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2011

Sonntag / Mittellandzeitung, 11.12.2011
Basler Scientology-Hauptsitz verkauft
Die Sekte plant aber, einen neuen Tempel, ein so genanntes Ideal-Org- Gebäude, in Basel zu bauen Die Veräusserung des Grundstücks am Herrengrabenweg ist abgewickelt: Neuer Besitzer ist die Swiss Immo Trust AG. Aline Wanner. Nun ist klar, wer der neue Eigentümer des rund tausend Quadratmeter grossen Grundstücks am Herrengrabenweg 56 ist: die Aktiengesellschaft Swiss Immo Trust AG mit Sitz in Kaiseraugst. Die Firma kaufte die Parzelle der SK Basel GmbH ab, deren Geschäftsführer Scientology- Basel-Präsident Patrick Schnidrig ist. Heute befindet sich am Herrengrabenweg der Basler Hauptsitz von Scientology. Die Sekte plant aber, einen neuen Tempel, ein so genanntes Ideal-Org- Gebäude, in Basel zu bauen. Scientology bestätigte, dass sie deshalb in der Region mögliche neue Standorte prüfte. Im Frühjahr kaufte Schnidrig zusammen mit einem Zürcher Scientologen an der Burgfelderstrasse ein rund viertausend Quadratmeter grosses Grundstück, wie Recherchen des «Sonntag » zeigten. Ein Gebäude dort steht leer, in einem ist der Baukonzern Implenia eingemietet. Schnidrig gibt an, dass der Mietvertrag mit der Scientology-Kirche am Herrengrabenweg vorerst noch weiterlaufe. Bis Ende November wollte die Sekte eigentlich bekannt geben, wie weit die Planung des neuen Tempels in Basel bereits vorangeschritten sei. Schnidrig verweist nun aber auf Ende Jahr: Er hoffe, dass der Entscheid bis dann definitiv gefallen sei. DIE SWISS IMMO TRUST BESTÄTIGT, dass sie die Parzelle am Herrengrabenweg künftig nicht mehr als Standort für den Scientology-Kirche nutzen will. Das sagt der Verwaltungsrat der Swiss Immo Trust, David Wirz, gegenüber dem «Sonntag». Eine Umnutzung in eine reine Wohnimmobilie sei sinnvoll, da sich das Objekt in einer typischen Wohnzone befinde, schreibt Wirz. Und erklärt weiter: «Im Laufe des nächsten Jahres werden sicher Vorabklärungen in diese Richtung stattfinden.» Falls positiv, werde anschliessend ein Projekt für eine vollständige Sanierung samt Umnutzung zum reinen Wohnbau ausgearbeitet. DAVID WIRZ GRÜNDETE zusammen mit Rudolf Flösser 2007 die Vorläufer- Firma der Swiss Immo Trust AG; die Rioziom Immobilien GmbH. Flösser trat als Gesellschafter, Wirz als Geschäftsführer auf. Zwei Monate später wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und in Swiss Immo Trust AG umgetauft. Seither tritt Flösser offiziell nicht mehr in Erscheinung mit der Firma, erhielt aber damals für seine Stammanteile Aktien der Swiss Immo Trust. Wirz räumt aber ein, dass Flösser Kontakte zu Scientology pflegte. Wie weit diese gingen, sei ihm nicht bekannt. Wirz selbst bestreitet, Scientology anzugehören. Er verneint auch, dass die Swiss Immo Trust AG je Geld an die Scientology-Zentrale überwiesen habe. Auch er persönlich habe nie Geld an die Scientology- Sekte gespendet. Die Swiss Immo Trust AG tauchte allerdings auf einer vom Magazin «Beobachter» herausgegebenen Liste von Scientology-Firmen auf. In der Vergangenheit machte die Swiss Immo Trust AG mehrmals durch Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam. 2008 kaufte die Immobilienfirma ein Haus in Oberwil, kündete den Mietern und vermietete die Wohnungen zu sehr hohen Preisen an Fans während der Euro 08, bevor die Wohnungen saniert und als Eigentumswohnungen verkauft wurden. 2010 kaufte die Firma zwei über hundert Jahre alte Häuser am Spalenring 78 und 80, die Mieter erhielten trotz Widerstand die Kündigung. Dort sollen 18 neue Eigentumswohnungen entstehen.

Tageswoche, 05.12.2011, Dani Winter
Scientology-nahe Gruppierung ködert Leute am Rümelinsplatz
Scientology verstärkt ihre Aktivitäten in Basel. Nachdem bekannt wurde, dass die Psycho-Sekte im Hegenheimerquartier eine "Kirche" plant, ködert nun die Scientology-nahe "Bürgerkommission für Menschenrechte" (CCHR) auf dem Rümelinsplatz Passanten mit einer Anti-Psychiatrie-Ausstellung.
Bis vor einigen Jahren war das Modehaus Rümelin bekannt wegen seiner Damenmode für grosse Grössen. Und wegen seiner Schaufenster zur Weihnachtszeit, die beim Schaufensterwettbewerb Prix déco der "Basler Zeitung" stets zu den Favoriten gehörte. In diesem Advent sind die Schaufenster nicht eben weihnächtlich gestaltet. Stattdessen stechen Plakate und Bildschirme mit reisserischen Slogans ins Auge: Sie werben für die Ausstellung "Psychiatrie - Tod statt Hilfe" der "Bürgerkommission für Menschenrechte" (Citizen Commission on Human Rights, CCHR). Nachdem die Betreiber der Ausstellung tagelang unbehelligt Flyer an Passanten verteilten, erhielten sie am Montagmorgen Besuch von der Polizei. Grund: Für das Verteilen von Werbematerial auf der Allmend fehlt den Organisatoren die Bewilligung. Kaum war die Polizei verschwunden, verteilten die CCHR-Leute ihre Flyer munter weiter. In der Ausstellung werden an Stellwänden und auf Bildschirmen einschlägige Informationen über das "Milliardengeschäft Psychiatrie" verbreitet, insbesondere gegen das Verschreiben von Psychopharmaka. Dass die CCHR selbst einen Sinn fürs Geschäftliche hat, zeigt der Umstand, dass die Filme auf DVD verkauft werden. 
Verschleierte Nähe zu Scientology
"Wir stehen Scientology nahe, gehören organisatorisch aber nicht dazu", erklärt ein Mitarbeiter freimütig. Für weitere Auskünfte verweist der Mitarbeiter an den Veranstalter der Ausstellung, Felix Altorfer. Dieser stellt sich auf den Standpunkt, dass das Verteilen von Flyern für die Ausstellung keiner Bewilligung bedürfe. "Wir haben ein politisches Anliegen. Darüber zu informieren ist durch das Recht auf freie Meinungsäusserung gedeckt", erklärt er auf die Frage der TagesWoche, wieso seine Leute trotz polizeilichem Hinweis auf die fehlende Bewilligung weiterhin Flyer verteilten. Auch einen Hinweis auf die Nähe seiner Organisation zu Scientology findet er nicht nötig. "Wir sind eine unabhängige Organisation und viele unserer Mitglieder haben mit Scientology nichts zu tun." Was Altorfer antreibt, stand unlängst in der "Basellandschaftlichen Zeitung" (bz) zu lesen. Diese bot dem "Menschenrechtler" in ihrer Ausgabe vom 3. Dezember reichlich Platz, um seine Ansichten zu verbreiten: "Psychiatrie ist eine Pseudowissenschaft" lautet eine Aussage, "In der Psychiatrie ist niemand gut aufgehoben" eine andere. Dass die ominöse "Bürgerkommission" Scientology nahesteht, erfährt man in dem bz-Artikel nicht. Und das, obwohl das Mutterblatt der bz, die "Aargauer Zeitung" im Februar diesen Jahres in einem ausführlichen Artikel über die Aktivitäten der CCHR berichtete. Damals war die Ausstellung in Baden, wo sie für ähnlichen Ärger sorgte wie jetzt in Basel. 
CCHR sorgt nicht nur in Basel für Ärger
Im Juni sah sich die Zürcher Regierung veranlasst, in einer Antwort auf eine Anfrage der SP festzuhalten, keine Räume an Scientology vermieten zu wollen. Anlass für die Anfrage war die Vermietung der Alten Börse in Zürich an die CCHR für die Dauer von fünf Tagen. Die Zürcher Regierung erklärte die Vermietung mit dem Umstand, dass ihr der Zusammenhang zwischen CCHR und Scientology nicht bekannt gewesen sei. Ob sich der Besitzer der Liegenschaft Rümelinsplatz 1 bewusst ist, an wen er seine Räumlichkeiten vermietet hat, ist unklar. Die Liegenschaft wurde im Oktober 2006 von der Basler Klimson AG an die Shinma Holdings S.à.r.L. mit Sitz im luxemburgischen Schuttrange verkauft. Die Klimson AG besass das Gebäude während der Zeit, in der es das Modehaus Rümelin beherbergte. Scientology hat ihren Hauptsitz in Basel am Herrengrabenweg 56. Diese Liegenschaft soll zugunsten eines geplanten Kirchenbaus aufgegeben werden: Laut einem Bericht im "Sonntag" vom 30. Oktober plant Scientology im Hegenheimerquartier eine von vier "Ideal-Org"-Kirchen Europas. Neben dem Hauptsitz führt die Sekte eine Niederlassung an der Rebgasse 5. Auch am Claraplatz werden Leute offensiv von Scientology-Vertretern angesprochen und zu sogenannten "Persönlichkeitstests" eingeladen. Darauf angesprochen, erklärt Polizeisprecher Klaus Mannhart: "Das aggressive Werben von Scientology war früher ein grösseres Thema als heute." Diesbezügliche Klagen habe es aber seit mehreren Jahren nicht mehr gegeben. Wer in Basel Informationsmaterial unter die Leute bringen will, braucht dafür die Bewilligung für einen Infostand von der Allmendverwaltung. Scientology und ihr nahestehende Organisationen wie die CCHR hätten aufgrund ihrer Aktivitäten ein klar begrenztes Kontingent erhalten. Die aktuelle Aktion falle nicht darunter. Das unbewilligte Verteilen von Flyern ist wiederum in der Strassenverkehrsordnung geregelt und fällt damit in die Zuständigkeit der Polizei.

yahoo-Nachrichten, 01.12.2011
Ehemaliges Scientology-Mitglied: Angeblich zwölf Jahre auf Schiff gefangen
Es ist eine Geschichte, bei der einem kalte Schauer über den Rücken laufen. Das ehemalige Scientology-Mitglied Valeska Paris behauptete in einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC, dass sie zwölf Jahre lang von der umstrittenen „Scientology“-Organisation auf einem Schiff gefangen gehalten wurde. Grund sei der Ausstieg ihrer Mutter aus der Sekte gewesen. Normalerweise unternehmen Menschen auf Kreuzfahrtschiffen tolle Reisen. Für Valeska Paris war das luxuriöse Passagierschiff „The Freewinds“, auf dem Scientology Seminare der höchsten Mitgliedsebenen abhält, nach eigenen Aussagen zwölf Jahre lang ein Gefängnis. In einem Interview der Sendung „Lateline“ des US-Fernsehsenders ABC erhebt die in der Schweiz geborene Frau schwere Vorwürfe gegen die Sekte. Paris, die in eine Familie aus Scientology-Anhängern hineingeboren wurde, behauptet, sie sei im Alter von 18 Jahren im Auftrag von Organisationschef David Miscavige auf ein Schiff verbannt worden. Der Vorfall habe sich ereignet, nachdem ihre Familie aus der Sekte ausgetreten sei. „Im Grunde wurde ich festgenommen und mir wurde gesagt, meine Mutter hätte die Kirche angegriffen. Ich müsse mich von ihr trennen, da sie unterdrückend sei“, so Paris gegenüber ABC. Man habe ihr mitgeteilt, dass der Aufenthalt auf dem Schiff zwei Wochen andauern würde. Laut Paris wurden daraus zwölf Jahre. Beim Betreten des Schiffs seien ihr die Ausweispapiere abgenommen worden. Zudem sei sie auf der „Freewinds“ isoliert wie auf einer Insel gewesen: „Demnach ist es etwas schwierig [zu flüchten]. Außerdem war ich damals 18 Jahre alt. Ich war mein ganzes Leben lang bei Scientology. Es ist nicht so, dass ich gewusst hätte, wie ich fliehen soll.“ Auf dem Schiff habe sie arbeiten müssen – zum Teil bis zu 48 Stunden am Stück. Außerdem habe sie nie allein von Deck gehen dürfen. Lesen Sie auch: Mordfall in Polynesien: Verdächtiger stellt sich Laut Paris‘ Aussage habe sie den Scientology-Mitgliedern durchaus zu verstehen gegeben, dass sie das Schiff verlassen wollte: „Ich wollte nicht dort sein. Ich habe deutlich gemacht, dass ich nicht da sein wollte.“ Das wiederum sei als schlechte, moralische Einstellung und damit als falsch angesehen worden. Im Alter von 14 Jahren habe Paris einen „Vertrag“ mit Scientology unterschrieben. Darin habe sie sich für eine Milliarde Jahre der Sekte verpflichtet. Im Zuge dieses Bekenntnisses sollte auch die Verbundenheit mit ihrer eigenen Familie außer Kraft gesetzt werden, schreibt die britische Tageszeitung „Daily Mail“. Die Mutter Paris‘ war bei Scientology in Ungnade gefallen, nachdem sie die Sekte im französischen Fernsehen nach dem Selbstmord ihres Ehemannes angeprangert hatte. Der Self-Made-Millionär sei bei seinem Tod verarmt gewesen und beschuldigte Scientology, ihn um sein Vermögen gebracht zu haben. Aus Angst, die Mutter würde ihre Tochter aus der Sekte holen, schaltete sich angeblich Organisationschef David Miscavige persönlich ein und ordnete die „Gefangennahme“ der damals 18-Jährigen an. Laut „Daily Mail“ widerspricht Scientology in einem Statement den Vorwürfen Paris‘. „Sie wurde sicherlich nicht ‚gezwungen‘, da zu sein. Sie wurde auch nie dazu gezwungen, im Maschinenraum zu arbeiten“, wird daraus zitiert. Auch dass sie das Schiff nur in Begleitung habe verlassen dürfen, entspreche nicht der Wahrheit.

Tagesanzeiger, 01.12.2011, Renaud Malik
Die Genfer Sklavin auf der Freewinds
Zwölf Jahre lang wurde Valeska Guider an Bord des schwimmenden Hauptquartiers der Scientologen festgehalten. In der Zeitung "Le Matin" schildert sie ihren langen Leidensweg.
Was verbirgt die Freewinds, diese Luxusjacht, die in der Karibik kreuzt und die Fahne der Scientologen hisst? Für die einen ist sie ein Ort für religiöse Einkehr und Studium. Für andere ist sie ein "schwimmender Vatikan", auf dem die Geheimschriften der Organisation versteckt sein sollen. Die Wirklichkeit könnte noch dunkler sein, wenn man Valeska Guiders Zeugenbericht vor ein paar Tagen auf dem amerikanischen Fernsehsender ABC glauben will. Die gebürtige Genferin erzählte dort, sie sei während zwölf Jahren an Bord der Freewinds festgehalten worden. Auf Anfrage der Zeitung "Le Matin" bestätigt die 34-jährige Ex-Scientologin mit Nachdruck: Sie sei 1996 gegen ihren Willen auf das Schiff gebracht worden, auf dem sie ein "Sklavendasein" führte bis 2007. Ein langer Leidensweg, der sie dazu brachte, endgültig die Organisation zu verlassen, der sie seit Kindsbeinen angehörte. Die Tochter von Scientologen Valeska war Scientologin seit ihrer Geburt. "Meine Eltern, Ariane und Jean-François, waren beide Mitglieder der Kirche. Ich habe gute Erinnerungen an meine ersten Jahre in Genf. Alles änderte sich, als ich sechs Jahre alt war, im Jahr 1983." Die Eltern lassen sich scheiden, der Vater erhält das Sorgerecht und beschliesst, seine Kinder nach England zu schicken in ein scientologisches Zentrum mit Internat. Für Valeska beginnt damit ein Leben voller Frondienste: "Wir mussten arbeiten wie Dienstmädchen, meine Schwester und ich. Es war unerträglich." Trost findet sie in den Ferien in Meyrin (GE) bei ihrer Mutter und deren neuem Ehemann, Albert Jacquier, einem reichen Genfer Scientologen. "Wir liebten die Zeit in diesem Haus, wo wir gut essen und in geheizten Zimmern schlafen konnten!" Trotz allem gewöhnt sich Valeska langsam an ein Leben, das der Scientology gewidmet ist. 1992 beschliesst sie, in die Sea Org einzutreten, eine Elitetruppe der Scientologen. Dazu unterzeichnet sie den berühmten "Vertrag für eine Milliarde Jahre", obligatorisch für alle Mitglieder. "Ich hatte immer gehört, der Sea Org beizutreten, sei ein Dienst an der Menschheit. Ich glaubte daran." Auch in Clearwater ist sie billige Haushaltskraft Die 14-Jährige kommt nach Clearwater, in die Landbasis der Sea Org in Florida. Dort beschränkt sich ihre Aufgabe wiederum auf den Haushalt - waschen und bügeln vor allem - im Dienst der Führungskräfte. Ein Häftlingsleben? Vielleicht. Aber damals war Valeska noch einverstanden damit. 1996 ändert sich alles, als Valeskas Mutter öffentlich mit Scientology bricht und auf TF1 erzählt, wie ihr die Organisation ihre Kinder geraubt habe. Sie wird umgehend als "Antisoziale" geächtet. Trotzdem versucht sie, mit Valeska in Kontakt zu bleiben. Doch die Sea Org befiehlt der jungen Frau, sich auf der Freewinds einzuschiffen, um sie dem Einfluss ihrer Mutter zu entziehen. "Man sagte mir, es sei nur für zwei Wochen", erinnert sich Valeska. Bei ihrer Ankunft an Bord zeigt sie Widerstand. Sie bezahlt dafür, man teilt ihr harte Arbeiten zu und überwacht sie ständig. "Ich musste für den Schiffsunterhalt arbeiten und dann im Restaurant servieren. Ich arbeitete jeden Tag für 50 Dollar die Woche. Ich konnte das Schiff nur unter Begleitung verlassen und musste eine Erlaubnis einholen für jeden Ruhetag." Manchmal, sagt sie, habe sie versucht, sich aufzulehnen. Aber Flucht war unmöglich: "Man hatte mir meinen Pass weggenommen, ich hatte kein Bankkonto. Ich war mitten im Nirgendwo, mit einem Wächter, der das Schiff überwachte. Ich wusste nicht, wo meine Eltern waren. Ich hätte nicht gewusst, wohin." In der "Rehabilitation" lernt sie ihren Mann kennen Die Rettung kam durch ihre wiederholten Gehorsamsverweigerungen. Im Dezember 2007 schickte man sie nach Australien in einen "Rehabilitationsaufenthalt". Dort lernte sie ihren jetzigen Mann Chris kennen. "Wir haben heimlich geheiratet, im März 2009. Einen Monat später haben wir Scientology verlassen." Heute lebt sie in Australien mit ihrem Mann und ihrem kleinen Jungen. Entschlossener denn je, die Öffentlichkeit über ihre Vergangenheit als "Sklavin" aufzuklären. Sie ist sich auch bewusst, dass ihr Zeugenbericht schwer wiegen kann in Prozessen gegen Scientology in Australien und Frankreich. Die Verantwortlichen der Organisation bemühen sich allerdings, ihre Aussagen herunterzuspielen. "Das ist ein Einzelfall", meint die Scientology-Sprecherin für die Westschweiz, Francine Bielawski. Ein Einzelfall, wirklich? Die Präsidentin des Interkantonalen Informationszentrums zu Glaubensfragen (CIC), Brigitte Knobel, weist darauf hin, dass weitere Fälle von Zwangsarbeit bei Scientology "der Justiz zur Kenntnis gebracht wurden". Valeska ist überzeugt, dass andere Gleiches erlebt haben. "Und ich werde alles tun, damit dies bekannt wird."

derstandard.at, 03.11.2011
Berufungsprozess gegen Scientology gestartet
Einrichtungen sollen Anhänger unter Druck gesetzt haben Paris - Ein Berufungsprozess gegen zwei Einrichtungen von Scientology hat am Donnerstag in Paris begonnen. Ihnen wird vorgeworfen, Anhänger psychisch unter Druck gesetzt zu haben, um sich an ihnen zu bereichern. In erster Instanz waren die beiden Einrichtungen - das in Paris ansässige Celebrity-Zentrum und seine Buchhandlung - im Oktober 2009 zu Geldstrafen von insgesamt 600.000 Euros verurteilt worden.
Der Anwalt der gegen Sekten ankämpfenden Organisation Unadfi, Olivier Morice, hofft, dass in dem bis zum 1. Dezember dauernden Prozess die "Methoden und Techniken" verurteilt werden, mit denen sich die Scientology-Bewegung an ihren Mitgliedern bereichert. Scientology sei ein "Unternehmen", argumentiert Morice. Dessen wichtigstes Ziel sei es, an das Vermögen seiner Anhänger zu gelangen. Der erste Prozess war durch die Strafanzeige einer Frau ins Rollen gekommen, die rund 20.000 Euro für Bücher, Medikamente und "Kommunikationskurse" der Organisation gezahlt hatte. Haft auf Bewährung Der Leiter des französischen Scientology-Ablegers, Alain Rosenberg, bekam eine zweijährige Haft auf Bewährung und 30.000 Euro Geldstrafe auferlegt. Vier andere Anhänger der Scientology-Bewegung erhielten ebenfalls Bewährungs- beziehungsweise Geldstrafen. Dagegen hatten sie Berufung eingelegt. Im ersten Verfahren hatte die Anklage auch die Auflösung der Scientology-Organisationen in Frankreich verlangt. Dies war aber unmöglich, weil im Mai 2009 - einige Monate vor der Urteilsverkündung - eine Gesetzesänderung verabschiedet worden war, die Sekten vor Auflösung schützte. Seither ermöglicht ein neues Gesetz zwar die Auflösung von sektenähnlichen Organisationen, die wegen Betrugs verurteilt wurden. Diese Neuregelung kann aber nicht rückwirkend und somit nicht auf die Scientology-Bewegung angewandt werden. Die 1954 gegründete Scientology-Bewegung gilt in den USA als Religion, in Frankreich wird sie hingegen als Sekte eingestuft. In Österreich ist Scientology weder eine anerkannte Religionsgemeinschaft noch eine eingetragene Bekenntnisgemeinschaft. Die Organisation beansprucht weltweit rund zwölf Millionen Mitglieder, davon 45.000 in Frankreich. Bekannteste Vertreter sind die Hollywoodstars Tom Cruise und John Travolta. (APA)

20min.ch, 23.10.2011
Neuer Tempel für Scientologen geplant - Scientology plant im St.-Johann-Quartier eine sogenannte Ideal Org einzurichten.
Die Zentren sollen zur «Rettung der Menschheit vor dem Zerfall der Zivilisation» dienen. «Um Wichtigkeit vorzutäuschen, mieten sie sich in Räume ein, die grösser als benötigt sind», weiss Sektenexperte Georg Otto Schmid. Die Sekte leidet nämlich an Mitgliederschwund. Hatte sie 1990 in der Schweiz noch 3000 Mitglieder, sind es heuer weniger als 1000. Schmid vermutet, dass dieser «Krebsgang» anhalten wird. Trotzdem müsse man die Sekte im Auge behalten. «Ihre Pläne sind brisant», sagt er. Laut «SonntagsBlick» sind im entsprechenden Gebäude im St.?Johann bereits Scientologen an der Arbeit.

Berliner Zeitung, 11.10.2011, Frank Nordhausen
Der Leutnant, der Scientology mit Scientology bekämpft 
Mark Rathbun war die Nummer zwei der Organisation. Dann stieg er aus, weil er die Gewalt nicht mehr ertrug. Er knüpft ein Netzwerk, um das System zu stürzen.
HAMBURG. Ein reuiger Sünder ist Mark Rathbun nicht. Er fühlt sich mehr wie Frankenstein, der ein Monster schuf, das er nicht mehr kontrollieren kann, sagt er. Er sieht mit Schrecken das Ergebnis. Braun gebrannt sitzt der 54-Jährige in einem Hotel in Hamburg und erzählt von seiner Zeit bei Scientology. Mark Rathbun war einmal die Nummer zwei der Organisation, bis er vor sieben Jahren ausstieg. Jetzt ist er der größte Widersacher der Sekte und ihres Anführers David Miscavige. Er will, dass Schluss ist mit dem "Wahnsinn". Auf seinem Internet-Blog ruft er dazu auf, eine Petition an die US-Regierung zu unterzeichnen: "Wir fordern, dass das Justizministerium unverzüglich eine Untersuchung der Aktivitäten der Church of Scientology beginnt." Anfang September war Mark Rathbun zu Besuch in Hamburg. Er kam, um öffentlich über Scientology zu reden. Um "auszupacken", wie das Ursula Caberta nennt, die Hamburger Sektenbeauftragte, die ihn eingeladen hatte. Caberta war für Rathbun früher so etwas wie der Teufel persönlich. Wenn er sich jetzt mit ihr trifft, dann ist das, als ob der Lieblingssohn des Mafia-Paten zum obersten Staatsanwalt geht, um reinen Tisch zu machen. Einerseits. Andererseits hat sich Mark Rathbun zwar vom "System Scientology" gelöst, aber nicht von Scientology. Er sagt: "Ich bin und bleibe Scientologe." Er verdammt die Praxis, aber nicht die Ideologie des 1986 verstorbenen Sektengründers L. Ron Hubbard. Er ist ein Scientologe, der Scientology mit Scientology bekämpft. Ein befehlsgewohnter Mann, der umwerfend nett und ätzend arrogant sein kann. Einer, der von sich sagt: "Ich bin kein Opfer. Ich habe Dinge getan, die schlecht waren. Wer sich von mir geschädigt fühlt, soll kommen und mit mir reden. Viele haben das in den letzten zwei Jahren getan, und ich habe mich entschuldigt." Geld regelt alles Während der vier Tage in Deutschland hat Rathbun enthüllt, wie eine verhältnismäßig kleine extremistische Gruppe die Außenpolitik des mächtigsten Staates der Welt beeinflussen kann. "Wir haben ein Problem mit Deutschland gehabt", sagt er, "und das haben wir in Washington geregelt - mit sehr viel Geld." Immer wieder gerät er beim Reden über die "Church" unwillkürlich ins "Wir". "Wir sind in der Lage, einem Politiker Zehntausende Dollar zu spenden, ohne dass auffällt, woher das Geld kommt. Der Trick ist: Hunderte von Scientologen zahlen auf das Konto ein. Niemand weiß, dass es Scientologen sind." Einsatz unbegrenzter Geldmittel - das ist der Schlüssel zu allem, sagt Rathbun. Er kann genau erklären, wie Scientology die Clinton-Regierung dazu brachte, im Ausland für sie Partei zu ergreifen. Vor allem in Deutschland, wo die Sekte seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet wird und mehr als einmal über ein Verbot diskutiert wurde. Plötzlich wurde Scientology Gesprächsthema bei deutsch-amerikanischen Regierungstreffen; bis heute kritisiert das State Department die angebliche Diskriminierung von Scientologen in Deutschland. "Über die US-Konsulate wird Druck auf deutsche Politiker ausgeübt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen", sagt Mark Rathbun. Wie das geht? "Mit Lobbyismus." Als Scharnier zur US-Politik sicherte sich Scientology schon Ende der Achtzigerjahre die Dienste der bedeutendsten Washingtoner Anwalts-Kanzlei, Williams & Connolly. "Diese Kanzlei hat Bill Clinton in der Lewinsky-Affäre vertreten. Sie vertritt Tony Blair, Dick Cheney, Barack Obama. Alle Fäden laufen dort zusammen", sagt Rathbun. "Gewaltige Summen sind geflossen." Und er verrät, wie reich Scientology wirklich ist: rund drei Milliarden Dollar. Knapp eine Milliarde in der Kriegskasse. "Clinton brauchte Geld für seine Stiftung", sagt Mark Rathbun. "Also hat er es gekriegt." Die Lobbyarbeit der Sekte profitiert auch von ihren Hollywood-Stars. Tom Cruise habe Bill Clintons Telefonnummer gehabt und ihn mehrfach wegen Scientology angerufen, sagt Rathbun. "Ich saß neben ihm, als er mit Clinton telefonierte. Er traf sich auch mit Präsident Bushs Vizeaußenminister Armitage." Rathbun sagt, die Prominenten öffneten in Washington viele Türen, weil jeder sich gern mit ihnen zeige. "Scientology schickte die Schauspielerin Ann Archer ins Oval Office, um Clinton zu sagen, dass die Nazis in Deutschland stärker werden. Die Fox-News-Moderatorin Greta van Susteren hat die halbe Clinton-Administration in Sachen Scientology-Diskriminierung in Deutschland instruiert." John Travolta hätte ohnehin eine "direkte Kommunikationsleitung" ins Weiße Haus gehabt. Und das Ergebnis? "Die Kritiker wurden leiser, ein Verbot kam nie zustande." Es war die Zeit, als David Miscavige 5000 Scientologen in Los Angeles zurief: "Die Macht unserer Gruppe ist größer, als ihr es euch überhaupt vorstellen könnt!" Rathbun sagt: "Wenn man sich anguckt, wer heute in den Kernressorts der Obama-Regierung das Sagen hat, so sind es wieder die gleichen Leute, in die die Church 15 bis 20 Jahre lang investiert hat." Noch nie in der Geschichte von Scientology hat ein Abweichler die Sektenverbindung ins Weiße Haus so detailliert bezeugt. Es hat auch noch nie einen gegeben, der die Interna so gut kannte. Mark "Marty" Rathbun kam 1977 als junger Mann zu Scientology und blieb 27 Jahre, die meiste Zeit davon im innersten Führungszirkel. Miscavige vertraute ihm uneingeschränkt und machte ihn 1986 zum "Inspector General for Ethics", dafür zuständig, "Probleme zu bereinigen". Rathbun leitete Schmutzkampagnen gegen Kritiker ein und ließ prominente Abweichler fertigmachen. Er hat eingeräumt, dass er Beweismittel vernichtete, die Scientology gefährlich werden konnten. Er sagt: "Wenn du wissen willst, wie Scientology funktioniert, guck dir den ,Paten' Teil eins und Teil zwei an." Beim größten Coup seiner Laufbahn besteht Rathbun allerdings darauf, dass alles legal gelaufen sei. 1993 wurde Scientology in den USA von der Steuer befreit. Vorher galt sie auch in Amerika als verrückte und gefährliche Sekte - und plötzlich war sie gemeinnützig, was ihr Hunderte Millionen Dollar ersparte und einen Zustand fast vollständiger Immunität einbrachte. Das Ziel sei mit "Unsummen von Geld" erreicht worden, sagt Rathbun. "Wir haben in Archiven nach Verfehlungen der Finanzbeamten gesucht. Dann brachten wir rund 2700 Klagen ein und legten die Steuerbehörde lahm - das zwang sie an den Verhandlungstisch." Wegen seiner unbedingten Loyalität galt Mark Rathbun als "bester Leutnant" des Scientology-Generals Miscavige. "Wenn irgendwas zu regeln war, hieß es: Marty, mach du mal." Rathbun kennt die tiefsten Geheimnisse, und Rathbun hat noch immer viele Freunde in der Sekte. Er war nicht nur ihr Vollstrecker, sondern galt auch als herausragender "Auditor" für Hubbards hypnoseähnliches "Auditing", das Kernstück der Scientology-Bewusstseinskontrolle. "Ich habe praktisch alle unsere VIPs auditiert: Tom Cruise, Kirstie Alley, Lisa Marie Presley, Isaac Hayes, John Travolta." Deshalb lehnen ihn selbst hoch indoktrinierte Scientologen nicht von vornherein ab. Er spricht ihre Sprache. Er versteht ihre Furcht vor der Außenwelt. Er sagt, dass viele Scientologen die teure "Brücke zur totalen Freiheit" satthätten. Dass sie aber eine Brücke nach draußen suchten, die ihnen die Trennung ermögliche. Seit er sich gegen den Sektendiktator wendet, hat Rathbun es mit denselben Methoden zu tun gekriegt, die er selbst einst anwandte. Sein Auftritt in Hamburg war begleitet von Scientology-Störmanövern. Der deutsche Scientology-Sprecher Jürg Stettler griff ihn an: Rathbun sei ein "Münchhausen", der 2002 wegen "zahlreicher und weitreichender Verfehlungen innerhalb der Scientology-Kirche von allen Ämtern enthoben" worden sei. Damit sind andere Vergehen gemeint, als jene, über die er eigentlich Bescheid weiß, aber nicht redet. Befohlene Selbstmorde? "Hat es nicht gegeben." Seltsame Todesfälle? "Wo sind die Beweise?" "Dafür war ich nicht zuständig", sagt er oft. Er muss befürchten, dass alles, was er sagt, auf ihn selbst zurückfällt. Die Polizei hätte ihn in Deutschland festnehmen können. Stattdessen wurde er von Scientology-Detektiven beschattet. "Wie von der Stasi", sagt er und lacht nervös. Er hat die Detektive gefilmt und die Videos auf seinem Blog veröffentlicht - markrathbun.wordpress.com ist seine Waffe im Feldzug, den er seit zwei Jahren gegen die Church führt. Mehr als vier Millionen Besucher hat er gezählt. Das macht der Scientology-Führung Angst. "Die Leute lesen den Blog, weil ich Hubbard nicht angreife", sagt er. Das gibt ihm die Chance, jene zu erreichen, die in der Blase leben, die eine Sekte bedeutet - und die sie abschirmt von Kritik und Medien. Mark Rathbun ruft ihnen zu: "Ihr braucht keine Organisation. Ihr braucht keine Gehirnwäsche. Ihr könnt Scientology mit viel weniger Geld betreiben." Dabei wollte sich Rathbun, als er im Dezember 2004 ausstieg, einfach nur wegducken. Er hatte genug vom Terror in der Scientology-Führung. Er spricht von ungezügelter Gewalt und einem Umgangston wie bei einer Vorstadt-Gang. Davon, wie David Miscavige seine engsten Mitarbeiter anbrüllt, verprügelt und würgt. Wie er 80 Manager, praktisch das gesamte obere Management, seit Jahren in einer Baracke im "Internationalen Hauptquartier" in der kalifornischen Wüste gefangen hält. "Sie müssen auf dem Fußboden schlafen und immer wieder vor allen anderen ihre Verbrechen gestehen. Weil Miscavige sie zu Feinden erklärt hat." Einmal meldete sich die Polizei, da schrieben die Gefangenen eidesstattliche Versicherungen: "Wir sind gerne hier. Es geht uns gut. Wir lieben David Miscavige." Scientology bestreitet diese Vorwürfe. Von dem Gefängnis in der Wüste berichten indessen auch andere Abweichler. Dort gehe es zu wie in einem chinesischen Umerziehungslager, bestätigt Mark Headley, ein früherer Scientology-Manager aus Denver, der 2005 ausstieg und es vorher mit Rathbun zu tun bekam. "Ich wurde dort eingesperrt und sollte etwas gestehen, das einfach nicht stimmte. Rathbun verhörte mich stundenlang. Dann ging er mit mir vor die Tür und schlug mir mit aller Kraft in den Magen. Er fragte: Gestehst du jetzt? Und ich sagte immer noch: Nein." Headley flüchtete kurz darauf mit einem Motorrad. Herrschaft oder Untergang Rathbun erzählt seine Fluchtgeschichte: "Ich musste meine engsten Mitarbeiter zusammenschlagen. Als Miscavige mir befahl, anzusehen, wie er meinen Freund Tom de Vocht misshandelte, ertrug ich es nicht, ging raus, setzte mich auf mein Motorrad und fuhr davon." Drei Jahre lebte Rathbun im Verborgenen, bis ihm andere Aussteiger erzählten, dass alles immer schlimmer wurde. "Deshalb habe ich mich Mitte 2009 an die Medien gewandt. Ich hatte Angst, dass Scientology in einem Blutbad endet. Mein Alptraum: Miscavige befiehlt die letzten tausend Scientologen in die Wüstenbasis und lässt seine Garde dann mit Maschinengewehren alle niedermähen. Er ist ein Soziopath, er will die Herrschaft oder den Untergang." Seit April werden Rathbun, seine Frau und ihre Besucher in ihrem Haus an der texanischen Golfküste von bis zu acht Scientology-Agenten rund um die Uhr observiert, gefilmt, geschmäht. Es sind Methoden, wie sie Rathbun einst selbst entwickelt hat. "Sie wollen, dass ich ausflippe", sagt er. "Natürlich habe ich Angst." Es hat einen Anschlag auf ihn gegeben. Doch Rathbun ist ein harter Knochen. "Niemals verteidigen - immer angreifen", den Leitspruch Hubbards wendet er gegen die Hubbardisten. Er hat Zuträger überall, wo es Scientologen gibt. Er knüpft ein Netzwerk. In Hamburg hat sich Rathbun dargestellt als größter Feind von Scientology - und als ihr größter Bewahrer. Scientology sei gut, es sei nur von Miscavige verdorben worden, hat er gesagt. Er benutzte den Begriff "Kirche" für eine Organisation, die in Deutschland als faschistoid gilt. Er machte keinen Hehl daraus, dass er Ex-Scientologen auditiert und davon lebt. Vor allem sein Bekenntnis zu Hubbard hat viele irritiert. Schon im Vorfeld hatte es Ärger gegeben - wie könne Caberta einem aktiven Scientologen ein Forum bieten? "Ich will, dass das System und Miscavige stürzen", sagt Caberta. Es ist ein Drahtseilakt. Im Internet unterstellen manche dem Aussteiger, er wolle eine eigene Kirche gründen. Wie eine Art "Martin Luther von Scientology". Er selbst sagt, er wolle nichts von der Church. Nicht ihre Methoden, nicht ihre Immobilien, nicht ihr Geld. "Es sollte den Opfern von Scientology gegeben werden." Am letzten Tag in Hamburg hat Rathbun zwei Dutzend Ex-Scientologen aus Europa um sich versammelt. Es ist ein Versöhnungstreffen. Die Ehemaligen drängen sich um ihn. Währenddessen erodiert der Konzern. Auf gerade noch 20000 Menschen schätzt Rathbun den harten Kern. "Ich gebe der Church noch drei Jahre", sagt er. "Aber das Counselling wird bleiben. Kleine Gruppen, die die Technologie trainieren. Scientology ohne die Church." Es ist seine persönliche Tragik, nichts anderes gelernt zu haben als Scientology. Deshalb weicht er Fragen nach dem menschlichen Wert der Ideologie aus. War es nicht Hubbard selbst, der Menschen foltern und sie wochenlang einsperren ließ? Der befahl, Abweichler "zu vernichten"? Ist Miscavige nicht Hubbards Ziehsohn? Rathbun bricht das Gespräch ab. "Ich bin für L. Ron Hubbard!", ruft er. Ich werde ihn verteidigen bis zum Tod!"

Israelheute, 05.10.2011
Scientology-Schule eröffnet 
Die Bewohner der israelischen Stadt Yehud im Tel Aviver Umkreis sind besorgt und wenden sich mit aller Kraft gegen die Eröffnung einer Schule mit Verbindungen zur Scientology-Sekte. Proteste, die wegen der Eröffnung der Atid- Schule (Schule der Zukunft) abgehalten wurden, blieben weitgehend ignoriert. Die Organisation Yad LeAchim hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Schule wieder schließen zu lassen. Zuvor residierte die Einrichtung in der Stadt Holon, aber nachdem sich Anwohner beschwert haben, Kinder würden „rekrutiert“ werden, wurde die Schule zum Umzug gezwungen. Trotz allem hat Israels Bildungsministerium die Atid-Schule offiziell anerkannt und sie wird von der Regierung finanziell gefördert. Yad LeAchim hat auch messianische Gemeinden in Israel ins Visier genommen. Vielen messianischen Juden wird dadurch die Einwanderung nach Israel verwehrt. Die israelischen Medien haben viel über messianische Gemeinden in Israel berichtet, was unter zahlreichen Israelis eine Welle des Verständnisses für den Kampf der messianischen Juden in Israel ausgelöst hat.

20min, 26.09.2011, Lena Berger
Scientology-Ideologie Drogenaufklärung mit Sekten-Broschüren von 
Eine Oberstufenschule hat für die Drogenaufklärung Material der Sekte Scientology verwendet. Ein Sektenexperte kritisiert die Verantwortlichen. Der Schulleiter ist bestürzt. Broschüren der Scientology: Fragwürdige Drogenaufklärung. Im Frühling wurde der damalige Neuntklässler G.H.* an der Oberstufenschule Avanti in Hochdorf mit diversem Infomaterial über Drogen aufgeklärt – als er kürzlich dieselben Aufklärungsbroschüren an einem Scientology-Stand in die Hand gedrückt bekam, traute er seinen Augen kaum. «Ich habe das damals nicht realisiert», so der Schüler. Auf der Rückseite der Broschüren wird auf den Verein Sag Nein zu Drogen verwiesen, wo auch Informationen zum Scientology-Gründer L. Ron Hubbard bezogen werden können. Mit dessen Hilfe hätten sich «bereits Hunderttausende von Drogen befreit». Solche versteckte Sektenpropaganda ist gemäss Martin Scheidegger von der Ökumenischen Sektenberatungsstelle Zentralschweiz äusserst gefährlich: «Jugendliche im Ablösungsprozess sind anfällig für solche Ideologien, weil sie falsche Versprechungen nicht durchschauen.» Er sieht die Verantwortung klar bei der Schule: «Schulen sind verantwortlich dafür, was ihren Schülern als Lernmaterial vorgesetzt wird.» Schulleiter Matthias Klaus erfuhr erst durch 20 Minuten von dem Vorfall. Er ist bestürzt: «Das hätte nicht passieren dürfen.» Er will nun mit den verantwortlichen Lehrpersonen das Gespräch suchen. 
*Name der Redaktion bekannt

Sonntagsblick, 18.09.2011, Sascha Schmid
Scientology sucht Kirche
Die Sekte sucht in Zürich nach eigenen Angaben ein grosses Haus – um Stärke zu demonstrieren. Lang war es ruhig um Scientology in der Schweiz – wohl zu ruhig für die Verantwortlichen. Nach Informationen von SonntagsBlick plant die umstrittene Organisation eine Offensive. Sie ist auf der Suche nach einem «repräsentativen Gebäude an zentraler Lage in Zürich», wie Sprecherin Annette Klug bestätigt. Noch sei man aber nicht fündig geworden. Dem widerspricht ein Insider: «Scientology hat intensiv Geld gesammelt. Man sagte uns, man habe für zehn Millionen Franken ein Haus gekauft. » Für diese Aussage spricht das Video einer Scientology-Spendenveranstaltung im Juli, das SonntagsBlick vorliegt. Bei dem Treffen in den USA wurde eine Liegenschaft in Zürich Schwamendingen gezeigt – eindeutig im Scientology- Look. «Die Zürcher haben jetzt ein Gebäude. Die Pläne für die Inneneinrichtung sind schon abgesegnet», heisst es im Video. «Dieser Film zeigt tatsächlich eine Version eines möglichen neuen Gebäudes in Zürich, das in der Vergangenheit zur Diskussion stand. Dass dies bei der Veranstaltung gezeigt wurde, war uns vorher gar nicht bekannt und deshalb etwas verwirrend», sagt Sprecherin Klug. Für den Sektenexperten Georg Schmid hingegen passen die Pläne ins Konzept der Organisation: «Scientology ist in den letzten Jahren sehr stark geschrumpft. Mit grossen Bauprojekten versuchen sie nach innen und nach aussen Wachstum vorzutäuschen. Meist verschwinden solche grossen Zentren nach kurzer Zeit klammheimlich.» 

Neue Zürcher Zeitung, 09. 09.2011
Rache-Manifest - Die Scientology-Kirche reitet eine Attacke gegen den «New Yorker»
Andrea Köhler «Freedom» prangt auf dem Heft, das letzte Woche im Gewand des renommierten Magazins «The New Yorker» erschien – mit dem gleichen Layout und der berühmten Figur von Eustace Tilley auf dem Cover, die seit der ersten Nummer im Jahr 1925 zum Markenzeichen der New Yorker Intellektuellen-Publikation wurde. Andrea Köhler «Freedom» prangt auf dem Heft, das letzte Woche im Gewand des renommierten Magazins «The New Yorker» erschien – mit dem gleichen Layout und der berühmten Figur von Eustace Tilley auf dem Cover, die seit der ersten Nummer im Jahr 1925 zum Markenzeichen der New Yorker Intellektuellen-Publikation wurde. Nur dass sich der Dandy mit Hut und Monokel auf dem Fake-«New Yorker» mit freier Brust und einer heruntergekommenen, schlampigen Attitüde präsentiert. «Der New Yorker: Was für eine geballte Ladung dummes Geschwätz» steht auf dem Titelblatt. Copyright: Church of Scientology. Beigelegt ist eine dreiteilige DVD, die «investigativen Journalismus im öffentlichen Interesse» zu vermitteln vorgibt. Umerziehungslager Die 51 Seiten umfassende Hochglanz-Parodie ist eine Antwort auf einen längeren Artikel von Lawrence Wright, der im Februar 2011 unter dem Titel «Der Abtrünnige» im «New Yorker» erschienen ist. Der Text basiert in erster Linie auf den Aussagen des Hollywood-Regisseurs und Scientology-Aussteigers Paul Haggis. Wright beschreibt die Kirche darin als einen halbkriminellen Kult, in dem Umerziehungslager und physische Misshandlung zu den geläufigen Disziplinierungsmassnahmen zählen. Das FBI prüfe unter anderem den Vorwurf des Menschenhandels und der Sklavenarbeit. Obschon Haggis als Drehbuchschreiber und Regisseur auf eine lange TV-Karriere zurückblickt (und im Jahr 2006 für den Film «Crash» zwei Oscars erhielt), ist er ausserhalb Hollywoods wenig bekannt. Haggis hatte sich Scientology bereits 1975 angeschlossen und sein halbes Leben in der Organisation verbracht. Doch erst nachdem er sich mehrfach vergebens über schwulenfeindliche Aktionen der Kirche beschwert hatte, entschied er sich 2009, mit ihr zu brechen. Homosexuelle, heisst es in Wrights Artikel, würden auf der hausinternen «Emotions-Skala» auf der untersten Stufe angesiedelt; für den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard firmierten sie auf «dem gefährlichsten und niederträchtigsten Grad». Die Kirche ist bekannt für ihre engen Verbindungen zu den Schönen und Reichen der Welt des Films und dürfte angesichts der sexuellen Liberalität Hollywoods von solchen Eröffnungen wenig begeistert gewesen sein. Denn Scientology rühmt sich damit, für ambitionierte Aspiranten des Filmgeschäfts oder strauchelnde Stars als Karrierehilfe und Psycho-Stabilisator zu operieren. Tom Cruise, seine Frau Katie Holmes, Kirstie Alley und John Travolta haben – den Intentionen des Gründers Hubbard folgend – ausgiebig Werbung für dessen «neue Religion» gemacht. Auch Haggis gehörte einst zu der Topliga. In der «Freedom»-Nummer wird er nun als «Heuchler von Hollywood» und als ein «Niemand» diskreditiert. Die kryptoreligiöse Organisation, die schon viele in den finanziellen und sozialen Ruin getrieben haben soll und ihre Gegner überall auf der Welt eisern verfolgt, ist für den Druck bekannt, den sie auf einstige Mitglieder ausübt. Sie ist zudem berüchtigt für ihr beinhartes Vorgehen gegenüber Medien, die diese als Quelle benutzen. Mit exorbitanten Schadenersatzforderungen verbundene Klagen gegen kritische Stimmen sind kein Einzelfall. Das «Time Magazine» sah sich nach einem Artikel unter der Überschrift «Der blühende Kult von Gier und Macht» mit einer 416-Millionen-Dollar-Klage konfrontiert. Sie wurde abgewiesen. Im Zuge solcher Aktionen wird auch das seit 1968 erscheinende Magazin «Freedom», das dazu dient, die Segnungen der Kirche in den prächtigsten Farben zu rühmen, gern als Diffamierungsorgan benutzt. Erst im Juli 2010 hatte Scientology ein ganzes Heft gegen den CNN-Moderator Anderson Cooper lanciert, flankiert von manipulierten Videos mit denunzierendem Material. Cooper hatte in einer fünfteiligen Serie die Kirche unter der Überschrift «Scientology: A History of Violence» attackiert. Hemdsärmlig und mimosenhaft In der jüngsten «Freedom»-Ausgabe, die – dem Usus der Kirche folgend – auch unentgeltlich vor dem Gebäude des «New Yorker» am Time Square verteilt worden war, wird das Magazin der antireligiösen Hetzkampagne, schlampiger Recherche und unzuverlässiger Quellen bezichtigt. In Wahrheit aber ist das Manifest eine 51 Seiten lange Polemik, in der nicht nur das «Schundblatt in literarischer Verkleidung», sondern – angefangen bei Kronzeugen bis hin zu Redaktoren und Fact-Checkern – sämtliche an dem Artikel beteiligten Personen diskreditiert werden. Unter der Überschrift «The New Yorker – falls Sie sich schon einmal gefragt haben, warum er keine Fotos bringt» wurden die Mitarbeiter überdies mit wenig schmeichelhaften Bildern porträtiert. Der «New Yorker», der bekannt ist für seine penible Recherche-Politik, hatte fünf Fact-Checker an das Stück gesetzt und der Kirche vor Erscheinen des Textes einen 971 Punkte umfassenden Katalog vorgelegt. Überdies kamen der Autor, das Recherche-Team des «New Yorker» und dessen Chefredakteur mit dem Sprecher von Scientology und vier Anwälten zu einer achtstündigen Sitzung zusammen, zu der die Kirche 48 Aktenordner angeschleppt hatte. Doch statt sich in diese zu vertiefen, behauptet Scientology nun, habe der «New Yorker» die Kirche nach monatelangem Schweigen mit einem weiteren «Angriff aus anstössigen, einseitigen, zumeist falschen und komplett bigotten Fragen» überfallen. Man mag sich wundern, was die Kirche sechs Monate nach Erscheinen von Lawrence Wrights Artikel mit diesem Rundumschlag bezweckt. Denn erfahrungsgemäss führen solche Kampagnen exakt zum Gegenteil des erwünschten Effekts. Wrights Text hat auf diese Weise jedenfalls neue Aufmerksamkeit gefunden – und die wütende Schmähschrift den schlechten Leumund der Kirche nur konsolidiert. Zumal die abgewandelte Cover-Karikatur des «New Yorker»-Dandys eine deutlich schwulenfeindliche Signatur aufweist. Zumindest in dieser Hinsicht gibt Scientology ihrem Kritiker nur allzu recht.

Neue Zürcher Zeitung, 09.09.2011
Rache-Manifest - Die Scientology-Kirche reitet eine Attacke gegen den «New Yorker»
Andrea Köhler «Freedom» prangt auf dem Heft, das letzte Woche im Gewand des renommierten Magazins «The New Yorker» erschien – mit dem gleichen Layout und der berühmten Figur von Eustace Tilley auf dem Cover, die seit der ersten Nummer im Jahr 1925 zum Markenzeichen der New Yorker Intellektuellen-Publikation wurde. Andrea Köhler «Freedom» prangt auf dem Heft, das letzte Woche im Gewand des renommierten Magazins «The New Yorker» erschien – mit dem gleichen Layout und der berühmten Figur von Eustace Tilley auf dem Cover, die seit der ersten Nummer im Jahr 1925 zum Markenzeichen der New Yorker Intellektuellen-Publikation wurde. Nur dass sich der Dandy mit Hut und Monokel auf dem Fake-«New Yorker» mit freier Brust und einer heruntergekommenen, schlampigen Attitüde präsentiert. «Der New Yorker: Was für eine geballte Ladung dummes Geschwätz» steht auf dem Titelblatt. Copyright: Church of Scientology. Beigelegt ist eine dreiteilige DVD, die «investigativen Journalismus im öffentlichen Interesse» zu vermitteln vorgibt. Umerziehungslager Die 51 Seiten umfassende Hochglanz-Parodie ist eine Antwort auf einen längeren Artikel von Lawrence Wright, der im Februar 2011 unter dem Titel «Der Abtrünnige» im «New Yorker» erschienen ist. Der Text basiert in erster Linie auf den Aussagen des Hollywood-Regisseurs und Scientology-Aussteigers Paul Haggis. Wright beschreibt die Kirche darin als einen halbkriminellen Kult, in dem Umerziehungslager und physische Misshandlung zu den geläufigen Disziplinierungsmassnahmen zählen. Das FBI prüfe unter anderem den Vorwurf des Menschenhandels und der Sklavenarbeit. Obschon Haggis als Drehbuchschreiber und Regisseur auf eine lange TV-Karriere zurückblickt (und im Jahr 2006 für den Film «Crash» zwei Oscars erhielt), ist er ausserhalb Hollywoods wenig bekannt. Haggis hatte sich Scientology bereits 1975 angeschlossen und sein halbes Leben in der Organisation verbracht. Doch erst nachdem er sich mehrfach vergebens über schwulenfeindliche Aktionen der Kirche beschwert hatte, entschied er sich 2009, mit ihr zu brechen. Homosexuelle, heisst es in Wrights Artikel, würden auf der hausinternen «Emotions-Skala» auf der untersten Stufe angesiedelt; für den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard firmierten sie auf «dem gefährlichsten und niederträchtigsten Grad». Die Kirche ist bekannt für ihre engen Verbindungen zu den Schönen und Reichen der Welt des Films und dürfte angesichts der sexuellen Liberalität Hollywoods von solchen Eröffnungen wenig begeistert gewesen sein. Denn Scientology rühmt sich damit, für ambitionierte Aspiranten des Filmgeschäfts oder strauchelnde Stars als Karrierehilfe und Psycho-Stabilisator zu operieren. Tom Cruise, seine Frau Katie Holmes, Kirstie Alley und John Travolta haben – den Intentionen des Gründers Hubbard folgend – ausgiebig Werbung für dessen «neue Religion» gemacht. Auch Haggis gehörte einst zu der Topliga. In der «Freedom»-Nummer wird er nun als «Heuchler von Hollywood» und als ein «Niemand» diskreditiert. Die kryptoreligiöse Organisation, die schon viele in den finanziellen und sozialen Ruin getrieben haben soll und ihre Gegner überall auf der Welt eisern verfolgt, ist für den Druck bekannt, den sie auf einstige Mitglieder ausübt. Sie ist zudem berüchtigt für ihr beinhartes Vorgehen gegenüber Medien, die diese als Quelle benutzen. Mit exorbitanten Schadenersatzforderungen verbundene Klagen gegen kritische Stimmen sind kein Einzelfall. Das «Time Magazine» sah sich nach einem Artikel unter der Überschrift «Der blühende Kult von Gier und Macht» mit einer 416-Millionen-Dollar-Klage konfrontiert. Sie wurde abgewiesen. Im Zuge solcher Aktionen wird auch das seit 1968 erscheinende Magazin «Freedom», das dazu dient, die Segnungen der Kirche in den prächtigsten Farben zu rühmen, gern als Diffamierungsorgan benutzt. Erst im Juli 2010 hatte Scientology ein ganzes Heft gegen den CNN-Moderator Anderson Cooper lanciert, flankiert von manipulierten Videos mit denunzierendem Material. Cooper hatte in einer fünfteiligen Serie die Kirche unter der Überschrift «Scientology: A History of Violence» attackiert. Hemdsärmlig und mimosenhaft In der jüngsten «Freedom»-Ausgabe, die – dem Usus der Kirche folgend – auch unentgeltlich vor dem Gebäude des «New Yorker» am Time Square verteilt worden war, wird das Magazin der antireligiösen Hetzkampagne, schlampiger Recherche und unzuverlässiger Quellen bezichtigt. In Wahrheit aber ist das Manifest eine 51 Seiten lange Polemik, in der nicht nur das «Schundblatt in literarischer Verkleidung», sondern – angefangen bei Kronzeugen bis hin zu Redaktoren und Fact-Checkern – sämtliche an dem Artikel beteiligten Personen diskreditiert werden. Unter der Überschrift «The New Yorker – falls Sie sich schon einmal gefragt haben, warum er keine Fotos bringt» wurden die Mitarbeiter überdies mit wenig schmeichelhaften Bildern porträtiert. Der «New Yorker», der bekannt ist für seine penible Recherche-Politik, hatte fünf Fact-Checker an das Stück gesetzt und der Kirche vor Erscheinen des Textes einen 971 Punkte umfassenden Katalog vorgelegt. Überdies kamen der Autor, das Recherche-Team des «New Yorker» und dessen Chefredakteur mit dem Sprecher von Scientology und vier Anwälten zu einer achtstündigen Sitzung zusammen, zu der die Kirche 48 Aktenordner angeschleppt hatte. Doch statt sich in diese zu vertiefen, behauptet Scientology nun, habe der «New Yorker» die Kirche nach monatelangem Schweigen mit einem weiteren «Angriff aus anstössigen, einseitigen, zumeist falschen und komplett bigotten Fragen» überfallen. Man mag sich wundern, was die Kirche sechs Monate nach Erscheinen von Lawrence Wrights Artikel mit diesem Rundumschlag bezweckt. Denn erfahrungsgemäss führen solche Kampagnen exakt zum Gegenteil des erwünschten Effekts. Wrights Text hat auf diese Weise jedenfalls neue Aufmerksamkeit gefunden – und die wütende Schmähschrift den schlechten Leumund der Kirche nur konsolidiert. Zumal die abgewandelte Cover-Karikatur des «New Yorker»-Dandys eine deutlich schwulenfeindliche Signatur aufweist. Zumindest in dieser Hinsicht gibt Scientology ihrem Kritiker nur allzu recht.

Berliner Zeitung, 28.07.2011, Thomas Schuler
Scientology Journalisten gesucht 
Die Kritik an Scientology verbirgt sich, wie hier in Deutschland, manchmal hinter einer Maske. Denn die Sekte lässt ihr bekannte Gegner ausforschen. von 
Berlin - "Investigative Reporter gesucht." Die Anzeige, die im Juli in einer amerikanischen Jobbörse im Internet erschien, klang interessant. Freie Journalisten sollten für eine seit 40 Jahren eingeführte Zeitschrift, die dem Allgemeinwohl verpflichtet sei, an langfristigen Projekten zum Thema Menschenrechte und Soziales recherchieren, die Bezahlung sei Verhandlungssache. Konkret habe die Chefredaktion Aufträge in New York, in Los Angeles und im Süden von Texas zu vergeben. Verlockende Aussichten in einem Land, in dem in den vergangenen Jahren mehr als 10 000 Journalisten gefeuert wurden und vor allem investigative Journalisten kaum Arbeit finden, weil ihre Recherchen zu kostspielig sind. Das Problem der Anzeige ist der Auftraggeber: die Scientology- Sekte. Reporter sollen mit den eigenen Waffen geschlagen werden Die selbst ernannte Kirche versucht mit Hilfe ihrer mehrsprachig erscheinenden Zeitschrift Freedom, die Krise vieler Zeitungen für ihre Zwecke zu nutzen. Statt um Menschenrechte und Religionsfreiheit geht es Scientology in Wirklichkeit meist nur um die eigene Freiheit. Journalisten sollen in ihrem Auftrag Kritisches über Aussteiger und Gegner schreiben. Die Sekte hat schon mehrfach versucht, Reporter mit deren eigenen Waffen zu schlagen und lässt sie dazu bei Recherchen und Interviews von ihren eigenen Mitarbeitern filmen. 2007 drehte sie ein Video über John Sweeney, der sechs Monate für eine BBC-Reportage recherchierte. Während der Interviews warf ihm Scientology wiederholt vor, er sei voreingenommen. Einmal verlor Sweeney die Nerven und schrie den Sprecher der Scientologen an. Er sei "explodiert wie eine Tomate", schrieb Sweeney später zerknirscht über den eigenen Auftritt, den Millionen sahen. Denn Scientology stellte den Ausschnitt am Tag der BBC-Ausstrahlung auf YouTube und veröffentlichte ein Video, um die Glaubwürdigkeit der BBC-Reportage anzugreifen. Videos über Kritiker Sweeney entschuldigte sich öffentlich, berichtete aber weiter kritisch über die Sekte. Freedom veröffentlichte damals lange Artikel gegen die BBC. 2010 wiederholte sich das Ganze mit CNN. Auf 20 Seiten und unter dem Titel "A History of Lies" (Eine Lügengeschichte) warf die Sekte dem Nachrichtensender CNN und seinem Journalisten Anderson Cooper vor, Tatsachen zu verdrehen und falsch und fehlerhaft zu berichten. Wieder produzierte Scientology ein Video, das dem Heft als DVD beilag. Wer wie BBC und CNN Kritiker und Aussteiger zu Wort kommen lässt, wird als Lügner beschimpft. Was Scientology mit Freedom produziere, sei kein Journalismus, sondern Marketing oder PR, betont Nicholas Lemann, der Chef der angesehenen Journalistenschule der Columbia University in New York. Ziel dieser Berichte ist vermutlich nicht die allgemeine Öffentlichkeit. Vielmehr will Scientology die eigenen Mitglieder beruhigen, die Kritik bitte nicht ernst zu nehmen. Doch die Sekte verzeichnet mit ihrer Strategie Teilerfolge. Mit einer ähnlichen Anzeige wie der eingangs erwähnten warb sie 2009 zwei namhafte, unter anderem mit einem Pulitzer-Preis und einem Emmy ausgezeichnete investigative Reporter an, um gegen die Tageszeitung St. Petersburg Times in Florida zu recherchieren. Die Zeitung ist der Sekte seit Jahrzehnten verhasst und Ziel ihrer Angriffe. Im 100 000-Einwohner-Küstenort Clearwater in Florida unterhält die Sekte eine von zwei Zentralen (die andere ist in Los Angeles). Scientology besitzt 54 Gebäude in Clearwater; in der Region leben rund 10.000 Scientologen. Wenig glaubwürdige Verteidigungen Als "Scientology Town" hat die St. Petersburg Times die Stadt beschrieben. Die führende Zeitung der Region gehört einer Journalistenschule - dem gemeinnützigen Poynter Institut - und hat die Sekte mit Enthüllungen immer wieder in Bedrängnis gebracht. Sie war es, die im Januar 1976 herausfand, dass sich Scientology unter falschem Namen eingekauft hatte. Scientology setzte die Times daraufhin als "Feind Nummer eins" an die Spitze einer Liste von Gegnern, die es gelte zu infiltrieren und zu bekämpfen. Die Times stand dort vor allen anderen Kritikern: dem Bürgermeister, dem Lokalfernsehen und den Justizbehörden. Mehrfach brach Scientology in die Anwaltskanzlei der St. Petersburg Times ein und gelangte so in den Besitz von Schriftsätzen, Memos sowie Briefen und erfuhr Details laufender Recherchen. Für ihre hartnäckige Aufklärung dieser Praktiken erhielt die Times 1980 den Pulitzer-Preis. Im Sommer 2009 veröffentlichte die Zeitung nach monatelangen Recherchen erneut eine aufwendige Enthüllungsserie. Einige der ehemals ranghöchsten Mitstreiter von Sektenchef David Miscavige hatten sich der Zeitung anvertraut und brachten gegen ihn schwere Vorwürfe vor. Während sich Miscavige von seinen Leuten als Erneuerer und gar Retter von Scientology feiern lasse, sei er in Wirklichkeit dabei, den Zusammenhalt zu zerstören. Er habe in der gesamten Organisation eine Kultur der Gewalt etabliert. Scientology betonte, die Vorwürfe seien "absolute und totale Lügen". Glaubwürdig klang die Sekte mit ihrer Verteidigung nicht. Das FBI ermittelt Mehrfach griff Scientology die Times zudem in ihrer Zeitschrift Freedom an und warf ihr "Diebstahl, Bestechung und Spionage" vor, außerdem Fanatismus, Scheinheiligkeit und "schwere Verstöße gegen journalistische Ethik". Warum? Weil die Times den Sektenchef Miscavige nicht zu den Vorwürfen befragt habe. Dabei hatte die Zeitung ihn mehrfach angefragt und eine Stellungnahme von Scientology abgedruckt. Was die namhaften Journalisten betrifft, die Scientology gegen die St. Petersburg Times anheuerte, so blieb es beim Teilerfolg der Anwerbung: Ihr 20-seitiger Bericht fiel offenbar nicht so kritisch aus, wie Scientology sich erhofft hatte, er wird bis heute unter Verschluss gehalten. Inzwischen haben mehrere nationale Medien, darunter CNN, die New York Times und die angesehene Zeitschrift New Yorker, die Kritik der Aussteiger aufgegriffen; die Bundespolizei FBI ermittelt angeblich wegen Menschenhandel. Zu den Aussteigern zählt Marty Rathbun, die ehemalige Nummer zwei bei Scientology. Rathbun fungierte als Auditor (eine Art spiritueller Berater und Beichtvater) des Schauspielers Tom Cruise und war maßgeblich beteiligt, als Scientology mit mehr als Tausend Einzelklagen massiv Druck auf die amerikanischen Finanzbehörden ausübte und so die Steuerbefreiung 1993 erzwang. Recherchen in Texas Darüber hat Rathbun ausführlich in Interviews gesprochen. Scientology führt Krieg gegen ihn. Man bekämpft sich gegenseitig im Internet in Blogs. Scientology hat offenbar ein Filmteam angeheuert, berichtet Rathbun, das ihn auf Schritt und Tritt verfolgt und filmt - offiziell wieder einmal nur, um eine unabhängige Dokumentation zu drehen. Heute lebt Rathbun übrigens in einer Kleinstadt im Süden von Texas - genau dort hat Scientology jetzt wieder einen "unabhängigen" Rechercheauftrag im Dienst der Menschenrechte zu vergeben.

br-online vom 28.07.2011
Bayerischer Verwaltungsgerichtshof - Scientology muss nicht zahlen
Die "Scientology Kirche Bayern e.V." muss für das Jahr 1993 keine Ausgleichsbeiträge nach dem Schwerbehindertenrecht zahlen. Der Freistaat forderte damals 19.000 Mark, weil Scientology Bayern nach Auffassung des Sozialministeriums keine Schwerbehinderten beschäftigt hatte. Die mündliche Berufungsverhandlung fand am Mittwoch (27.07.11) an der Außenstelle Ansbach des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs statt. Das Urteil wurde nicht direkt nach der Verhandlung verkündet, sondern erst am Abend über die Pressestelle des Gerichts mitgeteilt. Zur Urteilsbegründung heißt es, es sei nicht hinreichend belegt, dass der klagende Verein Scientology Bayern e.V. im Jahr 1993 mehr als 15 Personen in einem Arbeitsverhältnis im Sinne des Schwerbehindertengesetzes beschäftigt hatte. Das Gericht sah auch nach der mündlichen Berufungsverhandlung keine Möglichkeiten, den rund 18 Jahre alten Sachverhalt weiter klären zu können. Vereinstätigkeit oder Arbeitsplatz Mit seinem Urteil bestätigt der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Ansbach vom vergangenen Dezember. Die Problematik in dem Fall lag laut dem Vorsitzenden Richter Olgierd Adolph in der Frage der Abgrenzung, ob jemand als Mitglied eines eingetragenen Vereins abgabefreie "Vereinstätigkeiten" leistet oder ob er einen "Arbeitsplatz" ausfüllt. Nur dann würden Ausgleichszahlungen anfallen, wenn keine Schwerbehinderten beschäftigt sind. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Ob eine Revision zugelassen wird, ist noch nicht bekannt. Umstrittene Organisation Die 1954 in Los Angeles gegründete Organisation Scientology bezeichnet sich selbst als "völlig neue Religion". Während sie unter anderem in den USA auch offiziell als Religion gilt, existiert Scientology in Deutschland als eingetragener Verein. In der Öffentlichkeit ist die Organisation stark umstritten. Der bayerische Verfassungsschutz sieht Scientology als "internationalen Wirtschaftskonzern", der "ein auf Psycho-Technologien und der bedingungslosen Unterordnung des Einzelnen beruhendes" Gesellschaftssystem anstrebt. Unter anderem ist von Methoden die Rede, die einer Gehirnwäsche gleichen sollen. Dabei würden verschiedene im deutschen Grundgesetz zugesicherte Grundrechte missachtet, so die Verfassungsschützer. Scientology selbst bezeichnet sich dagegen als "Kirche".´

aargauerzeitung.ch, 03.07.2011, Pirmin Kramer
«Scientology pfeift in der Schweiz aus dem letzten Loch» 
Die Organisation kämpfe mit grossen Schwierigkeiten, sagen Sektenbeobachter Die Scientology-Pressesprecherin wehrt sich gegen die Aussagen von Experten, ihre Organisation finde kaum mehr Mitglieder: Solche Behauptungen seien «völlig absurd».
In Deutschland hat sich im Mai die Bundesregierung zu Scientology geäussert: Die Organisation verliere Anhänger und habe derzeit rund 4500 Mitglieder, teilte sie in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage mit. Wie steht es um Scientology in der Schweiz? «In der Schweiz findet eine leichte Expansion statt, aber nicht so stark wie in anderen Ländern», sagt Scientology-Sprecherin Annette Klug. «Passiv- und Aktivmitglieder zusammen gibt es in der Schweiz zirka 5000.» Religionswissenschafter und Sektenexperte Georg Otto Schmid kann das nicht glauben: «Scientology schrumpft kontinuierlich, und ich könnte mir vorstellen, dass es diese Sekte in der Schweiz in einigen Jahren nicht mehr geben wird.» Er schätzt, dass Scientology hierzulande noch ungefähr 1000 aktive Mitglieder habe. Die grösste Anzahl Anhänger habe die Sekte etwa im Jahr 1990 gehabt, damals hätten ihr etwa 3000 Menschen aktiv angehört. GEMÄSS EIGENER WEBSITE ist Scientology «eine Religion, die einen exakten Weg bietet, der zu einem vollständigen Verstehen und einer Gewissheit über die eigene spirituelle Natur führt». Prominente Schauspieler wie John Travolta und Tom Cruise bekennen sich zur Organisation. Sektenexperten werfen Scientology vor, ihre Anhänger psychisch und finanziell abhängig zu machen. «Scientology hat in der Schweiz derzeit ganz grosse Schwierigkeiten», sagt der deutsche Sek tenbeobachter Christian Ruch, der in der Schweiz lebt. «Diese Sekte schafft es kaum mehr, neue Mitglieder zu finden.» Wenn er sehe, wie schlecht geschult die Leute seien, die auf den Strassen auf Mitgliedersuche gehen, «dann ist das für mich ein Zeichen dafür, dass Scientology aus dem letzten Loch pfeift». Annette Klug von Scientology entgegnet, diese Vorwürfe seien «völlig absurd »: «Alleine in Zürich hatten wir vor ein paar Wochen eine Veranstaltung der lokalen Kirche für die Scientologen aus der Umgebung, an der mehr als 500 Personen teilnahmen.» Und alleine bei der Internationalen Scientology-Vereinigung (IAS) gebe es weit über 2000 Mitglieder aus der Schweiz. Doch auch ein dritter Sektenexperte aus der Schweiz glaubt, dass Scientology hierzulande mit «grossen Schwierigkeiten » kämpft: «Sie prozessieren viel weniger oft als früher, es scheint ihnen das Geld auszugehen», sagt Dieter Sträuli von der Fachstelle Infosekta. «Dass wir keine Gerichtsverfahren mehr führen, ist doch eine völlig positive Entwicklung und ein Beweis dafür, dass wir es nicht mehr nötig haben, uns mit rechtlichen Mitteln zu wehren», sagt Annette Klug. Derweil glaubt Sträuli, dass Scientology nicht nur in der Schweiz Probleme habe: «Weltweit zu schaffen macht der Sekte ausserdem, dass es inzwischen regelmässig prominente Aussteiger gibt.» So trat nach 35 Jahren Mitgliedschaft Hollywood-Regisseur und Oscar-Preisträger Paul Haggis aus Scientology aus.

Der Spiegel vom 02.07.2011, Benjamin Bidder, Moskau
Psychosekte: Russland stuft Scientology als extremistisch ein
Bücher des Scientology-Gründers in Düsseldorf: Künftig in Russland auf dem Index Scientology gerät ins Visier russischer Behörden. Jetzt hat ein russisches Gericht die Schriften von Gründer L. Ron Hubbard auf den Index gesetzt - auf dem auch Hitlers "Mein Kampf" steht. Dabei gibt es in Russland viele weitere Sekten: Eine verehrt Wladimir Putin als wiedergeborenen Apostel Paulus. Als russische Ermittler im Mai das "Land der Wunder" durchsuchten, ein Privatinternat für Kinder wohlhabender Eltern im Moskauer Umland, stießen sie auf einen ungewöhnlichen Stundenplan. In dem roten Backsteinbau mit Erker wurden nicht nur Mathematik und russische Literatur unterrichtet, sondern auch die Lehren von L. Ron Hubbard, dem Gründer der Sekte Scientology. Dessen Schriften standen in der kleinen Bibliothek gleich neben klassischen Lehrbüchern, und am Schwarzen Brett hing eine Broschüre der Sekte über die "Straße zum Glück" aus. Ob sich die Betreiber aber nach russischem Gesetz strafbar gemacht haben, dafür musste erst eine langwierige Prüfung der Scientology-Texte eingeleitet werden. Die Staatsanwaltschaft eröffnete deshalb parallel ein Verfahren wegen "ungesetzlichen Unternehmertums", sicher ist sicher. Seit Jahren versucht Russland, gegen Scientology vorzugehen In Zukunft werden es russische Rechtsschutzorgane leichter haben, wenn sie gegen Scientology vorgehen: Ein Gericht hat Scientology-Literatur nun als extremistisch eingestuft. Hubbards Schriften seien "auf die Formierung isolierter Gruppen ausgerichtet," deren Aufgabe "zu einem bedeutenden Teil der Kampf gegen die restliche Welt" sei, heißt es in einem Statement der russischen Generalstaatsanwaltschaft zu dem Urteil. Russlands Justizministerium wird nun die beanstandeten Werke, darunter ein Buch mit dem Titel "Was bedeutet Scientology", auf den Index "extremistischer Materialien" setzen, zu denen unter anderem auch Adolf Hitlers "Mein Kampf" zählt. Experten schätzen die Zahl der Scientology-Mitglieder in dem östlichen Riesenreich auf 10.000 bis 100.000. Genaue Statistiken gibt es nicht. Russland sucht seit Jahren nach Wegen, um härter gegen die Sekte vorzugehen. Zunächst versagten die Behörden der "Scientology-Kirche Moskau" eine Neu- Registrierung. Sie wurden dafür aber 2007 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu einer Geldstrafe verurteilt. Der damalige Präsident Wladimir Putin sandte daraufhin Kreml-treue Jugendgruppen gegen die Organisation aus. Sekten haben großen Zulauf Die Mitglieder der "Gemeinsam Gehenden" verteilten Flyer ("Vorsicht, Scientology!") und demonstrierten vor Gebäuden der Sekte in Moskau. Versuche, die Lehren der Sekte als extremistisch einzustufen, scheiterten jedoch bis zuletzt. Noch Anfang Mai ordnete ein Gericht in Sibirien die Streichung von Hubbards Schriften von der Liste des Justizministeriums an. Auch knapp hundert Jahre nach dem Tod des Wanderpredigers und angeblichen "Geistheilers" Rasputin verzeichnen Sekten in Russland erheblichen Zulauf. Landesweit schätzten Experten wie Alexander Dworkin die Zahl der Sektenmitglieder auf 600.000 bis 800.000. Nach dem Ende der Sowjetunion erlebte nicht nur die unter den Kommunisten unterdrückte Orthodoxe Kirche eine Renaissance, sondern auch Hunderte religiöser Bewegungen, die das ideologische Vakuum zu füllen suchten. Allein zwischen 1991 und 1999 stieg nach Angaben der Moskauer Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta" die Zahl der Mitglieder der Zeugen Jehowas in Russland von 30.000 auf rund eine Viertelmillion. In Sibirien wiederum huldigen Tausende Gläubige dem ehemaligen Polizisten Sergej Anatoljewitsch Torop, der sich für den neuen Jesus Christus hält. Und nahe der Wolgastadt Nischni Nowgorod verehrt eine kleine Sekte Russlands Premierminister Wladimir Putin - als wiedergeborenen Apostel Paulus.

Die Welt kompakt vom 01.07.2011
Russland verbietet Scientology-Schriften 
Russland hat einzelne Schriften der umstrittenen Organisation Scientology als extremistische Literatur eingestuft und damit verboten. Die Werke des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard stehen nun auf dem Index, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit. Die Texte seien darauf gerichtet, eine isolierte soziale Gruppe zu bilden, die gegen den Rest der Welt kämpfe, begründete die Behörde ihre Entscheidung. In Hubbards Werken gebe es "erniedrigende Charakterisierungen, Ablehnung und negative Einstellungen gegenüber Menschen und ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht", hieß es.

SWR.de, 01.07.2011
Scientology unterwandert Schülernachhilfen
MannheimScientology unterwandert Schülernachhilfen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Scientology haben sich offenbar in zwei Nachhilfeschulen in Mannheim eingeschlichen. Nach SWR-Informationen geht es konkret um vier Fälle, bei denen drei Mitglieder der Sekte versucht haben sollen, Kinder nach umstrittenen Scientology-Methoden zu unterrichten. Die Mitglieder hatten sich in Mannheim zunächst regulär um die Stellen in den Nachhilfeschulen beworben und dort zum Teil mehrere Wochen unauffällig unterrichtet. Nach und nach sollen dann Scientology-typische Bücher und Unterrichtsmaterialien des Sektengründers L. Ron Hubbard benutzt worden sein. Als die ungewöhnlichen Nachhilfe-Stunden bekannt wurden, kündigten die drei Mitarbeiter. Aus Angst vor Repressalien der Sekte wollen die betroffenen Nachhilfe-Institute nicht öffentlich auftreten oder erkannt werden. Scientology ist seit Jahren verstärkt auf dem Bildungsmarkt tätig und wird seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Sekte betreibt deutschlandweit nach eigenen Angaben vier so genannte Lerncenter, darunter beispielsweise eines in Bad Cannstatt.

FAZ.net, 22.06.2011, Verena Lueken
Scientology In der Kirche des Ich
Früher stiegen hier Katharine Hepburn, Humphrey Bogart und Clark Gable ab, heute gibt es zumindest noch gutes Essen: Ein Besuch im ehemaligen Residenzhotel Chateau Élysée, in dem sich heute das Celebrity Center von Scientology befindet.
Fällt es Ihnen schwer, einen klaren Gedanken zu fassen? Waren Sie schon einmal müde, ohne dass es einen offensichtlichen Grund dafür gab? Sind Sie manchmal grundlos gereizt? Haben Sie sich je hölzern und leblos gefühlt? Macht es Ihnen Schwierigkeiten, sich für Menschen oder Dinge zu begeistern? Wenn Sie von zehn solcher Fragen mehr als drei mit „Ja“ beantworten, sind Sie ein klarer Fall für das innere Reinigungsprogramm von Scientology. Dann haben sich in Ihrem Körper Drogen, Chemikalien und andere Gifte angesammelt, die Sie nicht so einfach wieder loswerden; gegen die Sie auf dem Laufband anrennen sollten; die Sie bekämpfen, ausschwitzen, mit vielen Litern Flüssigkeit rausschwemmen und mit Vitaminpillen beschießen müssen. So erklärte es uns in der vergangenen Woche Jenni vom Celebrity Center der Church of Scientology in Los Angeles. Wir standen in einem warmen Kellerraum zwischen marktgängigen Fitnessgeräten, schauten einem trainierenden Mann auf den nackten Rücken und sogen in tiefen Zügen die von vermutlich botanischen Zusätzen schwere, aus der Sauna nebenan strömende Luft ein. Reinigung, von innen, schien plötzlich keine so schlechte Idee.
Wollten Sie nicht auch schon mal Ihre Frau ermorden?
Wir waren ja auch gut vorbereitet. Fast zwei Stunden lang hatten wir zuvor Michael Wisner zugehört – er stellte sich als „Produzent, Autor und Umweltaktivist“ vor, trug eine dottergelbe Krawatte, einen unsauberen Haarschnitt und einen buschigen Vertreterschnäuzer –, was er zum Thema zu sagen hatte. Es klang in seiner vermutlich berechtigen Verteufelung des Agrarkonzerns Monsanto ein bisschen wie die Vortragsversion des Films „Food Inc.“, bestand aus einer rasanten Abfolge von Schreckensmeldungen über giftige Chemikalien im Haushalt, auf den Feldern, in der Kleidung, der Nahrung und der Luft einschließlich der dramatischen Folgestatistiken über Brust- und Eierstockkrebs (toxins do real harm to real people), und brauchte mehr als hundert Minuten, bis zum ersten Mal der Name L. Ron Hubbard fiel. Da hatte Wisner die zweitbesten Tipps gegen all das Übel schon ausgepackt: Fenster auf, vor allem im Auto, und die Schuhe, an denen, da kann man machen, was man will, Bleireste kleben, vor der Haustür stehen lassen. Den besten Tipp lieferte dann der leitende Direktor des Celebrity Center selbst: „Dianetics“ und das Reinigungsprogramm im Keller. Seine Grundlage ist das Standardwerk „Clear Body, Clear Mind“ des Sektengründers L. Ron Hubbard, dessen Werke in fünfzig Sprachen sich laut Eigenwerbung inzwischen mehr als 160 Millionen Mal verkauft haben. Auch ich erwarb zwei Bücher, obwohl mich das, was als wrap up angekündigt war und dann von David, so hieß er, mit der übertriebenen Zappeligkeit eines gescheiterten Stand-up-Komikers vorgetragen wurde, doch irritiert hatte: „Wollten Sie nicht auch schon mal Ihre Frau ermorden?“, kreischte er etwa und rief „peng“ zur entsprechenden Geste. „Haben Sie sich nicht schon einmal vor Angst verkrochen?“, wisperte er mit wedelnden Händen und wimmerte dann wie ein Kleinkind – solche Clownereien machte er uns vor, um zu zeigen, welch ungesunde Emotionen unsere vergifteten Körper hervorbringen.
Auch damals wurde Sinnsuche betrieben
Meine Beziehungen zu Scientology waren intensiv, wenn auch kurz. Alles begann mit der Idee, im Renaissance, dem sehr gelobten Restaurant im Celebrity Center in Los Angeles, einen Tisch für ein Abendessen zu reservieren. Das war kein Problem, das Restaurant steht allen offen, wie die Church of Scientology selbst angeblich auch, was sich allerdings als nicht ganz richtig erwies. Das Celebrity Center ist, wenn man das so tautologisch sagen darf, berühmt, weil dort schon die Tochter von John Travolta bei Weihnachtsfeiern aufgetreten ist, Tom Cruise und die Seinen zu Gast waren wie auch Chick Corea und viele andere Größen der Film- und Unterhaltungsindustrie, die behaupten, ihr Erfolg habe ursächlich damit zu tun, dass sie über die scientologische Lehre und deren Praktiken zur Optimierung ihres Selbst (und zur Dezimierung der Gifte in ihrem Körper) gefunden hätten. Nachdem die Reservierung so problemlos aufgenommen worden war, rief ich noch einmal an und fragte, ob ich wohl vor dem Essen eine Führung durch das Gebäude bekommen könne. Es handelt sich nämlich um das Château Élysée, ein ehemaliges Residenzhotel der Luxusklasse, in dem eine Reihe von Filmstars, die mir deutlich näher sind als die, die jetzt dort absteigen, einst Quartier bezogen hatten: Lilian Gish, Bette Davis, Carol Lombard, Katharine Hepburn, Humphrey Bogart, Clark Gable, Cary Grant – die ganze Riege Unsterblicher, deren Geistern ich dort zu begegnen hoffte. Gebaut hat das Château der Architekt Arthur E. Harvey 1927 im Stil einer französischen Burg aus dem siebzehnten Jahrhundert, allerdings mit Aufzug in die sieben Stockwerke des verschachtelten Baus. Seine Auftraggeberin war Eleanor Ince, die Witwe des Stummfilmproduzenten Thomas H. Ince, und es ist zu vermuten, dass auch damals in diesen Hallen Sinnsuche betrieben wurde, nur mit anderen Mitteln. Die Partys sollen in den Dreißigern berühmt und berüchtigt gewesen sein.
Ein etwas mulmiges Gefühl 
Jedenfalls hoffte ich darauf, in den Zimmern 603 (Humphrey Bogart) oder 216 (Edward G. Robinson) oder in den Gängen und Treppenhäusern zwischen ihnen, im Foyer oder dem Garten mit den uralten Kautschukbäumen eine Spur von ihnen zu finden. Ich stellte mir vor, wie die Erinnerungen aus den Tapeten strömen und wie als Schweif freundlicher Gespenster noch einmal die große Zeit Hollywoods vorbeiwehen würde mit all der Melancholie, die seine Stars umhüllte und die sich im Chteau eingenistet haben musste. Raymond Chandler hat einmal von einem Hotelfoyer in Los Angeles geschrieben, die Erinnerungen hingen dort in den Ecken wie Spinnweben, und nach so etwas wollte ich Ausschau halten. „Kein Problem“, lautete die Antwort auf meine Tour-Anfrage. „Wenn Sie um acht essen wollen, kommen Sie zur Führung doch schon um sechs. Fragen Sie nach Craig. Oder Saul.“ Wir waren pünktlich. Das Auto parkten wir ein wenig abseits, und mit etwas mulmigem Gefühl betraten wir das Grundstück, das von der Straße aus durch hohe, dicke Hecken kaum einsehbar, aber mit einer Messingplatte klar beschildert ist. Welchem Typ Mensch würden wir dort begegnen? Ich kannte ja die Geschichten über Scientology, ich wusste von den zerstörten Existenzen derer, die einst dazugehört hatten, den abstrusen Auftritten von Tom Cruise und auch von der langen, bestürzenden Geschichte von Paul Haggis und seinem Austritt aus der Sekte, die kürzlich im „New Yorker“ stand. Auch Haggis – inzwischen mehrfacher Oscargewinner, zum Beispiel für sein Drehbuch von „Million Dollar Baby“ – hat im Chateau gewohnt, als er 1976 nach Hollywood kam und auf erste Aufträge als Drehbuchautor hoffte. Damals war das Haus heruntergekommen, und vom ehemaligen Glamour war, wie in der ganzen Gegend, nichts mehr zu sehen. Nach aufwendiger Renovierung des Schlosshotels und einer ganzen Reihe anderer historischer Gebäude in Hollywood, die Scientology gehören, steht das Celebrity Center inzwischen unter Denkmalschutz. 
Plakate und gerahmte Hubbard-Bilder
Haggis, so hieß es in dem Artikel, habe an diesem damals so schäbigen Ort ein Gefühl der Kameradschaft erlebt, das ihm gänzlich unbekannt gewesen sei: „All diese Atheisten auf der Suche nach etwas, an das sie glauben, all die Einzelgänger auf der Suche nach einem Club, dem sie beitreten konnten!“ Würden wir heute, da das Château in altem Glanz eine fast einschüchternde Solidität und gleichzeitig etwas Unheimliches ausstrahlt, Atheisten und Einzelgänger treffen, die etwas suchen, das es hier zu finden gibt? Erst einmal trafen wir Craig. Er hatte die weiche Stimme eines Fachverkäufers, einen nicht ganz trockenen Händedruck und die undurchdringlich glatte Haut eines genmanipulierten Filmgeschöpfs. Als Erstes schlug er vor, den Ablauf zu ändern. Ein weltberühmter Bestsellerautor komme um halb acht, um einen Vortrag zu halten, dazu seien wir herzlich eingeladen. „Und die Führung?“, fragten wir. Die gebe es später, und essen könnten wir, wenn es uns recht sei, doch jetzt schon? Da war es Viertel nach sechs, aber die Aussicht auf viel mehr Scientology, als wir zu hoffen gewagt hatten, war zu verlockend, als dass wir bei der Essenszeit kleinlich sein wollten. Craig zeigte uns also eilig das Foyer mit seinem weißen Flügel und der Hubbard-Büste, führte uns in raschem Schritt an den offenstehenden Bürotüren vorbei, durch die man auf Plakate und gerahmte Hubbard-Bilder schauen konnte, und geleitete uns ins Restaurant, in dem etwa fünf Menschen saßen. Wir blickten in den Garten mit seinen kunstvoll beschnittenen Hecken und Rasenflächen, überlegten, ob einer der beiden Männer, die an einem Gartentisch saßen und rauchten, wohl ein Vetter von John Travolta sei, und wunderten uns über die zahlreichen Menschen, die im hinteren Teil des Parks um einen großen Pavillon herumstanden wie auf einer Party, bei der niemand den Gastgeber kennt. 
Dem Katholizismus deutlich unterlegen?
Unseren Wunsch nach zwei Mojitos konnte das Restaurant nicht erfüllen. Es hat keine Lizenz für harte Drinks, das muss früher einmal anders gewesen sein. Das Essen war gut, ein großer Tisch in der Nähe, reserviert offenbar für höhere Ränge in der Hierarchie von Scientology, füllte sich nach und nach mit entspannt wirkenden Männern und Frauen, die sicher Wesentliches zu besprechen hatten, und irgendwann kam Craig zurück, um uns zum Vortrag abzuholen. Und fragte, was wir so täten im Leben. Mein Freund sagte, er sei Schriftsteller und Gelehrter, ich gab mich als Filmkritikerin zu erkennen. Craig wurde sofort misstrauisch. Wenn ich vorhätte, etwas zu schreiben, müsse ich mit der Presseabteilung Kontakt aufnehmen. Ich erklärte, ich interessierte mich für das im April von Scientology erworbene Film- und Fernsehstudio KCET und dafür, was Scientology damit vorhabe. Bei KCET hatte ich bereits angerufen, um eine Studiotour zu erbitten. So etwas ist nichts Ungewöhnliches in Hollywood, doch mein Anruf erreichte nur ein Band: „Die Studiotour ist aus Sicherheitsgründen bis auf weiteres ausgesetzt“, erklärte eine Stimme, die ich nicht fragen konnte, ob Anschlagsgefahr bestehe oder nur die Dachziegeln lose seien? „Wir haben das Gelände noch nicht in Besitz genommen“, ließ später die Scientology-Presseabteilung wissen. Wenn es so weit sei, werde man renovieren, und später dann, „da bin ich sicher“, schrieb Karin Pouw vom PR-Büro, werde es wieder Führungen geben, aber „davon sind wir noch weit entfernt“. Da mich dasselbe Büro bei meiner Frage nach dem Studiokauf und den zukünftigen Plänen bereits mit einer Presseerklärung abgefertigt hatte, schien es mir sinnlos zu fragen, was mich am meisten interessierte, nämlich: wie es zu erklären sei, dass sich nicht einmal Grundzüge von Hubbards Lehren im Werk all jener Filmemacher aufspüren lassen, die als Berühmtheiten so hofiert werden, dass ihnen eigens ein Schloss zur Verfügung gestellt wird? Und ob da Scientology, sich selbst als Kirche verstehend, dem Katholizismus nicht deutlich unterlegen sei? Denn dessen große Topoi durchziehen doch die Filmgeschichte von Anfang an bis heute? Erreichen die Werke nicht mehr als ihre Schöpfer? Mehr im Sinn von Reklame, wenn man so will? 
Die Nadel schlug bis zum Anschlag aus
Statt dies zu fragen, setzten wir uns zu einer Handvoll Interessierter in einem Zimmerchen auf zierliche Stühle und hörten zu, was Michael Wisner uns zu sagen hatte. Wisner, der weltweit berühmte Bestsellerautor, hat übrigens, soweit das bei den üblichen Internetanbietern zu erkennen ist, nur ein Buch geschrieben, und zwar 1996 gemeinsam mit David Steinman unter dem Titel „Living Healthy in a Toxic World“. Für 0,01 Dollar kann man es dort gebraucht erwerben, aber ich vermute, es steht wohl nicht mehr drin als das, was er an jenem Abend erzählte. Als der Vortrag vorbei war, verteilte Jenni kleine Karten mit den Fragen, ob es uns manchmal schwerfalle, einen klaren Gedanken zu fassen, ob wir grundlos müde oder gereizt seien. Nachdem wir anschließend den Keller und die Fitnessanlage gesehen hatten, führte sie uns in den Buchladen, wo ich die zwei Bücher kaufte, von denen eines immer noch eingeschweißt daliegt, und zeigte mir auf meine Bitte noch den Elektropsychometer, kurz E-meter genannt. Sie bat mich sogar in einen anderen Raum, um mich ausprobieren zu lassen, wie das geht – zwei suppendosenähnliche Metallzylinder in die Hände nehmen, nicht zu fest zupacken und stumm, aber ehrlich auf eine einfache Frage antworten. Zum Beispiel: „An wen denken Sie?“ Die Nadel des Geräts schlug bis zum Anschlag aus. Ich erschrak, und auch Jenni reagierte entsetzt. Ich sagte ihr, an wen ich gedacht hatte, und sie versuchte, mich zu trösten: „Mit solch einem Gewicht im Kreuz müssen Sie nicht durchs Leben gehen. Ich schenke Ihnen zwei Stunden ,auditing‘. Passt es Ihnen übermorgen um fünf Uhr nachmittags?“ 
Sie schrieb nicht zurück
Das „auditing“ ist eine der grundlegenden Techniken von Scientology, ein standardisiertes Gespräch mit festgelegten Fragen, in dem alte Lebenskonflikte aufgespürt und eliminiert werden. „Clear“ zu werden ist das erklärte Ziel dieser Methode. Haggis hatte dem „New Yorker“ erzählt, er selbst sei damals im Château „clear“ geworden, er habe hier also den Ausgangspunkt für seinen Aufstieg in die spirituell höheren Etagen der Organisation gefunden. Stand ich kurz davor, einen ersten Schritt in diese Richtung zu tun? Um dann möglicherweise frühere Leben ins Bewusstsein zurückzurufen oder wenigstens eine blendende Karriere zu machen? Diese Möglichkeit im Auge, verließen wir das Château. Auf dem Heimweg fuhren wir den Sunset Boulevard entlang. Wir passierten die Church of Blessed Sacrament auf der linken Seite, den Nachtclub „Der siebte Schleier“ auf der rechten, glitten am Bräunungsstudio Hollywood TanMan vorbei, an den Läden für Beauty Supplies und Tätowierungen, kleinen Malls, dem Hollywood Studio Motel und dem Comfort Inn, Gitarrenläden und immer wieder „Girls, Girls, Girls“. Die Palmen wuchsen höher als die höchsten Reklameschilder, von denen das höchste überhaupt ein Cartoon-Plüschtier in Karatepose zeigte, die Werbung für „Kung Fu Panda 2 – Double the Awesomness“. Am nächsten Tag erreichte mich der Anruf: Mein „auditing“ sei abgesagt. Da ich Journalistin sei, komme das nicht mehr in Betracht. Ich schrieb an Jenni und gab meiner Enttäuschung darüber Ausdruck, dass die versprochene Offenheit von Scientology offenbar jederzeit für jeden gelte, nur für meinen Berufsstand nicht. Sie schrieb nicht zurück. Wir aber spürten in jener Nacht in Hollywood: Irgendwie, irgendwann werden nach den Körpern auch die Seelen all der Suchenden in Bestform sein.

