlichkeitsantrag ein Der Vorstand der CDU Spandau hat sich auf seiner letzten Sitzung intensiv mit möglichen Aktivitäten von Scientology im Bezirk Spandau auseinandergesetzt. Scientology plant im Bezirk Werbemaßnahmen und will in 2009 verstärkt in der Spandauer Altstadt Menschen anwerben. Dies bestätigte das Spandauer Bezirksamt auf Anfrage. Für die Spandauer CDU steht fest: es darf keine falsche Toleranz gegenüber der Scientology-Sekte geben. Deshalb bring die Spandauer CDU in die nächste Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung einen Dringlichkeitsantrag „Scientology stoppen!“ ein: Kai Wegner, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der CDU Spandau und Arndt Meißner, Vorsitzender der CDU-Fraktion in der BVV Spandau: "Die Gefährlichkeit von Scientology wurde bereits vielfach diskutiert. Es rächt sich, dass in Berlin nach der Einstellung der nachrichtendienstlichen Beobachtung im August 2003 kein neuer Anlauf gestartet wurde, den Verfassungsschutz, wie in anderen Bundesländern, gegenüber Scientology tätig werden zu lassen. Der Staat darf nicht länger wegschauen, sondern muss sich dieser Bedrohung annehmen. Denn Scientology will ein anderes Wertesystem, eine andere Gesellschaft. Scientology setzt auf Fremdbestimmung und Unterdrückung; wir streiten weiterhin für die Freiheit und Eigenverantwortung des Einzelnen. Eine verbesserte Aufklärungsarbeit ist alternativlos. Unser Ziel ist es, dass kein Spandauer den Sektierern auf den Leim geht. Deshalb bitten wir den Runden Tisch für Demokratie und Toleranz gegen Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt sich mit dem Thema Scientology und der Mitgliederwerbung dieser Organisation auch in unserem Bezirk aktiv auseinanderzusetzen und darüber zu informieren."
Die Christlich Demokratische Union (CDU) Spandau setzt sich für den Berliner Bezirk Spandau ein und ist in insgesamt acht Ortsverbände aufgeteilt. Hier werden die -oftmals vermeintlich kleinen- Probleme des Kiezes genauso besprochen wie die große Politik. Die Spandauer Ortsverbände bieten Ihren Mitgliedern und Interessierten regelmäßige Diskussionsrunden, Stammtische zu unterschiedlichsten politischen Themen sowie gesellige Veranstaltungen an. Vorsitzender der CDU Spandau ist der Bundestagsabgeordnete Kai Wegner. Die CDU Spandau stellt mit Heiko Melzer, Matthias Brauner und Peter Trapp insgesamt drei Mitglieder im Berliner Abgeordnetenhaus.

Schaffhauser Nachrichten 14.02.2009
Scientology wirbt mit Bock und Munot 
Rechtlich kann gegen die Verwendung der beiden Symbole nicht vorgegangen werden. 
schaffhausen Seit kurzem ist Scientology in Schaffhausen präsent, und bereits wirbt sie mit zwei Schaffhauser Wahrzeichen für ihr neues Zentrum: Auf einem Flyer, den die Organisation in der Altstadt zu Werbezwecken an Passanten verteilt, ist vorne ein grosses Farbbild des Munots zu sehen, auf der Rückseite ist das Schaffhauser Kantonswappen in achtfacher Ausführung abgedruckt. Juristisch lässt sich kaum gegen die Verwendung der beiden Symbole vorgehen, aber sowohl beim Kanton als auch bei der Stadt fällt die Beurteilung des Sachverhaltes eindeutig aus: «Wir sind alles andere als glücklich über die Verwendung des Wappens», sagt Regierungspräsidentin Rosmarie Widmer Gysel. Vonseiten der Staatskanzlei legt man der Organisation zudem nahe, künftig auf die Verwendung des Schaffhauser Wappens zu verzichten. Die Gefahr, dass es zu einer Verwechslung mit amtlichen Dokumenten kommt, erachtet man beim Kanton indes als gering. Auch Stadtpräsident Thomas Feurer reagierte auf die Werbeflyer verärgert. Besonders stossend empfindet er, dass sich eine solch «undurchsichtige Organisation» mit Identifikationsmerkmalen der Region schmücke. Seine Besorgnis über die Scientology-Aktivitäten hat der Stadtrat der Gruppierung bereits im Vorfeld der Zentrumseröffnung mitgeteilt.