Aargauer Zeitung, 15.06.2011, Dieter Minder
So geht Scientology in Baden auf Kundenfang
Die Sekte Scientology geht auf dem Bahnhofplatz im aargauischen Baden auf Kundenfang. Sie versprechen dabei den Menschen menschliche Defizite auszumerzen. Zudem verkaufte die Sekte DVD's mit ihrem Gedankengut für 18 Franken.
Vor rund 2000 Jahren, 50 Tage nach Ostern, ist der Heilige Geist auf die Erde herabgekommen, so steht es in der Bibel. Mit dem Pfingstfest erinnern die christlichen Kirchen an diesen Tag der Erleuchtung. Obwohl Pfingsten keines der ganz grossen christlichen Feste ist, gilt der Tag als Gründungsmoment der christlichen Kirche. Eher eine Irrlichtvariante propagierten zum Pfingstwochenende auf dem Bahnhofplatz in Baden die Scientologen. Sie hatten ihre grosse gelbe Zeltstadt aufgestellt, um darin Werbung für ihre Sicht des Glaubens zu machen. Sie versprachen den Weg zum Glücklichsein. Gedankengut ab 18 Franken Dabei muss das Geld eine nicht unbedeutende Rolle spielen, denn primär wurden DVDs zum Kauf angeboten. Ab 18 Franken, aber auch zu höheren Preisen, konnte scientologisches Gedankengut erworben werden. Wer sich dafür interessierte, wurde alsbald ins Innere des Zeltes eingeladen. Dort standen auf Tischen, zwei der für die Scientologen wichtigen E-Meter. Es handelt sich letztlich lediglich um elektrische Widerstandsmessgeräte. Der Besucher muss in jede Hand einen Kontakt nehmen, was automatisch einen Ausschlag des Zeigers zur Folge hat. Die Scientologen behaupten, damit Defizite beim Menschen feststellen zu können. Defizite, die ihn daran hindern, ein guter, erfüllter Mensch zu sein. Getreu ihrem Motto «Man kann immer etwas tun» wird der Besucher eingeladen, einen Persönlichkeitstest zu machen und danach seine Defizite abzuarbeiten. Das macht er am besten mit Scientology-Kursen. Und diese Kurse kosten Geld. Bei einem Kurs bleibt es in der Regel nicht, weitere Kurse, um neu erkannte Defizite zu beseitigen, müssen absolviert werden. Beobachter bezeichnen Scientology mit diesem Kurssystem als eine Geldmaschine. Studenten würden Gewalt konsumieren Fast etwas verschämt ob all den angebotenen DVDs hingen am Zelt noch einige Blätter, auf denen «bewiesen» wurde, wie gross der moralische Verfall der Gesellschaft ist. Da wurde behauptet, dass 14,6% der Studierenden an Sprühflaschen inhaliert hätten. 20% der Studierenden würden täglich mehr als 3 Stunden Gewalt am Fernsehen konsumieren und 65% der 13 bis 17-Jährigen sagten, dass an den Schulen geschummelt werde. Gegen diesen von ihnen diagnostizierten Verfall sollen die Scientologen mit ihrem auf dem «gesunden Menschenverstand beruhenden Moralkodex» ankämpfen. Dazu aber brauchen sie viele Anhänger, die den Kampf auch finanziell unterstützen. In Baden hielt sich der Erfolg ihrer Rekrutierung in Grenzen. Wenige machten den Schritt durch die Zeltöffnung, über der ein dem christlichen Kreuz nachempfundenes Symbol prangte.

news.com, 04.06.2011
Scientologe zahlen für 'einschüchternd angebliche Opfer sexuellen Missbrauchs
Ein hochrangiges Mitglied der Church of Scientology Kirche wurde von der Polizei erhoben worden für einschüchternd ein junges Mädchen, die innerhalb der wollte Bericht sexuellen Missbrauchs Vorwürfe. Jan Eastgate, das Haupt der Kirche ist "International Commission on Human Rights", die Psychologie Angriffe, wurde von NSW Police wurde mit Behinderung der Justiz. Nach der ABC-TV's Lateline hat die Polizei angeblich Eastgate eingeschüchtert einer damals 11-jährige Carmen Rainer, falsche Aussagen über sexuellen Missbrauch durch ihren Stiefvater zu stellen. Frau Rainer hat behauptet, dass Frau Eastgate, der damals Leiter der Kirche Bürger-Kommission für Menschenrechte in Australien, ihr gesagt, sie sollten alle Kosten des sexuellen Missbrauchs zu verweigern oder sie und ihr Bruder würde sich von sozialen Diensten getroffen werden. Frau Rainers Mutter Phoebe hat auch zugegeben, Frau Eastgate erzählte sie beide, was sie sagen und zu lügen, um Polizei und in einem Interview mit dem Department of Community Services. Frau Eastgate früher als die Vorwürfe "unerhört false". Sie hat sie nicht kommentiert seit geladen. Frau Eastgate wurde von NSW Polizei aufgefordert worden, ihren Paß zu ergeben. Frau Rainer hatte zuvor gesagt, dass sie von hochrangigen Mitgliedern der Scientology wurde gesagt, dass Missbrauch Strafe für die in einem früheren Leben schlecht war. "Sie sagte:" Nur Nein sagen, so oft wiederholen, dass "," Frau Rainer sagte dem ABC in einem Interview im vergangenen Jahr. "Sie sagte mir, es war meine Schuld, weil ich hatte in einem früheren Leben schlecht. Ich glaubte ihnen." Frau Eastgate war der Empfänger der Church of Scientology "Freedom Medal für ihre Arbeit mit den Menschenrechten, in erster Linie auf die Aufdeckung Probleme mit Psychologie Behandlungen ab. Die Nachricht kommt nach der Australian Securities & Investments Commission Anfang dieses Monats startete eine Untersuchung über die Geschäfte eines Sydney Bauträger und leitende Scientologe über eine Reihe von Immobilien-Deals. Die Untersuchung von ASIC in Carly Crutchfield wurde nach unabhängigen Senator Nick Xenophon gestartet - eine vokale Gegner von Scientology - schickte ein Dossier mit dem Unternehmensnetzwerk Watchdog im letzten Monat. Senator Xenophon ist für eine gerichtliche Untersuchung in die Kirche ruft. Die South Australian Senator verlangt, dass die Organisation der offiziellen religiösen Status als Kirche, die unter anderem das Ergebnis nicht besteuert werden Mittel abgezogen werden.Scientology basiert auf den Lehren des amerikanischen Science-Fiction-Schriftsteller L. Ron Hubbard, der das menschliche psychische Probleme aufgrund einer uralten außerirdischen Führer namens Xenu, die den Planeten Erde angegriffen und hinterließ traumatisierten Geister der ehemaligen Erde Rennen gelehrt werden gegründet.

Limmattaler Zeitung, 04.06.2011
Kanton Zürich will keine Räume an Scientology vermieten
Der Kanton Zürich will keine kantonseigenen Räumen an die umstrittene Organisation Scientology vermieten. Dies hält der Regierungsrat in einer Antwort auf eine SP-Anfrage fest. Dafür müsse man allerdings auch wissen, mit wem man es zu tun habe.
In der Anfrage wollten zwei SP- Kantonsräte wissen, wie es dazu kommen konnte, dass die Citizens Commission on Human Rights (CCHR) im Februar 2011 die Alte Börse in Zürich für fünf Tage mieten konnte, obwohl die CCHR eine Scientology- Tochterorganisation ist. Das Gebäude der Alten Börse befindet sich im Besitz der BVK des Kantons Zürich. Der Regierungsrat betont, in der Vergangenheit seien Vermietungen an Scientology jeweils abgelehnt worden. Das wäre auch «mit grosser Wahrscheinlichkeit» im Februar so gewesen. Dass es Verbindungen des Mieters - einer Privatperson - zur CCHR und Scientology gab, habe man jedoch nicht gewusst. Die CCHR, die sich als «Bürgerkommission für Menschenrechte» bezeichnet, wurde nach eigenen Angaben 1969 von Mitgliedern der Scientology und dem Psychiater Thomas Szasz gegründet. Sie gibt an, Verletzungen der Menschenrechte durch die Psychiatrie zu untersuchen. Vom 18. bis 23. Februar präsentierte sie in der Alten Börse eine Ausstellung mit dem Titel «Psychiatrie - Hilfe oder Tod?» Präsidiert wird die Vereinigung in der Schweiz vom Winterthurer Psychiater Felix Altorfer.

Merkur-online, 17.05.2011
Scientologen beschweren sich über Brucks OB
Fürstenfeldbruck - Das „Zentrum für eine bessere Welt“, das sich zu Scientology bekennt, will in der Fürstenfeldbrucker Öffentlichkeit immer wieder für sich werben Die Stadt versucht, das auf verwaltungstechnischem Weg abzulehnen. Nun hat die Organisation gegen OB Sepp Kellerer, Rechtsamtsleiter Christian Kieser und Fürstenfeld-Chef Norbert Leinweber Dienstaufsichtsbeschwerde erhoben. Zudem werden alle Stadträte in einem Brief zur Stellungnahme aufgefordert. Der Vorwurf: Die Verwaltung verbiete dem in Maisach ansässigen Zentrum, Infostände an der Sparkasse aufzubauen und Räume im Veranstaltungsforum für Seminare anzumieten - aus reiner Willkür, wie Marianne Altheimer in dem Brief schreibt. Der Hintergrund: Seit Jahren versucht das zu Scientology gehörige Zentrum am Hauptplatz präsent zu sein. Da die Stadt dieser Organisation keine Plattform bieten möchte, wurden dahingehende Anträge soweit möglich abgelehnt, berichtet Kieser. „Etwa, wenn bereits andere Infostände genehmigt waren, oder uns der Stand zu groß erschien.“ An den vergangenen zwei Wochenenden musste er aber doch genehmigt werden. Weltanschauung alleine reiche nicht für eine Ablehnung. Im vergangenen Jahr diskutierte der Stadtrat bereits einmal über die Problematik. OB Sepp Kellerer (CSU) zog sogar in Erwägung, vor der Sparkasse grundsätzlich auf alle Infostände zu verzichten. Diese Idee kommt bei Marianne Altheimer vom „Zentrum für eine bessere Welt“ nicht gut an. Der Stadtrat habe beschlossen, keine Infostände des Zentrums mehr zu genehmigen, schreibt sie den Stadträten. Sie frage sich, auf welcher Rechtsgrundlage das basiere und will von jedem Kommunalpolitiker wissen, was ihn zur Zustimmung bewogen habe. Zudem droht sie, gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch zunächst wolle sie in einem persönlichen Gespräch die Sachlage aufgreifen. Auch in der Stadtbibliothek in der Aumühle will das Zentrum offenbar Fuß fassen. Die Leiterin berichtet, dass Altheimer zweimal versuchte, ihr Scientology- Bücher zu schenken. „Sie hat darauf gedrängt, dass wir sie aus Gründen der Informationsfreiheit nehmen müssen.“ Es gebe genug Bücher gegen Scientology. Die Bürger hätten das Recht, die andere Seite zu sehen. Doch sie sei hart geblieben. Resultat: Das Zentrum habe sich beim OB über sie beschwert. Bei der Stadt rechnet man damit, dass Scientology weiter Druck macht. „Der Stadtrat wird sich damit beschäftigen müssen, ob er eine generelle Regelung für Infostände macht“, sagt Rechtsamtsleiter Christian Kieser. Die Folge: In bestimmten Gegenden sind sie dann außerhalb des Wahlkampfs für alle verboten. Die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen OB Kellerer bearbeitet die Kommunalaufsicht.

Die Welt, 03.05.2011, Hanns-Georg Rodek
Scientology sitzt nun im Herzen Hollywoods
Die Sekte kauft das älteste Filmstudio am Sunset Boulevard - und verliert mit dem Oscar-Gewinner Paul Haggis einen ihrer wichtigsten Prominenten Als David Wark Griffith 1916 seinen Blockbuster "Intolerance" drehte, ließ er im Studio ein Jerusalem wie zu Christi Zeiten aufbauen. Nun brauchte er nur noch den Ölberg. Sein Kameramann entdeckte in nächster Nähe den Olive Hill, der sich als ideal erwies für den Blick auf die Heilige Filmstadt und ihren Erlöser. Wer nun heutzutage vom Olive Hill gen Süden schaut, blickt direkt auf den L. Ron Hubbard Way. Vor fünfzehn Jahren genehmigte der Stadtrat von Los Angeles die Umbenennung der Berendo Street zu Ehren des Gründers der Church of Scientology. L.A. ist immer noch ein gutes Pflaster für Erlöser. Bald wird die Präsenz der "Kirche" in der Filmstadt noch sichtbarer sein. Fährt man den Sunset nur zwei Avenues weiter nach Osten, erhebt sich dort ein Gebäude mit rötlich-olivener Klinkerglasfassade: "KCET" steht in großen Lettern dort, wo bald der Scientology-Schriftzug prangen dürfte. Die Sekte hat das älteste kontinuierlich für Filmezwecke genutzte Studio in Hollywood gekauft. An der Adresse 4401 Sunset Boulevard residierten viele Jahre das B-Film-Studio Monogram Pictures und sein Nachfolger Allied Artists, hier entstanden die Innenszenen Hunderter von Western, von den Charlie-Chan-Detektivfilmen und dem Charlton Heston-Monumentalfilm "El Cid". Anfang der Siebziger, als das klassische Studiosystem sich in Auflösung befand, machte Allied seine Immobilie zu Geld, und der nächste Mediennutzer zog ein: die öffentlich-rechtliche Fernsehstation KCET. Nun, vierzig Jahre später, sieht sich wiederum die Fernsehindustrie von einem neuen Medium attackiert, und prompt wechselt das Gebäude erneut seinen Besitzer. "Das neue Studio" - so eine Pressemitteilung der Scientologen - "ermöglicht es der Kirche, eines der fortgeschrittensten Zentren für religiöse Sendungen zu errichten." Das bisherige Medienzentrum der Sekte befindet sich im kalifornischen Riverside County, aber die 28 000 Quadratmeter an Studiohallen, Nachbearbeitungsräumen und Büros am Sunset Boulevard verdoppeln ihre Kapazitäten. Außerdem sind nun Studios, Druckzentrum und das Scientologen-Hauptquartier im L. Ron Hubbard Way - neu eröffnet im vorigen August - alle in Los Angeles konzentriert. Dort hatte Scientology bereits Ende der Sechzigerjahre sein erstes "Celebrity Centre" gegründet; heute gibt es davon Ableger in Paris, Wien, Düsseldorf, München, London, New York, Florenz, Las Vegas und Nashville. Zur gleichen Zeit, in der Scientology ihre Medienaktivitäten bündelt, bläst der Organisation auch in Amerika der Gegenwind (etwas) stärker ins Gesicht. Anfang des Jahres sickerte durch, dass der bisher hochrangigste Prominente Scientology verlassen habe: Paul Haggis, zweimal Oscar-gekrönter Drehbuchautor für "Million Dollar Baby" und "L.A. Crash" und Regisseur von "Im Tal von Elah" und "72 Stunden". Haggis war dreieinhalb Jahrzehnte Sektenmitglied und hatte deren höchstes "Level der Erkenntnis" erreicht: Er war ein "Operating Thetan VII", ein Titel der erst nach endlosen Stunden des Lernens (sprich: der Gehirnwäsche) verliehen wird. Scientology-kritische Experten schätzen, dass sich die Kosten der Kurse bis zum höchsten Thetan-Level auf bis zu einer halben Million Dollar belaufen können. Inzwischen wurde eine noch höhere Erkenntnisstufe eingeführt, der "Thetan VIII", den nur erreichen kann, wer sich Intensivkursen auf Schiffen unterzieht. Dieser Art von Indoktrination hatte sich Haggis verweigert, obwohl er in seinem Gehorsam sehr weit gegangen war. Die "Kirche" hatte seiner Frau befohlen, jeden Kontakt zu ihren Eltern abzubrechen (die aus der Sekte ausgetreten waren), und "obwohl es ihr schrecklichen Schmerz bereitete", hatte sich Haggis' Frau an diese Anweisung gehalten. Selbst dies war für Haggis noch kein Knackpunkt gewesen. Der kam erst, als seine jüngste Tochter Katy einem Scientologen-Freund gestand, dass sie lesbisch sei. Der Freund begann daraufhin, andere Sektenmitglieder zu warnen: "Katy ist 1.1.". Der Code bezieht sich auf die Kategorisierung von Menschen in L. Ron Hubbards "The Science of Survival", und ein "1.1." ist demnach ein "verdeckter Feind", und das seien die gefährlichsten und heimtückischsten. Derartige Personen hätten Gelegenheitssex, seien Sadisten und Homosexuelle. Diese Bemerkungen finden sich in den neueren Auflagen des kanonischen Scientology-Buches nicht mehr, und offiziell wird Homosexualität nicht mehr verurteilt. Doch deren Missbilligung scheint in Sekten-Kreisen noch weit verbreitet zu sein. Als 2008 in Kalifornien über die gleichgeschlechtliche Ehe abgestimmt wurde, sprachen sich Scientologen öffentlich für deren Verbot aus. Haggis schrieb nun an den Chef-Pressesprecher der Kirche, an Tommy Davis (Sohn der Schauspielerin Anne Archer, bekannt als Frau von Michael Douglas in "Eine verhängnisvolle Affäre"), und kritisierte das offizielle Schweigen: "Schweigen ist Zustimmung, Tommy. Ich weigere mich, zuzustimmen... Hiermit gebe ich meine Mitgliedschaft in der Kirche zurück." Solch prominente Austritte werden ansonsten höchst diskret behandelt. Haggis jedoch schickte seinen Brief an mehr als zwanzig Scientologen-Freunde weiter, darunter an Anne Archer, John Travolta und Sky Danton, den Gründer von EarthLink. So wird die Psycho-Sekte langsam auch zum Problemthema in den Vereinigten Staaten. In Hollywood selbst arbeitet der Regisseur Paul Thomas Anderson - bekannt durch "Magnolia" und "There will be Blood" - an einem Film namens "The Master". Es soll darin um eine Kirche namens "The Cause" (Die Sache) gehen und um die Beziehung zwischen deren charismatischem Gründer und einem jungen Herumtreiber, der seine rechte Hand wird. Das Wort "Scientology" kommt nirgends im Drehbuch vor, aber alle warten gespannt auf den ersten Hollywood- Film, der sich die Sekte vornimmt, die sich im Herzen der Traumfabrik eingenistet hat.

RP-online, 29.04.2011
Scientology erwirbt modernes Studiogelände
Berlin (kna). Die umstrittene "Church of Scientology" will ihre weltweiten Medienaktivitäten ausweiten. Sie erwarb nach eigenen Angaben ein 4,5 Hektar großes TV-Studiogelände in Hollywood. Das Areal sei hervorragend für den Ausbau eigener religiöser und sozialer Produktionen geeignet, teilte der deutsche Zweig von Scientology mit. Wegen des Verdachts auf antidemokratische Tendenzen wird Scientology in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet.

BZ, 26.04.2011
Die sterbende Krake Scientology bläst zum Großangriff auf Berlin "Wir müssen viel, viel mehr werben"
Die Anweisungen klingen streng, befehlsartig. Sie künden von einem bis ins kleinste Detail vorherrschenden Macht- und Kontrollbedürfnis. Der B.Z. liegt exklusiv ein Scientology-Papier vor. Die Sekte selbst nennt es "Schlachtplan". Der Inhalt: Führungsdirektiven, mit denen die angeschlagene Berliner Organisation finanziell und personell wieder stark werden will. Der Plan wurde anonym Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (57, SPD) und Innensenator Ehrhart Körting (68, SPD) zugesandt. Das interne Dokument der vom Verfassungsschutz beobachteten Scientology-Kirche zeigt, welcher immense Druck auf die fest angestellten Mitglieder (Staffs) aufgebaut wird. Ziel: mehr Profit, Berliner "auf Kurs" bringen. Zitat: "Wir müssen viel, viel mehr werben!!" Um jede einzelne Person wird gekämpft (siehe Ausrisse). Typisch: Abkürzungen und englisch-deutsches Kauderwelsch. "Die Organisation ist weiterhin in Berlin nicht erfolgreich und hat Mitglieder verloren", so Verfassungsschutzpräsidentin Claudia Schmid. "Sie gerät zunehmend unter Druck, denn ihr eigentliches Ziel ist es, Geld zu verdienen. "Laut Sektenleitstelle sank die Zahl der Mitglieder von 200 auf 100.

Bildungsklick, 15.04.2011
Berlin: Scientology wirbt an Berliner Schulen
Die Leitstelle für Sektenfragen klärt mit aktuellem Faltblatt auf Berliner Schulen erhielten am Anfang dieser Woche Einladungen zu einem "Tag der offenen Tür" zum Thema "Drogenprävention", Absender: Die Scientology Zentrale in der Otto-Suhr-Allee. "Scientology inkognito" heißt ein neues Faltblatt der Leitstelle für Sektenfragen, das über die zahlreichen Unterorganisationen und Kampagnen der selbsternannten Kirche informieren soll und jetzt an die Schulen verteilt wird. Die in der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung ansässige Leitstelle für Sektenfragen reagiert damit auf verstärkte Werbebemühungen der Unterorganisationen von Scientology. Mit vermeintlich karitativen oder sozialen Initiativen versucht die Organisation jugendliche Zielgruppen zu erreichen. Sie nutzt dazu soziale Netzwerke wie Facebook, SchülerVZ, YouTube, setzt Plakate ein und verteilt Broschüren, DVDs und Musikvideos an Infotischen. Nach Einschätzung der Leitstelle für Sektenfragen bieten diese Unterorganisationen von Scientology mit ihren Kampagnen keine nachhaltige Hilfe. Stattdessen verbreiten sie vor allem scientologisches Gedankengut, und dies, ohne dass für Interessierte der Zusammenhang gleich erkennbar ist. Scientology selbst bezeichnet diese Kampagnen als ihre "wichtigen Verbreitungs- Werkzeuge". Das neue Faltblatt benennt alle Unterorganisationen und Kampagnen, schafft Transparenz und ist damit ein wichtiger Bestandteil der Berliner Präventionsarbeit. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden ist die Mitgliederzahl der Scientology-Organisation zwar deutschlandweit rückläufig. Dennoch versucht die Organisation nach eigenem Bekunden weiterhin im Rahmen einer so genannten "Idealen-Org-Kampagne" ihre deutschen Niederlassungen nachhaltig zu vergrößern und zu stärken. Das Faltblatt kann auf der Seite www.berlin.de/sen/familie/sekten-psychogruppen eingesehen und runtergeladen werden. 
Der direkte Weg zum Flyer:
http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-familie/sekten-psychogruppen/scientology_inkognito.pdf?start&ts=1302868083&file=scientology_inkognito.pdf

Der Westen vom 12.04.2011, Wilfried Goebels
Scientology ist via Facebook auf dem Weg ins Kinderzimmer
Der NRW-Verfassungsschutz beobachtet mit Sorge, dass Scientology immer häufiger über soziale Netzwerke Kontakte zu Jugendlichen knüpft.
Düsseldorf. Die Sekte Scientology nutzt soziale Netzwerke wie Facebook, StudiVZ und SchülerVZ als Kontaktplattformen zur Jugend. Der Verfassungsschutz hat wegen der wachsenden Gefahren und der steigenden Mitgliederzahlen die Beobachtung verstärkt. Die Scientology-Sekte verschafft sich über das Internet Zugang in die Kinderzimmer. Der NRW-Verfassungsschutz beobachtet mit Sorge, dass die Sekte immer mehr Jugendliche mit gezielten Kampagnen dort abholt, wo sie viel Zeit verbringen: am heimischen Computer. Scientology hat die neuen Medien für sich entdeckt. Auf Plattformen wie YouTube und Twitter, in sozialen Netzwerken von Facebook über StudiVZ und SchülerVZ, sowie in Blogs und Foren geht die Sekte mit Videos von Tarnorganisationen wie „Jugend für Menschenrechte“ oder „Sag nein zu Drogen – sag ja zum Leben“ auf Kundenfang. Der Verfassungsschutz hat wegen der wachsenden Gefahren und der steigenden Mitgliederzahlen die Beobachtung verstärkt. Laut Verfassungsschutzbericht geht Scientology ganz gezielt vor. Kinder und Jugendliche, die auf der Suche nach Materialien für ein Referat zu den Themen Drogen und Menschenrechte im Internet surfen, landen schnell auf den Seiten der Scientologen. 600 Mitglieder in NRW Dort finden arglose Surfer neben professionellen Videoclips auch Infomaterial – und landen zwischen Links zu anerkannten Organisationen wie den Vereinten Nationen in einem Atemzug bei Scientology-Organisationen. Dort wird dann in Kampagnen ein positives Bild der Sekte vermittelt. Der Verein „Jugend für Menschenrechte“ fordert Surfer schnell auf, Mitglied zu werden. Gibt der Jugendliche seine Daten preis, kann ihn die Sekte direkt ansprechen. Der Verfassungsschutz warnt: Dass Scientology hinter der Kampagne steckt, steht nur im Kleingedruckten. Die Mitgliederzahl hat Scientology in NRW in jüngster Zeit auf 600 erhöht – Tendenz steigend. Verfassungsschutzpräsidentin Mathilde Koller verfolgt den Angriff auf die „Zielgruppe Kinder“ mit wachsender Sorge. Scientology verfügt aus Sicht des NRW-Verfassungsschutzes „über Strukturen mit totalitärem Anspruch“. Scientology rüstet auf: Die Sekte bemüht sich um den Kauf eines repräsentativen Gebäudes in Düsseldorf.

Europaticker, 11.04.2011
CDU-Fraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen warnt vor Scientology- Tarnorganisationen 
Vor getarnter Mitgliederwerbung der Scientology-Sekte warnt der CDU- Landtagsabgeordnete Marc Ratajczak. So verberge sich beispielsweise hinter Tarnorganisationen namens „Sag nein zu Drogen – sag ja zum Leben“ oder „Jugend für Menschenrechte“ in Wahrheit die Scientology-Sekte. „Vor allem Kinder und Jugendliche stehen bei der Sekte im Fokus der Neumitgliederwerbung. Das Werben hat eine neue Dimension erreicht. Scientology geht es nicht um die Drogenproblematik oder um Menschenrechte, sondern ausschließlich um die Werbung neuer Mitglieder und damit die Verbreitung der Sekte. Mithilfe solcher Tarnorganisationen und des Internets sollen gezielt junge, ahnungslose Menschen ‚eingewickelt‘ werden“, warnt der CDU-Landtagsabgeordnete. Auch bei den Nachhilfeinstitutionen setzt Scientology auf Tarnung. Eindeutige Kennzeichen einer Verbindung von Nachhilfeinstituten zu Scientology sind Namen wie ‚Nachhilfe und Lerntechniken‘, Zentrum für individuelles und effektives Lernen‘ (ZIEL), ‚Applied Scholastics‘ oder ‚Ziel Concept‘. Der CDU-Politiker begrüßt daher, dass sich der jüngst vorgestellte Verfassungsschutzbericht 2010 ausführlich mit der Sekte befasst und auch in den Medien auf die gefährliche Organisation und deren verlogene Tarnungen hingewiesen wird. Derzeit hat Scientology laut Verfassungsschutzbericht in Nordrhein-Westfalen 600 aktive Mitglieder und diese Zahl soll weiter ausgebaut werden. Dazu setzen Scientology auch auf Internetportale und soziale Netzwerke wie Youtube, Facebook, MeinVZ oder SchülerVZ. Nur selten ist dabei auf den ersten Blick zu erkennen, dass hinter bestimmten Seiten die gefährliche Sekte Scientology steht. „Ich empfehle den Eltern mit ihren Kindern über die Nutzung des Internets zu sprechen und sie zu fragen, auf welchen Seiten sie sich bewegen bzw. bei welchen Vereinen und Organisationen sich ihre Kinder anmelden bzw. Informationsmaterial anfordern. Sollten die Eltern unsicher sein, können sie sich auf den Seiten des Verfassungsschutzes NRW und Sekten Info NRW (ww w.sekten-info-nrw.de) informieren“, so Ratajczak.

Tages-Anzeiger, 10.03.2011, Hugo Stamm.
Tragischer Held Ron Hubbard
Ron Hubbard war kein Universalgenie und auch kein Kriegsheld. Der Gründer von Scientology hat seine Biografie geschönt. Soll Schriftsteller, Flugpionier, Filmemacher bei Expeditionen und vieles mehr gewesen sein: Ron Hubbard. 
Mit pompösen Festen feiern die Scientologen an diesem Wochenende weltweit den 100. Geburtstag ihres Gründers Ron Hubbard. Obwohl der Sektenführer vor 25 Jahren gestorben ist, verehren sie ihn wie einen lebenden Messias. In vielen Zentren ist ein Büro für ihn eingerichtet, das nur das Putzpersonal betritt. Es soll signalisieren: Hubbard ist hier, zumindest sein Geist. Die Scientologen sprechen denn auch gern in der Gegenwartsform von ihrem Gründer, denn das Genie ist in ihren Augen unsterblich. Um dem Publikum das epochale Jubiläum nahe zu bringen, verbreitet Scientology in Inseraten seine Heldentaten. Auch in Zürich. 400'000 Reisekilometer In der Scientology-Version tritt uns Hubbard als Universalgenie entgegen. Mit drei Jahren konnte er lesen, mit 14, also 1925, reiste er durch mehrere Länder Asiens. In Nordchina studierte er «bei asiatischen Mönchen die geistige Bestimmung der Menschheit». Bevor er an der George Washington University das Studium begann, soll er bereits über 400'000 Reisekilometer zurückgelegt haben. «Mit 21 Jahren beschloss er seine Hochschulstudien mit einer Eins», heisst es in einer Broschüre. Hubbard soll Schriftsteller, Forscher auf geistes- und naturwissenschaftlichen Gebieten, Flugpionier, Filmemacher bei Expeditionen und vieles mehr gewesen sein. «Verdacht auf Geistesgestörtheit» Was er als junger Mann in nur sieben Jahren angeblich vollbracht hat, dafür bräuchten sterbliche Wesen ein ganzes Leben. Viele Heldentaten entsprangen aber seiner Fantasie, so auch sein Hochschulabschluss, denn davon weiss die Uni nichts. Kurz: Die offiziellen Biografien enthalten ähnlich viel Fiktion wie seine Bücher und Heilslehre. Besonders amüsant lesen sich die kriegerischen Grosstaten des Scientology- Gründers. Bei einem Marineeinsatz wurde er an der Front halb blind, gelähmt und «in Stücke geschossen». Die Ärzte hätten ihn aufgegeben, doch er heilte sich selbst – und entdeckte dabei die Grundlagen von Scientology. In Wirklichkeit bekam er wegen eines Magengeschwürs und Arthritis eine Rente. Ein amerikanischer Journalist fand heraus, dass ein Beamter folgenden Vermerk an die Hubbard-Akte heftete: «Verdacht auf Geistesgestörtheit.»

Schwäbische Post, 23.02.2011, Manfred Moll
Scientology wirbt an den Schulen
Unter einem Deckmantel schickt die Sekte den Aalener Elternbeiratsvorsitzenden einen Brief und eine Film-DVD Scientology wirbt im Umfeld von Aalener Schulen. Dabei spielt die Sekte nicht mit offenen Karten. Die Elternbeiräte erhielten in den vergangenen Wochen Post, und zwar an die jeweilige Adresse der Schule. Der Inhalt des Umschlags: Ein Brief und ein Film auf DVD, in denen vor angeblichen Gefahren von Psychopharmaka gewarnt wird.
Aalen. Absenderin der Umschläge ist eine Aalener Bürgerin. In dem Schreiben gibt sie vor, sich Sorgen zu machen über das Ausmaß, in dem Schulkindern Psychopharmaka verabreicht werden. Beigelegt ist eine Film-DVD mit einer angeblichen „Dokumentation“. Der Film (liegt der SchwäPo vor) dreht sich um eine US-Amerikanerin, deren 18- jähriger Sohn sich das Leben genommen haben soll. Behauptet wird, er sei in den Tod gesprungen, weil er mit Psychopharmaka behandelt wurde. Auf diesen Film nimmt die Aalenerin Bezug. Der Film ist in Englisch mit deutschen Untertiteln. Ins Deutsche übersetzt jedoch ist das Begleitheft. Und darin wird versucht, ganz unterschwellig zu vermitteln, alle medizinische Behandlung von Schulkindern mit Psychopharmaka sei letztlich ein Versagen der Eltern und generell eigentlich unnötig. Zitiert werden etliche „Experten“ – die Scientology nahestehen. Im Film selbst kommt unter anderem ein Arzt zu Wort, der in etwa behauptet, wer sich gesund ernähre, ausreichend an der frischen Luft sei und sich mit den richtigen Leuten abgebe, könne gar nicht psychisch krank werden. – Mit den „richtigen Leuten“ sind natürlich Scientology-Mitglieder gemeint. Das Begleitheft verweist auf „empfohlene Lektüre“. Herausgeber sind zumeist Scientology-nahe Verlage und eine ihrer Tarnorganisationen (cchr.org). Ganz platt wird es dann, wo im Begleitheft steht, das Wort „pharmazeutisch“ stamme von dem griechischen „pharmakeutikos“ ab, was „Ausübung der Hexerei“ bedeute. Das allein, so heißt es, sollte doch Warnung genug sein . . . Etliche Elternbeiratsvorsitzende wurden sofort aktiv, nachdem sie die fragliche Post ihrem jeweiligen Fach im Schulsekretariat entnommen hatten. Aber wahrscheinlich nicht in der Art und Weise, wie die Absenderin sich das vorgestellt hat. Denn sie begannen, Nachforschungen anzustellen, und fanden schnell heraus, dass die Absenderin eine Scientology-Aktivistin ist, die auch eine entsprechende Internet-Homepage hat. (Name und Adresse der Frau sind der SchwäPo bekannt, sie räumt auch ein, Absenderin der Postsendung zu sein.) Gleichzeitig wurden der Gesamtelternbeiratsvorsitzende und das Schulamt der Stadt von dem Vorgang informiert. Der Aalener Gesamtelternbeiratsvorsitzende Klaus Seeling seinerseits stellte sofort per E-Mail klar, dass der Brief und die Film-DVD nicht vom Gesamtelternbeirat kommen, sondern von Scientology. „Leider unter einem Deckmäntelchen“, sagt er zur SchwäPo. Werbung zu verschicken sei natürlich nichts Strafbares, meint er. Aber sobald sie von totalitären Organisationen komme, müsse man sich dagegen wehren, betont Klaus Seeling. Das Schulamt der Stadt und Klaus Seeling haben das staatliche Schulamt Göppingen und das baden-württembergische Kultusministerium informiert. „Wir nehmen das ernst“, sagt Hans-Jörg Polzer, Leiter des staatlichen Schulamts. Er bittet alle Elternbeiräte und Schulen, die derartige Post bekommen, seine Behörde darüber zu informieren. Das Kultusministerium hat die Sache seinem Sektenbeauftragten übergeben. „Scientology“ gelte schließlich als eine demokratiefeindliche Organisation (der Verfassungsschutz hat sie im Visier). Sprecherin Carina Olnhoff ergänzt, im vergangenen Jahr habe es in Stuttgart eine ähnliche Aktion der Sekte gegeben.
Info: Scientology 
Die Organisation gilt als religiöse Sekte, die ihre Mitglieder in psychische Abhängigkeit bringt. Aussteiger und Kritiker werden massiv bekämpft. Der Gründer Ron L. Hubbard wollte ursprünglich die Psychotherapie revolutionieren. Heute bekämpft Scientology die psychiatrische Medizin radikal. Hubbard, ein US-Amerikaner, der 1986 gestorben ist, bezeichnete seine Lehre, die „Dianetik“, als „moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“. Die Psychiatrie sah er als unliebsame Konkurrenz. Kein Wunder: Sekten rekrutieren ihre (zahlenden) Mitglieder oft unter psychisch labilen Menschen.

Augsburger Allgemeine, 21.02.2011, Oliver Helmstädter
Markus Stuckenbrocks Kampf gegen Scientology 
Der Burlafinger Scientology-Aussteiger Markus Stuckenbrock kämpft gegen die Methoden der Sekte und macht sie für den frühen Tod seines Bruders verantwortlich. von 
Nicht immer gelingt es Markus Stuckenbrock einfach vorbei zu gehen, wenn er den knallbunten Stand von Scientology zwischen Hirsch- und Bahnhofsstraße in Ulm sieht. Er wisse allzu gut aus eigener und familiärer Erfahrung, was die angebotenen Bücher und Psychotests anrichten können: Psychische Abhängigkeit durch vielgestaltige Manipulation sowie den sozialen und finanziellen Ruin. Der Sekten-Aussteiger sieht die Stadtverwaltung in der Pflicht, gegen solche Stände vorzugehen. Die sehen aber ihre Hände gebunden. Ein Blick auf den Kampf gegen eine selbst ernannte Religion, an die der Burlafinger Stuckenbrock (fast) die ganze Familie verloren hat. „Methoden zur Indoktrination“, die der „ideologischen Umerziehung“ dienen, nennt der Verfassungsschutzbericht von Baden-Württemberg, was regelmäßig an Samstagen Passanten in Ulm angeboten wird. Manchmal verteilt der Ex- Scientologe scientology-kritische Schriften vor ihrem Stand. „Dass weniger Menschen in diese Falle tappen.“ Er selbst war schon drin. Und sein Vater ist bis heute Scientologe, genauso wie seine (Halb-)Brüder. Markus Stuckenbrock (46) stieg mit 19 aus, er ist heute verheiratet und hat zwei fast erwachsene Töchter. Der Kontakt zu Brüdern und Vater ist schwierig. Als Abtrünniger ist er geächtet und gilt als Verräter. Angeblich wurde sein Bruder ohne ausreichende Hilfe eingesperrt Außerdem macht Stuckenbrock Scientology für den frühen Tod seines Bruders vor drei Jahren verantwortlich. Viel Zeit und Geld habe er investiert, um die Umstände des Todes vor Ort zu rekonstruieren. Angeblich sei sein Bruder Uwe Stuckenbrock – dessen Sekten-Karriere einst in Ulm begann, als er an multipler Sklerose erkrankte – in einem Reha-Zentrum von Scientology jahrelang ohne ausreichende medizinische Hilfe eingesperrt worden. Bis er im Oktober 2008 starb. „Das war ein Arbeits- und Gleichschaltungslager, in dem abtrünnige oder angeblich schlecht produzierende Mitarbeiter wieder auf den rechten Weg zurückgeführt werden sollen.“ Markus Stuckenbrock spricht von einer „schrecklichen Leidensgeschichte in einer fanatischen, totalitären Organisation“, die in Ulm ihren Anfang nahm. 1998 flüchtete Uwe demnach aus dem internationalen Hauptquartier nahe Hemet in Kalifornien mit einem Motorrad, wurde aber sehr schnell von Sicherheitskräften zurück gebracht. Scientology habe seinen Bruder daran gehindert, Mutter und Familie über seine Krankheit zu informieren. Sein Bruder, einst im Führungskader habe nämlich nicht mehr ins Selbstbild der Psychosekte gepasst und sei daher abgeschoben worden. Denn perfekt trainierte Scientologen können der Lehre nach nie krank werden, wie Jürgen Keltsch vom Bayerischen Innenministerium in einer Publikation erklärt. Sektengründer L. Ron Hubbard behauptete demnach, er könne mit Scientology einen neuen, besseren Menschen erschaffen – den so genannten „Homo Novus“. Dauerhaft kranke Menschen wie Uwe Stuckenbrock oder Menschen mit Behinderung haben in dieser Welt keinen Platz. Markus Stuckenbrock, der Scientology-Aussteiger, schaffte es in eine andere Welt: Er arbeitet seit 20 Jahren als Heilerziehungspfleger mit Behinderten. Scientology, das laut Verfassungsschutzbericht einen eigenen Nachrichtendienst („Office of Special Affairs“) betreibt, der die Aufgabe hat, Kritiker und Gegner auszuforschen und unter Umständen repressive Maßnahmen zu treffen, weist alle Vorwürfe weit von sich. Dies alles spiegelt aus ihrer Sicht, „die Paranoia eines Apparats wieder, der seine Agenten darauf ansetzt, Rufmordkampagnen gegen die Scientolo gy-Kirchen in Deutschland durchzuführen“. Auf ein medizinisches Gutachten über den Tod seines Bruders, das ein Scientologe Stuckenbrock nach dem Auftritt in der Talkshow „Markus Lanz“ offenbar versprach, wartete Stuckenbrock vergebens. Kritiker und insbesondere Aussteiger wie Stuckenbrock werden von Scientology als „Kriminelle“ bezeichnet und als zu bekämpfende „unterdrückerische Personen“ stigmatisiert, auf unterstem Niveau geschmäht, herabgewürdigt und mitunter auch verklagt. So steht es im Verfassungsschutzbericht. Scientology wittert hingegen seit Jahren eine Diffamierungskampagne der Verfassungsschützer. „Lügen als Programm“ heißt der Vorwurf auf einer eigenen Internetseite von Scientology über ihre „Wahrheiten“ und den Verfassungsschutz. Außer einer Flut an Hubbard-Werbematerial habe Stuckenbrock bislang keine Reaktionen auf seine öffentliche Kritik an den Methoden und Zielen von Scientology erhalten. Er will weiter zu Felde gegen Scientology ziehen. Anwälte in den USA seien längst eingeschaltet. Das FBI ermittelt dem Nachrichtenmagazin Spiegel zufolge schon „seit einer ganzen Weile“ gegen Scientology. So habe die Behörde im Dezember 2009 tagelang Scientology-Aussteiger vernommen. Das FBI prüfe unter anderem den Vorwurf des Menschenhandels und der Sklavenarbeit. Stuckenbrock hofft, dass der Todesfall seines Bruders ein Teil der FBI-Ermittlungen ist. So will Markus Stuckenbrock wenigstens die Kreise der „Mission“ genannten Ulmer Scientology-Zweigstelle stören. Er versuchte dies auch per Brief an Oberbürgermeister Ivo Gönner, in dem er aufzeigte, wie der Stand in der Fußgängerzone verhindert werden könne. Mehrere deutsche Gerichte hätten Scientology als wirtschaftlichen Betrieb eingestuft, sodass ein Stand über hohe Gebühren verhindert werden kann. Die Ulmer Stadtverwaltung sieht jedoch ihre Hände gebunden, da es sich nicht um eine verbotene Organisation handle. Markus Stuckenbrock kann das kaum ertragen. In schwachen Momenten seien Menschen sehr empfänglich für die Heilsversprechungen. So wie seine Eltern in den 70er Jahren. Sie suchten Halt, als ihr jüngster Sohn nach einer Operation starb. Nun sei sein Vater blind durch die Psycho-Methoden: Er merke nicht, dass er durch die Sekte noch mehr Kinder verloren habe.

Berliner Zeitung, 16.02.2011, Frank Nordhausen
Der US-amerikanische Regisseur Paul Haggis macht öffentlich, warum er Scientology verlassen hat Von 
„Ich mochte das Versprechen, dass Scientology die Fähigen fähiger macht." So begründet der Hollywood-Regisseur Paul Haggis, warum er der berüchtigten Psycho-Sekte fast 35 Jahre lang treu blieb. Es schmeichelte ihm, zur Elite des Planeten zu gehören, sagt Haggis, "zu den Besten der Besten". So nämlich hätschelt Scientology jene Celebritys, die ihr als Werbeträger dienen. Darunter Stars wie Tom Cruise, Katie Holmes, John Travolta, Chick Corea, denen in Großbuchstaben auf die Stirn geschrieben scheint: "Ich bin, was ich bin, durch Scientology. Wer auch so erfolgreich sein will, der muss zu Scientology kommen - und zwar sofort." Deshalb war es ein PR-Desaster für die Sekte, als Paul Haggis Scientology vor anderthalb Jahren verließ, als erster Aussteiger der Top-Prominenten-Garde. Jetzt ist der zweite Schlag erfolgt. Denn jetzt enthüllt Haggis der amerikanischen Öffentlichkeit den Zynismus, die Gewalt und die Gehirnwäschemethoden der Organisation - in der aktuellen Ausgabe des Magazins New Yorker. Er ist die Hauptperson einer 26-Seiten-Recherche des angesehenen US-Journalisten und Buchautors Lawrence Wright. Der 57-jährige Haggis ist ein sehr erfolgreicher Hollywood-Regisseur und Drehbuchautor. Er hat Oscars gewonnen für "Million Dollar Baby" (2004) und "L.A.Crash" (2006), hat Bücher für TV-Serien und James-Bond-Filme geschrieben. Wohl auch deswegen hat die ausführliche Darstellung seines Bruchs mit Scientology in den USA so großes Aufsehen erregt. Die Zeitschrift New Yorker hat sich zudem extrem gut abgesichert, hat mit äußerster Akribie recherchiert und für jede Behauptung eine Stellungnahme von Scientology eingeholt - die fast immer lautet: "Scientology bestreitet diese Darstellung." Damit wurde der klagefreudigen Sekte von vornherein der juristische Wind aus den Segeln genommen. Was das Magazin gegebenenfalls zu befürchten hatte, machte der Scientology-Sprecher Tommy Davies klar, als er zum offiziellen Interview gleich vier Anwälte mitbrachte. Und jeder Chefredakteur in Amerika weiß, dass Scientology die New York Times 1991 für ihre Enthüllungsrecherche "Kult der Gier" auf 416 Millionen Dollar Schadenersatz verklagte. Die Zeitung gewann den Prozess zwar nach Jahren. Aber die Drohung existenzgefährdender Verfahren schwebt seither über jedem, der Ähnliches wagt. Bis vor Kurzem war Scientology in den USA ein Thema, das die Medien nur mit Samthandschuhen anfassten. Das hat sich geändert. Der New-Yorker-Artikel steht in einer Reihe neuerer Veröffentlichungen, die Scientology in einer in den USA bisher ungekannten Weise vorführen. Viele Top-Scientologen haben den Sektenkonzern in den vergangenen zwei Jahren verlassen und Bücher über ihre teils schockierenden Erlebnisse geschrieben. Mutige Zeitungen wie die St. Petersburg Times aus Florida, wo Scientologys "spirituelles Zentrum" ist, haben gewagt, sie zu interviewen. Paul Haggis gehörte nicht zu diesen Spitzenkadern, die viel internes Wissen haben, sondern zum Kreis ihrer umhegten Hollywoodstars, die von den finsteren Seiten der Organisation nur durch Zufall erfahren oder wenn sie, wie der gebürtige Kanadier, beginnen, Fragen zu stellen. Paul Haggis geriet in einen inneren Konflikt, als Scientology 2008 das Referendum gegen die damals legale Homo-Ehe in Kalifornien unterstützte und alle Mitglieder ebenfalls dazu aufforderte. Seine beiden Töchter sind lesbisch. "Das ist ein Makel in der Integrität unserer Organisation", schrieb Haggis damals in einem Brief an die Scientology-Leitung. Erst zu der Zeit fiel ihm auf, dass der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard Homosexualität bereits in den Fünfzigerjahren als "gefährlich" definierte und die Sekte Kurse zur Heilung der "Krankheit" anbietet. Einmal irritiert, begann Haggis im Internet zu recherchieren und stieß auf viele weitere Widersprüche in der Scientology-"Ethik": den "Trennungsbefehl" von Scientology-kritischen Angehörigen, die Kinderarbeit in der Elitetruppe "Sea Org", die Umerziehungs- und Straflager, die extreme Kontrolle. Er erfuhr, dass Mitglieder der Sea Org, die sich für eine Milliarde Jahre dienstverpflichten, nur 50 Dollar Wochenlohn bekommen, während der Scientology-Boss David Miscavige und sein Freund Tom Cruise einen "luxuriösen Lebensstil" pflegen, mit nickelveredelten Motorrädern, privaten Dienern und Köchen aus der Sea Org. Scientology bestreitet all dies. Der Bericht des New Yorker schildert zeitversetzt, was in Europa und im Internet seit Mitte der Neunzigerjahre bekannt ist, und was jeder Interessierte etwa in den Broschüren der deutschen Verfassungsschutzämter nachlesen kann, die die als verfassungsfeindlich eingestufte Organisation seit 1997 beobachten. Ein Jahr zuvor enthüllte die Berliner Zeitung Interna aus den Straflagern des Psychokonzerns. Im selben Jahr publizierte die Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats die erste wissenschaftliche Studie darüber. Gleichwohl galt Scientology - und gilt bis heute - in den USA als "Religion". "35 Jahre lang war ich in einer Sekte", sagt Paul Haggis jetzt, aber er habe das nicht wahrgenommen. Immerhin sehen heute nicht mehr alle US-Behörden über die Scientology-Aktivitäten hinweg. Seit einigen Jahren ermittelt das FBI, unter anderem wegen des Vorwurfs der Kinderarbeit und des Menschenhandels. Bisher allerdings ohne sichtbares Ergebnis.

Aargauer Zeitung, 12.02.2011, Dieter Minder
Scientologen versuchen in Baden Anhänger zu werben 
In der Badstrasse in Baden stehen fast jeden Samstag diskret zwei Personen, die Werbung machen für eine Bürgerkommission, deren Mitglieder fast ausschliesslich Scientologen sind. Jetzt ist es nicht mehr die grosse gelbe Zeltstadt auf dem Bahnhofplatz, jetzt sind es diskret zwei Personen, die fast jeden Samstag auf der Badstrasse in Baden für die Scientologen Werbung machen. Wobei sie ganz streng genommen nicht für Scientology werben, sondern für die Bürgerkommission für Menschenrechte (Citizens Commission on Human Rights, CCHR). Diese «untersucht und enthüllt Verletzungen der Menschenrechte durch die Psychiatrie», zumindest behauptet sie das. Effektiv handelt es sich bei der CCHR um eine Organisation, deren Mitglieder fast ausschliesslich Scientologen sind. Diese werben auf sehr druckvolle Art für ihre Weltanschauung, von der sie behaupten, es handle sich um eine Religion. Konsequenterweise sprechen sie von einer Kirche und benutzen Symbole, die bei flüchtigem Hinsehen mit christlichen Symbolen verwechselt werden können. Wer Näheres erfahren will, über den ergiesst sich ein fast unendlicher Wortschwall von eher unergiebigem Informationsgehalt. Dieser Gefahr setzen sich alle Leute aus, die sich von den Scientologen in der Badstrasse in ein Gespräch verwickeln lassen. Für die Anhänger wird es teuer In einem ersten Schritt versuchen sie den Leuten Bücher über Scientology oder Dianetik, wie sie ihre Theorie auch nennen, zu verkaufen. Wer sich interessiert zeigt, der wird aufgefordert, einen Persönlichkeitstest über sich ergehen zu lassen. Fast immer zeigt dieser, dass der Getestete in seiner Persönlichkeit noch einige Defizite hat. Die kann er nur beheben, wenn er bei den Scientologen Kurse bucht. Damit gerät die Person in einen Strudel, aus dem sie sich fast nicht mehr befreien kann. Immer weitere Kurse, oft zu sehr hohen Preisen, muss sie absolvieren, um endlich zum so genannten Clear oder Operierenden Thetan zu werden. Das sind die Wesen, die dank Vertrag mit Scientology einige Milliarden Jahre existieren sollen. Viele Satellitenorganisationen Die CCHR, die momentan in Baden auftritt, ist nur eine der Satellitenorganisationen, in der Scientologen tätig sind. Weitere sind die Ehrenamtlichen Geistlichen (Volunteer Ministers), das Aktionskomitee «Sag nein zu Drogen», die Gesellschaft für ein besseres Leben und Ausbildung (Association for better Living and Education, ABLE) oder die Stiftung Vision Zukunft mit Sitz in Holziken. Von sich behauten die Scientologen, sie seien eine Kirche. Geschaffen hat ihre Grundlage der 1984 verstorbene Science-Fiction-Schriftsteller Ron Lafayette Hubbard. Seiner Ansicht nach kann der Mensch fast unendlich lange leben. Die Voraussetzung, er muss dafür eine fast unendliche Anzahl von Kursen absolvieren und einen Vertrag über einige Milliarden Lebensjahre abschliessen. All das kann sehr kostspielig werden. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen sich Leute stark verschuldet haben, um Geld an Scientology zu überweisen. Sie wird von den Kritikern als Konzern mit rein wirtschaftlichen Zielen angesehen. Das gilt unter anderem für die ökumenische Sektenberatung Schweiz, die evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen oder die Infosekta. Eine totalitäre Bewegung In Deutschland hat sogar der Verfassungsschutz ein wachsames Auge auf Scientology geworfen. So schreibt das Landesamt für Verfassungsschutz von Baden-Württemberg, dass Hubbards Ansichten «unvereinbar mit der verfassungsmässigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland» seien. Begründet wird dies unter anderem mit folgenden Worten: «Wie andere totalitäre – und damit extremistische – Bewegungen erhebt die Scientology-Organisation eine Art Alleinvertretungsanspruch. Sie versteht sich als einzige und ausschliessliche Besitzerin politischer, religiöser oder sonstiger weltanschaulicher Wahrheiten.»

Short News, 08.02.2011
Scientology-Sekte wird angeblich wegen Menschenschmuggels vom FBI untersucht 
Die Scientology-Sekte wird angeblich wegen Menschenschmuggels, Sklaverei und Gewaltanwendung vom FBI untersucht. Die ehemaligen Mitglieder der Kirche, zu der solche prominenten Personen wie Tom Cruise und John Travolta gehören, werden derzeit zu diesen Vorwürfen befragt. Außerdem geriet David Miscavige, der Leiter der Kirche, ins Visier der Untersucher. Ihm wird nämlich wiederholte Gewalt gegen die jungen Mitglieder der Kirche unterstellt. Obwohl diese Information erst jetzt an die Öffentlichkeit gerät, soll die FBI-Untersuchung bereits seit einem Jahr andauern.

Tagesanzeiger, 26.01.2011, Hugo Stamm
Gesellschaft Scientology kommt auf Samtpfoten 
Früher missionierten Scientologen vornehmlich mit Flugblättern. Heute setzt die Psychogruppe vermehrt moderne Marketingmethoden ein, um Anhänger zu gewinnen. Gibt es Scientology überhaupt noch? Diese Frage stellen sich viele, denn missionierende Scientologen sieht man nur noch selten am Bahnhof oder auf öffentlichen Plätzen. Scientology gibt es nach wie vor. Bloss ködert die Psychogruppe heute mit diskreteren Methoden als früher neue Anhänger. Sie will den Ruf als aggressive Sekte korrigieren. Obwohl sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit weniger präsent ist, missioniert sie wie eh und je. Dies erfuhr zum Beispiel ein leitender Beamter einer staatlichen Behörde. Kürzlich bekam er ein englisches Mail von einer internationalen Stiftung. Um glücklich zu werden, solle er die Broschüre «Der Weg zum Glücklichsein» lesen. Weiter wurde er aufgefordert, 18 Exemplare zu kaufen und an Freunde zu verteilen, um diese ebenfalls glücklich zu machen. Er suchte vergeblich einen Absender, entdeckte dann aber im Kleingedruckten einen Hinweis, der ihn stutzig machte: Das Copyright liege bei der Hubbard- Bibliothek, las er. Dahinter steckt Scientology, schoss es ihm durch den Kopf. Unklare Datenherkunft Drei Tage später bekam er ein Mail vom Scientology- Zentrum Zürich mit folgendem, verbal doch recht abenteuerlichen Inhalt: «Hallo, um Hilfe zu erhalten, um Ihr Leben sollte man unserer Kirche in Zürich Kontakt liegt. Die Mitarbeiter dort werden sehr glücklich sein, Ihnen zu helfen.» Nach einem weiteren Mail folgte ein Anruf einer Scientologin, die sich auf die Mails bezog. Als er sie aufforderte, die Mailzuschriften zu unterbinden, kam es zu einem Disput. Was den Beamten besonders irritiert: Die Scientologen besitzen private Eckdaten, die nicht leicht zu beschaffen sind. Er fragt sich, wie Scientology die Angaben beschafft hat. Scientology-Sprecherin Annette Klug erklärt, sie hätten keine Adressen von der Stiftung erhalten, welche die Broschüre vertreibt. Sie kann sich nicht erklären, wie es zu dieser Verstrickung gekommen ist. Sie würden auf Wunsch Ma iladressen löschen. Telefon und Massagen Ein beliebtes Missionierungsinstrument ist das Telefon. TA-Leser beschweren sich immer wieder, sie seien von Scientologen kontaktiert worden. «Will jemand keinen Kontakt, dann wird dies selbstverständlich respektiert», sagt die Scientology-Sprecherin. In jüngster Zeit schaltet Scientology auch Publireportagen in Gratiszeitungen, die wie normale Artikel daherkommen. Dank der Broschüre «Der Weg zum Glücklichsein» habe die Gewaltanwendung an Schulen um 70 bis 80 Prozent gesenkt werden können, wird in einem Text behauptet. Weiter missionieren Scientologen vermehrt mit Info- Ständen, ohne sich als Anhänger des Sektengründers Ron Hubbard zu erkennen zu geben. Sie treten beispielsweise als Vertreter einer Menschenrechtsorganisation auf. Manchmal stellen sie Massagetische auf und behandeln Passanten. Dabei können sie diese in ein Gespräch verwickeln. Manchmal lassen sich Passanten auch auf einen Test mit dem Hubbard-Elektrometer ein – eine Art Lügendetektor. Die Behörden haben kaum Möglichkeiten, die Standbewilligung zu verweigern, weil Scientology dagegen klagen würde. Arbeitslose im Visier Scientology peilt auch gern Arbeitslose an und bietet ihnen in Inseraten eine Stelle an. Der Wortlaut: «Niedriges Gehalt – grossartige Zukunft.» Ausserdem streut die amerikanische Organisation eigene Zeitungen mit Artikeln von Hubbard und Referenzschreiben ihrer Promis. Schauspieler John Travolta lässt sich beispielsweise so zitieren: «Dianetik brachte mich ganz nach oben.» Dabei handelt es sich um eine Art therapeutisches Verfahren, dank dem Travolta angeblich «etwas wirklich Grosses erreichen konnte.»

spielfilm.de, 07.01.2011, Sira Brand
Paul Haggis packt aus: Kritisches Buch über Scientology 
Der Name sagt alles: Mit "The Heretic of Hollywood: Paul Haggis vs. The Church of Scientology" wird der Oscarpreisträger sich bei Thetan-Jüngern zweifellos sehr unbeliebt machen. Mutig: Der Regisseur und Autor Paul Haggis (L.A. Crash (WA)) plant, ein Buch über seine Erfahrungen mit der Scientology zu veröffentlichen. "The Heretic of Hollywood: Paul Haggis vs.The Church of Scientology" sollen seine Memoiren heißen, die er zusammen mit Lawrence Wright, einem Journalisten des Magazins New Yorker, verfassen wird. Haggis löste sich 2009 von dem Kult - die Gründe beschrieb er in einem Brief: Latente Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen, sowie den Zwang, Kontakt zu Familienmitgliedern, die Scientology kritisch gegenüberstehen, abzubrechen. In seinem Schreiben gab Haggis an, man habe seine Frau Deborah Rennard gezwungen, nicht mehr mit ihren Eltern zu sprechen, nachdem diese aus der Sekte ausgetreten waren. Im Übrigen solle Scientology, sobald jemand austrete, private Details für Schmierkampagnen missbrauchen - als Beispiel führte Haggis Amy Scobee an, eine Frau, die ursprünglich für die Anwerbung von Prominenten zuständig war und schließlich ihre negativen Erfahrungen mit dem Kult den Medien gegenüber beschrieb. Haggis Buch' soll sich vorwiegend mit dem Leben des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard, einem ehemaligen SciFi-Autor, sowie diversen Machenschaften des derzeitigen Kult-Kopfes David Miscavige - welcher von vielen Aussteigern als gewalttätig beschrieben und in Kalifornien wegen Menschenhandel angeklagt wurde - beschäftigen. Die Veröffentlichung ist für Juni diesen Jahres angesetzt. In Deutschland wird Scientology seit 1997 vom Bundesamt für Verfassungsschutz (sowie einigen entsprechenden Landesämtern) beobachtet. Der Grund: Verdacht auf "Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung." Konkretere Informationen dazu gibt es hier www.verfassungsschutz.de Haggis verriet in dieser Woche außerdem in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian, dass eine kritische Haltung gegenüber organisiertem Glauben bei ihm quasi in der Familie liege: Er wurde katholisch erzogen und als er dreizehn Jahre alt war, rügte seine Mutter den Gemeindepriester dafür, einen neuen Cadillac gekauft zu haben. "Der Priester sagte: 'Ich habe darüber viel nachgedacht und Gott will, dass ich einen Cadillac habe.' Meine Mutter sagte dem Priester, dass sie auch viel darüber nachgedacht habe und dass Gott nicht mehr wollte, dass sie den Gottesdienst in seiner Kirche besuchten. Also denke ich, das habe ich von ihr. Woran auch immer du glaubst, du musst fähig sein, das zu hinterfragen.


2010

Tages-Anzeiger, 28.12.2010, Hugo Stamm
Scientologe erpresst Verzichtserklaerung der Eltern
Zürich – Scientology behauptet, praktisch alle Probleme lösen zu können, auch familiäre. Der Fall eines Zürcher Scientologen zeigt aber, dass die Sekte eigenartige Vorstellungen davon hat, wie Eltern gezähmt werden sollen. Die Geschichte begann vor acht Jahren. Damals war Robert A. (Name geändert) 23 Jahre alt und hatte Liebeskummer. Ein Scientologe sprach ihn auf der Strasse an und versprach ihm Lösungen. Robert verschwieg seinen Eltern das Engagement bei Scientology. Obwohl er nur ein kleines Einkommen hatte, zahlte er der Sekte innerhalb von zwei Monaten fast 12 000 Franken. 3000 Franken davon waren für eine «lebenslange Mitgliedschaft», die restlichen Gelder deklarierte Scientology als Spenden. Um das Geld aufzubringen, verkaufte Robert unter anderem sein Auto. Bankkredit für die Sekte Robert nahm ausserdem einen Bankkredit von 23 000 Franken auf. Danach spendete er noch einmal 4000 Franken. Dafür erhielt er Urkunden, die ihm bescheinigten, er sei bereit, «diesen Planeten zu retten». Nicht genug: Als die Eltern hinter seine Scientology- Mitgliedschaft kamen, erklärte Robert, er wolle einen Scientology- Kurs absolvieren, der 30 000 Franken koste. «Du steckst in einer Sekte», warnten die Eltern. Vergeblich. Darauf stürmte seine Mutter ins Scientology-Zentrum und drohte den Führungskräften mit der Polizei. Nach langen Diskussionen liess sich Robert umstimmen, distanzierte sich von Scientology und forderte einen Teil der Spenden zurück. Doch die Sekte weigerte sich – wie in anderen Fällen auch – das Geld zurückzuzahlen. Vor einiger Zeit begann für die Eltern der Albtraum von Neuem. Er müsse seine Probleme beim Studium mit Dianetik-Kursen von Scientology lösen, erklärte ihr Sohn aus heiterem Himmel. Voraussichtlich werde er in einem Scientology-Zentrum in Kopenhagen oder in den USA arbeiten. Um die Eltern zum Schweigen zu bringen, legte er ihnen eine Verzichtserklärung vor. Mit ihrer Unterschrift sollten sie bestätigen, «Scientology weder verbal noch mit rechtlichen Mitteln anzugreifen» und darauf verzichten, Robert von «Scientology wegzubringen». Die Eltern fielen aus allen Wolken: «Wir weigerten uns kategorisch, den Wisch zu unterschreiben», sagt die Mutter. Robert war betrübt und telefonierte sofort Scientologen, die ihm per Mail eine leicht abgeschwächte Verzichtserklärung schickten. Mit Kontaktabbruch gedroht Die Mutter liess sich aber nicht beirren und sagte: «Scientology ist eine gefährliche Sekte und hat dir das Gehirn gewaschen.» Roberts Eltern informierten die Polizei über die Machenschaften. Die Beamten rieten dringend ab, die Erklärung zu unterschreiben. Nun erklärte Robert seinen Eltern, er müsse den Kontakt zu ihnen vollends abbrechen. Für Scientologen sind Roberts Eltern, «unterdrückerische Personen». Die Sektendoktrin verlangt, dass sie «gehandhabt werden»: Man überzeugt die Eltern, dass Scientology eine segensreiche Organisation sei oder legt die Beziehung auf Eis. Da Robert seine Eltern nicht handhaben konnte, drohte er ihnen den Kontaktabbruch an. Im Buch «Was ist Scientology?» heisst es dazu, ein Scientologe könne Probleme mit seinem spirituellen Fortschritt haben, wenn er mit einer unterdrückerischen Person in Verbindung stehe. Entweder müsse er den Konflikt «mit wahren Informationen» über Scientology beheben oder als letzte Möglichkeit «die Verbindung abbrechen». Spenden «auf eigenen Wunsch» Scientology-Sprecherin Annette Klug sagte, Robert habe die Spenden «auf seinen eigenen Wunsch» getätigt. Scientology Zürich habe von der Aktion nichts gewusst. Der TA besitzt aber ein Mail, das die familiäre Einmischung von Scientologen beweist. Darauf antwortete Klug: «Die Person, die ihm das geschrieben hat, war hier früher Mitarbeiter.» Robert selbst erklärte dazu, dass er «nach einem Gespräch mit ScientologyKollegen aus Dänemark auf die Idee» mit der Verzichtserklärung gekommen sei. Die jüngste Auseinandersetzung mit der Sekte und die Diskussion mit den Eltern haben dazu geführt, dass er Scientology momentan mit etwas kritischeren Augen betrachtet.

Reutlinger General-Anzeiger, 26.12.2010
Rech warnt vor Scientology-Propaganda im Internet
STUTTGART. Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) warnt vor zunehmenden Aktivitäten der umstrittenen Scientology-Organisation im Internet. Rech sagte der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart, die Organisation nutze das Internet für massive Propaganda. »Die Zahl der Webseiten, hinter denen Scientology steckt, steigt.« Vor allem junge Leute würden dadurch angesprochen. In Deutschland sind Scientology und ihr nahe stehenden Freundeskreisen nach Schätzungen des Innenministeriums rund 100 Seiten im Internet zuzurechnen. Weltweit dürfte es ein Vielfaches sein. Rech sagte: »Die Organisation hat ihre Strategie geändert. Die Leute werden nicht mehr auf der Straße angesprochen, sondern verstärkt in sozialen Netzwerken.« Der Scientology-Hintergrund sei bei manchen Webseiten nicht sofort erkennbar. Der Jugendschutz müsse verstärkt werden, um gegen die Organisation effektiv vorgehen zu können. Die Anhänger der umstrittenen Organisation sind in Baden- Württemberg weniger geworden. Im Südwesten sei die Zahl der Scientology-Anhänger in den vergangenen zehn Jahren von 1200 auf 1000 Menschen gesunken. »Eine Expansion findet nicht statt.« In Deutschland beläuft sich die Zahl der Mitglieder nach Schätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz zwischen 4500 bis 5500 Menschen. Die aus den USA stammende Vereinigung gründete 1970 ihre erste Niederlassung in Deutschland. »Scientology strebt eine totalitäre Gesellschaftsordnung an«, warnte der Landesinnenminister weiter. Die umstrittene Organisation verfüge über große finanzielle Ressourcen. Im Südwesten liege einer der Schwerpunkte der Organisation. »Der Aktivitätsgrad der Scientologen in Baden-Württemberg ist im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland hoch.« Der Grund: Baden- Württemberg gehöre zu den wirtschaftlich stärksten Bundesländern, das könnte sich finanziell lohnen. Scientology sei auch stark in Hamburg und Bayern vertreten. Wichtig bleibe weiterhin die Aufklärung über die Gefahren, die von der Organisation ausgingen. Rech sagte weiter: »Auch die so genannten Menschenrechtskampagnen von Scientology sind nur Blendwerk für die Öffentlichkeit. Sie will durch Expansion ihr antidemokratisches System auf die Gesellschaft übertragen.« Die Organisation versuche, Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft von ihrer Ideologie zu überzeugen, um Einfluss und Macht in der Gesellschaft zu gewinnen. Der CDU-Politiker räumt immer wieder aufkommenden Forderungen nach einem Verbot kaum Chancen ein. »Ein Verbot von Scientology wäre sehr, sehr schwierig.« Das Landesamt für Verfassungsschutz werde die Machenschaften der Organisation aber weiterhin mit Argusaugen beobachten.

swr.de, 26.12.2010
Rech warnt vor Scientology-Propaganda im Netz
Die umstrittene Scientology-Organisation verstärkt ihre Aktivitäten im Internet. Davor hat Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) gewarnt. Scientology nutze das Netz für massive Propaganda vor allem bei jungen Leuten. Der Jugendschutz müsse verstärkt werden, um effektiv gegen die Organisation vorgehen zu können, sagte Rech in einem dpa-Gespräch. Die Organisation habe ihre Strategie geändert. Die Leute würden nicht mehr auf der Straße angesprochen, sondern verstärkt in sozialen Netzwerken. Der Scientology- Hintergrund sei bei manchen Webseiten nicht sofort erkennbar. In Deutschland sind nach Schätzungen von Rechs Ministerium rund 100 Seiten im Internet Scientology oder ihr nahe stehenden Kreisen zuzurechnen. Weltweit dürfte es ein Vielfaches sein, so Rech. Scientology mit Schwerpunkt im Südwesten "Scientology strebt eine totalitäre Gesellschaftsordnung an", warnt der Innenminister. Die Organisation verfüge über große finanzielle Ressourcen. Im Südwesten liege einer ihrer Schwerpunkte. "Der Aktivitätsgrad der Scientologen in Baden-Württemberg ist im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland hoch", sagte Rech. Dies liege unter anderem daran, dass Baden-Württemberg zu den wirtschaftlich stärksten Bundesländern zähle. Die Zahl der Anhänger ist allerdings in den letzten Jahren gesunken; laut Rech sind es derzeit etwa 1.000, in ganz Deutschland nach Schätzungen des Verfassungsschutzes bis zu 5.500 Personen. Kaum Chancen für Verbot Die Organisation versuche, Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft von ihrer Ideologie zu überzeugen, um Einfluss und Macht in der Gesellschaft zu gewinnen. Immer wieder aufkommenden Forderungen nach einem Verbot von Scientology räumt Rech jedoch nur geringe Chancen ein. Dies wäre "sehr schwierig". Das Landesamt für Verfassungsschutz werde die Machenschaften aber weiterhin mit Argusaugen beobachten.

Nürnberger Nachrichten 09.12.2010
Scientology muss nicht zahlen  -  Verein siegte vor Gericht im Streit um Ausgleichsabgabe
ANSBACH - Der Verein „Scientology-Kirche Bayern“ hat vor dem Verwaltungsgericht (VG) einen Erfolg errungen. Er muss keine Ausgleichsabgabe nach dem früheren Schwerbehindertengesetz zahlen. Schon seit Jahren schwelt der Streit zwischen dem Verein und dem Freistaat Bayern. Der Verein wendet sich gegen die Festsetzung einer Ausgleichsabgabe nach dem früheren Schwerbehindertengesetz für das Jahr 1993. Danach hatten Arbeitgeber, die über mindestens 16 Arbeitsplätze verfügten, auf wenigstens sechs Prozent der Arbeitsplätze Schwerbehinderte zu beschäftigen. Anderenfalls hätte der Arbeitgeber für jeden unbesetzten Pflichtplatz monatlich eine Ausgleichsabgabe in Höhe von 200 DM zu entrichten. Zunächst Ausgleichsabgabe festgesetzt Die Regierung hatte 1997 gegenüber der Klägerin für das Jahr 1993 eine Ausgleichsabgabe in Höhe von zunächst 43.200 DM festgesetzt. Sie ging davon aus, dass die Klägerin im Jahr 1993 über 300 Arbeitsplätze verfügt habe. Im Jahr 2007 reduzierte die Regierung ihre Forderung auf 19.220 Euro. Sie schätzte die Zahl der Arbeitsplätze auf 129. Das VG Ansbach hat nun der Klage von „Scientology Kirche Bayern“ stattgegeben und die angefochtenen Bescheide aufgehoben. Die Klägerin beschäftige als eingetragener Verein keine Arbeitnehmer, so dass keine mit Schwerbehinderten zu besetzende Pflichtplätze vorhanden seien.

Nürnberger Zeitung, 02.12.2010
Scientology in Ansbach vor Gericht - Streit um Behindertenabgabe
ANSBACH - Muss die Scientology Kirche eine Behindertenabgabe bezahlen oder nicht? Mit dieser Frage beschäftigt sich erneut das Ansbacher Verwaltungsgericht. Seit Jahren zieht sich das Verfahren bereits hin; es geht immer noch um das Jahr 1993. Es geht um viel Geld, denn wenn Scientology Angestellte beschäftigt, müssen ab 16 Arbeitnehmer mindestens sechs Prozent Schwerbehinderte beschäftigt werden oder eine entsprechende Abgabe an das Integrationsamt wird fällig. Für das Jahr 1993 hatte die Regierung von Mittelfranken eine Abgabe von rund 22000 Euro (43200 D-Mark) ermittelt, nach Angaben der Agentur für Arbeit sollen 300 Angestellte beschäftigt gewesen sein. Die Glaubensgemeinschaft erklärt hingegen, dass aktive Mitglieder zugeteilte Aufgaben freiwillig übernommen hätten. Sie seien somit keine normalen Angestellten und deshalb würde auch keine Abgabe fällig. Das Sozialgericht Nürnberg bestätigt diese Sichtweise in einem Urteil vom Januar 2000. Darin heißt es, dass die Beschäftigungen bei der Glaubensgemeinschaft einen caritativen Charakter haben. Die Regierung von Mittelfranken änderte daraufhin ihren Bescheid und reduzierte den Betrag auf knapp 10000 Euro (19220 D-Mark). Sie ging immer noch von ordentlich Beschäftigten aus, wenn auch von deutlich weniger. Gegen den neuen Bescheid klagt nun die Scientology Kirche. Nach wie vor ist die Regierung überzeugt, dass es sich um normale Anstellungsverhältnisse handelt, denn die Mitglieder hätten umfangreiche Aufgaben zu erfüllen. Nach ihrer Auffassung wolle die Glaubensgemeinschaft lediglich rechtliche Sozialabgaben umgehen. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet.

25.11.2010
Neue Broschüre "Das System Scientology"
Die Broschüre kann hier heruntergeladen werden: http://www.verwaltung.bayern.de/Anlage4015418/D asSystemScientology.pdf
Neue Broschüre zu Scientology Innenminister Joachim Herrmann hat heute die aktualisierte Neuauflage der Broschüre “Das System Scientology - Fragen und Antworten” vorgestellt. “Scientology ist ganz eindeutig eine verfassungsfeindliche, menschenverachtende Organisation. Sie widerspricht klar wesentlichen Grundprinzipien unserer Demokratie.” Scientology sei ein überaus gefährlicher Wirtschaftskonzern mit verfassungsfeindlichen Bestrebungen. Die Organisation habe es vor allem auf den Geldbeutel der Menschen abgesehen und stelle auch eine große Gefahr für die Psyche ihrer Mitglieder dar. Herrmann: “Wir müssen alles unternehmen, um möglichst viele Menschen auf Distanz zu Scientology zu halten. Deswegen ist Aufklärung oberstes Gebot. Unsere Broschüre leistet hier einen wichtigen Beitrag. Die Broschüre ”Das System Scientology - Fragen und Antworten” klärt nicht nur über die verfassungsfeindlichen Ziele von Scientology auf, sondern macht in Fragen und Antworten die Methoden und Funktionsweise der Organisation transparent. Sie folgt damit einem übergreifenden Ansatz, der bundesweit einzigartig ist. Herrmann: “Entgegen den Selbstbeteuerungen ist Scientology ein internationaler Wirtschaftskonzern, der aber nicht nur nach Gewinnmaximierung strebt, sondern der auch ein weltweites Herrschaftssystem nach eigenen Vorstellungen errichten will. An die Stelle von Demokratie und Grundrechten soll ein totalitäres Herrschaftssystem treten, das auf Psycho- Technologien und der bedingungslosen Unterordnung des Einzelnen beruht.” Die Organisation sei aber auch eine Gefahr für den Einzelnen, der in ihre Fänge gerate. Die Broschüre ”Das System Scientology” kläre über die Organisation, ihre Ziele, ihre Methoden und ihre Gefahren auf. “Wer das System verstanden hat, kann die Gefahren richtig einschätzen und wird nicht mehr leichtgläubiges Opfer”, so der Innenminister.


Video Scientology
SF1, Scientology.Sendung vom 15.11.2010

Domradio, 17.10.2010
London - Keine Steuerprivilegien für Scientology Quelle: 
In Großbritannien ist ein Streit um Steuervergünstigungen für Scientology entbrannt. Der für die Kommunen zuständige britische Staatssekretär Pickles verlangte von den Städten und Gemeinden, der Scientology-Organisation keine Vergünstigungen zu gewähren, wie sie Religionsgemeinschaften und Wohlfahrtsorganisationen zuerkannt werden. Nach den Medienberichten billigten mindestens vier lokale Behörden Scientology verringerte Immobilien- und Kommunalsteuern zu. Pickles sagte, die Mehrheit der Bevölkerung wolle aber nicht, dass die „umstrittene Organisation“ so unterstützt werde.

Berliner Zeitung, 15.09,2010, Frank Nordhausen
Ende eines Experiments 
Ursula Caberta gilt als größte Feindin von Scientology. Heute entscheidet sich, ob ihre Aufklärungsstelle in Hamburg wirklich geschlossen wird
HAMBURG. Der lange Flur wirkt verlassen. Manchmal klingelt ein Telefon, aber nur kurz, weil sofort ein Anrufbeantworter anspringt. Ursula Caberta huscht von Raum zu Raum, als wolle sie ganz allein den Bürobetrieb simulieren. Acht Zimmer mit acht Computern auf acht Schreibtischen. Aber nicht einmal die Kaffeemaschine arbeitet mehr, es ist still geworden in den Büroräumen am Hamburger Hafen. So hat es die schwarz-grüne Landesregierung in den Sommerferien beschlossen. Am 31. August war der letzte offizielle Arbeitstag der Behörde, die sich „Arbeitsgruppe Scientology“ nennt. „Traurig“, sagt Ursula Caberta, die Chefin, die nun ganz allein ist. Dann lacht sie plötzlich und sagt: „Ich glaube eigentlich nicht, dass es das schon gewesen ist.“ Heute wird sich herausstellen, ob sie recht behält. Der Hamburger SPD-Innenexperte Andreas Dressel hat einen Abstimmungsantrag auf die Tagesordnung der Hamburger Bürgerschaft gesetzt, der den neuen Regierungschef Christoph Ahlhaus und die Abgeordneten von CDU und Grünen zwingt, sich zu entscheiden. Im Antrag heißt es: „Der Senat wird aufgefordert, die Arbeitsgruppe Scientology als eigenständige organisatorische Einheit zu erhalten.“ Andreas Dressel sagt: „Das Argument, man könne mit der Schließung 140 000 Euro jährlich einsparen, ist lächerlich. Die Einsparung beträgt nur einen Bruchteil der Kosten der von Ahlhaus eingeführten Reiterstaffel der Hamburger Polizei.“ „Alles fing mit Hoisdorf an“ Der neue Bürgermeister hatte möglicherweise die Popularität von Ursula Caberta in Hamburg unterschätzt – und als „zugewanderter“ Heidelberger nicht bedacht, wie geschichtsträchtig die weltweit bekannte Arbeitsgruppe Scientology ist. Denn als das Amt im Herbst 1992 gegründet wurde, geschah dies nach einstimmigem Beschluss der Bürgerschaft. Und es hatte viel mit Ursula Caberta zu tun. „Alles fing mit Hoisdorf an“, sagt die 60-Jährige und packt einen Stapel Papiere in eine Kiste. In Hoisdorf nahe Hamburg wollte ein Scientologe damals ein Sekten-Internat errichten. Dagegen wehrte sich eine Bürgerinitiative, deren Anliegen Caberta aufgriff. Sie war alleinerziehende Mutter, Bürgerschaftsabgeordnete der SPD und eigentlich für Ausländer zuständig. Damals kamen immer häufiger Hamburger Bürger in ihre Sprechstunde, die von Scientologen berichteten, die Mietshäuser aufkauften und die Bewohner mit schikanösen Methoden aus ihren Wohnungen vertrieben. Eine Protestbewegung entstand, die bundesweit mehr als 50 000 Unterschriften für einen Bundestags-Untersuchungsausschuss zu Scientology sammelte. Dazu kam es nicht, aber Caberta lernte in jener Zeit die ersten Aussteiger kennen; Menschen, die der Sekte oft erst nach vielen Jahren den Rücken kehrten, nicht selten unter Depressionen und enormen Schulden ächzten. Und sie erkannte die politische Brisanz des Themas. „Mir war schnell klar, das ist keine Religion, sondern eine totalitäre Organisation wie die Nazis, mit Führerkult und Herrenmenschentum.“ Die 1992 gegründete Arbeitsgruppe Scientology war ein politisches Experiment. Laut Beschluss der Bürgerschaft sollte sie die Machenschaften der Organisation dokumentieren und Handlungsvorschläge erarbeiten. Caberta überzeugte den Senat, die Behörde im Innenressort anzusiedeln. Man teilte ihr vier Planstellen zu, die sie unter anderem mit einem Volljuristen besetzte. Etwas Ähnliches hatte es in der Aufklärungsarbeit über Sekten in Deutschland noch nicht gegeben. „Das war ein Quantensprung“, sagt Caberta. „Erstmals wurde Scientology als innenpolitisches Problem behandelt. Als wirtschaftskriminelle Vereinigung.“ Als Amtsleiterin war Ursula Caberta die natürliche Wahl, auch wenn sie damals schon als schwierig galt. „Wenn Männer Charakter haben, nennt man sie stark“, sagt Caberta. „Bei Frauen sagt man, sie sind schwierig.“ Wenn heute die meisten Deutschen das Wort Scientology kennen, so hat das viel mit Ursula Caberta zu tun. Natürlich ist sie umstritten. Ihre Arbeitsgruppe war ein Juwel der Aufklärung für die einen, ein Hort der Religionsverfolgung für die anderen. Unbestreitbar war sie das erste und einzige staatliche Amt der Welt, dessen Aufgabe nur darin bestand, die Bevölkerung vor einer Sekte zu schützen – der amerikanischen Scientology- Organisation, die der Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard 1954 gegründet hatte. Ursula Caberta nimmt einen Aktenordner aus dem Regal im Flur, in dem Dutzende bunte Hubbard-Bücher stehen. „OSA – Office of Special Affairs“, steht auf dem Rücken. Der Name des Scientology-Geheimdienstes. Darin detaillierte Anweisungen, wie Kritiker von Scientology zu überwachen und einzuschüchtern sind. „Jahrelang bin ich von Detektiven ausgespäht worden. Sie haben Demonstrationen veranstaltet, haben mich verleumdet“, sagt Caberta. Ein Flugblatt verunglimpfte sie als „modernen Goebbels“; die Standardformel lautet, sie führe sich als „neuzeitliche Inquisitorin“ auf. Sie erhielt Morddrohungen. Auf Rat des Landeskriminalamtes wechselte sie ihre Wohnung. Sie blieb dennoch offen und zugewandt. „Wir sind zu den Aussteigern immer nett gewesen, auch wenn das nicht immer leicht war“, sagt sie und blickt auf den großen Tisch am Fenster. „Hier habe ich mit ihnen gesessen. Hier haben sie sich ausgeheult.“ Hilfesuchende aus aller Welt sind in den vergangenen 18 Jahren nach Hamburg gekommen. Sie kamen aus den Wohngemeinschaften und „Orgs“ genannten Filialen von Scientology, auch aus den „spirituellen Zentren“ in Florida und Kalifornien. Wann immer man Caberta besuchte in ihrem Büro, waren Menschen da, denen es dreckig ging. „Scientology ist wie eine Droge, und wer aussteigt, ist auf Entzug“, so hat Caberta es einmal ausgedrückt. Sie kümmerte sich wie eine Mutter um jeden, der kam. Es ist ihr zu verdanken, dass die Zahl der Scientologen in Deutschland deutlich unter 10 000 sank. Im August 2007 beispielsweise kamen ein 25-jähriger Mann und seine 14 Jahre alte Schwester, die Kinder der Berliner Scientology-Direktorin, die beide in der Sekte aufgewachsen waren. Das Mädchen hatte Angst, auf ein Scientology-Internat in Dänemark geschickt zu werden. Ursula Caberta nahm sie in den Arm, besorgte ihr eine Unterkunft, verhandelte mit dem Jugendamt. Am Ende gelang es ihr im Streit mit der Verwaltung nicht, dem Kind einen Platz in einer Hamburger Jugendeinrichtung zu sichern. Die 14-Jährige musste zurück nach Berlin. Caberta sagt: „Ich werde aber nie vergessen, wie ihre Augen leuchteten, weil sie mal nicht ununterbrochen an Scientology dachte.“ Umgehend wurde sie von den Scientologen verklagt, weil sie ihre amtlichen Kompetenzen überschritten habe. Caberta gewann den Prozess – wie meistens. In der Verwaltung aber nahm man ihr die vielen Verfahren übel, denn sie bedeuteten Ärger. Und genau darum dürfte es den Sektierern gegangen sein, getreu der Devise ihres 1986 verstorbenen Gurus Hubbard: „Prozesse führen wir nicht, um zu gewinnen, sondern um den Gegner zu zermürben.“ Caberta war ohnehin viel zu eigenwillig, um sich geschmeidig in die Bürokratie einzufügen. Seit dem 1. September nun findet eine Beratungstätigkeit nicht mehr statt. Es ist das eingetreten, was Scientology seit Jahren gefordert hat: die Auflösung der verhassten Behörde. Zur Schließung will Ursula Caberta sich nicht äußern. Ihre Arbeitsgruppe galt einmal als politisches Aushängeschild Hamburgs. Ihr Thema war seit Mitte der Neunzigerjahre immer wieder auf den Titelseiten. „Ich habe erreicht, dass beim Stichwort Scientology überall die Alarmglocken klingeln“, sagt Caberta. Es gab eine Zeit, da war sie berühmt – als weltweiter „Feind Nummer eins“ von Scientology. Als sie anfing, glaubte Caberta noch, dass ihr Job nach vier Jahren erledigt sein würde. Sie wurde eines Besseren belehrt. Ständig meldeten sich Aussteiger bei ihr, um Hilfe zu suchen, und sie brachten Unterlagen mit: Listen, Statistiken, geheime Anweisungen. Das mehrfach gesicherte Archiv der Arbeitsgruppe enthält die umfangreichste Sammlung über Scientology, die weltweit existiert. „Die Arbeitsgruppe war die einzige Stelle, die wirklich etwas gegen Scientology gemacht hat“, sagt der Berliner evangelische Sektenbeauftragte Thomas Gandow. Längst ist Scientology Cabertas Lebensthema geworden. Sie erreichte, dass die Geschäfte von Scientology in Deutschland einbrachen. Nach ihrer Vorlage entschied die Innenministerkonferenz 1997, die Sekte als „neue Form des politischen Extremismus“ vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Sie hat Bücher darüber geschrieben und immer wieder dargelegt, wie falsch die Behauptung ist, dass jeder selbst schuld sei, der dort lande. „Tausende Kinder, die in Scientology-Familien aufwachsen, haben keine Wahl, ob sie gehirngewaschen werden wollen oder nicht“, sagt sie. Nur ein Verbot von Scientology erreichte sie nicht. Dafür gelang es ihr, Führungskader in den USA herauszubrechen. Wenn Scientology in den letzten Jahren weltweit ins Straucheln geriet, so hat das viel mit Cabertas Arbeit zu tun. Legendär sind ihre Kongresse, bei denen Top-Aussteiger erzählten – von Gehirnwäsche, Folter, Sklavenarbeit. Doch die ständigen Anfeindungen aus der Sekte haben Cabertas Wahrnehmung geprägt. Sie hat immer härtere Worte für die „Extremisten aus Ami-Land“ gefunden. Vielleicht hat das Aus auch damit zu tun. Denn ihre kleine Arbeitsgruppe löste mehr als einmal transatlantischen Streit aus wegen der angeblichen Diskriminierung von Scientology in Deutschland. „Es gab immer Druck aus Washington, die Arbeitsgruppe aufzulösen“, sagt sie. Deshalb konnte sie es auch nicht leiden, wenn Journalisten Scientology als Verrücktheit abtaten, die man halt ertragen müsse. „Scientology bleibt gefährlich“, sagt sie. „Wo man mit der Aufmerksamkeit nachlässt, besetzen sie die Räume sofort.“ Trotz ihrer Erfolge blieb Caberta in der Hamburger Verwaltung ungeliebt. 2009 begann man, ihr die Stellen zusammenzustreichen. Im Februar 2009 schrieb die Bild-Zeitung, Caberta wolle hinschmeißen. Sie selbst wurde mit den Worten zitiert: „Zu meiner eigenen Hinrichtung äußere ich mich nicht.“ „Weiter ganz weit oben“ Ende 2009 entschied der schwarz-grüne Senat, den Personalbestand der Arbeitsgruppe „abzusenken“. Von Auflösung war noch immer nicht die Rede. Im Gegenteil, als die ARD im März den Aufsehen erregenden Spielfilm „Bis nichts mehr bleibt“ über Scientology ausstrahlte, forderte Hamburgs Innensenator und jetziger Erster Bürgermeister Christoph Ahlhaus überraschend das Verbot der „menschenverachtenden Organisation Scientology“ und bedauerte, dass man dafür „bisher nie eine bundesweite Mehrheit gefunden“ habe. Derselbe Christoph Ahlhaus verfügte dann die Schließung der Arbeitsgruppe. Später gerieten die Verantwortlichen im Hamburger Rathaus doch wieder ins Rudern. Ahlhaus’ Pressesprecher wiegelten ab: Caberta könne als Ministerialreferentin für die Aufklärung über Scientology zuständig bleiben. Bestätigt wurde, dass man ihr die Beratung entziehe und diese dem Verfassungsschutz übertrage. Ein Ahlhaus-Sprecher erklärte: „Die Bekämpfung von Scientology steht für den Hamburger Senat weiter ganz weit oben.“ Es ist Nachmittag geworden. Im leeren Bürotrakt der Arbeitsgruppe Scientology klingelt ein Telefon. Ursula Caberta nimmt den Hörer ab. „Haben Sie etwa den Eindruck, man könnte mir irgend etwas verbieten?“ fragt sie und lacht dröhnend. Dann legt sie den Hörer auf und sagt: „Ich finde mich erstaunlich fröhlich für die Situation.“

Berliner Zeitung, 18.8.2010, Frank Nordhausen
Katastrophe für Scientology-Opfer 
Es war fast exakt vor drei Jahren, als ein 14-jähriges Mädchen aus Berlin nach Hamburg flüchtete, weil sie nichts mehr mit der Scientology-Sekte zu tun haben wollten. Ihre Mutter war die Berliner Scientology-Direktorin und wollte sie in ein Sekteninternat bringen. Hilfe fand die Jugendliche nur bei Ursula Caberta, der Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats. Die Amtschefin besorgte eine Wohnung, vermittelte beim Jugendamt, half mit Gutachten vor dem Familiengericht und war Tag und Nacht erreichbar. Wie hier, hat Caberta hundertfach in den vergangenen 17 Jahren interveniert. Doch mit dieser deutschlandweit einmaligen Hilfe für Scientology-Opfer ist es ab sofort vorbei. Still und heimlich hat der schwarz-grüne Hamburger Senat die international bekannte Arbeitsgruppe aufgelöst. Zum 1. September stellt sie ihre Arbeit ein, die Räume sind gekündigt, die Zukunft des Archivs ist ungewiss. Derselbe Senat, der für die Elbphilharmonie Millionen verpulvert, begründet das Aus für Cabertas Leute mit der vergleichsweise lächerlichen Einsparung von 140 000 Euro. Caberta darf zwar weiter „Öffentlichkeitsarbeit“ machen, die Beratung aber sollen Verfassungsschützer übernehmen. Doch die stehen niemandem auf dem Amt und vor Gericht zur Seite. Das Signal ist fatal: Der Staat lässt die Opfer der Gehirnwäsche-Sekte im Stich. Scientology hat lange auf diesen Tag gewartet.

epd-Meldung
Hamburger Aufklärungsstelle zu Scientology wird umstrukturiert - Aufklärungsarbeit soll weitergehen
Hamburg/Berlin (epd). Die deutschlandweit einzige Aufklärungsstelle eines Bundeslandes über die umstrittene Scientology-Organisation in Hamburg steht nach 17 Jahren offenbar vor dem Aus. Die „Berliner Zeitung“ (Dienstagsausgabe) berichtete, die von Ursula Caberta geleitete Arbeitsgruppe solle bereits Ende August aufgelöst werden. Die Hamburger Innenbehörde spricht dagegen von einer „Umstrukturierung“. Die Büroräume seien bereits gekündigt worden, bestätigte Behördensprecher Thomas Butter dem epd in Hamburg. Falsch sei jedoch, dass auch den Mitarbeitern gekündigt worden sei. Sie würden vielmehr an anderen Stellen der Verwaltung beschäftigt. Überdies werde die Aufklärungsarbeit über Scientology weitergehen. Die Beratung von Opfern werde künftig der Verfassungsschutz übernehmen. Auch Ursula Caberta, die sich mit ihrem Engagement gegen Scientology bundesweit einen Namen gemacht hat, werde als Ministerialreferentin in der Behörde weiter Aufklärungsarbeit über die in der Öffentlichkeit auch als Psychosekte benannte Organisation betreiben. Hintergrund der Umstrukturierung sei ein Beschluss des CDU- GAL-Senats, bei der Arbeitsgruppe 140.000 Euro jährlich einzusparen, sagte Butter. Der Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Andreas Dressel bezeichnete den Senatsbeschluss als „verheerendes“ Signal: „Was Scientology nicht geschafft hat - Caberta kleinzukriegen - das macht nun der Senat.“ Dass der Hamburger Innensenator und designierte Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) erst ein bundesweites Verbot von Scientology fordere und dann ein Instrument im Kampf gegen diese Organisation beschädige, sei „an Absurdität nicht zu überbieten“, sagte Dressel. Caberta war am Dienstag nicht zu erreichen. Dagegen begrüßte der Hamburger Scientology-Sprecher Frank Busch das Ende der, wie er es nannte, „Steuergeldverschwendung“.

Berliner Zeitung, 17.8.2010, Frank Nordhausen
SPD und Linke kritisieren Folgen des Sparbeschlusses - Hamburger Senat schließt AG Scientology 
BERLIN/HAMBURG. Seit 17 Jahren gibt es in Hamburg ein staatliches Amt, das eine weltweit einzigartige Aufklärungsarbeit leistet: die Arbeitsgruppe Scientology des Senats. Jetzt hat die schwarz-grüne Landesregierung beschlossen, die von der ehemaligen SPD- Politikerin Ursula Caberta geleitete Behörde dichtzumachen und ihre Dienststelle aufzulösen. Wie der Sprecher der Hamburger Innenbehörde, Thomas Butter, der Berliner Zeitung bestätigte, sind die Büros der Arbeitsgruppe am Hamburger Hafen zum 31. Dezember gekündigt worden. Die Arbeitsgruppe werde bereits zum 31. August geschlossen, sagte Butter. Sektenexperten und Politiker von SPD und der Linken kritisierten den Beschluss. Verheerendes Signal Butter sagte, die Entscheidung bedeute nicht das Ende der Arbeit von Frau Caberta. „Sie wird als Ministerialreferentin in der Innenbehörde für die Öffentlichkeitsarbeit über Scientology zuständig bleiben.“ Die Beratung von Opfern der Organisation werde zukünftig der Verfassungsschutz übernehmen. Unklar sei noch, wohin das Archiv der AG Scientology komme. Es handelt sich um eine weltweit einmalige Sammlung mit vielen Geheimdokumenten. Hintergrund der Maßnahmen sei ein Senatsbeschluss von CDU und Grünen, für die Haushaltskonsolidierung bei der AG Scientology 140 000 Euro jährlich einzusparen, sagte Butter. Ursula Caberta erklärt, sie äußere sich nicht zu dem Beschluss. Seit 1992 hat sie die Dienststelle geleitet, hat Dutzende Prozesse durchgestanden und Hunderte Aussteiger betreut. Erwartungsgemäß erfreut kommentiert der Sprecher von Scientology Hamburg, Frank Busch, das Aus für die Arbeitsgruppe: „Wir begrüßen es, dass die Steuergeldverschwendung in Hamburg damit endlich ad acta gelegt wird.“ Der Berliner evangelische Sektenbeauftragte Thomas Gandow beklagt den „Sieg für Scientology“. „Es ist zwar gut, dass die Beratung in Zukunft wie bei Rechtsradikalen und Islamisten der Verfassungsschutz übernehmen soll – allein mir fehlt der Glaube, dass das etwas wird.“ Wie Gandow spricht die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Ulla Jelpke, von einem Skandal: „Frau Caberta hat verdienstvolle Arbeit geleistet. Die Schließung bedeutet freie Fahrt für Scientology.“ Und der Hamburger SPD- Bürgerschaftsabgeordnete Andreas Dressel sagt: „Ich halte das für ein verheerendes Signal. Was Scientology nicht geschafft hat – Caberta loszuwerden –, das macht nun der Senat.“ Er schwäche damit den Staat gegenüber der Psychosekte. Dressel will prüfen, ob der Senat den einstimmigen Parlamentsbeschluss von 1992, die Arbeitsgruppe Scientology einzusetzen, einfach so zurücknehmen kann. Dressel hat kürzlich auch eine Kleine Anfrage im Landesparlament dazu gestellt. In der Antwort des Senats vom 6. August heißt es, die Gefährdungslage durch die vom Verfassungsschutz beobachtete Scientology-Organisation habe sich nicht geändert; doch wegen des „hohen Aufklärungsstandes in der Bevölkerung“ sei der Sparbeschluss vertretbar. Noch im April hatte der Hamburger Innensenator und designierte Regierungschef Christoph Ahlhaus (CDU) das bundesweite Verbot von Scientology gefordert. „Das ist an Absurdität nicht zu überbieten – der Senator denkt über ein Verbot nach und beschädigt zugleich ein Instrument im Kampf gegen diese Sekte“, sagt Dressel. Caberta fühlte sich schon lange von der Verwaltung nicht mehr unterstützt. Statt wie früher vier Planstellen hatte ihre Arbeitsgruppe zuletzt nur noch anderthalb. Sie wollte im Frühjahr 2009 schon von sich aus den Job hinwerfen.

Stuttgarter Wochenblatt, 21.07.2010
Die unfassbare Gefahr - Scientology hat ein neues Domizil in Bad Cannstatt
Darf sich eine Organisation, die seit 1997 unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes steht, in einem Sanierungsgebiet, in dem sich auch genug Wohnflächen befinden, ansiedeln? Gegen Scientology, jetzt in der Reichenbachstraße in Bad Cannstatt, scheint es nur wenig Mittel zu geben. In der Reichenbachstraße steht ein gelber Kleintransporter: "Man kann immer etwas tun", prangt hier auf der rechten Ladetür. Auf der linken Tür liest man: "Scientology, ehrenamtliche Geistliche." Hier in Bad Cannstatt, im Sanierungsgebiet Veielbrunnen, hat Scientology ein neues Domizil bezogen. Das Sozialunternehmen "Neue Arbeit" ist hier beispielsweise auch beherbergt. Grünen-Fraktionschef Werner Wölfle hat sich ziemlich geärgert, dass der Eigentümer, seines Zeichen Professor an einer Hochschule Heilbronn, an Scientology vermietet hat. Es sei, so der Vermieter, unwissentlich geschehen. Bisher war Scientology in der Hohenheimer Straße untergebracht. "Ich habe diese Entwicklung, dass Scientology von der Innenstadt in ein Gewerbegebiet zieht, auch in Düsseldorf beobachtet", sagt Hans-Werner Carlhoff, der seit 1993 beim Kultusministerium als Sektenbeauftragter tätig ist. "Ich habe das Gefühl, dass man versucht, hier eine Übergangslösung zu schaffen, wieder Aufmerksamkeit zu erzielen und so hofft , einen neuen Standort, die so genannte ideale Org, anzustreben, die dann wieder im Stadtzentrum sein sollte." In Hamburg sei Scientology beispielsweise direkt neben dem Rathaus angesiedelt. Dass Eigentümer nicht wüssten, an wen sie vermieteten, sieht Carlhoff eher zweifelhaft. Was er positiv herausstellt, ist die Tatsache, dass in Stuttgart nicht mehr ohne weiteres geworben werden darf: "Hier gab es Prozesse und die hat Scientology verloren." Rechtlich sind der Stadt ansonsten die Hände gebunden: "Die Sanierungsrechtliche Genehmigung darf nur versagt werden, wenn die beabsichtigten Vorhaben die Sanierung unmöglich machen", so heißt es aus dem Stuttgarter Rathaus. Dass Scientology immer noch eine Gefahr sei, die mit raffinierten Mittel an ihr Ziel kommt, bestätigt auch Helga Lerchenmüller, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins Aktion Bildungsinformation, kurz Abi. Zwar sind die Mitgliederzahlen in der Vergangenheit leicht rückläufig - im letzten Bericht des Verfassungsschutzes sind 1000 Mitglieder in Baden-Württemberg genannt - "es handelt sich aber um eine Szene, die sich verfestigt hat, die, die drin sind, bleiben auch drin." Außerdem seien in der Zahl wirklich nur diejenigen erfasst, die zur Zeit in den Zentren sind. "Es gibt aber weiterhin eine Vielzahl von sogenannten Schläfern, die gerade kein Geld haben, um weitere Kurse anzubieten und neue Mitglieder zu gewinnen." Die Weitergabe der Weltanschauung von L. Ron Hubbard, Gründer der Church of Scientology, setzten die Scientologen gezielt ein und die Betroffenen würden es gar nicht gleich merken: "Oft werden junge Existenzgründer ganz gezielt ausgewählt." Lerchenmüller nennt beispielswiese die Martin-Kolb-Akademie mit Sitz in Dettingen unter Teck. "Wenn man Scientology expandiere ließe, dann würden sie, die sich selbst als Religionsgemeinschaft sehen und eine totalitäte Staatsordnung anstreben, die Gesetze der Demokratie aus den Angeln heben." Weiterhin sei es nicht nur der Verein Scientology, von dem die Gefahr ausgeht, sondern auch die Unterorganisationen: "Narkonon, Applied Scholastics, Jugend für Menschenrechte, Professionelle Lern-Center", zählt Hans-Werner Carlhoff auf. "Scientology schafft es immer wieder, sogar akademisch gebildete Menschen für sich zu vereinnahmen, ein großes Problem ist, dass es so viele Aufpasser in der Organisation gibt, dass auch die Person, die aussteigen will, an der Tür abgefangen wird, so haben es mir Betroffene erzählt, und gefragt wird: Wo warst du in der vergangenen Sitzung?" Protokolle und Persönlichkeitstests mit Daten der Betroffenen würden nicht unter das "Beichtgeheimnis" fallen, wie es Scientoly behaupten würde, sondern an die übergeordnete Office of Special Affairs weitergegeben werden.

Stuttgarter Zeitung, 04.06.2010, Markus Heffner
Scientology will in Stuttgart expandieren
Protest Die Organisation plant ein großes Gemeindezentrum. Die Grünen fordern, das Projekt zu stoppen.
Das neue Domizil in der Cannstatter Reichenbachstraße ist gerade erst eingerichtet und bezogen worden, allzu lange wollen die Stuttgarter Scientologen aber offenbar nicht in dem dreistöckigen Bürohaus im Gewerbemischgebiet bleiben. "Wir haben das Ziel, in Stuttgart ein repräsentatives Gemeindezentrum aufzubauen. Aber nicht an diesem Standort", sagt Hubert Kech von der Scientology Gemeinde Baden-Württemberg. Der Umzug nach Cannstatt sei nur nötig gewesen, weil es in der Geschäftsstelle in der Hohenheimer Straße zu eng geworden sei. Um die "angemessenen Räumlichkeiten" zu finden, die ausreichend Platz für "Andachten, religiöse Feiern, seelsorgerische Betätigungen, Kursräume und ein großes Informationszentrum für die Öffentlichkeit" bieten sollen, will Scientology bereits in den nächsten Wochen Inserate schalten. Der Text für die Anzeige steht laut Kech schon: "Seit Jahren sind wir schon am Suchen und wollen jetzt endlich buchen", heißt es darin etwa am Anfang. Und auch ihre genauen Vorstellungen über Größe und Ort haben die Scientologen in Reime gefasst: "5000 Quadratmeter in der Mitte wäre unsere Bitte." "Ideale Org" nennen die Scientologen solch eine repräsentative Niederlassung, bei den Verfassungsschützern und Politikern schrillen dabei die Alarmglocken. Sinn und Zweck so einer Repräsentanz sei, so der Grünen-Fraktionschef Werner Wölfle, "ökonomische und politische Seilschaften zu stärken". Um das zu verhindern oder zumindest zu erschweren, haben die Grünen jetzt einen Antrag gestellt. Darin fordert die Fraktion, dass die Stadt zunächst die angestrebte Nutzung der Räume in der Reichenbachstraße klärt und prüft, ob die notwendigen Genehmigungen vorliegen. Das von Scientology gemietete Gebäude liege im Sanierungsgebiet Veilbrunnen, für das die Stadt viel Geld ausgebe, so Wölfle. Die Grünen wollen außerdem, dass die Stadt ihre Aufklärungsarbeit über die Ziele der Sekte und ihrer Unterorganisationen verstärkt, damit kein Privater unwissentlich an sie verkauft oder vermietet. Mit Immobilieneigentümern und Vermietern, die sich aus reinem Profitdenken wissentlich mit Scientology einlassen und Verträge abschließen, soll die Stadt im Übrigen, soweit es das geltende Recht zulasse, keine geschäftliche Beziehung mehr unterhalten. Vor allem der zuletzt genannte Punkt ist für Werner Wölfle beim Kampf gegen die Machenschaften der Sekte von zentraler Bedeutung. So soll der Eigentümer des Bürogebäudes in der Cannstatter Reichenbachstraße, ein Professor für Betriebswirtschaft der Hochschule Heilbronn, der unter anderem in Stuttgart als Unternehmensberater arbeitet, wissentlich an Scientology vermietet haben, so Wölfle. "Wir wollen nicht, dass die sogenannte Scientology Kirche in Stuttgart ihre Ziele verwirklichen kann", betont der Fraktionschef. "Wer der Sekte dabei hilft, soll wissen, dass die Stadt das nicht vergessen wird." Finanziert werden soll das neue Gemeindezentrum unter anderem von freiwilligen Spenden der Mitglieder von Scientology, wie deren Sprecher Hubert Kech sagt. Knapp 2000 Gemeindemitglieder gebe es in Baden-Württemberg. Viele hätten bereits eine freiwillige Spende geleistet und würden das auch weiterhin tun. Genaue Zahlen zum Spendenaufkommen nennt Scientology nicht. Das Innenministerium geht aber davon aus, "dass Scientology in den letzten Jahren alleine an ihrer Stuttgarter Basis fünf Millionen Euro eingetrieben hat." Seit Anfang des Jahres, so der Innenminister Heribert Rech, sei die Spendeneintreibung nach einer Ruhephase wieder deutlich forciert worden. In Deutschland steht Scientology seit 1997 unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Das sei keine Glaubensgemeinschaft, sagt Werner Wölfle, sondern eine gefährliche Psychosekte, die ihre Mitglieder ausnimmt. Wer in ihre Fänge gerate, komme kaum mehr heraus. "Die Expansionsträume dieser Menschenfischer müssen zügig unterbunden werden."

Leipziger Internetzeitung l-iz, 27.05.2010
Im Schatten des Weltkongresses: Sucht Scientology wieder eine Bühne in Leipzig?
"Psychiater etablieren sich als ein Terrorsymbol“, „sie kidnappen, foltern und morden“, schrieb der US-amerikanische Science-Fiction-Autor und Scientology-Gründer Lafayette Ronald Hubbard. Hubbard ist bald 25 Jahre tot, seine Botschaft wird weiter getragen. Ende Juni findet in Leipzig der Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie statt. Kenner des scientologischen Kultes rechnen damit, dass Scientology dieses Ereignis für seine menschenverachtende Ideologie vereinnahmen wird. Die Organisation stellt psychiatrische Methoden heute in eine Reihe mit der Folter- und Vernichtungsmaschinerie der Euthanasie in Nazi-Deutschland. In dieser Woche hat Leipzig Besuch von Vertretern des harmlos klingenden Vereins „Kommission für Verstöße in der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ (KVPM). Sie suchen Ausstellungsräume in exzellenter City-Lage im Zeitraum 29. Juni bis 4. Juli. Der Titel der Wander- Ausstellung lautet: „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“. Solveig Prass beschäftigt sich mit destruktiven Sekten, Kulten und totalitären Gruppen. Die Leipziger Geschäftsführerin der Eltern- und Betroffeneninitiative, EBI e.V., warnt: „Hinter der Tarnorganisation KVPM steckt die Scientology- Organisation (SO), die in Leipzig endlich Fuß fassen will.“ Anfang Mai wurden die ersten Akteure in Leipzig wach. Solveig Prass machte darauf aufmerksam, dass die geplante Ausstellung im gleichen Zeitraum stattfinden soll wie der Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie (29. Juni bis 3. Juli: World Congress of the World Association for Infant Mental Health). Die wissenschaftliche Leitung liegt in den Händen von Prof. Kai von Klitzing, Direktor der Universitätsklinik und -Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters. Prass: „Diese Ausstellung diskriminiert und kriminalisiert Psychiater in ihrem Beruf. Die Scientologen diffamieren eine gesamte Berufsgruppe und das mit unhaltbaren Argumenten und unsäglichen, pseudodokumentarischen Filmen, die sie zeigen wollen.“ Für Ursula Caberta ist das nichts Neues. Sie leitet die Arbeitsgruppe Scientology in der Behörde für Inneres in Hamburg. In den frühen 90er- Jahren hätten die Scientologen „immer auf der Matte gestanden“, wenn Psychiatrie-Kongresse stattfanden. „Das ist praktisch die Einladung, dass sie dann ihre Propagandaschiene gegen die Psychiatrie fahren.“ Die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte versucht einen Zusammenhang auch gar nicht zu verbergen: „Tatsächlich ist der Weltkongress der Anlass, warum wir nach Leipzig kommen“, bestätigt Nicola Cramer, Vizepräsidentin. „Wir möchten die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass hier ein Milliardengeschäft mit Psychopillen gemacht wird, dass ganz normale Kinder mit erfundenen psychiatrischen Diagnosen zu Geisteskranken umdefiniert werden und dann mit Medikamenten traktiert werden, die zum Teil sogar zum Tode führen können.“ Die Ausstellung tourt Cramer zufolge durch rund 30 Länder. Stellwände und Dokumentarfilme würden „darüber aufklären, was tatsächlich hinter den geschlossenen Mauern psychiatrischer Anstalten vor sich geht.“ Die Kosten für die Ausstellung trägt der Weltverband der Scientologen (International Association of Scientologists, IAS). Die Psychiatrie wird von Scientology als Konkurrenz wahrgenommen, weil Psychiater sich um das Seelenheil kümmerten. Der Gründer von Scientology gab jedoch vor, dass allein die scientologisch Erhellten den Weg zur – im Scientology-Jargon – „geistigen Gesundheit“ kennen. Leute, die schlechte Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht hätten, ließen sich unter Umständen von der Organisation einlullen, befürchtet Caberta. „Das ist die Gefahr dabei.“ Es gehe den Ausstellungsmachern jedoch nicht um psychisch Kranke, sondern beispielsweise um ihre Familienangehörigen. Caberta: „Sie sollen sich angesprochen fühlen von der Aussage: Psychiatrie ist etwas Gefährliches. Doch das ist nur ein Vorwand, um bei Scientology anzudocken. Und schwupps, sind sie in einer verfassungsfeindlichen Truppe drin.“ Caberta hatte viele Gelegenheiten, sich mit Scientology auseinanderzusetzen. Sie weiß: „Kritiker, die sich bemühen, der Organisation die Maske vom Gesicht zu reißen, gelten als psychisch krank. Die ganze Welt ist psychisch krank, nur die Scientologen sind gesund. Das ist nicht gerade eine menschenfreundliche Ideologie.“ Und dennoch tritt die von Scientologen 1972 mitgegründete Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte als Menschenfreundin auf. Zurück nach Leipzig. Jetzt sei vor allem eines wichtig, sagt Prass, eine enge Zusammenarbeit aller Betroffenen und Beteiligten. Prass zufolge gingen alle verfügbaren Informationen unter anderem an Oberbürgermeister Burkhard Jung, an den Jugendamtsleiter, Siegfried Haller, an den städtischen Fachkoordinator für Psychiatrie, Thomas Seyde, sowie an den Staatsschutz. Doch lediglich Haller und eine Mitarbeiterin im Jugendamt würden mitziehen. Die Auskunft vom Staatsschutz laute: Bevor sicher ist, dass die Ausstellung kommt, geht nichts. „Das ist mir auch klar“, sagt Prass. „Aber ich kann mich doch vorbereiten!“ Viele Fragen könnten schon jetzt geklärt werden, zum Beispiel: Dürfen Scientologen nach Stadt- und Wegerecht auch vor den Ausstellungsräumen für sich werben und Leute ansprechen? Welche Möglichkeiten hat das Ordnungsamt, die Ausstellungsräume zu prüfen und Auflagen zu erteilen? Besonders ein Szenario steht Prass vor Augen. Am 30. Juni soll im Friedenspark der Grundstein für ein Mahnmal für die Leipziger Opfer der Kindereuthanasie gelegt werden. Prass rechnet fest mit einer Spontandemo von Scientologen. „Wenn ich als Polizei nicht vorbereitet bin, kann ich diese störende Demo nicht verhindern. Und das ist das, was ich anmahne. Es geht hier darum, einer menschenverachtenden, verfassungsfeindlichen Organisation nicht den Raum zu bieten, den sie gerne haben möchte. Das ist ein internationaler Kongress. Wir werden sehr viel Medienpräsenz haben.“ Leipzig ist ein Bollwerk gegen Scientology – noch. Die Organisation hat in vielen Städten Missionen und kleinere Niederlassungen. Und auch in Leipzig gibt es immer wieder neue Anläufe dazu. Nach der Wende eröffnete die Scientology-Organisation hier eine Mission, die aber unter anderem wegen gezielter Öffentlichkeitsarbeit wieder schließen musste. „Ich denke mal, das wurmt sie“, so Prass. „Es ist natürlich ein Stachel im Fleisch, dass sie einmal eine Mission hatten und dann wieder vor die Stadttore gesetzt wurden.“ In Leipzig rief ein Komitee einen Menschenrechtspreis für Personen ins Leben, die über Scientology aufklären. „Scientology hat stark auf solche Aktionen reagiert, zum Beispiel mit Demos und Störungen bei der Preisverleihung“, erinnert sich Prass. Der letzte Versuch, hier Fuß zu fassen, scheiterte im Januar 2009. Die SO wollte ihre gelben PR-Zelte auf dem Augustusplatz aufstellen. Ihre sogenannten ehrenamtlichen Geistlichen sollten hier für die scientologische Ideologie werben. Der EBI e. V. erwirkte durch Zuarbeit einen städtischen Ablehnungsbescheid. Die gelben Zelte leuchteten einen Monat später in der Dresdner Altstadt – hier fehlten offenbar der nötige Wille und das Wissen, die Aktion zu verhindern. Die Ausstellung ist nun der nächste Versuch. Dieses Mal gehen die Scientologen geschickter vor. Sie lassen ihrer Vorfeld-Organisation KVMP den Vortritt. In den Anfragen an Immobilienvertreter für Ausstellungsräume ist weder von Scientology die Rede noch von dem plakativen Titel „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“. Dennoch, die SO- Pressesprecherin von Berlin, Sabine Weber, bestätigte der Leipziger Internet Zeitung L-IZ.de, dass in Sachsen eine Mission geplant ist. Über Standort und Ablauf sei man gegenüber der Presse noch „zurückhaltend“. Ob es Leipzig wird? Hintergrund: 5.000 bis 6.000 Mitglieder hat die Scientology-Organisation hierzulande nach Zählart des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Scientology zählt anders und sprach auf Anfrage von 30.000 Mitgliedern, darunter 12.000 Aktive. Gegründet wurde Scientology 1954 von L. Ron Hubbard auf Grundlage seines Selbsthilfe-Ratgebers „Dianetik – Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“. Die erste Niederlassung in der Bundesrepublik entstand 1970. Kritiker werfen der Organisation unter anderem vor, durch teure Psychokurse ihre Mitglieder in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen. In Deutschland wird Scientology seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet.

hamburg.de, 20.05.2010
Vorsicht: Scientology-Werbung!
Vorsicht: Scientology-Werbung! „Freie Stress-Tests“ und „Dianetik“ auf Marktplätzen und Promenaden in Norddeutschland. Hamburger Scientologen auf der Suche nach neuen Mitgliedern.
Da steht doch nur Dianetik dran, sind das wirklich Scientologen?“, fragte eine Urlauberin vor einem Informationsstand auf der Promenade am Ostseestrand. Das war im vergangenen Spätsommer. Zum Saisonbeginn 2010 schwärmen Hamburger Scientologen nun wieder aus. In den vergangenen Wochen waren sie bereits verstärkt im Hamburger Umland aktiv. In Glinde waren sich die Passanten am vergangenen Wochenende einig: „Dass es sich um einen Stand von Scientology handelt, ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen.“ Doch es kam zu Protesten von wachsamen örtlichen Politikern. Sie klärten auf und warnten erfolgreich vor Scientology. Die Scientologen machten sich daraufhin frustriert und vorzeitig auf den Heimweg. „Freie Stress-Tests“ und „Dianetik“ sind Lockmittel der Scientologen. Zu ihren rot-gelben Infotischen gehören Dianetik-Bücher und ein „E-Meter" (Elektrometer): Ein Instrument, ähnlich einem Lügendetektor, mit dem Scientologen den „geistigen Zustand“ messen wollen. Zurzeit verläuft die Expansion der SO nicht erfolgreich. Daher verstärken ihre Mitarbeiter in Hamburg und in Norddeutschland ihre Werbeaktivitäten. Bücherstände mit einem kostenlosen Stresstest und dem sogenannten E-Meter können Neugier wecken. Das E-Meter ist ein Gerät mit einer Mess-Skala und zwei mit Kabeln angeschlossenen Blechdosen. Der interessierte Passant bekommt sie in die Hände gedrückt, und es werden sehr persönliche Fragen gestellt. Bei den Antworten oder manchmal schon zuvor schlägt ein Zeiger auf einer Skala des Gerätes aus. Das Ganze funktioniert durch Messung des Hautwiderstands wie bei altmodischen Lügendetektoren. Als Lügendetektor wird das Gerät tatsächlich auch unter Scientologen eingesetzt. An den Ständen der Scientologen hat das etwas Spielerisches und ist doch gefährlich, weil es ihr Geschäft ist, damit Interesse zu wecken, überzeugend zu wirken und somit neue Mitglieder zu gewinnen.
Mit wenigen gezielten Fragen werden Stress und alltägliche Probleme offenbar, die sogar die Nadel am E-Meter ausschlagen lassen. Das Gerät könne also unseren geistigen Zustand messen, wollen die Scientologen weismachen, und an dem gibt es naturgemäß immer etwas zu verbessern. Die Werber der SO wenden in der Folge das an, was sie intensiv trainiert haben: Sie agieren personenzentriert, freundlich und hilfsbereit, sie suchen nach Schwachpunkten, intern „Ruin Points“ genannt. Sie bemühen sich um eine Beziehungsebene und versprechen, dass Scientology Defizite beseitige und dass sich „Gewinne“ einstellen würden. Im Bewusstsein der umworbenen Personen sollen sich ihre Probleme nachhaltig mit der Hoffnung auf Hilfe durch die scientologische Technologie verknüpfen. Es kann mit einem umfangreicheren Test und mit sehr intimen Fragen weitergehen, einer Buchempfehlung, einem Kurs für Kommunikation oder für „Aufs und Abs im Leben“. Die Angebotspalette umfasst ein großes Spektrum. Es werden einfache Erklärungsmuster für persönliche Probleme offeriert, und unversehens öffnet sich ein Weg in eine Organisation mit totalitärem Charakter. Das Politische steht bei der SO nicht im Vordergrund. Erst wenn die Organisation die Gedanken und Handlungen ihrer Mitglieder kontrolliert und bei fortgeschrittenen Unterweisungen in der scientologischen Ideologie wird eine „Neue Zivilisation“ ausgerufen. Der freiheitlichen Demokratie wird ein scientologisches Modell gegenübergestellt, in dem nur noch Scientologen Rechte haben sollen. Von diesen eingeschränkten Rechten, dem Kontroll- und Bestrafungssystem in der Organisation kann der Passant, der sich neugierig einem freundlichen Scientologen und seinem Stress-Test aussetzt, nichts ahnen. Wer sich darauf einlässt, hat somit auch die Chance festzustellen, dass anschließend kaum noch etwas „frei“ in dem extremistischen Psychokult ist - weder die Gedanken noch die kostenintensiven weiteren Kurse.

Vorschau:  SF 1 zeigt am Pfingstmontag, 24. Mai 2010, um 20.05 Uhr die ARD-Produktion «Bis nichts mehr bleibt». Direkt im Anschluss diskutieren unter der Leitung von Christine Maier in einem «Club Extra» zwei Scientologen mit Aussteigern und Kritikern über die Frage: Wie gefährlich ist Scientology?


Hamburger Abendblatt, 17.05.2010
Protestaktion in Glinde (Scientology)  -  Wir bleiben, bis die gehen
Glinde. "Wir wollen keine Scientologen in Glinde", steht in großen Buchstaben auf dem Plakat am Stand der CDU-Glinde und erregt die Aufmerksamkeit vieler Passanten. Die Christdemokraten haben direkt gegenüber des Scientologen- Werbestandes am Anfang des Glinder Marktes Stellung bezogen. Sie verteilen Flugblätter und klären die Menschen über die Ziele und Aktivitäten der Organisation auf, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. "Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass Scientology im Hamburger Umland verstärkt um Mitglieder wirbt", sagt der CDU-Ortsvereinsvorsitzende und Kreistagsabgeordnete Lukas Kilian. Auch in Glinde versuche die Organisation mit unterschiedlichsten Mitteln, Menschen an sich zu binden. Kilian: "Das werden wir verhindern." Schon vor ein paar Wochen hatte Scientology einen Werbestand in der Stadt aufgebaut. Auch damals hatte die CDU protestiert. "Die Scientologen haben versucht uns einzuschüchtern", sagt Kilian. Sie fotografierten den Stand und kündigten an, die CDUler zu verklagen. Kilian: "Davon lassen wir uns aber nicht beeindrucken." Bei den Glindern stößt die jüngste Protestaktion auf breite Zustimmung. Innerhalb kürzester Zeit verteilten 15 Glinder CDU-Mitglieder mehrere Hundert Flugblätter, auf denen vor der Sekte gewarnt wird. "Es ist gut, dass immer wieder über die Organisation aufgeklärt wird", sagt die Glinder Bürgerin Käthe Poppe im Gespräch mit dem Ortsvereinsvorsitzenden. "Wir alle sollten wachsam sein." Viele Passanten fragen sich aber auch, warum ein Scientology-Stand von der Gemeinde überhaupt genehmigt wird. "In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit, das gilt auch für Scientology. Deshalb dürfen sie auch für sich werben", sagt der Landstagsabgeordnete Mark Oliver Potzahr. Umso wichtiger sei, gegen das "menschenverachtende Scientology-System" zu protestieren. Aufklärung sei auch deshalb wichtig, weil die Organisation vielfach unter dem Namen "Dianetics" auftritt. So auch in Glinde. "Dass es sich um einen Stand von Scientology handelt, ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen", sagt Lukas Kilian. Vielen Passanten sei erst durch die Protestaktion der CDU aufgefallen, wer dort für sich werben wollte. Es ist kalt an diesem Vormittag, heftige Böen fegen über den Marktplatz. Die Scientologen haben ihren Stand von 8 bis 18 Uhr angemeldet. "Wir bleiben solange, bis die gehen", sagt Lukas Kilian. Das tun sie an diesem Tag schneller als erwartet. Bereits kurz vor 12 Uhr packen die Scientologen ihr Werbematerial wieder ein. Die Mitglieder des Ortsvereins der CDU werten das als einen Erfolg. Der Vorsitzende sagt: "Es muss schon frustrierend sein, hier keinerlei Zuspruch zu bekommen. Wenigstens sei ihnen aber klar geworden, dass wir sie hier in Glinde nicht wollen." Die CDU Glinde hat angekündigt, ihre Protestaktion fortzuführen.


Hinweis: für eine unbestimmte Zeit ist der Film und die anschliessende Diskussion in der Mediathek des ARD und Das Erste zu sehen.
Hier die Links:

Bis nichts mehr bleibt

Hart aber Fair, 31.03.2010, Sekten, Gurus und Gehirnwäsche (anschliessende Diskusion an den Fernsehfilm)

Beckmann, 29.03.2010, Scientology-Aussteiger sprechen über ihre Erfahrungen


Berliner Zeitung, 31.03.2010, Frank Nordhausen
Triumph über Scientology 
Es ist eine gute Nachricht, wenn heute Abend im deutschen Fernsehen der weltweit erste Spielfilm über Scientology läuft, der die totalitäre Psychosekte klar beim Namen nennt. Es ist ein Erfolg für die Kunst- und Meinungsfreiheit, denn Scientology hat es in der Vergangenheit vermocht, durch Drohungen und einstweilige Verfügungen ähnliche Vorhaben oft zu vereiteln. Wie im Fall des mutigen Films über die Contergan-Affäre und die Herstellerfirma Grünenthal setzt abermals die ARD Maßstäbe. Ihr gebührt dafür uneingeschränktes Lob. Der Film "Bis nichts mehr bleibt" wäre aber kaum entstanden ohne die jahrzehntelangen Bemühungen der deutschen Zivilgesellschaft, die Machenschaften von Scientology öffentlich zu machen. Betroffene Bürger aus Hamburg und Schleswig-Holstein brachten diesen Prozess Ende der 80er-Jahre ins Rollen, als sie dem Bundestags- Petitionsausschuss 50 000 Unterschriften gegen den Psychokonzern übergaben und einen Untersuchungsausschuss forderten. Damals begann die Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ursula Caberta, sich für das Anliegen der Bürger zu engagieren. Es war ihr gemeinsames Verdienst, dass die Stadt Hamburg 1992 eine weltweit einzigartige Arbeitsgruppe Scientology gründete, die Caberta bis heute leitet. Ihrer Aufklärung ist es wesentlich zu verdanken, dass der Gehirnwäschekonzern heute in seiner schwersten Krise steckt. Caberta beriet auch die Macher des ARD-Films. Umso befremdlicher wirkt es, dass der Hamburger Senat der Arbeitsgruppe ausgerechnet jetzt die Mittel halbiert - und wirkungsvolle Arbeit unmöglich macht.

Berliner Zeitung, 31.03.2010, Frank Nordhausen
Angsteinflößend wahr - Die ARD zeigt einen ebenso spannenden wie aufklärerischen Film über Scientology
Bis nichts mehr bleibt", heißt der Scientology-Film, den die ARD heute Abend zeigt. Es ist der erste große Spielfilm weltweit, der es wagt, die Sekte beim Namen zu nennen. Das ehrt die ARD und ist von der ironischen Pointe gekrönt, dass der Film ohne den Top- Scientologen Tom Cruise gar nicht entstanden wäre. "Im Dezember 2007 sah ich die Bambi-Verleihung an Tom Cruise im Fernsehen", sagte der Produzent Carl Bergengruen bei der Filmpremiere. Tom Cruise habe endlos lange über sein "neues Menschenbild" gesprochen ohne dass jemand im Saal protestierte. "Da dachte ich, es wird Zeit, sich filmisch mit Scientology zu befassen." "Bis nichts mehr bleibt" erzählt die Geschichte des Taxifahrers Frank (Felix Klare), der erst sich selbst und sein Geld, dann seine Frau Gine (Silke Bodenbender) und am Ende auch die kleine Tochter Sarah an Scientology verliert. Der Film zeigt im zweiten Teil, wie Frank nach Jahren der psychischen und materiellen Abhängigkeit zwar der Ausstieg gelingt, aber Gine und Sarah ihm nicht folgen. Beide geraten nur immer tiefer hinein in die Manipulationsmaschine der Sekte, deren wichtigstes Mantra lautet: "Wahr ist, was du für wahr hältst." Schließlich trifft man sich vor dem Familiengericht, das die Rahmenhandlung des Films abgibt. Frank möchte Gine das Sorgerecht entziehen lassen, weil sie unter dem Einfluss von Scientology steht. Gine sagt, er wolle ihr die Tochter nehmen, weil er gegen ihre Religion sei. Und die Richterin urteilt so, wie die deutsche Justiz leider allzu häufig in ähnlichen Fällen Recht spricht - rein nach dem äußeren Anschein. "Sie wollen, dass wir der Mutter das Kind entziehen", fragt sie Frank, "nur weil sie weiter einer Religionsgemeinschaft angehört, der Sie abgeschworen haben?" Missbrauch von Seele und Körper Wie wenig Scientology mit einer Religionsgemeinschaft zu tun hat, wie viel dagegen mit Missbrauch von Seele und Körper, das bringt dieser Film in verstörender Weise zum Ausdruck. Dabei gelingt es dem Regisseur Niki Stein, seine Geschichte zu erzählen, ohne der Versuchung zu erliegen, den didaktischen Zeigefinger allzu stark zu strapazieren. Dafür zuständig ist im Film Franks Rechtsanwältin (Suzanne von Borsody), deren Rolle deutlich dem Vorbild der Hamburger Scientology-Beauftragten Ursula Caberta folgt. Sie erklärt einige der abstrusesten oder filmisch kaum zu integrierenden Zusammenhänge. Wie die Legende vom bösen Alien-Fürsten Xenu, der die "Body-Thetanen" kontrolliert, die jeden Scientologen quälen. Oder warum Kinder bei Scientology kein Spielzeug brauchen: Sie gelten als "Erwachsene in kleinen Körpern". Sonst aber verlässt sich Stein auf die filmischen Mittel. Frank ist zum Abendessen in der eleganten Wohnung eines Rechtsanwaltes (Kai Wiesinger) erschienen, den sein wohlhabender Schwiegervater engagiert hat, um die Erbschaftsangelegenheiten der Tochter zu regeln. Der sich daran anschließende, allmähliche Übergang in die Wahnwelt der Sekte erscheint absolut nachfühlbar - wobei die Zuschauer gleichzeitig die Psychotricks zu durchschauen lernen. Und wenn der Film die hermetische Sondersprache der Scientology eins zu eins abbildet, versteht man zwar nicht, was genau da verhandelt wird, aber man spürt: Das soziale Koordinatensystem verschiebt sich so, dass den Protagonisten nur die Alternative bleibt, weiter hineinzugleiten in die Sektenwelt oder von ihr ausgespuckt zu werden. Letzteres passiert Frank, der hilflos die Zerstörung seiner Familie erlebt. Dass Scientology mit der Hypnosetechnik "Auditing" eine betörende Sucht erzeugt, transportieren die Bilder ebenso wie die allgegenwärtige Überwachung und die Gefühlskälte, die die Sekte Sarah anerzieht, bis sie am Ende Scientology mehr liebt als den Vater. Das ist das eigentlich Perfide an dieser wie an den meisten anderen Sekten: der Missbrauch von Kindern, die eben nicht selbst entscheiden können, ob sie mitmachen wollen oder nicht. Darüber bestimmen ihre Sekteneltern - die nicht selten von ignoranten Familienrichtern bestätigt werden. Auch diese Wendung ist wie der gesamte Film angelehnt an wahre Schicksale, vor allem des Hamburgers Dieter von Rönn, der 1984 von Scientology angeworben wurde und seine Frau in die Sekte brachte. Während er nach zehn Jahren den Absprung schaffte, blieb seine Frau mit den Kindern bei Scientology. Rönn lebt heute gemeinsam mit seiner neuen Frau Astrid, die damals mit ihm ausstieg. Nina Kunzendorf erzählte bei der Filmpremiere, dass sie und die anderen Hauptdarsteller mit Rönns zusammensaßen und sich deren Geschichten anhörten. Ein früherer Top- Scientologe spielte mit ihnen das Auditing durch, am E-Meter, dem Lügendetektor von Scientology. Mit dem Ergebnis, dass Kunzendorf die kühle "Ethik-Offizierin" der Scientology-Filiale beängstigend realistisch verkörpert. Es hat viele Versuche im Fernsehen gegeben, Scientology zu dramatisieren, beim "Tatort", auch in Krimis der Privatsender. War die filmische Sekte auch nach dem Vorbild gestrickt, durfte sie doch nie Scientology heißen. Das ist in "Bis nichts mehr bleibt" anders. Noch nie wurde die unterkühlt-elegante Atmosphäre einer Scientology-Org so wirklichkeitsgetreu in Bilder umgesetzt. Das Setting stimmt bis in die kleinsten Details: die Thetan-Armbänder, die Clear-Urkunden an der Wand, die bizarren Marine-Uniformen der Sea-Org-Offiziere, die zur Strafaktion anrücken. Und erstmals wird im Spielfilm auch ein scientologisches Straflager gezeigt, wo die "Rehabilitanden" schwarze Overalls tragen und sich den ganzen Tag im Laufschritt bewegen müssen. "Inseln des Totalitarismus in der demokratischen Gesellschaft" hat der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton Sekten wie Scientology genannt. Was das heißt, konnte man selten so realistisch erfahren wie in diesem spannenden, im besten Sinne aufklärerischen Film. Dabei war das Ziel, die Wirklichkeit möglichst genau abzubilden, das eigentliche Wagnis für die Filmemacher. Denn die Organisation verfügt über eine millionenschwere "Kriegskasse", um Kritiker zu bekämpfen. "Erhebt bei jeder Gelegenheit Verleumdungsklagen", schrieb der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. "Es geht nicht darum zu gewinnen. Der Zweck einer Klage ist es, den Gegner zu zermürben und zu entmutigen." Um das Projekt nicht zu gefährden und die Informanten zu schützen, entstand der Film daher unter strenger Geheimhaltung. Der Regisseur Niki Stein sagte bei der Berliner Premiere, Scientology sei derart facettenreich, dass er nur fünf Prozent davon habe abbilden können. Am Ende versteht man daher zwar nicht recht, wozu der ganze Apparat des Psychokonzerns eigentlich da ist und wer davon profitiert. Aber man begreift, wieso ganz normale Menschen fremdbestimmte Scientologen werden. Das ist sehr viel. Und man muss den Film loben für seinen Mut, im Abspann darauf hinzuweisen, dass es auch die Möglichkeit gäbe, Scientology zu verbieten - dass dies aber in Deutschland wie in den meisten anderen Ländern nicht geschieht.

Der Spiegel, 25.03.2010, Michael Fröhlingsdorf
Scientology gegen ARD "Geschichten, die vorne und hinten nicht stimmen" 
ARD-Film "Bis nichts mehr bleibt" (31.3., 20.15 Uhr): "Übelst echt" Weil die ARD einen Spielfilm über einen Scientology-Aussteiger gedreht hat, sehen sich die Scientologen in der Defensive: Sie streben eine Schadensersatzklage gegen die Stadt Hamburg an - und haben einen Gegenfilm zum ARD-Werk gedreht. Die Interview-Partner sind nur von hinten zu sehen. Vor ihnen auf einem Leder- Sofa sitzt Frank Busch, ein großer, schlanker Mann im dunklen Anzug. Alles sieht vertrauenserweckend aus, wenn auch ein wenig improvisiert. Es geht um einen acht Jahre alten Sorgerechtsstreit. Busch, Scientology-Pressesprecher in Hamburg, kennt die Antworten seiner Gesprächspartner schon. Trotzdem verhaspelt er sich manchmal. So reagiert die selbsternannte Kirche auf ein TV-Drama, das die ARD am 31. März um 20.15 Uhr senden will. Unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" geht es dort um das Schicksal eines Aussteigers, darum, wie Scientology sein Leben und das seiner Familie zerstört hat. Nun hat auch Scientology einen Film gedreht: Am Donnerstagvormittag wird er in Hamburg vorgestellt, danach wird er im Internet abrufbar sein. Das 40-minütige Werk ist allerdings weit weniger aufwendig als der ARD-Spielfilm. Es besteht hauptsächlich aus Interviews mit der geschiedenen Ehefrau des Ex-Mitglieds und einem Sohn des Paars. Beide sind laut Sekte bis heute Scientologen. Außerdem werden Dokumente des Jugendamtes und des Hamburger Familiengerichts präsentiert, die vor allem eines belegen sollen: Der Aussteiger Heiner von Rönn, an den sich die TV-Story anlehnt, habe sein Familienleben durch sein Verhalten in dem Streit selber ruiniert - und Schuld an der ganzen Misere habe die Hamburger Scientology-Expertin Ursula Caberta. Noch mehr als den fiktiven Einblick in ihr Innenleben stört die Organisation, die in vielen Ländern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, nämlich, dass Caberta den Medien immer wieder Aussteiger präsentiert und so für negative Berichte sorgt. Auch das Filmteam vom Südwestrundfunk (SWR) hat sie beraten und den Kontakt zu von Rönn hergestellt. Seit Jahren schon streiten sich die Mitarbeiterin der Hamburger Innenbehörde und Scientology in etlichen Verfahren vor Gericht. Nun könnte bald eine weitere Auseinandersetzung hinzukommen. Die Sekte will eine Schadensersatzklage gegen die Stadt Hamburg einreichen, weil, so der Pressesprecher der München Niederlassung, Jürg Stettler, Caberta den Medien immer wieder Aussteigergeschichten präsentiere, "die vorne und hinten nicht stimmen". "Juristisch ist da nichts zu machen" Sich selbst versucht die Sekte dagegen betont seriös darzustellen. Keine Kritik an den Medien, nur ein dezenter Hinweis auf die Programmrichtlinien der ARD und die Frage, wofür Gebührengelder eingesetzt würden. Der Presse könne man keinen Vorwurf machen, wenn sie eine "quasi amtlich geprüfte Version" ohne weitere Recherchen übernehmen würden, sagt Stettler. Auch gegen die ARD will Scientology nicht rechtlich vorgehen. Das hat auch einen anderen Grund. "Juristisch ist da nichts zu machen", gibt Busch zu. Da passt es gut zum seriösen Auftreten, dass die Sekte zumindest mit einem Vorwurf wohl tatsächlich nichts zu tun hat. Während der Dreharbeiten wurde das SWR-Filmteam bespitzelt und am Telefon bedroht. Doch nicht etwa Scientology steckte hinter den Aktionen. Verantwortlich war wohl die Anonymous-Gruppe, die über das Internet vernetzt ist und weltweit Scientology bekämpft. Tatsächlich hatten Hamburger Mitglieder den Drehort am schicken Hamburger Balindamm gesichtet und geglaubt, Scientology würde dort eine neue Filiale errichten. Tagelang beobachteten sie das Geschehen und stellten heimlich geschossene Fotos ins Internet. Erst später stellten sie den Irrtum fest. "Gut, wir sind also auf ein Filmset reingefallen, aber kann passieren, sah ja auch übelst echt aus", gab "anonn004" Entwarnung.

Tagesspiegel.de, 19.03.2010, Markus Ehrenberg
Scientology - Bis doch was bleibt -  Strengste Geheimhaltung, Tarnname, Security: Ein ARD-Film über einen Scientology-Aussteiger 
Polizeiwagen, Einlass nur mit persönlicher Einladung, Mini-Demo mit Maskierten vor der Tür, drinnen eine proppevolle Halle, rund 500 Gäste in Stuhlreihen vor einem riesigen Bildschirm, drumherum patrouillierend Sicherheitsleute – am Mittwochabend bot sich dem Besucher des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin Mitte ein beeindruckendes Bild. Anlass war die Vorab-Präsentation des SWR-Fernsehfilms „Bis nichts mehr bleibt“, der am 31.3. im Ersten ausgestrahlt werden soll und der das Schicksal eines jungen Familienvaters und Scientology- Aussteigers beschreibt, der Frau und Tochter an Scientology verliert.
Es handelt sich um das mutigste Projekt der jüngeren Fernsehgeschichte. Der Film basiert laut Vorspann auf einer wahren Geschichte ehemaliger Mitglieder von Scientology. Erstmals wird dieses heikle Thema in Deutschland zu einem fiktionalen Stoff verdichtet und die Organisation beim Namen genannt. SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen wies darauf hin, dass Scientology seit 13 Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Um die Produktion von „Bis nichts mehr bleibt“ wurde monatelang ein großes Geheimnis gemacht. Alle Beteiligten mussten sich vertraglich zu Stillschweigen verpflichten. Der Film wurde unter dem Tarnnamen „Der Tote im Sund“ gedreht. Es wurden keine DVDs vorab versendet. Treibende Kraft war SWR-Fernsehfilmchef Carl Bergengruen – und die Nonstop-Rede von Tom Cruise, die der Hollywoodstar und bekennende Scientologe 2007 bei der Verleihung des Bambi, „Kategorie Mut“, gehalten hat. Von da an war Bergengruen, dem nach eigener Aussage als Student in den 80er Jahren von US-Scientologen die berühmten 100-Psycho-Fragen vorgelegt worden waren, laut eigener Aussage nicht mehr zu halten. Viel Applaus im ARD-Hauptstadtstudio. Auch für Team-Worx-Produzent Nico Hofmann, der daran erinnerte, wie aktiv Scientology gerade auch an Berliner Schulhöfen und Straßen unterwegs sei. Scientology soll geschätzt rund 5000 bis 6000 Mitglieder in Deutschland haben. Mit einem Spielfilm, so Bergengruen, könne man mehr Menschen erreichen als mit Dokus. Die Botschaft ist klar. „Bis nichts mehr bleibt“ erzählt, mit welch’ raffinierten Methoden es der Organisation immer wieder gelingt, Menschen psychisch und materiell von sich abhängig zu machen und, wie in diesem Fall, sogar eine Familie zu zerreißen. Wissensberichte, Rehabilitationszentren, der hermetische Scientology-Sprech, das Verhältnis zu Kindern – bei aller Fassungslosigkeit über die Methoden und die Duldsamkeit der Anhänger ist das eine über weite Strecken bannende Studie (Buch und Regie: Niki Stein), getragen vom Darstellerensemble um Felix Klare und Silke Bodenbender. Während der 90-minütigen Präsentation bei der ARD konnte man jede Stecknadel fallen hören. Die Story lehnt sich weitestgehend an die Geschichte des Scientology-Aussteigers Heiner von Rönn an, der auch unter den Zuschauern war. Das Unbehagen war mit Händen zu greifen. Tagesspiegel http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Bis-nichts-mehr-bleibt-Felix... 1 von 2 18.03.2010 18:51 Nichts zu sehen vor Ort von Scientology. Nur eben die Mini-Demo von „Anonymous“, einer Gruppe von Scientology-Gegnern. Im Vorfeld war zu lesen, dass sich Scientology gegen den Aussteigerfilm wehren wolle. Die Organisation habe, so Bergengruen, permanent versucht, Details über das Projekt zu erfahren. Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als unverfilmbar. Es schien nur eine Frage der Zeit, dass Scientologen Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würden. Scientology Deutschland kündigte für die nächsten Tage denn auch eine eigene Pressekonferenz mit „brisanten Hintergründen zu der geplanten ARD-Sendung“ an. Es sei dazu ein eigener halbstündiger Film produziert wurden. Das letzte Wort zu diesem Aussteigerfilm scheint wohl noch nicht gesprochen

jetzt.de, 08.03.2010, Marc Felix Serrao
Scientology wehrt sich gegen Aussteigerfilm der ARD
Jürg Stettler ist bestens informiert. Da sei doch gerade diese Pressevorführung in München gewesen, sagt der Sprecher von Scientology Deutschland am Telefon. "Da waren wir auch nicht eingeladen." Wie er so schnell von dem Termin, der eben erst stattgefunden hat, erfahren konnte, sagt er nicht. Dabei hatte der Südwestrundfunk (SWR) nur eine Handvoll Journalisten in das Schwabinger Programmkino eingeladen. Alle wurden mit Handschlag begrüßt, DVDs zum Mitnehmen gab es "aus Sicherheitsgründen" keine. Das Gemeinschaftsprojekt, das der SWR - stellvertretend auch für ARD-Degeto, NDR und die Produktionsfirma Teamworx - vergangene Woche in München vorgestellt haben, will die ARD am 31. März um 20.15 Uhr zeigen. Ob es soweit kommt, ist allerdings nicht sicher. Will Scientology den Film verhindern? "Das ist noch offen", sagt Stettler: "Das müssen Anwälte prüfen." Die ARD versuche " ja alles, damit wir den Film vor der Ausstrahlung nicht sehen". Trotzdem scheint er den Inhalt schon ziemlich gut zu kennen: "Es ist eine Verletzung der Programmrichtlinien der ARD, was dort verbreitet werden soll. Der Sender ist verpflichtet, religiöse Toleranz zu fördern, nicht umgekehrt." "Das Gegenteil ist wahr" Bis nichts mehr bleibt (Buch und Regie: Niki Stein) erzählt die Geschichte einer Familie, die zerrissen wird - von Scientology. Es ist eine Premiere, in jeder Hinsicht. Nie zuvor hat es ein deutscher Fernsehsender gewagt, Scientology zu einem fiktionalen Stoff zu verarbeiten - und die Organisation beim Namen genannt. Gedreht wurde an Originalplätzen, etwa vor der Europazentrale in Kopenhagen. Vom Mitgliederjargon, in dem man ab einer bestimmten Stufe "Operierender Thetan" ist (mit speziellem Armbändchen), über die harten Schulungsmethoden bis hin zu den güldenen Bühnenbildern bei Feierlichkeiten, ist der Film um Authentizität bemüht. Das Urteil ist dabei eindeutig: Scientology, so wie die Organisation hier gezeigt wird, ist eine totalitäre Gefahr, die den Prinzipien einer freien Gesellschaft widerspricht. Die Gefahr für das eigene, ohnehin stark lädierte Image hat die Gemeinschaft, die sich selbst als Kirche bezeichnet, inzwischen erkannt. Nachdem Scientology Sender und Produktionsfirma bislang nur mit Anrufen, E-Mails und Briefen traktiert hat, sucht sie nun die Konfrontation. "Scientology macht jetzt einen eigenen Film", kündigte ihr Sprecher im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung an. Geplant sei eine circa halbstündige Doku, "mit Interviews und Gerichtsurteilen". Der Film werde gerade im Schneideraum bearbeitet und solle in ein bis zwei Wochen vorgestellt werden, vermutlich in Hamburg oder München. "Wir werden zeigen, das die von der ARD engagierte sogenannte Expertin Ursula Caberta die Medien mit falschen Informationen füttert", sagt Stettler. Auch die Geschichte des Vater, der im Film sein Kind durch Scientology verliert, sei erfunden: "Genau das Gegenteil von dem, was die ARD zeigt, ist wahr." Dem Vorwurf, Scientology falsch darzustellen, widersprechen der SWR und Teamworx mit Nachdruck. "Wir haben bewusst einen Spielfilm gemacht, keine politische Gesamtanalyse von Scientology, weil wir so viele Menschen wie möglich erreichen wollten", sagt Carl Bergengruen, der das Projekt als Fernsehfilmchef des SWR auf den Weg gebracht hat. Trotzdem erzähle der Film eine "wahre Geschichte". Neben dem Einzelschicksal, auf dem diese basiere, seien weitere Fälle eingeflossen, "von denen wir wissen, dass sie so stattgefunden haben". Ähnlich äußert sich auch Benjamin Benedict, Produzent von Teamworxx. Neben einem ausführlichen Literaturstudium hätten die Produzenten monatelang mit Aussteigern der Organisation gesprochen. Zudem hätten sie sich von Ursula Caberta beraten lassen, "die sich seit vielen Jahren mit der Thematik beschäftigt". Die 59-Jährige ist Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Stadt Hamburg und eine der schärfsten Kritikerinnen der Organisation in Deutschland. Benedict ist im Gespräch auffallend zurückhaltend. Mit Nachdruck bittet der Produzent darum, seine Zitate schriftlich autorisieren zu dürfen. Zur Frage, ob er um die Ausstrahlung des Films fürchte, will er sich gar nicht erst äußern. Die Vorsicht der Filmemacher, die der Spiegel nach einer ersten Pressevorführung in Hamburg als "Geheimniskrämer-Tamtam" bezeichnet hat, ist sehr nachvollziehbar. Wie gefährlich die in vielen Ländern als Religion anerkannte "Church of Scientology" wirklich ist, können Außenstehende nur schwer beurteilen. Doch wenn es darum geht, gegen Kritiker vorzugehen, ist die Gemeinschaft bekanntlich nicht zimperlich. Im Bayerischen Verfassungsschutzbericht von 2008 etwa wird aus Hubbards Einführung in die Ethik der Scientology zitiert: "Um die Macht zu behalten", heißt es da, müsse man "kaltblütig, skrupellos, hemmungslos, gegebenenfalls auch heimtückisch, hinterlistig und mit Gewalt gegen die eigenen Feinde vorgehen, ansonsten werde man die Macht verlieren". Die Macht verliert in Bis nichts mehr bleibt auch der junge Hauptdarsteller Felix Klare (den man als Kommissar Bootz aus dem Stuttgarter Tatort kennt): erst über sich, dann über seine Familie. Scientology gewinnt - auch wenn die Organisation in diesem speziellen Fall alles tun wird, um das Gegenteil zu beweisen.

beobachter.ch, 05.03.2010, Thomas Angeli
Science-Fiction im Keller
Mit mysteriöser «Raumenergie» soll ein Gerät für viel Geld Mauern trockenlegen. Die Wissenschaft schmunzelt, und die Nähe des Anbieters zu Scientology ist offensichtlich.
Vertrauen einflössende Zertifikate und wohlklingende Auszeichnungen haben schon manchem Geschäft auf die Sprünge geholfen. Auf der Homepage der österreichischen Firma Aquapol ist beides zu finden. Das «Aquapol-Mauertrockenlegungssystem» kommt ohne Strom aus, funktioniert allein durch «Raumenergie», «Kapillarkräfte» und «Magnetokinese». Es kann ein europäisches Patent vorweisen, einen «EMV-Prüfbericht» vom TÜV-Rheinland, sein Erfinder Wilhelm Mohorn ist Träger der «Kaplan-Medaille für Grundlagenforschung» und noch vieles mehr. Mit einer grossen Publireportage auf newsnetz.ch warb Aquapol im Januar auch wieder einmal in der Schweiz. Sie könne «Aquapol auf jeden Fall weiterempfehlen», strahlte Barbara Weil aus Gunten BE darin: «Das Klima ist allgemein angenehmer und der Boden viel trockener.» Das Gleiche beteuert sie auch gegenüber dem Beobachter. Der derart gepriesene Apparat sieht erstaunlich unspektakulär aus, und auch das Innere gemahnt nicht an revolutionäre Technik: Ein paar Kupferkabel und Stangen, je nach Modell zwei parallel angeordnete grüne Scheiben, mehr ist da nicht. Aquapol vermeldet stolz 43'000 Häuser, die mit dem Apparat seit 25 Jahren trockengelegt worden seien. Nachprüfen lässt sich das nicht, und unabhängige wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit des Geräts gibts nicht. Aquapol zitiert in einer Stellungnahme an den Beobachter zwar die Professoren Karl Ernst Lotz und Josef Gruber, bloss: Beide sind im Vorstand der «Österreichischen Vereinigung für Raumenergie». Deren Präsident: Wilhelm Mohorn, Aquapol-Erfinder und -Vermarkter – und Freund der Scientologen (siehe nachfogender «Hintergrund»). Unabhängigkeit sieht anders aus. Eine Wirkung jedoch hat das Wunderding zweifelsohne – auf das Konto der Firma Aquapol und ihrer Franchisenehmer. 6000 bis 13'000 Franken kostet das Gerät. Michael Müller, Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal, der den Apparat im Auftrag des ZDF auseinanderschraubte, attestierte den Komponenten einen Materialwert von etwa 20 Euro. Aquapol verkaufe halt «keine Geräte zur Mauertrockenlegung, sondern eine umfassende Dienstleistung», lässt Erfinder Mohorn über seinen Mediensprecher ausrichten. Dazu gehören eine «umfassende Mauerwerksdiagnostik» sowie eine «Fülle von aussagekräftigen Messungen und Spezialdienstleistungen». «Vereinigung von Zauberkästchen-Bauern» Auch die Zertifikate und Auszeichnungen entpuppen sich als mehr Schein als Sein. Der EMV-Prüfbericht des TÜV bescheinigt lediglich die elektromagnetische Verträglichkeit, sprich: Aquapol, das keinen Strom benötigt, stört keine elektrischen Geräte. Auch das Zertifikat des «Europäischen Arbeitskreises für Mauerwerksanierung» taugt nach Aussage eines Fachmanns, der nicht genannt werden will, nicht viel: «Das ist eine Vereinigung von Zauberkästchen-Bauern, die sich gegenseitig zertifizieren.» Und ein Patent kann jeder anmelden, der etwas erfunden zu haben meint. Ob die Erfindung funktioniert, spielt keine Rolle. Fachleute, die nicht mit Aquapol verbandelt sind, bezweifeln die Wirkung des Geräts geradeheraus: «Das System kann keine entfeuchtende Wirkung entfalten», schreibt etwa das deutsche Fraunhofer-Institut für Bauphysik. Ähnlich sieht das Rainer Bunge, Professor für Umwelttechnik an der Hochschule Rapperswil: «Aus wissenschaftlicher Sicht steht fest, dass Aquapol weder funktioniert noch überhaupt theoretisch funktionieren kann.» Die Erklärung für die Wirkungsweise von Aquapol lese sich, «als ob jemand mit dem Zufallsgenerator über ein Physiklexikon gefahren wäre». Auch vom angeblichen «Gravomagnetismus», mit dem Aquapol funktionieren soll, halten die Forscher nicht viel: «Die gravomagnetische Energie wurde noch nie in einem wissenschaftlichen Versuch nachgewiesen», schreibt der Physiker Kolja Prothmann vom Max-Planck-Institut: «Die einzige mir bekannte Referenz bezieht sich auf die Science-Fiction-Serie ‹Mondbasis Alpha 1› aus dem Jahr 1977.» Hintergrund Viel Geld für Scientology Aquapol-Erfinder Wilhelm Mohorn erwähnt auf seiner Website stolz seine Mitgliedschaft im Bundessenat des honorigen «Senats der Wirtschaft» in Österreich. Wer sich dort erkundigt, erfährt Erstaunliches: Der Senat habe sich «aufgrund der zwischenzeitlich in Erfahrung gebrachten Aktivitäten für Scientologen von Herrn Mohorn und so­mit auch dessen Unternehmen» distanzieren müssen, sagt eine Sprecherin.Mohorn ist in der Scientology-Publikation «Impact» von 2006 als «Patron Meritorious» aufgeführt. Diesen Titel erhält, wer mindestens 100'000 Dollar gespendet hat. Mo­horn will das nicht kommentieren. In der Schweiz wird Aquapol übrigens von der Firma Delphin Bürkli & Partner vertrieben – alte Bekannte in der Scientology-Szene: Der Beobachter berichtete schon 1995 von der Sektenzugehörigkeit der Inhaber.

merkur-online.de, 04.03.2010
Scientology-Aussteiger packen in der ARD aus 
Das Drehbuch? Geheim. Der Titel? Top secret, genauso wie die Schauspieler: Bis zuletzt hat der SWR Details zum Film "Bis nichts mehr bleibt" unter Verschluss gehalten. Kein Wunder. © ARD Szene aus dem ARD-Film: Ein Mitglied (Nina Kunzendorf) überzeugt Frank (Felix Klare) von der Scientology. Mit dem Spielfilm kommt hochbrisanter Stoff ins Fernsehen: Es geht um Frank Reiners, Architektur- Student, Taxifahrer – und Mitglied bei Scientology, der umstrittenen Organisation, die sich selbst als Kirche verkauft und das Leben von Aussteigern zur Hölle macht. So ergeht es auch Reiners, der den Absprung geschafft hat und am Ende nicht nur ohne Geld dasteht, sondern auch noch Frau und Kind an Scientology verliert. Er muss zusehen, wie die Tochter weiter von der Mutter beeinflusst wird. Am Mittwoch wurde der Film erstmals in München der Presse vorgeführt. Anonyme Anrufe, Auto geknackt Wie SWR-Redakteur Michael Schmidl betont, ist es der erste Film, der sich mit Scientology in dieser Weise auseinandersetzt: „Vorher hat sich anscheinend niemand getraut.“ Denn Scientology ist dafür bekannt, Kritiker massiv anzugehen. Das bekam auch die Crew beim Dreh zu spüren: „Es gab anonyme Anrufe, Besuche am Set“, erzählt Schmidl. Sogar das Auto des Regisseurs Niki Stein wurde geknackt: Ein Unbekannter hatte den Kofferraum aufgebrochen. Das Geheimnis um den Film ließ sich eben nicht ganz bewahren. Und das, obwohl die Produktion sogar unter einem Decknamen lief: Angeblich sollte ein neuer Tatort, genauer "Der Tote im Sund", in der Mache sein. "Bis nichts mehr bleibt", 31. März, 20:15 Uhr, ARD Doch Felix Klare, bekannt aus dem Stuttgarter Tatort, ging bei diesem Dreh nicht auf Verbrecherjagd. Der 31-Jährige spielt den jungen Reiners aus Hamburg. Ende der 80er-Jahre rutscht er immer tiefer in das System Scientology. Ein Anwalt, der für den Vater seiner Freundin arbeitet, bringt ihn zum sogenannten Dianetik-Zentrum. Dort lässt sich der Familienvater auf dubiose Psychotests ein: „Kauen Sie an Fingernägeln oder Bleistiften?“, steht auf dem ellenlangen Fragebogen, oder: „Haben Sie viele gute Freunde?“ Anhand der Antworten stellt sich heraus: Frank lässt sich zu sehr herumschubsen und von anderen sagen, was er zu tun hat. Das lässt sich ändern – dazu muss er nur die Kurse von Scientology besuchen. Bald zieht er auch seine Frau Gine in den Bann der Gemeinschaft, bald darauf auch die gemeinsame Tochter Sarah. Das Unglück nimmt seinen Lauf … Echte Geschichten von Aussteigern Eine Geschichte, die nicht aus der Luft gegriffen ist: „99 Prozent des Films sind echt“, sagt Hauptdarsteller Klare. Er traf sich mit Aussteigern, um mehr über ihre bedrückende Vergangenheit zu erfahren. Denn Bis nichts mehr bleibt basiert nicht nur auf einem Schicksal, es fließen die Erfahrungen mehrerer Aussteiger ein. Ein Vater, der seine Familie aus dem teils unterdrückerischen System nicht befreien kann – auch das ist kein Einzelfall. Klare hat sich mit dem Mann getroffen, der seine zwei Söhne seit 27 Jahren nicht gesehen hat. Sie dürften heute knapp über 30 Jahre alt sein. Eva Hutter Scientology Aus einem Bericht des Verfassungsschutzes aus dem Jahre 2008 geht hervor, dass es in Deutschland etwa 5000 bis 6000 Scientologen gibt, in Bayern geht man von circa 2600 Mitgliedern aus. Scientology ist eine Bewegung, deren Ideologie auf Schriften des US-amerikanischen Schriftstellers L. Ron Hubbard aus dem Jahre 1952 zurückgeht. In der Öffentlichkeit ist Scientology umstritten. Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz unterhält ein „vertrauliches Telefon“ (Nummer: 089/31 20 12 96). Opfer, Aussteiger und Angehörige von Mitgliedern können dort Hinweise über Scientology geben.

20Min., 01.03.2010
Neues «Abnehmprogramm» Schlank dank Kirstie Alley und Scientology
Kirstie Alley hat das neue Abnehmprogramm «Organic Liaison» erfunden: Mit Vitaminzusätzen, die «Rette mich» oder «Unterstütze mich» heissen, geht die Aktrice auf Pfunde-Jagd. Das Problem: Scientiology ist auch an Bord. Promis auf Seelenfang Scientology zählt weltweit rund acht Millionen Anhänger. Hier einige der bekanntesten Scientologen, die immer wieder neue Mitglieder anziehen... Schon lange hatte Kirstie Alley angekündigt, eine Schlankmacher-Linie ins Leben zu rufen, jetzt ist es soweit: Die Schauspieler («Guck mal, wer da spricht») hat «Organic Liaison» vorgestellt. Das Programm kostet monatlich zehn Dollar Grundgebühr, was den Mitgliedern die Nutzung von «Online-Tools» und Unterstützung von Leidensgenossen ermöglichen soll. Hauptelement der Kur sind jedoch Nahrungsmittelzusätze, die für zwölf bis 15 Dollar pro Flasche gekauft werden müssen. Die Monatsration kostet 139 Dollar. Die Produkte mit klingenden Namen wie «Rescue Me» («Rette mich») oder «Relieve Me» (Unterstütze mich») versprechen, den Körper «natürlich» zu reinigen und den Hunger zu bremsen. Obwohl die Produkte gewöhnliche Vitamine und Mineralien enthalten, spricht Alley in einem Werbeclip davon, ihr Programm sei «das weltweit erste zertifizierte biologische Gewichtsverlust- und Management-Programm». Die verkauften Zusätze «fluten ihren Körper mit den Elementen, die ihm fehlen», so dass das Abnehmen zum Kinderspiel werde, so der 115 Kilogramm schwere Hollywoodstar. Abgesehen davon, dass solche «Elemente» normalerweise problemlos mit ausgewogener Ernährung zu sich genommen werden können, verwirrt ein zweites Detail: Das Promotion-Video mit Kirstie Alley ist im «Fort Harrison Hotel», der Scientology-Basis im kalifornischen Clearwater gedreht werden. Dass Alley Mitglied in der Sekte ist, war allerdings bekannt. Komisch ist aber, dass mit Thomas Lovejoy und Michelle Seward auch mindestens zwei von fünf Beratern des Programms der Bewegung angehören. Wenn dann auch noch die Adresse von «Organic Liaison» mit der von Saul B Lipson, einem bekennenden Scientology-Anhänger absolut identisch ist, müssen sich die Konsumenten fragen, ob sie der Sekte nicht persönliche Daten in die Hände spielen. Beide Postadressen lauten «1515 North University, Suite 222, Coral Springs, Florida 33071». Ein Schelm wer Bauernfängerei hinter diesem Umstand vermutet …
Bereits seit zwei Jahren habe Kirstie an Organic Liaison gearbeitet und sei dabei von den „besten Wissenschaftlern auf diesem Planeten“ unterstützt worden, heißt es. Sie schwöre vor allem auf den natürlichen Appetitzügler „Rescue Me”. Ach, übrigens steht im Kleingedruckten, dass Organic Liaison nur dann funktioniert, wenn man seine Ernährung umstellt. Am besten soll man nur noch Bio-Produkte essen. Und natürlich muss man dazu noch viel Disziplin haben und soll zum Sport gehen.

Hamburger Abendblatt, 27.02.2010
Verwaltungsgericht weist Klage von Scientologen ab
Das Verwaltungsgericht hat die Klage eines Scientologen abgewiesen, der die Hansestadt darauf verklagt hatte, Informationen zu seiner Person herauszugeben. Die Stadt hatte das Ansinnen des Scientologen zuvor mit Verweis auf eine Ausschussklausel im Hamburgischen Informationsfreiheitsgesetz abgelehnt. Danach müssen Informationen, die die Tätigkeit der Arbeitsgruppe Scientology betreffen, nicht herausgegeben werden. Das Gericht bestätigte jetzt die Verfassungsmäßigkeit der Ausnahmenorm. Die Leiterin der Arbeitsgruppe, Ursula Caberta, begrüßte die mit dem Urteil gewonnene Rechtssicherheit. Das Verwaltungsgericht habe seine Entscheidung mit der verfassungsfeindlichen Ausrichtung von Scientology begründet.

Stern.de, 17.02.2010, Stefan Düsterhöft
Scientology-Aussteiger Lino Bombonato: Wenn Freunde zu Feinden werden
Scientology war Lino Bombonatos Leben: Sieben Jahre lang beschäftigte sich der Rheinländer täglich mit der Sekte, arbeitete für einen Hungerlohn für sie, spionierte am Ende sogar Sektengegner aus. Doch dann geriet sein Bild von der heilen Scientology-Welt ins Wanken.
Eigentlich ist es nur ein Persönlichkeitstest auf der Internetseite von Scientology, der Lino Bombonato im Jahr 2003 neugierig macht. Nach seiner Stimmung wird der damals 15-Jährige da zum Beispiel gefragt, ob er gut schlafe und ob er zu Eifersucht neige. Der Schüler beantwortet die Fragen und gibt seine Kontaktdaten an. Wenig später macht er sich auf den Weg nach Düsseldorf: In der dortigen Scientology-Kirche will er sein Testergebnis erfragen. Steile Karriere bei Scientology Doch bei dem angeblichen Persönlichkeitstest bleibt es nicht. Die Scientologen wecken das Interesse des jungen Rheinländers - und begeistern ihn für eine Mitgliedschaft. Den Gedanken, sich selbst "weiterzuentwickeln", findet Lino Bombonato spannend. Deshalb beginnt er, Kurse der Düsseldorfer Scientology-Kirche zu besuchen. Kurz darauf legt er eine steile Sektenkarriere hin. Lino Bombonato fühlt sich bei den Scientologen geborgen und anerkannt. Die Sekte sei in dieser Zeit "wie eine Familie" gewesen, sagt er heute. Der junge Mann wird Mitglied des scientologischen Geheimdienstes, spioniert Kritiker aus und versucht, Demonstrationen von Sektengegnern zu stören.
Das Verhältnis zu seinen Eltern wird währenddessen immer schlechter. Lino Bombonato hält nur wegen des Geldes Kontakt zu ihnen - denn eine Scientology-Mitgliedschaft kostet. Weil sein Vater die Sekte aber ablehnt, kann Lino Bombonato innerhalb der Organisation nicht weiter aufsteigen. Eine letzte Chance, das zu ändern, scheint der Selbstmord. Die Scientologen haben Lino eingeredet, nach seinem Tod könne er in einer "besseren Umgebung", also mit Eltern, die selbst Scientologen sind, wiedergeboren werden. Selbstmordversuch misslingt Doch der Selbstmordversuch misslingt: Lino Bombonato wird rechtzeitig gefunden. Ans Aussteigen denkt der junge Mann trotzdem nicht. Erst seine Spionagetätigkeit öffnet ihm später die Augen: Zunächst chattet er nur mit Mitgliedern einer Anti-Scientology-Organisation, um sie auszuhorchen. Doch der Kontakt wird enger - auch zu Ursula Caberta, die den Hamburger Arbeitskreis Scientology leitet. Caberta beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Sekte und ist oft die erste Anlaufstelle für Aussteiger. Sie ist sich sicher: "Je jünger man ist, wenn man zu Scientology kommt, desto eher übernimmt man die Ideologie - und desto schwerer wird der Ausstieg." So ist es auch bei Lino Bombonato: Er bleibt zunächst bei der Sekte, hält aber auch weiterhin Kontakt zu den Gegnern. Als die Scientologen das mitbekommen, muss Lino Bombonato sich vor den Sektenoberen in so genannten Ethiksitzungen rechtfertigen. Er wird dabei an einen Lügendetektor angeschlossen. Durch seine Gespräche mit einem Scientology-Gegner beschließt Lino Bombonato, bei dem Test zu lügen. Das Gerät erkennt die Lüge nicht. Lino Bombonato ist entsetzt - eigentlich hat er fest an die Funktionstüchtigkeit des Geräts geglaubt. Seine Zweifel an der Sekte werden größer.
Ein Freund verrät Lino Bombonato Er vertraut sich einem Freund an - doch der verrät ihn. Scientology verurteilt Lino Bombonato zu weiteren Ethiksitzungen. Ende Mai 2009 steht dann sein Entschluss fest: Der damals 22-Jährige will aussteigen. Persönlich geht er in die Scientology-Kirche, verkündet dort seinen Entschluss. Die Sektenmitglieder reagieren kalt - niemand scheint sich mehr für Lino Bombonato zu interessieren. "Das war eine bittere Erkenntnis. Die haben mich behandelt, wie jemanden, der mit einem Schlag nichts mehr wert ist", sagt der junge Mann heute. Und: "Ich wurde weg geschoben, als sei gar nichts gewesen." Nach seinem Ausstieg steht Lino Bombonato vor dem Nichts: Er hat 8000 Euro Schulden bei der Bank, muss Kredite abbezahlen, die er aufgenommen hat, um seine Sektenmitgliedschaft zu finanzieren. Eine Ausbildung hat er nicht, die Schule hat er nach dem Hauptschulabschluss abgebrochen. Sieben Jahre seines Lebens sind verschenkt. Der Traum von einem normalen Leben Scientology hat Lino Bombonato fast alles genommen - in Ruhe lässt ihn die Sekte trotzdem nicht. Die Scientologen versuchen im Internet seinen Ruf zu ruinieren, setzen Persönliches gegen ihn ein. Lino Bombonato versucht dennoch, nach vorne zu schauen: Er will seine Schulden zurückzahlen. Und er will einen Beruf erlernen - am liebsten einen, in dem er anderen Menschen helfen kann. "Ein normales Leben führen", sagt Lino Bombonato, dass sei sein Wunsch.

Der Spiegel, 02.02.2010, Martin U. Müller
Fernsehfilm Operation Scientology
Mit großem Geheimniskrämer-Tamtam hat die ARD das wahre Schicksal eines Aussteigers verfilmt. Das TV-Team fürchtete schon während des Drehs Ärger. Heiner von Rönn könnte eine ziemlich erschütternde Liste erstellen mit Menschen und Werten, die er an Scientology verloren hat: Abertausende Euro, zehn Jahre seines Lebens, seine damalige Frau und seine beiden Kinder. 15 Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Psycho-Imperium stand er kürzlich wieder mittendrin in seiner eigenen Vergangenheit, den Begriffen und Bedrohungen von einst. Seine Geschichte ist echt, die Kulisse war es nicht: In den nachgebauten Räumen einer Scientology-Niederlassung drehte ein Filmteam ein TV-Drama über eine Familie, die letztlich an der Organisation zerbrach. Die Story lehnt sich an Rönns Leben an, die gesamte Mannschaft des federführenden Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) ging mit seltener Heimlichtuerei zu Werke. Auf den Schildern, Drehbüchern, selbst auf der Regieklappe - überall stand als Titel "Der Tote im Sund". Es war ein Tarnname, weil die Dreharbeiten für diesen ARD-Film absolut geheim gehalten werden sollten. Erst diese Woche wollen die Verantwortlichen an die Öffentlichkeit gehen: Am Dienstag möchten sie das fertig gedrehte Projekt präsentieren, das schließlich am 31. März unter dem Titel "Bis nichts mehr bleibt" gezeigt werden soll. Zum ersten Mal wird es also einen Spielfilm geben, in dem es um Scientology geht. Glaubensterror als Abendunterhaltung. Ist die ARD mutiger geworden? Oder Scientology schlichtweg harmloser? In den vergangenen Jahren hat das Erste immer wieder Filme über sensible gesellschaftliche Themen gesendet wie etwa Contergan. Nun hat man sich einer Organisation gewidmet, die für ihr rücksichtsloses Verhalten gegenüber Kritikern und Journalisten bekannt ist. Doch war die ARD-Paranoia im Vorfeld wirklich begründet? Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des SWR, verteidigt die Geheimhaltung: "Scientology hat permanent versucht, auf unterschiedlichsten Wegen Details über das Projekt zu erfahren. Wir mussten befürchten, dass die Organisation alles tun würde, um mit juristischen Mitteln die Ausstrahlung des Films zu verhindern." Daher habe man "aus Sicherheitsgründen" das Projekt "so lange wie möglich unter Verschluss gehalten". Leise Anflüge von Verfolgungswahn erwischten das Team trotzdem schon beim Dreh. Am Set erzählte man sich, eine Art Pressesprecher von Scientology sei gesichtet worden. Ein andermal fand ein Informant des Regisseurs Niki Stein den Kofferraum seines Autos aufgebrochen vor. Erst dachte er sich nichts dabei, bis Steins Telefon klingelte und er sich an die Notizbücher im Kofferraum erinnerte. "Wir wissen, dass Sie einen Film über Scientology drehen", sagte die Stimme am Telefon und legte wieder auf. Scientology dementiert auf Anfrage jede Beteiligung. Sonst wurden keine Vorfälle aktenkundig. Immerhin: Während der Dreharbeiten spürte auch Aussteiger Rönn wieder altes Unbehagen. Er ist ein schweigsamer Mensch, der zwischen seinen Erzählungen oft hilfesuchend seine jetzige Frau Astrid ansieht. "Meiner Meinung nach war das so", sagt sie dann und übernimmt für ihren Mann das Antworten. Auch sie war einst bei Scientology und stieg dann mit Rönn aus, während dessen erste Frau mit den Kindern dabeiblieb. Astrid von Rönn kann Jahreszahlen, Episoden und Namen besser ordnen. Ihr Mann Heiner wirkt in diesen Momenten wie jemand, der leicht den Überblick übers eigene Leben verliert. Das erklärt vielleicht auch ein wenig, wie erwachsene Menschen anfangen können, an Thetane zu glauben und Zehntausende Euro für Vitamine oder Auditing auszugeben. Bevor Rönn 1984 von Scientology zu einem "Kommunikationskurs" überredet wurde, hatte er von der Organisation nie gehört. Seine damalige Frau war bereits ein paar Monate dabei, überzeugt vom eigenen Bruder. Erst mehr als zehn Jahre später schaffte Rönn den Absprung, hochverschuldet und sozial isoliert; seine Familie war zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Fall fürs Familiengericht. Das alles solle wenigstens im Nachhinein einen Sinn bekommen, als Warnung helfen, findet er. So sei er bei dem TV-Projekt gelandet. 89 Minuten lang erzählt die Fiktion nun bemerkenswert unaufgeregt in Rückblenden, wie ein Mann in die Arme von Scientology gerät und hinterher um das Sorgerecht für sein Kind kämpft. Zu sehen ist auch eine Fahrt in eine Art Straflager in der Europazentrale der Psycho-Organisation, das plötzliche Verschwinden der Ehefrau zur Zentrale in Florida und die Kasernierung der Tochter in einem geheimen Internat. 2,5 Millionen Euro hat die ARD in den Film gesteckt. SWR-Mann Bergengruen hat das Geld in eine penible Recherche, gute Schauspieler und eine ziemlich genaue Rekonstruktion investiert. Obwohl einiges verfremdet wurde, bleibt erstaunlich, wie offensiv das reale Vorbild Rönn mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Dafür hat er jetzt Angst, dass sein Hund vergiftet werden könnte oder man ihm zu Hause die Scheiben einschmeißt. Bislang galt der Stoff schon aus rechtlichen Gründen als schier unverfilmbar. Unter Filmleuten war man sich nahezu gewiss, dass Scientology Ausstrahlungen gerichtlich untersagen lassen würde. So übte sich die Öffentlichkeit in Debatten um die Verfassungsmäßigkeit des Imperiums, oder man erzählte sich Schauergeschichten über Gehirnwäschen der obskuren Glaubensgemeinschaft. Dazwischen gab es nichts. SWR-Mann Bergengruen hat nun die Lücke geschlossen. Den Anstoß dazu gab ausgerechnet der Schauspieler und Star-Scientologe Tom Cruise. Im November 2007 wurde ihm mit allerlei Ehrenbezeugungen der Medienpreis Bambi des Burda- Verlags überreicht. Da reichte es Bergengruen. Dass das dramatische Thema nun zur TV-Abendunterhaltung taugt, hat aber wohl noch einen anderen Grund: Erst mit einem bestimmten Abstand eignen sich reale Sujets bisweilen als Fiktion. Die härtesten Auseinandersetzungen zwischen deutscher Öffentlichkeit und Scientology sind schon etliche Jahre her. Andererseits hat die Organisation laut einer Analyse des Verfassungsschutzes angeblich nichts an Gefährlichkeit eingebüßt. Viel spreche dafür, dass sie "sinnvollerweise auch und gerade mit geheimdienstlichen Mitteln beobachtet werden" müsse, urteilte das Verwaltungsgericht Köln. Es sind nur noch ein paar Wochen, bis der Film im Fernsehen zu sehen sein wird. Kürzlich wurde Heiner von Rönn mit Frau und Hund vom Team noch mal in einen Vorführraum gebeten, um ihn vorab zu sehen. Rönn setzte sich mit seinem Hund in die erste Reihe. Als er sah, wie der Mann im Film an einem Geländer steht und sein Kind zum letzten Mal sieht, da weinte er. Das TV-Drama endet mit dieser Szene. Das Leben der Rönns geht weiter. Nach der Vorführung fuhren sie zurück in ihre Dreizimmerwohnung am Hamburger Stadtrand. Im Kinderzimmer bewahrt Astrid von Rönn nun die Wäsche auf. Das ist die Realität ihres Lebens.