berlinonline.de, 07.02.2009
Scientology beschert Leitstelle für Sektenfragen viel Arbeit 
Werbung der Sektenzentrale in Berlin erregt Ärger BLZ Die Scientology-Organisation beschert der neuen Berliner Leitstelle für Sektenfragen viel Arbeit. In rund vierzig Prozent aller Anrufe von Ratsuchenden gehe es um diese Organisation, sagte der Dienststellenleiter Stefan Barthel am Freitag. Zumeist seien es Beschwerden etwa über aggressive Werbung. Zudem gebe es viele Anfragen, ob bestimmte Altersheime, Privatschulen oder Firmen etwas mit Scientology zu tun hätten. "Unter den einzelnen Gruppen ist Scientology diejenige, die uns am meisten beschäftigt", sagte Stefan Barthel. Über den Umgang mit der umstrittenen Organisation, die sich selbst als Kirche bezeichnet, war in der Berliner Politik lange gestritten worden. Ein Ergebnis dieser Diskussion ist die Leitstelle für Fragen zu Sekten und konfliktträchtigen Anbietern auf dem Lebenshilfemarkt. Sie wurde im September 2008 in der Senatsverwaltung für Bildung eingerichtet. Überdies wird Scientology laut Innenverwaltung auch wieder vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet, nachdem man die Observation 2003 eingestellt hatte. Da die BVG sich nicht bereit erklärt hatte, die Bushaltestelle direkt vor der Hauptstadt-Zentrale in der Otto-Suhr-Allee in Charlottenburg zu verlegen, hat das Bezirksamt dort eine Litfaßsäule aufstellen lassen. Auf ihr warnt seit gut zwei Wochen ein "Stopp"-Plakat vor der als verfassungsfeindlich eingestuften Organisation. An dieser Stelle waren immer wieder auch Jugendliche von Scientologen angesprochen worden. Die Innenminister der Länder hatten sich Ende des vergangenen Jahres auf Anraten von Verfassungsschutzämtern gegen die Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen Scientology, aber für eine Beobachtung ausgesprochen. Der Beschluss erfolgte gegen die Stimmen der Bundesländer Hamburg und Bayern, deren Verfassungsschutzämter sich am intensivsten mit der Sekte befasst haben. Der Berliner SPD-Innensenator Ehrhart Körting hatte sich 2007 noch für ein Verbot von Scientology ausgesprochen. Seine Partei setze nun vor allem auf Aufklärung und Wachsamkeit, sagte nun der Berliner SPD-Abgeordnete Tom Schreiber, Fraktionssprecher für Verfassungsschutz. Nach seinen Informationen hat Scientology die Anhängerschaft in der Hauptstadt bisher nicht vergrößern können. Die Mitgliederzahl stagniere bei rund 200. Scientology-intern gilt die Berliner Filiale jedoch seit letztem Jahr als "erfolgreichste Niederlassung auf dem Planeten", da keine andere weltweit derart viele Neumitglieder rekrutieren konnte. Der Erfolg beruht im wesentlichen darauf, dass die Mitglieder von Scientology seit etwa einem Jahr nicht mehr nur in der Berliner Innenstadt, sondern verstärkt auch in den großen Plattenbausiedlungen Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen rekrutieren. In der Innenstadt häufen sich nach Angaben des Sektenbeauftragten Barthel Beschwerden von Einzelhändlern, dass ihre Kunden durch aggressive Straßenwerbung belästigt würden. Dies sei insbesondere am Wittenbergplatz und am Alexanderplatz der Fall. Stefan Barthel wies auch darauf hin, dass Scientology ihr Internetangebot mit vielen Videos attraktiver gestaltet habe, um vor allem junge Leute anzusprechen. "Wir befürchten, dass die Organisation demnächst viel offensiver an die Schulen herangeht", sagte Barthel. "Da müssen wir gewappnet sein."