Berliner Zeitung, 29.01.2010, Frank Nordhausen
Die Bastion wankt - Viele Prominente in Hollywood sind Mitglieder von Scientology. Jetzt gehen die ersten
Wer eine Scientology-Filiale betritt, bekommt dort meist den Werbefilm „Orientation“ vorgespielt, in dem John Travolta davon schwärmt, wie erfüllt er in der „Kirche“ lebe. „Ohne Scientology wäre ich tot“, sagt seine Ehefrau Kirstie Alley. Am Schluss sagt ein lächelnder älterer Herr: „Wenn du jetzt mit Scientology weitermachst, wirst du sehr froh darüber sein.“ Umso verheerender ist die Botschaft, dass ausgerechnet der Star des Werbefilms jetzt nicht mehr froh ist, sondern die Sekte verlassen hat. Larry Anderson ist ein Hollywoodschauspieler, den die meisten kennen, ohne ihn bewusst wahrzunehmen. Anderson hat in Dutzenden TV-Serien wie „Desperate Housewifes“ gespielt, war Nebendarsteller in Kinofilmen wie „Star Trek“. Und er war bis vor zwei Wochen Mitglied der berüchtigten Scientology-Organisation, als deren Star und Stimme er in vielen Propagandafilmen wirkte. Nun hat der 57-Jährige die Sekte nach 33 Jahren plötzlich verlassen und seine Gründe in der Presse dargestellt. Seither hat Scientology ein Problem mehr. Keine Superkräfte verspürt Die Mitgliedschaft bei Scientology ist an sich nichts Besonderes in Hollywood. Tom Cruise ist in der Sekte, John Travolta ist es und Juliette Lewis. Vor allem aber besuchen viele Mimen, Regisseure und Drehbuchautoren aus der zweiten Reihe die teuren Kurse im Celebrity Centre Hollywood. In diesem Zuckerbäckerschloss werden sie betreut und sollen Superkräfte gewinnen. Und sie erhalten Jobangebote. Denn das US-Filmbusiness ist durchsetzt mit Scientologen, die viel Einfluss auf die Castings haben. Umgekehrt sind die Prominenten Scientologys wichtigste Werbeträger. „Ich wurde zu einem Scharlatan gemacht“, sagte Anderson jetzt der Zeitung St. Petersburg Times. Nie habe er die versprochenen „Gewinne auf der Brücke zur totalen Freiheit“ erreicht. Rund 270 000 Dollar habe er im Lauf seiner Mitgliedschaft bezahlt, um irgendwann als Operierender Thetan – eine Art Gott – wiedergeboren zu werden. Jetzt hatte er genug von der Geldgier der Sekte. Anderson ist nicht der einzige Scientologe, der so denkt. Vor drei Jahren setzte ein regelrechter Exodus im Sektenhauptquartier ein. Topleute wie der Geheimdienstleiter Mike Rinder und der Finanzchef Mark Rathbun sind ausgestiegen. Dutzende „namenlose“ Dissidenten äußern Kritik im Internet. Die Zeichen mehren sich, dass die Absetzbewegung nun Hollywood erreicht hat. Den Anfang machte im April 2008 der Schauspieler Jason Beghe, Darsteller in Serien wie „CSI“ oder „Criminal Minds“. Er warf dem Sektenboss David Miscavige vor, Scientology zu einer „korrupten Organisation“ geformt zu haben, die mit „Einschüchterung und Gehirnwäsche“ arbeite. Vor drei Monaten verließ sogar der Regisseur und Autor der Drehbücher von „Crash“ und „Million Dollar Baby“, Paul Haggis, nach 35 Jahren die Sekte. Das ist von großer Bedeutung, denn nur solange Weltstars wie Cruise, Travolta oder eben Haggis Scientology die Treue halten, lässt sich eine Massenflucht vermeiden. Haggis verabschiedete sich mit der Klage, Scientology habe die Hetzkampagne gegen die Homo-Ehe in Kalifornien mitgetragen: „Ich kann nicht länger einer Organisation angehören, die Schwulen-Bashing toleriert.“ Das war ein Angriff auf L. Ron Hubbard selbst, den Gründer der „Church“, der die Homophobie zum Lehrsatz erhoben hatte. Nach Angaben früherer Leitungskader ist verdeckte Homosexualität ein Thema, das Scientology benutzt, um Mitglieder unter Druck zu setzen. John Travoltas Neigung soll der Grund dafür sein, dass der Mime bis heute dabeiblieb. „Wenn Travolta geht, werden die Akten herausgeholt“, sagt der ehemalige Exekutivdirektor William Franks. Die Sekte verwaltet intime Bekenntnisse ihrer Mitglieder in geheimen Akten. Scientology hat diese Vorwürfe stets dementiert. „Je mehr Prominente gehen, desto mehr kommen die anderen ins Grübeln, sagt Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte Hamburgs. Caberta hat mit ihrer Arbeit viel zur Erosion der Sekte beigetragen, doch sie ist jetzt mit massiven Sparplänen des Hamburger Senats konfrontiert. „Eine effektive Betreuung der Aussteiger wird dann nicht mehr möglich sein“, fürchtet sie. Der Schauspieler Larry Anderson kam durch den Ausstieg seines Freundes Jason Beghe zum Nachdenken. Er hat die „Church“ zur Rückzahlung von 120 000 Dollar aufgefordert, die er bezahlt, für die er aber keine Gegenleistung bekommen haben will. Doch die Scientology-Führer wollten nur zahlen, wenn er öffentlich nicht über seinen Ausstieg rede. Anderson weigerte sich. Daher ist „die Stimme Scientologys“ jetzt die Stimme der Kritiker – mit unabsehbaren Folgen.

Der Standard, 24.01.2010
Helfen durch Handauflegen - Nach der Katastrophe kommt Scientology
"Terapi Gratis": Die Science-Fiction-Sekte Scientology nutzte schon den Tsunami in Südostasien für ihre eigenen Zwecke. Auch nach dem Hurrikan "Katrina" in New Orleans "halfen" Scientologen. Auch den katastrophengebeutelten Menschen in Haiti bleibt dies nicht erspart. Leidgeprüften Haitianern bleibt nichts erspart: Psycho-Sekte will Opfer durch Handauflegen "heilen" Port-au-Prince - Nach dem schweren Erdbeben mischen sich in Haiti auch Anhänger der Psycho-Sekte Scientology unter die Krisenhelfer. Ein privater Spender hat ein Flugzeug organisiert, das 80 Ehrenamtliche und 50 Ärzte aus Los Angeles zu den Erdbebenopfern brachte. In der Hauptstadt Port-au-Prince bieten die Scientology-Anhänger in gelben T-Shirts den Überlebenden, die unter Plastikplanen im Hof eines Krankenhauses kauern, nun ihre Hilfe an - durch Handauflegen. Mit der "Therapie" namens "Assist" würden gekappte Nervenverbindungen wieder zusammengefügt, erklärt Sylvie, eine Scientology- "Heilerin" aus Paris. Neben ihr liegt der 22-jährige Oscar Elweels, der zwei Tage lang unter den Trümmern seiner Schule begraben war. Sein rechtes Bein wurde amputiert, auch das linke ist verwundet. "Vor einer Stunde hatte er kein Gefühl in seinem linken Bein", berichtet Sylvie. "Dann habe ich ihm die Methode erklärt und ihn berührt, und nach einer Weile hat er gesagt: Jetzt fühle ich alles." Scientology wurde 1954 vom Science-Fiction-Autor Ron Hubbard in den Vereinigten Staaten gegründet und hat berühmte Anhänger wie die Hollywood-Stars Tom Cruise und John Travolta.

Berliner Zeitung, 21.01.2010, Frank Nordhausen
SCIENTOLOGY Zweifelhafte Helfer
BERLIN. Er hat einen privaten Jumbo-Jet und will jetzt damit ins Katastrophengebiet fliegen, um Medikamente, freiwillige Helfer und "spirituellen Beistand" zu den Menschen zu bringen. Der Vorsatz ehrte den Schauspieler und Hobbypiloten John Travolta - wäre er nicht Botschafter der Scientology-Organisation, und würde es sich bei den Freiwilligen nicht um Mitglieder der Sekte handeln, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird und in Frankreich kürzlich als kriminelle Bande verurteilt wurde. Mehr als dreißig Helfer will Scientology mit Travolta nach Haiti entsenden, erklärt die Organisation im Internet. Auf Youtube ist zu sehen, wie Scientologen gemeinsam mit einem von der Sekte gesponserten haitianischen Ärzteteam schon am Sonnabend auf dem Kennedy-Flughafen in New York eincheckten. Die Scientologen trugen gelbe T- Shirts, die sie als "ehrenamtliche Geistliche" auswiesen. Ein Vertreter der Botschaft Haitis wünschte ihnen Glück bei der Mission. Doch frühere Erfahrungen zeigen: Den gelb gewandeten "Geistlichen" geht es vor allem um Missionierung, weniger um medizinische Hilfe. Seit dem 11. September 2001 nutzen sie Terrorangriffe und Naturkatastrophen, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Bei allen großen Tragödien tauchten sie auf, ob beim Elbehochwasser 2002 oder nach den U- Bahn-Anschlägen in London 2005. In einer internen Scientology-Zeitschrift hieß es über diese Art von Hilfe im indonesischen Banda Aceh 2005: "Wir brachten den Überlebenden des Tsunamis LRH Tech" - also die "Technologie" des Scientology-Gründers L. Hubbard. Die "ehrenamtlichen Geistlichen" hätten dort 51 376 Männer und Frauen scientologisch "trainiert". Damals beklagte sich das Rote Kreuz, die Scientologen diskreditierten die Arbeit seriöser Hilfswerke . 
Auch andere Sekten oder Fundamentalisten nutzen die Katastrophe in Haiti zur Propaganda. So schickten auch Mormonen, Evangelikale und die umstrittene Hilfsorganisation Islamic Relief Mitglieder auf Hilfs-"Mission" nach Haiti.


2009

Tagespost 08.12.2009 
Kirchenbegriff klären Sekten-Expertin: Christen sollen gegen Scientology klagen
Hamburg (DT/KNA) Die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats, Ursula Caberta, hat die christlichen Kirchen aufgefordert, gegen die Scientology-0rganisation wegen der Verwendung des Begriffs Kirche gerichtlich vorzugehen. Für sie sei Kirche immer das „Gotteshaus und nicht das Rob-Hubbard-Haus“, sagte Caberta am Freitag in Hamburg auf Anfrage. Der Nordamerikaner Lafayette Ronald Hubbard (1911 – 1986) ließ den Begriff „Church of Scientology“ 1953 als Markenzeichen eintragen und gründete ein Jahr später die gleichnamige 0rganisation. Der Begriff Kirche sei eine der Hauptirreführungen von Scientology, so Caberta weiter. Sie sicherte den Kirchen zu, sie bei der Vorbereitung einer Klage „tatkräftig und mit Freuden zu unterstützen“. Bisher allerdings sei keine Glaubensgemeinschaft auf sie zugekommen. Sie nannte es „unmöglich“, dass beispielsweise an der Hamburger Scientology-Zentrale das Wort „Kirche“ stehe. Über Presseberichte, wonach die Innenbehörde des Hamburger Senats in der Arbeitsgruppe Scientology Stellen streichen will, zeigte sich Caberta überrascht. Mit ihr habe die Behördenleitung darüber noch nicht gesprochen, „aber eigentlich bräuchte ich mehr Stellen statt weniger“, sagte die 59jährige, die die Arbeitsgruppe seit 1992 leitet. Ein Behördensprecher bestätigte auf Anfrage, die Arbeitsgruppe müsse im Rahmen der Haushaltskonsolidierung neu organisiert werden. Näheres sei hier noch nicht entschieden; mögliche Veränderungen würden erst 2011 wirksam. Die Arbeitsgruppe Scientology werde auch weiterhin ihre „wichtige Arbeit ausführen und Präventionsarbeit auf einem hohen Niveau leisten“, so der Sprecher der Innenbehörde. Die Hamburger schwarz-grüne Regierung will in den nächsten drei Jahren gut 1,15 Milliarden Euro einsparen. Die Arbeitsgruppe Scientolgy ist derzeit mit drei ganzen und drei halben Stellen besetzt.

Leipziger Volkszeitung, 03.12.2009, Peter Krutsch / Frank Döring
"Scientology auf dem Weihnachtsmarkt" 
Knuffig und kuschelig sehen sie aus, die auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt angebotenen Handpuppen der Marke Kumquats. Die Fäden im Hintergrund ziehe allerdings Scientolgy, so die Sektenexpertin Solveig Prass. Das Herstellerunternehmen, die L. Bodrik KG, werde nach streng scientologischen Grundsätzen geführt. „Die Puppen bezahlen Mutter oder Vater nicht einfach so, sondern es gibt eine Adoption. Auf dem entsprechenden Papier hinterlassen die Eltern wichtige Daten, wie ihre Adresse. Dann bekommen sie irgendwann Post. Und dreimal dürfen Sie raten, vom wem. Von der Sekte“, sagt Prass. Letztlich sei „Scientology auf dem Weihnachtsmarkt über diesen Umweg präsent“. Die Leipzigerin Prass arbeitet bei der hiesigen Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische Abhängigkeiten. Sie rät Eltern, am Stand – er befindet sich etwa in der Mitte des Marktes – keine persönlichen Angaben zu machen. Dort verkauft eine ältere, nette Dame, die ihren Namen aber nicht nennen will, die Handpuppen. Dass ihr Auftraggeber („Ich bekomme 7,50 Euro pro Stunde“) etwas mit einer Sekte zu tun habe, sei ihr völlig neu, erzählt sie. Was Scientology bedeute, sei ihr gar nicht bekannt. Dennoch bekräftigt sie: „Ich will damit nichts zu tun haben.“ Auf 13 verschiedenen Weihnachtsmärkten würden die Puppen verkauft, seit sieben Jahren sei sie damit auf dem Leipziger Markt. „Für mich ist das lebenswichtig, da ich nur 400 Euro Rente bekomme. Meine Kunden möchte ich nicht verlieren. Die Kinder lieben diese Puppen.“ Und was kosten sie? „Zwischen 69 und 159 Euro.“ Prass sagt dazu: „Aufgrund des hohen Preises weiß Scientology auch gleich, dass bei den gesammelten Adressen ordentlich Geld zu holen ist.“ Die Stadt ist offenbar ahnungslos. „Wir haben unter 500 Bewerbern 250 ausgewählt“, erklärt Marktamtsleiter Herbert Unglaub. „Keiner der Standbetreiber muss offenlegen, was er mit seinen Einnahmen macht. Wir wussten nichts von einer solchen Verbindung zu Scientology, müssen jetzt alles gründlich prüfen und Konsequenzen ziehen.“ Prass behauptet dagegen, sie habe die Kommune im Vorfeld dieses Weihnachtsmarkts gewarnt. Weil Scientology Anfang des Jahres den Augustusplatz mieten wollte, habe es im Januar ein Gespräch gegeben. „Ich formulierte damals den Ablehnungsbescheid. Gleichzeitig habe ich auf die Firma Kumquats hingewiesen. Das Marktamt müsste eigentlich davon wissen. Ich verstehe nicht, warum die immer wieder zugelassen werden.“ Vielleicht, weil die Hersteller-Firma viel Energie aufbringt, um die Nähe zu Scientology zu leugnen. Auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite heißt es: „Kumquats und die Firma L. Bodrik KG sind weder rechtlich noch organisatorisch an die Scientology-Kirche gebunden.“ Der gesellschaftliche Aufstieg scheint der Firma geglückt zu sein. Arglos posiert selbst Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler schon mal mit Kumquats-Puppe Willi. Diversen Internet-Publikationen zufolge liegen Verbindungen der beiden Firmenchefs (die am Donnerstag telefonisch nicht zu erreichen waren) zur Sekte auf der Hand: Sie werden von der International Association of Scientologists als großzügige Spender in einer „Honor Roll“ geführt. Laut dieser „Ehren-Liste“ hat einer der Kumquats-Eigner mindestens 20 000 Dollar gespendet, sein Partner gar 100 000 Dollar. Unter dessen Namen ist sogar eine Webseite angemeldet mit dem Bekenntnis: „Ich bin Scientologe.“

FAZ.net, 25.11.2009, Stefan Locke
Scientology Schleichender Niedergang
Der Brief klingt offiziell. „Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Sabine Weber, und ich bin für die Öffentlichkeitsarbeit der Scientology-Kirche in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt zuständig“, lautet der erste Satz eines Schreibens, das die Organisation seit Schuljahrsbeginn an weiterführende Schulen und Universitäten in Berlin schickt. Es gebe Unklarheiten, schreibt Frau Weber, und deshalb wolle man jetzt aufklären. Auf dem beigelegten Antwort-Fax sind die Optionen „Gespräch in der Schule“, „Besuch der Scientology-Kirche in Berlin“ und „Zusendung scientologischer Schriften“ anzukreuzen. Bisher sei noch kein Fax zurückgekommen, sagt Sabine Weber. Scientology ist kein Thema mehr - genau das ist schließlich der Anlass der Imagewerbung. „Wir haben per Rundschreiben alle Schulen über die Kampagne informiert“, sagt Stefan Barthel von der vor zwei Jahren eingerichteten „Leitstelle für Fragen zu Sekten“ des Berliner Senats. „Aber die wussten bereits selbst bestens Bescheid.“
Die gezielte Ansprache von Jugendlichen ist wohl der verzweifelte Versuch der sich selbst als Kirche bezeichnenden Organisation, in Berlin doch noch Fuß zu fassen. Vor knapp drei Jahren eröffnete Scientology seine „Hauptstadt-Zentrale“ in Charlottenburg, ein siebenstöckiges Haus mit Glasfront und Büros auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern. Von hier aus wollte Scientology Lobbyarbeit betreiben, Einfluss auf Politik und Wirtschaft nehmen, Prominente für sich gewinnen und vor allem selbst schnell wachsen. In Berlin nicht Fuß gefasst „Um unsere planetarischen Rettungskampagnen in Anwendung zu bringen, müssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen“, hieß es 2006 in einem internen Strategiepapier. Scientology in Berlin sei verantwortlich, „die nötigen Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament zu bauen, um unsere Lösungen tatsächlich eingearbeitet zu bekommen in die gesamte deutsche Gesellschaft“. Politiker wurden mit persönlichen Anschreiben, Broschüren und DVDs der Organisation überhäuft. Doch bis heute hat sich kein einziger Adressat zu Scientology bekannt. Die Zufahrtsstraße ins Parlament ist noch nicht einmal ein Trampelpfad.
Schon im vergangenen Jahr bescheinigte deshalb der Berliner Verfassungsschutz, der wie fast alle Bundesländer Scientology wegen ihres aggressiven Auftretens sowie ihres totalitären Welt- und Menschenbildes beobachtet, der Organisation Erfolglosigkeit. „Die Berliner Niederlassung ist nicht die Deutschland- oder gar die Europazentrale“, heißt es im Jahresbericht 2008. „Ihre angekündigten Kampagnen, Werbe- und Lobbymaßnahmen blieben bislang erfolglos.“ Scientology stoße auf Ablehnung und habe in und um Berlin lediglich 200 Mitglieder. Sabine Weber spricht von 600, aber auch davon, dass das „noch längst nicht ausreichend“ sei. Stagnierende Mitgliederzahlen In ganz Deutschland gibt es zwischen 5000 und 6000 Mitglieder, schätzt der Bundesverfassungsschutz, doch auch diese Zahl sei seit Jahren unverändert. Scientology selbst hat die Zahl der Sympathisanten von einst 80.000 auf etwa 30.000 korrigiert, wovon circa 12.000 aktive Mitglieder seien, die regelmäßig in die „Kirche“ kämen. Mehr als drei Viertel der deutschen Scientologen leben in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg, von einer Expansion aber ist auch dort nichts zu spüren. „Die Mitgliederzahl stagniert seit Jahren“, konstatiert der bayerische Verfassungsschutz, Baden-Württemberg attestiert der Organisation gar einen „schleichenden Niedergang“: „Die SO kann nur wenige neue Mitglieder dauerhaft an sich binden und ihre Stagnation nicht überwinden.“ Hamburg stellt bei Scientology ein aus „Mitgliederschwund“ resultierendes „reduziertes Kursangebot“ sowie „Überalterung“ fest. Da verwundert es, dass die Organisation bei dieser Lage nicht in die Offensive geht. „Offenbar schlägt hier die Finanzkrise durch“, vermutet Stefan Barthel von der Leitstelle für Sektenfragen. Zudem habe er schon länger den Eindruck, dass die Krisensymptome von Scientology in den Vereinigten Staaten (Austritte von Prominenten, Ausscheiden von Managern) auch auf die europäischen Dependancen wirken. „In Berlin etwa tritt Scientology nicht mehr so auf wie früher“, sagt Barthel. „Sie kommen weniger strategisch, sondern eher konfus daher.“ „Es brummt nicht“
Dass die Expansion in Deutschland stockt, weist nicht einmal Scientology selbst zurück. Mit der Finanzkrise oder den Ereignissen in Amerika und Frankreich habe das allerdings nichts zu tun. „Es geht eben nur sehr langsam voran“, sagt Jürg Stettler, Sprecher der Organisation in Deutschland und Präsident von Scientology in Zürich. „Es war schon immer so, dass nur wenige bei uns bleiben.“ Die Schuld sucht er bei anderen. „Durch die Kampagnen gegen uns sind die Leute extrem zurückhaltend.“ Freilich gebe es Gespräche mit Prominenten, auch Politikern, doch das sei vertraulich. „Wer sich öffentlich bekennt, über den fällt man doch sofort her.“ Auch Sabine Weber gibt zu, dass der Zulauf in Berlin nicht gerade einem „Lauffeuer“ gleiche und man in dem neuen Gebäude noch „viel Platz“ habe. Den nutzten jüngst etwa zwei ranghohe amerikanische Scientologen, die der Berliner Filiale auf die Sprünge helfen sollten. Laut Barthel aber ist der Effekt davon bisher ausgeblieben. „Scientology wirkt stark verunsichert und agiert eher zurückgezogen.“ Kontakte mit der Politik gebe es allenfalls noch sporadisch, und an den immerhin noch zahlreichen „Dianetik“-Infoständen in der Stadt tauchten stets die gleichen Personen auf, die jeden etwaigen Interessenten allerdings auch gnadenlos belagerten.
Nicht einmal die etablierten Kirchen malen beim Thema Scientology noch den Teufel an die Wand. „Es brummt nicht“, stellt Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) fest. Früher sei abends das gesamte Scientology-Gebäude illuminiert gewesen, heute leuchte allenfalls noch das Erdgeschoss. Utsch führt die Entwicklung auf Aufklärung, aber auch die starke Aufmerksamkeit zurück, die der Senat in den letzten Jahren der Organisation gewidmet hat. „Die Politik hat reagiert, aber eben anders, als Scientology sich das vorgestellt hat.“ Wissenschaftler plädiert für Gelassenheit „Scientology ist nirgendwo in Europa sonderlich erfolgreich“, sagt der Göttinger Sozial- und Religionswissenschaftler Gerald Willms. Von ihrer Hochphase in den achtziger Jahren sei die Organisation heute weit entfernt. „90 Prozent der Leute, die mal einen Kurs mitgemacht haben, finden's uninteressant und gehen danach nie wieder hin.“ Auch von den restlichen zehn Prozent entschließe sich kaum jemand, der Organisation beizutreten. „Wer es doch tut, glaubt offenbar fest daran“, sagt Willms. Im Zuge seiner Forschungen sei er ohnehin „immer wieder erstaunt, woran Leute so alles glauben“. Er plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit der Organisation, was ihm wiederum heftige Kritik einbringt. Denn aus der aggressiven Bekämpfung von Scientology ist für manche Buchautoren und Talkshowreisende auch ein Geschäft geworden. „Scientology will gern groß, mächtig und schön erscheinen“, sagt Willms. „Genau so wünschen sich einige Gegner die Organisation auch, um den selbsterzeugten Alarm zu rechtfertigen.“ Aus Versehen werde heute jedoch niemand mehr Scientologe. „Wer das behauptet, ertrinkt auch im Schwimmbad, weil er nicht weiß, dass da Wasser drin ist.“ „Wer unbedingt Scientologe werden will, soll das auch tun, aber er muss eben wissen, worauf er sich einlässt“, sagt Michael Utsch von der EZW. Deshalb dürfe die Aufklärung nicht nachlassen. Die finanzielle und psychische Abhängigkeit, in die Mitglieder geraten können, sowie der enorme Druck auf Aussteiger seien eine ernstzunehmende Gefahr, der man jedoch besonnen begegnen müsse, rät auch Stefan Barthel. „Hysterie schadet nur. Mit einer nüchternen Herangehensweise ist viel mehr zu erreichen.“ So will Berlin künftig in seiner Präventionsarbeit stärker über Merkmale vereinnahmender Gruppen informieren und mit Jugendlichen vor allem über jene Bedürfnisse und Sehnsüchte sprechen, die durch Organisationen wie Scientology ausgenutzt werden. „Das Kümmern, Zuhören und Zeitnehmen wollen wir nicht diesen Gruppen überlassen“, sagt Barthel. Deshalb sollen Gemeinschaft und Geborgenheit auch in Schulen und Jugendeinrichtungen künftig eine große Rolle spielen. Berlins Scientology-Chefin Weber wiederum will ihrerseits aufklären, auch mit neuen Aktionen, auch an Schulen. Ein Ziel sieht sie in Deutschland immerhin schon erreicht: „Die wenigsten Gemeinschaften überstehen so massive Gegenkampagnen wie wir.“

Der Westen, 20.11.2009, Raphaela Spranz  
Harmlose Handpuppen... (alle Jahre wieder)
...werden auf dem Weihnachtsmarkt verkauft. Was viele nicht wissen: Der Kauf kommt Scientology zugute. Komm doch mal etwas näher”, flüstert die Verkäuferin des Weihnachtsstandes einer verschüchterten Dreijährigen zu, den Unterarm in einer zirka 50 Zentimeter großen Handpuppe – auch Kumquats genannt. Sie versteckt sich hinter dem zotteligen Haar und dem frechen Gesicht. Der Mund der Puppe bewegt sich synchron zu ihren Worten – eine Szene des Oberhauseners Weihnachtsmarkt am Centro. Harmlose Handpuppen? „Der Besitzer der Firma ist eindeutig Scientologe”, weiß Sabine Riede, Leiterin der Sekteninfo Essen. Doch viele Käufer ahnen nicht, dass sie mit diesem Weihnachtsgeschenk die Scientology-Kirche unterstützen – zumindest finanziell. Denn es ist durchaus bekannt, dass Mitglieder „einen hohen Anteil ihres Einkommens an Scientology spenden müssen”, so Riede. Unerwünschte Werbung von Scientology Ein Problem, das auch dem Centro-Management bewusst ist. Dennoch läuft der Verkauf aufgrund mangelnder Beweise weiter, denn „die Firma erhält das Geld, was sie damit macht, können wir nicht nachvollziehen”, bedauert Eventmanager Markus Remark. Die Herstellerfirma Bodrik erklärt in einer Stellungnahme im Internet ausdrücklich: „weder rechtlich noch organisatorisch an die Scientology-Kirche gebunden” zu sein. Eine sehr allgemein gehaltene Rechtfertigung. Möglicherweise um den Worten Glaubwürdigkeit zu verleihen, lässt der Weihnachtsmarktstand keinerlei Rückschlüsse auf die Sekte zu. Zudem fänden „keine Werbegespräche statt und es wird kein Infomaterial verteilt”, weiß Riede nach ausführlichen Testversuchen. Wahr sei jedoch, dass aus „Spaß und Spielerei” so genannte Adoptionsurkunden angeboten würden: Die Kunden können darin ihre Adressdaten oder die des beschenkten Kindes angeben – jedoch alles freiwillig. In manchen Fällen hätten Kunden daraufhin Werbematerial der Sekte in ihren Briefkästen gefunden. Auch eine NRZ-Leserin beschwerte sich über derartige ungewünschte Werbeversuche. Die Firma Bodrik antwortet auf diesen Vorwurf mit einer schlichten Gegenfrage: „Was soll irgendeine Kirche oder Weltanschauung mit Adressen von Leuten, die Puppen kaufen, anfangen?” Naja, Mitglieder werben zum Beispiel? Angefangen hat die Geschichte der Kumquats-Puppen bereits 1993 – unter Hervorhebung des pädagogischen Aspekts: Die Puppen sollten als Kommunikationsmedium den Zugang zu Kindern erleichtern und werden inzwischen in zahlreichen Bereichen eingesetzt: bei Zahnarztbesuchen, therapeutischen Sitzungen, polizeilichen Ermittlungen und auch in Kindergärten. Selbst in der Politik haben sie Einzug erhalten: Gesundheitsminister Philipp Rösler zeigt sich auf seiner Homepage mit der Kumquats-Puppe „Willi”. „Einem Kind, das Angst vor dem Arzt hat oder zu Hause mit der Puppe spielt, ist eine Verbindung zu Scientology egal”, merkt Remark an. Daher müssen die Eltern entscheiden, ob sie eine finanzielle Unterstützung in Kauf nehmen oder nicht. Unterstützung und nicht nur anonyme Beschwerden, wünscht sich auch das Centro. Denn Remark betont: „Aufgrund von Gerüchten können wir keine Verträge kündigen”. Würde sich jedoch herausstellen, dass beim Verkauf der Puppen beispielsweise Adressen verlangt werden, hätte man eine „Handhabe”.

SPIEGEL ONLINE, 20.11.2009, Hendrik Ternieden
"Scientology ist eine kriminelle Organisation"
Zwangsabtreibungen, Folter, Freiheitsberaubungen: Ein australischer Senator hat schwere Vorwürfe gegen Scientology erhoben, Premierminister Kevin Rudd erwägt eine Untersuchung. Die umstrittene Organisation weist die Anschuldigungen zurück. Hamburg - In Australien wurden in dieser Woche Vorwürfe laut, die schockieren: Von Zwangsabtreibungen, Folter und Freiheitsentzug bei Scientology war die Rede. Senator Nick Xenophone aus Adelaide legte Dokumente vor, in denen Aussteiger solche Anschuldigungen erhoben hatten, und forderte eine Untersuchung. "Scientology ist keine religiöse, sondern eine kriminelle Organisation, die sich hinter ihren sogenannten religiösen Überzeugungen versteckt", so Xenophone. Scientology wehrte sich in einer offiziellen Mitteilung: "Der Senator wird offensichtlich von früheren Mitgliedern unter Druck gesetzt, die Hassreden schwingen und Fakten verdrehen. Sie sind in etwa so zuverlässig wie geschiedene Eheleute, die über ihren Ex-Partner reden." Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu dem Thema ließen sowohl Scientology Australien als auch Scientology International in Los Angeles unbeantwortet. Dabei drohen den Scientologen große Schwierigkeiten. Australiens Premierminister Kevin Rudd erwägt eine Untersuchung, die Anschuldigungen seien "ernst" und müssten "sorgsam angeschaut" werden. Erst Ende Oktober wurde Scientology in Paris wegen bandenmäßigen Betrugs zu einer Strafe von 600.000 Euro verurteilt. Nicht überrascht Die Hamburger Scientology-Expertin Ursula Caberta verfolgt die Entwicklungen gespannt: "Es ist wunderbar, dass das in Australien auf höchster politischer Ebene angekommen ist", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Caberta gehört zu den profiliertesten Scientology-Gegnern in Deutschland und zeigt sich von den Vorwürfen nicht überrascht. "Zwangsabtreibungen gibt es vor allem in der Sea-Org, der Eliteorganisation innerhalb Scientologys", sagte Caberta. In Deutschland existiere die aber nicht, weshalb von derartigen Fällen in der Bundesrepublik nichts bekannt sei. In den USA berichteten Aussteiger dagegen seit Jahren immer wieder Ähnliches, so Caberta. Nun sind die Horrorgeschichten aus der Scientology-Welt offensichtlich auch im australischen Parlament angekommen. Freiheitsberaubung, Folter und Nötigung Xenophone zitierte vor dem Senat aus einem Brief, in dem Scientology-Aussteiger Aaron Saxton aus Perth ein Geständnis abgelegt hatte: Er selbst sei an Freiheitsberaubung, Folter und der Nötigung schwangerer Frauen beteiligt gewesen. Letztere habe er gedrängt, ihre Kinder abzutreiben. So sollte laut Saxton erreicht werden, dass die Frauen ihre Arbeitskraft auch künftig vollständig in den Dienst Scientologys stellten. In einem anderen Brief berichtete Carmel Underwood, eine frühere Scientology-Direktorin aus Sydney, dass sie als Schwangere extrem bedrängt worden sei, ihr Kind abzutreiben. 16-stündige Arbeitstage seien als Mutter schließlich nicht möglich - das sei der Hintergedanke ihrer Peiniger gewesen. "Alles, was der Expansion von Scientology nützt", so Ursula Caberta, "kann gemacht werden."

kath.net, 18.11.2009
Scientology droht Untersuchungsausschuss in Australien
Es handle sich um «eine kriminelle Organisation, die sich hinter sogenannten religiösen Überzeugen versteckt», sagt ein Senator. Canberra (kath.net/KNA) Australiens Premierminister Kevin Rudd ist grundsätzlich bereit, einen parlamentarischen Ausschuss zur Untersuchung der Aktivitäten der Scientology Church einzuberufen. Wie australische Medien am Mittwoch berichteten, reagierte Rudd auf Äußerungen des parteilosen Senators Nick Xenophon, der Scientology als «kriminelle Organisation» bezeichnet hatte. Der Senator berief sich dabei auf schriftliche Aussagen ehemaliger Scientology-Mitglieder. Diese sprachen unter anderem von erzwungenen Abtreibungen sowie Anwendung von körperlicher Gewalt und Erpressung.
Xenophon forderte die australische Regierung auf, die Steuerbefreiung für Scientology rückgängig zu machen. Es handle sich um «eine kriminelle Organisation, die sich hinter sogenannten religiösen Überzeugen versteckt.» Premierminister Rudd kündigte an, eine endgültige Entscheidung über die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu treffen, sobald die «schweren Anschuldigungen» Xenophons überprüft worden seien.

news, 01.11.2009, Ines Weißbach
Scientology «Nicht nur gehirngewaschene Sektenmitglieder»
Straflager und Morddrohungen oder eine Hilfe bei der Suche nach dem Sinn des Lebens? Die umstrittene Weltanschauungsgemeinschaft Scientology ist ein Fall für Religionswissenschaftler Andreas Grünschloß. Scientology unterwandert den Staat, kippt Gesetzesvorlagen, ist überall. Von solchen Verschwörungstheorien hält Religionswissenschaftler Andreas Grünschloß nichts. Zu bescheiden seien die Mitgliederzahlen in Deutschland, sagt der Religionswissenschaftler, der sich seit vielen Jahren mit der Glaubensgemeinschaft beschäftigt, die für viele schlicht eine Sekte ist. Von 30.000 zwar nicht aktiven, aber bei Bedarf aktivierbaren Scientologen spricht Jürg Stettler, Sprecher von Scientology Deutschland und Präsident des Kirchenvereins in der Schweiz. Nur 10.000 bis 12.000 hält Grünschloß für realistisch. Weltweit gibt es empirischen Erhebungen zufolge gerade 500.000 Mitglieder, nicht die von Scientology erhofften 12 Millionen. Zu wenige für eine scientologische Revolution. Für Jeannette Schweitzer, die den Verein Vitem gegründet hat und Scientologen beim Ausstieg hilft, ist das auf die gute Aufklärungsarbeit zurückzuführen. «Viele fallen auf Scientology nicht mehr herein. Die Leute, die drin sind, sind das schon seit 15 oder 20 Jahren», erzählt Schweitzer aus ihren Erfahrungen. Immer wieder kämen Eltern, Geschwister oder Freunde von Scientology-Anhängern zu ihr, um ihre Lieben aus den Fängen zu retten. Russland verweigert Scientology-Anerkennung zu Unrecht «Scientology hat in Deutschland einen schweren Stand, weil hier ein starker Gefahrendiskurs etabliert ist», erläutert Grünschloß. Für Stettler sind diese Diskussionen durchaus mühsam. «Ich empfinde es als eine Art Kreuzzug, die richtigen Informationen über Scientology herauszugeben oder mitzudiskutieren, weil so viele falsche Informationen verbreitet werden. In der Schweiz ist mir das schon ganz gut gelungen. In Deutschland habe ich noch zu knabbern. Das ist eine Herausforderung.» Die kritische Sicht auf die Organisation könne sich nach Grünschloß´ Meinung nur ändern, wenn sich auch Scientology ändere und nicht mehr an den Lehren L. Ron Hubbards unkritisch festhalte. In Deutschland fehle laut Stettler zwar die öffentliche Anerkennung, rechtlich habe man jedoch schon viel erreicht. Er spricht von ungefähr 50 Urteilen, die seine Glaubensgemeinschaft unter den Schutz der Religionsfreiheit stellen. Erst Anfang Oktober urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass Russland Scientology die Registrierung als religiöse Organisation zu Unrecht verweigert. In Spanien sei Scientology bereits genauso anerkannt wie die katholische Kirche. Auch in Italien gebe es eine religiöse Anerkennung. «In Deutschland, Frankreich und Belgien läuft dieser Kampf noch», sagt Stettler. Besonders Geschichten wie die von Jeannette Schweitzer, die drei Jahre für die Sekte lebte, Geld und Nerven an sie verlor und nach ihrem Ausstieg mit Morddrohungen traktiert und eingeschüchtert wurde, befeuern das negative Bild in Deutschland. Sie erzählt ihre Geschichte und gibt Beispiele anderer Aussteiger. «Jeder, der sich öffentlich gegen Scientology äußert, ist in deren Augen ein Schwerverbrecher. Deshalb haben alle anderen Leute ganz viel Angst. Wenn Mütter und Väter rauskommen, haben sie Angst um ihre Kinder. Oder sie haben viel Geld verloren und schämen sich dafür.» Auch Jürg Stettler kennt diese Aussteigergeschichten, wiegelt jedoch ab. «Das heißt nicht, dass es gar keine Leute gibt, die negative Erfahrungen gemacht haben mögen und dass immer alles perfekt gelaufen ist. Aber die Aussteigerstorys werden von einer verschwindend geringen, immer gleichen Personenzahl erzählt.» Stettler selbst ist seit 33 Jahren aktives Mitglied bei Scientology. «Ich habe mehr Sinn im Leben gesucht. Scientology hat mir zugesagt.» «Nicht jeder Scientologe ist ein ‹gehirngewaschenes›, von der Organisation aufgefressenes ‹Sekten›-Mitglied», räumt Religionswissenschaftler Grünschloß ein. Er spricht von einer «mitunter geradezu volkskirchlichen» Form der Teilnahme vieler Mitglieder, die nur ab und zu einen Kurs oder einen so genannten «sunday service» besuchen. Die Normalkarriere eines Scientologen bestehe darin, einen Kommunikationskurs zu besuchen, eventuell zwei Bücher Hubbards zu kaufen und sich wieder zu verabschieden. «Die Allerwenigsten bleiben wirklich hängen», sagt Grünschloß. Und dann gibt es sie doch, die Aufgefressenen, die im besten Fall zu Aussteigern werden. Ihre Kritikpunkte an Scientology sind laut Grünschloß immer die gleichen. «Je mehr jemand aktiv wird, desto mehr besteht die Gefahr, dass er von Scientology absorbiert wird. Nicht nur Lebens- und Arbeitszeit dort verbringt, sondern auch ökonomisch ausblutet.» Das könne zu einer Spirale werden, die Menschen abhängig von Scientology mache. L. Ron Hubbard, Gründer der Glaubensgemeinschaft, habe bereits in den 1960er Jahren begonnen, Scientology «fast militärisch zu regieren», sagt Grünschloß. Er habe einen internen Überwachungsapparat institutionalisiert, der die Mitglieder rigoros auf ihre Produktivität und Linientreue überprüft. Mehr Mitglieder, mehr Kursabsolventen, mehr Geld, sei die Devise der Glaubensgemeinschaft, die auch Jeannette Schweitzer bestätigt. Sie wurde von Scientology unter Druck gesetzt, weil sie nicht mehr «optimal funktionierte». Grünschloß sieht aber auch religiöse Elemente in der Lehre Hubbards. Das seien unter anderem die Etablierung von Übergangsriten, die Wiedergeburtslehre und die Vorstellung von der Befreiung der «Seele» aus dem Gefängnis der Materie. «Viele von Hubbards Rückführungsberichten wird man aber als gelenkte Fantasien zu verstehen haben und nicht als historisch glaubwürdige Schilderungen.» All dem liege ein «technizistisches Machbarkeitsideal» zugrunde. Diese Vermischung von modernem technologischem Weltbild, therapeutischen Interventionsverfahren und spirituellen Hoffnungen und Sehnsüchten findet Grünschloß interessant. Er würde Scientology daher «am ehesten als eine auf den Vertrieb ihrer therapieartigen Produkte ausgerichtete Organisation mit weltanschaulichem Charakter und ein paar religiösen Elementen» charakterisieren. «Mit einem gewissen Science-Fiction-Einschlag und intergalaktischer Mythologie steht die Organisation übrigens deutlich im Kontext von Ufo-Glaubensbewegungen der Fünfziger Jahre.» Er glaubt, dass es in der modernen Lebenswelt solche Phänomene wie Scientology noch öfter geben werde, denn viele Anbieter auf dem esoterischen und therapeutischen Markt praktizieren heute bereits ganz ähnliche Mischformen. Gallionsfiguren und Vorzeigescientologen Derweil will Jeannette Schweitzer auch 17 Jahre nach ihrem Ausstieg noch vor einer Organisation warnen, die besonders durch Prominente in die Öffentlichkeit rückt. Tom Cruise ist der Vorzeigescientologe. «Die Stars werden angehimmelt und sind Maschinen für die Öffentlichkeitsarbeit», sagt Schweitzer. Obwohl besonders Cruise in der öffentlichen Wahrnehmung wenige Sympathien wecke, verkaufe er dennoch seine Filme und stehe Scientology als Sponsor zur Seite. Jürg Stettler verneint jedoch, dass mit den Prominenten Werbung gemacht werde. «Das sind Mitglieder wie jedes andere auch.» Das öffentliche Interesse an dem kürzlichen Austritt von Regisseur Paul Haggis kann Stettler nicht verstehen. «Sie wussten wahrscheinlich nicht, dass er Scientologe ist. Wenn Tom Cruise ausgestiegen wäre, wäre eine Medienhype vielleicht verständlicher.» Dennoch bescheinigt auch Religionsforscher Grünschloß den besonderen Status von Cruise, Travolta und Co. «Scientology hat früh erkannt, wie wichtig solche Gallionsfiguren sind, mit denen man sich schmücken kann – und sie kommen daher in den Genuss einer entsprechenden Sonderbehandlung.»

Connection 11/2009,  Wolf Schneider
Die Pfui-Sekte 
Wie eine geld- und machtbesessene Gesellschaft mit ihrer Karikatur umgeht Seit vielen Jahren warnen die seriösen Institutionen unserer Gesellschaft vor den Sekten, insbesondere vor einer: Scientology. Nun inseriert die auch noch hier! Hat connection hiermit endgültig ihre Unabhängigkeit verloren? Eine Tirade ihres Herausgebers
Zum ersten Mal Kontakt mit Scientology bekam ich, als eine Freundin von mir, die immer mal wieder Phasen von Depression erlitt, dort Auditing-Kurse nahm. Das Auditing hatte ihr anfangs geholfen, nun wollte sie immer wieder dorthin, bezahlte viel dafür, die Kosten wurden immer höher, und sie verschuldete sich. Nun war die Depression schlimmer als zuvor, und sie hatte einen guten Grund mehr für ihre Deprimiertheit: die Verschuldung. Um sie zu verstehen las ich in dem Dianetik-Buch von Ron Hubbard. Sein Größenwahn und Ehrgeiz stießen mich ab, auch seine Methoden und die Totalität seiner anmaßenden Forderungen. Ich konnte nicht verstehen, wie man sich in eine solche Organisation begeben konnte. Erst viele Jahre später lernte ich Menschen kennen, die ich schätze, obwohl sie Mitglied bei Scientology sind, wie etwa den Maler Carl-W. Röhrig, von dem wir in connection Bilder veröffentlicht haben, darunter auch Titelbilder, und den Verleger Michael Kent, der die beachtliche »Kent-Depesche« heraus gibt (erfreulich radikal in ihrer Gesellschaftskritik, leider weitgehend unkritisch gegenüber Verschwörungstheorien). Dann gibt es noch einige, die bei Scientology gelernt haben und dann ausgestiegen sind, um was Besseres zu gründen, wie etwa Harry Palmer mit der Avatar-Lehre. In den Jahren 1994 bis 2001 veröffentlichten wir eine Reihe von Artikeln über »Religionen und religiöse Bewegungen« – insgesamt 44 gut recherchierte, mehrseitige Artikel, geliefert vom religionswissenschaftlichen Institut REMID in Marburg. Die Texte bestanden überwiegend aus einem einigermaßen neutral berichtenden faktischen Teil, dann kam eine kritische Würdigung. Behandelt wurden das Christentum, der Buddhismus, die Zeugen Jehovas, Falun Gong und viele andere, darunter auch (im Februar 1995) Scientology. Das hatte Folgen. Was, ihr habt was über Scientology geschrieben? connection, ist das nicht die Zeitschrift, die über Scientology was geschrieben hat? Ich erinnere: Die 90er Jahre, das war die Zeit, in der Ursula Caberta ihre Feindschaft gegen Scientology entfaltete und damit bei den großen Massenmedien (Spiegel, ZDF u.a.) Gehör fand sowie auch in der Politik. Als ich damals an einer Volkshochschule Vorträge geben wollte, musste ich unterschreiben, nichts mit Scientology zu tun zu haben. Jeder musste das. Es war wie ein sich bekreuzigen, bevor man als Dozent in diese Stätte öffentlicher Bildung eingelassen wurde. Hexenwahn Tief eingeprägt aus dieser Zeit hat sich mir die anonyme Postwurfsendung in einem kleinen Ort nahe unseres Verlagssitzes Niedertaufkirchen. Dort wohnte ein Frau, die gelegentlich für uns im Connectionhaus Seminare bekocht hatte. Sonst hatte sie kaum etwas mit uns zu tun, wir waren nur locker befreundet. Die Postwurfsendung warnte die Bewohner ihres Ortes davor, ihre Kinder mit denen unserer Gelegenheitsköchin spielen zu lassen. Warum? Weil ihre Mutter bei uns gekocht hatte, in einem Haus, in dem eine Zeitschrift erstellt wurde, die u.a. über Scientology berichtet hatte. Kritisch berichtet – egal: Wir hatten berichtet. Damit war offenbar das ganze Haus infiziert von dem Bösen, und wer dort ein und aus ging (Köchinnen, Briefträger …) gleich mit. Mich gruselt es bei solchen Vorfällen. Sie erinnern mich an den Hexenwahn, der Europa jahrhundertelang terrorisiert hatte, an Pogrome und Verfolgungen von Minderheiten aller Art, seien es nun ethnische, religiöse, politische oder sprachliche Minderheiten, Homosexuelle oder eben die so genannten »Sekten«, die ja meistens sehr friedliche Gruppen oder Grüppchen sind, oft viel friedlicher und friedliebender als die sie diffamierende Gesellschaft. Kirche oder Unternehmen? Unter diesen Gruppen ist Scientolgy auserkoren worden, auch dank des hohen persönlichen Einsatzes von Frau Caberta, als Vorzeige- und Pfui-Sekte zu dienen. Warum gerade Scientology? Ich meine, diesen Prominentenrang unter den Sekten hat Scientology der Tatsache zu verdanken, dass sie auf besondere Weise die sie diffamierende Gesellschaft karikiert. Ist Scientology eine Kirche oder »bloß« ein Wirtschaftsunternehmen? Die USA, Australien, Spanien, Portugal, Schweden und einige andere Länder haben sie als Kirche anerkannt. Als Russland der »Church of Scientology« den Status einer Religionsgemeinschaft versagte, fand der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das rechtswidrig – die Scientologen jubelten. Von mir aus dürfen sie gerne den Status einer Kirche haben. Ich halte von Kirchen eh nicht viel. Auch Kirchen sind Wirtschaftsunternehmen, einige davon so erfolgreich, da können die Scientologen vor Neid erblassen. Ihre Mitgliederzahl wird, um Panik zu schüren, notorisch übertrieben, wozu auch sie selbst in ihrem Größenwahn gerne beitragen. Vermutlich sind es in Deutschland nur etwa 12.000, das ist ein Sechstel von einem Promille der Bevölkerung. Die katholische Kirche als Ganzes, mit ihren in Deutschland etwa 25 Millionen, weltweit ungefähr eine Milliarde Mitgliedern, richtet weit mehr Schaden an als die paar Scientologen. Ethisch würde ich Scientology in etwa so beurteilen wie das vom Papst so geschätzte Opus Dei. Es ist zahlenmäßig ungefähr so groß wie Scientology, aber unvergleichlich viel mächtiger. »Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen« »Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen«, das soll Voltaire gesagt haben (hat er aber nicht, sondern Evelyn Beatrice Hall 1906 in »Die Freunde von Voltaire«. Wörtlich hat Voltaire gesagt: »Du bist anderer Meinung als ich, und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen«. Quelle: Wikipedia). Ich halte Ron Hubbard für durchgeknallt und größenwahnsinnig, die scientologischen Methoden nur in den seltensten Fällen für hilfreich, und der Orga misstraue ich. Soweit meine Beurteilung. Aber ich setze mich dafür ein, dass sie ihre Meinung sagen dürfen! Zum Beispiel auch hier in dieser Zeitschrift, mit einer Anzeige. Wer hat diesen Kommentar finanziert? Anzeige? »Was bekommt ihr denn dafür? Und ich hatte gedacht, connection sei unabhängig …« Wir bekommen für die Dreimalschaltung der unten stehenden Anzeige circa 1.700?€. Wenn ich die Abokündigungen davon abziehe, die mir die Annahme einer Anzeige dieser Pfui-Sekte einbrocken wird, und den Rückzug von Anzeigen »seriöserer« Kunden, bleiben mir vielleicht 1.000?€. Ha, habe ich endlich mal einen Artikel bezahlt bekommen! Einen Artikel, in dem ich über die Kirchen lästern kann und mich belustigen darf über eine Gesellschaft, die ihr eigenes Spiegelbild jagt: In der Gier, Machtbesessenheit und Pseudoreligiosität der Scientology-Kirche spiegelt sich die Gier, Machtbesessenheit und Pseudoreligiosität einer Gesellschaft, in der die Banken um ein Vielfaches größer und besser eingerichtet sind als die Kirchen – eine Gesellschaft, die dem Mammon dient, dem Wahn und dem Schein und die bereit ist, dafür sogar die Natur zu opfern, die uns Jahrmillionen lang so gut ern ährt hat. Beschmuddel ich mit dieser Tirade einen Anzeigenkunden? Ich denke, die Scientologen sind härteren Tobak gewohnt. Mit unseren Juxanzeigen (siehe auch unser Juxanzeigenmuseum) belustigen wir uns seit Jahren über krasse Auswüchse der Eso-Szene. Wer trotzdem bei uns inseriert, hat Humor oder ein dickes Fell. Oder ist wirklich gut. Bei den Scientologen vermute ich, dass sie ein dickes Fell haben. Und sie dürfen sich freuen: Eine ganze Doppelseite Kommentar des Herausgebers der Zeitschrift! Aufmerksamkeit ist die Währung unserer Zeit.

Tagesanzeiger, 31.10.2009, Hugo Stamm
Stettler willkommen beim Sasek-Kongress
Das Klassentreffen der unheimlichen Patrioten
Grosser Empfang für Weltverschwörer und Sektierer in der Olma-Halle: Stargast beim Anti-Zensur-Koalitions-Kongress ist Scientology-Boss Jürg Stettler. Will erklären, «was Scientology wirklich ist»: Sekten-Chef Jürg Stettler.
Zum Kongress der Anti-Zensur-Koalition (AZK) von heute Samstag in St. Gallen hat der 53-jährige «Apostel» Ivo Sasek eingeladen. Der ehemalige Zürcher Automechaniker verbreitet mit seiner grossen, international tätigen Sekte Organische Christusgeneration (OCG) seit vielen Jahren Drohbotschaften. Nach biblischer Doktrin propagiert er beispielsweise die Züchtigung der Kinder mit der Rute. «Du errettest sein Leben», behauptet Sasek, «blutige Striemen schützen vor der Hölle.» Sasek wurmt es seit langem, dass seine Gemeinschaft mit Sitz in Walzenhausen AR in der Öffentlichkeit als Sekte wahrgenommen wird und seine Anliegen in den Medien kaum Gehör finden. Deshalb startete er zusammen mit seiner Frau politische Aktionen und gründete die AZK. Aus dem Sektenumfeld stammt auch die Anti-Genozid-Partei (AGP), die gegen die staatliche Überwachung kämpft. Die AGP hatte Unterschriften für das Referendum gegen die biometrischen Pässe gesammelt. Die Partei ist überzeugt, dass die Bevölkerung bald mit implantierten Chips überwacht wird. Forum für Sektierer Die Anti-Zensur-Koalition hat sich in kurzer Zeit zu einem Forum für Sektierer entwickelt. Sasek organisiert regelmässig Konferenzen, die Hunderte Besucher anlocken. Die Stossrichtung lässt sich aus den Artikeln der «Anti-Zensur-Zeitung» ablesen. Es geht um die «tödlichen Mobilfunkstrahlungen», die «Nebenwirkungen der Homosexualität» («hohe Suizidrate, Depressionen, Ekel vor sich selber»), den Schwindel über die Klimaerwärmung, die neue Weltordnung und die Unfruchtbarkeit durch Gennahrung. In dieses Themenfeld passen auch antisemitische Töne. Die AZK-Zeitung zitiert einen Artikel der «Basler Nachrichten» vom 13. Juni 1946, wonach sich die Zahl der jüdischen Opfer im Zweiten Weltkrieg lediglich zwischen 1 und 1,5 Millionen bewegt habe. Ausserdem äussert das Blatt die Vermutung, dass die Schweinegrippe mithilfe der Gentechnik hergestellt worden sei und nun als militärische Waffe für biologische Kriegsführung diene. Aufschlussreich ist auch die aktuelle Referentenliste. In der Olma-Halle wird Scientology-Chef Jürg Stettler erklären, «was Scientology wirklich ist». Weitere Redner werden den «Impf-Terrorismus» anprangern und gegen die Klimalügen wettern. Warnung vor den Illuminaten Bei einer früheren Konferenz in Chur propagierte Harald Baumann die «Germanische Neue Medizin» des Scharlatans Geerd Hamer, ein anderer Referent beschwor die drohende Eugenik und die neue Weltordnung, und die Impf-Kritikerin Anita Petek Dimmer vom Verein Aegis warnte vor den Impf-Gefahren. In einem weiteren Vortrag wurde die Gefahr der Illuminati, der geheimen Weltregierung, thematisiert. Obwohl der Eintritt in die Olma-Halle gratis ist, zieht die AZK die Konferenz professionell auf. Die Referenten werden auf mehrere Leinwände projiziert und ihre Vorträge in verschiedene Sprachen übersetzt. Ein grosser Kamerakran kann Publikum und Vortragende effektvoll ins Bild rücken. Selbst die Verpflegung in den Pausen ist kostenlos. Moderiert werden die Grossveranstaltungen von Sektengründer Sasek persönlich. Ein grosses Orchester sorgt für einen würdigen Rahmen. Die eigens komponierte AZK-Hymne wird von sechs seiner zehn Kinder gesungen, wobei die Töchter in züchtigen langen Röcken auftreten. Ralph Engel, Abteilungsleiter bei den Olma-Messen St. Gallen, stützt sich auf den Entscheid der Gewerbepolizei ab, die den Kongress bewilligt hat. «Wir halten uns aus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion heraus», erklärt er. Er werde aber genau prüfen, ob die Veranstalter sektiererisch auftreten oder gegen Sitten und Gebräuche verstossen werden. (Tages-Anzeiger)

Tagesanzeiger, 28.10.2009, Matthias Chapman
«Im Untergrund bestünde die Gefahr des Märtyrertums»
Das Pariser Urteil gegen Scientology bringt die Sekte in Bedrängnis. Sekten-Experte Hugo Stamm erklärt die Folgen, und warum die Schweizer Behörden nicht handeln.
Herr Stamm, falls die letzte Instanz das jetzt gesprochene Urteil bestätigt, ist Scientology in Frankreich dann am Ende? Scientology wird vermutlich Mitglieder verlieren und geschwächt werden, aber nicht am Ende sein. Die hohen Bussen werden den Aktionsradius einschränken, voraussichtlich würde aber die Mutterorganisation in den USA Geld einschiessen, um den französischen Ableger vor dem Konkurs zu retten. Wieso kam es gerade in Frankreich zum gross angelegten Prozess gegen Scientology? In Frankreich war die Toleranz gegenüber Sekten immer schon kleiner als in anderen europäischen Staaten. Seit dem Sektendrama um die Sonnentempler zwischen 1994 und 1997 gehen Justiz und Politik die Sektenproblematik noch seriöser an. Beispielsweise wurden Gesetze angepasst. Die Anklage hat das Urteil als «historisch» bezeichnet. Warum? In der jüngeren Zeit gab es keine vergleichbaren Urteile. Obwohl das Gericht unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft geblieben ist, sind die Strafen hoch ausgefallen. Ausserdem wurden erstmals Unterorganisationen wie das Celebrity Center, das sich um Promis kümmert, belangt. Bisher sind vor allem die Sektenbosse gerichtlich verfolgt worden, nicht aber Scientology als Organisation oder ihre Tarngruppen. Wird es in anderen Ländern Europas zu Prozessen gegen Scientology kommen? Das Urteil wird kaum auf andere Staaten ausstrahlen. Das Verfahren hat neun Jahre gedauert, ein Ende ist noch nicht in Sicht. So viel Durchhaltewillen kann man von anderen Ländern kaum erwarten, zumal Scientology in vielen Staaten juristisch als Glaubensgemeinschaft eingestuft wird. Wie sieht es in der Schweiz oder etwa in Deutschland aus? In der Schweiz fehlt den Behörden der Biss, sich mit der Sekte anzulegen. Diese müssten meines Erachtens wie in Frankreich untersuchen, unter welchen Bedingungen die Mitarbeiter arbeiten müssen und wie die Mitglieder indoktriniert und abgezockt werden. In Deutschland beobachtet zumindest der Staatsschutz Scientology, die Sekte ist aber kaum eine Gefahr für den Staat, dazu ist sie zu klein und die Exponenten sind zu wenig raffiniert. Das Pariser Gericht begründete sein Nein zum Verbot mit der Angst, Scientology würde aus dem Untergrund arbeiten. Wäre die Organisation so gefährlicher? Verschwinden würde Scientology nicht. Im Untergrund bestünde die Gefahr des Märtyrertums und der Radikalisierung. Ausserdem würde der Druck auf die Anhänger noch grösser. Gewonnen wäre also nichts.

Berliner Zeitung, 28.10.2009, Frank Nordhausen 
Scientology als kriminelle Bande verurteilt 
Pariser Gericht erkennt auf organisierten Betrug PARIS/BERLIN. Der große Gerichtssaal im historischen Palais de Justice in Paris war bis auf den letzten Platz besetzt, als das Urteil gegen die französische Scientology-Organisation erging. Die Richter verurteilten die umstrittene Sekte gestern wegen bandenmäßigen Betrugs zu hohen Geldstrafen. Ihre zwei wichtigsten Einrichtungen in Paris müssen 600 000 Euro Strafe zahlen, dürfen allerdings weiterarbeiten. Der Pariser Scientology-Chef Alain Rosenberg wurde zu zwei Jahren auf Bewährung und 30 000 Euro Strafe verurteilt. Drei weitere führende Mitarbeiter erhielten Bewährungs- und Geldbußen. Das Urteil sei "moderne Inquisition", sagte eine Sektensprecher-in; ihre Anwälte kündigten Berufung dagegen an. Mysteriöse Gesetzesänderung Die wichtigste Forderung der Staatsanwaltschaft, ein Verbot der Organisation in Frankreich, ist wegen einer umstrittenen Gesetzesänderung jedoch nicht mehr möglich gewesen. Ein Gesetz, sektenartige Organisationen aufzulösen, wenn ihnen Betrug nachgewiesen werden kann, war 1994 nach dem Massenselbstmord der Sonnentempler in Frankreich eingeführt worden. Kurz vor dem Auftakt des Scientology-Prozesses im Mai 2009 wurde es aber im Rahmen eines Gesetzespakets zur Rechtsvereinfachung von einer parlamentarischen Kommission wieder aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Seit die Änderung im September bekannt wurde, rätselt die Öffentlichkeit in Frankreich, wie es zur "Lex Scientology" kam und wer dafür verantwortlich ist. Selbst die Präsident Sarkozy unterstellte Interministerielle Mission gegen Sekten (Miviludes) wurde laut ihrem Sprecher Henri-Pierre Debord davon völlig überrascht. Laut Sprechern der Regierungsparteien wurde das fragliche Gesetz "aus Versehen" geändert. Scientology-Kritiker unterstellen der Organisation aber, die Nationalversammlung mit Lobbyisten unterwandert zu haben. Zwar hat die Justizministerin angekündigt, das Originalgesetz wieder einzuführen, nur kann es dann nicht mehr auf Vorgänge vor 2009 angewendet werden. In Gang kam der Prozess durch die Beschwerde einer Frau, die nach eigenen Angaben 21 000 Euro für Bücher, Seminare und Medikamente an Scientology gezahlt hatte, dafür aber nicht wie versprochen "geistig frei", sondern psychisch schwer geschädigt wurde. Andere Kläger schlossen sich an. Laut dem Urteil warb die Organisation neue Mitglieder tatsächlich mit strafbaren Methoden an und nahm ihnen hohe Geldsummen ab. Die Staatsanwaltschaft hatte neben der Auflösung von Scientology Geldstrafen von vier Millionen Euro gefordert. Der Anwalt der Privatkläger, Olivier Morice, hatte die Gesetzesänderung publik gemacht. Er bezeichnete die Verurteilung wegen "organisiertem gemeinschaftlichen Betrugs" gestern als historisch. Das Pariser Strafgericht habe dem Urteil "eine nationale und internationale Dimension" verliehen, um eventuelle Opfer vor den Methoden von Scientology zu warnen. Auch die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta begrüßte das Urteil. "Wenn vernünftig ermittelt wird, dann kriegt man Scientology auch verurteilt", sagte sie.

Tagesanzeiger, 28.10.2009, Hugo Stamm
Warum das Scientology-Urteil als «historisch» bezeichnet wird
Nachdem in Paris Scientologen zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden, jubelt die Anklage. Die Verurteilten kochen und die Richter erklären, warum sie von einem Verbot absahen.
Im neun Jahre dauernden Gerichtsverfahren gegen die Sekte und führende Scientology-Mitglieder verhängten die Richter in Paris gestern Dienstag hohe Strafen. Das Celebrity Center, das sich um Promis wie Tom Cruise und John Travolta kümmert, muss mehr als 600'000 Franken Busse zahlen, die Pariser Sektenbuchhandlung über 300'000 Franken. Anwalt Olivier Morice, Vertreter der Privatkläger, hat die Verurteilung von Scientology wegen bandenmässigen Betrugs als «historische Entscheidung» bezeichnet. Der Hauptangeklagte und oberste Scientologe in Frankreich, Alain Rosenberg, wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Busse von 45'000 Franken verurteilt, drei weitere Angeklagte erhielten bedingte Gefängnisstrafen von 10 bis 18 Monaten. Ihnen werden betrügerische Machenschaften vorgeworfen. Anklage wollte Auflösung Die Richter in Paris kamen zum Schluss, Scientology habe mit unlauteren Methoden neue Mitglieder angeworben und diese finanziell ausgenommen. Das Gericht warf der Sekte vor, ihren Mitgliedern unter Ausnutzung ihrer Schwächen bis zu 100'000 Franken abgeknöpft zu haben. Die Richter beurteilten diese Methoden, die auch in der Schweiz und andern Staaten angewendet werden, als rechtswidrig. Das Urteil weist auch ein Novum auf: Zum ersten Mal sind Unterorganisationen von Scientology als juristische Personen gerichtlich belangt worden. Das Gericht blieb bei seinen Urteilen allerdings deutlich unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Diese hatte Bussen von insgesamt mehreren Millionen Franken und mehrjährige Haftstrafen für die verantwortlichen Scientologen gefordert. Ausserdem hatte der Ankläger für die Auflösung der Sekte plädiert. Die Angst vor der Untergrundorganisation Dazu kam es aber nicht, weil kurz zuvor unter mysteriösen Umständen ein Gesetz gestrichen worden war, das diese Massnahme erlaubt hätte. Sektenkritiker vermuteten, dass eine Intrige von Scientology zur überraschenden Aktion des Justizministeriums geführt habe. Als die Gesetzesänderung publik wurde, entbrannte in Frankreich ein Sturm der Entrüstung. Politiker und Parlamentarier erklärten sofort, die Gesetzeslücke so rasch als möglich wieder schliessen zu wollen. Das Pariser Gericht äusserte in seinem Urteil aber Zweifel, ob ein radikales Verbot eine sinnvolle Massnahme wäre. Es bestünde nämlich die Gefahr, dass Scientology aus dem Untergrund weiter agieren würde. Die Richter forderten deshalb eine bessere Beaufsichtigung von Scientology. Ein Rezept, wie die abgeschottete Sekte kontrolliert werden könne, hatten die Richter aber nicht. Berufung angekündigt Scientology bewertete das Verfahren als Ketzerprozess und Inquisition. Die Sekte akzeptiert das Urteil nicht und will Berufung einlegen.

rtbf.be, 27,10,2009, (Übersetzung F.G.)
Scientology – zwei Verfahren in Belgien anhängig 
Während die Scientology-Kirche sich am Dienstag durch die französische Justiz wegen organisierten bandenmäßigen Betrugs verurteilt sah, ist sie in Belgien Gegenstand zweier juristischer Verfahren. Eine Untersuchung der Scientology-Kirche begann 1997 in Belgien als Folge der Klage ehemaliger Mitglieder wegen Betrugs, Erpressung, gesetzeswidriger Ausübung der Heilkunst, Verstößen gegen wirtschaftliche Praktiken und kriminelle Organisation. Zwei Jahre später wurden an verschiedenen Sitzen der Bewegung Hausdurchsuchungen durchgeführt. 2007 forderte die Bundesstaatsanwaltschaft den Verweis (?) von zwölf natürlichen und zwei juristischen Personen, der Scientology-Kirche von Belgien und des europäischen Büros der internationalen Scientology-Kirche. Alle betreffenden Personen leugneten die Taten. Im vergangenen Mai hat die Verteidigung mehrerer Angeklagter vor der Ratskammer zusätzliche Auflagen verlangt. Diese Forderung, der teilweise stattgegeben wurde, wird bei der Berufungsverhandlung im November durch die Anklagekammer überprüft. Außerdem hat im vergangenen April die Bundespolizei am belgischen Sitz der Scientology-Kirche in Uccle im Rahmen eines Verfahrens wegen Urkundenfälschung und Betrug eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Die Untersuchung begann auf Grund von Informationen des regionalen Brüsseler Büros für Beschäftigung bezüglich der von der Scientology-Kirche erstellten Beschäftigungsverträge. Nur die Gemeinnützigkeit der Scientology-Kirche wird in diesem Stadium beschuldigt. Keine juristische Definition von Sekten Im Gegensatz zu Frankreich, wo die Sekten als Organisationen verurteilt werden können, die Personen in Situationen der Schwäche mental oder physisch missbrauchen, kennt die belgische Gesetzgebung keine juristische Definition von Sekten. Es gibt kein Verzeichnis von Sekten. Zufolge CIAOSN (dem Zentrum für Information und Beratung bezüglich schädlicher sektiererischer Organisationen) stellt die Scientology-Kirche in Belgien mit etwa 250 Mitgliedern eine marginale Bewegung dar. Die Scientology-Kirche von Belgien behauptet ihrerseits, 2000 Mitglieder zu haben. Die Scientology-Kirche von Belgien hat im vergangenen Mai ihren Sitz von Uccle nach Malines verlegt, wo etwa fünfzehn Personen tätig sind. Sie verfügt über ein Dianetikzentrum in Westhoek in Flandern. Die Bewegung dürfte demnächst in der Waterloo-Straße in Brüssel ein europäisches Zentrum eröffnen, das für den Verkauf von Waren (Büchern …) und Dienstleistungen bestimmt ist. Dieses Zentrum wird in sechs Stockwerken auf 2200 Quadratmetern eingerichtet. Die internationale Scientology-Kirche verfügt außerdem noch über ein europäisches Büro in der Gesetzes-Straße. Eine Bücherei der Scientology-Kirche, die sich früher in der kleinen Butterstraße in Brüssel befand, wurde im vergangenen Frühjahr geschlossen. Für die CIAOSN bedeuten Vorgänge wie die Schließung dieser Bücherei und die Übersiedlung des belgischen Sitzes in eine ‚auf internationaler Ebene weniger strahlende Zone’ einen Abstieg der Bewegung. Die Scientology-Kirche trat in Belgien Mitte der Siebzigerjahre in Erscheinung und erlebte gemäß CIAOSN ihren Höhepunkt Ende der Achtzigerjahre. Die Scientology-Kirche von Belgien versichert ihrerseits, dass die Anzahl ihrer Mitglieder zunimmt.

Stern, 27.10.2009
Scientology: Gericht verurteilt Scientology zu Millionen-Strafe 
Die französische Scientology-Bewegung ist wegen Betruges zu Geldstrafen von insgesamt 600.000 Euro verurteilt worden. Der Forderung der Staatsanwaltschaft nach einer Auflösung folgten die Richter nach einer umstrittenen Gesetzesänderung nicht.
Die französische Scientology-Bewegung ist wegen Betruges zu Geldstrafen von insgesamt 600.000 Euro verurteilt worden. Der Forderung der Staatsanwaltschaft nach einer Auflösung folgten die Richter nach einer umstrittenen Gesetzesänderung nicht. Zwei ehemalige Anhänger der Organisation hatten geklagt, weil sie dazu gedrängt worden seien, viel Geld für Persönlichkeitstests, Vitaminkuren, Saunagänge und "Reinigungspackungen" zu zahlen. Das Gericht verurteilte vier Führungsmitglieder der Organisation daraufhin zu Geldbußen sowie Bewährungsstrafen zwischen zehn Monaten und zwei Jahren. Scientology wies den Betrugsvorwurf zurück und kündigte Rechtsmittel an. Nach einer inzwischen zurückgenommenen Gesetzesänderung kurz vor dem Beginn des Prozesses im Mai war ein Verbot der Organisation ausgeschlossen. Scientology gilt in Frankreich offiziell als Sekte und wurde bereits 1997 und 1999 wegen Betruges angeklagt. In Deutschland steht die Bewegung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Welt Online, 27.10.2009, Dietrich Alexander
Nachsicht mit Scientology
Scientology wurde in Frankreich wegen Betrugs verurteilt. Die Strafe wird die Organisation aus der Portokasse bezahlen. Für eine härtere Strafe fehlte es an politischen Willen.
Die französische Scientology-Sprecherin griff tief ins Archiv ihrer Kampfrhetorik: „Moderne Inquisition“ sei das Urteil des Pariser Strafgerichtshofs. Die Richter hatten die Sekte mit dem Anspruch eine Kirche zu sein zur Zahlung von 600.000 Euro und Bewährungsstrafen für vier Führungsmitglieder wegen organisierten Betrugs verurteilt. Scientology will in Berufung gehen, dabei hätte es viel schlimmer kommen können für die Organisation, die hierzulande unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht. Der Staatsanwalt in Paris hatte die Auflösung sowie Geldstrafen in Höhe von vier Millionen Euro verlangt. Dass es dazu nach neun Jahre währenden Ermittlungen nicht gekommen ist hat zwei Gründe, einen gesetzgeberischen und einen gesellschaftspolitischen. Mangel an politischem Willen Der gesetzgeberische: Im Zuge eines Reformpaketes zur Rechtsvereinfachung wurde ein Strafrechtspassus „aus Versehen“ gestrichen, der ein Verbot ermöglicht hätte. Der gesellschaftspolitische: Das Gericht hätte sich natürlich zur Urteilsverkündung auf einen Zeitpunkt vertagen können, da der fehlende Zusatz wieder eingepflegt worden wäre. Doch dazu fehlte offenbar der Wille. Ein Verbot, so erklärte das Gericht, hätte die Sekte in den Untergrund gedrängt und damit unkontrollierbar gemacht. Obschon Scientology krimineller Machenschaften überführt wurde, zieht die französische Justiz nicht die daraus resultierende Konsequenz. Scientology kann die Geldstrafen aus der Portokasse begleichen und weiter Quasi-Enteignungen vornehmen. Kein Ruhmesblatt für Justitia. Herzlichen Glückwunsch Scientology!

NZZ-Online, 27.10.2009, Manfred Rist
Urteil gegen Scientology in Frankreich - Hohe Geldstrafe wegen organisiertem Betrug
In einem mit Spannung erwarteten Urteil hat das Pariser Strafgericht die Scientology-Kirche am Dienstag des «bandenmässig organisierten Betrugs» für schuldig gesprochen und zu einer insgesamt 600'000 Euro hohen Geldstrafe verurteilt. Gegen vier führende Exponenten der Sekte haben die Richter zudem bedingte Freiheitsstrafen zwischen eineinhalb und zwei Jahren sowie individuelle Geldbussen ausgesprochen.
Das Urteil entzieht Scientology zwar nicht Geschäftsgrundlage; eine Auflösung der Organisation stand nach einer kürzlich verabschiedeten Gesetzesrevision ohnehin nicht mehr zur Debatte. Doch der Schuldspruch stellt die dubiosen Praktiken der Organisation und den manipulativen Umgang mit ihren Mitglieder bloss. Die Richter verlangen in diesem Zusammenhang, dass das Verdikt in französischen Zeitungen publiziert wird.
Das Urteil, das gemäss einem Rechtsvertreter der Organisation angefochten werden soll, geht auf zwei Klagen von ehemaligen Mitgliedern zurück. Sie warfen Scientology die Ausnutzung ihrer damaligen seelischen Notlage vor. Aufgrund ihrer Lebenskrise, die eine hohe Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit zur Folge hatte, waren sie zu hohen Ausgaben für Kurse, Bücher und Medikamente genötigt worden. Ursprünglich waren sechs Kläger gegen die Sekte aufgetreten. Vier von ihnen zogen später ihre Klage zurück, vermutlich im Rahmen einer aussergerichtlichen Einigung. Scientology zählt nach Schätzungen aus Gerichtskreisen in Frankreich etwa 3000 Anhänger.

SF Tagesschau, 27.10.2009
Scientology in Frankreich wegen Betruges verurteilt 
Die Sekte «Scientology» ist in Frankreich von einem Gericht wegen Betruges zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt worden - und dennoch mit einem blauen Auge davongekommen. Ein französisches Gericht hat die Scientology-Kirche wegen Betruges zu hohen Geldstrafen von verurteilt. Zwei Scientology-Einrichtungen, das «Celebrity Centre» und die Buchhandlung SEL, müssen 400'000 beziehungsweise 200'000 Euro Strafe zahlen. Der Forderung der Staatsanwaltschaft nach einer Auflösung der Bewegung folgten die Richter nicht. Der Gründer und Leiter des französischen Ablegers, Alain Rosenberg, wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und muss 30'000 Euro Strafe zahlen. Das Gericht blieb mit seinem Urteil deutlich hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Scientology gilt in Frankreich offiziell als Sekte und wurde bereits 1997 und 1999 wegen Betruges angeklagt. In Deutschland steht die Bewegung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Filmreporter, 26.10.2009, Carlos Corbelle
Gegen Schwulendiskriminierung 
Paul Haggis verlässt Scientology 
35 Jahre lang war Paul Haggis Mitglied von Scientology. Nun verlässt der Regisseur die Kirche. Im Internet publiziert er einen wütenden Brief mit den Gründen. Darin bringt Haggis seine Empörung über die Diskriminierung von Homosexuellen zum Ausdruck. 26. Okt 2009: Wie das Entertainmentmagazin Movieline am 25. Oktober 2009 berichtet, hatte die Niederlassung in San Diego einen Volksentscheid gegen Schwule unterstützt. Haggis forderte Scientology mehrmals auf, die Aktion öffentlich zu verurteilen. In seinem Brief macht der Filmemacher den derzeitigen Scientology-Sprecher Tommy Davis dafür verantwortlich, nichts gegen die Anti-Schwulenkampagne unternommen zu haben. 

Basler Zeitung, 17.10.2009, Hugo Stamm
Katie Holmes widersetzt sich Tom Cruise
Die Schauspielerin schickt Tochter Suri nicht in die Scientology-Schule. Stattdessen soll das Mädchen im Geist des Papstes erzogen werden.
Wer kennt ihn nicht, den heimlichen Wunsch, prominent zu sein? Ein paar öffentliche Streicheleinheiten befriedigen narzisstische Neigungen schliesslich aufs Beste. Deshalb wurden auch die Castingshows erfunden. Die einfachste Art, ins Rampenlicht zu treten – oder getreten zu werden –, ist mit dem Umstand verbunden, Kind prominenter Eltern zu sein. Suri ist als Tochter der Schauspieler Tom Cruise und Katie Holmes ein typisches Beispiel. 
Ihr Vater ist zugleich der prominenteste Scientologe überhaupt. So viel VIP auf einmal kumuliert sich auch in der Glitzerwelt von Hollywood nicht täglich.
Die «stille Geburt» Schon bei der Geburt manifestierte sich dieser doppelte Promistatus. Die Medien rätselten wochenlang über die als «stille Geburt» angekündigte Niederkunft. Scientologen glauben nämlich, dass störende Geräusche bei einem traumatischen Akt wie der Geburt negative Prägungen verursachen. Damals, am 18. April 2006, war die Welt von Cruise noch heil. Seine überbordende Freude hatte der 47-jährige schon vorher öffentlich in der Fernsehtalkshow von Oprah Winfrey zelebriert. Der Schauspieler hüpfte auf dem Sofa herum und schrie: «Ich bin verliebt, ich bin verliebt.» In der Folge wurde die Formulierung «jumping the couch» in den USA zum Synonym für einen Selbstdarsteller, der öffentlich seinen Ruf ruiniert – und zum treffendsten Slang-Ausdruck gewählt. Suri weiss noch nichts von ihrem öffentlichen Status. Das Mädchen freut sich wie die meisten Kinder, bald zur Schule gehen zu dürfen. Für Scientologen ist die Einschulung allerdings meist der Beginn der Sektenkarriere. Das Sofaglück von Papa Tom wäre damit vollkommen. 
Hat Tom Katie «nicht richtig gehandhabt»?
Doch es kam anders. Katie Holmes macht Tom Cruise Stress. Ihre Skepsis gegenüber Scientology hat sich offensichtlich zu einer handfesten Allergie entwickelt. Amerikanische Medien behaupten sogar, Katie weigere sich inzwischen, mit Tom das Bett zu teilen. Die Folgen bekommt Suri zu spüren. Sie soll in der Schule nicht unter den Lernmethoden von Scientology büffeln, sondern im Geist des Papstes erzogen werden. Ihre Mamma hat sie beim Yawkey Center in Boston angemeldet. Für Cruise ein GAU: Nach der Schmach am Familientisch kommt der Showdown im Scientology-Zentrum. Denn nach scientologischer Ethik hat Vorzeigemitglied Cruise seine Frau «nicht richtig gehandhabt». Das ist die kapitale Sünde eines Stümpers, der die Hubbard-Doktrin weder begriffen hat noch sie umzusetzen weiss. Für Cruise folgt – falls die Scientology-Regeln auch bei ihm angewandt werden – das übliche Programm zur Wiedergutmachung. Es beginnt mit einem Sicherheitscheck, bei dem das Hubbard-Elektrometer im Mittelpunkt steht. Dieses Gerät, benannt nach dem Sektengründer Ron Hubbard, soll die seelische Ladung des Schauspielers messen. In Wirklichkeit aber dient die Maschine, die ähnlich wie ein Lügendetektor funktioniert, dem Verhör. 
Zur «Umerziehung» einrücken
Gelingt es Cruise nicht, seine Frau auf den Pfad der Sektentugend zurückzuführen, drohen immer härtere Sanktionen. Es beginnt mit dem Reinigen von WCs und kann im sekteneigenen Straflager RPF enden.
Was ihn dort erwartet, könnte Cruise vom Schweizer Scientology-Chef Jürg Stettler erfahren. Der musste vor ein paar Jahren nämlich, weil er einen Prozess verloren hatte, zur «Umerziehung» einrücken. Aussteiger erzählen, dass die Insassen dort schuften und die Hubbard-Weisheiten bis zum Umfallen studieren – teilweise unter Sprechverbot. Suri dürften die drohenden Strafmassnahmen gegen ihren Vater wenig kümmern. Sie wird einen Teil des Promi-Ballastes abwerfen und sich über neue «Gspänli» freuen können, die keine Ahnung haben, wer Cruise und Hubbard sind.

Der Standard, 06.10.2009
Wie man Scientology ärgern kann
Vom Internet in die Realität: Anonymous-AktivistInnen demonstrierten in London vor einem Scientology-Gebäude. Seit bald zwei Jahren sorgen die Aktivisten von "Anonymous" mit ihren Aktionen für Wutanfälle bei Scientology Am 18. Jänner 2008 begann eine der größten virtuellen Schlachten in der Geschichte des Internet. Doch damals ging es weder um Wirtschaftsspionage noch um zwischenstaatliche Konflikte, sondern um die Zensur im Internet und den Umgang mit Kritik. An diesen Tag startete die 4chan-Hackergruppe "Anonymous" mit einer großen Denial-of-Service-Attacke gegen "Scientology". Mit den Mitteln der Trolle Laut einem Bericht des US-Magazins "Wired" liegt der große Erfolg von Anonymous in der Wahl der eingesetzten Mittel. Die AktivistInnen haben das "Trolling" kultiviert und für ihre Ideen nutzbar gemacht. Dadurch wurde eine neue Art des politischen Aktivismus gestartet, meint Wired. Ein Video als Auslöser Der Auslöser für die Kontroverse war ein Video in dem der US-Schauspieler und Scientologe Tom Cruise seine Kirche bewirbt. Das Video gelangte auf YouTube und wurde rasch zum Hit. Doch dürfte man bei Scientology die Auswirkungen der Kritik nicht bedacht haben und entschied sich das Video wieder entfernen zu lassen. Als Antwort auf dieses Vorgehen startete "Anonymous" am 21. Jänner mit seinem Antwortvideo "A Message to Scientology" und entsprechenden Attacken auf die Webportale des Widersachers. Don't feed the Trolls Das US-Magazin Wired widmet sich ausführlich dem Konflikt zwischen Anonymous und Scientology und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Warum hat es Scientology nicht geschafft die KritikerInnen verstummen zu lassen? Wieso konnte Anonymous überhaupt eine derart große Aufmerksamkeit erregen? Die Antwort: Scientology hat einen großen Fehler begangen - sie haben eine Grundregel nicht beachtet, und diese lautet: Don't feed the Trolls". Eine weltweite Bewegung "Anonymous" erwuchs aus einer spontanen Idee, ohne einen fixen Plan und eine festgelegte Führungsebene. Wer wollte, konnte partizipieren und den Gedanken vorantreiben. Wie ein großer Bienenschwarm gab die Gruppe die Richtung vor und alle konnten folgen, neue Ideen einbringen und sich spontane Aktionen einfallen lassen. Einzige Regel war lediglich, dass sich die Mitglieder auch untereinander nicht mit echtem Namen kannten. Alle Aktionen wurden nicht von einer bestimmten Person durchgeführt, sondern stets von der anonymen Gruppe als Gesamtheit. Innerhalb kürzester Zeit wurde "Anonymous" zu einem weltweiten Phänomen. Auch und vor allem, weil Scientology den Aktivitäten sehr viel Bedeutung zumaß und so für eine enorme Aufmerksamkeit sorgte. "Hello, leaders of Scientology. We are Anonymous" Mit diesen Worten, gesprochen von einer metallenen Computerstimme, begann die erste Botschaft von Anonymous an Scientology. Die Nachricht endete mit den Worten: "We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us." "Project Chanology" Die Kampagne gegen Scientology, unter den TeilnehmerInnen besser bekannt als "Project Chanology", wurde in den nächsten Monaten weitergeführt und um zahlreiche neue Aktionen erweitert. Immer neue Ideen, die über die unterschiedlichsten Kanäle im Internet verbreitet wurden, zeigten Wirkung. Das "Project Chanology" markierte einen neuen Höhepunkt im Bereich der Online-Demonstrationen und kann im Nachhinein als die wohl erste große Aktion einer Gruppe sozialer AktivistInnen bezeichnet werden, die nachfolgenden Ideen einen deutlichen Stempel aufdrückten. Ein wesentliches Element der Kampagne war das Ausnützen einer der wohl zweifelhaftesten Ausprägungen die das Internet geschaffen hat - nämlich des "Trolling". Umgeben von Trollen Trolling ist - zumindest für den Troll - ein Akt zur Unterhaltung. Für Anonymous war es lange Zeit eine Art zu Leben. Trolling bedeutet unverdächtige Web-Communities mit Botschaften zu verstopfen, die wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun haben, dafür aber einzig und alleine darauf abzielen Unruhe zu stiften, Diskussionen anzuheizen oder zu beleidigen. Aufmerksamkeit ist das große Ziel der Trolle. Dank der Aufregung innerhalb der Scientology-Community konnten sich die AktivistInnen nicht über das Fehlen von Aufmerksamkeit beschweren. "Operation Slickpubes" Bald schon folgten den virtuellen Attacken die ersten Aktionen in der Realität. Demonstrationen vor Scientology-Kirchen in den USA und Europa - die AktivistInnen dabei mit Guy Fawkes-Masken bekleidet - bildeten medienwirksame Höhepunkte abseits der Internet-Aktionen. "Operation Slickpubes: Anonymous vs. Scientology" zeigte auch wie sehr Einzelaktionen oder besser gesagt deren Publikmachung im Internet weiter für Ärger bei Scientology sorgten. Der Kampf gegen die TerroristInnen Scientology startete sehr bald mit eigenen Aktionen gegen Anonymous. Von Anfang an versuchte man die Öffentlichkeit dazu zu überzeugen, dass es sich um mehr oder weniger verrückte Menschen handelte. Als diese Argumentationskette nicht zur vollen Zufriedenheit von Scientology griff, wurden "Anonymous"-AktivistInnen zu TerroristInnen erklärt. "Das ist eine terroristische Organisation", wird Scientology-Sprecher Tommy Davis von Wired zitiert. "Ihre Absicht ist es Angst und Hass zu schüren. Dafür gibt es keine andere Erklärung." Der Ordner mit "Anonymous"-Attacken gegen Scientology Kirchen aber auch MitarbeiterInnen wuchs stetig an, so Davis, der aber nun der Meindung ist, dass "Anonymous bald nicht mehr existieren wird." Man habe vor Gericht erste Erfolge feiern können und werde weiter hart gegen die Aktionen vorgehen. Ein Erfolg Die Faszination, die Anonymous auf viele Menschen auszuüben scheint, liegt nicht in der Tatsache welche Seite hier Recht oder Unrecht hat, sondern in einer neuen Art von sozialem Engagement. Selbst wenn das Ziel von "Project Chanology" - nämlich Scientology in die Schranken zu weisen - scheitern sollte, so haben die Aktionen doch zu einem wesentlichen Wandel im politischen Aktivismus geführt. Zahlreiche andere Projekte - etwa Operation Didgeridie oder Project Controll, die gegen die australischen beziehungsweise chinesischen Zensurversuche im Internet vorgehen - nutzen jene Kanäle, die Anonymous erstmals verwendet hat. Im Juni wurde das "Why we Protest"-Netzwerk von Anonymous zu einem wesentlichen Forum zur Unterstützung der iranischen Opposition. Das perfekte Duo Ob sich die Erfolge von Anonymous vs. Scientology auch bei einem anderen Widerpart wiederholen lassen, bleibt allerdings fraglich. Immerhin haben sich hier zwei absolute Extreme gefunden, die mit der anderen Seite so gut wie keine Gemeinsamkeit haben: Auf der einen Seite organisiertes Chaos abseits jeder Regeln und mit einem enormen Spaßfaktor und einer Portion Verrücktheit, auf der anderen eine starre Organisation mit hierarchischen Regeln. Das "Project Chanology" wird in die Geschichte eingehen, wenn nicht als erste Ausgeburt einer neuen Form des Online-Protestes, so sicherlich als der letzte epische Kraftakt der Internet-Trolle.

a-z.ch, 22.09.2009, Andrea Weibel
Scientology jetzt in Hermetschwil
Im Mai wurde das «Reiner Körper Klares Denken»-Center in Hermetschwil-Staffeln eröffnet. Das Konzept dahinter stammt vom Gründer der Scientology.
Ein Flugblatt sorgte in der vergangenen Woche für Aufsehen in Hermetschwil-Staffeln. Mit einem Zitat von L. Ron Hubbard, dem Begründer von Scientology, warb das im Juni im Industriegebiet von Hermetschwil eröffnete «Reiner Körper Klares Denken»-Center für einen Vortrag. Thema: die ebenfalls von Hubbard entwickelte Dianetik. Inhaberin Yvonne Steimer hat die Lizenz von der Scientology Kirche International, bestimmte Dienste zu liefern, worunter auch ein Reinigungsprogramm gehört. «All diese Dienste zielen darauf ab, geistige Barrieren wie Stress und Angstzustände zu bewältigen und ein höheres geistiges Bewusstsein zu erlangen. Doch wir binden die Leute nicht an uns. Sie kommen einmal den Film anschauen und brauchen uns dann im Prinzip nicht mehr.»
Nicht für kranke Leute 
Der AZ zeigte Steimer ihre Räumlichkeiten, die sich über zwei Stockwerke des modernen, leuchtend hellblauen Gebäudes erstrecken. Im unteren Stock befindet sich das Entgiftungszenter mit Sauna, darüber sind Sitzungs- und Vorführräume sowie Büros untergebracht. Doch das Center ist nicht für erkrankte Leute gedacht. «Unsere Zielgruppe sind gesunde, interessierte Menschen, die mehr über sich erfahren wollen», beschreibt die 38-jährige Mutter zweier Kinder. Bei der Entgiftung würden nicht Drogensüchtige geheilt, sondern Menschen von ihren im Alltag durch Elektrosmog oder Medikamente aufgenommenen Giftrückständen im Körper befreit. Zudem zeige die Dianetik, wie man mithilfe von spezifischen Gesprächen - ob mit Fachpersonen des Centers oder Freunden - seine Probleme oder Ängste auf frühere schlimme Erlebnisse zurückführen und diese ausmerzen könne. Scientology sei auch keine Sekte, so Yvonne Steimer. «Es ist eine angewandte religiöse Philosophie», sagt sie, «denn eine Sekte ist eine Absplitterung einer Mutterkirche, und das ist Scientology nicht. Ausserdem wird keine Einzelperson dadurch bereichtert.» Zudem müsse man nicht Mitglied werden, um bei ihr Entgiftungskuren zu machen oder Vorträge zu besuchen, macht sie klar. 
«Kein Problem für Gemeinde» 
Ihre Türen stehen Interessierten offen, zu fürchten brauche sich also niemand, findet Steimer. Die Angst versteht auch Gemeindeammann Roger Heiss nicht. «Das ist einfach nur ein Entgiftungscenter, dessen Besitzer der Scientology nahestehen», betont er. «In der Schweiz haben wir kein Sektenverbot.» Ausserdem würden die Betreiber nicht missionieren, sondern lediglich behandeln. «Für mich und die Leute, mit denen ich bisher gesprochen habe, ist das alles gar kein Problem.» Zudem brauche jegliche Nutzungsänderung eine entsprechende Bewilligung des Gemeinderats. «Falls die Betreiber also plötzlich ein Dianetik-Zentrum daraus machen würden, müssten sie das eintragen lassen. Andernfalls würde die Gemeinde einschreiten und eine Untersuchung einleiten», stellt Heiss klar. Ob die Vorführräume und Behandlungszimmer im oberen Stock nun aber der Bewilligung entsprechen oder nicht, dazu könne er sich nicht äussern. Am Montag sind die Räume baulich abgenommen worden. «Von diesem Standpunkt her ist alles in Ordnung», so Heiss.

20min.ch, 11.09.2009, Nico Menzato
Scientology auf Jagd völlig hemmungslos
Scientology will mit einem Trick die Krise nutzen: Die Sekte lockt Arbeitslose mit einem interessanten Job – Lohn gibt es aber fast keinen, dafür die Mitgliedschaft. «Wir haben eine interessante Arbeitsstelle für Sie!» Tausende solcher Flyer landeten in den letzten Tagen in Briefkästen der Region Zürich. Ein fingierter Anruf ergab, dass bei Scientology Stellen im Büro, der Finanzabteilung und gar im Management frei seien. Eine entsprechende Ausbildung sei nicht nötig, diese erhalte man intern. Auf offizielle Anfrage verneinte Sektensprecherin Annette Klug nicht, dass man mit dem Flyer, den man schon seit Jahren verwende, neue Mitglieder gewinnen wolle. Wie viele Jobs zu vergeben sind, wurde nicht beantwortet – wobei Job hierbei das falsche Wort ist. Für eine 40-Stunden-Woche gibt es als «Lohn» lediglich ein Taschengeld. Mitarbeiter werden aber automatisch auch Mitglied der Sekte. Georg Schmid kritisiert diesen «irreführenden Flyer mitten in der Krise». Überrascht ist der Sektenexperte jedoch nicht: «Scientology ist bekannt für ihre hemmungslose Jagd nach Mitgliedern.» Die Masche sei immer dieselbe: «Geködert wird mit einem Versprechen – und man hofft, dass Verzweifelte dann der Sekte beitreten», so Schmid. Klug bezeichnet diese Anschuldigungen als «völlig absurd». Interessenten werde genau gesagt, «wer wir sind, wie wir arbeiten und was zu erwarten ist».

winfuture.de, 08.09.2009
Scientology fordert in Australien den Schutz des Staates vor Kritikern im Internet 
Wieder eine Versuchsballon von SO: 
Scientology fordert den Schutz des Staates vor Kritikern im Internet In einem offenen Brief an die Menschenrechtskommission von Australien fordert die Scientology-Sekte nun eine Zensur von kritischen Äußerungen im Internet und in anderen Medien. Speziell gegen das Scientology-kritische Netzwerk "Anonymus" soll der australische Staat vorgehen. Die Sekte sieht ihre Kritiker als "Hass-Gruppierung" und "Cyberterroristen", wie aus dem Schreiben hervorgeht. Anonymus verbreite gezielt und massiv falsche Tatsachen, welche nichts mit demokratischen Prozessen zu tun hätten. Scientology sieht sich selbst als religiöse Minderheit an, die vom Staat geschützt werden müsse. Die tatsächlichen Glaubensinhalte und die humanitären Programme der Scientology-"Kirche" seien den meisten Menschen nicht bekannt.

oe24, 28.08.2009
"Commanding Officer" - Österreicher ist EU-Chef von Scientology
Wien/Kopenhagen, 28. August 2009 Der Österreicher Walter Kotric soll leitender Direktor der Organisation sein. In der Top-Führungsriege der umstrittenen Organisation "Scientology" in Europa befindet sich auch ein Österreicher. Laut Recherchen der dänischen Boulevard-Zeitung "Ekstra Bladet" trägt der mit einer Amerikanerin verheiratete Österreicher Walter Kotric den Titel eines "Commanding Officers" des in Kopenhagen angesiedelten Scientology-Verbindungsbüros für Europa (Abkürzung: CO CLO EU). Dies sei gleichbedeutend mit der Funktion eines leitenden Direktors, so "Ekstra Bladet". In Spanien anerkannt "Scientology" bezeichnet sich selbst als Glaubensgemeinschaft, wird aber von den meisten europäischen Staaten nicht als solche anerkannt. Eine der Ausnahmen ist Spanien, wo Scientology seit zwei Jahren als Kirche anerkannt ist. In Deutschland wird die Organisation überwacht, in Frankreich bemüht sich die Justiz um ein Verbot des Vereins. Auftritt im Ledermantel Laut "Extra Bladet", das sich auf mehrere, großteils anonyme Informationen aus Kreisen ehemaliger Scientologen beruft, hat Kotric eine militärische Vergangenheit. Er soll häufig einen Ledermantel über der schwarzen Scientology-Uniform tragen und erinnere an einen Nazi-General, zitiert "Ekstra Bladet" den Scientology-Abspringer Robert Dam. "Ekstra Bladet" behauptet, mehrfach vergeblich versucht zu haben, den Österreicher direkt für eine Stellungnahme zu erreichen. Im Internet finden sich in einschlägigen Foren Spuren der Recherche zu Kotric. Über die Person Kotrics ist im Netz nicht viel zu erfahren, außer dass dessen Name und Funktion in mehreren Berichten von ehemaligen Scientologen auftauchen.

FAZ, 27.08.2009, Katja Gelinsky
Scientology Schläge im spirituellen Hauptquartier
Scientology-Führer Miscavige soll Mitarbeiter geschlagen haben 27. August 2009 John Travolta gehört weiter dazu. Als „völlig falsch“ wies ein Sprecher des Hollywood-Schauspielers Berichte zurück, Travolta habe nach dem tragischen Tod seines Sohns Jett Anfang des Jahres die Verbindung zu „Scientology“ beendet. „Es gibt keine Veränderung in der Beziehung zwischen der ,Church of Scientology' und John“, teilte Paul Block, der Sprecher des Schauspielers, mit. „Er (Travolta) ist Mitglied, und so wird es nun und für immer bleiben.“ Amy Scobee war jahrelang die Frau im Top-Management von Scientology, die sicherstellte, dass prominente Mitglieder wie John Travolta oder auch Hollywood-Schauspieler Tom Cruise in „Celebrity Centers“ der Organisation betreut, beraten und bei der Stange gehalten werden. Zwei Mal hat sie Travolta angeblich zurückgeholt, als der Filmstar die Sekte verlassen wollte. „Nie“ hätte Scobee damals gedacht, dass sie selbst auf die Idee kommen könnte, auszusteigen. Wie viele führende Scientologen ihrer Generation war die 45 Jahre alte Amerikanerin schon als Teenager Mitglied geworden. „Ich wusste nichts von der Welt draußen, weil ich schon so lange dabei war.“ Doch 2005, nach 27 Jahren Scientology, entschloss sich Scobee zum „blow“, wie der Ausstieg Abtrünniger im Vokabular der Sekte heißt. „Auf unserer Agenda steht die Förderung von Menschenrechten, aber wir haben selbst die übelste Bilanz, die man sich denken kann“, sagte die ehemals Verantwortliche für die Haute Volée von Scientology unlängst in einem Interview mit der in Florida erscheinenden Zeitung „St. Petersburg Times“ Körperliche Gewalt, Sklavenarbeit, Straflager Scobee ist eines von vier ehemaligen Scientology-Mitgliedern aus dem engsten Führungszirkel, die nach Jahren des Schweigens als Abtrünnige jetzt massive Vorwürfe gegen die Sekte und vor allem gegen David Miscavige erheben, das langjährige Oberhaupt von Scientology. Die Aussteiger berichten von körperlichen Misshandlungen, Psychoterror, Sklavenarbeit, Straflager, Gewalt- und Willkürherrschaft. Miscavige habe eigenhändig seine engsten Mitarbeiter geschlagen, gewürgt und getreten. Solche Vorwürfe sind nicht neu. „Aber nun melden sich Schlüsselfiguren zu Wort“, sagt die bekannte Scientology-Kritikerin Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Innenbehörde. „Dies sind extrem wichtige Leute“, bestätigt der Soziologieprofessor Stephen Kent von der kanadischen University of Alberta, einer der wenigen Wissenschaftler in Nordamerika, die sich kritisch mit Scientology auseinandersetzen. Neben Amy Scobee haben die ehemaligen Scientology-Führungskader Tom De Vocht, Mark Rathbun und Mike Rinder gegenüber der „St. Petersburg Times“ ausgepackt. Etliche weitere amerikanische Scientologen sagten sich daraufhin ebenfalls von der Sekte los. De Vocht, ein gebürtiger Belgier, der Scientology 28 Jahre angehörte, war jahrelang einer der Spitzenmanager in Clearwater, Florida. Dort befindet sich das „spirituelle Hauptquartier für Scientologen aus der ganzen Welt“, wie die Sekte selbst über das Zentrum schreibt. De Vocht schätzt, er habe von 2003 bis zu seinem „blow“ 2005 bis zu einhundert Mal beobachtet, wie Miscavige Mitarbeiter schlug. Auch er selbst wurde Opfer der Wutausbrüche des 49 Jahre alten Scientology-Oberhaupts. Selbst Mark Rathbun und Mike Rider blieben nicht verschont. „Dabei waren sie die rechte und die linke Hand von Miscavige“, sagt Ursula Caberta. Rider war jahrelang Sprecher von Scientology und Chef des berüchtigten Geheimdienstes der Sekte. Jetzt verkauft der 54 Jahre alte Aussteiger Autos. Rathbun besetzte als Chef für juristische und finanzielle Angelegenheiten jahrelang eine Schlüsselposition im höchsten Führungsgremium, dem „Religious Technology Center“ mit Sitz in Los Angeles. 2004 verließ er Scientology, nachdem er bei Miscavige in Ungnade gefallen war. Manche vermuteten, Rathbun sei gestorben. Im Februar 2009 meldete sich der 52 Jahre alte Aussteiger im Internet als Berater für Scientology-Abtrünnige zurück. Nach den Schilderungen von Rathbun und Rider war das Management der Scientology-Organisation, die damit wirbt, „eine Zivilisation ohne Irrsinn, ohne Kriminelle und ohne Krieg“ zu schaffen, ein Mikrokosmos, der das Gegenteil dieser Ziele verkörperte. Miscavige habe nicht nur geprügelt. Die Mitarbeiter seien auch durch bizarre Spiele, öffentliche Beichten, Sicherheitsüberprüfungen und durch zwangsweise Isolierung bei angeblichen Missetaten drangsaliert worden. Aber Rathbun und Rider geben zu, dass sie nicht nur Opfer waren. Auch sie selbst hätten Mitarbeiter misshandelt. Mitglieder gehen „in immer kürzeren Abständen“ In der Eliteeinheit „Sea Organization“ (Sea Org) habe es ein gegenseitiges Hauen und Stechen gegeben. „Niemand wird respektiert, weil er (Miscavige) ständig Leute schlechtmacht und schlägt“, so Rathbun. Rider sieht die Organisation damit auf dem Weg der Selbstvernichtung. „Diese Fäulnis aus dem Inneren heraus ist . . . zerstörerischer für die Scientology-Bewegung als alle äußeren Einflüsse.“ Ähnlich äußert sich der Aussteiger Mark Headley aus Burbank, Kalifornien. „Mehr und mehr Mitglieder verlassen die Organisation in immer kürzeren Abständen“, sagte das ehemalige Sea-Org-Mitglied, im Gespräch mit dieser Zeitung. Wie viele Mitglieder Scientology noch hat, weiß man nicht genau. Aber Headley ist sich sicher, dass ihre Zahl mittlerweile geringer ist als die Zahl der Aussteiger. Abtrünnige wie Headley, Rathbun und Scobee werden von Scientology als verbitterte Lügner und Versager gebrandmarkt. In der Organisation stehe alles zum Besten. Scientology verzeichne „enormes Wachstum“, behauptet der Sprecher der Sekte, Tommy Davis, der Sohn der Schauspielerin und Scientologin Anne Archer. Seit 2004 habe man neun neue Zentren eröffnet, fünf weitere sollten noch in diesem Jahr folgen. „Reine Propaganda“, sagt Ursula Caberta. Die Zahl der Scientologen stagniere international oder sei rückläufig. „Wir beobachten schon seit längerem Zerfallserscheinungen.“ Auch Stephen Kent hat den Eindruck, dass die Sekte „in großen Schwierigkeiten steckt“. Der Soziologieprofessor und die Leiterin der Hamburger Arbeitsgruppe Scientology führen diese Entwicklung auch auf die Vernetzung von Aussteigern im Internet zurück. „Vor allem in den Vereinigten Staaten, wo keine staatliche Aufklärungsarbeit betrieben wird, spielen die schockierenden Berichte der Abtrünnigen eine wichtige Rolle“, sagt Caberta. Auch die Protestbewegung „Anonymous“ mache der Sekte schwer zu schaffen. Die Aktivisten, die ihren Widerstand gegen Scientology im Internet begonnen haben, organisieren international Proteste vor Scientology-Zentren. Außerdem ist Miscavige mit potentiell kostspieligen Schadensersatzklagen einstiger Verbündeter konfrontiert - eine ironische Wende, denn jahrelang hat die Sekte ihre Gegner mit Gerichtsprozessen bekämpft. Von Detektiven verfolgt, bei Freunden schlechtgemacht Nun ist sie selbst die Beklagte, zum Beispiel in einem Verfahren wegen Verletzung von Arbeitsgesetzen, das Mark Headley gegen Miscavige und seine Getreuen angestrengt hat. Scientology „versklave“ seine Angestellten durch „Einschüchterung, erzwungene Unterschriften unter Verzichtserklärungen und durch erzwungene Armut“, heißt es in der Klageschrift. Headley, der mit seiner Mutter als Sechsjähriger zu Scientology kam, bezieht sich auf seine Erlebnisse im kalifornischen Scientology-Komplex „International Management Headquarters“ bei Hot Springs. Dort arbeitete er von 1989 bis zu seinem Ausstieg 2005, unter anderem als Leiter für Medienproduktion. Der Prozess ist als „Testfall“ für mögliche weitere Klagen von Aussteigern gedacht. Für sein Aufbegehren zahlt Headley allerdings einen hohen Preis. Er werde bespitzelt und denunziert. „Ich werde von Detektiven verfolgt, bei meinen Freunden schlechtgemacht, und einige meiner Kunden bekamen Anrufe von Scientology-Vertretern, die behaupteten, ich sei Anführer oder Mitglied einer internationalen Hassgruppe“, schildert er. Damit nicht noch mehr Führungsleute davonlaufen, hat der Scientology-Chef auch den Druck nach innen verstärkt. „Miscavige und sein verbliebenes Personal sind hoch nervös“, sagt die Scientology-Beauftragte Caberta. Die amerikanische Regierung schützt Scientology - noch Bislang vergeblich warten Kritiker der Sekte auf Anzeichen dafür, dass Polizei und Justiz in den Vereinigten Staaten den jüngsten Enthüllungen über Gewalt und Zwang an der Spitze von „Scientology“ nachgehen. Auch die Politik müsse reagieren, findet Ursula Caberta. „Hochinteressant“ aus deutscher Sicht seien vor allem die Berichte des Aussteigers Rathbun zur Steuerbefreiung von Scientology. Rathbun bestätigte gegenüber der „St. Petersburg Times“, dass die Sekte die Anerkennung als „Non-Profit-Organisation“ 1993 durch Zermürbung der amerikanischen Steuerbehörde mit Tausenden von Klagen erkämpfte. „Erpressung war nicht mehr nötig“, so der Architekt der Steuerbefreiungsaktion. Seit Rathbuns Coup genießt Scientology den Schutz der amerikanischen Regierung - auch gegenüber deutschen Behörden. So wird Deutschland im Menschenrechtsbericht des amerikanischen Außenministeriums regelmäßig dafür kritisiert, dass Scientology nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt wird. „Ich erwarte schon“, so Caberta, „dass die amerikanische Regierung nun darüber nachdenkt, für wen sie sich da eigentlich einsetzt.“

Tagesanzeiger 27.08.2009
Scientology-Bosse prügelten sich blutig 
In den Chefetagen von Scientology wird mit harten Bandagen gekämpft. Oft sogar mit roher Gewalt, wie einstige Führungskräfte berichten.
Die Anzeichen mehren sich, dass Scientology im Mutterland USA in der Krise steckt. Sehr tief sogar, wenn man die Schilderungen ehemaliger Weggefährten des 49-jährigen Sektenbosses David Miscavige zum Nennwert nimmt. Allein schon die Tatsache, dass in letzter Zeit mehrere hohe Kaderfunktionäre die Flucht ergriffen haben, lässt das Fundament von Scientology erschüttern. Zumal sie es wagen, aus der Schule zu plaudern. Denn ihre Enthüllungen über Macht, Intrigen, Demütigungen und Misshandlungen sind brisant. Kronzeuge ist der ehemalige Mediensprecher und Chef des scientologischen Geheimdienstes, Mike Rinder. Mehrere Dutzend Male sei er von Miscavige geschlagen oder mit den Füssen getreten worden, sagte er der Zeitung «St. Petersburg Times» aus Florida, wo die Sekte das Hauptquartier unterhält. Wie die anderen Kaderleute hat er die Wutausbrüche von Miscavige widerstandslos über sich ergehen lassen, sonst hätte er noch härtere Bestrafungen erdulden müssen. Das Szenario reicht bei der Sekte vom Putzdienst bis zur Einweisung ins eigene Straflager RPF. Auch für Bosse. 
Sektenboss als Boxsack
Rinder sagt weiter aus, Miscavige habe ihn manchmal blutig geschlagen, er sei sich als Boxsack vorgekommen. Er wolle mit seinem Outing verhindern, dass andere Scientologen weiterhin gedemütigt und misshandelt würden. Rinders Mut hat auch andere Sektenmitglieder bewogen, auszupacken. Amy Scobee, langjährige Chefin des Celebrity Centers, das Hollywoodstars wie Tom Cruise und John Travolta betreut, bestätigt die Prügelpraxis. Miscavige, der als gefühlskalt und herrschsüchtig beschrieben wird, habe in ihrer Gegenwart Rinder so heftig gewürgt, dass dieser im Gesicht rot angelaufen sei. Schützenhilfe haben die hochrangigen Aussteiger auch von Mark Rathbun, dem ehemaligen Finanzchef, bekommen. Er bestätigt die Prügelorgien und gesteht, selbst Schmutz an den Händen zu haben, weil er im Auftrag von Miscavige andere misshandelt habe. Ironie der Geschichte: Rathbun war für die Ethikrichtlinien der Sekte zuständig. Rinder und Rathbun waren schon in den 1980er-Jahren dabei, als sich der damals erst 21-jährige Miscavige an die Spitze von Scientology geputscht hatte. Gemeinsam trimmten sie die Pseudokirche zu einer militärisch hierarchisierten Psychosekte. 
Lohnnachzahlungen gefordert
Ein ehemaliger Kadermann wagt gar eine Klage. Marc Headley hat 15 Jahre lang unter unmenschlichen Bedingungen und für ein Taschengeld gearbeitet, wie er betont. In einem Zivilprozess in Los Angeles verlangt er nachträglich Lohnzahlungen. Andere ehemalige Mitarbeiter der Sekte wollen nachziehen. Tatsächlich erhalten vollamtliche Mitarbeiter oft lediglich einen Wochenlohn von 50 bis 100 Dollar. Scientology wischt die Vorwürfe seiner ehemaligen Führungskräfte pauschal vom Tisch. Alle Geschichten seien erlogen, Miscavige habe nie jemanden geschlagen. Vielmehr habe er die Abtrünnigen vor ihrem Ausstieg zurückgebunden, weil diese andere mit Prügelstrafen traktiert und den Aufstand geprobt hätten

Berliner Zeitung vom 13.08.2009, Frank Nordhausen
Final Countdown Gewalt, Verhöre, Intrigen - Enthüllungen ehemaliger Führungskader in den USA erschüttern die Scientology-Organisation
BERLIN. Es rumort in der Church of Scientology. Die Milliarden-Dollar-Sekte aus Kalifornien durchlebt zurzeit die größte Krise ihrer Geschichte. Führende Manager haben Scientology in letzter Zeit verlassen und erheben jetzt in amerikanischen Medien schwere Vorwürfe gegen den 49-jährigen "Vorstandsvorsitzenden" David Miscavige. Sie sind Schlüsselfiguren aus dem innersten Führungszirkel, enge Wegbegleiter des Mannes, der die Sekte seit 27 Jahren führt. "Miscavige schlug unsere Köpfe zusammen, bis ich blutete", berichtete der einstige Chef des scientologischen Geheimdienstes, Mike Rinder, in der Tageszeitung St. Petersburg Times aus Florida, wo Scientology ihr "spirituelles Hauptquartier" unterhält. Der ehemalige Finanzchef Mark Rathbun und Tom De Vocht, der frühere Leiter des "spirituellen Zentrums", erzählten von regelrechten Prügelorgien. "Die Menschen dort wurden verrückt und gerieten außer Kontrolle", sagte De Vocht. " Ich schlug jemand. Jeder wurde geschlagen. Und es wurde geschrien und geschimpft." Alle drei "Kirchenführer" gaben zu, dass sie selbst im Gegenzug auch andere geschlagen hätten. Der knapp 1,70 Meter kleine Miscavige, der als kalt und herrschsüchtig beschrieben wird, habe eine interne Gewaltkultur etabliert, die den gesamten Apparat durchziehe. Auch Amy Scobee, die langjährige Leiterin des "Celebrity Centers" für Prominente in Los Angeles, wo Tom Cruise, John Travolta, Anne Archer und andere Hollywoodgrößen "betreut" werden, ist ausgestiegen. Sie bestätigte die Demütigungsrituale. Einmal habe Miscavige vor ihren Augen Mike Rinder gewürgt, bis sich dessen Gesicht hochrot färbte. Derzeit vergeht kaum eine Woche, ohne dass frühere Führungskräfte der Sekte in den USA mit neuen haarsträubenden Details an die Öffentlichkeit gehen - meist in der St. Petersburg Times, die in der Metropole Tampa-St. Petersburg erscheint, wo Tausende von Scientologen im Umfeld des "spirituellen Zentrums" wohnen. Noch nie aber haben derart hochrangige Führungskader gemeinsam solch schwere und gleichlautende Vorwürfe gegen die Organisation erhoben, die damit wirbt, eine "Welt ohne Krieg, Kriminalität und Geisteskrankheiten" zu schaffen. "Die rechte und die linke Hand des Bosses", nennt Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, die beiden Top-Leute Rinder und Rathbun. Caberta sagt: "Eine ganze Generation von Ex-Scientologen wendet sich gerade massiv gegen die Führung. Ich glaube nicht, dass die Organisation das überlebt." Scientology reagierte scharf auf die Vorhaltungen: Es handele sich um "absolute und totale Lügen". Nichts davon sei wahr. Miscavige habe niemals einen Angestellten der "Kirche" geschlagen. Er habe im Gegenteil die Überläufer degradiert, als diese gewalttätig wurden. Rathbun habe seinerzeit innerhalb der "Kirche" eine "Herrschaft des Terrors" errichtet. Die Dissidenten hätten mit ihren Falschaussagen einen Coup vorbereitet, "um selbst die Kontrolle in der Organisation zu übernehmen". Doch ein solcher Putsch ist kaum denkbar, weil Miscavige alle echten Konkurrenten im Lauf der Zeit weggebissen hat. Mit ihrer Reaktion gesteht Scientology aber ein, dass Eruptionen ihr Reich erschüttern, dem nach eigenen Angaben acht Millionen, nach seriösen Schätzungen maximal 200 000 Menschen weltweit angehören. Die Vorwürfe der Gewalttätigkeit selbst sind im Kern nicht neu. Seit Jahren schon kursieren entsprechende Berichte einstiger Scientologen. Der Sekte gelang es jedoch stets, diese als Erfindungen von Abweichlern abzukanzeln. Sie schaffte es meist, die Aussteiger mit Schweigegeldern oder endlosen Gerichtsverfahren mundtot zu machen. Jetzt aber drehen ehemalige TopScientologen auch vor Gericht den Spieß um. Am Dienstag begannen in Los Angeles erste Anhörungen in einem Zivilprozess gegen die Chefs der Sea Org, der Elitetruppe von Scientology. Marc Headley, der bis 2005 fünfzehn Jahre lang neben Miscavige die scientologische Medienproduktion leitete, und andere Kader der mittleren Ebene klagen wegen "unmenschlicher Arbeitsbedingungen" auf Entschädigung. Headley verlangt auch eine Nachzahlung des Arbeitslohns, weil er all die Jahre "für ein Taschengeld" gearbeitet habe. Auch diese Klagen zielen direkt auf den Sektenführer. "Denn in der Scientology-Welt geschieht nichts ohne Befehl von David Miscavige", sagte Marc Headley der Berliner Zeitung. Als Journalisten der St. Petersburg Times 1998 das erste und bis heute einzige Zeitungsinterview mit dem "Vorstandsvorsitzenden" führten, erwähnten sie bereits Vorwürfe gegen ihn, er sei gewalttätig. Miscavige wies die Anschuldigungen zurück und höhnte: "Bringt doch endlich was vor oder haltet den Mund. Lasst mal die Beweise sehen." Die Beweise liegen jetzt auf dem Tisch. Die Ex-Scientologen Mike Rinder, und Mark Rathbun, 52 und 53 Jahre alt, die Scientology vor vier und zwei Jahren verlassen haben, nehmen kein Blatt vor den Mund. Der frühere Geheimdienstchef Rinder, der zudem als Sprecher von Scientology fast zwanzig Jahre lang das öffentliche "Gesicht" der Sekte war und heute Autos in Denver verkauft, erklärte, er sei von Miscavige bis zu fünfzig Mal mit Faustschlägen und Fußtritten malträtiert worden. "Ich war ein Boxsack", sagte er. Er habe die Schläge hingenommen, wie alle sie hinnahmen, um ihre Loyalität unter Beweis zu stellen. "Ich möchte nicht mehr, dass Menschen weiterhin verletzt, ausgetrickst und belogen werden", sagte Rinder über seine Motivation, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Ich glaube, dass dieser Missbrauch aufhören muss." Rinder und Rathbun hatten früher oft "offizielle" Interviews gegeben. 1998 hatte Mark Rathbun seinen Chef dagegen verteidigt, raue Umgangsformen zu pflegen: "Das ist nicht seine Art." Jetzt bestätigte er, dass es bei Scientology wie bei der Mafia zuging. Er sei nicht nur vom Boss geprügelt worden, sondern habe in seinen 27 Jahren bei Scientology im Auftrag von Miscavige andere Mitglieder körperlich misshandelt. "Ich habe Schmutz an den Händen", sagte der einstige "Generalinspekteur für Ethik". Auch die anderen Aussteiger bezeugten, dass David Miscavige hochrangige Kader wiederholt ohrfeigte, ihre Köpfe gegen Wände schlug, sie würgte oder verprügelte. Sie seien peinlichen "Sicherheitschecks" am Lügendetektor unterzogen worden. Miscavige habe "Gruppenbeichten" befohlen und Führungskräfte zur "Rehabilitation" im Winter in einen See springen lassen, während er sie als "Verräter" beschimpfte. Neu ist, dass die schärfste Kritik von Mitarbeitern kommt, die wie Miscavige zur ersten Generation jener gehören, die schon als Kinder Scientologen wurden und nichts anderes kennenlernten als die isolierte Welt der strikt hierarchischen Sekte. Sie wurden von ihren Eltern mit fünf bis dreizehn Jahren zu Scientology gebracht. Alle vier Führungskader dienten mehr als 25 Jahre der Organisation. In der vergangenen Woche meldeten sich elf weitere Scientology-Opfer in der St. Petersburg Times zu Wort, um die vier Wortführer zu unterstützen und eigene, oft erschütternde Geschichten zu erzählen. Sie zeichnen ein ähnliches Bild - das einer Organisation, die ihre Mitglieder unter extremer Kontrolle hält und sie regelmäßig demütigt. Im Internet berichten nun weitere Ehemalige über konkrete Details - etwa blutende Köpfe. Die führenden Kritiker sind Scientology-intern so bekannt, dass ihre Aussagen große Unruhe in den weltweiten Filialen auslösen. Auch sie sind gewiss keine Heiligen, sondern Opfer und Täter zugleich. Als sich der gerade 21-jährige Miscavige 1982 an die Spitze der Sekte putschte, halfen ihm Rinder und Rathbun. Gemeinsam machten sie aus dem Sektiererverein einen militärisch durchorganisierten Psychokonzern. Als es Miscavige dann gelang, Schauspieler wie John Travolta und Tom Cruise als Werbeträger zu gewinnen, wuchs Scientology von Mitte der Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre stark an. Über diese Hintergründe weiß keiner so gut Bescheid wie die Aussteigerin Amy Scobee. Noch hat sie gar nicht angefangen, darüber zu reden. Scobee und die anderen früheren Scientology-Manager kennen so gut wie jedes Geheimnis der Organisation. Etwa, wie es 1993 in den USA zu der überraschenden Steuerbefreiung der Sekte als "gemeinnützig" kam. Diese machte aus einer Gruppe, die damals in Amerika als verrückt und gefährlich galt, eine respektable "Kirche". Die einstigen Steuerrebellen hatten nun Steuerprivilegien und genießen seither die Protektion der US-Regierung. Als Scientology in Deutschland unter Kritik geriet und die Innenminister 1997 beschlossen, sie als "neue Form des politischen Extremismus" vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen, schaltete sich das Weiße Haus ein und kritisierte die Bundesrepublik in scharfer Form. Seither bekommt Deutschland im jährlichen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums schlechte Noten wegen angeblicher "Diskriminierung" der "Religionsgemeinschaft". Diesen Coup hatte wesentlich Mark Rathbun zu verantworten. Er galt Scientology-intern als Miscaviges "Mann fürs Grobe". Legendär ist, wie er und Miscavige im Oktober 1991 unangemeldet beim Chef der Steuerbehörde IRS in Washington auftauchten und den Deal vereinbarten. Jetzt hat Rathbun bestätigt, was Journalisten schon herausgefunden hatten. Die Steuerbehörde sei mit 2 300 Klagen gegen einzelne Sachbearbeiter lahmgelegt worden. "Das hat ausgereicht", sagte Rathbun über den Zermürbungskrieg. "Wir brauchten gar keine Erpressung." Mike Rinder war seinerseits für die Diffamierungskampagnen gegen Scientology-Kritiker wie Norbert Blüm, Günter Beckstein und Ursula Caberta verantwortlich. Er bezeichnete Caberta im US-Fernsehen als "neuen Goebbels" und ließ sie im Jahr 2000 bei einem Besuch in Florida von Demonstranten begleiten, die "Nazi criminal, go back to Germany" riefen. Die Öffentlichkeit habe er damals ungeniert belogen, um seine "Kirche" zu schützen, sagte er. Gelogen wurde auch, als Scientology in Verdacht geriet, sie habe eine psychisch kranke Frau 1995 in einer Art Isolierhaft sterben lassen. Rathbun räumte ein, er selbst habe damals angeordnet, Beweismaterial in dem Fall zu vernichten. Die Enthüllungen müssten nun eigentlich die amerikanische Justiz und das FBI auf den Plan rufen. Doch bisher haben weder Justiz noch Regierung darauf reagiert. Seit etwa zwei Jahren erodiert der so monolithisch wirkende Sektenkonzern. Es begann mit Scharmützeln im Internet, als Kritiker dort Scientologys teure "heiligen Schriften" veröffentlichten und mündete in weltweit simultan stattfindende Demonstrationen der Scientology-kritischen "Anonymus"-Gruppe. Marc Headley und andere Aussteiger wissen, dass weitere Führungskräfte kurz vor dem Ausstieg stehen. Die Kritik der Abtrünnigen wird in der Sekte durchaus wahrgenommen. Die Hamburger Beauftragte Ursula Caberta sagt, in den deutschen Filialen seien jetzt Sea-Org-Offiziere aus Amerika aufgetaucht, um für Ruhe zu sorgen. Doch je stärker eine Sekte unter Druck gerät, desto unberechenbarer wird sie auch. Eine extreme Radikalisierung ist ebenso denkbar wie eine Auflösung der Organisation und ihr Neubeginn in kleinen Zirkeln. Ursula Caberta spricht vom "final countdown", der angebrochen sei. Nur weiß keiner, wo der Countdown begonnen hat und wie lange er läuft. Aber Caberta ist sich sicher: "Das Ende von Scientology war noch nie so nah wie jetzt."

ostsee-zeitung.de, 15.08.2009, Tommy Kruse
Kühlungsborn genehmigt Scientology-Werbung 
Scientology darf am Sonnabend einen Infostand in Kühlungsborn betreiben. Die Stadt hätte ihn nicht genehmigen müssen, sagen Kritiker. *Kühlungsborn* Das Ostseebad ist im Sommer beliebter Anziehungspunkt nicht nur für Erholungssuchende. Auch Parteien, Vereine, Gewerbetreibende und Geschäftemacher aller Coleur geben sich in den Sommermonaten gern an exklusivem Standort in Kühlungsborn die sprichwörtliche Klinke in die Hand — in der Hoffnung, dass sie mit ihrem Anliegen bei gut gelaunten Urlaubern Gehör finden. Werbeaktionen starten in diesen Wochen einige Krankenkassen, der Bundestag schickt sein Info-Mobil, Parteien stellen sich vor und am kommenden Sonnabend von 9.30 bis 18 Uhr darf sogar die umstrittene „Church of Scientology“ im Kühlungsborner Balticpark werben. Genehmigt wurde die ganztägige Präsenz des Hamburger Ablegers im Kühlungsborner Rathaus. „Die sind ja schließlich nicht verboten“, lautet die lapidare Begründung der zuständigen Ordnungsamtsleiterin, Angela Wehner. Und auf den Hinweis, dass Scientology von der Innenministerkonferenz als verfassungsfeindlich eingestuft wurde und in mehreren Bundesländern durch den Verfassungsschutz beobachtet wird, reagiert die Amtsleiterin: „Genau wie die Linke, die wird auch in einigen Bundesländern beobachtet.“ Eine Möglichkeit, dem Antragsteller die Werbeaktion zu verwehren, sehe sie nicht, so Wehner. Bürgermeister Rainer Karl teilt die Rechtsauffassung seiner Amtsleiterin. „Scientology ist eine Religionsgemeinschaft, die in Deutschland nicht verboten ist. Also gibt es für uns auch keine rechtliche Handhabe, den Informationsstand nicht zu genehmigen“, argumentiert Karl und fügt hinzu: „Die verteilen da nur ihre Bücher! Das haben sie letztes Jahr auch schon gemacht und niemand hat sich darüber beschwert“, erinnert sich Karl. „Das ist ja völliger Blödsinn und die typische Antwort eines Kommunalpolitikers, dem nicht bewusst zu sein scheint, wie gefährlich diese Organisation ist und der nicht begriffen hat, dass es seine Pflicht ist, die Menschen in seiner Stadt vor den Machenschaften dieser Leute zu schützen“, sagt Ursula Caberta. Die Leiterin der „Arbeitsgruppe Scientology“ in der Hamburger Innenbehörde hat schon so manchen Kampf mit der „Church“ erfolgreich ausgetragen und klärt zunächst einmal über den Status der Bewegung auf: „Scientology ist in Hamburg offiziell als Gewerbe angemeldet und weder als Kirche noch als Religionsgemeinschaft anerkannt. Es gibt höchstrichterliche Beschlüsse, die es jeder Kommune erlauben, Scientology auch wie ein Gewerbe zu behandeln. In ganz Hamburg dürfen die jedenfalls keine Zettel mehr verteilen oder Leute auf der Straße ansprechen“, betont Ursula Caberta, die als Aufklärerin in Sachen Scientology schon mehrfach im Fernsehen auftrat. „Es ist nur eine Frage der Einstellung. Wer diese Leute nicht haben will, bekommt sie auch von der Straße weg“, ist die Sekten-Expertin überzeugt und verweist auf einen juristisch „wasserdichten“ Musterbescheid, den jede Kommune in ihrer Behörde erhalten kann. Ein ähnliches Dokument hätte die Kühlungsborner Stadtverwaltung — hätte sie nicht so voreilig oder blauäugig gehandelt — wohl auch bei der eigenen Landesregierung bekommen. Denn auch im Bildungsministerium in Schwerin gibt es eine „Sekteninformationsstelle“. Doch einen Kontakt zur Landesbehörde hatte es im Vorfeld der Genehmigung seitens der Stadtverwaltung offensichtlich nicht gegeben. „Ich weiß nichts von einem solchen Termin. Ich fände es aber überaus verwunderlich, wenn die Kommune sich vor der Erteilung einer entsprechenden Genehmigung nicht mit uns oder dem Innenministerium in Verbindung gesetzt hätte“, äußert sich Ministerialrat Ulrich Hojczyk auf OZ-Anfrage. Auch der Beamte sagt, dass die Organisation weder bei den Kirchen noch bei den religiösen Gemeinschaften einzuordnen sei. Ingo Heinemann, Jurist und bekannter Scientology-Kritiker, wirft der Stadtverwaltung Kühlungsborn sogar indirekt Förderung von Straftaten vor. Bei den Aktionen der selbsternannten Kirche handele es sich meistens um Werbung für unerlaubte Heilbehandlungen, also für Straftaten. Durch Genehmigung der Werbung würden diese Straftaten durch die Behörde gefördert. Schlimm sei vor allem der Schaden, den der Ruf des Ostseebades durch die Präsenz der Scientologen erleide, meint Ursula Caberta. Da die Genehmigung bereits erteilt wurde, sei aber der Auftritt der Organisation, die nach ihrer Erkenntnis eine „gefährliche Form des politischen Extremismus“ darstelle, wohl nicht mehr abzuwenden. Das befürchteten vor einer Woche auch die Bürger der Kreisstadt Heide in Schleswig-Holstein. Jedoch erhielten die Dittmarschener überraschend Hilfe von außen: Mitglieder der international agierenden Protestbewegung „Anonymous“ traten lautstark in Aktion und die Scientologen bauten ihren Infostand, für den sie die Genehmigung erst per Gericht erwirken mussten, gar nicht erst auf. Auch der Kühlungsborner Termin ist den anonymen Aktivisten bekannt. Über das Internetforum http://forums.whyweprotest.net organisiert die Gruppe derzeit eine Protestaktion für Sonnabend.

Neue Luzerner Zeitung, 08.08.2009
Stiller Protest gegen Scientology 
«Vorsicht Scientology»: Maskierte protestierten in Luzern gegen die Machenschaften der «Bürgerkommission für Menschenrechte» (CCHR), eine der Scientology-nahen Gruppierung.
Zu fünft stehen sie da, bunt sind sie gekleidet. In der Hand halten Sie Spruchbänder. «Vorsicht Scientology» steht dort, der Hintergrund ist orange, um nicht übersehen zu werden. Die Gruppe Anonymous Schweiz warnt in der Hertensteinstrasse vor den Machenschaften der Scientology-nahen Organisation CCHR, in denen sie eine Rekrutierungsorganisation der Scientology sehen. Sie wollen mit ihrer Aktion erreichen, dass Passanten nicht mit den Scientology-Mitgliedern ins Gespräch zu kommen. Zu ihrer Identität stehen sie allerdings nicht: Sie treten maskiert auf. Weil sie Angst davor haben, von den Scientologen verfolgt zu werden. Von der Aktion unbeirrt geben derweil Mitglieder der «Bürgerkommission für Menschenrechte» (CCHR) an einem Stand Passanten «Hilfeleistungen in schwierigen Lebenssituationen».

Neue Luzerner Zeitung, 07.08.2009
Anonymous: Aktivisten dürfen sich maskieren 
Die Aktivisten, die am Samstag gegen die CCHR, eine Scientology-nahe Organisation, protestieren, dürfen dies maskiert tun. Dies jedoch zum letzten Mal in Luzern.
Dies bestätigte Toni Schüpfer, Leiter Managementsupport Stadtraum und Veranstaltungen, auf Anfrage. «Wir haben diese Bewilligung noch einmal erteilt», sagt Schüpfer. Zwar gibts ein Vermummungsverbot. In begründeten Fällen könne die zuständige Behörde aber Ausnahmen bewilligen. «Die gleiche Bewilligung haben wir der Gruppe ja schon einmal erteilt, daher wäre es nicht nachvollziehbar, diesmal anders zu entscheiden», sagt Schüpfer. Allerdings: Man habe der Gruppe auch klargemacht, dass bei einem dritten Mal keine Bewilligung mehr zum Maskentragen erteilt werde.

Tages-Anzeiger vom 03.08.2009
SO - Er schlug unsere Köpfe zusammen, bis ich blutete
Eine Zeitung aus Florida enthüllte die Geschichte von vier einstigen Top-Mitgliedern von Scientology, die jahrelang misshandelt wurden. Jetzt melden sich Dutzende weitere – und erzählen.
Schwere Vorwürfe gegen David Miscavige.
David Miscavige, 49 Jahre alt, arbeitet seit seinem 16. Lebensjahr Vollzeit für Scientology. Nach verschiedenen Medienberichten habe er den Sektengründer L. Ron Hubbard mit seinem Ehrgeiz beeindruckt. Er holte ihn früh ins kalifornische Hauptquartier, wo Miscavige immer höher in der Hierarchie der strikt organisierten Kirche aufstieg. Als Hubbard 1986 starb, übernahm Miscavige den Chefposten von Scientology. Unter seiner Führung wuchs die Kirche rapide an, ausserdem erreichte er, dass sie als Religionsgemeinschaft von Steuerpflicht befreit wurde. Die «St. Petersburg Times», ein Blatt aus Florida mit nationaler Ausstrahlung, zog die Geschichte gross auf. Unter dem Titel «The Truth Rundown», etwa «Die enthüllte Wahrheit», brachte sie eine dreiteilige Reportage, mitsamt zugehöriger multimedial gestalteter Webseite, über Marty Rathbun, Mike Rinder, Tom De Vocht und Amy Scobee. Sie sind die vier höchsten Mitglieder von Scientology, die je die Kirche verlassen haben. Die ehemaligen Scientologen, denen Aufgaben wie die Medienarbeit der Kirche, die Führung des Prominentennetzes oder auch des Hauptsitzes zugeteilt waren, erzählen von Jahrzehnte langen Demütigungen und Misshandlungen, insbesondere durch David Miscavige, den Anführer der Scientologen. Miscavige hat seinen Platz auf dem Scientology-Thron einst von Gründer L. Ron Hubbard geerbt und wird von Mitgliedern weltweit als spirituelle Leitfigur verehrt. «Die Macht der grossen Zahl» Die Geschichten der Vier ähneln sich. Sie handeln davon, wie Miscavige die hochrangigen Mitglieder wiederholt ohrfeigte, ihre Köpfe gegen Wände schlug oder sie verprügelte. Teilweise wurden sie auch vor der versammelten Gemeinde verbal gedemütigt oder mussten «Reise nach Jerusalem» spielen, die Übung, bei dem immer ein Stuhl zu wenig in der Runde steht. Miscavige beschimpfte sie dabei als «Verlierer». Seit die «St. Petersburg Times» die Reportage veröffentlicht hat, haben sich nun zahlreiche weitere ehemalige Mitglieder bei den Autoren gemeldet und von ihren Erfahrungen mit der Sekte erzählt. Zwölf von ihnen zeigte die Zeitung am vergangenen Sonntag auf der Titelseite ihrer gedruckten Ausgabe – unter der Zeile «Die Macht ihrer grossen Zahl». Zwei Drittel redeten nicht öffentlich Manche der bekennenden Scientology-Opfer wollten mit ihren Erzählungen ihre vier Vorgänger unterstützen, die von der Kirche als Lügner dargestellt würden, so das Blatt. Andere fühlten sich nun, nachdem so prominente Aussteiger an die Öffentlichkeit gegangen seien, sicherer, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Trotzdem: «Für jeden, der offen mit Namen und Text hinsteht, gab es einen bis zwei, die das ablehnten», schreiben die Autoren. Diejenigen, die es taten, zeichnen ein ähnliches Bild wie Rathbun, Rinder, De Vocht und Scobee – das einer Organisation, die ihre Mitglieder unter extremer Kontrolle hält und sie regelmässig demütigt. Vier weitere sagen ebenfalls aus, sie seien von Miscavige misshandelt worden. Einer von ihnen, Mark Fisher, schildert eine besonders brutale Szene. An einem Treffen habe Miscavige ihn und ein anderes Mitglied gequält: «Er schlug unsere Köpfe zusammen, bis ich blutete.» Einer der anderen Zeugen, die sich bei der «Times» meldeten, hat den Vorfall nach eigener Aussage beobachtet. «Desillusioniert, bitter und unehrlich» Scientology weist die Berichte als falsch zurück. «Es ist offensichtlich, dass diese neuen ‹Berichte› durch ihre ersten Artikel ausgelöst worden sind», wird Sprecher Tommy Davis zitiert. «Sie sind nichts weiter als Hirngespinste einiger Anti-Scientologen, die sich im Internet tümmeln und gegenseitig aufheizen.» Laut der Zeitung liess Scientology den Autoren über zwanzig Aussagen von aktuellen und früheren Top-Mitgliedern der Organisation zukommen, die den Kritikern die Glaubwürdigkeit absprechen. «Sie sehen anhand dieser Beweise, dass ihre ursprünglichen Quellen desillusioniert, bitter und unehrlich waren; die neuen Quellen sind bloss mehr von demselben», soll Davis dazu geschrieben haben. Die «St. Petersburg Times» ist bekannt für ihre investigativen Berichte zur Scientology-Kirche. Sie hat seit 1964 acht Pulitzer-Preise erhalten, einen davon 1979 für ein Stück, dass eine Immobilien-Investition der Sekte aufdeckte.

Neue Luzerner Zeitung, 03.08.2009, Fabian Fellmann
Anonymous: Maskendemonstration in Luzern? 
Luzern, Bern, Zürich: Eine Gruppe anonymer Maskierter tritt an, Scientology als gefährlich zu entlarven. Die Nervosität nimmt zu.
In den USA gilt die Scientology-Kirche als Religion und wirbt mit prominenten Aushängeschildern wie dem Schauspieler Tom Cruise. Vor allem in Europa wird Scientology aber oft als Sekte kritisiert, die verboten werden sollte. In der Schweiz, wo die Organisation gemäss eigenen Angaben rund 5000 Mitglieder zählt, diesebezüglich besonders aktiv ist Anonymous Schweiz, der Ableger einer internationalen Internetgemeinde, die gegen Scientology vorgeht. So auch am kommenden Samstag, 8. August, an der Hertensteinstrasse vor der Matthäuskirche in Luzern, wenn die scientology-nahe CCHR Schweiz, die «Bürgerkommission für Menschenrechte», dort ihren Stand aufstellt. Es gebe keinen Grund, die Demonstration nicht zu bewilligen, sagt Alfred Fischer, stellvertretender Leiter beim zuständigen Luzerner Stadtraum-Inspektorat. Der Name des Gesuchstellers sei bekannt, es sei jedoch noch nicht entschieden, ob die Protestierenden Masken tragen dürften.

Tages-Anzeiger, 27.07.2009, Hugo Stamm
Scientology-Kritiker von Polizei empfangen
Sektengegner der Bewegung Anonymous demonstrierten vor dem Scientology-Zentrum in Albisrieden. Scientologen und Polizei waren aber schneller.
Zürich. – Die von Scientologen organisierte Bürgerkommission für Menschenrechte (CCHR) besass für den vergangenen Samstag die Bewilligung, einen Informationsstand vor der Pestalozzi-Wiese zu betreiben. Scientologen haben darin Erfahrung, man trifft sie doch über zwei Dutzend Mal pro Jahr an der Bahnhofstrasse oder an andern Orten der Stadt.Für die Aktivisten von Anonymous (siehe Kasten) ist dies ein Affront. Die Sektenkritiker verstehen nicht, dass Scientologen auf öffentlichem Grund werben dürfen. Deshalb wollten sie am Samstag die Passanten mit Transparenten und Flugblättern warnen und sie darauf aufmerksam machen, dass hinter CCHR Scientologen stecken. Die Überraschung der AnonymousAktivisten war aber gross, als sie auf der Bahnhofstrasse eintrafen. Der übliche Infostand mit der Aufschrift «Psychiatrie zerstört Leben» von CCHR war nirgends zu sehen. Hatten die Scientologen die Kundgebung geahnt und deshalb den Stand nicht aufgestellt, fragten sich die Demonstranten. Nach kurzer Beratung entschloss sich die kleine Anonymous-Gruppe, den Protest vor das Scientology-Zentrum in Albisrieden zu verlegen. Als sie dort in die Freilagerstrasse einbogen, wurden sie zu ihrer Überraschung von Polizisten und einem hochrangigen Scientologen empfangen. Die Vermutung der Anonymous-Leute schien sich zu bestätigen, dass sie an der Bahnhofstrasse beobachtet und danach überwacht worden waren. Die Polizisten verlangten die Ausweise der Demonstranten und gaben die Daten per Funk an die Zentrale weiter. «Wir kennen das Prozedere von Demos aus andern Städten», sagte eine Aktivistin, zückte ein Papier und gab es einer Polizistin. Es war die Bewilligung der Polizei, die es den Anonymous-Aktivisten erlaubte, mit Masken zu demonstrieren. Als die Polizisten abzogen, ohne Sanktionen zu ergreifen, verstand der Scientologe die Welt nicht mehr. «Sie nehmen uns ernst und fürchten uns», stellte ein Aktivist zufrieden fest und verschwand.

Tages-Anzeiger, 27.07.2009
Anonymous bleibt am Scientologen Tom Cruise dran
In vielen Ländern formiert sich Widerstand gegen Scientology. Dieses Ungemach haben sich die Scientologen selbst eingebrockt. Es begann mit einem Video, das den berühmten Muster-Scientologen Tom Cruise während einer Sektenveranstaltung zeigt. Der Schauspieler preist darin Scientology in den höchsten Tönen. In der Pose eines Führers trägt Cruise theatralisch Aussagen vor, die Sektengründer Hubbard immer wieder vorgebetet hatte. Das Video landete auf Umwegen auf der Internet-Plattform Youtube und wurde zum Renner. Die plakative und entlarvende Werbeleier von Cruise wirkte auf Uneingeweihte peinlich. Deshalb zwang Scientology Youtube auf dem Rechtsweg, die Cruise-Beichte aus dem Internet zu entfernen. Das war kein schlauer Schachzug. Im Netz brach ein Sturm der Entrüstung los. Anonymous, eine weltweite lose Internet- Interessengemeinschaft, kämpfte gegen die Bevormundung und integrierte das verbotene Cruise-Video immer wieder in Youtube, wo es heute noch zu sehen ist. Gleichzeitig befassten sich die Anonymous-Aktivisten näher mit Scientology. Ihre Erkenntnisse bestürzten viele. Sie entschlossen sich, auch ausserhalb des Internets gegen Scientology zu kämpfen. Um sich vor Repressionen zu schützen, treten sie anonym auf und tragen Masken.

Deutschlandradio, 24.07.2009
Caberta: "Das kann das Ende von Scientology bedeuten"
Caberta sieht Scientology in Bedrängnis (hier ein Blick auf den Eingang des Hauptquartiers der Organisation) in Berlin
"Das kann das Ende von Scientoloy bedeuten" Kritikerin Caberta sieht Organisation nach Aussteigervorwürfen in Bedrängnis
Ursula Caberta im Gespräch mit Ulrike Timm
Die Scientology-Kritikerin Ursula Caberta sieht in den jüngsten schweren Vorwürfen zweier früherer Top-Scientologen eine besondere Brisanz. "Es packen aus die rechte und die linke Hand des Bosses", sagte Caberta.
Ulrike Timm: Und darüber wollen wir sprechen mit Ursula Caberta. Sie leitet die AG Scientology in Hamburg und ist eine der weltweit schärfsten Kritikerinnen der Organisation. Schönen guten Tag!
Ursula Caberta: Tag!
Timm: Frau Caberta, das sind zwei Führungskräfte des innersten Kreises, die da auspacken, das hat zweifellos besondere Qualität, aber erläutern Sie uns bitte mal genauer: Wer packt da aus?
Caberta: Es packen aus die rechte und die linke Hand des Bosses David Miscavige, also dem Führer von Scientology weltweit. Die beiden waren praktisch die linke und die rechte Hand dieses Menschen, und das schon ein paar Jahre, sind auch mit ihm groß geworden in der Organisation, sind also nicht zufällig in den Funktionen, in denen sie waren, und insofern hat das eine besondere Brisanz. 
Timm: Und welche Bedeutung hatten die beiden für Scientology als Funktionäre?
Caberta: Also der Mark Rathbun, der eine, der auch am meisten erzählt bisher, war verantwortlich für die internationalen Finanzen eine ganze Zeit, war aber auch so etwas mehr so der Troubleshooter von dem David Miscavige. Immer, wenn irgendwo was querlief, denn wurde der eingesetzt. Es gibt Aussagen von ihm, dass er auch, als Tom Cruise, also das Aushängeschild von Scientology, sich mal absetzen wollte, eingesetzt wurde, ihn wieder einzufangen und Ähnliches. Also das ist schon eine der bedeutendsten Personen dort gewesen.
Timm: Mark Rathbun hat ja als Finanzchef durchgesetzt, dass Scientology als Kirche in den USA steuerbegünstigt ist. Es geht also auch um Geld, wenn er jetzt über Betrug redet. Heißt das im Umkehrschluss, ohne ihn wäre Scientology in den USA keine anerkannte religiöse Bewegung, sondern ein schlichtes, etwas obskures Unternehmen?
Caberta: Na ja, das ist auch so ganz nicht richtig, sie sind in den USA nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt, das gibt's in den USA ebenso wenig wie woanders, sondern sie sind steuerbefreit, also ein gemeinnütziger Verein, was aber an den politischen Auswirkungen nichts ausmacht. (…) war dafür mit zuständig, und David Miscavige, also die beiden, haben die ganzen Sachen mit der US-amerikanischen Finanzbehörde geführt, haben das durchgesetzt, und darüber plaudert er jetzt, dass das zustande gekommen ist dadurch, dass sie Beamte und Mitarbeiter der US-amerikanischen Finanzbehörde mit Klagen und sonst was überzogen haben und es dann einen Deal gab: Wir ziehen unsere Klagen zurück - Tausende von Klagen, es waren nicht ein paar - und dafür kriegen wir die Gemeinnützigkeit, also die Steuerbefreiung.
Das hat also nichts damit zu tun, dass das in irgendeiner Form irgendetwas Weltanschauliches oder Religiöses ist, war schlicht und ergreifend ein Deal, damit das Finanzministerium endlich Ruhe vor diesen Attacken von Scientology hat. Und dass er das jetzt erzählt, ist natürlich viel Wert, weil aus dieser Steuerbefreiung sich ganz viel politischer Druck aus den USA ergab.
Timm: Beide sind aber schon vor längerer Zeit ausgestiegen, und man muss kein Freund von Scientology sein, um zu vermuten, dass da persönliche Rechnungen offen waren und jetzt heftigst nachgetreten wird. Sind beide vollkommen glaubwürdig?
Caberta: Natürlich, wobei Mike Rinder natürlich noch viel mehr. Natürlich sind sie glaubwürdig, alle Aussteiger aus Scientology sind glaubwürdig, und mit offenen Rechnungen hat das auch nichts zu tun, sondern die beiden sind einen Weg gegangen, den schon viele vor ihnen gegangen sind. Es sind auch früher schon Führungspersonen ausgestiegen, allerdings nicht die rechte und die linke Hand des Bosses, das macht die Brisanz noch mal deutlich.
Und der Mike Rinder war ja der oberste internationale Geheimdienstchef von Scientology, der ja auch einiges erledigt hat für die Organisation, an Kritikerbekämpfung und Verfolgung von Aussteigern. Insofern ist das nicht irgendwer. Die sind glaubwürdig, die sind absolut glaubwürdig, wie alle Aussteiger mit ihrer Geschichte, die sie in Scientology erlebt haben, immer glaubwürdig waren.
Timm: Welche Folgen hat denn dieser Krach für Scientology? 
Caberta: Also im Moment ist es so, dass in den USA dadurch, dass sie auch gesprochen haben, öffentlich gesprochen haben - das machen ja nicht alle, viele haben ja auch Angst vor den Repressalien, die dann Herr Miscavige mit seinen Truppen anlegt, und sagen lieber nichts. Die beiden sprechen jetzt öffentlich auch in den USA. Das kann das Ende von Scientology bedeuten, wenn das in den USA aufgenommen wird und auch die US-amerikanischen Behörden sehen, dass das, wenn die beiden Führungskräfte reden, vielleicht doch nicht das so ne harmlose Truppe ist, wie das in den letzten Jahren von den Vereinigten Staaten immer dargestellt wurde.
Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton", im Gespräch mit der Scientology-Kritikerin Ursula Caberta. Frau Caberta, wenn zwei Ex-Führungskräfte Scientologys offenbaren, was immer vermutet wurde, aber schwer zu beweisen ist - es gibt Gewalt, es geht um Geld, das ist letztlich der Kern -, schwächt das Scientology auch über die amerikanischen Grenzen hinaus?
Caberta: Ja natürlich. Außerdem, also was die beiden erzählen, dass Miscavige seine Leute prügelt und dass sie auch von ihm geschlagen worden sind, also Gewalt als Repressalie an der Tagesordnung ist vom obersten Boss, das macht natürlich kein gutes Bild, auch nicht in den USA. Und sie berichten ja auch, dass sie selber auch geschlagen haben, weil das sich von oben nach unten fortsetzt. Also das wirft ein Bild auf Scientology, was für viele, die sich mit Scientology auseinandersetzen, jetzt nicht überraschend ist, aber in der Dramatik, wie die das schildern, dass sie auch in Wasser geschmissen worden mit vollen Klamotten und mit nassen Klamotten dann da rumlaufen mussten und Ähnliches, das hat ja voll da ähnliche eben Ausmaße, die da stattfinden, und zwar auch bei den Führungskräften. Das wirft natürlich ein Bild auf Scientology, was bisher vor allen Dingen in den USA in der Öffentlichkeit so noch nicht diskutiert wurde. 
Timm: In Deutschland tritt Scientology ja als sehr smarte Organisation auf. Welche Strategie wird denn aktuell in Deutschland verfolgt, um wen wird vor allem geworben?
Caberta: Scientology wirbt immer um alle, also die nehmen jeden. Sie haben die verschiedensten Abteilungen, die zuständig sind. Das World Institute of Scientology Enterprises, der Wirtschaftsarm, die sind für die Wirtschaft zuständig, um über Kommunikationsberatung, Unternehmensberatung die Leute und damit auch die Firma in die Organisation zu ziehen.
In Hamburg haben wir ja im Gegensatz zu Berlin keine Straßenwerbung mehr, also das sogenannte "raw meat", rohe Fleisch, so heißen in der Scientology-Sprache die Nichtscientologen, können sie in Hamburg von der Straße nicht mehr fischen, das ist in anderen Städten dieser Republik noch anders. Also wir müssen ihnen so ein bisschen was abschneiden, aber das sind die üblichen Werbemethoden, die gab's immer. Und an der Strategie hat sich auch noch nichts geändert. Vielleicht ändert sich das, wenn Miscavige in den USA fällt und der ganze Laden zusammenbricht. Ich meine, dann kann ich mir wohl endlich 'nen neuen Job suchen.
Timm: Sie selber haben in fast zwei Jahrzehnten Arbeit gegen Scientology Ihre Meinung geändert. Viele Jahre wollten Sie "nur" in Anführungszeichen umfassend aufklären, meinen aber inzwischen, Scientology müsse verboten werden in Deutschland. Warum? Und was sollte das bringen?
Caberta: Na ja, Aufklärung hat natürlich 'ne ganze Menge gebracht. Also ich glaube, Scientology in Deutschland hat es schwerer als in anderen Ländern, und auch durch die Beobachtung durch den Verfassungsschutz, also das Einsortieren dieser Organisation in die neue Form des politischen Extremismus, es war natürlich ein Riesenschritt, die da hinzubringen, wo sie hingehören, in die politisch extremistische Ecke. Aber politische Extremisten guckt man sich ja umsonst intensiver an als andere Gruppen, um dann irgendwann vielleicht auch zu sagen: Die werden für unsere Gesellschaft zu gefährlich, dass wir sie verbieten lassen müssen. Und zu dieser Auffassung ist das Land Hamburg - ist ja nicht meine persönliche Auffassung, sondern ich arbeite ja für die Hamburger Landesregierung -, es ist also Auffassung der Hamburger Landesregierung und des Landes Bayern, Hamburg und Bayern Hand in Hand in dieser Frage. Ich glaube, wenn die sich nicht selbst zerlegen, gerade da in den USA, wenn das nicht gelingt, werden wir nicht drumrum kommen, sie irgendwann hier zu verbieten, um Mensch und Gesellschaft vor dieser Organisation zu schützen.
Timm: Frau Caberta, kann ich Sie zum Schluss verführen, auf einer Skala von eins bis zehn mal zu orten, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist nach diesen Ereignissen, dass sich Scientology selbst zerlegt und Sie sich einen neuen Job suchen müssen? 
Caberta: Na ja, eins ist die höchste oder zehn ist die höchste Wahrscheinlichkeit?
Timm: Die Zehn ist die höchste. 
Caberta: Dann sind wir jetzt bei drei. 
Timm: Da haben wir noch viel Luft nach oben. 
Caberta: Das stimmt. 
Timm: Ursula Caberta, die schärfste Scientology-Kritikerin in Deutschland und eine der schärfsten weltweit, über die neuesten Vorgänge bei Scientology. Vielen herzlichen Dank fürs Gespräch! 
Caberta: Gerne!

Polskaweb News, 08.07.2009
Neue Scientology-Offensive in Polen 
Mit einer kontroversen Kampagne ist die umstrittene Scientology Sekte wieder einmal in Polen auf Aquise. Nachdem man hier in den vergangenen zwei Jahrzehnten so gut wie garnicht Fuß fassen konnte, versucht man nun über Bildungseinrichtungen Zugang zum Volke zu finden. Zeichen für eine bereits begonnene Offensive ist der bereits laufende Versand von 60 Tausend kostenlosen Büchern an 3800 polnischen Bibliotheken. Die unerwünschte Aktion wird über den deutschen Hauptsitz von Scientology durchgeführt und über Dänemark finanziert und koordiniert, wo ein gewisser Nandor Juchos die umstrittene "Groß-Spende" mit dem angeblichen Bedarf der Menschheit nach Zugang zu den Original-Materialien des Sekten Gründers Ron Hubbard rechtfertigt. Die Scientology Kirche gilt weltweit als eine der gefährlichsten Sekten, die über eine relativ primitive Gehirnwäsche ihre Mitglieder dazu verleitet, ihren persönlichen wirtschaftlichen Erfolg mit der Führungsriege der Organisation zu teilen. Das Nationale Sicherheitsbüro Polens in Warschau warnt nicht umsonst vor Scientology. Auch in vielen anderen Ländern dieser Welt hat man das Problem mit der Sekte bereits vor Jahren erkannt und setzt sogar Geheimdienste ein, um Gründe für deren Ablehnung zu sammeln. Besonders in Deutschland und jetzt auch verschärft in Frankreich gehen Behörden gegen die Ausbreitung von Scientology im Lande vor. Die Erfolge in diesem Kampf sind allerdings eher mager, da man zwar einzelnen Mitgliedern "Verfehlungen" nachweisen kann, aber nicht der gesamten Organisation an sich. In Polen hatte Scientology bereits in den frühen 90er Jahren versucht Fuß zu fassen, was aber damals nicht gelang. Ebenso wie in Ostdeutschland war man auf eine breite Ablehnung gestossen. Das berechtigte Mißtrauen der Bürger aus den ehemaligen sowjetischen Satelliten- Staaten hatte der Sekte erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Bibliothek der Universität Warschau hat bereits ein "Scientology Paket" bekommen und 19 Titel von Sekten- Gründer Ron Hubbard in ein Regal mit der Bezeichnung "Mystik" einsortiert. Man ist offen gegenüber fremden Weltanschauungen, von Ron Hubbard oder Scientology hatte man im Übrigen aber noch nicht gehört, und die Bilder von Tom Cruise und Gattin Katie Holmes kannte man schon aus der Klatschpresse. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckte man in einem Hubbard Buch namens "Planetary Interiors" plötzlich ein Beiblatt auf dem die "Spender" um die Erstattung von Versandkosten usw. in Höhe von einigen Hundert Zloty bitten. Nach Aussage des Leiters dieser Bibliothek hatte der Verlag "New Era Publications" aus Berlin bereits zweimal größere Pakete mit Scientology Büchern geschickt, doch habe man hiervon keines hiervon wirklich gebraucht oder genutzt, zudem sie nicht einmal in polnischer Sprache vorlägen. Auch in anderen öffentlichen Bibliotheken Warschaus findet man Bücher von Scientology. Spenden sind hier generell willkommen und werden auch angenommen. Einige Bücher Hubbards wurden auch ins Polnische Übersetzt und schon vor ein paar Jahren über Ungarn an diverse Schul- Bibliotheken in Polen gesandt. Freundlich ermutigte man Lehrer, in den Begleitschreiben der Pakete aus Budapest, doch die Inhalte der Hubbard Bücher alsbald in die Lehrpläne aufzunehmen. Diese jetzt laufende große Buchaktion Scientologies soll aber nur die erste Phase des Plans zur Expansion in Polen sein. Im Berliner Zentrum der Sekte bastelt man schon seit 2007 an neuen Strategien, wie man Polen, die Tschechische Republik und andere Länder in Mittel-Europa ideologisch in den Griff bekommen kann. Neue Scientology Dianetik Zentren und Kurse in Breslau, Krakau und Warschau beweisen, dass man sich nun auch schon räumlich in Polen einnistet.

taz Hamburg, 22.06.2009, Uta Gensichen
Hubbard macht Schule 
WERBEKAMPAGNE Die Hamburger Scientology-Kirche verschickt derzeit Briefe an Schulen. Darin lädt sie Religionsklassen zu einem Besuch ein. Die Innenbehörde ist alarmiert
Die Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Innenbehörde warnt derzeit vor einer massiven Werbekampagne der Scientology Organisation an Schulen. Ziel der Kampagne sei es demnach, die verfassungsfeindliche Lehre der Scientologen in den Religions- und Ethikunterricht einzubringen. Vor rund zwei Wochen hatten die ersten Briefe Schulen in Hamburg und Umgebung erreicht, sagt Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe. Darin bitte die Organisation um ein Gespräch und biete Klassen den Besuch in der Scientology-Zentrale sowie Informationsmaterial an. "Das Ziel ist immer dasselbe", sagt Caberta. Über das Bildungssystem wolle Scientology an die Menschen herankommen. Es ginge der Organisation vor allem darum, Menschen abhängig zu machen und wirtschaftlich auszunutzen. Mit Religion und Kirche habe das nicht zu tun. Caberta warnt davor, auf das Angebot einzugehen: "Andere verfassungsfeindliche Institutionen werden doch auch nicht in Schulen eingeladen." Neu an der Kampagne sei, dass Scientology in die Öffentlichkeit gehe, ohne sich hinter dem Namen einer Unterorganisation zu verstecken. "Seit langer Zeit tritt sie mal wieder mit offenem Visier auf", sagt Caberta. In Norddeutschland aktive Initiativen der Scientologen seien etwa "Jugend für Menschenrechte" und "Sag Nein zu Drogen - Sag Ja zum Leben". Diese Gruppen haben in den vergangenen Jahren von Hamburg aus durch Broschüren und Kundgebungen auf sich aufmerksam gemacht. Eine direkte Verbindung zur Scientology-Kirche ist in den Veröffentlichungen auf Anhieb nicht erkennbar. So harmlos sich deren Inhalte zunächst anhörten, man dürfe nicht vergessen, wer sich damit tarnt, sagt Caberta. Die Scientology Kirche Hamburg wirft indes der Innenbehörde vor, in die Meinungsfreiheit einzugreifen. "Das ist ein Indikator für den Versuch der staatlichen Bevormundung", sagt Pressesprecher Frank Busch. Mit der Schulkampagne mache die Organisation allein von ihrem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch. Das Angebot an die Schüler, die Schriften des Scientology-Erfinders L. Ron Hubbard kostenfrei zu nutzen, diene demnach ausschließlich der Meinungsbildung. "Schließlich schaut jeder Schüler ja auch in die Bibel, um dann darüber zu sprechen", sagt Busch. Diese scheinbar wissenschaftliche Begründung könnte laut Verfassungsschutz allerdings der Versuch sein, jugendliche Mitglieder zu werben. Dem aktuellen Bericht zufolge ist die aus rund 700 Mitgliedern bestehende Hamburger Organisation überaltert. Bis auf die Kinder von Scientologen fehle es der hiesigen Kirche an Nachwuchs. Mithilfe von unauffälligen Jugendinitiativen oder dem direkten Weg in die Schulen hoffen die Scientologen darauf, den Mitgliederschwund aufhalten zu können. Im Juni 1997 hatten sich die Innenminister des Bundes und der Länder (IMK) darauf geeinigt, Scientology durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Demnach ginge aus den Schriften der Organisation hervor, dass zentrale Verfassungswerte wie die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung außer Kraft oder eingeschränkt werden sollten.
UTA GENSICHEN ÜBER DIE SCIENTOLOGY-WERBEAKTION 
Lernen, kritisch zu sein 
Scientology ist weniger eine Religionsgemeinschaft, als vielmehr eine intransparente Vereinigung von vielen, die sich von wenigen das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Der Verfassungsschutz weist schon lange auf die totalitären Tendenzen hin, die sich in den Schriften der Scientologen ablesen lassen. Vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, heißt aber nicht zwangsläufig, eine Gefahr für die Demokratie zu sein. Solange Scientology hierzulande ihre so genannten Lehren verbreiten darf, können Kritiker zwar vor den Gefahren warnen - verbieten können sie die Auseinandersetzung mit Scientology dennoch nicht. Die eigentliche Frage bleibt demnach: Warum sollen sich Schüler nicht mit den Texten des amerikanischen Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard beschäftigen? Scientology hat nicht ganz Unrecht, wenn sie sagt, das trage zur freien Meinungsbildung bei. Wie sonst sollen junge Menschen zu Verfechtern der Demokratie werden, wenn sie die Argumente der Gegner nicht kennen? Natürlich dürften Lehrer solcherlei Literatur nicht unkommentiert stehen lassen. Schüler müssen kritisches Denken erst lernen. Sie wohlwollend von verfassungsfeindlichen Gedanken fernzuhalten, fördert nicht die Urteilsfähigkeit, sondern unhinterfragtes Ja-Sagen. Und nichts schadet der Demokratie mehr als das.

NDR Online-Nachrichten, 19.06.2009
Hamburg- Innenbehörde warnt vor Kampagne von Scientology
Die Innenbehörde hat vor umfangreichen Werbemaßnahmen der Scientology-Organisation an Hamburger Schulen gewarnt. "Ziel dieser Kampagne ist es, die verfassungsfeindliche Lehre der Scientologen unter dem Deckmantel der Religions- bzw. Menschenrechtsdiskussion in den Unterricht einbringen zu können", teilte die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology, Ursula Caberta, am Freitag mit. In einem Schreiben an die Schulen bitte die Organisation um ein Gespräch und biete einen Besuch in der Scientology-Zentrale sowie kostenloses Unterrichtsmaterial an. "Scientologen wollen direkten Kontakt aufnehmen" "Die Scientologen verfolgen ihre übliche Strategie und wollen den direkten Kontakt aufnehmen, um so an die Menschen heranzukommen", sagte Caberta. Lehrer, Eltern und Schüler müssten sich jedoch klarmachen, dass hinter Scientology das verfassungsfeindliche Menschenbild des Gründers L. Ron Hubbard stehe. Der Organisation gehe es vor allem darum, Menschen abhängig zu machen und wirtschaftlich auszunutzen.

Zürcher Oberländer, 16.06.2009
Scientology im Coop 
Georg Schmid kritisiert geplantes Musical Hinter einer geplanten Musical-Aufführung vom Mittwoch steht eine Sekte, sagt Experte Georg Schmid. Diese Aufführung wird die Coop-Verkaufsleitung wohl kritisch begutachten: Am Mittwoch ist die Zürcher «Ziel»-Schule mit einem Kindermusical zu Gast im Hinwiler Coop Megastore. Doch diese Privatschule ist nicht wie jede andere: Den Schülern werden unter anderem die Lehren von Scientology-Gründer Ron L. Hubbard näher gebracht. Sektenexperte Georg Schmid befürchtet darum, dass die Schule am Mittwoch nach neuen Schülern und somit potenziellen Mitgliedern suchen wird. «Keine Anwerbung» Schmid findet es bedenklich, dass das Musical an einem solchen Ort stattfindet: «Die Eltern werden nirgends darüber informiert, dass es sich um eine Scientology-Privatschule handelt.» Bei der «Ziel»-Schule beteuert man, keine neuen Schüler anwerben zu wollen; das habe man nicht nötig. Die Schule existiert seit zehn Jahren und wurde auf einem Angebot an Privatunterricht aufgebaut; sie gibt sich auf ihrer Homepage als «überkonfessionell». (heu)

KNA-Basisdienst vom 16.06.2009 
Frankreich: Staatsanwaltschaft fordert Auflösung von Scientology 
Paris (KNA) Im Prozess gegen Scientology in Paris hat die Staatsanwaltschaft die Auflösung der Organisation verlangt. Zudem forderten die Staatsanwälte, die beiden wichtigsten französischen Scientology-Vereinigungen zu jeweils zwei Millionen Euro Geldbuße zu verurteilen, wie französische Medien am Dienstag berichteten. Der spirituelle Leiter der Organisation, Alain Rosenberg, solle zu vier Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldbuße von 150.000 Euro verurteilt werden. Geldbußen und Bewährungsstrafen forderten die Staatsanwälte auch für fünf Mitangeklagte. Scientology wird bandenmäßiger Betrug und illegale medizinische Betätigung vorgeworfen. Der Prozess gegen die Organisation hatte Ende Mai begonnen. Er soll am Mittwoch zu Ende gehen. Ein Urteil wird aber erst in einigen Wochen erwartet. Dem Prozess voraus gingen neun Jahre dauernde Ermittlungen. Geklagt hatten zwei ehemalige Scientology-Mitglieder. Drei weitere Klagen wurden laut Medienberichten zurückgezogen, nachdem Scientology mit den Klägern eine finanzielle Einigung erreicht hatte. Es ist der zweite Prozess gegen Scientology in Frankreich. 2003 war die Organisation vom Vorwurf des Betrugs freigesprochen worden. Sie wurde damals aber wegen Verstoßes gegen die Datenschutzbestimmungen verurteilt. Bereits in den 1990er Jahren wurden führende Scientology-Mitglieder sowohl in Lyon als auch in Marseille wegen Betrugs verurteilt.

Der Westen, 04.06.2009, Silke Hoock und Jürgen Polzin
Verfassungsschutz Scientology schleicht sich in Firmen ein 
Düsseldorf/Essen. Verfassungsschützer und Sekten-Experten raten der Wirtschaft in NRW eindringlich, Unternehmen vor einer Einflussnahme durch die Scientology-Organisation zu schützen. Vorgesetzte sollen Mitarbeiter unter Druck gesetzt haben. „Leitende Angestellte eines Betriebes sollten eine Abstandserklärung unterzeichnen, in der sie sich von den Zielen der Scientologen distanzieren”, sagte Dirk Ritter-Dausend, Experte im NRW-Innenministerium, im Gespräch mit der WAZ-Gruppe. Bei Verstößen könnten dann arbeitsrechtliche Schritte eingeleitet werden. Nach Erkenntnissen des NRW-Innenministeriums und der Beratungsstelle Sekten-Info NRW sind 15 Fälle bekannt, in denen Vorgesetzte ihre Mitarbeiter zur Teilnahme an Scientology-Kursen oder zu Studien von Büchern der Organisation genötigt hätten. Betroffen seien oft kleinere Unternehmen ohne Mitarbeitervertretung. Ziel sei es, Mitglieder zu gewinnen und Geldquellen zu erschließen. Scientology steht seit 1997 im Blickfeld des Verfassungsschutzes. Laut NRW-Innenministerium strebt die Organisation eine Führung der Gesellschaft an. Sie verfüge über Strukturen mit totalitärem Anspruch und menschenverachtenden Tendenzen. Weltweit habe Scientology 100 000 Mitglieder. In Deutschland seien es 5000, in NRW 400. Schulungen als verkappte Werbung Die Gefahr für Unternehmen geht laut Experten von betriebsinternen Kursen aus. Scientologen würden darin für Ziele der Organisation werben. Werde ein Unternehmen für Schulungen engagiert, sei Vorsicht angebracht, warnte Ritter-Dausend. Er mahnte, auf Wortmarken und Symbole zu achten. Die Scientology Kirche Düsseldorf sprach von einer „Desinformationskampagne” und wies die Vorwürfe zurück: „Uns sind keine Fälle bekannt bei denen Mitarbeiter von Firmen unter Druck gesetzt werden, um Kurse bei Scientology zu belegen”, teilte die Organisation mit. Scientology verwies mit Blick auf die geforderte Abstandserklärung auf Urteile, die eine solche Erklärung als verfassungswidrig abstempelten. Sie würde auch dem Recht auf Religions- und Meinungsfreiheit diametral entgegenstehen. Scientology erklärte zudem, Kontakt mit den Behörden und Beratungsstellen zu suchen, „um falsche Informationen zu korrigieren.”
Neue Masche von Scientology
Essen. Verfassungsschützer, Sekteninfo NRW und Handelskammer Dortmund sind beunruhigt: Scientology benutzt Führungskräfte von Unternehmen, um deren Untergebene als Mitglieder zu gewinnen. Und nistet sich in den Firmen ein, um an Geld zu kommen. Am Ende der Unterredung wurde der Chef dann deutlich. „Man spreche hier eine gemeinsame Sprache, sagte er dem Auszubildenden. Dann forderte er ihn auf, das Buch ,Dianetik' des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard zu lesen. Als sich der Azubi weigerte, wurde der Chef noch deutlicher. Du bist unser Feind im Team, sagte er.” Sabine Riede, Leiterin der Beratungsstelle Sekten-Info NRW, erzählt diese Geschichte. Sie nennt keine Namen. Ihre Erkenntnisse alarmieren Verfassungsschützer, Vertreter von Industrie- und Handelskammern, Abgeordnete des NRW-Landtags. Nun warnen sie gemeinsam: Die Scientology-Organisation hat in NRW die Wirtschaft infiltriert, benutzt Führungskräfte, um deren Untergebene als Mitglieder zu gewinnen. Es geht ums Missionieren und darum, Geld zu machen, sagt Marc Ratajczak, sektenpolitischer Sprecher der CDU im NRW-Landtag. Im Visier: die Firmen Sekteninfo NRW berichtet von 15 Unternehmen in NRW, in denen Mitarbeiter von Scientologen wiederholt und massiv unter Druck gesetzt worden sind. Die Vorfälle hätten sich in Unternehmen verschiedener Branchen ereignet: Immobilien, Kreditvergabe, Druckereien, Spielwaren, Geschenkartikel. Auch Handwerksbetriebe seien darunter, sagt Sabine Riede. Das Wirken von Scientology habe insbesondere in kleineren, mittelständischen Unternehmen ohne Mitarbeitervertretung Erfolg, so Experten. Marc Ratajczak berichtet von dem Fall eines jungen Auszubildenden, der bei einem Düsseldorfer Immobilienhändler beschäftigt gewesen sei. Der Geschäftsführer habe ihn dazu zwingen wollen, Scientology-Seminare zu besuchen. Immer wieder habe er insistiert. „Der Auszubildende hat schließlich die IHK um Hilfe gebeten. Man hat ihm eine neue Lehrstelle besorgt.” Das Vehikel: die Macht Die Anwerbeversuche richteten sich meist gegen Untergebene, sagt Sabine Riede. „Die Möglichkeit, am Arbeitsplatz Macht auszuüben, ist das Vehikel.” Auszubildende könnten besonders leicht unter Druck gesetzt werden. Denn: „Nur die Mutigsten entscheiden sich, direkt zu Beginn ihrer Arbeitskarriere eine Ausbildung abzubrechen.” In Betrieben, in denen ein Teil der Belegschaft zu Scientology gehöre, würden „Abtrünnige” durch Spitzeldienste unter Druck gesetzt, hören die Berater von Betroffenen. Es sind übliche Mobbing-Methoden, sagt Sabine Riede: „Äußerungen wurden dem Chef zugetragen, E-Mails und Rechner überwacht. Dadurch entstand ein Klima der Angst.” Die Masche: Coaching Das Einfallstor ist die Sprache, sagen Beobachter. Kommunikations-Kurse und Persönlichkeitstraining seien typische Situationen, in denen Anwerbeversuche gestartet würden, berichtet Sabine Riede. Ihr Beispiel: „Der Chef verordne betriebsinterne Weiterbildungen, die sich als spezielle Kurse von Scientology-Organisationen entpuppen. Die Anbieter sind uns namentlich bekannt, in den Kursen fallen typische Sätze, oder wir erkennen es an den Titeln der Bücher.” Teilnehmer der Kurse hätten berichtet, dass sie sich in die Augen schauen sollten, ohne dabei eine Regung zu zeigen. „Das Training dauert so lange, bis der Scientologe meint, das Ziel sei erreicht.” Wer sich entziehe, würde unter Druck gesetzt. Riede: „Wer keinen weiteren Kurs wollte, wurde im Betrieb mit Missachtung bestraft. Wer sich positiv äußerte, wurde mit Gehaltserhöhungen belohnt.” Das Motiv: Geld Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes stehen in NRW kommerzielle Aktivitäten der Organisation im Vordergrund. Die Staatsschützer warnen: Scientology erschließt sich Geldquellen. Kurse für Einsteiger kosteten einige hundert Euro, für höhere Stufen könnten fünfstellige Beträge verlangt werden. Dirk Ritter-Dausend, Scientology-Experte im NRW-Innenministerium: „Wenn es der Organisation gelingen sollte, mit einem Unternehmen enge Verbindungen aufzubauen oder es sogar zu unterwandern, ist das bei Bekanntwerden mit hohen Reputationsschäden verbunden. Das kann schlimmstenfalls zur Insolvenz des Unternehmens führen.” „Jede Menge Geld” Die Industrie- und Handelskammer zu Dortmund nennt Fall einer Dortmunder Bäckerei, die Insolvenz anmelden musste. „Aus dem Unternehmen wurde jede Menge Geld gezogen”, sagt Sprecher Georg Schulte. Auch Sekteninfo NRW berichtet von Finanzströmen. Sabine Riede: „Mir ist ein Fall bekannt, bei dem ein Firmenchef regelmäßig 18 Prozent seines Gewinns an Scientology gespendet hatte.”

heiseticker.de, 29.05.2009
Wikipedia sperrt IP-Adressen von Scientology aus 
Das Wikipedia-Schiedsgericht[1] hat entschieden, Beiträge oder Beitragsänderungen von Mitgliedern der sogenannten Scientology Church ab sofort zu verhindern. Das soll erreicht werden, indem IP-Adressen, die der Organisation zugeordnet werden können, ausgesperrt werden. Diese werden demnach ebenso gehandhabt wie Adressen von offenen Proxys, die bei Wikipedia unerwünscht sind. Das Schiedsgericht hatte erwogen, die Sperre nur für Artikel einzurichten, die in einem Zusammenhang mit Scientology stehen, doch das erschien letztlich nicht umsetzbar. Die Aussperrung der US-amerikanischen Organisation, die auch in Deutschland vertreten ist, wurde im Schiedsgericht seit dem 11. Dezember 2008 diskutiert; insgesamt lief dort das vierte Verfahren rund um Scientology. Wikipedia hat sich dazu verpflichtet, alle Einträge von einem neutralen Standpunkt aus zu verfassen. Diesen hätten Nutzer verlassen, die Scientology zugeordnet werden können, indem sie Werbung in eigener Sache gemacht hätten. Nutzer sollen von Scientology aus Artikel bearbeitet und ihre Aktionen mit ihresgleichen koordiniert haben.

Baseler Zeitung 25.5.09, Claudio Habicht
Flüchten Frankreichs Scientologen in die Schweiz?
Frankreich macht Scientology den Prozess. Kommt es zu einem Schuldspruch, droht der Sekte dort das Ende. Viele Anhänger könnten in die Schweiz ausweichen, glaubt Experte Georg Schmid. Scientology in der Schweiz In der Schweiz gibt es laut Sektenexperte Georg Schmid von der evangelischen Informationsstelle «Kirchen – Sekten – Religionen» mehrere Hundert aktive Scientologen. Im Vergleich zu anderen Ländern sei das eine grosse Anzahl. «Gerade das hohe Einkommensniveau ist für die Sekte interessant: Nach Aussage von Ehemaligen ist jeder sechste Scientologe auf der höchsten Kurs-Stufe Schweizer.» Schmid schätzt Scientology als gefährliche Sekte ein: Sie übt grossen Druck auf ihre Mitglieder aus, Kurse zu kaufen, und hat Mitglieder öfters auch veranlasst, zur Finanzierung der Kurse Kredite aufzunehmen. «Menschen, die bei Scientology aussteigen, sind oftmals hoch verschuldet.» Die Anklage gegen Scientology lautet: organisierter Bandenbetrug. Folgen ihr die Richter des Pariser Gerichts, könnte die Sekte in Frankreich zwangsaufgelöst werden. Für den harten Kern der Sekte – etwa 1000 bis 2000 Personen – bliebe nur eines: Auswandern. «Es ist anzunehmen, dass die Scientologen versuchen werden, in andere französischsprachige Gebiete auszuweichen», sagt Sektenexperte Georg Schmid von der evangelischen Informationsstelle «Kirchen – Sekten – Religionen» im zürcherischen Rüti. «Lockerer Umgang mit Extremisten» Die Schweiz ist besonders attraktiv für die Scientologen: Die Behörden schränken so genannte weltanschauliche Gemeinschaften hierzulande nicht ein. «In der Schweiz ist man lockerer im Umgang mit Extremisten», sagt Schmid. Der Sektenexperte vermutet, dass die Scientologen in Genf oder in Lausanne in Lauerstellung gehen würden. Nicht nur die Romandie, auch andere frankophone Gebiete bieten sich den Scientologen an. «Québec wäre eigentlich naheliegender als die Schweiz. Die kanadische Provinz liegt näher an der Zentrale in den USA.» Für Sektenexperte Schmid ist allerdings klar, dass nur vermögende Scientologen die Möglichkeit hätten, nach Übersee zu gehen. Gar nicht in Frage kommt Belgien: Die dortigen Behörden betreiben eine ähnlich scharfe Antisektenpolitik wie Frankreich. Druck aus den USA vorprogrammiert Der Prozess in Paris dauert noch bis 17. Juni. Eines ist für Schmid aber schon jetzt klar: «Das wird einen riesigen Wirbel geben. Die Scientologen sind gut mit der US-Politik vernetzt, ein französisches Verbot würde in den USA als Schlag gegen die Religionsfreiheit angesehen.» In Deutschland, wo die Sekte als totalitäre Organisation eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet wird, hat man laut Schmid genau aus diesem Grund von einem Verbot abgesehen. Der Druck aus den USA sei zu gross geworden. Bei Scientology will man keine Stellung nehmen zur möglichen Abwanderung von französischen Mitgliedern in die Schweiz: «Wir gehen davon aus, dass der Fall eingestellt wird», sagt Sprecherin Annette Klug.