abendblatt.de, 12.02.2009
Scientology-Jägerin Caberta macht weiter 
In der Innenbehörde werden aber intern Gespräche geführt, welche andere Aufgabe für die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta künftig infrage kommt, sagte Behördensprecher Thomas Butter.
Die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta wird ihre Aufgabe weiter wahrnehmen. In der Innenbehörde werden aber intern Gespräche geführt, welche andere Aufgabe für sie infrage kommt, sagte Behördensprecher Thomas Butter. Caberta habe nach mehr als 16 Jahren den Wunsch geäußert, sich beruflich zu verändern. „Das ist zu respektieren.“ Butter wies Darstellungen zurück, Cabertas Dienststelle sei personell nicht gut ausgestattet. Die Stellenkapazität sei vor Monaten sogar noch ausgeweitet worden. Die Entscheidung, vorübergehend nicht besetzte Stellen wieder zu besetzen, sei längst getroffen worden.

abendblatt.de, 10.02.2009, Jan-Eric Lindner
Chefin der Arbeitsgruppe Sekten fordert mehr Unterstützung Scientology-Jägerin Caberta ist amtsmüde 
Die bekannte Expertin und Scientology-Gegnerin der Innenbehörde ist offenbar frustriert, dass sie nicht mehr Personal zur Verfügung hat.
Ursula Caberta, seit mehr als 16 Jahren Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology (AGS) in der Innenbehörde, will ihren Job offenbar aufgeben. "Frau Caberta hat vor einiger Zeit signalisiert, dass sie sich nach 16 Jahren innerhalb der Hamburger Verwaltung beruflich verändern will. Darauf hat die Behörde in enger Abstimmung mit Frau Caberta reagiert", sagt Thomas Butter, Sprecher der Innenbehörde. Hinter den Kulissen aber brodelt es mächtig. Es soll um die Nachbesetzung von Stellen in der AGS gehen - und darum, dass die bundesweit renommierte Sekten-Expertin mangelnde Unterstützung seitens der Behördenleitung beklage. Ursula Caberta will sich offiziell zu den Vorwürfen nicht äußern. Sie bestätigt aber, dass es Gespräche über einen Wechsel innerhalb der Verwaltung gebe. Caberta: "Ich bin offen für etwas Neues. Mehr gibt es derzeit nicht zu sagen." Allen Beteiligten, so heißt es in der Behörde, sei klar, dass ein Weggang Cabertas aus der AGS einschneidende Folgen haben könnte: Die Ex-Politikerin gilt als versierte Kennerin der Scientology-Machenschaften und anderer Sekten, hat internationale Kontakte und tritt in Diskussionsrunden und Talkshows als Speerspitze im Kampf gegen Psychosekten auf. Zahlreichen Aussteigewilligen hat sie geholfen, ein Leben außerhalb von Sekten oder dubiosen Vereinigungen aufzubauen. Dass die energiegeladene Buchautorin und Ex-Unterstützerin der Linkspartei einen "ruhigen" Job in der Verwaltung antreten wolle, halten Wegbegleiter für vollkommen ausgeschlossen. "Derzeit werden verwaltungsintern - immer in enger Absprache mit Frau Caberta - Gespräche geführt, die aber noch nicht abgeschlossen sind", so Butter. Laut "Bild" soll ein Wechsel in die Sozialbehörde im Raum stehen.
Caberta, die wegen ihres Kampfes gegen Scientology schon körperlich angegriffen wurde, unter anderem in den USA, mahnt nach Abendblatt-Informationen seit geraumer Zeit immer wieder eine bessere Personalausstattung ihrer Arbeitsgruppe an - bisher ohne greifbare Ergebnisse. Der SPD-Abgeordnete Andreas Dressel wirft der Innenbehörde deshalb Versäumnisse vor: "Der Psychokonzern Scientology hat es in mehr als 15 Jahren nicht hinbekommen, Frau Caberta zu zermürben. CDU-Innensenator Ahlhaus hat das aber offenbar in nicht mal zwölf Monaten geschafft." Dressel will mit einer Kleinen Anfrage an den Senat die Hintergründe des möglichen Behörden-Wechsels in Erfahrung bringen. Caberta war zuletzt immer wieder für ein Verbot der Scientology-Organisation eingetreten. Ein Vorstoß, den Hamburg gemeinsam mit Bayern unternommen hatte, war allerdings in der Innenministerkonferenz abgeschmettert worden. Die Sektenbeauftragte der Bundesregierung, Antje Blumenthal (CDU), würde es nach eigenem Bekunden bedauern, wenn Caberta die AGS verließe: "Ich kann verstehen, dass man nach 16 Jahren neue Aufgaben sucht. Doch es wäre schade, wenn ihr Fachwissen verloren ginge."

ignoranz.ch, 18.01.2009
Initiative ‘Jugend für Menschenrechte’: Scientology auf Menschenfang
Die neuste Masche der Psychosekte Scientology ist eine besonders Perfide. Mit einer, mit dem lässigen Titel “Jugend für Menschenrechte” betitelten Aktion, lockt Sie junge Menschen in ihre “Kirche”, ohne vorher deren wahren Hintergrund zu deklarieren. Zitate von einem Philosophen namens “Ron Hubbard” (gründer von Scientology) hängen gemäss Hugo Stamm, an den entsprechenen Veranstaltungen an den Wänden. Auch die offizielle Schweizer Webseite der Aktion “Jugend für Menschenrechte” zeigt erst auf den zweiten Blick den Sektenhintergrund. Mit Google lassen sich jedoch einfach die offenbar ziemlich grosse Verknüpfung der Aktion mit Scientology ermitteln: Scientology auf der Homepage von “Jugend für Menschenrechte”. Da finden sich dann auch die lässigen Zitate von Ron Hubbard. Das Thema wurde auch schon von den deutschen Medien aufgegriffen. Letzten Samstag berichtete die Hamburger “Tageszeitung”: „Eindringliche Warnungen” sprach gestern auch Ursula Caberta, die Leiterin der Arbeitsgruppe „Neuregionale und ideologische Gemeinschaften” im Rahmen der Broschüren-Vorstellung aus: Warnungen vor neuen Scientology-Aktivitäten in Hamburg. Unter dem Deckmantel des Namens „Jugend für Menschenrechte” sammele die Organisation derzeit – hauptsächlich im Stadtteil St. Georg – Unterschriften. Gezielt werde versucht, Jugendliche „in die Organisation zu ziehen”, so Caberta. Ein Blick in die Schweizer Medienberichterstattung zur Aktion “Jugend für Menschenrechte” zeigt, dass die Medienschaffenden in der Schweiz entweder den Bezug zu Scientology nicht kennen, oder diesen verschweigen. So sind folgende Artikel erschienen, ohne den Scientology-Hintergrund der Aktion zu nennen: 
Einsatz für die Menschenrechte, St. Galler Tagblatt, 20. Dezember 2005 
Solidarität , Basler Zeitung, 13 Dezember 2005 
Boswil Adventskonzert der Musikschule Boswil, Aargauer Zeitung, 8 Dezember 2004 
schaufenster - Spielen Sau-Glatt, St. Galler Tagblatt, 6 July 2004 
Damit hat die Aktion von Scientology ihr Ziel erreicht, Werbung für die Sekte machen, ohne deren Namen zu nennen. Und die Medien spielen das üble Spiel mit. Sehr clever…

Spiegel-Omline, 17.01.2009, Christian Fuchs
MENSCHENRECHTSINITIATIVE - Scientologen narren Uno und Politiker
Mit der Initiative "Jugend für Menschenrechte" versucht Scientology Menschen zu erreichen, die der umstrittenen Glaubensgemeinschaft eher kritisch gegenüberstehen. Nun ist dem Tarnverein der erste deutsche Politiker auf den Leim gegangen - und die Uno. Hamburg - Ein staubiger Bolzplatz irgendwo auf der Welt. Die zwei coolsten Jungs wählen der Reihe nach ihre Mitspieler aus. Nur ein kleiner Steppke im grünen Trikot bleibt übrig. Aus Wut kickt er den Fußball so feste über den Platz, dass es das Tornetz fast zerreißt. Alle jubeln, der Junior ist der Star. Das kurze Filmchen ist ein Werbeclip für das zweite Uno-Menschenrecht: keine Diskriminierung.