AFP, 25.05.2009
In Tschechien öffnet angeblich Scientology-Grundschule
Prag (AFP) — In Tschechien wird laut einem Pressebericht demnächst mit Billigung der Regierung eine Grundschule eröffnet, die Verbindungen zur umstrittenen Scientoloy-Organisation haben soll. Die Schule werde im September ihre Pforten öffnen, berichtete die tschechische Wochenzeitung "Tyden" laut einer Vorabveröffentlichung. In der Einrichtung mit dem Namen "Erste Schule für angewendete Scholastik" werde nach der Methode des Scientology-Gründers Ron Hubbard unterrichtet. Zunächst solle es drei Klassen mit acht bis 15 Schülern geben, die jeweils ein Schulgeld von umgerechnet 131 Euro monatlich bezahlen sollten. Das tschechische Bildungsministerium habe Scientology 2004 zwar als gefährliche Sekte eingestuft, die Schulgründung aber erlaubt, berichtete "Tyden". Er habe nicht gewusst, dass es sich um eine Scientology-Einrichtung handele, sagte der Beamte, der die Schule ins Register aufgenommen hatte, dem Blatt. Scientology wird vielerorts als Sekte angesehen, in den USA, wo die Organisation in den 50er Jahren gegründet wurde, hat sie den Status einer Kirche.

n-tv.de, 22.05.2009, Kerstin Löffler
Wegen Betrugs in Frankreich Scientology vor Gericht
Mit Spannungsmessgeräten und Saunakuren fürs Seelenheil verdient Scientology in Frankreich vielleicht bald kein Geld mehr. Die umstrittene Organisation steht wegen "organisierten Bandenbetrugs" ab Montag vor einem Pariser Gericht, im Falle eines Schuldspruches droht ihr die Auflösung. In dem auf zweieinhalb Wochen angesetzten Verfahren geht es um eine Frau, die 1998 einen "Persönlichkeitstest" bei Scientology gemacht hatte. In der Folge zahlte die Französin für Bücher, Medikamente und ein "Elektrometer" zur angeblichen Messung ihres geistigen Wohlbefindens über 200.000 Francs (gut 30.000 Euro) an die Organisation, die in Frankreich als Sekte gilt. *"Illegale Ausübung des Apothekerberufs"* Das so genannte Elektrometer wird Anhängern der Scientology-Lehre für tausende Euro verkauft, obwohl er nur ein paar hundert wert ist; es handelt sich um einen simplen Apparat, der die Spannung zwischen den Händen misst. Auch mit wochenlangen Saunakuren zur Reinigung von Körper und Geist sowie Vitaminpräparaten verdient die Organisation offenbar kräftig. Die Mitglieder bekämen die Vitamine in solchen Überdosen verpasst, dass sie bleiern müde würden und langsam die Beziehungsfähigkeit zur Gesellschaft verlören, zitiert das Wochenmagazin "L'Express" aus der Anklageschrift. Mehrere Scientologen stehen deshalb auch wegen "illegaler Ausübung des Apothekerberufes" vor Gericht. Es ist nicht das erste Mal, dass Scientology einen Rechtsstreit am Hals hat. Aber es ist das erste Mal, dass die Organisation sich als juristische Person vor Gericht verantworten muss. Angeklagt sind das "Celebrity Centre", die wichtigste Scientology-Struktur in Frankreich, ihr Leiter Alain Rosenberg und sechs weitere französische Mitglieder der Organisation. Die Verteidigung gibt zu, dass der Prozess "lebenswichtig" sei: "Wenn unser Mandant verurteilt wird, können die Scientologen in Frankreich nicht mehr tätig sein", sagte der Rechtsanwalt Patrick Maisonneuve dem "L'Express". *Ron Hubbard in Frankreich verurteilt* Eine erste Scientology-Vereinigung in Frankreich war 1995 aufgelöst worden, weil sie sich weigerte, Steuern zu zahlen: Statt sie als religiöse Gemeinschaft anzuerkennen, stufte Frankreich die Organisation seinerzeit als Sekte ein. Schon 1978 hatte ein französisches Gericht den Scientology-Gründer Ron Hubbard wegen Betruges zu vier Jahren Gefängnis verurteilt; der Science-Fiction-Autor aus den USA verlor den Prozess schon deshalb, weil er nicht zum Gerichtstermin erschien. Ende der 90er Jahre musste sich der ehemalige Ortsvorsitzende der Scientologen in Lyon vor Gericht verantworten, nachdem eine Anhängerin der Bewegung sich das Leben genommen hatte. Derzeit läuft in Frankreich, wo die Organisation schätzungsweise mehrere tausend Mitglieder hat, ein weiteres Verfahren, nachdem der belgische Pianist Alain Stoffen sie angezeigt hatte. *Am Rande des Selbstmordes* Stoffen war Mitte der 80er Jahre zu Scientology gestoßen und konnte sich erst 15 Jahre später dem "Reich des Hasses" befreien, wie er heute sagt. "Ich ertrage es nicht, dass diese Sekte weiterhin durch das Netz der Justiz rutscht", erklärt der Musiker, der gerade ein Buch über "Die Reise ins Herz von Scientology" geschrieben hat. Die Organisation habe seine Beziehungen zerstört und ihn an den Rand des Selbstmordes getrieben. "Ich will, dass die Masken fallen und dass die Wahrheit ans Licht kommt." Allerdings wird es nicht einfach sein. "Wenn ein Priester sich an Kindern vergeht, kann man nicht die ganze katholische Kirche anprangern", sagt Anwalt Maisonneuve. "Die Anklage muss beweisen, dass Scientology eine Bande von Schurken ist und die Absicht hatte, dies zu sein." 

Tages-Anzeiger 13.05.2009, Hugo Stamm
In der Rezession haben Sekten Hochkonjunktur
Mit den Sekten ist es wie mit den Drogen: Nach einer Phase der Angst und Empörung gewöhnt man sich an sie. Die Gefahr nimmt aber nicht ab. Ein aktuelles Ranking.
1.Scientology Scientology hat das umfassendste Heilsangebot, ein starkes Vereinnahmungssystem und vielfältige Missionsmethoden. 
Um Scientology ist es relativ ruhig geworden. Trotzdem bleibt die amerikanische Organisation die unbestrittene Nummer eins unter den Sekten. Zentrales Merkmal sind die radikale Einbindung und Vereinnahmung der Anhänger: Mitglieder der scientologischen Elite-Einheit Sea-Org unterschreiben einen Mitgliedschaftsvertrag über eine Milliarde Jahre. Gleichzeitig erhalten Sektenanhänger einen Scientology-Pass, der gültig ist, «solang das Universum existiert». Elite-Scientologen sind also bereit, ihre Seele auf alle Ewigkeit zu verkaufen. Dabei arbeiten sie 60 bis 80 Stunden pro Woche für ein besseres Trinkgeld und rutschen in eine radikale Gegenwelt ab, in der Sciencefiction die Realität überdeckt. Scientology verlangt von seinen Anhängern eiserne Disziplin. Wenn die Welt nicht in nützlicher Frist scientologisch wird, ist sie dem Untergang geweiht, trichterte der 1986 verstorbene Gründer Ron Hubbard seinen Kolonnen ein. Dies koste Schweiss und Tränen. Und viel Geld. Die Spendenskala reicht bis zu einer Million Dollar. Alle rackern sich durch das verschachtelte, teure Kurssystem. Mit Psychotechniken und Therapien wollen sie unsterbliche Genies werden. In der Kunstwelt von Scientology ist selbst der Glaube eine Technologie. Schliesslich ist die Heilslehre geprägt vom Geist der Sciencefiction-Romane Hubbards. Der einstige Chef von Scientology Österreich, Wilfried Handl, erklärt, die Sekte habe ihn zum Zombie gemacht. Nach Hubbard muss die Welt scientologisch werden. Weltweit soll es fünf Millionen und in der Schweiz 5000 Anhänger geben. Das sind Propagandazahlen, denn Scientology stagniert seit ein paar Jahren.
2. Zeugen Jehovas Zeugen Jehovas ist eine der grössten Sekten, die flächendeckend missioniert und die Gläubigen entfremdet. 
Die Zeugen Jehovas nannten sich einst ernsthafte Bibelforscher. Ernsthaft ist zumindest ihr Lebenswandel geblieben. Lebensfreude wird nicht zur Schau getragen, sie könnte Ausdruck satanischer Verführung sein. Ein Fest zum Geburtstag gibt es nicht, Rechtgläubige feiern nur Gott. Wer fremden Herren dient, verliert das Seelenheil. Deshalb leisten sie keinen Militärdienst und meiden politische Ämter. Der Gott der Zeugen Jehovas ist so übermächtig, dass er einen apokalyptischen Schatten auf die Welt wirft. Tatsächlich ist die Endzeit bei den Zeugen das Generalthema. Ihre Legitimation holten die Gründerväter Ende des 19. Jahrhunderts aus der Überzeugung des nahen Endes der Zeit, das sie aus der Bibel herleiteten. Gründer Charles Russell errechnete das Jahr 1914, seine Anhänger bereiteten sich mental auf den Tod vor - vergeblich. Die Zeugen verkündeten noch weitere apokalyptische Daten. Nun erklären sie wie andere Freikirchen auch, wir lebten «in den letzten Tagen». Tage, die nun schon Jahrzehnte dauern. Der Endzeitglaube stürzt viele junge Zeugen in einen Gewissenskonflikt. Sie überlegen sich, ob es sich lohnt, eine Ausbildung zu machen oder Kinder zu haben. Trotz der kapitalen Fehlprognosen entwickelten sich die Zeugen Jehovas zu einer grossen christlichen Glaubensgemeinschaft, die weltweit Millionen von Anhängern hat. Sie missionieren mit den Traktaten «Wachtturm» und «Erwachet». Die Zeugen Jehovas interpretieren die Bibel auf eigenwillige Weise. So auch das biblische Verbot, Blut zu sich zu nehmen. Deshalb verweigern sie Bluttransfusionen. Immer wieder sterben Gläubige deswegen. Erst kürzlich wieder eine 29-jährige schwangere Deutsche: Sie verblutete und liess das ungeborene Kind sterben.
3. Raël-Bewegung Der Wahn, den Menschen genetisch zu veredeln, und apokalyptische Ideen führen in eine Scheinwelt. 
Die Anhänger der weltweit aktiven Ufo-Sekte flüchten in eine Fantasy-Welt, in der Sciencefiction zur Wirklichkeit umgedeutet wird. Was für Aussenstehende als Autosuggestion und Konditionierung erscheint, empfinden die Anhänger als spirituelle Metamorphose. Als Zaubermeister amtet der heute 62-jährige französische Autojournalist Claude Vorilhon (Raël). Die Wandlung begann 1973. Ausserirdische, Elohim genannt, besuchten den Kultgründer mit ihren fliegenden Untertassen und offenbarten ihm, sie hätten vor 22'000 Jahren genetische Versuche unternommen. Dabei sei irrtümlicherweise das Abfallprodukt Mensch entstanden. Um ihr Missgeschick zu korrigieren, erkoren sie Vorilhon als Retter. Er soll ihnen bei der genetischen Veredelung des dekadenten Homo sapiens helfen. Die Endphase der Mission begann an Weihnachten 2002. Die Anhänger verkündeten, das erste Klonbaby Eve sei geboren. Die Meldung ging um die Welt. Heute sollen fünf geklonte Kinder existieren, gesehen hat sie aber niemand. Trotzdem könnte es dem Klonlabor der Sekte bald gelingen, Embryos im Reagenzglas zu erzeugen. Der Guru träumt sogar von der Erzeugung künstlicher Intelligenz: «Das Leben in einem Computer wird möglich.» Raëls Todessehnsüchte erinnern an den Massensuizid der Sonnentempler. «Für die Elohim zu sterben, ist das Schönste, was es auf diesem Planeten gibt», schreibt er in der Zeitschrift «Apocalypse». Dabei erinnert er an den mutigen Tod der Urchristen in den Löwengruben der Römer. Die Juden würden es den Opfern der Gaskammern verdanken, dass sie heute friedlich in Israel leben könnten. Die mehreren Hundert Schweizer Raëlianer gehören zu den aktivsten Anhängern Vorilhons. Jährliche Treffen fanden mehrmals im Wallis statt, wo die Ufo-Anhänger nackt auf Bergwiesen herumhüpften. Der Guru hätte sich gern in der Schweiz niedergelassen, doch die Walliser Behörden verweigerten ihm die Bewilligung. Sexpraktiken und Klonen widersprächen der Bundesverfassung. Das Kantonsgericht hielt fest, die Sexualerziehung der Kinder könnte pädophile Akte begünstigen.
4. Universale Kirche Die Angst vor Handystrahlen und antisemitische Tendenzen führen zur radikalen Bindung an die Pseudokirche. 
Die Universale Kirche (UK), auch Bruderschaft der Menschheit genannt, gehört zu den theosophischen Bewegungen. Guru Leach Lewis glaubt, auf medialem Weg spirituelle Botschaften von aufgestiegenen Meistern oder Avataren aus den kosmischen Sphären zu empfangen. Sein autoritäres Verhalten, der Absolutheitsanspruch und die antisemitische Geisteshaltung machen die UK zu einer Sekte mit erheblichem Gefahrenpotenzial. Mit ihrer Unterorganisation Weltfundament für Naturwissenschaften verbreitet sie Horrorvisionen jenseits religiöser Anschauungen. Wissenschaftler der Sekte behaupten, Handystrahlen und Mikrowellengeräte seien schlimmer als der Holocaust und würden Millionen von Opfern fordern. Die Schweiz ist die Drehscheibe des international tätigen Kultes. Wegen antisemitischer Aussagen («In ihrer satanischen Gier haben die Juden den 3. Weltkrieg angezettelt») wurden führende Mitglieder in der Schweiz verurteilt. Der 71-jährige Peter Leach Lewis, der zeitweise mit einer Einreisesperre belegt worden war, sieht sich als der wiedergeborene Jesus. Mitglieder der UK tauchen in eine radikale Schein- oder Gegenwelt ab, die geprägt ist von Verfolgungsängsten. Der Guru zeichnet irrationale Bedrohungsszenarien, um seine Anhänger von der realen Welt zu entfremden und an die Bewegung zu binden. Er verlangt bedingungslosen Gehorsam: «Seid ihr bereit, für euer Leben zu kämpfen? Seid ihr bereit, euer Leben für euern Mit-Chela zu geben?», schrieb er. (Mit-Chela bedeutet Glaubensbruder.) UK-Mitglieder versuchen mit vielfältigen Aktionen und Unterorganisationen, ihre Ideen in die Gesellschaft zu tragen. Sie bieten in Schulen Vorträge über den sinnvollen Umgang mit Handys an und geben die Zeitschrift «Zeitenschrift» heraus. Die Sekte hat vor allem auch bei höheren Kadern Erfolg. So zählen ein einflussreicher Manager, ein ehemaliger Rektor einer Mittelschule und ein bekannter Wirtschaftsanwalt dazu. Die Zahl der Mitglieder wird auf rund 2000 geschätzt. In der Schweiz dürften es etwa 500 sein. Das Zentrum für Europa ist in Luzern, der Kultsaal in Rotkreuz.
5. VPM Hunderte von Akademikern und Lehrern tarnen sich geschickt und beeinflussen die Schweiz auch politisch. 
Vor sieben Jahren hat sich der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) aus taktischen Gründen aufgelöst, viele Anhänger sind aus Zürich in den Hinterthurgau geflüchtet. Um sich zu tarnen, haben sie zahlreiche Bürgeraktionen, Foren und Unterorganisationen gegründet. Nach dem Rückzug der VPM-Leute ins Tannzapfenland atmete Zürich auf. Die Psychosekte um die Führerin Annemarie Buchholz-Kaiser hatte viele Politiker, Behörden und Schulen mit ihren radikalen Ansichten und Aktionen auf Trab gehalten. Wer Kritik an ihren schul-, drogen- und realpolitischen Forderungen übte, wurde eingeklagt oder angezeigt. Verfolgungsängste und Weltschmerz trieben die VPM-Leute - meist Akademiker und Lehrer - in die Provinz. Angst vor Umweltverseuchung, atomarer Verstrahlung, Terrorismus und dem Dritten Weltkrieg schweissten sie zusammen. Wie zu Zeiten des Gründervaters Friedrich Liebling vor mehr als 40 Jahren treffen sie sich zu einer Art Massentherapie. Im Beisein der Chefin diskutieren bis zu 300 Anhänger in einem Saal in Sirnach psychologische und politische Grundsatzthemen. Jeder Besucher zahlt einen Obolus. Die Kasse führt nun nicht mehr der VPM, sondern Buchholz. Die Wühlarbeit geht weiter. Manche eidgenössische Abstimmung wäre ohne die VPM-Leute nicht zustande gekommen. Das jüngste Beispiel: Die Initiative «Volkssouveränität statt Behördenpropaganda» des unbekannten Vereins «Bürger für Bürger» war vor allem das Werk von VPM-Leuten. Als Propaganda-Vehikel dient die eigene Zeitung «Zeit-Fragen».

rbb-online.de, 09.04.2009
Scientology eröffnet Büro in Berlin-Spandau 
Die umstrittene Scientology-Organisation hat sich in Berlin ein weiteres Standbein geschaffen. Nach Informationen des rbb wird sie in Kürze in der Spandauer Altstadt ein Informationsbüro eröffnen. Im Umfeld dieses Büros in der Charlottenstrasse befinden sich drei Schulen. Das Bezirksamt Spandau hatte nach eigenen Angaben vom Abschluss des Mietvertrages nichts gewusst und erst in dieser Woche erfahren, dass sich Scientology im Bezirk niederlassen wird. 2007 hatte die Organisation ihre Deutschland-Zentrale in Berlin-Charlottenburg eröffnet. Auch damals wurden die Behörden überrascht. Da Scientology als verfassungsfeindlich eingeschätzt wird, wird die Organisation inzwischen wieder vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet.

chiemgau online, 04.04.2009
Kein Platz für Scientology 
Traunstein (bjr). Bestürzt über rege Aktivitäten der Scientology-Sekte in Traunstein zeigten sich die Traunsteiner CSU-Mitglieder auf ihrer jüngsten Sitzung. Laut Mitteilung der CSU-Vorstandschaft hatten Scientologen am Faschingssamstag einen Infostand auf dem Maxplatz aufgebaut. Viele Jugendliche und Kinder, die wegen des Faschingszuges in die Stadt gekommen waren, hätten Flyer und Werbematerial von Scientology erhalten. Dabei gelte die Organisation als extremistisch und werde seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Alle CSU-Mitglieder seien sich darin einig, dass Extremisten keinen Platz in Traunstein haben dürften und man entschieden gegen jede Form Extremismus eintreten müsse. In einer gemeinsamen Erklärung von CSU-Ortsverband, CSU-Stadtratsfraktion und Junge Union stellt sich die CSU gegen das offene Werben der Sekte in Traunstein. CSU-Ortsvorsitzender Karl Schulz erklärte, die politische Gruppierungen und alle Bürgerin Traunstein sollten sich gemeinsam gegen die Scientology-Organisation stellen. „Insbesondere sollten Eltern ihre Kinder aufklären und sie dazu anhalten, keinerlei Werbematerial anzunehmen.“ Wolfgang Osenstätter, Vorsitzender der CSUStadtratsfraktion forderte, dass die Stadtverwaltung alle rechtlich zulässigen Mittel ergreifen sollte, um Informationsstände oder ähnliche öffentliche Veranstaltungen von Scientology zu unterbinden. „Die Stadtratsfraktion wird hierzu Vorschläge einbringen.“ Kreistagsmitglied Gerhard Kotter sprach sich dafür aus, aktiv auf die Gefahren hinzuweisen, die von Scientology ausgehen. „Wegschauen verschlimmert das Problem. Es ist eine Bürgerpflicht, sich gegen Extremisten zu wenden.“ Der JU-Ortsvorsitzende Christian Hümmer, sagte, besonders Kinder und Jugendliche seien einer großen Gefahr ausgesetzt.

sueddeutsche.de, 01.04.2009, Christoph Kappes
Nachhilfestudio in der Hand von Scientology
Scientology betreibt nach Beobachtungen des Verfassungsschutzes eine sogenannte Lernakademie in Pliening. Für die Elterninitiative sind die Aktivitäten ein "rotes Tuch". Der bayerische Verfassungsschutz warnt in seinem jüngst veröffentlichten Bericht vor Aktivitäten der Scientology-Organisation in Pliening: Demnach wird in der Gemeinde ein Nachhilfestudio betrieben, unter dessen Adresse eine "ranghohe Scientologin" wohne. Elternvertreter berichten, die Organisation sei für viele in der Gemeinde schon seit Jahren "ein rotes Tuch". Die im Gemeindegebiet Pliening wohnhafte Scientologin ist laut Verfassungsschutzbericht seit längerem "für die SO (Scientology-Organisation, Anm. d. Red.) im Bereich Kinder- und Jugendarbeit tätig". Aufmerksam wurden die Verfassungsschützer durch Flugblätter, die im vergangenen Sommer für eine "Lernakademie" warben und über die es eine Beschwerde aus dem Plieninger Elternbeirat gab, wie ein Sprecher des Innenministeriums berichtet. Eine entsprechende Überprüfung habe Hinweise auf Scientology bestätigt. Daraufhin sei das Kultusministerium unterrichtet worden, das wiederum die Schulen über den Hintergrund der "Lernakademie" informierte. Der Betreiber der "Lernakademie" teilte auf Anfrage der SZ mit, er stehe vor Freitag nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. "Diese Lernakademie existiert in Gelting", bestätigt Max Huber, stellvertretender Vorsitzender des Plieninger Elternbeirats und Gemeinderatsmitglied für die Wählergruppe Gelting. Die Werbezettel für das Nachhilfestudio kursieren laut Huber schon seit längerer Zeit im Landkreis, im Juli 2008 seien sie dann erstmals auch in Briefkästen aufgetaucht. Daraufhin kam es zur Beschwerde aus dem Elternbeirat beim Verfassungsschutz, allerdings nicht vonseiten der Vorsitzenden, betont Huber. Laut Huber macht der Betreiber des Lernstudios kein Hehl aus seiner Zugehörigkeit zu Scientology. Eine Einladung, die "Lernakademie" zu besichtigten, lehnte Huber allerdings ab: Er wolle nicht Gefahr laufen, "als Gemeinderat und Elternbeiratsvorsitzender Werbung" zu machen. Man wolle die Sache jedenfalls "nicht an die große Glocke" hängen: "Die Leute wissen, was dahinter steht, danach können sie sich richten", sagt Huber. Manche scheuten auch deshalb eine Auseinandersetzung, weil sie fürchteten, das könnte "gefährlich mit denen" werden. AuchAnnette Stadler, Vorsitzende der Elterninitiative Pliening, beobachtet schon seit längerem Aktivitäten der Scientology-Organisation. So sei vor Jahren bekannt geworden, dass eine Geltinger Ballettlehrerin Mitglied der Organisation sei. Laut Stadler bat eine Scientology-Familie auch um Aufnahme in die Elterninitiative: Nachdem man aber mehrfach Vorbehalte signalisierte, sei der Antrag wieder zurückgezogen worden. Die Eltern in Pliening seien jedenfalls für das Thema "sensibilisiert". "Wir sind alle hellhörig". Wie aktiv die Organisation derzeit in der Gemeinde sei, wisse sie nicht zu sagen. Doch auch Stadler haben die Flugblätter aufgeschreckt: "Das ist ein rotes Tuch für uns." Eva Strauß, unabhängige Gemeinderätin und Jugendreferentin, beschäftigt das "Thema Scientology schon lange". Allerdings könne auch sie über keine aktuellen Vorfälle berichten, die Aufregung verursachten. Trotzdem herrsche "unter Eltern große Sorge".

Allgäuer Zeitung, 27.03.2009, Stefanie Heckel
Kaum Handhabe gegen unerwünschte Infostände Gesetzeslage - Stadt konnte rechte Gruppierung nicht ablehnen
Kempten  Darf eigentlich jeder einen Infostand in der Stadt aufbauen - egal, wie extrem das Gedankengut derer ist, die dahinter stecken? Diese Frage stellen sich viele seit bekannt wurde, dass vor zwei Wochen die rechte Gruppierung «Nationales Augsburg» einen Stand in der Fußgängerzone aufgestellt hatte (wir berichteten). Tatsächlich, so erläutert Kemptens Rechtsreferent Wolfgang Klaus, habe die Stadt kaum eine Handhabe. Vor sechs Jahren sei man vor Gericht «kläglich» mit dem Versuch gescheitert, einen Infostand der Organisation Scientology zu verbieten. Die Grundlage dafür, dass Infostände überhaupt aufgestellt werden können, liefert Klaus zufolge das Bayerische Straßen- und Wegegesetz. Dieses sehe vor, dass öffentlicher Raum «sondergenutzt» werden darf. Diese «Sondernutzung» allerdings muss von der Stadt genehmigt werden. Geregelt ist das in der Satzung, in der es auch ums Aufstellen von Verkaufsständen und Kiosken sowie um Plakatwerbung geht. «Wenn bei uns ein Antrag eingeht, können wir nur überprüfen, ob verkehrliche Belange eingehalten werden», so Klaus. Soll heißen: Wenn die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt werde, müsse die Erlaubnis in aller Regel erteilt werden. Deshalb sei übrigens auch das Amt für Verkehrswesen zuständig und nicht das Ordnungsamt. «Natürlich lassen wir uns vorher vorlegen, was am Stand passieren soll», ergänzt Klaus.
Solange damit aber nicht gegen das Gesetz verstoßen werde, könne so leicht niemandem ein Riegel vorgeschoben werden. Das habe sogar ein Gericht festgestellt. «Es ging um einen Stand von Scientology», erzählt Klaus. Diesen Stand ließ die Stadt verbieten. Die Organisation allerdings sei vor Gericht gezogen - und bekam Recht. Die Begründung: Bei legalen Organisationen (und dazu zählt Scientology) habe die Stadt keine inhaltliche Prüfung vorzunehmen. Der Infostand sei durch die freie Meinungsäußerung gedeckt. Deshalb habe man den Stand der Rechten nicht verbieten können. «Dabei haben wir sogar bezüglich des Plakatmaterials recherchiert. Das stammt von einer Jugendorganisation der NPD und ist damit nicht verboten», so Klaus. Und auch die Polizei - mit ihr arbeite man in solchen Fällen zusammen - habe keinen Verstoß feststellen können.

merkur-online.de, 16.03.2009
Fürstenfeldbruck - Das Jugendamt warnt vor dem Verein „Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben“, 
der offenbar auch im Landkreis versucht, Fuß zu fassen. Bei der Aktion handle es sich um eine gezielte Werbekampagne von Scientology. Auf der Homepage des Vereins sei nicht auf den ersten Blick erkenntbar, dass es sich um einen Werbezug von Scientology handelt, berichtet Tobias Knie vom Landkratsamt. Nur ein Blick ins Impressum verrate es. Dies und eine genauere Prüfung via Innenministerium habe ergeben, dass der Verein mit Scientology verbunden ist und gezielt auf Jugendliche und Jugendeinrichtungen zugehen möchte. Ziel sei es, über Informationsveranstaltungen und die Versendung von Werbematerilien Interessenten zu finden und damit Jugendliche oder Personen, die im Jugendbereich arbeiten, für sich zu gewinnen.

newsclick.de, 13.03.2009, Michael Ahlers
Verfassungsschutz beobachtet Scientology 
Umstrittene Organisation soll in Hannover auf Immobiliensuche sein
HANNOVER. Mit angeblichen Expansionsplänen in der Landeshauptstadt machte Scientology schon öfter Schlagzeilen. Der Verfassungsschutz sieht es gelassen. Erleuchtung sieht anders aus. In Hannovers Odeonstraße muss sich Scientology mit Räumen in einem tristen Häuserblock begnügen. Laufkundschaft, die man gewinnen könnte, gibt es dort nicht. Das Viertel liegt in Bahnhofsnähe und ist doch isoliert. SPD und Grüne haben hier ihre Büros, Drogenberatung und Verbraucherschützer auch. "Jede Kirche sucht weltweit größere Gebäude wie in Berlin und Hamburg", sagt Scientology-Mann Jürg Stettler aus der Münchener Vertretung der Organisation. Mit "Kirche" meint Scientology sich selbst. Und über die Räume in der Odeonstraße, laut Scientology rund 300 Quadratmeter, sagt Christine Richter von Scientology Hannover: "Das ist zu klein, wir haben viele Anfragen." Dass Scientology nun gezielt Großgebäude an Ausfallstraßen sucht, weil im Zentrum nichts zu holen sei, bestätigt Stettler nicht. Konkrete Pläne gebe es nicht, längerfristig sei eine Veränderung aber schon ein Ziel, sagt er. Angebote gebe es, aber Makler wollten keinesfalls in die Schusslinie geraten. Der Verfassungsschutz wirft Scientology vor, ein totalitäres Herrschaftssystem durchsetzen zu wollen, im niedersächsischen Verfassungsschutzbericht ist der Organisation ein eigenes Kapitel gewidmet. Im Internet bietet der Verfassungsschutz zudem eine Telefonnummer für Aussteiger an. Scientology spricht von Diskriminierung, auch wenn Aussteigerberichte dem Ruf immer wieder verheerend schaden. "Man sieht und hört nach außen nichts", sagt Niedersachsens Verfassungsschutz-Präsident Günter Heiß über die aktuellen Aktivitäten von Scientology in Hannover. "Wenn die ein gutes Objekt in der Innenstadt finden, kann ich mir aber schon vorstellen, dass der eine oder andere Besucher da auch reingeht", sagt Heiß. Und das ist wohl keine Perspektive, die den Verfassungsschützern gefiele. In der großen Münchner Vertretung gibt man auch zu bedenken, dass Hannover ein kleiner Standort sei, mit Berlin oder Hamburg nicht zu vergleichen. So gesehen wäre ein repräsentativer Immobilienkauf, gelänge er denn, bestimmt ein besonderer Coup. "Die Pläne wurden bisher nicht umgesetzt", heißt es lapidar im jüngsten Verfassungsschutzbericht.

live-PR.com, 06.03.2009
Scientology jetzt auch in Argentinien als Religion anerkannt!
Scientology Kirche Argentinien hat ihren religiösen Charakter seit langem bewiesen. Der Sekretär für Glaubens-Angelegenheiten in Buenos Aires beschloss daher, die Scientology Kirche
Bereits im Dezember 2008 wurde der Beschluss vom Generaldirektor des nationalen Religionsregisters Argentinien gefasst, Scientology in das Register für Religionen einzutragen. Er sieht die Scientology Kirche Argentinien damit im Einklang mit Artikel 14 der Verfassung des Landes. Darin ist das Recht jeder Person festgeschrieben, ihre Religion frei praktizieren zu können. Der Präsident der Scientology Kirche Argentinien wurde somit am 11. Dezember 2008 von der Registerbehörde darüber informiert, dass Scientology „ihren religiösen Charakter in der Vergangenheit und auch heute präsentiert“. Aus diesem Grund wurde die Scientology Kirche Argentinien in das Register für Religionen unter der Nummer 4.006 eingetragen. Argentinien ist ein weiteres Land, das die Scientology als Religion anerkennt. Zu den weiteren Ländern gehören Portugal, Spanien, Schweden, Italien, Slowenien, Kroatien, USA, Ungarn, Venezuela, Ecuador, Costa Rica, Brasilien, Philippinen, Indien, Australien, Neuseeland, Südafrika, Kanada, Kasachstan, Kirgisistan, Taiwan, Nepal, Tansania und Sri Lanka. Seit der Entscheidung vom 5. April 2007 des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, ist dies das vierte Land, das Scientology als Religion anerkennt. Im April 2007 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass die Scientology Kirche unter den Schutz der Religionsfreiheit fällt. Dieses Urteil ist rechtskräftig und für alle 47 europäischen Länder uneingeschränkt gültig. Der Leiter der Scientology Kirche Argentinien empfand diese Anerkennung als sehr wichtig und als einen großen Triumph für die internationale Religionsfreiheit. Diese Anerkennung wurde in der gleichen Woche gemeldet, als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ ihren 60ten Jahrestag feierte. Die Scientology Kirche Argentinien hatte ihren Anfang im Jahre 1986. Das Interesse für die Dienste der Kirche und die religiösen Schriften des Stifters L. Ron Hubbard fand schnell großes Interesse. Bald darauf wurden die ersten Dianetik-Gruppen und Scientology-Missionen in der Hauptstadt Buenos Aires gegründet. Heute betreut die Hauptkirche in Buenos Aires 7000 Mitglieder, die verschiedene Dienste in Anspruch nehmen. Es gibt zudem Scientology-Gruppen in ganz Argentinien wie z.B. in Córdoba, Salta, San Juan, Ushuaia, Santa Cruz, Entre Ríos, Santa Fe, Rosario, usw. Außer der Kirche in Buenos Aires existieren zwei weitere Scientology Kirchen: eine in Stanta Fe und eine in Tucuman. Zwanzig Kilometer außerhalb von Buenos Aires, in San Isidro, existiert auch ein NARCONON-Center für Drogenabhängige. Das NARCONON-Selbsthilfeprogramm ist ein drogenfreies Langzeitkonzept, das sich seit Jahren weltweit bewährt hat. Es gibt Abhängigen die Chance, ein völlig neues Kapitel in ihrem Leben zu beginnen. Hier wird auch das erfolgreiche Entgiftungs-Programm von L. Ron Hubbard durchgeführt. „Scientology ist eine Religion im wahrsten Sinne des Wortes. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir nun im amtlichen Register für Religionen eingetragen sind. Dies war die einzige und richtige Entscheidung.“ teilte der Leiter der Scientology Kirche, Signore Libardi, der Presse mit.

openpr.de, 24.02.2009
CDU macht mobil gegen Scientology Politik, Recht & Gesellschaft Pressemitteilung von: CDU Spandau (openPR) - Keine
Werbeveranstaltungen auf öffentlichem Straßenland CDU-Fraktion bringt zur Aufklärung einen BVV-Dringlichkeitsantrag ein Der Vorstand der CDU Spandau hat sich auf seiner letzten Sitzung intensiv mit möglichen Aktivitäten von Scientology im Bezirk Spandau auseinandergesetzt. Scientology plant im Bezirk Werbemaßnahmen und will in 2009 verstärkt in der Spandauer Altstadt Menschen anwerben. Dies bestätigte das Spandauer Bezirksamt auf Anfrage. Für die Spandauer CDU steht fest: es darf keine falsche Toleranz gegenüber der Scientology-Sekte geben. Deshalb bring die Spandauer CDU in die nächste Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung einen Dringlichkeitsantrag „Scientology stoppen!“ ein: Kai Wegner, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der CDU Spandau und Arndt Meißner, Vorsitzender der CDU-Fraktion in der BVV Spandau: "Die Gefährlichkeit von Scientology wurde bereits vielfach diskutiert. Es rächt sich, dass in Berlin nach der Einstellung der nachrichtendienstlichen Beobachtung im August 2003 kein neuer Anlauf gestartet wurde, den Verfassungsschutz, wie in anderen Bundesländern, gegenüber Scientology tätig werden zu lassen. Der Staat darf nicht länger wegschauen, sondern muss sich dieser Bedrohung annehmen. Denn Scientology will ein anderes Wertesystem, eine andere Gesellschaft. Scientology setzt auf Fremdbestimmung und Unterdrückung; wir streiten weiterhin für die Freiheit und Eigenverantwortung des Einzelnen. Eine verbesserte Aufklärungsarbeit ist alternativlos. Unser Ziel ist es, dass kein Spandauer den Sektierern auf den Leim geht. Deshalb bitten wir den Runden Tisch für Demokratie und Toleranz gegen Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt sich mit dem Thema Scientology und der Mitgliederwerbung dieser Organisation auch in unserem Bezirk aktiv auseinanderzusetzen und darüber zu informieren."
Die Christlich Demokratische Union (CDU) Spandau setzt sich für den Berliner Bezirk Spandau ein und ist in insgesamt acht Ortsverbände aufgeteilt. Hier werden die -oftmals vermeintlich kleinen- Probleme des Kiezes genauso besprochen wie die große Politik. Die Spandauer Ortsverbände bieten Ihren Mitgliedern und Interessierten regelmäßige Diskussionsrunden, Stammtische zu unterschiedlichsten politischen Themen sowie gesellige Veranstaltungen an. Vorsitzender der CDU Spandau ist der Bundestagsabgeordnete Kai Wegner. Die CDU Spandau stellt mit Heiko Melzer, Matthias Brauner und Peter Trapp insgesamt drei Mitglieder im Berliner Abgeordnetenhaus.

Schaffhauser Nachrichten 14.02.2009
Scientology wirbt mit Bock und Munot 
Rechtlich kann gegen die Verwendung der beiden Symbole nicht vorgegangen werden. 
schaffhausen Seit kurzem ist Scientology in Schaffhausen präsent, und bereits wirbt sie mit zwei Schaffhauser Wahrzeichen für ihr neues Zentrum: Auf einem Flyer, den die Organisation in der Altstadt zu Werbezwecken an Passanten verteilt, ist vorne ein grosses Farbbild des Munots zu sehen, auf der Rückseite ist das Schaffhauser Kantonswappen in achtfacher Ausführung abgedruckt. Juristisch lässt sich kaum gegen die Verwendung der beiden Symbole vorgehen, aber sowohl beim Kanton als auch bei der Stadt fällt die Beurteilung des Sachverhaltes eindeutig aus: «Wir sind alles andere als glücklich über die Verwendung des Wappens», sagt Regierungspräsidentin Rosmarie Widmer Gysel. Vonseiten der Staatskanzlei legt man der Organisation zudem nahe, künftig auf die Verwendung des Schaffhauser Wappens zu verzichten. Die Gefahr, dass es zu einer Verwechslung mit amtlichen Dokumenten kommt, erachtet man beim Kanton indes als gering. Auch Stadtpräsident Thomas Feurer reagierte auf die Werbeflyer verärgert. Besonders stossend empfindet er, dass sich eine solch «undurchsichtige Organisation» mit Identifikationsmerkmalen der Region schmücke. Seine Besorgnis über die Scientology-Aktivitäten hat der Stadtrat der Gruppierung bereits im Vorfeld der Zentrumseröffnung mitgeteilt.

berlinonline.de, 07.02.2009
Scientology beschert Leitstelle für Sektenfragen viel Arbeit 
Werbung der Sektenzentrale in Berlin erregt Ärger BLZ Die Scientology-Organisation beschert der neuen Berliner Leitstelle für Sektenfragen viel Arbeit. In rund vierzig Prozent aller Anrufe von Ratsuchenden gehe es um diese Organisation, sagte der Dienststellenleiter Stefan Barthel am Freitag. Zumeist seien es Beschwerden etwa über aggressive Werbung. Zudem gebe es viele Anfragen, ob bestimmte Altersheime, Privatschulen oder Firmen etwas mit Scientology zu tun hätten. "Unter den einzelnen Gruppen ist Scientology diejenige, die uns am meisten beschäftigt", sagte Stefan Barthel. Über den Umgang mit der umstrittenen Organisation, die sich selbst als Kirche bezeichnet, war in der Berliner Politik lange gestritten worden. Ein Ergebnis dieser Diskussion ist die Leitstelle für Fragen zu Sekten und konfliktträchtigen Anbietern auf dem Lebenshilfemarkt. Sie wurde im September 2008 in der Senatsverwaltung für Bildung eingerichtet. Überdies wird Scientology laut Innenverwaltung auch wieder vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet, nachdem man die Observation 2003 eingestellt hatte. Da die BVG sich nicht bereit erklärt hatte, die Bushaltestelle direkt vor der Hauptstadt-Zentrale in der Otto-Suhr-Allee in Charlottenburg zu verlegen, hat das Bezirksamt dort eine Litfaßsäule aufstellen lassen. Auf ihr warnt seit gut zwei Wochen ein "Stopp"-Plakat vor der als verfassungsfeindlich eingestuften Organisation. An dieser Stelle waren immer wieder auch Jugendliche von Scientologen angesprochen worden. Die Innenminister der Länder hatten sich Ende des vergangenen Jahres auf Anraten von Verfassungsschutzämtern gegen die Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen Scientology, aber für eine Beobachtung ausgesprochen. Der Beschluss erfolgte gegen die Stimmen der Bundesländer Hamburg und Bayern, deren Verfassungsschutzämter sich am intensivsten mit der Sekte befasst haben. Der Berliner SPD-Innensenator Ehrhart Körting hatte sich 2007 noch für ein Verbot von Scientology ausgesprochen. Seine Partei setze nun vor allem auf Aufklärung und Wachsamkeit, sagte nun der Berliner SPD-Abgeordnete Tom Schreiber, Fraktionssprecher für Verfassungsschutz. Nach seinen Informationen hat Scientology die Anhängerschaft in der Hauptstadt bisher nicht vergrößern können. Die Mitgliederzahl stagniere bei rund 200. Scientology-intern gilt die Berliner Filiale jedoch seit letztem Jahr als "erfolgreichste Niederlassung auf dem Planeten", da keine andere weltweit derart viele Neumitglieder rekrutieren konnte. Der Erfolg beruht im wesentlichen darauf, dass die Mitglieder von Scientology seit etwa einem Jahr nicht mehr nur in der Berliner Innenstadt, sondern verstärkt auch in den großen Plattenbausiedlungen Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen rekrutieren. In der Innenstadt häufen sich nach Angaben des Sektenbeauftragten Barthel Beschwerden von Einzelhändlern, dass ihre Kunden durch aggressive Straßenwerbung belästigt würden. Dies sei insbesondere am Wittenbergplatz und am Alexanderplatz der Fall. Stefan Barthel wies auch darauf hin, dass Scientology ihr Internetangebot mit vielen Videos attraktiver gestaltet habe, um vor allem junge Leute anzusprechen. "Wir befürchten, dass die Organisation demnächst viel offensiver an die Schulen herangeht", sagte Barthel. "Da müssen wir gewappnet sein."

abendblatt.de, 12.02.2009
Scientology-Jägerin Caberta macht weiter 
In der Innenbehörde werden aber intern Gespräche geführt, welche andere Aufgabe für die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta künftig infrage kommt, sagte Behördensprecher Thomas Butter.
Die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta wird ihre Aufgabe weiter wahrnehmen. In der Innenbehörde werden aber intern Gespräche geführt, welche andere Aufgabe für sie infrage kommt, sagte Behördensprecher Thomas Butter. Caberta habe nach mehr als 16 Jahren den Wunsch geäußert, sich beruflich zu verändern. „Das ist zu respektieren.“ Butter wies Darstellungen zurück, Cabertas Dienststelle sei personell nicht gut ausgestattet. Die Stellenkapazität sei vor Monaten sogar noch ausgeweitet worden. Die Entscheidung, vorübergehend nicht besetzte Stellen wieder zu besetzen, sei längst getroffen worden.

abendblatt.de, 10.02.2009, Jan-Eric Lindner
Chefin der Arbeitsgruppe Sekten fordert mehr Unterstützung Scientology-Jägerin Caberta ist amtsmüde 
Die bekannte Expertin und Scientology-Gegnerin der Innenbehörde ist offenbar frustriert, dass sie nicht mehr Personal zur Verfügung hat.
Ursula Caberta, seit mehr als 16 Jahren Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology (AGS) in der Innenbehörde, will ihren Job offenbar aufgeben. "Frau Caberta hat vor einiger Zeit signalisiert, dass sie sich nach 16 Jahren innerhalb der Hamburger Verwaltung beruflich verändern will. Darauf hat die Behörde in enger Abstimmung mit Frau Caberta reagiert", sagt Thomas Butter, Sprecher der Innenbehörde. Hinter den Kulissen aber brodelt es mächtig. Es soll um die Nachbesetzung von Stellen in der AGS gehen - und darum, dass die bundesweit renommierte Sekten-Expertin mangelnde Unterstützung seitens der Behördenleitung beklage. Ursula Caberta will sich offiziell zu den Vorwürfen nicht äußern. Sie bestätigt aber, dass es Gespräche über einen Wechsel innerhalb der Verwaltung gebe. Caberta: "Ich bin offen für etwas Neues. Mehr gibt es derzeit nicht zu sagen." Allen Beteiligten, so heißt es in der Behörde, sei klar, dass ein Weggang Cabertas aus der AGS einschneidende Folgen haben könnte: Die Ex-Politikerin gilt als versierte Kennerin der Scientology-Machenschaften und anderer Sekten, hat internationale Kontakte und tritt in Diskussionsrunden und Talkshows als Speerspitze im Kampf gegen Psychosekten auf. Zahlreichen Aussteigewilligen hat sie geholfen, ein Leben außerhalb von Sekten oder dubiosen Vereinigungen aufzubauen. Dass die energiegeladene Buchautorin und Ex-Unterstützerin der Linkspartei einen "ruhigen" Job in der Verwaltung antreten wolle, halten Wegbegleiter für vollkommen ausgeschlossen. "Derzeit werden verwaltungsintern - immer in enger Absprache mit Frau Caberta - Gespräche geführt, die aber noch nicht abgeschlossen sind", so Butter. Laut "Bild" soll ein Wechsel in die Sozialbehörde im Raum stehen.
Caberta, die wegen ihres Kampfes gegen Scientology schon körperlich angegriffen wurde, unter anderem in den USA, mahnt nach Abendblatt-Informationen seit geraumer Zeit immer wieder eine bessere Personalausstattung ihrer Arbeitsgruppe an - bisher ohne greifbare Ergebnisse. Der SPD-Abgeordnete Andreas Dressel wirft der Innenbehörde deshalb Versäumnisse vor: "Der Psychokonzern Scientology hat es in mehr als 15 Jahren nicht hinbekommen, Frau Caberta zu zermürben. CDU-Innensenator Ahlhaus hat das aber offenbar in nicht mal zwölf Monaten geschafft." Dressel will mit einer Kleinen Anfrage an den Senat die Hintergründe des möglichen Behörden-Wechsels in Erfahrung bringen. Caberta war zuletzt immer wieder für ein Verbot der Scientology-Organisation eingetreten. Ein Vorstoß, den Hamburg gemeinsam mit Bayern unternommen hatte, war allerdings in der Innenministerkonferenz abgeschmettert worden. Die Sektenbeauftragte der Bundesregierung, Antje Blumenthal (CDU), würde es nach eigenem Bekunden bedauern, wenn Caberta die AGS verließe: "Ich kann verstehen, dass man nach 16 Jahren neue Aufgaben sucht. Doch es wäre schade, wenn ihr Fachwissen verloren ginge."

ignoranz.ch, 18.01.2009
Initiative ‘Jugend für Menschenrechte’: Scientology auf Menschenfang
Die neuste Masche der Psychosekte Scientology ist eine besonders Perfide. Mit einer, mit dem lässigen Titel “Jugend für Menschenrechte” betitelten Aktion, lockt Sie junge Menschen in ihre “Kirche”, ohne vorher deren wahren Hintergrund zu deklarieren. Zitate von einem Philosophen namens “Ron Hubbard” (gründer von Scientology) hängen gemäss Hugo Stamm, an den entsprechenen Veranstaltungen an den Wänden. Auch die offizielle Schweizer Webseite der Aktion “Jugend für Menschenrechte” zeigt erst auf den zweiten Blick den Sektenhintergrund. Mit Google lassen sich jedoch einfach die offenbar ziemlich grosse Verknüpfung der Aktion mit Scientology ermitteln: Scientology auf der Homepage von “Jugend für Menschenrechte”. Da finden sich dann auch die lässigen Zitate von Ron Hubbard. Das Thema wurde auch schon von den deutschen Medien aufgegriffen. Letzten Samstag berichtete die Hamburger “Tageszeitung”: „Eindringliche Warnungen” sprach gestern auch Ursula Caberta, die Leiterin der Arbeitsgruppe „Neuregionale und ideologische Gemeinschaften” im Rahmen der Broschüren-Vorstellung aus: Warnungen vor neuen Scientology-Aktivitäten in Hamburg. Unter dem Deckmantel des Namens „Jugend für Menschenrechte” sammele die Organisation derzeit – hauptsächlich im Stadtteil St. Georg – Unterschriften. Gezielt werde versucht, Jugendliche „in die Organisation zu ziehen”, so Caberta. Ein Blick in die Schweizer Medienberichterstattung zur Aktion “Jugend für Menschenrechte” zeigt, dass die Medienschaffenden in der Schweiz entweder den Bezug zu Scientology nicht kennen, oder diesen verschweigen. So sind folgende Artikel erschienen, ohne den Scientology-Hintergrund der Aktion zu nennen: 
Einsatz für die Menschenrechte, St. Galler Tagblatt, 20. Dezember 2005 
Solidarität , Basler Zeitung, 13 Dezember 2005 
Boswil Adventskonzert der Musikschule Boswil, Aargauer Zeitung, 8 Dezember 2004 
schaufenster - Spielen Sau-Glatt, St. Galler Tagblatt, 6 July 2004 
Damit hat die Aktion von Scientology ihr Ziel erreicht, Werbung für die Sekte machen, ohne deren Namen zu nennen. Und die Medien spielen das üble Spiel mit. Sehr clever…

Spiegel-Omline, 17.01.2009, Christian Fuchs
MENSCHENRECHTSINITIATIVE - Scientologen narren Uno und Politiker
Mit der Initiative "Jugend für Menschenrechte" versucht Scientology Menschen zu erreichen, die der umstrittenen Glaubensgemeinschaft eher kritisch gegenüberstehen. Nun ist dem Tarnverein der erste deutsche Politiker auf den Leim gegangen - und die Uno. Hamburg - Ein staubiger Bolzplatz irgendwo auf der Welt. Die zwei coolsten Jungs wählen der Reihe nach ihre Mitspieler aus. Nur ein kleiner Steppke im grünen Trikot bleibt übrig. Aus Wut kickt er den Fußball so feste über den Platz, dass es das Tornetz fast zerreißt. Alle jubeln, der Junior ist der Star. Das kurze Filmchen ist ein Werbeclip für das zweite Uno-Menschenrecht: keine Diskriminierung.
Produziert und auf YouTube hochgeladen hat den Clip die Initiative "Jugend für Menschenrechte", deren Ziel es ist, "die Jugend auf der ganzen Welt über Menschenrechte aufzuklären und ihnen dadurch zu helfen, wertvolle Verfechter bei der Förderung von Toleranz und Frieden zu werden". Den Aktivisten gehe es darum, Jugendlichen klarzumachen, wie wichtig "Menschenrechte und religiöse Toleranz" seien. Darum haben sie unter anderem zu jedem der 30 Menschenrechte einen kleinen Erklärfilm hergestellt. "Jugend für Menschenrechte" wirkt auf dem ersten Blick wie eine unabhängige harmlose Jugendorganisation, fast wie ein offizielles Projekt der Vereinten Nationen (Uno). Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die Gruppe jedoch als Scientology-"Front Group" - als eine Art inoffizielle Unterorganisation. 2001 gründete eine US-Lehrerin die "Youth for Human Rights", ab 2005 ist die Initiative auch in Deutschland aktiv.
Ungefähr hundert Scientologen in Hamburg, Berlin, München, Stuttgart und Erlangen betreiben im Namen der Menschenrechte Propaganda für die umstrittene Glaubensgemeinschaft. So sieht das Ursula Caberta, die Sektenbeauftrage der Stadt Hamburg. Die Menschenrechtsjugend versuche "über ein positiv besetztes Thema Nachwuchs für Scientology zu werben und die Sekte damit hoffähig zu machen", sagt Caberta. Und Michael Zügel vom Landesamt für Verfassungschutz in Baden-Württemberg warnte: "'Jugend für Menschenrechte' ist eine Hilfsorganisation von Scientology. Die Propaganda soll suggerieren, dass sich Scientology für Menschenrechte und Demokratie einsetzen würde. Aber hinter 'Jugend für Menschenrechte' verbirgt sich eine Organisation, die die Demokratie verachtet und unbotmäßige Mitglieder häufig menschenverachtend behandelt." Jugendgruppen umworben Unter dem Deckmantel der Menschenrechte werden also beispielsweise Unterschriften für eine Petition gesammelt, Menschenrechte als Unterrichtsfach in den Schulen zu lehren. Vergangenes Jahr versuchten Mitglieder von "Jugend für Menschenrechte" in München Jugendgruppen zu umwerben und luden Kinder zum "Tag der Menschenrechte" ein. Außerdem haben die verdeckten Scientologen einen Tanz choreographiert, mit dem sie in "Live-Performances" in deutschen Einkaufsstraßen für ihre Sache werben. Im Internet gibt es ein "Hip-Hop Musikvideo für Menschenrechte" und die Broschüre "Was sind Menschenrechte?". Das Büchlein wird im Verfassungsschutzbericht 2007 erwähnt und wurde laut Scientology bereits eine halbe Million Mal verteilt. In dem 36-seitigen "illustrierten Leitfaden für Kinder und Jugendliche" findet sich unter Zitaten von anerkannten Menschenrechtlern wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi auch ein Sinnspruch von L. Ron Hubbard, dem Gründer von Scientology. Mit dieser subtilen Gleichstellung versucht sich die Sekte aufzuwerten, kritisieren Sektenbeauftragte und Politiker. Michael Feiler vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz sieht die Aktivitäten als Teil einer "Expansionsstrategie", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Mit Erfolg, wie es scheint. Im Rahmen des 60-jährigen Jubiläums der Uno-Menschenrechtserklärung sind anscheinend selbst die Vereinten Nationen der Scientology-Kampagne aufgesessen. Bis Mitte vergangener Woche vertrieb der offizielle "United Nations Bookshop" die DVD "Youth for Human Rights" weltweit über das Internet. Das Video ist die Zusammenfassung aller 30 jugendgerechten Kurzclips zu den Menschenrechten, die auch im Internet zu sehen sind. Schon im vergangenen September veranstaltete "Youth for Human Rights International" einen Jugendkongress mit über tausend Teilnehmern aus 27 Ländern im Plenarsaal des Uno-Hauptquartiers. Der Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, und Prinz Albert von Monaco haben die vermeintlichen Menschenrechtler bereits öffentlich gelobt. Werbespots im deutschen Fernsehen Aber auch die Arbeit der deutschen Abteilung hat bereits Wirkung erzielt: Die Menschenrechtsspots liefen auf den Fernsehsendern DSF und Hamburg1, behauptet Sabine Weber von Scientology stolz. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte der Münchner Sender den Vorgang. Googelt man in Deutschland den Begriff "Menschenrechte", dann erscheint die Scientology-Seite von "Jugend für Menschenrechte" - als drittes Suchergebnis hinter Wikipedia und Amnesty International. Vor allem Schüler und Lehrer haben bisher Videos und Broschüren bei der Initiative für den Unterricht bestellt, sagt Jürgen Heise von "Jugend für Menschenrechte". Im Januar scheint nun auch der erste deutsche Politiker auf die verdeckten Scientologen hereingefallen zu sein. Zum Auftakt seiner Neujahrsansprache zeigte der Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Peitz, Bernd Schulze (parteilos), den Film zum zwölften Menschenrecht - nach eigenen Angaben ohne zu wissen, wer hinter der am Ende eingeblendeten Organisation "Jugend für Menschenrechte" steht. Mit der Sekte habe er aber nichts am Hut, sagte er der "Berliner Zeitung". Laxer Umgang mit Scientology Dieser laxe Umgang mit Scientology sei gefährlich, sagte die Sektenexpertin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Antje Blumenthal, SPIEGEL ONLINE. "Herrn Schulze scheint die Dimension der Scientology-Strategie gar nicht bewusst zu sein." Die Hubbard-Jünger stellten sich als Verfechter einer guten Sache hin, um alle Kritiker als Verrückte zu diskreditieren, glaubt die Abgeordnete. Darum werde sie dem Peitzer Bürgermeister einen persönlichen Brief senden. Obwohl der "überwiegende Anteil" der Mitglieder Scientologen seien, sieht Jürgen Heise von "Jugend für Menschenrechte" keinen Zusammenhang zu der Sekte: "Im unserem gesamten Material finden Sie keine Werbung für Scientology." Die Vorwürfe seien "einfach Bananas". Gleichwohl machte der Pressedienst der Scientology Kirche Bayern im August 2008 mit einer bebilderten Meldung auf eine Unterschriftenaktion der "Jugend für Menschenrechte" aufmerksam. Scientology-Sprecherin Sabine Weber, die die Kampagne vor ein paar Jahren noch selbst mit aus der Taufe gehoben hat, sagte SPIEGEL ONLINE: "Es geht bei der Initiative nicht um Scientology, sondern um Menschenrechte. Über 'Jugend für Menschenrechte' ist in Deutschland noch niemand Mitglied von Scientology geworden."



2008

Welt-Online, 23.12.2008
Urteil: Der Scientology-Kindergarten in Sendling bleibt zu
Die Kindertagesstätte in München, die von Scientology-Mitgliedern geführt wird, darf vorläufig keine Kinder betreuen. Zu diesem Entschluss kam das Bayerische Verwaltungsgericht. Es sieht durch die Glaubens-Ausübung der Scientology-Mitglieder das Wohl der Kinder gefährdet.
Die von Scientology-Mitgliedern betriebene Kindertagesstätte „Haus für Kinder“ im Münchner Stadtteil Sendling bleibt vorerst geschlossen. Die Einrichtung hat vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) keine vorläufige Betriebserlaubnis bekommen. Mit dieser gestern bekannt gegebenen Eilentscheidung bestätigten die VGH-Richter eine gleichlautende Entscheidung des Verwaltungsgerichts München. Die Landeshauptstadt hatte die Betriebserlaubnis für die Kindertageseinrichtung in der Lenaustraße im Februar 2008 zurückgenommen, als sie von der Scientology-Mitgliedschaft der beiden Erzieherinnen sowie weiterer Vorstands- und Vereinsmitglieder Scientology-Mitglieder erfuhr. Insgesamt 18 Kinder waren dort untergebracht. Es könne nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass ein maßgeblicher Einfluss „scientologischer Methoden und Techniken“ auf die Erziehungsarbeit im „Haus für Kinder“ stattfinde, so das Gericht. Die „Umsetzung scientologischer Lehren und Methoden“ und eine daraus resultierende Gefährdung des Wohls der Kinder seien nicht mit Sicherheit auszuschließen.
Ob die Voraussetzungen für die Rücknahme der Betriebserlaubnis vorliegen, müsse in einem Hauptsacheverfahren geklärt werden, erklärte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof. Die Frage eines generellen Verbots von Kindertageseinrichtungen durch Vereine mit Scientology-Mitgliedern als Erzieher und Vorstände sei nicht Gegenstand des Verfahrens gewesen. Es gehe allein darum, eine Erziehung nach möglicherweise auch verdeckt angewandten „scientologischen Technologien“ zu einem durch totalitäre Unterwerfung gekennzeichneten und auf die Abschaffung wesentlicher Prinzipien und tragenden Grundrechte zielenden System zu unterbinden, so das Gericht.
Die Stadt begrüßte die Entscheidung. „Wir waren und sind überzeugt, dass das Wohl der Kinder in dieser Einrichtung gefährdet wäre, weil der Bildungs- und Erziehungsarbeit die Vorgaben von Scientology zu Grund lagen“, sagte Eva-Maria Volland vom Schulreferat.

indymedia.org, 21.12.2008
11. weltweite Demo gegen Scientology 
Auch gestern gelang es Anonymous: Projekt Chanology wieder viele Anwohner und Passanten über die wirklichen Taten und Ziele von Scientology aufzuklären. Nahe zu 30 Teilnehmer nahmen an der Veranstaltung teil, darunter auch einige Scientology-Aussteiger.
Ab 17:00 Uhr sammelten sich die ersten Anonymous-Aktivisten gegenüber dem Scientology „Celebrity Centre“ an der Landshuter Allee 42, Ecke Nymphenburger Straße. Nach der Auftaktkundgebung bewegten sich die Demonstranten lautstark und friedlich über den Stiglmaierplatz, Königsplatz und Odeonsplatz weiter Richtung Schwabing zum Scientology „Dianetik-Zentrum“ an der Leopoldstr. 49, Ecke Kaiserstraße, wo gegen 19:00 Uhr die Schlusskundgebung stattfand. Unterstrichen wurde die Aktion von Transparenten, Flaggen, Flugblättern und lauten Sprechchören mit denen die Demonstranten auf die menschenverachtenden Praktiken der Scientology Organisation aufmerksam machen wollten. Mit monatlichen Kundgebungen trägt Anonymous zur Aufklärung über die Taten und Ziele von Scientology bei - insbesondere über die von dieser Organisation ausgehenden Gefahren für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. In Deutschland fanden bereits am 6. und 13. Dezember Demonstrationen in Düsseldorf, Frankfurt, Freiburg, Hannover, Hamburg und Stuttgart statt.
ÜBER ANONYMOUS 
Schon seit Jahren organisieren sich unter dem Pseudonym „Anonymous“ im Internet unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Zielen. Aufgrund anhaltender Zensurbestrebungen richtete sich Ende Januar 2008 das Augenmerk von Anonymous erstmals auf die Scientology Organisation. Scientology unterdrückt systematisch alle Kritik von innen und außen, beutet seine Mitglieder aus und versucht, die Gesellschaft zu unterwandern. Die weltweiten Anonymous-Demonstrationen sollen die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe der Scientology Organisation aufklären und die Menschen auf die Risiken dieser vermeintlich harmlosen Organisation hinweisen. Die Bewegung: Es handelt sich bei Anonymous weder um einen Verein noch um eine feste Gruppe. Es gibt keine Anführer, über die Form seines Protests entscheidet der Einzelne. Die internationale Koordination erfolgt über Websites, Wikis und Foren. Dort werden gemeinsam Ideen entwickelt und Entscheidungen über Aktionen und Ziele getroffen. Anonymous stellt sich nicht gegen den Glauben der Scientology-Mitglieder. Die gewaltfreien Proteste wenden sich ausschließlich gegen die unterdrückerischen Methoden der Organisation. Die Demonstrationen: Anonymous demonstriert seit Februar 2008 weltweit vor den örtlichen Scientology-Zentralen. Die letzten Demonstrationswellen fanden am 10. Februar, 15. März, 12. April, 10. Mai, 14. Juni, 12. Juli, 16. August, 13. September, 18. Oktober und 8. November statt. Die Ziele: Die direkten Ziele von Anonymous im Kampf gegen Scientology sind die Einstellung der „Stress-Test-Tische“ sowie die offensichtliche Kennzeichnung dieser und ähnlicher Aktionen, wie z. B. Anti-Drogen-Kampangen, als Scientology-Aktionen. Über Tarnorganisationen bietet Scientology unter anderem Drogen-Beratung, Management-Kurse für Wirtschaftsunternehmen sowie Nachhilfeangebote für Jugendliche an. Das endgültige Ziel von Anonymous ist, dass die Scientology Organisation sämtliche Tätigkeiten einstellt. Dies kann durch die Aufklärung der Bevölkerung und Unterstützung durch das Rechtssystem erreicht werden.

Bild.de, 18.12.2008
Innenbehörde warnt: „Scientology schnüffelt in Hamburgs Schulen rum“
Untergruppe der Psycho-Sekte will an sensible Daten rankommen
Die Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Innenbehörde schlägt Alarm: Derzeit versucht eine Untergruppe der Psycho-Sekte Scientology an sensible Daten von Hamburger Schülern ranzukommen.
Aufmerksame Schulleiter hatten die Innenbehörde über die Ausforschungs-Aktion unterrichtet. Die scientologynahe „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte Deutschland e.V.“ (KVPM) wende sich an Schulen, will Daten haben, berufe sich bei ihren Anfragen auf das Hamburgische Informationsfreiheitsgesetz. Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology in der Innenbehörde, zu BILD Hamburg: „Scientology schnüffelt in Hamburgs Schulen rum. Es wird zum Beispiel abgefragt, wie viele Psychologen an der Schule tätig sind oder wie viele Schüler wegen einer Lernstörung von der Benotung freigestellt wurden. So kommt man an äußerst sensible Daten ran, die dann von der Scientology-Organisation genutzt werden können.“ Was macht die Sekte mit den Daten? Caberta: „Nach Auffassung von Scientology sind alle Menschen auf die eine oder andere Art psychisch krank. Nur Scientology-Mitglieder natürlich nicht. Scientology versucht deshalb, beispielsweise die Schulpolitik anzuschwärzen, zu verändern. Daher auch die Fragen nach de rZahl der Schüler mit Lernstörungen. Gleichzeitig geht es darum, möglichst viele Informationen zu sammeln, um Menschen zu kontaktieren.“ Die Sekten-Expertin: „Ich gehe davon aus, dass diese Ausforschungs-Aktion bundesweit läuft." Sitz des scientologynahen Vereins ist München. Caberta: „Was geht einen Münchener Verein eigentlich an, was an Hamburgs Schulen los ist?" Die KVPM gibt es schon lange, ist laut Caberta fester Bestandteil der Scientology-Organisation. Mitglieder der KVPM waren früher regelmäßig auf Hamburgs Strassen, machten unter anderen Umfragen zur Psychiatrie. Cabertas Rat an Lehrer und Eltern: „Schulleiter sollten auf keinen Fall auf solche Anfragen reagieren. Auch Eltern können etwas unternehmen, indem sie sich beispielsweise an den Datenschutzbeauftragten wenden und fragen, wieweit sie ihre Kinder sich vor solchen Anfragen schützen können.“ Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) zu BILD Hamburg: „Scientology verfolgt nach wie vor das demokratiefeindliche Ziel, Staat und Gesellschaft im scientologischen Sinne umzugestalten. Das Ergebnis wäre ein totalitärer Staat, in dem alle Rechte ausschließlich Scientologen zustehen. Die Scientology-Ideologie ist mit unserer Demokratie nicht vereinbar und verfassungsfeindlich – und mit einer Kirche hat Scientology rein gar nichts zu tun.“ Ahlhaus über die jüngsten Ausspäh-Aktivitäten: „Gerade in jüngster Zeit bemüht sich die Organisation verstärkt darum, ihren Einfluss in Deutschland auszubauen. Die Briefe an die Schulen sind der klare Beweis. Hier in Hamburg werden wir unsere intensive Aufklärungsarbeit über die Gefahren der Scientology-Organisation auch in Zukunft fortsetzen. Unser Verfassungsschutz wird die Organisation auch künftig im Auge behalten, und unsere Arbeitsgruppe Scientology wird ihre erfolgreiche Arbeit auch in Zukunft konsequent fortsetzen."

Radio Munot, Schaffhausen, 09.12.2008
Neues Scientology-Zentrum in Schaffhausen 
Heute ist in Schaffhausen ein neues Scientology-Zentrum eröffnet worden. Das Zentrum befindet sich direkt gegenüber des Bibelpanoramas in der Repfergasse. Die umstrittene Organisation Scientology wird häufig als Sekte bezeichnet. Die Öffentlichkeitsbeauftragte von Scientology Zürich, Jacqueline Ceriani, wehrt sich dagegen. Scientology sei keine Sekte. Wer die Grundbegfriff Sekte verstehe, beziehe dies auch nicht auf Scientology. Anderer Meinung ist die Filialleiterin des Bibelpanoramas, Gabriela Birchmeier. Für sie sei Scientology eine Sekte. Leute, die sich darin befinden, würden dies meistens nicht merken.

Schwarzwaelder-Bote.de, 02.12.2008
Bürger sorgen sich wegen Scientology
Stuttgart - Eine Expertengruppe der Landesregierung schlägt Alarm: Sie weist darauf hin, dass zahlreiche Menschen wegen der Sekte Scientology Rat suchen – vor allem Eltern aus Angst um ihre Kinder. »Ernstzunehmendes Extremismuspotenzial« »In Briefen, E-Mails sowie Eingaben und Petitionen, teilweise sogar durch persönliches Erscheinen vor Ort, wird deutlich gemacht, dass Menschen sich durch Angebote von und dem Kontakt zu Sekten und Psychogruppen in ihren Freiheitsrechten beeinträchtigt sehen«, heißt es in dem Bericht einer Expertengruppe, über den heute das Landeskabinett berät. Oft sorgten sich Menschen um ihre Angehörigen, vor allem um Kinder und Jugendliche. Die meisten Anfragen bezögen sich auf Scientology, deren Arbeit man nach Überzeugung der Arbeitsgruppe als verfassungsfeindlich bezeichnen könne: »Es bestehen tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass von der Scientology-Organisation Bestrebungen ausgehen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind«, kritisiert der Bericht der von der Landesregierung eingesetzten Arbeitsgruppe. Die Gefahr durch Sekten und Psychogruppen in Baden-Württemberg dürfe nicht unterschätzt werden, warnen die Experten. Scientology sei zwar nach den tatsächlichen Mitgliederzahlen keine weltweite Massenbewegung, besitze aber ein »ernstzunehmendes Extremismuspotenzial«, heißt es in dem Bericht. Anhänger verschiedener Sekten sorgen für »eine nicht unerhebliche Gefährdung« Nach Schätzungen der Arbeitsgruppe zählen die Sekten und Psychogruppen im Südwesten insgesamt rund 30?000 bis 35?000 Anhänger. Von den Sekten gehe »eine nicht unerhebliche Gefährdung« aus, warnen die Experten. Insgesamt gebe es in Baden-Württemberg 120 Organisationen und Gruppierungen, die sich aber stark durch Mitgliederzahl und Organisationsdichte unterscheiden. Es sei auffällig, dass die Zahl der Sympathisanten steige, die bislang eigentlich herkömmlichen religiösen oder weltanschaulichen Gruppen angehörten. Sie suchten nun eine neue Orientierung bei Sekten und Psychogruppen – und sind dabei nach Überzeugung der Experten weitgehend unkritisch: »Die Vermischung von Lebenshilfe und Gewinnstreben der Gruppierungen wird entweder akzeptiert oder – zunächst – im Bewusstsein der Sympathisanten oder Neumitglieder ausgeblendet«, heißt es in dem Bericht. Scientology hat Schwerpukt in Baden-Württemberg Nach den Erkenntnissen der Arbeitsgruppe haben sich in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Menschen aus Baden-Württemberg bei den staatlichen Stellen gemeldet und Schutz vor psycho-manipulativen Techniken sowie problematischen Heilsversprechungen verlangt. In Baden-Württemberg besitze Scientology einen Schwerpunkt und das dichteste organisatorische Netz in Deutschland. Neben einer Niederlassung in Stuttgart gebe es sogenannte Missionen in Ulm, Karlsruhe und Göppingen sowie eine Gruppe in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) und Anlaufstellen in Erlenbach bei Heilbronn, in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen), Sinsheim (Rhein-Neckar-Kreis) und Welzheim (Rems-Murr-Kreis). Von Erfolg scheint die Mitgliederwerbung der Scientologen nach Überzeugung der Arbeitsgruppe nicht gekrönt: Seit Anfang 2006 stagniere die Organisation in Baden-Württemberg trotz intensiver Werbung. »Eine dynamische Mitgliederentwicklung gelang der Organisation nicht«, heißt es in dem Bericht. Derzeit zähle Scientology im Südwesten 1000 bis 1100 Mitglieder.

Der Tagesspiegel, 22.11.2008, Jasmin Rietdorf und Nicole Scharfschwerdt 
Die Unterschätzten: Scientology wird nicht verboten 
Berlin - Seit mehr als zehn Jahren wird Scientology nun schon vom Verfassungsschutz in Deutschland beobachtet. Und der schätzt die Sekte als verfassungswidrig ein. Dennoch konnten sich die Innenminister der Länder nicht dazu durchringen, ein Verbotsverfahren gegen die Organisation einzuleiten. Bereits am Wochenende verkündete der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, in einem Interview: "Wer ernsthaft glaubt, wir würden von 5000 Scientologen gefährdet, ist in meinen Augen hasenfüßig." Eine Meinung, die sein Berliner Kollege Ehrhart Körting teilt. Im Interview mit dem RBB erklärte der Innensenator: "Wir sind glücklicherweise entgegen ersten Vermutungen in der Situation, dass die Scientology-Organisation eigentlich eine unbedeutende Organisation ist." Nach Schätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Deutschland zählt Scientology zwischen 5000 und 6000 Mitglieder. Im Januar 2007 eröffnete die Organisation ein neues Zentrum in Berlin-Charlottenburg. Gleichzeitig mehrten sich die Hinweise darauf, dass Scientologen verstärkt Einfluss auf die Bundespolitik nehmen wollen. So erhielten alle Bundestagsabgeordneten Post von Scientology – ein Werbefilm sollte sie von der Harmlosigkeit der Organisation überzeugen. Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz warnte im Gespräch mit tagesspiegel.de davor, die Organisation zu unterschätzen: "Ich respektiere die Überlegungen der Innenminister bezüglich Scientology. Ich persönlich neige aber zu der Meinung, dass man die Organisation nicht verharmlosen sollte." Das Geschäft mit der Jugend Die Bundestagsabgeordnete Antje Blumenthal ist Berichterstatterin der Unionsfraktion für Sekten und Psychogruppen. Auch sie warnt davor, die Scientology-Aktionen auf die leichte Schulter zu nehmen. Mit ihren Lehren versuche Scientology vor allem, durch Lebenskrisen geschwächte Menschen von der Sekte abhängig zu machen, so ihre Einschätzung: "Wir müssen die Aufklärung verstärken, damit die Leute an den Straßenständen von Scientology einfach vorbeigehen", forderte sie im Gespräch mit tagesspiegel.de. Blumenthal beobachtet vor allem die Versuche der Sekte mit Sorge, Jugendliche für ihre Ideologie zu gewinnen: Immerhin betreiben Scientologen mittlerweile über 30 Nachhilfeschulen in ganz Deutschland, die Dunkelziffer dürfte höher sein. Das Geschäft ist zum einen lukrativ, viel wichtiger aber sei es, Kinder und Jugendliche auf eine mögliche Scientology-Karriere vorzubereiten, so Blumenthal. Der Verfassungsschutz ist sich sicher: Die Organisation verletzt die Menschenwürde, lehnt das bestehende Rechtssystem ab, strebt die Kontrolle über ihre Mitglieder an und verunglimpft Kritiker als krank und kriminell. Kurz: Sie agiert am Rande der Verfassungswidrigkeit. Im letzten Bericht der Verfassungsschützer von 2007 heißt es daher: Aus einer Vielzahl von Quellen ergebe sich, dass die Organisation "wesentliche Grund- und Menschenrechte, wie die Menschenwürde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und das Recht auf Gleichbehandlung, außer Kraft setzen oder einschränken will." Trotzdem haben sich die Innenminister gegen ein mögliches Verbot entschieden. Warum? Verfassungsschutz und Politik sind machtlos Hintergrund der Entscheidung ist ein aktueller Prüfbericht des Verfassungsschutzes, der Probleme in der Realisierung eines Verbots sieht. In dem Papier heißt es, dass sich aus dem öffentlichen Auftreten der Organisation keine Absicht ableiten lasse,die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik aggressiv-kämpferisch verwirklichen zu wollen. Der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, August Hanning, sagte im Rahmen der Innenministerkonferenz, die Anhaltspunkte für die Verfassungsfeindlichkeit der Organisation reichten bisher für ein Verbotsverfahren nicht aus. Blumenthal bestätigt diese Einschätzung: "Wir wissen zwar, dass ihre Theorien gegen die Verfassung verstoßen, aber es fehlen die konkreten Beweise, die vor Gericht Bestand hätten. Sie kämpfen nicht offen gegen die demokratische Grundordnung", sagte sie. "Nach außen gibt sich die Organisation als Religionsgemeinschaft. Sie geben vor, keine politische Motivation zu besitzen." Auch Wiefelspütz ist vorsichtig: "Die Verbotsfrage ist eine kritische Frage im Grenzbereich: Es gibt unterschiedliche Vorstellungen weltweit über das, was Religion sein kann. In den USA ist Scientology überhaupt kein Problem. Und die Vereinigten Staaten sind sicherlich ein Rechtsstaat", so der SPD-Innenexperte. Die Sektenexpertin der CDU ist ebenfalls gegen ein Verbot der Organisation. "Wenn jetzt kein Verbot erreicht wird, dann heißt das trotzdem, dass die Beobachtung durch den Verfassungsschutz weitergeht. Ich bin gegen das Verbot, weil ich der Meinung bin, dass eine offene Beobachtung besser ist, als ein Verbot." Es ist das gleiche Argument, das auch immer wieder in Bezug auf ein erneutes Verbotsverfahren gegenüber der NPD angeführt wird. Agieren Organisationen und Parteien offen, können sie besser kontrolliert werden als im Untergrund. Auch Wiefelspütz sprach sich im Gespräch mit tagesspiegel.de weiterhin für die Beobachtung aus: "Grund zur kritischen Beobachtung von Scientology durch den Verfassungsschutz haben wir in jedem Fall weiterhin."

tagesspiegel.de, 21.11.08, Glaudia Keller 
Auf den Punkt - Gedanken sind frei - Claudia Keller über den Beschluss, Scientology nicht zu verbieten 
Berlin - Die Gedanken sind frei. Ob ich als verlassener Mann die Ex meuchle oder als militanter Atheist den Papst stranguliere - solange ich das nur im Kopf tue, mache ich mich nicht strafbar. Auch in den Büchern des Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard steht viel krudes Zeug. Das alleine reicht aber nicht, damit die Polizei einschreitet. In Hubbards Büchern steht zum Beispiel auch, dass eine Elite von Scientology-Jüngern die Welt regieren soll und die Ungläubigen in Lager eingesperrt werden. Das ist nicht im Sinne unserer demokratischen Verfassung. Scientology versucht auch unermüdlich und besonders in Berlin, Lehrer, Journalisten und Politiker von ihrer Weltsicht zu überzeugen. Das nervt. Der Beginn einer Weltverschwörung ist das aber noch nicht. Erst wenn sich eine Person oder eine Organisation daran macht, solche Fantasien in die Tat umzusetzen, wird es ernst. Dann muss der Staat eingreifen. Die Verfassungsschützer der meisten Bundesländer sind nach monatelanger Prüfung nun zu dem Ergebnis gekommen, dass es dafür keine richtigen Anhaltspunkte gibt. Deshalb hat sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) jetzt entschieden, kein Verbotsverfahren gegen Scientology einzuleiten. Gut so. Dennoch sollten wir Hubbards Freunde nicht aus dem Auge lassen. Im Moment dürfte aber wohl über kaum einen anderen religiösen Verein so viel bekannt sein wie über Scientology. Es gibt Aufklärungskampagnen, eine Hotline im Rathaus, eine extra Sektenüberwachungsstelle im Senat wurde eingerichtet. Wer sich dennoch nicht abhalten lässt, sein Innerstes an einem E-Meter zu offenbaren, das aussieht wie zwei metallene Klopapierrollen, dem wäre auch mit einem Verbot nicht zu helfen gewesen.

Vorschau:
Mittwoch, 26.11.2008 um 23.30Uhr 
Johannes B. Kerner, Talkshow
Tim Carter tritt am 26. November zusammen mit Hugo Stamm in der «Johannes B. Kerner»-Talkshow im ZDF auf.

derStandard.at, 16.11.2008
Kein Verbotsverfahren gegen Scientology
Vorsitzender der Innenministerkonferenz: Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut
Berlin - Die Scientology-Organisation muss kein Verbotsverfahren in Deutschland fürchten. "Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Verbotsverfahren nicht zielführend ist", sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz (IMK), Brandenburgs Ressortchef Jörg Schönbohm (CDU), der "Welt am Sonntag". Hintergrund ist der Zeitung zufolge ein vertraulicher Prüfbericht des Verfassungsschutzes für die nächsten Mittwoch in Potsdam tagende IMK. Das Gremium hatte laut dem Bericht den Inlands-Geheimdienst vor einem Jahr mit der Prüfung eines Vereinsverbots von Scientology beauftragt. Schönbohm stand dem Verfahren demnach von Anfang an skeptisch gegenüber. "Wenn wir meinen, dass eine Ansicht nicht ganz korrekt ist, wollen wir sie gleich verbieten", sagte er der "WamS". "Aber wir leben in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, in der die Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist." Der IMK-Vorsitzende unterstrich, er wünsche sich mehr Selbstbewusstsein und mehr Vertrauen in die Demokratie. "Wer ernsthaft glaubt, wir würden von 5.000 Scientologen gefährdet, ist in meinen Augen hasenfüßig." (APA)

welt.de, 16.11.2008, Thorsten Jungholt
Warum Scientology in Deutschland nicht verboten wird
Scientology weichen? Das kam für die Berliner Verkehrsbetriebe nicht infrage. Als die deutschen Jünger der amerikanischen Psychogruppe voriges Jahr ihre neue Hauptstadt-Dependance im Stadtteil Charlottenburg eröffneten, beschloss der zuständige Stadtrat die Verlegung einer Bushaltestelle. Denn das Wartehäuschen liegt direkt gegenüber dem Eingang der Sektenzentrale, einem Prachtbau aus Glas und Beton. Die Lokalpolitiker fürchteten, dass die Scientologen die Wartenden mit ihren pseudoreligiösen Botschaften missionieren könnten. Doch die Verkehrsbetriebe stellten sich bockig: Sie halten ihre Kunden für mündig genug, der Indoktrination zu trotzen, und weigerten sich, das Bushäuschen abzubauen. Der Stadtrat begnügte sich mit einem großen Plakat, das nun an der Haltestelle prangt und die Bürger mit Telefonnummern versorgt, an die sie sich bei Belästigungen wenden können.
Nicht nur die Berliner Kommunalpolitik ringt um den richtigen Umgang mit den Anhängern des verstorbenen Science-Fiction-Autors Ron Hubbard. Auch die Innenminister der Republik tun sich schwer. Vor einem Jahr beauftragten sie den Verfassungsschutz, die Aussichten eines Verbots der Organisation zu überprüfen. "Von dieser Sekte geht ein hohes Risiko aus", begründete Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) den Vorstoß. Der Beschluss sei ein "großer Erfolg" im Kampf gegen diese "kriminelle Vereinigung", jubelte der Kollege aus Hamburg. Wenn sich die 16 Innenminister am Mittwoch in Potsdam treffen, werden die Kommentare zurückhaltender ausfallen. Denn der 46 Seiten umfassende Geheimdienst-Bericht ist fertig - und bietet wenig Anhaltspunkte für ein erfolgreiches Verbot. Das Lagebild sei lückenhaft, das Prozessrisiko erheblich, und ein Scheitern könne zum Ansehensverlust des Staates führen, heißt es in dem vertraulichen Dossier.
"Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Verbotsverfahren nicht zielführend ist", bestätigte Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm der "Welt am Sonntag". Der derzeit amtierende Vorsitzende der Innenministerkonferenz sah ein Verbot - immerhin das schärfste Schwert des Rechtsstaates - stets skeptisch.
"Ganz generell diskutieren wir in Deutschland zu schnell über diese Vereinsverbote. Wenn wir meinen, dass eine Ansicht nicht ganz korrekt ist, wollen wir sie gleich verbieten", sagte Schönbohm. "Aber wir leben in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, in der die Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist." Stattdessen wünscht er sich mehr Selbstbewusstsein und Vertrauen in die Demokratie: "Wer ernsthaft glaubt, wir würden von 5000 Scientologen gefährdet, ist in meinen Augen hasenfüßig." Den Berliner Verkehrsbetrieben kann man das jedenfalls nicht vorwerfen.

welt.de, 16.11.2008, Till-r. Stoldt
Scientology marschiert durch NRW
Von der Öffentlichkeit lange unbemerkt hat die angebliche Kirche ihren Einfluss massiv ausgebaut: Sie infiltriert Unternehmen und lockt Jugendliche an. Nun hat der Landtag eine Gegenkampagne beschlossen
Droht Wahnsinn, wenn man über Stunden hinweg einen Aschenbecher anschreit? Dafür spricht einiges. Und erst recht dürfte Wahnsinn drohen, wenn man so lange schreien muss, bis der Zustand völliger Gefühllosigkeit erreicht ist. Daher ist es eine plausible Vermutung, dass bei Scientology höchst ungesunde Seelenzustände gezüchtet werden. Denn Scientology bietet solche Praktiken als "Psycho-Therapie" an.
Nur: Als Grund für ein Verbot der Organisation reicht das nicht aus. Die rechtlichen Anforderungen dafür seien wohl zu hoch, vermuteten viele Innenminister in Bund und Ländern vor einem Jahr. Und wenn sich die 17 Innenminister diese Woche treffen, um die Frage endgültig zu beantworten, dann werden sie diese Einschätzung höchstwahrscheinlich bestätigen.
Doch während die Innenpolitiker prüften und debattierten, schaffte Scientology Fakten - gerade in NRW: Die Kirche mit dem leidenschaftlichen Faible für das Geld ihrer Anhänger baute ihren Einfluss in Unternehmen und ihre Lockangebote für Jugendliche aus. Deshalb hat der Landtag am Mittwoch mit den Stimmen von CDU, SPD und FDP eine Kampagne beschlossen, um Unternehmen, Eltern und Jugendliche besser vor den Scientologen zu schützen. Bedenkt man, dass das Innenministerium noch vor einem Jahr mitteilte, Scientology sei in NRW eine zu vernachlässigende Größe, ist dies ein großer Schritt.
Und ein überfälliger. Immerhin sind inzwischen mindestens zwölf NRW-Firmen bekannt, in denen scientologische Führungskräfte versuchen, ihre Untergebenen für die sogenannte "Kirche" zu gewinnen. Dabei handelt es sich vor allem um Immobilienunternehmen, aber auch um einen bekannten Grußkartenhersteller (Namen wollen die Experten der Parteien noch nicht nennen, weil ein dann drohender Kaufboykott allen Mitarbeitern schaden würde).
In diesen Firmen üben die Scientologen auf zweierlei Weise Druck auf Untergebene aus, weiß CDU-Sektenexperte Marc Ratajczak: "In manchen Fällen preisen die Chefs ganz offen die Kraft scientologischer Therapieangebote und drängen Mitarbeiter, ebenfalls solche Kurse zu besuchen." In vielen Fällen verlaufe diese "Missionierung von oben" aber verdeckt: Der Vorgesetzte empfehle Mitarbeitern, an einem Kommunikationskurs oder Persönlichkeitstraining teilzunehmen. Zu dem Zweck werden Trainer von außen eingeladen. Die sind Scientologen, treten aber nicht als solche auf.
Ihr Vorgehen folgt stets einem Muster: Zunächst lehren sie unverdächtige psychische Techniken, um das Wohlbefinden zu steigern. Dann entdecken sie seelische Probleme bei den Teilnehmern, sprechen sie darauf an - und empfehlen eindringlich Scientologen-Kurse als Lösung. Diese Kurse zeichnen sich durch erstaunlich niedrige Einstiegspreise aus. Doch schon die Fortsetzungskurse kosten oft ein Vielfaches. Um auch in ahnungslose Unternehmen hineinzugelangen, haben die Scientologen in NRW laut Ratajczak eine Handvoll Firmen für Kommunikations- und Persönlichkeitstraining gegründet. Die bieten ihre Dienste ohne jeden Hinweis auf Scientology an.
Noch an einer anderen Front kann die Organisation, die so viele völlig überschuldete Opfer produziert, Erfolge vorweisen: beim Versuch, Jugendliche zu ködern. Mindestens fünf Nachhilfeinstitute wurden landesweit bekannt, in denen die Organisation unter Namen wie "Applied Scholastics" oder "professionelles Lernen" einzigartigen Lernerfolg verheißt.
Laut der Informationsstelle "Sekten-Info NRW" wird dort aber keinerlei Fachunterricht erteilt, sondern nur Lernmethodik gelehrt. Und auch hier sagen die Scientologen über kurz oder lang zu den Kindern: "Du hast ein Problem - und wir haben die Lösung bei Scientology." Wie viele Kinder dadurch bereits in die Fänge der Organisation geraten sind, weiß niemand.
Per Informationskampagne will das Land nun über diese wachsende Gefahr aufklären und sie zu erkennen helfen. Was gar nicht so schwer ist. Denn nur scientologische Nachhilfeangebote verzichten vollständig auf Fachunterricht. Zudem sind auf ihren Unterrichtsmaterialien meist die Quellen angegeben (etwa "nach den Lehren Ron Hubbards" oder "aus Dianetik"). Die extrem niedrigen Kurskosten sollten ebenfalls stutzig machen. Und schließlich empfehlen die Sektenexperten, im Zweifelsfall Kursanbieter auf ihre Nähe zu Scientology anzusprechen. Da sich Scientologen ihres Weltbilds nicht schämen, antworten sie auf Anfrage meist ehrlich.
Neben der Aufklärungsarbeit setzen CDU, SPD und FDP aber auch darauf, Scientology durch den staatlichen Sicherheitsapparat unter Druck zu setzen. So soll die Organisation offenbar noch intensiver als bisher vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz beobachtet werden. Allein die Grünen lehnten die Beobachtung als unangemessenes Mittel ab - obwohl die Observation erst im Februar vom Oberverwaltungsgericht Münster für zulässig erklärt wurde. Die Richter sahen starke Anzeichen für verfassungsfeindliche Bestrebungen bei Scientology.
Sehr viel unangenehmer könnte für die selbst ernannte Kirche allerdings eine andere, noch umstrittene Abwehrmaßnahme werden: Zumindest in der Union gibt es Sympathie für eine Art Sektenzertifikat. Laut dem CDU-Experten Ratajczak könnte solch ein Zertifikat wie ein Prüfsiegel an Kommunikations- und Persönlichkeitstrainer verliehen werden. Denkbares Kriterium für ein Seriositätsminimum wäre, nicht vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden. "Gäbe es solch ein Zertifikat, könnte sich keine scientologische Beraterfirma mehr unerkannt in Unternehmen einschleichen", begründet Ratajczak seinen Plan.
Doch da stellt sich der liberale Koalitionspartner bislang quer. Aus der FDP-Fraktion verlautete, mit den Liberalen werde es "keinen Gesinnungsführerschein für Berater" geben. In der Union warnt man indes vor dem verheerenden Eindruck, der demokratische Staat sei zu skrupulös, sich seiner skrupellosen Feinde zu erwehren. Weit entfernt sei die Bevölkerung nicht mehr von diesem gefährlichen Eindruck. Tatsächlich könnte man die bisherigen Abwehrversuche der Politik als zu schwachbrüstig deuten: Einerseits lehnen alle Fraktionen in NRW und die meisten deutschen Innenminister aus rechtsstaatlicher Gewissenhaftigkeit ein Verbot der Organisation ab. Schließlich laufe der Zweck der Scientology-Gründung dem Strafrecht nicht nachweisbar zuwider, und eine aggressiv-kämpferische Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung lasse sich zwar theoretisch ausmachen, nicht aber praktisch nachweisen.
Andererseits aber beweist Scientology laut Verfassungsschützern immer wieder die eigene Skrupellosigkeit: So warnen Verfassungsschützer zum Beispiel vor dem Scientology-Geheimdienst, der unliebsame Kritiker und Aussteiger bedrohe und einschüchtere.
Eine Kampagne und die Beobachtung durch den Verfassungsschutz hält die NRW-CDU daher für das Mindeste, was man Scientology entgegenhalten müsse. Denn manchmal gelte es, eine leicht steinzeitlich anmutende Botschaft zu verkünden: Wir sind stärker.