Produziert und auf YouTube hochgeladen hat den Clip die Initiative "Jugend für Menschenrechte", deren Ziel es ist, "die Jugend auf der ganzen Welt über Menschenrechte aufzuklären und ihnen dadurch zu helfen, wertvolle Verfechter bei der Förderung von Toleranz und Frieden zu werden". Den Aktivisten gehe es darum, Jugendlichen klarzumachen, wie wichtig "Menschenrechte und religiöse Toleranz" seien. Darum haben sie unter anderem zu jedem der 30 Menschenrechte einen kleinen Erklärfilm hergestellt. "Jugend für Menschenrechte" wirkt auf dem ersten Blick wie eine unabhängige harmlose Jugendorganisation, fast wie ein offizielles Projekt der Vereinten Nationen (Uno). Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die Gruppe jedoch als Scientology-"Front Group" - als eine Art inoffizielle Unterorganisation. 2001 gründete eine US-Lehrerin die "Youth for Human Rights", ab 2005 ist die Initiative auch in Deutschland aktiv.
Ungefähr hundert Scientologen in Hamburg, Berlin, München, Stuttgart und Erlangen betreiben im Namen der Menschenrechte Propaganda für die umstrittene Glaubensgemeinschaft. So sieht das Ursula Caberta, die Sektenbeauftrage der Stadt Hamburg. Die Menschenrechtsjugend versuche "über ein positiv besetztes Thema Nachwuchs für Scientology zu werben und die Sekte damit hoffähig zu machen", sagt Caberta. Und Michael Zügel vom Landesamt für Verfassungschutz in Baden-Württemberg warnte: "'Jugend für Menschenrechte' ist eine Hilfsorganisation von Scientology. Die Propaganda soll suggerieren, dass sich Scientology für Menschenrechte und Demokratie einsetzen würde. Aber hinter 'Jugend für Menschenrechte' verbirgt sich eine Organisation, die die Demokratie verachtet und unbotmäßige Mitglieder häufig menschenverachtend behandelt." Jugendgruppen umworben Unter dem Deckmantel der Menschenrechte werden also beispielsweise Unterschriften für eine Petition gesammelt, Menschenrechte als Unterrichtsfach in den Schulen zu lehren. Vergangenes Jahr versuchten Mitglieder von "Jugend für Menschenrechte" in München Jugendgruppen zu umwerben und luden Kinder zum "Tag der Menschenrechte" ein. Außerdem haben die verdeckten Scientologen einen Tanz choreographiert, mit dem sie in "Live-Performances" in deutschen Einkaufsstraßen für ihre Sache werben. Im Internet gibt es ein "Hip-Hop Musikvideo für Menschenrechte" und die Broschüre "Was sind Menschenrechte?". Das Büchlein wird im Verfassungsschutzbericht 2007 erwähnt und wurde laut Scientology bereits eine halbe Million Mal verteilt. In dem 36-seitigen "illustrierten Leitfaden für Kinder und Jugendliche" findet sich unter Zitaten von anerkannten Menschenrechtlern wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi auch ein Sinnspruch von L. Ron Hubbard, dem Gründer von Scientology. Mit dieser subtilen Gleichstellung versucht sich die Sekte aufzuwerten, kritisieren Sektenbeauftragte und Politiker. Michael Feiler vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz sieht die Aktivitäten als Teil einer "Expansionsstrategie", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Mit Erfolg, wie es scheint. Im Rahmen des 60-jährigen Jubiläums der Uno-Menschenrechtserklärung sind anscheinend selbst die Vereinten Nationen der Scientology-Kampagne aufgesessen. Bis Mitte vergangener Woche vertrieb der offizielle "United Nations Bookshop" die DVD "Youth for Human Rights" weltweit über das Internet. Das Video ist die Zusammenfassung aller 30 jugendgerechten Kurzclips zu den Menschenrechten, die auch im Internet zu sehen sind. Schon im vergangenen September veranstaltete "Youth for Human Rights International" einen Jugendkongress mit über tausend Teilnehmern aus 27 Ländern im Plenarsaal des Uno-Hauptquartiers. Der Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, und Prinz Albert von Monaco haben die vermeintlichen Menschenrechtler bereits öffentlich gelobt. Werbespots im deutschen Fernsehen Aber auch die Arbeit der deutschen Abteilung hat bereits Wirkung erzielt: Die Menschenrechtsspots liefen auf den Fernsehsendern DSF und Hamburg1, behauptet Sabine Weber von Scientology stolz. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte der Münchner Sender den Vorgang. Googelt man in Deutschland den Begriff "Menschenrechte", dann erscheint die Scientology-Seite von "Jugend für Menschenrechte" - als drittes Suchergebnis hinter Wikipedia und Amnesty International. Vor allem Schüler und Lehrer haben bisher Videos und Broschüren bei der Initiative für den Unterricht bestellt, sagt Jürgen Heise von "Jugend für Menschenrechte". Im Januar scheint nun auch der erste deutsche Politiker auf die verdeckten Scientologen hereingefallen zu sein. Zum Auftakt seiner Neujahrsansprache zeigte der Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Peitz, Bernd Schulze (parteilos), den Film zum zwölften Menschenrecht - nach eigenen Angaben ohne zu wissen, wer hinter der am Ende eingeblendeten Organisation "Jugend für Menschenrechte" steht. Mit der Sekte habe er aber nichts am Hut, sagte er der "Berliner Zeitung". Laxer Umgang mit Scientology Dieser laxe Umgang mit Scientology sei gefährlich, sagte die Sektenexpertin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Antje Blumenthal, SPIEGEL ONLINE. "Herrn Schulze scheint die Dimension der Scientology-Strategie gar nicht bewusst zu sein." Die Hubbard-Jünger stellten sich als Verfechter einer guten Sache hin, um alle Kritiker als Verrückte zu diskreditieren, glaubt die Abgeordnete. Darum werde sie dem Peitzer Bürgermeister einen persönlichen Brief senden. Obwohl der "überwiegende Anteil" der Mitglieder Scientologen seien, sieht Jürgen Heise von "Jugend für Menschenrechte" keinen Zusammenhang zu der Sekte: "Im unserem gesamten Material finden Sie keine Werbung für Scientology." Die Vorwürfe seien "einfach Bananas". Gleichwohl machte der Pressedienst der Scientology Kirche Bayern im August 2008 mit einer bebilderten Meldung auf eine Unterschriftenaktion der "Jugend für Menschenrechte" aufmerksam. Scientology-Sprecherin Sabine Weber, die die Kampagne vor ein paar Jahren noch selbst mit aus der Taufe gehoben hat, sagte SPIEGEL ONLINE: "Es geht bei der Initiative nicht um Scientology, sondern um Menschenrechte. Über 'Jugend für Menschenrechte' ist in Deutschland noch niemand Mitglied von Scientology geworden."