Abendblatt.de
Scientology geht verstärkt auf Jugendliche zu 
Stuttgart - Scientology geht nach Einschätzung des baden-württembergischen Verfassungsschutzes immer mehr auf Kinder und Jugendliche zu. Kampagnen und Werbematerial würden zunehmend auf diese Zielgruppe zugeschnitten, heißt es in einem aktualisierten Scientology-Bericht des Verfassungsschutzes, über den die Behörde gestern in Stuttgart berichtete. Die Darstellung als "scheinbar karitative und unpolitische Kirche" sei jedoch nur ein Ablenkungsmanöver, um "über die wahren, extremistischen Ziele hinwegzutäuschen". "Die Organisation verfolgt nach wie vor das Ziel, eine perfekt funktionierende scientologische Gesellschaftsordnung zu errichten. Sie arbeitet darauf hin, die Wertprinzipien der Verfassung zu beseitigen, indem sie versucht, ihre Organisationslehre auf die Gesellschaft zu übertragen". Scientology wähne sich im Besitz eines Alleinvertretungsanspruchs, der keine anderen Ansichten zulasse.

Tagesanzeiger 31.10.2008, Hugo Stamm
Scientologen machen für SVP die Knochenarbeit
Bei den Abstimmungen zu den Drogenvorlagen kämpfen SVP-Parlamentarier Seite an Seite mit Scientologen und VPM-Exponenten. Roland Messerli ärgert sich: «Die katholische Kirche ist eine furchtbare Sekte.» Der Sprecher des Dachverbandes abstinenzorientierte Drogenpolitik (DaD) kämpft wortstark gegen die Hanfinitiative und das Betäubungsmittelgesetz, die beide am 30. November zur Abstimmung kommen. Wer für die Vorlagen ist, den wirft Messerli in den Sektentopf. Unter anderen eben auch Teile der Schweizer Katholiken. Weniger Mühe hat Messerli mit klassischen Sekten. In seinem Dachverband sind Scientologen und Anhänger der Psychosekte VPM prominent vertreten. Der VPM hat sich 2002 aus taktischen Gründen aufgelöst, die Anhänger arbeiten aber wie früher in Aktionsgruppen weiter. Unter den Mitstreitern der Scientologen und der VPM-Exponenten finden sich auch 40 National- und Ständeräte der SVP. Diese haben sich im DaD und im Komitee «Drogen: 2 x Nein» zusammengefunden. Die Knochenarbeit im Komitee leisten nicht die Parlamentarier, sondern elf Vereine, die seit Jahren für eine repressive Drogenpolitik kämpfen. Unter ihnen finden sich drei Organisationen, die von VPM-Anhängern gegründet worden sind oder von ihnen mitgetragen werden. Am aktivsten ist der Verein Jugend ohne Drogen. Dieser hatte Mitte der 90er-Jahre die gleichnamige Initiative gestartet, scheiterte 1997 aber deutlich an der Urne. Vizepräsident des VPM-lastigen Vereins ist der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. Ebenfalls aktiv im Nein-Komitee ist der Verein Schweizer Ärzte gegen Drogen, in dem mehrere Exponenten des aufgelösten VPM eine zentrale Rolle spielen. Dasselbe gilt für die Aids-Aufklärung Schweiz (AAS, nicht zu verwechseln mit der Aids-Hilfe Schweiz, AHS), die von VPM-Anhängern gegründet worden war. Auch bei ihr dienen Politiker oder bekannte Fachleute als Aushängeschilder. Die Vereinsarbeit erledigen aber vor allem die Mitglieder aus dem VPM-Umfeld. Der VPM hat sich unter anderem aufgelöst, um das Sektenimage abzustreifen und Politiker leichter für seine Sache gewinnen zu können. Im Nein-Komitee engagiert sich auch ein führendes Mitglied des Vereins «Sag Nein zu Drogen». Dabei handelt es sich um die Juristin und hochrangige Scientologin Gabrielle Arnold. Der Verein ist eine Unterorganisation von Scientology. Ähnlich wie die VPM-Leute suchen auch die Scientologen die Nähe zu bürgerlichen Politikern, um ihren Einfluss auszuweiten und gesellschaftlich besser akzeptiert zu werden. Roland Messerli vom DaD hat keine Berührungsängste und arbeitet eng mit ehemaligen VPM-Exponenten und Scientologen zusammen. «Den VPM gibt es nicht mehr», sagt er. Und Scientology? «Es ist mir egal, ob Mitglieder unseres Verbandes mit Sekten zu tun haben. Wichtig ist nur, dass sie gegen die Verbreitung von Drogen sind.» Ähnlich tönt es bei Hans Fehr, Zürcher SVP-Nationalrat. «Ich habe nicht geprüft, wer alles im Komitee aktiv ist», antwortet der Parlamentarier. «Es ist mir egal, ob jemand noch einen Fuss in Scientology hat. Hauptsache er kämpft für die richtige Sache.»

Westfalenblatt, 30.10.08
»Scientology ist totalitär und extremistisch« 
Bielefeld (sas). Sie sind längst unter uns: Die Scientologen breiten sich aus und suchen Einfluss, Macht und Geld, sagt Ursula Caberta. »Eine Religionsgemeinschaft sind sie nicht. Das sind Nebelkerzen. Scientology ist nichts anderes als eine politisch extremistische Organisation.« Seit 1992 befasst sich Caberta mit den Scientologen und leitet beim Hamburger Innensenator eine Arbeitsstelle, die ein Ziel hat: das Verbot der von Ron Hubbard gegründeten Organisation. Caberta hat Bücher über Scientology geschrieben und reist durch das Land, um aufzuklären. Dienstagabend war sie auf Einladung des Evangelischen Forums Westfalen und der Neustädter Mariengemeinde als Referentin in Bielefeld. Scientology, sagt Caberta, stehe für eine menschenverachtende Ideologie und teile die Menschen in sozial und antisozial. Letzteren drohe das Lager. Wie auch Kritikern die Menschenwürde abgesprochen werde. Drohungen und Verunglimpfungen gehören für die Hamburgerin zum Alltag. »Und wenn Sie einmal hören, dass ich von der Köhlbrandbrücke gesprungen sei, können Sie sicher sein: nicht freiwillig.« Nach wie vor aber, kritisiert die Volkswirtin, werde Scientology verharmlost und würden berühmte Anhänger hofiert - wie unlängst Tom Cruise bei der Bambi-Verleihung. Dem steht Caberta fassungslos gegenüber - zumal schon 1997 die Innenministerkonferenz Scientology als »neue Form des politischen Extremismus« bezeichnet hat. Wenngleich subtiler und die Strukturen nutzend. »Scientology geht strategisch vor«, sagt Caberta: Die totalitäre Organisation werbe gezielt Prominente an und arbeite mit einer Art der Gehirnwäsche. »Hubbard hat gesagt: Macht euch nicht die Mühe, gewählt zu werden, sondern bringt Euch in die Nähe der Menschen mit Macht und bringt sie dazu zu funktionieren.« Die Taktik gehe auf: In den 90er Jahren habe sie gedacht, Scientology sei bald verschwunden. Heute sieht sie den Einfluss gewachsen - über Investorentätigkeit, Unternehmensberatungen, Personalentwicklung und Schülernachhilfe. Und der Ausstieg ist schwer und vermutlich riskant.

nrwz-online.de, 05.10.2008, Martin Himmelheber 
Scientology wirbt in Schramberg 
SCHRAMBERG, 5. Oktober - Nicht gern gesehen, aber nicht zu verhindern: Scientologen werben vor dem Schramberger Rathaus für ihre "Kirche". Die umstrittene Politsekte baut regelmäßig auf dem Rathausvorplatz ihr grellgelbes Partyzelt auf, um für sich zu werben. Vielen Schrambergern ist das ein Dorn im Auge, denn sie halten den Kult um den Science Fiction Autor L. Ron Hubbard für gefährlich. "Solange die nicht verboten sind, können wir nichts gegen ihren Infostand machen", heißt es aus dem Schramberger Rathaus. Sie melden sich rechtzeitig an, und dann muss die Stadt den Stand genehmigen, es sei denn, der Rathausvorplatz wird schon anderweitig beansprucht. Die Hoffnung auf ein baldiges Verbot der Scientologen in Deutschland wird aber wohl auch nicht in Erfüllung gehen. Zwar wollen die Landesinnenminister immer mal wieder ein Verbot erreichen, aber ein Gutachten des Verfassungsschutzes macht wenig Hoffnung. Wie der "Spiegel" kürzlich berichtete, heißt es in dem Gutachten, dass Scientology als deutscher Verein behandelt werden müsste. Einen solchen Verein zu verbieten werde sehr viel schwieriger als eine ausländische Organisation. Auch sei schwer nachzuweisen, dass Scientologen eine aggressiv-kämpferische Grundhaltung gegen das Grundgesetz einnehmen. Das wäre aber eine weitere Verbotsvoraussetzung. So bleibt also der Wunsch von etwa zwei Dritteln der Deutschen, Scientology zu verbieten, bis auf weiteres unerfüllt, und müssen sich die Schramberger mit dem grellgelben Partyzelt auf ihrem Rathausvorplatz abfinden. Tröstlich nur: Laut Verfassungsschutz stagnieren die Mitgliederzahlen von Scientology in Deutschland bei fünf- bis sechstausend, und ihr Ziel, die deutsche Gesellschaft und Politik zu durchdringen, haben die Hubbard-Jünger nicht einmal ansatzweise erreicht. 

Tagesspiegel.de. 01.10.2008 
Kampf gegen Scientology: Sektenberatung ausgebaut 
Berlin erweitert sein Beratungsangebot für Opfer von Sekten und ähnlichen Gruppen. Der Senat beschloss am Dienstag, die Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung beim Thema Sekten zu verbessern. Die im Sommer eingerichtete Anlauf- und Informationsstelle bei der Bildungsverwaltung heißt künftig "Leitstelle für Fragen zu Sekten und konfliktträchtigen Anbietern auf dem Psycho- und Lebenshilfemarkt" und wird um eine Stelle auf drei Mitarbeiter aufgestockt. Dabei geht es vor allem um die Aktivitäten der Organisation Scientology, die seit Anfang vergangenen Jahres ihre Zentrale in Charlottenburg hat. Im Durchschnitt bekommt die Senats-Beratungsstelle vier Anfragen täglich, sagt Kenneth Frisse, Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. "Rund die Hälfte der Anfragen betrifft Scientology." Durch die neue Organisationsform erhofft er sich eine "bessere Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Senatsverwaltungen und mit den Bezirken". Speziell zugeordnete Kontaktpersonen sollen dafür verantwortlich sein, Informationen auszutauschen und die Hilfe für Betroffene abzustimmen. Scientology wird vom Verfassungsschutz beobachtet, weil "Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung vorliegen". Ein Verbot der Organisation war kürzlich vom Verfassungsschutz im Auftrag der Innenministerkonferenz geprüft worden. Das Ergebnis: Ein Verbotsverfahren hat kaum Chancen auf Erfolg Die Leitstelle für Fragen zu Sekten ist telefonisch unter 9026-5574 zu erreichen, im Internet unter www.berlin.de/sen/familie/sekten-psychogruppen.

Focusonline, 21.09.2008
Scientology Verbot wird immer unwahrscheinlicher
Die Verfassungsschutzbehörden sind gegen ein Verbot der umstrittenen Scientology-Organisation in Deutschland. Ein Verbot wird daher immer unwahrscheinlicher. Einem Bericht zufolge verfolgt Scientology keine strafgesetzwidrige Zwecke.
Ein Verbot der deutschen Sektion von Scientology wird immer unwahrscheinlicher. Die Verfassungsschutzbehörden sprechen sich nach Informationen des „Spiegel“ in einem Bericht für die Innenministerkonferenz klar gegen ein Verfahren gegen die umstrittene Organisation aus. Aus dem öffentlichen Auftreten lasse sich „nicht ableiten, dass Scientology die Überwindung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland aggressiv-kämpferisch verwirklichen will“. Die Innenminister von Bund und Ländern hatten die Verfassungsschützer vor einem Jahr damit beauftragt, Material für mögliche vereinsrechtliche Ermittlungen zu sammeln. Das Vorgehen gegen die vor mehr als 50 Jahren in den USA gegründete und seit fast 40 Jahren in Deutschland aktive Scientology war vom damaligen Hamburger Innensenator Udo Nagel beantragt worden. Im November wollen die Innenminister auf ihrer Herbstkonferenz in Potsdam über die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens entscheiden. Im Gegensatz zu Parteien kann eine Organisation wie Scientology ohne Einschaltung des Bundesverfassungsgerichts über das Vereinsrecht vom Bundesinnenminister verboten werden. In dem 46-seitigen Bericht der Verfassungsschutzämter, aus dem der „Spiegel“ zitiert, ist von einem „lückenhaften Lagebild“ die Rede. Die Behörden warnten vor diesem Hintergrund vor einem „Ansehensverlust für die damit befassten staatlichen Stellen“ bei einem Vorgehen gegen Scientology. Weder die Satzung noch sonstige Äußerungen ließen „den Schluss zu, dass der Verein strafgesetzwidrige Zwecke verfolgt“, zitiert der „Spiegel“ aus dem Bericht. Bei dem Versuch der Durchdringung von Politik und Gesellschaft seien „selbst ansatzweise keine Fortschritte zu verzeichnen“.

Zommer.de, 21.09.2008
Verfassungsschutz warnt vor Verbot 
Das verwundert nun doch. Jahrelang wurde Scientology bekämpft, in Berlin wehrte man sich mit Händen und Füßen gegen die Eröffnung der Zentrale. In Frankreich dagegen muss sich die Organisation gegen den Vorwurf "organisierten Bandenbetrugs" wehren, weil eine Frau nach einem Persönlichkeitstest Materialien für über 30.000 Euro gekauft hatte. Das Urteil könnte sogar die Auflösung zur Folge haben. Doch in Deutschland fürchtet sich die Verfassungsbehörde vor einem Ansehensverlust, sollte ein Verbotsverfahren scheitern.
Aus dem öffentlichen Auftreten der Organisation lasse sich "nicht ableiten, dass Scientology die Überwindung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland aggressiv-kämpferisch verwirklichen will", zitiert der "Spiegel" aus einem vertraulichen Prüfbericht im Auftrag der Innenminister von Bund und Ländern. Weder die Satzung noch sonstige Äußerungen ließen "den Schluss zu, dass der Verein strafgesetzwidrige Zwecke verfolgt". Niemals "Scientology ist meines Erachtens lediglich ein menschenverachtender und gehirnwaschender Verein, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Das braucht Deutschland nicht wirklich. Schluss aus." Scientology könne zudem nicht wie von den Innenministern erhofft als ausländischer Verein eingestuft werden. Der Nachweis einer "umfassenden und totalen Fremdsteuerung" aus den USA könne "nicht geführt werden, entsprechende Erkenntnisse liegen nicht vor", heiße es in dem als geheime Verschlusssache eingestuften Bericht. Deutsche Vereine sind nach Angaben des Magazins viel schwerer zu verbieten als ausländische. Das Prozessrisiko sei nach Einschätzung der Verfassungsschützer "nicht unerheblich". Ein Scheitern könne "zu einem Ansehensverlust für die damit befassten staatlichen Stellen führen". Es liege nur ein "lückenhaftes Lagebild" vor. Laut Verfassungsschutz stagniere die Zahl der Scientology-Mitglieder in Deutschland bei 5000 bis 6000. Bei der Durchdringung von Politik und Gesellschaft seien selbst ansatzweise keine Fortschritte zu verzeichnen". Scientology bezeichnet sich selbst als Kirche, wird von Kritikern aber als gefährliche Sekte angesehen. Ende vergangenen Jahres hatten die Innenminister von Bund und Ländern die Verfassungsschutzbehörden angewiesen, ein Verbot von Scientology zu prüfen. Der nun vorliegende Bericht soll bei der nächsten Innenministerkonferenz in zwei Monaten beraten werden.

Spiegel, 20.09.2008
Verfassungsschutz warnt vor Scientology-Verbot 
«Spiegel»: Verfassungsschutz w... Die Organisation kann demnach nicht als ausländischer Verein eingestuft werden Hamburg (ddp). Die Verfassungsschutzbehörden warnen vor einem Verbot der umstrittenen Scientology-Organisation. In einem vertraulichen, 46-seitigen Prüfbericht im Auftrag der Innenminister bewerten die Verfassungsschützer das Lagebild über Scientology als «lückenhaft», wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» am Samstag vorab berichtete. Die Organisation kann demnach nicht als ausländischer Verein eingestuft werden. Auch könne der Nachweis einer «umfassenden und totalen Fremdsteuerung» aus Amerika könne «nicht geführt werden». Zudem lasse sich aus dem öffentlichen Auftreten «nicht ableiten, dass Scientology die Überwindung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland aggressiv-kämpferisch verwirklichen will». Weder die Satzung noch sonstige Äußerungen ließen «den Schluss zu, dass der Verein strafgesetzwidrige Zwecke verfolgt». Laut Verfassungsschutz hat Scientology 5000 bis 6000 Mitglieder, bei der Durchdringung von Politik und Gesellschaft seien «selbst ansatzweise keine Fortschritte zu verzeichnen». Ende 2007 hatten die Innenminister von Bund und Ländern die Verfassungsschutzbehörden angewiesen, ein Verbot von Scientology zu prüfen. Der nun vorliegende Bericht soll bei der nächsten Innenministerkonferenz beraten werden.

Wiesbadener Kurier, 15.09.2008, 
Volker Stahl Zwischen Gehirnwäsche und sozialer Isolation 
Prominente Ex-Scientologen packen in Hamburg aus / Organisation versucht ihre Gegner einzuschüchtern HAMBURG Die 1954 von dem Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard gegründete Scientology Organisation (SO) reagiert bekanntermaßen aggressiv auf ihre Kritiker. So versuchten die Scientologen, sich vor dem Hamburger Verwaltungsgericht einen Podiumsplatz für die Veranstaltung "Das ist Scientology! Berichte aus den USA" einzuklagen, zu der die Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Innenbehörde geladen hatte - vergeblich. Und so konnten drei namhafte SO-Aussteiger, die Arbeitsgruppenleiterin Ursula Caberta aus den Vereinigten Staaten hatte einfliegen lassen, ungestört zu Wort kommen: Der Hollywood-Schauspieler Jason Beghe, bekannt durch Kinofilme wie "Thelma & Louise" und seine Gastauftritte in Fernsehserien wie "CSI", der ehemalige SO-"Geheimdienstler" Larry Brennan und das Ex-Mitglied der internationalen SO-Führungsriege Marc Headley. Zudem nahm der Rechtsanwalt Graham Berry aus Los Angeles teil, der Scientology-Opfer vertritt - darunter auch Mitglieder der Gruppe Anonymous, die Anfang des Jahres eine Kampagne mit medienwirksamen Aktionen gegen Scientology gestartet hat. Berry sprach davon, dass bei SO Menschen "in ein schwarzes Loch eingesaugt" würden. "Vor allem Abtrünnige werden erpresst, als Terroristen denunziert und mit Klagen überzogen." Dabei sei es für die Organisation weniger wichtig, die Gerichtsverfahren zu gewinnen, als ihre Gegner zu diffamieren, zu schikanieren und finanziell wie psychisch zu ruinieren, ergänzte Larry Brennan, der den Scientologen den Rücken kehrte, nachdem sie ihm eine Kontaktsperre zu seiner Tochter auferlegt hatten. "Sehr gefährlich" Obwohl die SO durch die Anonymous-Proteste sehr geschwächt sei und die Zahl ihrer Mitglieder rapide schrumpfe, stuft Graham Berry die Organisation weiterhin als "sehr gefährlich" ein. "Zumindest in Hollywood hat Scientology aber nur noch sehr wenige Anhänger", teilt Jason Beghe Berrys Einschätzung nur bedingt. "Außerdem wollen viele Mitglieder aussteigen. Wie bei einer Hypnose fehlt nur noch das erlösende Fingerschnippen." Der Schauspieler, der rund 800 000 Dollar für SO-Psychoprogramme investiert hat, die ihm nach eigenen Angaben nichts brachten, war von 1994 bis 2006 Mitglied: "Die unglücklichsten Jahre meines Lebens - Scientology hat mich einer Gehirnwäsche unterzogen." Aussteiger Marc Headley erging es nicht anders: "Ich habe 100 Stunden pro Woche gearbeitet, für 36 Cent pro Stunde. Dabei hatte ich zu niemandem Kontakt, der kein Scientologe war", schilderte der ehemalige Vertraute von SO-Führer David Miscavige und Produzent bei Golden Era Productions - einem Unternehmen, das Filme, Audio-CDs und anderes Propagandamaterial für Scientology herstellt - seine soziale Isolation. Headley hatte die Organisation nach 15 Jahren verlassen, weil Miscavige ihm bei Meinungsverschiedenheiten immer wieder ins Gesicht geschlagen hatte. "Die Organisation funktioniert streng hierarchisch, kein Mitglied darf autonom handeln", beschrieb Headley das totalitäre System von SO. "Weltweit geschieht absolut nichts, was nicht vom Scientology-Hauptquartier in den USA abgesegnet wird." Inwieweit Superstar Tom Cruise, der als zweiter Mann hinter David Miscavige gehandelt wird, in die zum Teil kriminellen Machenschaften von SO verwickelt ist - darüber können die prominenten Ex-Scientologen nur spekulieren: "Tom Cruise wird total abgeschottet", sagte Marc Headley. "Ich glaube, er weiß sehr wenig von den Vorgängen in der Organisation."

diepresse.com, 10.09.2008 
Scientology auf Mitglieder-Fang: Jugendwerbefeldzug 
Ein Verein, der Scientology nahesteht, umwirbt derzeit intensiv Wiener Schüler. Stadtschulrat und Drogenkoordinator warnen davor nun in einem Brief. Wien. Die Stimmung: beunruhigt bis alarmiert. Der Grund: Scientology und eine dem Verein nahestehende Organisation („Narconon“) sind derzeit in der Stadt so präsent wie schon lange nicht mehr. So werden vermehrt Folder über Drogenprävention und -therapie an Jugendliche verteilt. Mal von Scientology selbst auf der Straße, mal vor Schulen von „Narconon“, einem eigenen Verein, der auf den Lehren von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard basiert. Die Vermutung, dass über die Antidrogenkampagnen Jugendliche als Mitglieder geworben werden, mag naheliegen, wird aber von „Narconon“ zurückgewiesen. Weil „Narconon“ laut dem Wiener Sucht- und Drogenkoordinator Michael Dressel „über den Sommer sehr aktiv“ gewesen sei, hat er nun mit dem Stadtschulrat einen Brief verfasst, der morgen, Freitag, an alle 670 Wiener Schulen verschickt werden soll. Darin wird über Narconons „fragwürdige“ Methoden informiert. Diese „widersprechen völlig dem, was in der Drogenarbeit State of the Art ist“, so Dressel. So besteht etwa die Drogen-„Selbsthilfe“ aus „Reinigungsprogrammen“, bei denen die Sucht durch exzessive Saunabesuche „ausgeschwitzt“ werden soll. Eine explizite Warnung vor Scientology findet sich im Brief aber nicht – aus Angst vor Klagen. Dass hinter der Antidrogenaktion die Lehren von Scientology stecken, geht aus den Broschüren nicht hervor. Der Stadtschulrat prüft bereits eine weitere Info-Kampagne: Denn laut den Wiener Grünen wirbt Scientology derzeit auch mit Lernhilfen („Englisch lernen ist leicht“) unter Schülern. Wie sehr aber sprechen Jugendliche auf die Drogenprävention an? Sehr, glaubt man Narconon-Leiterin Antonia Homschak. Sie spricht von Hunderten – begeisterten – Schülern, vor denen sie Vorträge gehalten habe, will die Schulen aber nicht verraten, um den Direktoren Probleme zu ersparen. Der Leiter der Bundesstelle für Sektenfragen, German Müller, wiederum meint, es sei schwer abzuschätzen, ob es sich um „Einzelfälle“ handelt oder ob Schüler vermehrt auf das Angebot eingestiegen seien. „Jedenfalls muss man das ernst nehmen und darüber informieren“. Die Briefaktion ist für Narconon eine „wirklich bösartige Kampagne“. Man wolle nur über Drogen aufklären. Es ginge nicht darum, Mitglieder für Scientology zu werben, sagt Homschak, selbst Scientologin. Aber natürlich komme es vor, dass sich Jugendliche so für Hubbards Lehren zu interessieren beginnen. Neben „Narconon“ ist auch Scientology selbst derzeit in der Stadt an gleich mehreren Stellen (etwa Graben, Schwedenplatz) mit Infoständen präsent. Ohne sichtbare Hinweise auf „Scientology“ werden Passanten zu einem „Stresstest“ und in der Folge zu Seminaren eingeladen. Bewohner und Passanten freut das weniger: Die Bundesstelle für Sektenfragen vermeldet vermehrte Anrufe, City-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel berichtet von „massiven Anrainerbeschwerden“. Für die Infostände, sagt Stenzel, habe Scientology überdies keine Genehmigung.

AFP, 09.09.2008. 
Scientology muss in Frankreich wegen Betrugs vor Gericht 
Paris (AFP) — Die Scientology-Organistation muss sich in Frankreich wegen "organisierten Bandenbetrugs" in einem Strafprozess verantworten. Eine Verurteilung könne die Auflösung der Organisation zur Folge haben, sagte ein Justizsprecher in Paris. In dem Verfahren geht es um den Fall einer Frau, die 1998 einen "Persönlichkeitstest" bei Scientology machte. Sie hatte für den Kauf von Büchern, Medikamenten und eines so genannten Elektrometers zur Messung des geistigen Wohlbefindens insgesamt über 200.000 Francs (mehr als 30.534 Euro) ausgegeben. In Frankreich wird Scientology seit 1995 als "Sekte" eingestuft. Einen Termin für den in Paris geplanten Strafprozess gibt es noch nicht. Als juristische Personen angeklagt sind das Celebrity Centre, die wichtigste Struktur der Scientology-Bewegung in Frankreich, sowie deren Buchhandlung SEL. Zudem ermittelt die Justiz gegen sieben französische Scientology-Mitglieder, unter ihnen den Leiter des Celebrity Centre, Alain Rosenberg. Einigen von ihnen wird unter anderem "illegale Ausübung des Apotheker-Berufs" zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft hatte eigentlich die Einstellung der Ermittlungen beantragt. Dies wies nun der zuständige Untersuchungsrichter Jean-Christophe Hullin zurück. Als Nebenkläger treten eine weitere Frau sowie der französische Apotheker-Verband auf. In Frankreich werfen die Behörden Scientology vor, Mitglieder psychisch zu zu destabilisieren. 1995 wurde eine erste Scientology-Vereinigung aufgelöst, weil sie sich weigerte, Steuern an den Fiskus zu zahlen, der ihr den Status als Kirche verweigerte. Im Februar sorgte die Kabinettschefin von Präsident Nicolas Sarkozy für Aufsehen, weil sie offen die Frage stellte, ob Scientology tatsächlich eine Gefahr darstelle. Sarkozy, der als Minister Scientology-Promi Tom Cruise empfing, versicherte darauf, der Staat werde "größtmögliche Härte" gegenüber Sekten zeigen. Wie in Frankreich wird die 1954 in den USA vom Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard gegründete Organisation auch in mehreren anderen europäischen Ländern als "Sekte" angesehen - unter anderem in Belgien und Griechenland. In Deutschland wird Scientology seit 1997 vom Verfassungsschutz observiert. Eine Klage der Organisation gegen dieses Praxis wies das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster im Februar ab.

Heise vom 18.8.2008
Anonymous gegen Scientology: 
Bewegung orientiert sich neu Am 16. August veranstaltete Anonymous die siebte weltweite Protestaktion gegen Scientology. In über 80 Städten trafen teils maskierte Demonstranten vor den örtlichen Zentralen der umstrittenen Organisation zusammen, um gegen den Umgang von Scientology mit seinen Mitgliedern und Kritikern zu demonstrieren. Anonymous gegen Scientology: Die Berliner Kundgebung Bilderstrecke, 9 Bilder = www.heise.de/bilderstrecke/417/nt51bef8 Ersten Schätzungen zufolge brach die weltweite Anzahl der Demonstranten weiter ein. Fanden sich im Vormonat noch etwa 2100 Teilnehmer zu "Spy vs. Sci" ein, kamen diesmal schätzungsweise um die 1500 Demonstranten zusammen. Damit bleibt die letzte Demonstrationswelle weit hinter vergangenen Aktionen zurück – den bisherigen Höhepunkt bildete "The Ides Of March" mit über 9000 Teilnehmern. Der größte Einbruch war in London zu verzeichnen; hier sackte die Zahl von über 600 auf 150 Teilnehmer ab. In den Anonymous-Diskussionsforen hat der Rückgang erhitzte Debatten ausgelöst. Einige plädieren lautstark dafür, das Zählen ganz aufzugeben – es erodiere die Moral und sei nicht repräsentativ für die Wirkung der Aktionen. Die Internet-Bewegung Anonymous existiert bereits seit Jahren, beschränkte ihre Aktivitäten aber meist auf das Internet. Mitte Januar richtete sich Anonymous gegen die Scientology-Organisation, als diese versuchte, die Verbreitung eines Videos mit Tom Cruise zu unterbinden. Anonymous interpretierte dies als Zensur und reagierte mit Angriffen auf Scientology-Webserver. Kurz darauf schwenkte die Bewegung um: Über Web-Foren und Chat-Räume koordinierte sich eine weltweite Protestwelle. Am 10. Februar ging Anonymous zum ersten Mal auf die Straße, um vor den örtlichen Scientology-Niederlassungen zu protestieren. Scientology wurde Anfang der 50er Jahre zunächst als Selbsthilfe-Gruppe ins Leben gerufen, um bald darauf zur Religion umzufirmieren. Die Ziele und Mittel der Organisation waren von Anfang an umstritten. In den 70er-Jahren musste Scientology sich mehrfach wegen illegaler Aktivitäten in den USA vor Gericht verantworten. Sprecher der Organisation bezeichnen diese Ereignisse gern als vergangene Fehler; Kritiker sehen darin hingegen systematische Unterdrückungsstrategien mit dem Ziel, die Gesellschaft zu unterwandern. In Deutschland fanden Kundgebungen in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München und Stuttgart statt. Auch hier waren die Teilnehmerzahlen größtenteils rückläufig, nur Berlin und München trotzten dem Trend. In Berlin zeigte sich die Anonymous-Bewegung trotz schlechten Wetters ungebrochen. Am Versammlungspunkt trafen etwa fünfzig Teilnehmer zusammen. Einige Neuzugänge hatten am Morgen im Tagesspiegel von der Kundgebung gelesen und schlossen sich spontan der Demonstration an. Die Anonymous-Demonstration in der Hauptstadt zog zunächst um den Kurfürstendamm und hielt zweimal, um warnende Reden vorzutragen und Flugblätter zu verbreiten. Dabei passierte der Umzug auch einen Dianetik-Stand der örtlichen Scientology-Niederlassung, was mit lauten Gejohle kommentiert wurde. Die Scientologen sahen betont an den Demonstranten vorbei. Wie bei den vergangenen Veranstaltungen endete die Kundgebung in der Otto-Suhr-Allee neben der siebenstöckigen Zentrale von Scientology Deutschland. Wie üblich hatte Scientology eine Gegendemonstration angemeldet; diese beschränkte sich jedoch auf eine Handvoll Teilnehmer, die ihre Schilder gegen die Brüstung gelehnt ließen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Organisation mit ihrer Gegenveranstaltung nur verhindern will, dass die Anonymous-Demonstranten direkt vor dem Scientology-Gebäude Position beziehen. Ein Grund für die schrumpfende Teilnehmerzahl an den weltweiten Demonstrationen dürfte in den Turbulenzen innerhalb der Anonymous-Bewegung zu suchen sein. In den vergangenen Wochen sah es kurzzeitig so aus, als ob sich die Protestbewegung selbst zerfleischen würde. Ein seit längerem schwelendes Problem ist der Umgang von Anonymous mit langjährigen Scientology-Kritikern, unter denen sich zahlreiche Ex-Scientologen befinden. Als sich Anonymous Ende Januar erstmals gegen Scientology richtete, reagierten langjährige Aktivisten zunächst verschreckt. Schnell erkannten die beiden Gruppen jedoch, dass sie im Verbund mehr ausrichten konnten. Anonymous lud die "alte Garde" dazu ein, mitzudemonstrieren und finanzierte im vergangenen Monat sogar Flugreisen für ausgewählte Scientology-Kritiker. Nach der letzten Protestwelle zeigte die Allianz jedoch Brüche. In der US-Hauptstadt Washington entwickelte sich am Rand der Kundgebung eine erhitzte Diskussion zwischen einem Demonstranten der "alten Garde" und einem Anonymous. Der Zwischenfall führte dazu, dass Anonymous eine ehemals hochgeschätzte Ex-Scientologin öffentlich verwarnte. Ein weiterer Konfliktpunkt war das Bekanntwerden einer Denkfabrik innerhalb der Anonymous-Bewegung. Dieser "harte Kern" der Bewegung hatte Ideen für die Demonstrationen entwickelt und sie zur offenen Diskussion gestellt. Als einer der Ideenlieferanten ausscherte und die Existenz der Gruppe öffentlich machte, kam es zum Eklat: Einige Anonymous-Teilnehmer fühlten sich manipuliert und verraten. Die Angelegenheit schlug derart hohe Wogen, dass die letzte Demonstrationswelle keinem einheitlichen Thema mehr folgte. Mittlerweile hat sich die Bewegung aber offenbar wieder gefangen. Die "alte Garde" mag ihren Nimbus verloren haben, was sie aber nicht davon abhielt, weiter mit zu demonstrieren. Der von Anonymous als "Wise Beard Man" titulierte Scientology-Kritiker Mark Bunker fand sich unangekündigt im kalifornischen Tustin ein und wurde dort herzlich willkommen geheißen. Auch in den Foren glätten sich die Wogen wieder. Anonymous mag angeschlagen sein, ist aber noch lange nicht am Ende. In einem Anfang August auf YouTube veröffentlichten Video verkündet eine synthetische Stimme den Beginn von "Phase Three": Anonymous werde sich auf seine ursprünglichen Ziele besinnen und seine Taktiken ändern. Die nächste globale Demonstrationswelle soll am 13. September stattfinden. (ghi/c't)

Der Tagesspiegel, 16.8.2008
Die Schatten der Scientologen 
Wo immer Scientology einen Stand aufbaut sind sie nicht weit: Die Anonymous-Leute kämpfen gegen die Organisation, die ihre deutsche Repräsentanz in Charlottenburg eröffnet hat - mit Masken, falschen Namen und Informationen. Kurz vor 16 Uhr hat die Suche ein Ende. Robert Tonlein*, 27 Jahre alt, schwarzer Anzug, akkurat geknüpfte Krawatte, das Gesicht hinter einer Faschingsmaske versteckt, hat die Scientologen endlich entdeckt. Am Ku’damm oder auf dem Potsdamer Platz, wo sie bisher jeden Samstag standen, hat er sie nicht gesehen. Die Anhänger haben heute ausnahmsweise am Alexanderplatz ihren Infostand aufgebaut. Dort versuchen sie, Passanten davon zu überzeugen, einen „Stresstest“ zu machen. Der endet dann mit der Diagnose von Schwächen – und dem Angebot, Scientology könne mit Kursen helfen. Diese Hilfe bietet die Organisation, die sich als „Religion“ versteht, nicht ganz uneigennützig an. Mehrere Tausend Euro kosten einzelne Kurse – Aussteiger werfen der Organisation vor, Anhänger finanziell auszuplündern. „Wir halten Scientology für eine Psychosekte, die massiv Menschenrechte verletzt“, sagt Tonlein. „Wir möchten potenzielle Opfer schützen, indem wir über Scientology aufklären – mit friedlichen Mitteln.“ Gemeinsam mit drei Mitstreitern, auch sie in schwarzen Anzügen und mit Maske vorm Gesicht, bezieht er unweit des Standes Position. Mit lauter Stimme warnen die Maskenträger Passanten davor, einen Stresstest zu machen oder die grellbunten Flyer anzunehmen. Die Passanten gucken amüsiert bis irritiert. Der Stand, auf dem zwei Stresstest-Geräte stehen – simple „Lügendetektoren“ – bleibt verwaist. Seit Februar 2008 kämpft die weltweit agierende Protestgruppe „Anonymous“ gegen Scientology. Damals tauchte im Internet ein Video auf, das den Schauspieler und bekennenden Scientologen Tom Cruise vor fanatisierten Anhängern zeigte. Da die Rhetorik des Hollywood-Idols an Reichspropagandachef Goebbels erinnerte, bemühte sich die Sekte, das Video zu zensieren und aus dem Internet zu entfernen. „Anonymous“ gründete sich spontan in einem Internetforum und legte wenig später die Homepage der Organisation lahm. Von illegalen Aktionen hat sich die Gruppe aber inzwischen verabschiedet. An Aktionstagen, die weltweit stattfinden, treffen sich die Maskenträger stattdessen zu Demonstrationen – meistens direkt vor den jeweiligen Hauptsitzen von Scientology. Am heutigen Sonnabend findet der Protest schon zum siebten Mal statt. In Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart werden die „Men in black“ protestieren. In Berlin gehören etwa 100 Mitstreiter zu „Anonymous“. Der Name gehört bei den Sektengegnern gewissermaßen zum Programm. Aus Sorge vor Infiltrationsversuchen wahren die Aktivisten nämlich strikte Anonymität – selbst untereinander. Sie haben spezielle Handynummern, reden sich nur mit Spitznamen an und verabreden sich nur durch anonymisierte E-Mail-Verteiler. Tonlein, der als Webmaster arbeitet, ist von Anfang an dabei. Er sagt, dass er sich engagiere, weil er jede Art der Zensur ablehne – so wie seine Mitstreiter. Ein persönlicher Grund sei auch ein Onkel: Der geriet einst in die Fänge der Organisation. „So habe ich hautnah miterlebt, wie Scientology Familienbindungen zerstört und Menschen psychisch vernichtet.“ Deshalb nimmt er ein- bis zweimal pro Woche an sogenannten „Blitz-Raids“ teil: Aktionen, bei denen Werbeversuche der Scientologen auf der Straße behindert werden. So wie heute. Scientology nimmt die Maskenträger offensichtlich ernst. Nur 20 Minuten, nachdem sie Position bezogen haben, fährt ein Polizeiwagen vor. Der Beamte spricht kurz mit dem Chef des Standes. Der beklagt sich über die massive „Werbebeeinträchtigung“ durch die Maskenaktivisten, und dass dadurch rund 70 Prozent weniger Interessierte kämen. Der Polizist nickt, geht dann zu Tonlein und weist ihn freundlich darauf hin, mehr Abstand zum Infostand zu halten. „Rechtlich gesehen bewegen wir uns in einer Grauzone, aber die Polizei hat glücklicherweise etwas Ermessensspielraum“, sagt Tonlein später und drückt gleichzeitig einer jungen Mutter einen Infozettel in die Hand. Auch eine ältere Dame will jetzt einen Infozettel und klopft ihm wohlwollend auf die Schulter, Jugendliche lassen sich mit ihm fotografieren und wollen wissen, wo es die „coolen Masken“ gibt. Dabei sind die kein Gimmick, sondern purer Selbstschutz. Scientology sei dafür bekannt, Gegner mit Mitteln wie Rufmord zu bekämpfen. Deshalb hat Tonlein am Arbeitsplatz und im Freundeskreis sein Engagement öffentlich gemacht. Er will so möglicher Gerüchteverbreitung entgegentreten. Ein Scientologe habe schon versucht, ihn bis zu seinem Auto zu verfolgen. Seine Maske ist bewusst gewählt. Sie stammt aus dem Science-Fiction-Film „V wie Vendetta“, wo ein einsamer Held gegen ein totalitäres System kämpft. Der heutige Aufklärungskampf der vier Maskenträger scheint erfolgreich zu sein. Eine knappe Stunde nach ihrer Ankunft packen die Scientologen ihren Infostand zusammen. „Die heutige Aktion war ein echter Erfolg“, sagt Robert Tonlein und steckt sich eine Zigarette unter der Maske an. „Normalerweise bleiben die drei Stunden länger.“ *Name geändert (Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 16.08.2008)

Der Newsticker, 15.8.2008
Maskiert gegen Scientology 
berlin (ddp-bln). Fünf maskierte Menschen stehen im Halbkreis vor einem Stand, an dem ein «Kostenloser Stresstest» angeboten wird. In ihren Händen halten sie Flugblätter, auf denen in großen schwarzen Lettern «Vorsicht! Scientology!» steht. «Wir kommen immer dahin, wo Scientology die Stände aufbaut», erklärt einer der Maskierten. «Samstags Kudamm, sonntags Potsdamer Platz. In der Woche sind die Orte unterschiedlich», sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen will. «Aber nenn mich David, so heißen alle ´Anonymous´-Mitglieder», fügt er erklärend hinzu. Hinter «Anonymous» verbirgt sich ein weltweites Netzwerk, das für die Auflösung der umstrittenen «Church of Scientology» arbeitet. Die Zahl der Mitglieder ist auch innerhalb des «Anonymous»-Netzwerks nicht bekannt. «In Berlin allein machen etwa 60 Männer und 40 Frauen mit», sagt David. Früher diskutierten die «Anonymous»-Anhänger in Internetforen über unterschiedliche Themen. Seit Anfang des Jahres gibt es für sie nur noch einen Diskussionsgegenstand: Scientology. Grund für den Richtungswechsel war ein Video, in dem sich ein namhafter Hollywood-Schauspieler zu der Glaubensgemeinschaft bekannte. Das Video wurde auf Veranlassung von Scientology aus den Foren entfernt. Das empfand «Anonymous» als Zensur, wie David berichtet. Zum Treffen, wenige Tage nach den Protesten auf dem Kudamm, erscheint David ohne Maske, aber mit Sonnenbrille. Im Februar 2008 gründete sich nach seinen Angaben die Anti-Scientology-Bewegung. Seit März ist auch er dabei. Der Berliner hatte das inkriminierte Video in ein Forum gestellt. Als er sich weigerte, es zu löschen, drohte Scientology mit einer Klage. «Das war für mich der Auslöser», erzählt der etwa 35 Jahre alte Mann mit den dunklen Haaren. Mittlerweile treiben ihn auch andere Motive: «Ich stell mir vor, dass Scientology jemanden aus meiner Familie für sich gewinnen kann und mein Umfeld daran zerbricht.» Im Januar 2007 wurde die Sientology-Zentrale in Charlottenburg eröffnet. Frank Nordhausen, Mitautor des Buches «Scientology - Wie der Sekten-Konzern die Welt erobern will», sieht darin eine Gefahr. «Scientology versucht mit sehr guter Lobbyarbeit Einfluss auf Parlamentsentscheidungen zu nehmen», sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp. «Zudem wirbt die Organisation sehr engagiert Neulinge an und bringt sie in die Abhängigkeit.» Auch der Charlottenburger Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte (SPD)befürchtet, «dass Scientology wichtige Schaltstellen in Politik und Wirtschaft besetzen könnte». Durch eine großangelegte Aufklärungskampagne sei das allerdings bisher vermieden worden. Für 4. September lädt Schulte zur Vorstellung des Buches von Nordhausen und Liane von Billerbeck ein. Mehrmals in der Woche streift sich David die Maske über den Kopf und geht auf die Straße. «Ein echt zeitaufwendiges Hobby und nur schwer zu vereinbaren mit Vollzeitjob und Privatleben», sagt er. Erfolgserlebnisse würden den Stress jedoch vergessen lassen. «Scientology nimmt uns sehr ernst und auch viele Passanten geben uns positives Feedback». Der Erfolg macht die Arbeit der Maskierten nicht leichter, berichtet David. Durch Filme, Fotos und Gespräche versuchten Scientologen, die Identität der «Anonymous»-Mitglieder zu lüften. So auch vor dem Stand am Kudamm. Wutentbrannt stürmt ein Mittvierziger mit Halbglatze und rotem Scientology-T-Shirt auf die Maskierten zu - Al Bundy wird er in «Anonymus»-Kreisen auch genannt. «Nimm die Maske ab», schreit er David an, «sonst ruf´ ich die Polizei». Der Maskierte reagiert gelassen: «Die Polizei kennt unsere Ängste, identifiziert zu werden, und erlaubt uns das Maskentragen». Doch Davids Ruhe ist nicht so groß, wie es scheint. Er ahnt, dass seine Identität irgendwann bekannt wird. »Anonymus"-Mitglieder in anderen Städten hätten nach dem Aufdecken ihrer Identität Drohungen erhalten. «Doch Familie, Firma und auch meine Vermieterin habe ich über ´Anonymous´ informiert. Die sind auf meiner Seite». Am Samstag ist in Berlin eine größere Aktion geplant: Genau wie in vielen anderen Städten der Welt gehen die «Anonymous»-Mitglieder an diesem Tag auf die Straße. In Berlin beginnt der Protestzug um 12.30 Uhr vor dem Bahnhof Zoo und endet vor der Scientology-Zentrale in der Charlottenburger Otto-Suhr-Allee.

www.rp-online.de, 12.08.2008
Nachhilfe - CDU warnt vor Scientology-Angeboten Düsseldorf (RPO). 
Die CDU und Sektenexperten haben Eltern zu Beginn des neuen Schuljahres davor gewarnt, ihre Kinder zu Nachhilfeinstituten der Scientology-Organisation zu schicken. Man gehe davon aus, "dass Scientology wieder stärker auf dem Nachhilfemarkt aktiv werden wird". Das teilten der Sektenexperte der CDU-Landtagsfraktion, Marc Ratajczak, und die Leiterin des Sekten-Info NRW, Sabine Riede, am Dienstag in Düsseldorf gemeinsam mit. "Mit dem neuen Schuljahr werden auch Eltern wieder Nachhilfeinstitute aufsuchen, um ihren Kindern zu helfen. Dabei sollten Eltern jedoch keine voreilige Entscheidung treffen, sondern sich genau über die verschiedenen Institutionen und Angebote informieren", sagten Ratajczak und Riede. "Scientology versucht, massiv in den Nachhilfemarkt einzusteigen, um so Kinder und ihre Eltern in ihrem Sinne zu beeinflussen", sagte der CDU-Landtagsabgeordnete. Nachhilfeschüler bekämen hierbei keinen fächerorientierten Unterricht, "sondern eine Schulung, die sich ausschließlich an der Lerntheorie des Gründers der Psycho-Sekte, L. R. Hubbard, orientiert". Dabei stelle die Lerntechnik nicht die eigentliche Gefahr dar, sondern der persönliche Kontakt und die sich daraus ergebende Abhängigkeit, sagte Ratajczak. Eindeutige Kennzeichen einer Verbindung von Nachhilfeinstituten zu Scientology sind nach Angaben der CDU Namen wie "Nachhilfe und Lerntechniken", "Zentrum für individuelles und effektives Lernen (ZIEL)", "Applied Scholastics" oder "Ziel Concept". Eltern, die sich nicht sicher sind, ob die Nachhilfeorganisation von Scientologen geleitet wird, können sich beim Sekten-Info NRW informieren.

Presse dpa, 07.08 2008
Scientologen nicht in der Lage in Stuttgart eine "IDEALE ORG" zu errichten
Stuttgart (dpa/lsw) - Die Scientologen (SO) sind nach Ansicht des Verfassungsschutzes nicht in der Lage, eine seit Jahren geplante Repräsentanz in Stuttgart zu errichten. «Der Finanzbedarf für eine sogenannte Ideale Org wurde vom SO-Management mit acht Millionen Euro veranschlagt. Dies müsste die hiesige Basis aufbringen», sagte eine Behördensprecherin am Donnerstag in Stuttgart. Zuletzt wollten die Scientologen eine Repräsentanz am 8. August eröffnen und damit Pendants zu Berlin und Hamburg schaffen. Auch der Stadt Stuttgart liegen keine konkreten Hinweise auf die Gründung einer Niederlassung vor, wie eine Sprecherin mitteilte. «Wir sind gelassen.» Die als verfassungsfeindlich eingestufte Scientology-Organisation hat in Baden-Württemberg bis zu 1100 Mitglieder. Die Zahl stagniert seit einigen Jahren. Die Sprecherin des Verfassungsschutzamtes konnte nicht ausschließen, dass für die Gründung einer Stuttgarter Repräsentanz ausländische Investoren auftreten. «Dies war mit den Zentren in Hamburg und Berlin der Fall.» Der Schwerpunkt von Scientology liegt nach Angaben von Sicherheitsexperten in Wirtschaftsregionen - «dort, wo etwas zu holen ist». Dazu zählen neben Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, das Rhein-Main-Gebiet, Hamburg, Berlin und Bayern. Derzeit werden unter Federführung des Bundes Informationen gesammelt, die für ein mögliches vereinsrechtliches Ermittlungsverfahren mit dem Ziel eines Verbotes erforderlich sind. Scientology bestreitet, verfassungsfeindliche Ziele zu verfolgen.

Berliner Morgenpost, 30.06.2008
SEKTEN - Scientology steckt hinter Anti-Drogenkampagne 
Scientology wirbt auch bei kleinen Händlern am Kaiserdamm in Charlottenburg um Aufmerksamkeit. Zu zweit haben dort Scientologen oder von ihnen Beauftragte Geschäfte besucht, um Werbeplakate anzubringen. Da Scientology darauf zur Anti-Drogen-Kampagne nur in einer klein gedruckten Zeile am unteren Rand auftaucht, ist etlichen Händlern nicht bewusst, dass es sich um die umstrittene Sekte handelt. Andere wissen es zwar, hängen das Plakat dennoch ins Schaufenster. "Es richtet sich doch gegen Drogen. Das ist gut", meint ein Händler. Auch zwei benachbarte Geschäftsfrauen finden nichts dabei. Schließlich hängen sie auch von anderen Veranstaltern Plakate in ihre Schaufenster. Ein anderer Händler hingegen warf das Duo achtkantig aus dem Laden. "Sie haben nicht gesagt, dass sie von Scientology kommen. Erst im Infoheft, das sie mir zum Schluss gaben, entdeckte ich das", ärgert sich der Geschäftsmann. Die Entgegennahme des Plakats wollten sie sich mit einem Stempel bestätigen lassen. Nach Einschätzung von Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte (SPD) haben die Werbebemühungen von Scientology im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf aber nachgelassen. "Unsere Strategie, die Menschen über Scientology aufzuklären, hat gefruchtet. Aufzuklären, ohne zu verteufeln, war genau der richtige Weg. Ihre Broschüren und Faltblätter versuchen sie auch in den Bürgerämtern auszulegen. Unsere Mitarbeiter sind aber geschult. Sie erkennen die Flyer und entfernen sie", berichtet Schulte. Erst jüngst habe die Stadtbücherei von Scientology unaufgefordert eine Bücherkiste mit Scientology-Büchern zugeschickt bekommen. Auch die werde entsorgt. Organisationen wie "Sag nein zu Drogen, sag ja zum Leben" seien genauso wie die Hilfe für angebliche Psychiatrieopfer Tochterunternehmen von Scientology. In den Schulen sei darüber informiert worden. Es handle sich um "das Deckmäntelchen vermeintlicher Lebenshilfe". Die Werbestände an der Wilmersdorfer Straße Ecke Pestalozzistraße, am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße und auf dem Joachimstaler Platz seien zwar noch genehmigt. Scientology habe aber gegen Auflagen verstoßen und Heizpilze und Stühle aufgestellt. Diese Verstöße würden geahndet. Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin, warnt ebenfalls vor den Broschüren, deren Herkunft erst auf den dritten Blick zeigten, woher sie kämen: "Einziges Ziel der Kampagne ist es, neue Mitglieder anzuwerben." Als Versuch der Sekte, hier Fuß zu fassen, werten Berliner auch den Fragebogen "Oxford Persönlichkeits-Analyse", der ihnen kürzlich in den Briefkasten flatterte. Es handle sich "aus datenschutz- und persönlichkeitsrechtlichen Aspekten um ein höchst zweifelhaftes und weitreichendes Ausspähmanöver der Sekte, mit dem der unbefangene Antwortgeber zur Enthüllung sehr persönlicher Daten und auch finanzielle Details zur Vermögenssituation veranlasst werden solle", kritisiert ein Jurist.lr

Hamburger Morgenpost, 28.06.2008, OLAF WUNDER
SCIENTOLOGY Die miese Masche der Seelenfänger 
Dubiose Ausstellung verteufelt Arbeit der Psychiatrie - Sekten-Beauftragte Ursula Caberta "Alles Schwachsinn" 
Propaganda bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern", heißt es im Internet-Lexikon "Wikipedia". Was da seit mehr als einer Woche im Haus Fuhlsbüttler Straße 129 passiert, ist eine Propaganda-Show erster Güte. Niemand hat die Chance, das Gebäude zu passieren, ohne dass sich ihm jemand in den Weg stellt, der fragt: "Darf ich Sie zu unserer Ausstellung einladen?" Und wer das - vielleicht aus Höflichkeit - nicht ausschlägt, geht nach einer Stunde raus mit Angst im Nacken. Ob er je einem Psychiater wieder vertrauen kann? Ob er künftig bei jedem Medikament, das der Arzt ihm verschreibt, denkt, er soll vergiftet werden? Scientology steckt dahinter. Aber keiner der Besucher merkt das. Veranstalter der Ausstellung "Psychiatrie - Tod statt Hilfe" ist offiziell die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte", kurz: KVPM. Dass es sich dabei um eine Unterorganisation der Scientologen handelt, eine der gefährlichsten noch dazu, darauf wird nirgendwo hingewiesen. Gute Propagandisten lügen nicht, sie verzerren die Wahrheit, wie es ihnen gefällt. Und so schaffen es die Macher dieser Ausstellung, scheinbar schlüssig zu belegen, dass so ziemlich jedes Unheil der Menschheitsgeschichte die Schuld der Psychiatrie ist - einschließlich Bosnien-Krieg und Nationalsozialismus. Die Akteure sind schließlich entweder selbst Psychiater - wie der bosnische Kriegsverbrecher Radovan Karadzic - oder wurden von Psychiatern als Marionetten benutzt - gemeint ist Hitler. Der soll während des Ersten Weltkriegs an der Front von einem Psychiater behandelt worden sein. Dabei habe dieser dem späteren Diktator Allmachtsgefühle und Sendungsbewusstsein eingeimpft. Auch die Rassentheorien, die zum Mord an Juden und Behinderten führten, sind angeblich auf dem Mist der Psychiatrie gewachsen. Übrigens: Wer glaubt, Osama bin Laden sei schuld am 11. September, wird überrascht mit der Erkenntnis, dass auch hier ein ganz anderer die Fäden zog: Ayman al Zawahiri, ein - was auch sonst? - Psychiater. In ihrer Verschwörungstheorie versteigen sich die Scientologen zu der These, dass es seelische Erkrankungen wie Depression oder ADS gar nicht gibt, dass sie von Psychiatern nur erfunden wurden, damit die Pharmaindustrie und sie selbst damit Geld verdienen könnten. Medikamente werden pauschal als "Gift" verunglimpft - abgesehen natürlich von den Substanzen, die Scientologen empfehlen. Die heißen im Sekten-Jargon "Vitamine". "Alles Schwachsinn." Das ist der Kommentar von Ursula Caberta, Hamburgs Scientology-Beauftragter. Sie weiß gut, warum die Sekte so bissig wird, wenn es um Psychiatrie geht. "Einmal wohl, weil L. Ron Hubbard, der geisteskranke Gründer der Sekte, erfolglos von Psychiatern behandelt wurde." Noch wichtiger aber sei: "Die Psychiatrie wird als Konkurrent betrachtet." Eine Chance auf Seelenheil und Erleuchtung soll nur haben, wer Scientologe wird und für immer neue Kurse immer mehr Geld bezahlt. Neue Opfer zu finden, neue Mitglieder für die Sekte, das ist eins der Ziele, die mit dieser Ausstellung verfolgt werden. Deshalb: Wer am Ende des Rundgangs wie verlangt einen Fragebogen ausfüllt, sollte Vorsicht walten lassen. Besser das Feld mit Name und Anschrift offen lassen. Wer weiß, was sonst alles noch an Propaganda mit der Post kommt! Dieses Ladenlokal wurde für die Anti-Psychiatrie-Ausstellung angemietet. Veranstalter: die Scientology-Organisation KVPM
Ob das im Sinne von Ernest Hemingway wäre? Der Literatur-Nobelpreisträger, aber auch die Schauspieler Judy Garland, Raimund Harmstorf und Marilyn Monroe werden von den Machern der Ausstellung missbraucht. Von allen sind Porträtfotos zu sehen. Daneben finden sich Texte, in denen behauptet wird, Psychiater hätten sie in den Tod getrieben. Hollywood sei von der Psychiatrie regelgerecht infiltriert worden. Dazu passt, was sich vor drei Jahren Tom Cruise, die Galionsfigur der Sekte, erlaubte Er griff seine Kollegin Brooke Shields an, nachdem diese offenbart hatte, während ihrer Schwangerschaft ein Antidepressivum eingenommen zu haben. Cruise maßte sich an, sie dafür zu tadeln. Ganz im Sinne der Scientology-Ideologie sagte er, sie hätte stattdessen lieber "Vitamine" zu sich nehmen sollen. Die Öffentlichkeit war empört über Cruise' medizinische Ratschläge. Der "Top Gun"-Darsteller musste sich entschuldigen.

Frankenpost, 28.06.2008, Bate Franz
EX-SCIENTOLOGIN WIDMET SICH DER AUFKLÄRUNG Von der Hölle zur Helferin
Hof – Wenn Jeanette Schweitzer heute von ihrer Zeit als Mitglied bei Scientology erzählt, bekommt sie immer noch Bauchschmerzen oder Attacken von Übelkeit. Dabei sind seit ihrem völligen seelischen Zusammenbruch schon 16 Jahre vergangen. „Ich war nur noch ein Wrack“, sagt sie und streicht sich fröstelnd über die Arme, obwohl sie auf einer sonnigen Terrasse sitzt, vor dem Haus ihres zweiten Ehemannes im Landkreis Hof. Knapp zwei Stunden hat sie von ihrer schleichenden Entmündigung durch die Psycho-Sekte erzählt, in deren Fänge sie 1989 ahnungslos hineingeraten war. Damals, mit 37 Jahren, war Jeanette Schweitzer gerade frisch geschieden und arbeitete als Verwaltungsleiterin bei einer saarländischen Baufirma. Eine vermeintlich nette Kollegin – zu spät stellte sich heraus, dass sie Scientologin war – empfahl ihr einen Kommunikationskurs für Führungskräfte in Frankfurt. „Wie komme ich mit anderen besser aus?“ – an das Thema erinnert sich Jeanette Schweitzer noch sehr genau. Auch daran, dass auf der Arbeitsmappe der Name des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard stand. „Das sagte mir gar nichts. Das Haus war sehr hübsch und die Leute sehr charmant. Ich hatte gleich das Gefühl, die nehmen mich an, so wie ich bin“, erinnert sich die 56-Jährige. 350 Mark kostete der Kurs. Dass im Lauf ihrer dreijährigen Scientology-Karriere Kosten in Höhe von 160 000 Mark für Seminare, sogenannte Clearings und Auditings – eine Art Psycho-Verhöre zur „Seelenreinigung“ und zum internen Aufstieg auf der Scientology-Karriereleiter – fällig werden würden, ahnte sie damals nicht. Scientology war für sie eine unbekannte Größe. 
Unermüdlich unterwegs
Dass das heute anders ist, dazu hat Jeanette Schweitzer selbst maßgeblich beigetragen. Seit ihrem Ausstieg bei der Psycho-Sekte im Jahr 1992 ist die engagierte Frau unermüdlich unterwegs im In- und Ausland – in Schulklassen, bei Behörden, in Landtagen, bei der Polizei, bei Richtern und Staatsanwälten – und erzählt ihre Geschichte, klärt auf über das menschenverachtende System, das hinter Scientology steckt. „Wer mich anfragt, zu dem komme ich“, betont sie, obwohl das mitunter sehr anstrengend sei. Vor kurzem war sie in Tschechien, wo Scientology gerade die Religionszugehörigkeit beantragt hat. 
Wolf im Schafspelz
Die Aufklärung über die „Psycho-Mafia“, wie sie es nennt, ist ihr zur Lebensaufgabe geworden – obwohl sie als Bilanzbuchhalterin noch voll berufstätig ist. „Mehr als 600 Menschen“, betont Jeanette Schweitzer, „habe ich in den vergangenen 16 Jahren aus der Organisation herausbegleitet.“ Wie ein Wolf im Schafspelz verstecke sich Scientology hinter vermeintlich menschenfreundlichen Parolen oder Internet-Adressen – www.sag-nein-zu-drogen.de oder www.jugend-fuer-menschenrechte.de seien nur zwei Beispiele dafür. Letztendlich nutze die Organisation alle möglichen Ziele als Köder, um die Menschen völlig unter Scientology-Kontrolle zu bringen und sie – zum materiellen Nutzen der Organisation – bis aufs Blut auszusaugen. Jeanette Schweitzer selbst ist damals dem Scientology-Köder auf den Leim gegangen, ihre Person würde in einer Firma gebraucht, die nach „rein ethischen Prinzipien“ aufgebaut werden sollte. Damals sei sie intern schon als „Clear“ eingestuft gewesen – diese Stufe erreiche man, wenn man die Lehren Hubbards schon so weit verinnerlicht habe, dass man arbeite „wie eine gut geölte Maschine, perfekt funktionierend und sich selbst wartend“, zitiert Schweitzer die Definition eines „Clear“ aus dem Scientology-Dianetik-Buch. Schweitzer sollte als kaufmännische Leiterin einer Stahlbau-Firma in Stuttgart arbeiten und hat dazu ihre Heimat verlassen. Heute weiß sie: „Es gehört zur Taktik von Scientology, die Menschen aus ihren Lebenszusammenhängen mit Freunden und Verwandten herauszureißen.“ Damals ahnte sie nicht mal, dass die – inzwischen liquidierte – Firma zum scientologischen Unternehmensverband WISE gehörte. In ihrer Funktion sollte sie Geldentnahmen für polnische Schwarzarbeiter in großem Stil decken und sie sollte die Bilanzen um rund 12 Millionen D-Mark fälschen. Weil sie sich strikt weigerte, landete sie an den Wochenenden im britischen Saint Hill, im „Religious Education College“ von Scientology. Schweitzer nennt es Straflager, wo Menschen in subtiler Art und Weise solange gedemütigt werden, bis ihr Wille gebrochen ist. Auch sie hatte sich bald wie eine Fliege im Spinnennetz in der Scientology-Ideologie verfangen. Dazu kam eine von der „Org“ geforderte 60-Stunden-Woche, der ständige Druck, weitere teure „Ethik-Kurse“ zu besuchen, obwohl sie faktisch pleite war, und die Situation in der Firma, an der – wie man ihr einredete – sie selbst schuld sei. Der Nervenzusammenbruch ließ nicht mehr lange auf sich warten. 
Überzeugte Christin
Heute wandelt die ehemalige Scientologin auf neuen Wegen: Sie ist – wie übrigens viele Aussteiger – überzeugte Christin geworden. Dass sie über ihre Vergangenheit „ohne Angst“ sprechen kann, und dass sie immer wieder Kraft bekomme, andere Menschen über Scientology aufzuklären, verdanke sie „einem wunderbaren Gott und meinem Glauben, in dem ich mich sehr geborgen fühle“, sagt die 56-Jährige. Sie ist sich sicher: „Solange es Aufklärung gibt, wird Scientology in Europa nicht Fuß fassen.“

Tages-Anzeiger; 21.06.2008; Hugo Stamm
Mit den Scientologen an der Euro 
Die Scientologen nutzen das Fussballereignis für einen Missionsfeldzug und verteilen Abertausende von Broschüren.
Scientology ist Europameister im Trittbrettfahren. Dutzende von Sektenanhängern sind in den Fanmeilen unterwegs, um Broschüren zu verteilen und neue Mitglieder anzuwerben. Es werde die grösste Kampagne, «die wir je in der Schweiz oder sogar in Europa hatten», schreibt Scientology Zürich in einem Brief an ihre Mitglieder. Und erwartet von ihnen, dass sie 250 Franken oder mehr für die Aktion spenden. Um den Feldzug vorzubereiten, wurden «Euro-Meetings» organisiert. Dabei ging es um «Briefings mit anschliessendem Drilling». Das Motto: «Ein historischer Ort für einen historischen Event. Der endgültige Call-to-Arms an alle Schweizer Scientologen.» Frei übersetzt: An die Waffen! Die Einladungskarte trägt den Titel «Clear Schweiz», also klären wir die Schweiz. Die Scientologen wollen eine Million Broschüren mit dem Titel «Der Weg zum Glücklichsein» verteilen. Dabei handelt es sich um einen «Leitfaden zu besserem Leben» des Scientology -Gründers Ron Hubbard. Die Aktion ist verboten In der Broschüre findet sich kein Hinweis auf Scientology , dafür enthält es einen Spielplan. Das Ziel der Missionskampagne ist unmissverständlich: «Es ist d i e Gelegenheit, tausende Bücher zu verkaufen und unsere Orgs ( Scientology -Zentren, die Red.) mit neuen Leuten zu füllen und ein gutes Stück in Richtung ideale Org zu gehen», heisst es im Brief an die Zürcher Scientologen. Doch es ist verboten, auf öffentlichem Grund Bücher zu verkaufen. Sie wenden ein, die Hubbard-Werke den neuen Kunden erst im Zentrum schmackhaft zu machen. Doch auch damit benutzen sie den öffentlichen Grund indirekt als Verkaufsfläche.

Bieler Tagblatt, 17.6.08
Verboten sind sie nicht
Scientologen auf dem Walserplatz findet Stadtpräsident Hans Stöckli nicht gut. Die Scientologen auf der Bieler Fanmeile geben zu reden. Moralische Bedenken wischen die Bieler Behörden beiseite. (bjg) Die Städte Bern, Zürich und Solothurn wollen die Scientologen nicht auf ihren Fanmeilen. Anders Biel, wo diese auf dem Walserplatz Broschüren verteilen und einen Stresstest anbieten (BT vom Samstag). Warum wird in Biel toleriert, was andernorts nicht erwünscht ist? Was haben Gruppierungen wie Scientology auf einem Fussballfest zu suchen, wo Essen, Trinken und Feiern angesagt sind? Die Bieler Behörden, Gewerbe- und Stadtpolizei, das Stadtmarketing und der Organisator Peter Winkler winden sich um klare Antworten, moralische Bedenken werden beiseite gewischt. Verboten seien die Scientologen in der Schweiz nicht, sagt André Glauser, der Kommandant der Bieler Stadtpolizei. Solange diese nichts Verbotenes täten, gebe es keine rechtliche Handhabe, ihnen einen Stand auf der Fanmeile zu verwehren. Es liegt also in der Hand von Peter Winkler, mit welchen Standbetreibern er Verträge abschliessen will. Er hat das Gelände des Walserplatzes von der Stadt gemietet und von der Polizei eine Gesamtbewilligung für die Stände erhalten und er wäre frei gewesen, die Scientologen abzuweisen. Hat es nicht genug andere, passendere Bewerber für die Zelte auf der Fanmeile gegeben?

Berliner Zeitung, 13.06.2008, Jan Thomsen
Neue Leitstelle für Sektenfragen - Derzeit 100 Psycho-Gruppen 
Mit der Scientology-Sekte und rund 100 anderen Anbietern auf dem lukrativen Markt der "Lebenshilfe" wird sich in Berlin künftig eine neue Leitstelle für Sektenfragen befassen. Einen einzelnen Sektenbeauftragten oder eine Arbeitsgruppe Scientology, wie es sie in Hamburg gibt, habe man nicht einrichten wollen, sagte die Jugend-Referentin von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), Kirstin Fussan, gestern. Eine einzelne Person werde leicht zur Zielscheibe für Angriffe von Sektenvertretern, was die Aufklärungsarbeit erschwere. Die Leitstelle ist Ansprechpartner für betroffene Bürger (Telefon 90 26-55 74) und koordiniert mit ihren drei Mitarbeitern den Kontakt unter den Sektenexperten aller Senatsverwaltungen. Es gehe darum, Anfragen an die richtigen Stellen zu leiten, Broschüren bereitzustellen, für einen aktuellen Informationsstand in allen Behörden zu sorgen und die Verwaltungen zu vernetzen, hieß es. Derzeit melden sich in der Leitstelle täglich etwa drei bis vier Bürger mit ihren Fragen. Die Opposition von CDU und FDP im Abgeordnetenhaus warf der rot-roten Koalition gestern dennoch vor, kein Konzept gegen die Manipulationsversuche von Organisationen wie Scientology zu haben. Der Senat ergehe sich in "Absichtserklärungen", sagte Monika Thamm (CDU), der FDP-Innenexperte Björn Jotzo kritisierte fehlende Hilfsangebote im Internetauftritt des Senats.

Blick am Abend, 11.06.2008, Sarah Siedler
Auch Sekte nutzt die EM
Trittbrettfahrer - Die Scientology-Sekte verteil in der Fanmeile ihre Schriften
Fanmeile am Seebecken: eine gepflegte junge Dame verteilt "Spielpläne". Auf der Titelseite der Broschüre ein grosser Fussball. Darunter steht: Der Weg zum Glücklichsein". Im Inneren gibt es 21 Regeln für den Fussballfan; im täglichen Leben. Die Broschüre belehrt, wir sollen "aktiv, erfolgreich und dem Partner treu" sein. Was hat das mit Euro 08 zu tun?
Situation ausnutzen
Auf der ersten Seite, klein aufgedruckt, steht die Aufklärung: L. Ron Hubbard, der Gründer der Scientology-Sekte, hat diesen "Moralkodex" verfasst. Die Broschüre verspricht bessere Lebensqualität und Heil - wenn man sie weiterverschenkt: "Wenn sie dies fortgesetzt tun, steigern sie ihr Überlebenspotential enorm", verpricht Scientology (Starmitglied: Tom Cruise). Es gäbe sogar Rabatte für Gruppen, die es ermöglichen, die Broschüre auf breiter Basis in Umlauf zu bringen. Das heisst, die Broschüre kosten den Verteiler Geld: Lukrativ für die weltweit verbreitete Sekte. Setzen dir Scientology auf den Nachwuchs aus dem Kreis von Fussballfans? Nutzen sie die Euro 08 zur Bekehrung? Die Organisation war heute für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Tagesspielel, 10.06.2008, Claudia Keller
Hilfe für Scientology-Opfer
Belästigung durch Psychogruppen oder Scientology? Der Senat hat eine zentrale Beratungsstelle für Betroffene eingerichtet. Der Opposition ist das aber nicht genug.
Wer sich von Scientology oder anderen Psychogruppen belästigt fühlt, kann sich seit einer Woche bei der zentralen „Leitstelle zu Fragen zu sogenannten Sekten und Psychogruppen“ im Senat Rat holen. Die neue Anlaufstelle ist der Bildungsverwaltung unterstellt und beschäftigt drei Mitarbeiter, die aus Personenschutzgründen erst einmal anonym bleiben wollen. Die neue Leitstelle will Bürgern, aber auch Abgeordneten oder etwa Schulleitern „beratend“ zur Seite stehen und gleichzeitig Aktivitäten der verschiedenen Senatsbehörden im Zusammenhang mit der Beobachtung und Bekämpfung von Sekten bündeln. Laut Bildungsverwaltung gibt es rund 100 Anbieter auf dem Psycho- und Lebenshilfemarkt. Die Anlaufstelle richtet ihre Aufmerksamkeit aber auch besonders auf die Aktivitäten von Scientology. Die Einrichtung einer solchen zentralen Beratungsstelle für Sektenfragen im Senat war seit einem Jahr geplant. Anstoß dazu gab die Eröffnung der Hauptstadtrepräsentanz von Scientology im Januar 2007. Monika Thamm, der sektenpolitischen Sprecherin der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, reicht die Einrichtung der zentralen Anlaufstelle aber noch nicht. Sie bemängelte gestern im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses, dass die neue Leitstelle keine Befugnisse habe und die Ratsuchenden auch wieder nur an andere Behörden in den Bezirken oder an die Polizei weitervermitteln könne. Die CDU fordert seit einem Jahr, dass in Berlin ein „Kompetenzzentrum“ Scientology eingerichtet wird nach dem Vorbild der „Arbeitsgruppe Scientology“ in der Innenverwaltung des Hamburger Senats. Die Arbeitsgruppe wird von der langjährigen Scientology-Expertin Ursula Caberta geleitet. „Eine Berliner Frau Caberta wird es nicht geben“, stellte Tom Schreiber klar, der Sprecher für Verfassungsschutzangelegenheiten in der SPD-Fraktion. Mit Scientology seien unterschiedliche Behörden und Senatsverwaltungen befasst, weshalb eine allzu große Zentralisierung nicht sinnvoll sei. Björn Jotzo, der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, kritisierte, dass der Senat immer noch zu wenig über Methoden und Ziele von Scientology aufkläre. Auch auf der Internetseite der Innenverwaltung finde man zu wenig Informationen und keine Hinweise auf konkrete Beratungsangebote. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) wies die Kritik zurück, er sei für die Bekämpfung von Sekten oder Scientology nicht zuständig. Oder nur, soweit es den Verfassungsschutz betrifft. Scientology wird nach Auskunft des Innensenators seit einem Jahr vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Verfassungsschützer schätzen, dass die umstrittene Organisation in Deutschland 5000 bis 6000 Mitglieder hat und in Berlin 500.

rbbonline, 09.06.2008
Scientology wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Innere Sicherheit 
Ausschuss befasst sich mit Scientology Der Innenausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus befasst sich am Montag mit der umstrittenen Organisation Scientology. Der Senat hatte vor geraumer Zeit eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich um den Umgang mit der Organisation kümmern soll. Die Parlamentarier erhalten nun einen Bericht über Maßnahmen gegen die Organisation, die Anfang 2007 unbemerkt von Senat und Bezirk ihre Hauptstadtrepräsentanz in Charlottenburg eröffnet hatte. Scientology bezeichnet sich selbst als Religionsgemeinschaft. Kritiker sehen in der Organisation einen Sekten-Konzern, der seine Anhänger in psychische und finanzielle Abhängigkeit bringt. Seit 1997 wird Scientology vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet.

Berliner Zeitung, 24.05.2008, Frank Nordhausen
Stauffenberg in der Wüste 
Tom Cruise, das deutsche Feuilleton und Scientologen setzten große Hoffnung auf den Film über den Hitler-Attentäter - jetzt wurde der Kinostart erneut verschoben
BERLIN. Alles hätte so schön werden können. In wenigen Tagen sollte der mit Spannung erwartete Film über den Hitler-Attentäter Claus Stauffenberg mit Tom Cruise in die Kinos kommen. Der Hollywoodfilm, dessen Dreharbeiten im letzten Jahr für einige Aufregung in Berlin sorgten, sollte eine Stauffenberg-Welle ins Rollen bringen. Der Fernsehhistoriker Guido Knopp arbeitet an einer Dokumentation, ein Stauffenberg-Buch ist bereits erschienen und ein weiteres von Tobias Kniebe, namhafter Feuilletonist der Süddeutschen Zeitung, sollte zum Filmstart vorliegen. Doch nun sind all die Stauffenberg-Projekte erst einmal auf Eis gelegt worden, der Knopp-Film, das Kniebe-Buch und noch ein weiteres Buch werden erst im nächsten Jahr herauskommen. Der Grund: Obwohl die Kinos im März bereits Trailer zeigten, in denen Tom Cruise mit der Augenklappe auftrat, wurde "Walküre" über das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 zum zweiten Mal verschoben. Er soll nun erst am 13. Februar 2009 anlaufen oder gar nicht in die Kinos kommen - und die Filmbranche rätselt, woran das wohl liegen mag. Angeblich ist der Film bei Testvorführungen in Hollywood total durchgefallen. "Walküre ist tot", schrieb daraufhin die Hollywood-Internetseite The Hot Blog. "Walküre ist eine der schlechtesten Filmideen, die es je gab", zitierte die New York Times einen Kritiker, der mit Tom Cruise in Wehrmachtsuniform nichts anfangen konnte. Um den 100-Millionen-Dollar-Film zu retten, würden jetzt Schlachtenszenen in der Wüste nachgedreht. Enttäuscht von den Deutschen Diese Entwicklung ist bitter für den 45-jährigen Cruise, der mit der Stauffenberg-Rolle wohl seine angeschlagene Karriere neu starten wollte. Auch als Produzent wird es schwierig für ihn, denn schon "Lions for Lambs", sein erster Film mit United Artists, war ein Flop. Zudem dürfte die verdeckte Agenda des Films Schaden nehmen: Offenbar wollte Cruise Sympathie für Scientology in Deutschland erzeugen, als er den deutschen Helden mit seinem Gesicht verband - dem des wichtigsten Werbeträgers der Sekte. Die gegenwärtigen Probleme lassen die Aufregung des Feuilletons um den Film im vergangenen Jahr als Farce erscheinen. Es ging darum, ob der Scientologe im Berliner Bendlerblock drehen dürfe, wo Stauffenberg erschossen wurde. Dafür kämpfte die Frankfurter Allgemeine, die sich zur Überschrift verstieg: "Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise." Ein Hollywoodschauspieler könne der Welt zeigen, dass es in Deutschland Widerstand gegen Hitler gegeben habe. Der britische Tom-Cruise-Biograf Andrew Morton urteilte, die Intellektuellen seien auf Scientology hereingefallen, als sie Cruise lobten: "Bessere Reklame hätte sich die Sekte nicht wünschen können." Cruises Historienprojekt stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Erst wurden Komparsen verletzt, als sie von einem Film-LKW fielen, dann mussten die Hinrichtungsszenen wiederholt werden, weil die Negative beim Entwickeln beschädigt wurden. Es folgte die peinliche Vergabe eines "Bambis" an Tom Cruise für seine "Courage", Stauffenberg zu spielen. Nie zuvor war ein Repräsentant einer vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation derart geehrt worden. Dazu sagt der Burda-Sprecher Nikolaus von der Decken, der Vorschlag, Cruise den Courage-Bambi zu verleihen, sei "in den Diskussionen der Bambi-Jury" des preisstiftenden Burda-Verlages gereift. Die Idee stamme jedenfalls nicht vom FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der die Laudatio auf Cruise hielt. Inzwischen sind weitere Einzelheiten des Walküre-Drehbuchs bekannt geworden, dem Tobias Kniebe in der "Süddeutschen" nach dem Lesen einer Fassung vom Januar 2007 noch "historische Kompetenz" bescheinigt und prognostiziert hatte: "Es könnte ein großer Film sein. Vielleicht sogar ein Meisterwerk." Nun konnte Peter Steinbach, Wissenschaftlicher Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock, das Drehbuch in der Fassung vom Juni 2007 einsehen, und er kommt zu einer völlig anderen Bewertung: "Der Stauffenberg, den Cruise spielt, hat mit Deutschland so viel zu tun wie Graf Dracula mit Rumänien." So werde Stauffenberg laut Drehbuch von seinem Mitverschwörer Ludwig Beck eine Zyankali-Kapsel angeboten, die er ablehne. "Es ist perfide zu unterstellen, die Nazi-Gegner hätten sich durch Gift ihrer Verantwortung entziehen wollen", sagt Steinbach. "Sie haben im Gegenteil den Prozess genutzt, um den Machthabern die Wahrheit zu sagen." Im Filmtrailer explodiert die Bombe nicht in einer Baracke, sondern in einem Betonbunker. "Das ist Geschichtsfälschung", sagt Steinbach. "Im Bunker wären Hitler und alle anderen tot gewesen. Aber zufällig fand die Besprechung in einer Holzbaracke statt, deren Wände die Sprengwellen nicht halten." Steinbach, der die Dreharbeiten im Bendl erblock kritisiert hatte, sagt, er habe das Gefühl gehabt, deshalb "nach Scientology-Art" bis ins Private attackiert worden zu sein. Wie sehr es Tom Cruise mit dem Film um Scientology ging, schrieb die Hollywood-Insiderin Janet Charlton in ihrem Blog. Um die schlechte Meinung der Deutschen über die Sekte zu ändern, habe Cruise während des Drehs in Berlin seinen ganzen Charme aufgewendet. Doch sei er nach ihren Informationen "bitter enttäuscht", weil deutsche Politiker kurz nach seiner Abreise wieder ein Scientology-Verbot diskutierten. Diese Enttäuschung mag ein weiterer Grund dafür sein, dass die Premiere auf Februar 2009 verlegt wurde. Denn nun fällt sie mit den Filmfestspielen in Berlin zusammen, der wohl letzten Chance, etwas für den Film und für Scientology in Deutschland zu tun. Es kursiert das Gerücht, dass "Walküre" die Berlinale eröffnen soll. Deren Chef Dieter Kosslick sagte dazu nur: "Ich muss mir den Film überhaupt erstmal angucken."

Vienna online, 20.05.2008 
Wien: Scientology auf dem Vormarsch? 
In Mariahilf sorgt ein fragwürdiger Buchladen für Unmut.
In der Barnabitengasse ist Unruhe eingekehrt: Vor wenigen Wochen eröffnete hier „Ron’s Bookstore“. Nichts besonderes, denken Sie? Falsch, denn hierbei handelt es sich um keine gewöhnliche Buchhandlung. In diesem Buchladen werden ausschließlich Bücher von L. Ron Hubbard verkauft, dem Begründer der neuen religiösen Bewegung Scientology. Die Anrainer sind empört, und das nicht nur, weil sie eine Beeinträchtigung ihres Geschäfts befürchten. Händler und Anrainer sind besorgt Unter dem Deckmantel des Demonstrationsrechts wirbt das Unternehmen an starken Geschäftstagen auf offener Straße um Mitglieder und Kunden, wie einige Anrainer zu erzählen wissen. „Sie verwenden diese elektronischen Geräte, um den Stressfaktor der Freiwilligen zu ermitteln“, so der benachbarte Bettwaren-Händler Göran Gaertner. Die Bezirksvorsteherin Renate Kaufmann versteht die Bedenken der Anrainer. Der Comic-Store gegenüber bangt beispielsweise um wichtige Kundschaft, da er berechtigte Befürchtungen hat, dass Kindern von ihren Eltern verboten werden wird, sich in der Nähe des „Scientology-Buchladens“ aufzuhalten. „Viele haben einfach Angst vor Scientology“, so Kaufmann. „Zwar ist alles was sie tun legal, aber ich werde dennoch versuchen mit Hilfe von Vereinen zur Sektenbekämpfung etwas zu erreichen.“ Steigende Scientology-Aktivitäten in Wien? Die Scientology wird es also nicht leicht haben, sich in Mariahilf zu etablieren. Versuche, Fuß zu fassen sind offensichtlich gleich mehrfach vorhanden. So erzählt beispielsweise eine Hausbewohnerin in der Barnabitengasse, dass die Bewegung dort kürzlich eine große Eigentumswohnung gekauft habe. Dort soll auch Nachts so viel Betrieb herrschen, dass schon mehrmals die Polizei gerufen werden musste.

Märkische Allgemeine, 20.05.2008, Ildiko Röd
Scientology im Schafspelz 
Stresstests sollen das Seelenheil fördern – fragt sich nur, von wem
Das Scientology-Buch dort, wo es unters Volk gebracht werden soll - auf der Brandenburger Straße. Foto: Christel Köster POTSDAM / INNENSTADT - Ein Sonntagnachmittag in der Brandenburger Straße. Die Sonne scheint, alles ist entspannt, bis ... „Hallo, wart’ mal, möchtest du vielleicht ’nen Stresstest machen?“ Die Fragerin ist eine junge Frau mit ermunterndem Blick, die auf einen Stand an der Familie Grün zeigt. Stresstest? Ja, verkündet sie. Sie hätte da einen tollen Test („Dauert nur zwei Minuten“), der über jegliches Stresspotenzial im Leben Auskunft geben könne. Und obendrein läge da ein super Mittel gegen Stress parat, sagt sie und deutet auf einen riesigen Bücherstapel. Der Umschlag zeigt einen feuerspeienden Vulkan; darüber in güldenen Lettern der Autorenname: „L. Ron Hubbard“, darunter: „Dianetik. Der Leitfaden für den menschlichen Verstand.“ Moment mal. L. Ron Hubbard von Scientology? Der behauptet, dass die Menschheit schon mal ausgerottet wurde? Und irgendwelches krudes Zeug mit Seelenwanderung? Solche Fragen findet die junge Dame gar nicht lustig. „Das ist alles eine Erfindung der Medien“, kontert sie patzig. Plötzlich ist der Stresstest kein Thema mehr. Eine zweite Chance bekommt man am folgenden Wochenende. Diesmal steht der Stand an der Ecke Brandenburger/Hermann-Elflein-Straße, aber mit einer anderen Dame. Jetzt darf man sogar an den Stresstest-Apparat. Der besteht aus zwei Metallröhren, die per Kabel mit einem kleinen schwarzen Messgerät verbunden sind. Man soll die Röhren in die Hand nehmen; sich dabei konkrete Lebenssituationen vorstellen. „Arbeit!“, gibt die Fragerin vor. Zwei, drei weitere Fragen, und der Fall ist klar: Der Zeiger am Apparat, der angeblich jeglichen Widerstand misst, schlägt nach rechts aus. Eindeutig; man ist ein gebeuteltes Stress-Opfer. Abhilfe könne natürlich Hubbards Buch bringen. Ach ja, und eine Spende für eine Anti-Drogenkampagne wäre auch schön. Auf dem Info-Heftchen steht: „Dieses Heft wird von der Church of Scientology International verlegt.“ Wenn man zehn Euro rüberreicht, kriegt man den Wälzer von Hubbard in die Hand gedrückt. Ob das Geld Kaufpreis oder Anti-Drogen-Spende ist, wird nicht so recht klar. Wohl aus gutem Grund: „In Berlin hat Scientology schon eine Abmahnung der Behörden bekommen, weil sie mit dem Verkauf des Buches an Sonntagen die gesetzlichen Ladenschlusszeiten unterwandert haben“, erläutert Michael Utsch, Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Immerhin hat man nun ein fettes Buch mit echt abgedrehten Thesen – samt vielen Adressen für Scientology-Anlaufstellen in ganz Europa!

Der Stern, 14.05.2008
Undercover-Journalist "Scientology will Berlin knacken"
Fünf Monate lang recherchierte der Journalist Fredy Gareis verdeckt bei Scientology. Ob auf Partys oder in den Drill-Kursen: Die versteckte Kamera war immer dabei. Im Interview mit stern TV erklärt Gareis, warum Deutschland für die Scientologen das wichtigste Operationsgebiet ist. Herr Gareis, vor einigen Wochen haben Sie Scientology wieder verlassen. Akzeptiert die Sekte Ihren Ausstieg? Überhaupt nicht. Ich bekomme noch immer täglich Anrufe. Das ist wie beim Angeln, mal geben sie etwas mehr Schnur und sind ganz verständnisvoll und freundlich. Und dann erhöhen sie wieder den Druck und die Frequenz der Anrufe. Was will Scientology noch von Ihnen? Ich soll unbedingt noch einmal in der Zentrale in Berlin vorbeischauen. Dort hofft man, mich doch noch umdrehen zu können. Inzwischen gehe ich aber nicht mehr an mein Telefon. Scientology soll an Deutschland das größte Interesse haben. Intern wird gesagt: "Wenn wir Berlin knacken, dann schaffen wir es überall." Hier ist man besonders ambitioniert. Deutschland gilt als das schwierigste Umfeld für die Sekte, nirgends gibt es größeren Gegenwind. Deshalb ist für Scientology ein Erfolg hierzulande auch wichtiger als in jedem anderen Land, das hätte einen enormen symbolischen Wert für die Organisation. Ende März stieg in Berlin eine große Party mit rund 250 Scientologen. Stimmt es, dass keine andere europäische Niederlassung so viel Zulauf wie Berlin hat? Da bin ich mir nicht sicher. Das kann auch Propaganda nach innen sein, um die Mitglieder zu motivieren. Die Kursräume, in die ich einen Blick werfen konnte, waren nie voll. Allerdings habe ich einige Neu-Mitglieder gesehen. Erschreckend war, wie viele Kinder in der Zentrale herumliefen. Richtig unheimlich fand ich es, wenn die Acht- bis Zehnjährigen dort an diese E-Meter angeschlossen und ausgefragt wurden. Was ist die wichtigste Rekrutierungsmethode für Scientology? Extrem wichtig sind die Stände auf der Straße. Dort werden an einem Tag bis zu 200 Kontakte gemacht, d.h. die bringen 200 Menschen täglich dazu, einen sogenannten Stresstest zu machen und Adressen zu hinterlassen. Gibt es eine bestimmte Klientel, die auf diese Masche hereinfällt? Es wäre ein großer Fehler zu glauben, dass z.B. nur labile Menschen in die Fänge der Sekte geraten. Scientologen versuchen, bei einem eine entscheidende Schwäche zu finden und dann eine Lösung anzubieten. Dafür ist grundsätzlich jeder anfällig, denn wer will nicht sein Leben verbessern? Haben Sie auch an sich Veränderungen festgestellt, obwohl Sie von Anfang an nur zu Recherchezwecke bei Scientology waren? Bei mir hat sich zu meinem eigenen Erstaunen ein Wettbewerbsgedanke entwickelt: Ich ertappte mich dabei, auch diese blöde "Brücke der Erleuchtung" erreichen zu wollen. Nach den Kursen fragte ich mich manchmal: "Verdammt, warum bin ich noch nicht höher gekommen?" Außerdem übernimmt man irgendwann diese typische Propagandasprache: Zum Schluss habe ich auch privat von "Kirche" und "Religion" gesprochen - obwohl ich weiß, dass die Begriffe nicht zutreffen. Haben Sie in den Kursen, die Sie bei Scientology belegten, etwas Sinnvolles gelernt? Da werden überwiegend Banalitäten verbreitet, gespickt mit Lektionen wie "Lass Dich kontrollieren", die natürlich im Sinne der Organisation sind. Ich kann verstehen, wenn diese Kurse attraktiv auf manche Menschen wirken, weil sie auf ein besseres Leben abzielen. Die Kosten sind anfangs verhältnismäßig niedrig und steigen dann kräftig. Man muss eine Menge Geld und Zeit investieren, um auf der "Brücke der Erleuchtung" voranzukommen. Man wollte Ihnen weismachen, dass sie später einmal Krankheiten wie Krebs heilen können? Ja, man hat mir auch voller Ernst erzählt, dass ich ab einem gewissen Status ins All fliegen kann. Man müsse ja nicht nur die Erdenbürger erlösen, sondern auch Milliarden von Außerirdischen. Aber die Anhänger von heute glauben doch nicht mehr wirklich an die Geschichten des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard, demzufolge ein intergalaktischer Herrscher names Xenu vor Millionen von Jahren sogenannte Thetane mit Wasserstoffbomben in die Luft gejagt hat? Lachen Sie nicht, das ist unheimlich. Dieser Gründungsmythos soll der Organisation wohl einen religiösen Anstrich geben. Daran glauben die wirklich, auch wenn es keiner Logik folgt. Scientologen können ihren Verstand völlig ausschalten, funktionieren wie Roboter und sind immun gegen jede Kritik oder skeptische Fragen. Zu Xenu allerdings kann Ihnen die Mehrheit der Mitglieder nichts Näheres sagen, weil sie noch nicht den Status erlangt haben, mit dem sie in dieses Wissen eingeweiht werden. In einem Interview mit stern TV hat die deutsche Scientology-Pressesprecherin gesagt: "Wir werden mit Sicherheit nicht an Menschen herantreten und behaupten, wir können heilen." Die interne und die externe Kommunikation ist komplett unterschiedlich. Ein weiteres Beispiel: Offiziell strebt Scientology keinen Einfluss in der Politik an – aber intern heißt es, man müsse "Straßen in den Bundestag bauen". Bei Scientology hat man mir sogar stolz erzählt, dass man schon wichtige Politiker gewonnen hätte, die würden nur noch auf ein Signal warten, um sich öffentlich zu bekennen. Scientology ist bekannt dafür, nicht gerade zimperlich mit Kritikern umzugehen. Was befürchten Sie nach Veröffentlichung Ihrer Geschichte bei stern TV und im stern? Gewöhnlich geht die Organisation aggressiv in einen persönlichen Angriff über. Vielleicht wird man versuchen, mich zu diffamieren, vielleicht hat man aus den fünf Monaten Erkenntnisse über mich, die sich für eine öffentliche Schmutzwäsche eignen. Andererseits böte sich jetzt die Gelegenheit für eine kritische Auseinandersetzung. Ich glaube, Scientology wird hierzulande nicht allzu großen Ärger in der Öffentlichkeit riskieren wollen. Dafür ist der Standort Deutschland einfach zu wichtig.

Berner Zeitung, 08.05.2008, st
Die Sekte macht Druck - Schweizer Bibliotheken geraten ins Visier von Scientology. 
Die Sekte versucht Einfluss auf die Bestände zu nehmen. Zahlreiche Bibliotheken erhielten in den vergangenen Wochen dicke Pakete mit Schriften von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard zugeschickt. Darunter auch eine Bibliothek in Solothurn. 18 Bücher von L. Ron Hubbard, Gründer und Aushängeschild von Scientology, wurden unbestellt aus Dänemark angeliefert. «Nach der Post kamen die Anrufe», sagt eine Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Mehrmals hätten sich Vertreter von Scientology gemeldet und die Angestellten dazu aufgefordert, die einschlägigen Schriften in den Bestand aufzunehmen. Schliesslich seien zwei Scientologen unangemeldet in der Bibliothek aufgetaucht und hätten die Mitarbeiter unter Druck gesetzt. «Wir haben die Bücher weggeworfen und Scientology schriftlich mitgeteilt, dass wir keinen Kontakt mehr wünschen», sagt die Mitarbeiterin. Auch Bern ist vom «Werbefeldzug» betroffen: Gleich zwei 16-Kilo-Pakete hat die Universitätsbibliothek kürzlich von Scientology erhalten. Stösst die Organisation in den Katalogen auf Scientology-kritische Bücher, beschwert sie sich bei den Bibliotheken und spricht von «Diskriminierung». Der Schweizer Bibliotheksverband verurteilt die Methoden und spricht von einer «gewissen Verunsicherung» bei der Basis. Für Scientology ist alles nur ein Missverständnis

Tagesanzeiger 07.05.2008
Leserbrief zu: Scientology hält Zürcher Sektenberatungsstelle in Trab.
Auch bei der Selbsthilfegruppe SADK Schweiz sind Anfragen zu „ Scientology“ ein Dauerbrenner.. Die Schweiz. Arbeitsgemeinschaft gegen destruktive Kulte besteht nun über 20 Jahre, gegründet von Eltern , deren Kinder in Sekten leben. Diese durchleben seit vielen Jahren ein Wechselbad der Gefühle, denn es gibt nichts Schlimmeres als die Ungewissheit. Ueber 80 verschiedene Gruppierungen , weltweit agierend sind bei uns im letzten Jahr bekannt geworden. Es geht dabei nicht um Glaubensinhalte, sondern um die Methoden ,die die Kulte anwenden. Die Angehörigen sind es, die um Rat bitten, denn Sektenmitglieder haben kaum die Möglichkeit, an eine Beratungsstelle zu gelangen. Sie leben meist abgeschottet, überwacht und ohne Kontakt zu den Eltern. Durch Zufall erfahren sie oft, dass sie ja in einer Sekte leben, ein Aushang an einem Kiosk ,kann sie darauf ansprechen. Erst wenn der Leidensdruck sehr gross, zu gross wird, werden sie mit letzter Kraft versuchen auszubrechen. Wem das gelingt, der hat noch mal Glück gehabt. Dann braucht es eine lange Zeit von Aufarbeitung der Vergangenheit. 
Für den Vorstand 
SADK Schweiz 
Sophie Meier

Sueddeutsche.de, 06.05.2008
Verfassungsschutz darf Scientology überwachen 
Seit elf Jahren überwacht der Verfassungsschutz Scientology wegen Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung - und darf das auch weiter tun. Die Organisation hat eine Beschwerde dagegen zurückgezogen.
Das Urteil zur Überwachung der Scientology-Organisation mit nachrichtendienstlichen Mitteln durch den Verfassungsschutz ist rechtskräftig. Scientology habe seine Beschwerde gegen eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts (OVG) für Nordrhein-Westfalen zurückgenommen, teilte das Gericht am Dienstag in Münster mit. Die OVG-Richter hatten im Februar dem Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln die Fortsetzung der seit 1997 dauernden Beobachtung erlaubt und keine Revision zugelassen. Scientology bezeichnet sich selbst als Kirche, wird von Kritikern aber als gefährliche Sekte angesehen. Scientology hatte gegen das OVG-Urteil am 26. März eine Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eingelegt. Über die Gründe für die Rücknahme der Beschwerde wurde zunächst nichts bekannt. In der Urteilsbegründung vom Februar hatten die Münsteraner Richter angeführt, Scientology und die Mitglieder verfolgten nach wie vor Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet seien. Die Organisation strebe eine Gesellschaftsordnung an, mit der zentrale Verfassungswerte wie die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt werden sollten, hieß es damals weiter. Dies ergebe sich aus teilweise nicht zugänglichen Schriften, aber auch aus Aktivitäten von Scientology. Scientology wird in Deutschland nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt. Sekten-Experten werfen der Organisation vor, ihre Anhänger psychisch und finanziell abhängig zu machen.

20min.ch, 19.04.2008
Frontalangriff auf Scientology
Nach 12 Jahren Mitgliedschaft und rund einer Million Dollar für Kurse stieg er zum Sprecher von Scientology auf. Jetzt ist Jason Beghe der erste Prominente, der ausgestiegen ist - und die Organisation heftig angreift und Sekten-Interna ausplaudert. Auf Youtube ist ein Kampf um das Video entbrannt. «Nach meiner persönlichen Erfahrung ist Scientology zerstörerisch und eine Abzocke. Und es ist sehr, sehr gefährlich.» Das sagt nicht irgendwer, das sagt einer, der einst Sprecher von Scientology war. In einem Youtube-Video packt Schauspieler Jason Beghe («CSI», «Cane») aus und spart nicht mit Kraftausdrücken. Er investierte rund eine Million Dollar und stieg binnen zwölf Jahren Mitgliedschaft in die oberste Riege der Sekte auf, in der es viele Prominente zu höheren Würden geschafft haben. Doch gebracht hat es ihm nach eigenen Angaben nichts - im Gegenteil: Die Kurse würden die spirituelle, psychologische und mentale Gesundheit und Entwicklung gefährden. «Ich denke, Scientology behindert die persönliche Entwicklung», sagt Beghe. Er sei vor sieben Monaten ausgestiegen, sagte er dem Magazin «Village Voice». Eingeführt worden sei er vom Partner von Promi-Mitglied Jenna Elfman. Zunächst sei er begeistert von den Therapien und «Auditings» (eine Art geführte Beichte, Kritiker sprechen von Gehirnwäsche) gewesen. Dann sei er von den immer neuen und teuren Kursen frustriert gewesen, die zum Erreichen eines höheren «Levels» und zum Aufsteigen in der Hierarchie absolvieren musste. Experten glauben, dass die öffentliche Demontage von Scientology - noch dazu durch ein einstiges Vorzeigemitglied - der Organisation schweren Schaden zufüge. «Jeder, der aus der Scientology-Szene aussteigt, ist ein herber Verlust für die Organisation. In diesem Fall ist der Schaden jedoch gewaltig», sagte Ursula Caberta von der Arbeitsgruppe Scientology in Hamburg gegenüber Spiegel Online. Der Schauspieler werde jetzt zum Feind erklärt und könnte dadurch fertiggemacht werden, indem ihm Rollenangebote entzogen werden. Bislang ging Scientology wie gewohnt vor - mit der rechtlichen Keule. Das seit einiger Zeit im Internet kursierende Video wurde am Donnerstag vom Scientology-Kritiker Mark Bunker («XenuTV») hochgeladen und von Youtube gleichentags wieder entfernt. Samt dem Account von Bunker. Doch Scientology hat die Rechnung oder die Youtube-Community gemacht. Dutzende weitere User haben das Video flugs wieder hochgeladen. Wenn man heute nach «Beghe» sucht findet man zehn Seiten Suchergebnisse, die zum Video führen.

Berliner Zeitung, 17.04.2008, Frank Nordhausen
Wie eine Sekte Arbeitslose rekrutiert, Polizei schließt Zentrale der Scientology in Brüssel
BERLIN. Für Scientology galt Deutschland lange als Feind Nummer eins. Inzwischen hat Belgien diese Stelle übernommen. In der Nacht zum vergangenen Freitag durchsuchte eine Polizei-Sondereinheit die belgische Zentrale der Sekte in der Rue Mac Arthur in Brüssel. Sie transportierte "mehrere Lastwagen mit Akten" aus dem Gebäude, wie Medien berichteten. Anlass war eine neue Methode der Sekte, Mitglieder zu rekrutieren. "Sie haben in Vitrinen ihrer Niederlassung Aushänge gemacht, dass sie Personal suchen", sagte ein Geschädigter. Doch statt Geld habe es Scientology-Kurse gegeben. Auch in mehreren Brüsseler Zeitungen sollen die Jobangebote, die keine waren, in Kleinanzeigen aufgetaucht sein - mit der Überschrift "Wir stellen ein." Stellten sich die Arbeitssuchenden vor, wurde ihnen ein "Eignungstest" mit 200 Fragen vorgelegt, wie ihn Scientology seit mehreren Jahrzehnten für die Anwerbung verwendet. Wie die Zeitung La Libre Belgique schreibt, unterzeichneten die Arbeitslosen dann einen Arbeitsvertrag, ohne Gehalt, aber mit der Verpflichtung, an einem Scientology-Kurs teilzunehmen, vage Versprechungen für eine echte Arbeit inbegriffen. "Das ist wohl die perfideste Art, Mitglieder zu rekrutieren, indem man die Schwäche von Arbeitslosen ausnutzt", sagt die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta. "Das haben wir in dieser Dreistigkeit noch nicht erlebt." Intime Dossiers Die Brüsseler Scientology-Chefin Miyriam Zonnekeyn räumte ein, dass man mit dem Formular "etwa 100 Personen" rekrutiert habe, aber es gebe keinen Zusammenhang mit Stellenanzeigen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Scientologen, deren Mitgliederzahl in Belgien auf 5 000 geschätzt wird, nun Betrug, Urkundenfälschung und sittenwidrige Verträge vor. Sie stellte auch Computer sicher und ließ die "Kirche" anschließend versiegeln. Die Durchsuchung steht im Zusammenhang mit zehnjährigen Ermittlungen gegen die Sekte in Belgien, einem der aufwändigsten Justizverfahren des Landes. Bei Razzien in mehreren Scientology-Einrichtungen 1999 wurden tausende persönliche Dossiers über Scientology-Anhänger, Beamte, Politiker und Journalisten beschlagnahmt. Darin gab es auch medizinische Informationen über die Betroffenen, Berichte über ihr Sexleben, Angaben über ihre Familien und "Geständnisse", die mit dem Einsatz eines Lügendetektors erzielt wurden. Seit dem Abschluss einer Enquête-Kommission des Parlaments 2001 bereitet Belgien Anti-Sekten-Gesetze nach dem Vorbild Frankreichs vor, das 2001 weltweit erstmalig "Gehirnwäsche" unter Strafe gestellt hatte. Die belgische Justiz hat schon gehandelt. Vor sechs Monaten erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Scientology und zwölf führende Scientologen. Scientology sei eine kriminelle Vereinigung, die sich krimineller Methoden wie Erpressung, Verletzung der Privatsphäre, illegaler medizinischer Praktiken und Betrugs bediene. Bei einer Verurteilung kann der Sekte in Belgien ein Verbot drohen.

The Inquirer, 16.04.2008, Bernd Kling
Tod nach Scientology-Test
Kaja Bordevich Ballo, die 20-jährige Tochter eines bekannten norwegischen Politikers, brachte sich um. Wenige Stunden, nachdem sie in eine Anwerbefalle der Sekte geraten war. Sie studierte in Südfrankreich an der Universität von Nizza. Nach dem Suizid fand ihre Familie einen von ihr absolvierten „Persönlichkeitstest“, wie ihn die Scientology-Organisation zur Anwerbung neuer Mitglieder einsetzt. Der Zeitstempel verriet, dass der Test und die „kirchliche“ Analyse ihre Persönlichkeit am Tag ihres Todes stattfanden. Diese Scientology-Tests fanden bereits Eingang in die Populärkultur von Southpark. Folge 912 stellte anschaulich dar, wie aus den naheliegenden Antworten auf Fragen wie „Bist du manchmal traurig?“ eine vernichtende Psycho-Diagnose geliefert wird, um anschließend „kirchliche“ Heilung gegen hohe Kostenbeiträge in Aussicht zu stellen. Wenn jemand einen besonders schlechten Tag hat, sollte er wohl besser nicht in eine solche Missionsfalle geraten. Und wenn sich jemand in einer persönlichen Krise befindet, könnte es ihm den Rest geben. Wie war das noch mit dem scheinheiligen Sektenprediger Tom Cruise, der sich in einem Schulungsvideo von Scientology als einziger Retter präsentierte: „Wenn man ein Scientologe ist und an einem Unfall vorbeikommt, dann ist das nicht wie bei jedem anderen. Während man vorbeifährt, weiß man, dass man etwas tun muss, einfach weil man weiß, dass man der einzige ist, der helfen kann.“ Für Kaja Bordevich Ballo bedeutete Scientology das genaue Gegenteil. Sie erreichte ein sehr niedriges Ergebnis bei diesem „Persönlichkeitstest“, kehrte in ihr Studentenwohnheim zurück und sprang aus dem Fenster. Der 19-jähriger Kommilitone Henrik Møinichen erinnert sich, wie er an Kajas Todestag mit ihr zur Universität ging: „Ich hatte den Eindruck, dass sie wie immer war. Sie nahm an der Uni teil wie üblich, redete und war guter Dinge.“ Danach wollte sie noch Kleidung kaufen und lief dabei offenbar den Anwerbern der Sekte über den Weg, um bis zu ihrem Tod nicht mehr gesehen zu werden. Die Polizei von Nizza ermittelt.

Pressemitteilung, 11.4.2008
Verein gegen Scientology gegründet. 
Kompetenzzentrum in Berlin geplant. 
Pressemitteilung Verein gegen Scientology gegründet Marcab e.V. ist ein Verein der mit dem Hintergrund einer Gemeinnützigkeit gegründet wurde und die Öffentlichkeit über die Scientology-Organisation informiert und Betroffenen Unterstützung bietet. Weiterhin plant Marcab e.V. ein Kompetenzzentrum in Berlin zu gründen um eine konstante Beratungsstelle die sich ausschließlich mit Scientology beschäftigt in der Bundeshauptstadt einzurichten. Hintergrund: Mitte Januar 2008 haben sich anonyme Internerbenutzer, die sich schlicht Anonymous (dt.: Namenlos) nennen, zu einer weltweiten Bewegung gegen die Scientology-Organisation zusammengeschlossen. Auslöser war die Zensur eines Videos, in dem der Schauspieler und Scientologe Tom Cruise in verwirrender und beängstigender Weise über Scientology schwärmte. Die sich anfangs auf das Internet beschränkende Bewegung unter dem Namen Projekt Chanology erfuhr regen Zulauf und schon nach einem knappen Monat wurde öffentlich vor 108 Scientology-Gebäuden in 17 Ländern demonstriert. Um die Ziele der Bewegung und die Bewegung selbst langfristig effektiv unterstützen zu können wurde Marcab e.V. gegründet. Scientology betreibt humanitäre Kampagnen (z.B. Drogenentzug - Narconon - oder Nachhilfestunden), die dem Anwerben neuer Mitglieder dienen. Dass sich Scientology dahinter verbirgt ist meist erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Scientology unterwandert Firmen indem bspw. "Managementkurse" angeboten werden um so die Führungskräfte von Firmen für Scientology zu gewinnen. (WISE-Firmen) Ein Ausstieg aus der Scientology-Organisation ist aufgrund von Repressalien sehr schwierig und oft ohne fremde Hilfe nicht möglich. Marcab e.V und seine Aufgaben: Marcab e.V. informiert über die wahren Hintergründe solcher Kampagnen und vermindert so das Risiko unwissend in die Organisation zu geraten. Marcab e.V. bietet Firmen Informationen über die Praktiken der Scientology-Organisation, die der Unterwanderung der Wirtschaft dienen. Marcab e.V. unterstützt Menschen, die der Organisation entkommen wollen und vermittelt Kontakte zu Aussteigerprogrammen. Marcab e.V. bietet Seminare in Schulen sowie Firmen an um diese vor einer Unterwanderung durch Scientology Organisationen zu schützen. 
Für weitergehende Informationen besuchen Sie unsere Webpräsenz: 
www.marcab-ev.org
Marcab e.V. Postfach 1203 15202 Frankfurt (Oder) Tel:0176 - 96 788 186 Marcab.ev@googlemail.com Impressum: Marcab e.V. Postfach 1203 15202 Frankfurt (Oder) Kontakt: marcab.ev @ googlemail.com Vereinsregister-Nr.: Verein in Gründung - Nummer wird noch zugewiesen Inhaltlich Verantworlich gemäß §5 TMG: Marcab e.V.

20minuten, 02.04.2008, Manuel Bühlmann
Attackiert Scientology Epileptiker?
Mehrere Personen erlitten epileptische Anfälle, nachdem sie beim Surfen im Internet auf einen manipulierten Link klickten. Die verdächtigte Hackergruppe weist die Schuld von sich und schiebt den Schwarzen Peter Scientology zu. «Die Seite wurde von Scientology selbst angegriffen», steht in einem Mail an die Redaktion von 20minuten.ch geschrieben. Verfasst wurde es von einem gewissen «Anon», einem deutschen Mitglied der Hackergruppe Anonymous. Die Vorwürfe, dass Anonymous hinter den fiesen Attacken auf die Webseite der gemeinnützigen Epilepsy Foundation stehe, will er nicht auf sich sitzen lassen: «Wir haben die Seite niemals angegriffen und wir verurteilen solche Taten und die Betroffenen haben als Unschuldige in diesem Protest unser Mitgefühl.» Die Mitglieder von Anoymous und Scientology liegen sich seit Monaten in den Haaren. Die global operierende Hackergruppe erklärte Mitte Januar der Sekte den Krieg und verübte mehrere Cyber-Attacken auf Scientology-Server. Im Internet werden im Namen von Anonymous in Text und Bild Hassbotschaften verbreitet. Am 10. Februar versammelten sich in verschiedenen Grossstädten rund um den Erdball Scientology-Gegner, um gegen die Sekte Dampf abzulassen. Hacker im Dienste von Scientology? Die Sympathisanten von Anonymous gerieten daraufhin selbst ins Visier von Scientology. So wurden die Demonstranten von Sekten-Mitgliedern fotografiert und gefilmt. Ausserdem soll entlarvten Mitgliedern von Anonymous das Leben schwer gemacht worden sein: «Sektenmitglieder haben es bereits mit falschen Bombendrohungen und selbstverschickten Anthraxbriefen probiert, sie bedrohen jeden Anon, dessen Adresse sie rausgefunden haben und erzählen ihren Familienmitglieder Lügen über sie», behauptet der Verfasser des Mails, der seine Identität geheim halten will. «Scientology besitzt eine Reihe gut ausgebildeter Hacker die schon mehrfach unsere Protestseiten attackiert und ausgeschaltet haben», schreibt Anon weiter. Scientology wehrt sich «Die Vorwürfe sind vollkommen an den Haaren herbeigezogen», sagt Jürg Stettler, Pressesprecher von Scientology Zürich auf Anfrage von 20minuten.ch und ergänzt: «Wir haben keine Ahnung, wer sich hinter Anonymous verbirgt. Es ist keine Struktur erkennbar, man weiss nicht, mit wem man es zu tun hat.» In letzter Zeit komme es immer wieder zu Attacken auf Scientology-Server, im Internet würden gezielt Lügen über Scientology gestreut und Drohungen ausgesprochen: «Dies ist Cyberterrorismus pur und wird ja in den USA auch strafrechtlich verfolgt. Es ist ja das Prinzip, das viele innerhalb Anonymousanonym bleiben, um nicht für deren kriminelle Taten geradestehen zu müssen. Da gehört nun auch noch Ehrverletzung dazu, wenn sie uns diese Epilepsiestory andrehen wollen. Dies ist schlicht und einfach kriminell, aber typisch, dass solche Vorwürfe anonym erfolgen», enerviert sich Stettler. Todes- und Bombendrohungen Seit der ersten Cyberattacke am 17. Januar dieses Jahres erreichten Scientology laut eigenen Angaben in weniger als drei Wochen 8139 schikanierende oder drohende Anrufe, 3 674 221 bösartige E-Mails und 141 880 937 Anschläge gegen Scientology Websites. Ausserdem sollen 10 Vandalismus-Akte gegen Scientology-Gebäude verübt worden sein und 22 Bombendrohungen sowie acht Todesdrohungen gegen Mitglieder und Vertreter von Scientology ausgesprochen worden sein. Anonymous versus Scientology Mitte Januar erklärte die Hackergruppe «Anonymous» der Scientology-Sekte offiziell den Krieg. Das erklärte Ziel der anonymen Hacker ist es, Scientology aus dem Internet auszustossen und die umstrittene Sekte in ihrer gegenwärtigen Form systematisch aufzulösen. Gezielt wurden Server attackiert, Protestkundgebungen organisiert und Drohungen im Internet publiziert. Die nächste Protestaktion soll am 12. April über die Bühne gehen.

DIE ZEIT, 20.03.2008, Nikolaus Jilch
OT 8 antwortet nicht 
Scientology ist eine Gefahr. In Österreich allerdings nur für Verstand und Geldbörsen seiner wenigen Mitglieder Den Persönlichkeitstest gibt es auch zum Mitnehmen. Jeder kann ihn bequem bei sich daheim ausfüllen. 200 Fragen stehen da auf einigen pinkfarbenen Blättern. Keine Spur von der pompösen Hochglanzästhetik, die Scientology sonst bevorzugt. Dafür ist der Test gratis und das Ergebnis vorherbestimmt: »Sie haben ein Problem.« Mindestens. Aber keine Sorge, Scientology hat die Lösung. Gegen entsprechende Spenden, versteht sich. Angelika Thonauer protestiert. »Bei mir wurden damals gar keine Probleme festgestellt«, berichtet sie von ihrem ersten Kontakt mit der Sekte. Die fotoscheue Werbekauffrau mit den langen dunklen Haaren ist seit 15 Jahren Scientologin und eine von zwei Pressesprecherinnen der Organisation in Österreich. Sie hat auf jeden Vorwurf die passende Antwort, meist behauptet sie schlicht das Gegenteil. Scientologen bevorzugen ein simples Freund-Feind-Schema. »Entweder bist du für uns oder gegen uns«, so lässt sich die jüngst veröffentlichte Internetpredigt von Tom Cruise zusammenfassen, dem weltweiten Aushängeschild der Sekte. In Deutschland, wo der Filmstar zuletzt seine Missionstätigkeit konzentrierte, nähren solche Aussprüche alte Sorgen. Seit zehn Jahren beobachtet der Verfassungsschutz der Bundesrepublik die Organisation, weil er sie für »demokratie- und verfassungsfeindlich« hält. Regelmäßig warnen deutsche Politiker und Experten vor den Verführern. In Österreich hingegen besticht die Sekte mehr durch ihren klingenden Namen denn durch Präsenz. An einem weltweiten Protesttag gegen Scientology, dem 10. Februar, tauchten auch vor der Wiener Zentrale Demonstranten auf: Gezählte zwölf Sektengegner waren gekommen. Diese Zahl entspricht der Bedeutung von Scientology in Österreich. Pressesprecherin Thonauer spricht zwar von »5.000 bis 7.000 Mitgliedern«. Sektenexperten und Behörden gehen aber von höchstens 500 aktiven Scientologen in Österreich aus. »In absoluten Zahlen klingt das wenig, aber im Vergleich zu anderen Sekten ist Scientology immer noch im Spitzenbereich«, behauptet Martin Felinger von der Gesellschaft gegen Sekten- und Kultgefahren in Wien. Die Scientologen gelten als Meister der Reklame. Dafür zuständig: das Office of Special Affairs (OSA), Propagandaministerium im Staate Scientology, das kiloweise Hochglanz-Werbematerial produziert. Angelika Thonauer ist die OSA-Residentin in Österreich. Als Kämpfer gegen Drogen, gegen Leid und für den Weltfrieden – so will sich Scientology der Öffentlichkeit verkaufen. »Weltfrieden? Wohl eher Weltherrschaft«, sagt Wilfried Handl und lacht. Der 53-jährige Wiener war 28 Jahre lang in der Sekte. Dann wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Die Nähe zum Tod ließ ihn das System erstmals hinterfragen. Er stieg aus, schrieb ein Buch und ist heute der Kronzeuge gegen Scientology im deutschsprachigen Raum. Immerhin war er einmal Chef der Organisation in Wien. Handl sagt heute, dass er ein »Parteisoldat in einem faschistischen System« war. »Ich habe Menschen von Scientology abhängig gemacht, habe sie genötigt, Kurse zu besuchen und viel Geld dafür zu bezahlen«, gesteht er. In Österreich ist die Organisation weder eine anerkannte Religions- noch eine Bekenntnisgemeinschaft, sondern lediglich der eingetragene Verein Scientology Kirche Österreich, Capistrangasse 4 in Wien-Mariahilf, gegründet am 31. März 1971, Vereinsregister-Zahl 028678946. Der Empfangsraum der »Kirche« sieht aus wie eine schlecht sortierte Buchhandlung. So als habe nur ein Mensch jemals Bücher geschrieben: Lafayette Ron Hubbard, Erfinder von Scientology, gestorben 1986. »Was Sie hier sehen, sind Neuübersetzungen, gerade erst erschienen«, sagt Thonauer. Bunt, protzig und sehr amerikanisch kommen die Titel daher. Für Scientologen ist der Vielschreiber »L. Ron« die zentrale Bezugsperson. Schon in seinem ersten Buch, Dianetik, behauptete er, alle Antworten auf alle Probleme der Menschheit zu besitzen. In weiteren 200 Schmökern gab er sie dann auch. Dass er dabei jedes Übel der Welt auf außerirdische Eingriffe zurückführt, darf nicht überraschen: Hubbard war ursprünglich Science-Fiction-Autor. »Wenn man Geld verdienen will, sollte man eine Religion starten« Angelika Thonauers Büro liegt gleich neben jenem des Gründers. Jede »Mission« beherbergt solch eine Büroattrappe für das Phantom. Verkaufsraumdesigner von Ikea hätten sie nicht besser hinbekommen: dunkles Holz, rote Vorhänge, Aktenordner und viele, viele Bücher. Auf dem Schreibtisch liegt ein Vergrößerungsglas. »Hier arbeitet ein Gelehrter«, will die Einrichtung sagen. Von seinem Schreibtisch aus hätte Hubbard, würde er noch leben und in Wien vorbeischauen, einen guten Blick auf die Monitore, an die vier Überwachungskameras angeschlossen sind und die Aktivitäten in den verschiedenen Räumen der Zentrale übertragen. »Für einen Penny pro Wort zu schreiben ist lächerlich. Wenn man eine Million Dollar verdienen will, sollte man seine eigene Religion starten«, soll Hubbard einmal gesagt haben. Als Religionsgemeinschaft steht die Church of Scientology seit 1953 in den USA unter dem Schutz des ersten Verfassungszusatzes und zahlt keine Steuern. Auf dieser Basis schuf sich Hubbard einen hartnäckigen und zahlungswilligen Fanclub. Auch in Österreich. Eine Kette von Kursen bildet das Rückgrat des Systems Scientology. Über zwanzig Stufen kann ein Scientologe die »Brücke zur völligen Freiheit« beschreiten, die in ein irdisches Paradies führen soll. Ständiger Begleiter auf dem Weg ist das sogenannte Auditing. Bei diesem Seelenstrip wird der Scientologe an das »E-Meter«, ein Bioresonanzgerät, angeschlossen. »Diese Sessions können über zehn Stunden dauern«, erzählt Aussteiger Handl. »Kein noch so intimer Lebensbereich wird dabei ausgespart. Am Ende wissen sie alles über dich.« Zum Beispiel, wer »mögliche Problemquellen« im Umkreis eines Scientologen sind. Gibt es im Bekanntenkreis jemanden, der die »Religion« des Mitglieds nicht akzeptiert, kann es zu einem disconnect kommen, zu einer Trennung. »Seit meine Exfrau einen Scientologen in Amerika geheiratet hat, ist mir jeder Kontakt zu meinen Söhnen untersagt«, erzählt Handl. Seine Aussagen decken sich mit denen anderer Aussteiger. Auch wenn Angelika Thonauer versichert, dass Auditing-Inhalte nicht gespeichert würden und daher nicht gegen ehemalige Mitglieder verwendet werden könnten, schweigen die meisten Aussteiger beharrlich. Der Wiener Geschäftsmann Michael A. hängt gar das Telefon auf, sobald die Sprache auf die Sekte kommt. Dabei war A. eine Spitzenkraft, ein »OT 8«, wie das bei Scientology heißt: ein »operativer Thetan der 8. Stufe«. Von seiner Sorte gibt es nicht viele in Österreich. Es ist die höchste und teuerste Würde, die man bei der Sekte erwerben kann, benannt nach dem Geisteswesen, das laut Hubbard in jedem Menschen steckt und befreit werden muss. Thonauer sagt, dass ihr Thetan schon ab und zu ihren Körper verlasse. Wo er zum Zeitpunkt des Interviews war, wollte sie nicht beantworten: »Diese Frage ist zu persönlich.« OT 8 Michael A. ist inzwischen von seinen früheren Gefährten zu einer »unterdrückerischen Person« erklärt worden. Das ist die schlimmste Strafe, die Scientology kennt. 2,5 Prozent der Weltbevölkerung, stellte schon Hubbard fest, seien solche suppressive persons, kurz SP. Von ihnen gilt es sich fernzuhalten. Die »Knusperstube« in St. Gertraut ist das Scientology-Handelsgericht Ist das Sektenmitglied auch von der letzten SP isoliert, besteht sein Leben fast nur noch aus Hubbard, Auditing und E-Meter. Dem Scientologen bleibt allenfalls sein Beruf, um die Kosten seiner Erlösung erwirtschaften zu können. Das Unternehmen Scientology bietet allerdings auch Beschäftigungsmöglichkeiten – sei es als hauptberuflicher Mitarbeiter in einer der drei österreichischen »Missionen« oder als Angestellter bei einer Wise-Firma. Die World Institute of Scientology Enterprises sind so etwas wie die Handelskammer der Organisation. Dort kann man eine Firma registrieren, wenn sie nach Hubbards krausen, aber sehr profitorientierten Management-Vorstellungen umgestaltet wurde. In Österreich gibt es rund zwanzig Wise-Firmen, meist kleine Betriebe. Angelika Thonauer betreibt selbst eine Werbefirma, die diesem Netzwerk angehört. Der Großteil der Wise-Firmen ist in den Bereichen Werbung, PR, Nachhilfe und Unternehmensberatung tätig. Es gibt in Österreich aber auch Trafiken und Bäckereien, die nach Scientology-Prinzipien geführt werden. Die »Knusperstube« im Kärntner Ort St. Gertraut ist eine davon. Ihrem Besitzer Edwin Storfer untersteht auch das Charter Committee für Österreich, worunter das Handelsgericht von Scientology zu verstehen ist. Ein weiteres Betätigungsfeld für Mitglieder sind Vorfeldorganisationen, die weltweit nach demselben Muster aufgebaut sind. Zum Beispiel die »Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte«. Die Psychiatrie, aus Scientology-Sicht ein Konkurrent in Sachen Lebenshilfe, gehört zu den Lieblingsfeinden der Organisation. Es gibt in Wien auch ein Celebrity Centre, wie in Hollywood. Allein: Am Viktor-Adler-Markt in Favoriten wurde noch kein Promi gesichtet. Während in Deutschland immer wieder ein Verbot von Scientology diskutiert wird, ignoriert der österreichische Staat die Organisation. »Für eine Beobachtung fehlen uns die Argumente«, sagt Rudolf Gollia, der Sprecher des Innenministeriums. Tatsächlich dürften Ängste vor einer Infiltration von Politik und Wirtschaft durch Scientology in Österreich unberechtigt sein. Ein ÖVP-Gemeinderat wurde in den Neunzigern als Scientologe entlarvt, ein blauer Vizebürgermeister outete sich. Der ehemalige Skistar Patrick Ortlieb hielt eine Zeit lang Anteile an der Energydrink-Marke Power Horse, die von einem bekannten Scientologen erfunden worden war. Das war’s dann auch schon. Einzig Martin Bartenstein legte sich 1998 als Familienminister ein wenig mit der Organisation an und ließ in einer Sektenbroschüre vor Scientology warnen. Das US-Hauptquartier erklärte daraufhin »Big Brother Bartenstein« recht folgenlos zu einer »unterdrückerischen Person«. Die lange Hand der Jünger Hubbards mag nach Hollywood reichen, vielleicht sogar nach Berlin. Wien hingegen scheint außer Reichweite.

Der Teckbote, 14.03.2008, Richard Umstadt
Eine „Krake“ mit vielen Armen   -  Scientologen versuchen in Jugendverbänden Fuß zu fassen 
Bekanntlich hat eine Krake viele Arme und die sogenannte Scientology-Kirche viele Tarnableger. Jetzt versucht sie, sich über „Jugend für Menschenrechte“ an Jugendorganisationen heranzumachen. 
Kreis Esslingen. Der Scientology-Ableger „Jugend für Menschenrechte“ ist kein Unbekannter in der Verfassungsschutzszene. Erfolglos versuchte die Tarnorganisation der Scientologen in Schulen Fuß zu fassen. Jetzt also haben sie sich Jugendverbände, Jugendringe und Einrichtungen der offenen Jugendarbeit auserkoren, um über das „Werkzeug“ Menschenrechte Mitglieder zu rekrutieren. „Teilweise haben sie sich sogar als Mitglieder von Jugendorganisationen ausgegeben“, warnt Johannes Heinrich, Geschäftsführer des Landesjugendringes Baden-Württemberg seinen Kollegen Kurt Spätling vom Kreisjugendring Esslingen. Heinrich wiederum wurde vom Bayrischen Jugendring informiert. In München und Umgebung wurden bereits einige Jugendorganisationen wie zum Beispiel das Jugendrotkreuz oder Einrichtungen der offenen Jugendarbeit von Vertretern von „Jugend für Menschenrechte“ angesprochen. Es sollten Treffen vereinbart werden, um „sich einfach mal vorzustellen“. Da „Jugend für Menschenrechte“ eindeutig Ziele von Scientology verfolgt, empfahl der Bayrische Jugendring keine Kooperation mit dieser Organisation. Auch machte der Kreisjugendring München-Stadt von seinem Hausrecht Gebrauch und erteilte den Vertretern von „Jugend für Menschenrechte“ ein Hausverbot. Bereits im April 2006 hat das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg eine entsprechende Warnung veröffentlicht: „Unter dem Schlagwort „Jugend für Menschenrechte“ hat die Scientology Organisation (SO) eine neue PR-Offensive begonnen. Hinter dem vermeintlichen Einsatz für Menschenrechte verbergen sich jedoch eigennützige Motive. Wer wollte den scheinbar hehren Zielen einer Gruppierung widersprechen, die sich „Jugend für Menschenrechte“ nennt? Eine solche Vorgehensweise hat bei der SO System. Ihr dürfte es als einer Organisation, die bereits ein öffentliches Lossagen von Scientology oder gar Kritik an ihrer Lehre als „Schwerverbrechen“ brandmarkt, nicht wirklich darum gehen, der Bevölkerung das Thema Menschenrechte näherzubringen. Die Scientology Organisation führt nämlich bereits seit Jahren „Menschenrechtskampagnen“ durch, um sich in Szene zu setzen, soziale Akzeptanz zu gewinnen und auf diese Weise ihr schlechtes Image zu verbessern“.

Pressetext, 29.02.2008
Wirtschaftsambitionen von Scientology im Visier
"Methoden entsprechen nicht denen eines ehrbaren Kaufmannes"
Münster/Schleswig/Köln (pte/29.02.2008/06:00) - Scientology http://www.scientology.com ist aufgrund der wirtschaftlichen Ausrichtung zwar nicht als Religionsgemeinschaft in Deutschland anerkannt, macht aber trotzdem ihren Einfluss auf viele Wirtschaftsbranchen geltend. "Das deutsche Wirtschaftssystem ist so umfangreich, dass selbst eine aggressiv auftretende Gruppe nicht namhaft Fuß fassen wird", sagt der Rechtsanwalt und Scientology-Experte Ralf Bernd Abel im Gespräch mit pressetext. Trotzdem erlaubt ein aktuelles Urteil des Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfalen dem Bundesverfassungsschutz, die Organisation weiter unter die Lupe zu nehmen. Obwohl Scientology angekündigt hat, gegen den Beschluss Nichtzulassungsbeschwerde einzulegen, mehren sich Kritiker, die von einer möglichen Unterwanderung der Wirtschaft sprechen. "Inwieweit Scientology eine Unterwanderung der Wirtschaft als maßgebliches Ziel anstrebt, ist eine heiß diskutierte Frage. Bezogen auf den gesamten deutschen Wirtschaftsstandort halte ich die Verwirklichung dieses Plans jedoch für äußerst schwierig", verdeutlicht Abel weiter. Laut dem Spezialisten sei die Organisation als Wirtschaftsunternehmen primär darauf ausgerichtet, Geld durch das Verkaufen von sogenannten "Kursen" oder "Seminaren" zu lukrieren. "Hierbei dominieren vor allem Branchen, in denen man möglichst schnell, viel Umsätze herausholen kann. Folglich gehen die Aktivitäten in die Breite, wobei vor allem das Immobilien-Geschäft von Scientology in den 1990er Jahren in Ostdeutschland boomte", so Abel. Zum aktuellen Urteil erklärten die Richter, dass der Erkenntnisstand über die Aktivitäten von Scientology den Schluss zulässt, dass diese ihre eigenen Prinzipien in Staat, Gesellschaft und vor allem auch in der Wirtschaft verbreiten wollen. Sekten-Experten wie Ingo Heinemann http://www.ingo-heinemann.de konfrontieren die Organisation hingegen mit Vorwürfen des Betrugs, Wuchers, der Ruinierung von Kunden sowie der Ausbeutung eigener Mitarbeiter. "Ich werfe der Scientology-Organisation nicht vor, dass sie Geschäfte macht, sondern wie sie Geschäfte macht", unterstreicht Heinemann auf seiner Internetseite. "Was Heinemann damit sagen will, ist, dass man sich wahrscheinlich unsauberer Methoden bedient, die nicht dem klassischen Bild eines ehrbaren Kaufmannes entsprechen", sagt Abel gegenüber pressetext. Bei der Benennung von Unternehmen sollte jedoch Vorsicht geboten sein, da eine öffentliche Zuordnung besonders kleinere Firmen schnell in den Ruin treiben kann, gibt Abel zu bedenken. Heinemann hingegen weist darauf hin, dass Scientology selbst in nur sehr begrenzten Ausmaß eigene Unternehmen betreibt. "Meist handelt es sich um die Frage, ob eine Firma von Scientology-Anhängern und/oder nach den Anweisungen und ,Techniken' des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard betrieben wird", stellt der Insider fest. Die "Enttarnung" einer im Scientology-Netzwerk verstrickten Gesellschaft sei jedoch nicht auf Anhieb anhand einer rabiaten Geschäftsführung möglich.

Schwäbische Zeitung, 26.02.2008
Scientology hat Mission aufgegeben
BAINDT - Die "Bodensee-Mission" der umstrittenen Scientology-Organisation in Baindt gibt es nicht mehr. Grund: Die Leiterin der Sekten-Dependance zog von Baindt nach Berlin. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. "Es stimmt. Die Mission ist stillgelegt worden", sagte Maja Nüesch auf Anfrage der "Schwäbischen Zeitung". Nüesch ist Pressesprecherin von Scientology Deutschland. Die "Mission", eine Untereinheit der "Kirche" in Stuttgart (im Sektenjargon ORG genannt) sei bereits vor etwa einem Jahr geschlossen worden. Es habe dort ohnehin nur grundlegende Einführungskurse in die Lehre des Sektengründers L Ron Hubbard gegeben. Für weitergehende Seminare und so genannte "Auditings", mit deren Hilfe schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit ans Licht gebracht und so beseitigt werden sollen, mussten die Mitglieder nach Ulm oder Stuttgart fahren. Nachdem die Missions-Leiterin Ute J. von Baindt nach Berlin gezogen ist, beabsichtigt Scientology laut Maja Nüesch nicht, die "Mission Bodensee" weiterzuführen. Im Jahr 2004 hat der baden-württembergische Verfassungsschutz in seinem jährlichen Bericht erwähnt, dass Scientology verstärkt in Oberschwaben Mitglieder werben wolle und deshalb eine "Mission Bodensee" im 4900-Seelen-Dorf Baindt gegründet hat (die SZ berichtete). Recherchen unserer Zeitung ergaben, dass es sich dabei jedoch lediglich um die Privatwohnung der Scientologin Ute J. gehandelt hat. Groß in Erscheinung getreten ist die bekennende Scientologin, die 2004 und 2006 als Spenderin von mindestens 140000 US-Dollar im Sektenmagazin "Impact" gelobt wurde, offenbar nicht. Sie trat weder durch Flugblätteraktionen noch sonstige öffentlichkeitswirksame Aktivitäten in Erscheinung. Umstrittener Psychokult Ute J. freute sich zwar in einem Internetbeitrag im Jahr 2004 darüber, als Filiale der "idealen ORG in Stuttgart" dabei helfen zu können, die Lehre des umstrittenen Psychokults am Bodensee zu verbreiten, offenbar blieb es aber bei der bloßen Absichtserklärung. Das bestätigt Florian Müller, Ravensburger Dekanatsreferent der Katholischen Kirche, der die scientologische Szene im Kreis Ravensburg gut im Blick hat. "Die Mission ist nie sonderlich gut gelaufen, wir haben jedenfalls nie irgendeine Veranstaltung mitbekommen." Noch gibt es im Raum Ravensburg, einer Hochburg der Sekte, Doppelmitgliedschaften. Also Christen, die gleichzeitig Mitglied bei Scientology sind, bestätigt Müller. Die Lehre Scientologys sei aber mit der Weltanschauung der katholischen Kirche unvereinbar. "Wegen des Gottesbildes und weil Scientologen vom Modell der Selbsterlösung ausgehen", sagt der Dekanatsreferent. Einfach herauswerfen (exkommunizieren) kann die Katholische Kirche ihre an die Sekte verlorenen Schäfchen jedoch nicht. Dafür fehlt eine kirchenrechtliche Handhabe.

Nibelungen-Kurier, 26.02.2008
Scientology verliert Gebührenstreit gegen Stadt Stuttgart
Mannheim (ddp). Die Scientology-Weltzentrale in Los Angeles hat einen Rechtsstreit gegen die Stadt Stuttgart um die Erhebung von Gebühren für Informationsveranstaltungen verloren. Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg in Mannheim wies mit einem am Dienstag veröffentlichten Urteil eine Klage von Scientology gegen die Stadtverwaltung ab. Informationsveranstaltungen von Scientology seien «Werbeveranstaltungen» und dienten weder gemeinnützigen Zwecken noch dem öffentlichen Interesse, hieß es zur Begründung. Die Stadtverwaltung Stuttgart hatte 2002 eine Genehmigung für Veranstaltungen der in Kalifornien ansässigen «Church of Scientology International» erteilt, diese jedoch an die Zahlung einer Sondernutzungsgebühr in Höhe von 18.568 Euro gebunden. Bei den Veranstaltungen wollte die Scientology-Weltzentrale im Rahmen einer Rundreise von «ehrenamtlichen Geistlichen» durch Europa auch in Stuttgart ihre Arbeit vorstellen und Anleitungen zur «Harmonisierung von Seele und Körper» geben. Scientology wehrte sich gegen die Festsetzung der Gebühr, scheiterte damit aber bereits in erster Instanz vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart. Auch der VGH bestätigte nun im Berufungsverfahren das Vorgehen der Stadt. Scientology gehöre nicht zu den als gemeinnützig anerkannten Religionsgemeinschaften, für deren Informationsstände keine Gebühren erhoben werden dürften, urteilten die Richter. Einen Verstoß gegen das Grundrecht der Glaubensfreiheit konnten sie nicht erkennen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Revision ließ der VGH zwar nicht zu. Diese Nichtzulassung kann Scientology aber beim Bundesverwaltungsgericht anfechten.

AFP, 25.02.2008
Stadt München schließt Scientology-Kindertagestätte
Die Münchner Stadtverwaltung hat eine Kindertagesstätte der Scientology-Organisation geschlossen. Wie das Presseamt der Stadt mitteilte, entzog das Schulreferat "mit sofortiger Wirkung" dem Träger Kinderhäusl e.V. die Betriebserlaubnis zur Führung seiner Kindertageseinrichtung. Der Verein betrieb in Münchner Sendling seit dem Sommer 2007 eine Tagesstätte, in der zwei Erzieherinnen 18 Kinder betreuten. Erst durch Informationen des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutzes hatte die Schulverwaltung von den Verbindungen des Trägervereins und der Erzieherinnen mit Scientology erfahren. Die Stadt sei der Überzeugung, "dass das Wohl der Kinder in dieser Einrichtung gefährdet war, weil der Bildungs- und Erziehungsarbeit die Vorgaben von Scientology zu Grunde lagen", teilte das Presseamt weiter mit. Die inhaltlichen und methodischen Grundsätze von Scientology widersprächen verfassungsrechtlichen Vorgaben, vor allem dem Recht des Kindes auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die Scientology-Organisation wird in Bayern und den meisten anderen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet.

AFP, 21.02.2008
Fillon: Frankreich wird seine Politik bezüglich der Sekten nicht ändern 
[Der französische Premierminister] François Fillon hat am Donnerstag bestätigt, dass Frankreich bezüglich der Sekten die bisherige Politik „weiterführen“ werde, indem er eine „Verstärkung der Mittel“ der Mission des Kampfes gegen die sektiererischen Abwege wünscht. „Frankreich hat eine Politik bezüglich der Sekten, die es führt und weiterhin führen wird, mit einer Interministeriellen Mission, die dem Premierminister untersteht und ihm weiterhin unterstehen wird“, erklärte der Regierungschef der Presse anlässlich eines Unterstützungsbesuchs für die Pariser Kandidatin der UMP, Françoise de Panafieu. Betreffend die Interministerielle Mission der Wachsamkeit und des Kampfes gegen die sektiererischen Abwege (Miviludes) gab Herr Fillon an, es werde „keine Änderung“ geben. „Ich wünsche vielmehr, dass man ihre Mittel verstärkt und dass sie ein interministerielles Instrument bleibt, denn das ist ihre Berufung“, bestätigte er als Antwort auf Vorschläge, die in [der Wochenzeitung] VSD der Kabinettsdirektorin von Nicolas Sarkozy, Emmanuelle Mignon, unterstellt und teilweise von dieser dementiert wurden. Herr Fillon schätzte, dass es „keine Polemik geben werde.“ „Frau Mignon hat gesprochen. Ich habe die Vorschläge der Mitarbeiter des Präsidenten der Republik nicht zu kommentieren“, sagte er.

Blick, 21.02.2008
Fragen zum Tod des Scientology-Kritikers Shawn Lonsdale
CLEARWATER (USA) – Ein prominenter Kritiker von Scientology ist tot in seinem Haus gefunden worden. Viele glauben nicht an einen Selbstmord. Sicher ist aber: Die Sekte machte das Leben des Mannes zur Hölle. Shawn Lonsdale (39) war wichtiger Informant in einer BBC-Doku über die Sekte, provozierte Scientology auch selbst mit verschiedenen Filmen. Dabei filmte er vornehmlich Mitglieder der Kirche vor dem Hauptquartier der Scientology-Stadt Clearwater. Was hier abgehe, müsse dokumentiert werden, so Lonsdale. Doch jetzt ist Lonsdale tot – erstickt! Lonsdale habe sich selbst umgebracht, informierte Polizeisprecherin Elizabeth Daly-Watts die US-Medien. Man habe einen Gartenschlauch gefunden, mit dem Lonsdale von seinem Auto tödliche Abgase ins Innere seines Hauses geleitet habe. Er sei also an einer Kohlendioxidvergiftung gestorben. Scientology-Kritiker mögen dies nicht recht glauben. Derzeit kursieren im Internet allerlei Gerüchte und Vermutungen. Zum Beispiel: Es sei schwer vorstellbar, dass sich Lonsdale die Mühe machte, den Gartenschlauch vom Auto ins Haus zu ziehen. «Hätte er sich vergasen wollen, hätte er sich doch einfach im Auto umgebracht», schreibt ein Blogger auf Youtube. Ein anderer bezweifelt, dass die Polizei von Clearwater die Untersuchungen wirklich sauber geführt habe. Immerhin seien in Clearwater die meisten Polizisten selbst Mitglieder von Scientology. An einer lückenlosen Aufklärung wäre die hiesige Polizei deswegen gar nicht interessiert. Trotz aller Behauptungen und Verschwörungstheorien, die derzeit im Internet kursieren: Niemand kann beweisen, dass Scientology etwas mit dem Tod des Kritikers zu tun hat. Sicher ist aber, dass Scientology-Mitglieder lange versuchten, Lonsdales Leben zur Hölle zu machen – zu sehen auf der besagten BBC-Doku. Als Lonsdale damit begann, provokative Fragen zu stellen, heuerte die Kirche einen Privatdetektiv an, um seine Vergangenheit zu durchforsten. Bald kamen schmutzige Details ans Licht. Etwa, dass Lonsdale sich wegen Sex mit Männern in der Öffentlichkeit vor Gericht zu verantworten hatte. Lonsdale gab dies auch freimütig zu. In der BBC-Doku sagt er, er sei jung gewesen und habe sich des Geldes wegen prostituiert. Die Scientologen aber verteilten in der ganzen Stadt Zettel mit Lonsdales Bild und persönlichen Daten darauf und warnten die Bevölkerung vor dem «Triebtäter».
Wieder Aufruf zu weltweiten Protesten 
Der Zusammenschluss «Anonymous» und das Projekt «Chanology» machen mit Videoerklärungen und elektronische Attacken auf Internetseiten der Sekte von sich reden (Blick.ch berichtete). Am 10. Februar riefen sie zu weltweite Kundgebungen gegen die Kirche von Scientology auf. Tausende nahmen tatsächlich daran teil. Dies soll nun am 15. März wiederholt werden: Am Geburtstag von Scientology-Gründer Ron L. Hubbart ist erneut ein gewaltloser Aufmarsch der Gegner der Kirche geplant. Das Motto: «Bring funny hats and cake!» («Bringt lustige Hüte und Kuchen!»).

Echo Münster 12.2.2008, Stefan Clauser
Schlappe für Scientology
Normalerweise wirken sie eher im Verborgenen. Am Nachmittag aber zeigten die Mitglieder der Scientology Kirche in Münsters Innenstadt offen Flagge. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Vor dem Rathaus demonstriert die umstrittene Organisation, welche Staaten der Erde sie bereits als reguläre Religionsgemeinschaft anerkannt hat. Observation rechtens Vor dem Oberverwaltungsgericht NRW (OVG) am Aegidiikirchplatz gab es derweil eine juristische Schlappe. Der 5. Senat bestätigte ein Urteil des Verwaltungsgerichts Köln vom November 2004, wonach die Beobachtung der Scientologen durch den Bundesverfassungsschutz rechtens ist. Auch nachrichtendienstliche Mittel sind bei der Überwachung erlaubt. Mehrstündige Verhandlung Zu diesem Schluss kam das Richtergremium um Gerichtspräsident Dr. Michael Bertrams nach mehrstündiger, mündlicher Verhandlung und ausgiebiger Beratung. In der inhaltlichen Auseinandersetzung ging es nicht um die Frage, ob Scientology als Religion anzuerkennen, sondern darum, ob in der Arbeit der Organisation das Streben nach verfassungsfeindlichen Zielen auszumachen ist. Grundordnung gefährdet Das bejahte das OVG ausdrücklich. Vorsitzender Bertrams und seine Kollegen sehen eine Gefährdung der freiheitlich demokratischen Grundordnung durch Scientology. Zahlreiche Hinweise darauf ergäben sich aus Schriften und aktuellen Aktivitäten. Insbesondere die Einschränkung von Verfassungswerten wie der Menschenwürde und des Rechts auf Gleichbehandlung soll nach Überzeugung des Gerichts außer Kraft gesetzt werden. Die Erkenntnis, dass das scientologische Programm in Deutschland umgesetzt werden und die Organisation dementsprechend personell expandieren soll, rechtfertigt es laut Bertrams, die Kläger auch künftig zu observieren. Die Verhandlung wurde von zahlreichen Medienvertretern interessiert verfolgt. Für die Kläger erschienen neben den Prozessbevollmächtigten auch der Präsident der Scientology Kirche Deutschland, Helmuth Blöbaum, sowie die Pressesprecherin von Scientology Deutschland, Sabine Weber (Bild). Ihr Anwalt Wilhelm Blümel sprach am Rande der Verhandlung von einem „politischen Prozess“ und kündigte weitere rechtliche Schritte an. Notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dem schloss sich Weber am Abend an. "Wir sind überzeugt, den Fall in der nächsten Instanz leztlich zu gewinnen", erklärte sie in einer Pressemitteilung. Rechtlich offen steht allerdings vorerst nur der Weg einer Nichtzulassungsbeschwerde vor dem Bundesverwaltungsgericht. Denn Revision haben die münsterschen Richter nicht zugelassen. Die bereits 2000 Seiten starke Prozessakte dürfte noch dicker werden.

yahoo nachrichten.de, 12.02.2008
Verfassungsschutz darf Scientology weiter überwachen 
Münster (RPO). Schlappe für die Scientology-Sekte vor Gericht: Der Verfassungsschutz darf die umstrittenen Organisation weiter beobachten. Das urteilte das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen in Münster. Damit unterlag Scientology auch in zweiter Instanz mit dem Versuch, die seit 1997 andauernde, nachrichtendienstliche Überwachung verbieten zu lassen. Das Gericht befand, es lägen "tatsächliche Anhaltspunkte" dafür vor, dass Scientology nach wie vor Bestrebungen verfolge, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet seien. Die Revision ließ das Gericht nicht zu. Scientology will jedoch nach Angaben eines Anwalts der Organisation gegen diese Entscheidung Beschwerde einlegen.

Presseportal, 12.02.2008
RTL - "Punkt 12" deckt auf: Scientology ködert Schüler mit Nachhilfeunterricht - Auditing inklusive: Bundesregierung ist ahnungslos.
Köln (ots) - Seit längerem versucht die Scientology-Organisation in Deutschland, Kinder und Jugendliche über Schüler-Nachhilfeangebote zu ködern. Einem Reporter des RTL Mittagsjournals "Punkt 12" ist es nun gelungen, sich unerkannt in eine dieser Nachhilfeschulen einzuschleusen. Dabei deckte er auf, dass die Sekte nicht davor zurückschreckt, Schülern bereits nach kürzester Zeit ein Auditing anzubieten. Wie das RTL-Mittagsjournal "Punkt 12" in seiner Montags-Ausgabe berichtete, wurde dem als Gymnasiast getarnten Reporter bereits nach drei Nachhilfestunden das Auditing, eine Art "Psychotherapie der Scientologen" angeboten. Auch Bücher von Scientology-Gründer Hubbard wurden dem vermeintlichen Schüler verkauft. "Lernen mit Spaß" und "Einzelunterricht" - so wird im Ruhrgebiet auf harmlosen Flyern für Schüler-Nachilfe geworben. Nichts deutet daraufhin, dass sich hinter diesem Angebot die Scientology-Sekte verbirgt. In enger Zusammenarbeit mit Sabine Riede, Leiterin der Sekten-Info Essen, wurde der RTL-Reporter auf die verdeckte Recherche vorbereitet. Dafür nahm er aus Sicherheitsgründen eine komplett gefälschte Identität an. Schon in der vierten Nachhilfestunde wird dem vermeintlichen Schüler ein Auditing angeboten. Die Sitzung wird von einem Mann durchgeführt. Ohne Pause muss der Schüler bei geschlossenen Augen immer wieder ein bestimmtes Erlebnis erzählen, wobei der Auditor immer neue Einzelheiten verlangt. Nach zwei Stunden beendet er das Auditing, ohne eine Auswertung wird der Schüler nach Hause geschickt. Auf Nachfrage von RTL verweigerte der Auditor anschließend jede Auskunft. Der Bundesregierung lagen bislang keinerlei Erkenntnisse darüber vor, ob Nachhilfeschülern Auditing-Sitzungen angeboten werden. Das geht aus einer schriftlichen Mitteilung des Familienministeriums an RTL hervor. Auf eine weitere spätere Nachfrage sagte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen schließlich gegenüber RTL: "Man kann ja nicht grundsätzlich Nachhilfeangebote verbieten. Aber das Entscheidende ist Aufklärung, und deshalb ist es auch gut, dass sie darüber berichten. "

Blick, 07.02.2008, gux
1.2.3 - Ists mit Scientology vorbei?
Internet – In drei Tagen, am 10. Februar, wollen virtuelle Gegner der Sekte Scientology einen Denkzettel verpassen. Sie rufen übers Internet dazu auf, an diesem Tag «die Kirche zu zerstören».
Die Hackergruppe «Anonymous» war die erste, die die Scientologen im Visier hatte: Sie legte am 19 Januar die Webseite von Scietology.org über mehrere Tage lahm (Blick.ch berichtete). Und sie rief Gesinnungsgenossen im Web dazu auf, das Gleiche zu tun. Mit Erfolg: In den letzten Wochen funktionierten wichtige Webseiten der Organisation in den USA und in Grossbritannien auf einmal nicht mehr. Es ist anzunehmen, dass «Anonymous» eine eher kleine Gruppe von Computerfreaks ist. Ihr Aufruf und das gezielte Vorgehen gegen die Sekte und ihren Webauftritt scheint die Menschen weltweit aber zu inspirieren: Es hat sich eine ganze Kultbewegung gebildet, die Scientology schikaniert, wo es nur geht. Nicht nur im Internet. Letzte Woche musste das FBI in 19 Scientology-Kirchen im Grossraum Los Angeles ausrücken. Es waren dort überall Couverts mit weissem Pulver deponiert worden. Ungefährlich, wie sich herausstellte. Wieso die Angriffe auf Scientology? «Anonymous» und andere werfen der Kirche etwa vor, Kritiker der Sekte mundtot zu machen und die Meinungs- und Pressefreiheit zu sabotieren. Die Kirche sei gefährlich und menschenverachtend und ziehe den Leuten lediglich Geld aus der Tasche. Als fast schon persönlichen Angriff verstanden die Hacker dann die Intervention von Scientology bei Youtube: Der Videoportalbetreiber musste den Film mit Tom Cruise von seiner Seite nehmen. Cruise, einer der prominentesten Anhänger der Sekte, hatte in dem Film beängstigende «Wahrheiten» über die Kirche und ihre Ziele von sich gegeben (Blick.ch berichtete). Diesen Schritt betrachteten die Hacker als klaren Angriff auf die virtuelle Freiheit. Was ist am 10. Februar nun zu erwarten? «Vielleicht tauchen nur ein paar Kinder mit Brillen auf, die blöde Sprüche klopfen», meint ein ehemaliger Hacker gegenüber «The Age». «Die Aktion könnte aber auch wirklich radikal werden». Was auch immer «radikal» heissen mag: Den Scientology-Gegnern ist es wichtig, dass jedwelche Aktionen gegen Scientology friedlich und ohne Gewalt ablaufen. Das unterstreichen sie auf ihren Internetseiten und in ihren Blogs immer wieder. Ausnahme: natürlich die virtuelle Gewalt.

Sueddeutsche.ch, 06.02.2008, Mirjam Hauck
Hacker erklären Scientology den Krieg
Mit rüden, aber kreativen Methoden greifen Hacker Scientology an: Mit virtuellen Bomben attackieren sie Tom Cruise' Glaubensgenossen.
Ein Video kursiert derzeit im Internet und sorgt weiter für Aufregung. Es zeigt den Schauspieler Tom Cruise, der rund 5000 Scientologen fragt: "So what do you say? We'll clean this place up?" In der deutschen Übersetzung "Sollen wir die Welt säubern?“ erkannte der ZDF-Hitler-Historiker Guido Knopp Parallelen zur berüchtigten Sportpalast-Rede, was ihn in Bild am Sonntag zum prägnanten Vergleich brachte: "Tom Cruise tritt auf wie Goebbels." Dem gleichen Tom Cruise überreichte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher jüngst einen eigens kreierten Bambi für "Mut". In der englischen und amerikanischen Internetszene ist man sich derzeit in der Beurteilung von Tom Cruise' Schaffen und seinen Diensten für Scientology weniger uneins: Hacker haben der Sekte den virtuellen Krieg erklärt. Der Anlass: Die Bemühungen der Sekte, das inkriminierende Tom-Cruise-Video bei Youtube und auf anderen Internseiten entfernen zu lassen. Die Kriegserklärung haben die Hacker in ein Video gepackt, das ebenfalls auf Youtube zu sehen ist.
Untern dem Namen Project Chanalogy warnt die Gruppe, die sich selbst Anonymous nennt, vor den Gefahren und Gehirnwäsche-Taktiken der Sekte. Die Hacker belassen es aber nicht bei diesem Video. In den USA nahmen sie die Internet-Seite von Scientology ins Visier. Mit sogenannten Distributed Denial-of-Service-Attacken (DDoS) haben sie für kurze Zeit die Websites der Sekte lahmgelegt. Eine Flut von Seitenaufrufen sorgte dafür, dass die Surfer statt Ron Hubbards Weisheiten lediglich eine weiße Seite oder eine Fehlermeldung zu sehen bekamen. Für Scientology-Gegner hält die Gruppe auf der eigenen Website Tipps bereit, wie man die selbsternannte Kirche angreifen kann - zum Beispiel, indem schwarze Fax-Seiten an die Zentrale geschickt werden. Zu den Guerilla-Taktiken zählt auch die sogenannte Google-Bombe: Wer auf der englischen und der amerikanischen Google-Website die Begriffe "Dangerous cult" eingibt, bekommt als obersten Suchtreffer die offizielle Scientology-Website ausgespuckt. Auch in den Social Communities tobt der Kampf gegen Tom Cruise und seine Sektierer. Bei Facebook gibt es derzeit bereits zwei Anti-Scientology-Gruppen mit jeweils mehr als 3500 Mitgliedern. Und der Protest soll sich vom Internet auf die Straße verlagern: Am 10. Februar wollen die Sekten-Gegner in Großbritannien, USA, Kanada, Australien und auch Deutschland auf die Straße gehen.
Scientology wappnet sich im Internet gegen seine Gegner. Um sich vor den virtuellen Angriffen zu schützen, hat die Sekte inzwischen Spezialisten beauftragt. Wer die IP-Pakete sowohl der deutschen als auch der amerikanischen Website verfolgt, landet bei Prolexic Technologies - einer Firma, die laut Eigenwerbung wirksame Hilfe gegen DDoS-Attacken verspricht. Zu den Vorgängen selbst will sich Scientology nicht äußern. "Wir geben dazu keine Kommentare ab", erklärte eine Sprecherin zu sueddeutsche.de und verweist auf eine Pressemitteilung zum alles auslösenden Tom-Cruise-Video. Die im Internet aufgetauchten Versionen seien zusammengeschnittene Raubkopien. Das vollständige, drei Stunden lange Video "kann in jeder Scientology-Kirche angesehen werden".

Pressetext Austria vom 01.02.2008
Scientology will schlechtes Image aufpolieren 
Sektenexperte: "Bei Scientology duldet man keine Kritik"
Los Angeles/Berlin (pte/01.02.2008/13:41) - In den letzten Wochen ist die amerikanische Church of Scientology http://www.scientology.org wegen des Auftauchens eines Videos, das ein Interview mit dem Schauspieler Tom Cruise zeigt, wieder stärker ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. "Leute, das ist unsere Zeit", ruft er darin frenetisch seinen Anhängern zu, "eine Zeit, an die wir uns alle erinnern werden." Nicht nur wegen Aussagen wie dieser ist die in den USA den Rang einer Kirche genießende Glaubensgemeinschaft in Deutschland sehr umstritten. Weltbild und Lehre seien fanatisch und gefährlich, lautet das Urteil vieler Kritiker. Um das angeschlagene Image der Religionsgemeinschaft in Deutschland wieder aufzupolieren, haben die Deutschen Scientology Kirchen heute, Freitag, eine groß angelegte Informationskampagne gestartet. So sollen bundesweit rund eine halbe Mio. Flugblätter verteilt werden. Zeitgleich zum Start der Kampagne wurde mit http://www.scientology-re! ligion.de auch eine eigene Internetseite lanciert. "Das Image von Scientology ist in Deutschland durch eine negative Medienberichterstattung geprägt", meint Sabine Weber, Vorstandssprecherin von Scientology Deutschland, im Gespräch mit pressetext. Das Bild der Öffentlichkeit entspreche nicht den Tatsachen. "Die meisten Menschen wissen gar nicht, was Scientology ist", stellt Weber fest. "Durch die gestartete Informationskampagne wollen wir dieses einseitige Bild wieder zurechtrücken", erklärt die Scientology-Sprecherin. Den in Zusammenhang mit dem Tom-Cruise-Interview entstandenen Vorwurf des Fanatismus weist Weber zurück: "Im Gegenteil, wir treten für eine freie Gesellschaft ein, in der für jeden Menschen Entscheidungs- und Meinungsfreiheit gilt", betont sie. Keine Religionsgemeinschaft sei so in punkto Menschenrechte engagiert wie Scientology. "Gegenteilige Behauptungen wollen nur den Hass schüren", so Weber. Diese Behauptungen kann Thomas Gandow, Experte für Sekten- und Weltanschauungsfragen, gegenüber pressetext allerdings nicht bestätigen. "Wenn dem so ist, warum werden Aussteiger aus Scientology dann von der Gemeinschaft nachträglich eingeschüchtert und bedroht", fragt Gandow. Er selbst habe mit vielen Betroffenen zu tun gehabt, denen es so erging. "Leute, die zuvor Mitglieder waren, trauen sich nicht, sich öffentlich von Scientology zu distanzieren", schildert der Sektenexperte. Dies sei kein Einzelfall, sondern die Regel. "Bei Scientology duldet man keine Kritik", ergänzt Gandow. Auch das aufgetauchte Tom-Cruise-Video bestätige diese Auffassung. "Das Interview macht auf Außenstehende zwar einen wirren Eindruck, aber die Botschaft ist für Scientologen klar: Entweder man ist mit der Organisation oder gegen sie", analysiert Gandow. Unterdessen versuchte die Hackergruppe "Anonymous" in der vergangenen Woche die US-Homepage von Scientology durch gezielte Angriffe zum Absturz zu bringen. Im Netz wurde zu diesem Zweck zudem das Projekt "Chanology" http://partyvan.info/index.php/Project_Chanology gestartet, in dem die Gruppe zu einem weltweiten Hackerangriff auf die Religionsgemeinschaft aufruft. Langfristige Ziele sind die Rettung der Menschen vor Scientology und die Zerstörung der Organisation. Die Scientology Kirche ist in Portugal, Spanien und Südafrika 2007 offiziell als Religion anerkannt und eingetragen worden. "Scientology ist in 163 Ländern der Welt vertreten, aber nicht in allen offiziell als Religion anerkannt", schildert Weber. Etwa 30.000 Mitglieder hat die Gemeinschaft Schätzungen zufolge in Deutschland.

Süddeutsche Zeitung vom 31.01.2008, Andrian Kreye
Die Gehirnwäscher aus Hollywood 
Weil Sekten wie Scientology funktionieren wie Konzerne, ist der neue Markt Berlin für sie so interessant. Eine Stadt im Umbruch produziert mehr verlorene Seelen als satte Städte wie Hamburg oder München. Ein Besuch im deutschen Hauptquartier. 
Betritt man das deutsche Hauptquartier der Church of Scientology an der Otto-Suhr-Allee in Berlin Charlottenburg, schreitet man zunächst durch ein Spalier aus bunten Luftballons und Länderwimpeln. Leichtes Unbehagen beschleicht einen, schließlich ist in den letzten Monaten wieder viel geschrieben worden über die Sekte aus Hollywood. Über die Mobbing- und Gehirnwäschetaktiken, über die verschwörerischen Weltmachtpläne, und natürlich über den Filmstar Tom Cruise. Über den hat der Promi-Journalist Andrew Morton gerade ein Buch geschrieben, das den Filmstar als Bruder Nummer Zwei in der Hierarchie der Scientologen beschreibt, der seinen Film "Valkyrie" über den Hitlerattentäter Stauffenberg lediglich als trojanisches Pferd für seine Sektenarbeit in Berlin produzierte. Betritt man die Zentrale als Passant, begegnet man im Empfangsbereich einem jungen Herrn in dunkelblauem Anzug, der höflich seine Hilfe anbietet. Die Atmosphäre in dem sechsstöckigen Glasbau ist kühl und sachlich. Stein- und Teppichböden sind in Grautönen gehalten, das Mobiliar in dezenten Schattierungen von Rot und Blau. Aufgedrängt wird einem nichts. Man muss schon fragen. Das tut man bei den Damen in der Abteilung für Tests und Einschreibung. Das beste Buch für den Einstieg? "Dianetik - Der Leitfaden für den menschlichen Verstand". Gibt es da nicht diese Persönlichkeitstests? "Bitte folgen Sie mir." Man nimmt an einem Pult Platz, bekommt Bleistift, Radiergummi und die Fragebögen für die "Oxford Capacity Analysis", die aus 200 Fragen besteht. Die Fragen kreisen immer wieder um die gleichen Schwächen - Nervosität, Hemmungen, Aggressionen, Unsicherheit. Das Ergebnis liefert ein Computer. Auf einer Tabelle ziehen sich Kurven nach oben - die Sollwerte. Nur eine Kurve geht nach unten - das Testergebnis. Das fällt bei Scientology immer schlecht aus. "Da können Sie aber noch viel an sich arbeiten", sagt die Beraterin und zeichnet mit dem Kugelschreiber warnende Pfeile in die Kurven. Beunruhigend So ähnlich funktioniert das auch bei Wahrsagern. Sie lesen einem für wenig Geld aus der Hand, finden dunkle, beunruhigende Vorzeichen, die man nur in einer zweiten, teuren Sitzung deuten lassen kann. So beginnt bei Scientology ein labyrinthisches System aus Kursen und Prozessen. Zunächst wird man auf die Empore geleitet. Dort gibt es Kaffee, Kuchen und ein Gespräch in lockerer Runde. Ob man vielleicht einen Film sehen will? Im Erdgeschoss sind vier kleine Kinos. In einem läuft ein Interview mit dem 1986 verstorbenen Sektengründer L. Ron Hubbard. Man sieht den gewesenen Autor für Groschenromane im dunkelblauen Anzug in seinem Büro am Schreibtisch. Fast eine Stunde lang erklärt Hubbard seine Lehre. Die soll den Menschen befähigen, sein Potential zu vergrößern, seinen IQ zu heben, sein Schicksal zu kontrollieren. Eine wohlbalancierte Mischung aus Psychotechniken, Heilsversprechen und Spiritualität bietet er da an. Als Hubbard das Buch "Dianetik" 1950 veröffentlichte und in den folgenden Jahrzehnten eine ganze Glaubensgemeinschaft darum herum konstruierte, bewies er allerdings nicht nur ein enormes Gespür für das Geschäft, sondern auch für den Zeitgeist. Während der fünfziger und sechziger Jahre löste sich die Sinnsuche in exotischen Religionen und modernen Technologien aus den Subkulturen. Was mit den spirituellen Reisen der Beatniks und Hipster begann, schwoll bald zu einer Welle der spirituellen Moden an, die ihren Höhepunkt in den unzähligen Sekten der sechziger Jahre und schließlich in der Esoterikbewegung fand. Hubbard erkannte schon früh das Bedürfnis der Menschen, den technokratischen Fortschrittsglauben des zwanzigsten Jahrhunderts mit spirituellen Inhalten zu füllen, die nicht mehr an die Dogmen der traditionellen Weltreligionen gebunden waren. Einen gemeinsamen Feind hatte er auch schnell gefunden - die Psychologie, jene Wissenschaft eben, die den menschlichen Geist erstmals mit konkreten weltlichen Mitteln behandelte. Hier liegt auch die große Gefahr, die in jeder Sekte lauert. Prinzipiell ist jedes Glaubenssystem eine Methode, den klaren Verstand auszuschalten. Richtet sich der Glaube jedoch gegen die Wissenschaft, kann das tödliche Folgen haben. Da lassen Makrobioten ihre Kinder verhungern, Zeugen Jehovas verweigern Bluttransfusionen, und auch das absolute Verbot der Scientology, Psychotherapie oder Psychopharmaka zu verwenden, hat schon zu Selbstmorden geführt, die man hätte verhindern können. Hubbards Verteufelung der Psychologie hatte einen guten Grund: Die Scientology ist eine ins Religiöse überhöhte psychologisch-technische Weltanschauung. Und sie wird als solche wahrgenommen: Die American Psychological Association warnte ihre Mitglieder schon im September 1950 vor der Dianetik. Denn sie soll, wie die meisten spirituellen Techniken, Abhängigkeiten schaffen. Die Methoden sind sich ähnlich. Meist beruhen sie auf einer Gehirnwäsche, deren Muster schon der Psychiater Robert Jay Lifton in seinem Grundlagenwerk "Thought Reform and the Psychology of Totalism" von 1961 definiert hat. Demnach gibt es acht Kriterien für diese Technik: Die Kontrolle der Beziehungen zur Außenwelt (Scientologen werden angehalten, sich von sogenannten unterdrückerischen Personen selbst in der eigenen Familie fernzuhalten); die Behauptung, die Gruppe habe höhere Ziele als der Rest der Welt (Scientology gilt als unfehlbare Lehre); die Beichte (Scientologen unterziehen sich regelmäßigen Tests mit dem E-Meter, einem Lügendetektor); ein Reinheitsgedanke (Scientologen befinden sich in einem lebenslangen Reinigungsprozess); die Lehre einer heiligen Wissenschaft (Scientology beansprucht einen Vorsprung vor den Naturwissenschaften); einen schwer verständlichen Jargon (schon das Buch "Dianetik" enthält ein 75-seitiges Glossar); eine Gruppendoktrin (die Gruppe ist wichtiger als das Individuum); sowie ein Heilsversprechen (Scientologen arbeiten auf eine Erlösung von den Seelen Außerirdischer hin, die nach den Lehren Hubbards jeden Menschen daran hindern, zum wahren Menschen zu werden). Hubbards Clou: Der Normalzustand des Menschen ist der einer Gehirnwäsche, nur die Scientology kann ihn daraus erwecken. Der antisemtische Kern Das aber ist ein Geschäft. In den USA ist es unter dem Mantel einer Kirche auch noch steuerfrei. Und weil Stars als Werbefiguren von Anfang an Kern der Expansionsstrategie Hubbards waren, bekommen sie auch eine Sonderbehandlung. Das Celebrity Centre am Fuße der Hügel von Hollywood ist dafür essentiell, ein elfenbeinfarbenes Gebäude, das mit seinen Erkern und Türmchen an ein französisches Landschloss erinnert. Hier dürfen sich die Stars in luxuriösem Ambiente von der Welt zurückziehen, die doch immer nur etwas von ihnen will - Autogramme, Pressekonferenzen, Fotos, Verträge. Hier bekommen sie - Frieden, Hilfe, Zuspruch. Nun funktioniert nicht nur Scientology so. Das Kabballah Center, das seine Gehirnwäschepraktiken auf jüdischem Mystizismus aufbaut, gewann Madonna, Britney Spears, David und Victoria Beckham für sich. Auch Kabballah will nach Berlin, auch wenn das Zentrum bisher lediglich aus einem Büro in Mitte besteht. Außerdem hat die Transzendentale Meditation des Guru Maharischi Mahesh Yogi Großes vor in Berlin. Die Sekte, die einst die Beatles für sich gewinnen konnte, will gemeinsam mit dem Regisseur David Lynch auf dem Teufelsberg eine Universität errichten und dazu noch 150 Tempel im ganzen Land. Warum ausgerechnet Berlin? Weil Glaube ein Milliardengeschäft ist, sind Sekten wie Konzerne aufgebaut. Berlin ist ein neuer Markt, denn eine Stadt, die sich im Umbruch befindet, wird mehr verlorene Seelen produzieren als satte Städte wie Hamburg oder München. Bei so viel Geld lauern natürlich Gefahren. Doch im Kern der Debatte lauern dieselben Muster wie im Kulturpessimismus, der sich gegen Hollywood richtet und in den Vereinigten Staaten eine dämonische Nation zu erkennen meint. Da wird eine Geldkultur verteufelt, eine Kultur der Gleichmacherei bezichtigt und eine Weltverschwörung vermutet. Das aber sind die Muster des Antisemitismus aus dem 19. Jahrhundert. Das findet man umgekehrt auch in den eigentümlich leidenschaftlichen Verteidigern von Tom Cruise. Jubelt man ihn als Retter der deutschen Geschichte aus Hollywood hoch, so erhofft man sich Erlösung von der Last der Vergangenheit - von einem, der stellvertretend für die alten Feindbilder steht. Das macht eine nüchterne Auseinandersetzung unmöglich. Tom Cruise wird weder das deutsche Ansehen im Ausland retten noch Deutschland für die Scientology erobern. Wenn er Glück hat, schafft er es noch, seine Karriere mit einem Oscar zu retten.

Berliner Zeitung, 30.01.2008, Frank Nordhausen
Die dunkle Seite der Macht 
Andrew Morton wollte eigentlich nur eine Biografie von Tom Cruise schreiben - jetzt hat er sogar in den USA eine Debatte um Scientology ausgelöst
BERLIN. "Really? Ist das wahr?" Andrew Morton legt die Stirn in Falten und lässt einen Anflug von Lächeln um seine Lippen spielen. Er hat es wirklich nicht gewusst. Er hat noch nie davon gehört, dass der deutsche Filmregisseur und Oscar-Gewinner Florian Henckel von Donnersmarck im vergangenen Sommer einen Artikel schrieb mit der Überschrift "Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise". "Unglaublich", sagt Morton. Mit britischer Zurückhaltung hat der Autor in seiner gerade erschienenen "unautorisierten Biografie" des Hollywoodschauspielers auch die Rolle deutscher Journalisten in der Debatte um Tom Cruise beschrieben, als er in Berlin seinen Film "Walküre" über den Hitler Attentäter Stauffenberg drehte. In Interviews sagte Morton, sie seien auf den Scientology-Botschafter "hereingefallen", als sie ihn in den Himmel lobten und am Ende noch einen "Bambi" für Mut verliehen. Bessere Reklame hätten sich Cruise und die Sekte nicht wünschen können. "Das Ganze war ein strategisch geplanter Coup, wie mir hochrangige Ex-Scientologen erklärten." Jetzt sitzt der 54-jährige Bestsellerautor in einem Berliner Hotel, trinkt Tee, entspannt sich nach einem Radiointerview und wiederholt seine These: "Der Film war das Trojanische Pferd von Scientology, um Deutschland aufzurollen." In seinem Buch klingt es noch martialischer, da ist von den "Panzern" die Rede, mit denen der Sekten-Konzern die Berliner City umstellt habe. Vielleicht müssen Briten so schreiben, wenn sie an Berlin denken. Andererseits sieht man die Dinge von außen oft klarer. Andrew Morton spricht nicht ohne Grund von der "gewaltigen Macht" von Scientology. Man hatte ihn schon mit Klagedrohungen und Hassbriefen eingedeckt. Erst jetzt aber erkennt er, wie groß der Einfluss der Sekte in der Unterhaltungsindustrie wirklich ist. Sein Buch ist seit zwei Wochen in Amerika auf dem Markt, es hat einen Riesenwirbel erzeugt, ist gerade auf den ersten Platz der Bestsellerliste der New York Times gesprungen. "Man würde denken, nun müsste es Einladungen in die Fernsehtalkshows in den USA hageln - aber nichts. Ich bin in keine einzige Sendung eingeladen worden." Einige Redakteure hätten ihn angerufen und sich dafür entschuldigt: "Sorry, aber wir können Sie nicht einladen." Man habe ihnen ganz deutlich gesagt: "Wenn ihr Morton holt, bekommt ihr nie wieder Tom Cruise, John Travolta, Jenna Elfman oder einen anderen Scientology-Star in eure Sendung." Morton scheint dies eher zu belustigen, er ruht in sich, spricht sein schönes Oxford-Englisch und spielt mit seinem ausgeprägten Sinn für Ironie. Er habe das alles schon einmal erlebt, sagt er. Vor 16 Jahren, als er, der Boulevardjournalist, die geheimen Tagebücher von Lady Diana veröffentlichte und einen Weltbestseller landete. Damals habe die "Royal Family" dafür gesorgt, dass er in Großbritannien den Fuß nicht ins Fernsehen - das wichtigste Werbemedium für Bücher - bekam. "Genau dasselbe passiert jetzt in den USA. Das ist wohl so, wenn man die Royals angreift. Die Hollywoodschauspieler sind die Royals von Amerika." Doch vielleicht bewirkt die Sperre wie damals genau das Gegenteil: Statt den Verkauf zu bremsen, verhalf die Gegenwehr des Königshauses dem Diana-Buch erst recht zum Durchbruch. Mortons neuer Erfolg dürfte entscheidend damit zusammenhängen, dass zwei Tage nach dem Erscheinen seines Buches jene grotesken Videos im Internet auftauchten, in denen Tom Cruise sein "wahres Wesen" zu offenbaren schien. Die "dunkle Seite der Macht", die wirre Rede vom "Säubern" der Welt, das irre Lachen des Sektenpredigers - genau wie es Morton im Buch beschreibt. Diese Videos, millionenfach aus dem Internet heruntergeladen und auf CNN und ABC gezeigt, haben seine fehlende Bildschirmpräsenz mehr als wettgemacht. "War das abgesprochen, Mister Morton?" Er lächelt, sagt "nein", die seien schon vorher im Netz gelaufen - was Experten eher ausschließen. Es war wohl so, dass die Scientology-Kritiker sie gezielt und koordiniert zum Termin der Buchpremiere veröffentlichten. Damit entstanden zu viele Fronten für die Sekte, um sie alle gleichzeitig in den Griff zu bekommen. Inzwischen deutet sich an, dass Mortons Buch und die Videos in den Vereinigten Staaten erstmals seit vielen Jahren eine echte öffentliche Debatte über Scientology anstoßen - die auch schon in die Sekte hineinwirkt. Jenna Miscavige-Hill, die Nichte des Scientology-Bosses und Tom-Cruise-Vertrauten David Miscavige, stellte vor wenigen Tagen eine Erklärung ins Internet, wonach "zutrifft, was Morton über Scientology schreibt". Es ist das erste Mal, dass ein Mitglied des innersten Kreises der Miscavige-Familie öffentlich Kritik an der Organisation äußerte. Die Nichte war in der Sekte aufgewachsen und hatte sie mittlerweile verlassen. Gegenüber der Berliner Zeitung erklärte der amerikanische Scientology-Abtrünnige Larry Brennan, dass auch ihr Vater Ron Miscavige vor kurzem ausgestiegen sei. "Jeden Tag rufen mich ehemalige Scientologen aus den USA an", sagt Morton, "sie sagen, dass hochrangige Funktionäre sich lösen wollen." Manchmal wirkt Andrew Morton ein wenig erstaunt darüber, welche Lawine er mit seiner Tom-Cruise-Biografie offenbar angestoßen hat. Dabei hatte er ursprünglich nur ein Buch über den erfolgreichsten Filmschauspieler der Gegenwart schreiben wollen. Doch habe er "sehr schnell begriffen, dass Tom Cruise und Scientology eins sind, "wie eine zweite Haut". Es gebe für Cruise keine Trennung von "Religion" und "Beruf", sagt Morton. Den deutschen Feuilletonisten würde er sein Buch empfehlen. Um sich genau darüber zu informieren.

sonntagonline.ch. 27.01.2008, SACHA ERCOLANI
Scientologen buhlen um Schweizer Prominente 
Hollywood-Star Tom Cruise will die Welt «säubern». Zurzeit befindet er sich für Scientology auf einem Propaganda-Feldzug. Schauspielerin Ines Torelli ist schon dabei, Musiker Florian Ast empfahl ein Buch der Sekte.
Scientology geht in der Schweiz in die Offensive: «Nach meiner Wahl zur Vize-Miss habe ich von Scientology ein Gratulationsschreiben und mehrere Bücher erhalten», verrät Sabrina Knechtli (21). Die Sekte habe sie zu einem Treffen einladen wollen. «Ich respektiere jede Art von Glauben, doch das ist überhaupt nichts für mich. Darum habe ich alle Unterlagen sofort weggeworfen.» Auch Hitproduzent und Plattenboss Roman Camenzind (32) wurde schon öfter angeschrieben: «Diese Briefe landen bei mir sofort im Mülleimer.» Dem Schweizer Soul-Star Nubya (34) lauerte man vor kurzem gar beim Spazieren in der Basler Altstadt auf: «Zwei Scientology-Mitglieder wollten unbedingt mit mir reden und haben mir, obwohl ich sie immer wieder abzuwimmeln versuchte, einen langen Fragebogen in die Hände gedrückt», so die Sängerin zu «Sonntag». «Ich habe mir das kurz angesehen. Doch bei den Fragen wurde mir übel.» Unter dem Deckmantel von Religion und Kirche verwickelt Scientology Menschen in vermeintlich seriöse Beratungsgespräche. Für anschliessende Kurse verlangt die Organisation dann Tausende von Franken. Die Opfer werden zu Rädchen in Scientologys Getriebe. Viele trennen sich vom bisherigen Leben. Es kommt zu furchtbaren Tragödien, die ganze Familien zerstören. Wegen ihrer Publicity-Wirkung sind bekannte Persönlichkeiten bei Scientology besonders willkommen: Neben Schauspieler John Travolta (54), Sänger Al Jarreau (67) oder Elvis-Witwe Priscilla Presley (62) ist Action-Held Tom Cruise (46, Bild) das aktivste und prominenteste Mitglied. Erst vor zwei Wochen tauchte im Internet ein unheimliches Video des Schauspielers auf: Es zeigt einen fanatischen Propagandisten, der vor Mitgliedern der umstrittenen Scientology-Sekte eine aufpeitschende Rede hält: «Sollen wir die Welt säubern?», schreit der Hollywoodstar ins Mikrofon – und die Anhänger im Saal schreien begeistert: «Jaaaaah!» Ein Scientologe habe die Fähigkeit, neue Realitäten zu erzeugen und die Verhältnisse zu verbessern, predigt Cruise. Er habe sich dieser Sache absolut und kompromisslos verschrieben. Scientologen seien die Herrscher über den Geist, sie könnten sogar Kriminelle rehabilitieren. «Wir sind der Weg ins Glück. Wir können Frieden verbreiten und Kulturen verbinden.» Vize-Miss-Schweiz Sabrina Knechtli hat für solches Geschrei kein Verständnis: «So etwas schockiert mich und macht Angst.» Trotz allem zählt Scientology in der Schweiz mittlerweile mehr als 5000 Anhänger – und es werden immer mehr. Auch Volksschauspielerin Ines Torelli (76) und ihr Ehemann Edi Baur sind seit mehr als 15 Jahren dabei. Selbst Mundart-Rocker Florian Ast (32, «Sex») propagierte die umstrittene Lehre. Zumindest empfahl er vor einem Jahr in der «Sonntags-Zeitung» ein Buch des Scientology-Gründers Ron Hubbard zur Lektüre. «Klar haben wir in der Schweiz auch prominente Mitglieder», bestätigt Jürg Stettler (54), Sprecher von Scientology Schweiz. «Die Namen kann ich aber nicht verraten.» Den Vorwurf, dass Scientology aktiv um Schweizer Prominenz buhle, bestreitet er. Stettler lapidar: «Die Leute kommen dank Mundpropaganda zu uns.» Deutschlands bekannteste Sektenexpertin und Buchautorin Ursula Caberta («Schwarzbuch Scientology») redet Klartext: «Die Scientologen sind eine verfassungsfeindliche Organisation, ein totalitäres System mit dem Ziel, eine neue Gesellschaft zu errichten.» Nun sollen Prominente wie zum Beispiel Tom Cruise weltweit vermehrt Türöffner spielen. Auch in der Schweiz.

Heise online,  25. 1.2008
DDoS-Angriffe für Redefreiheit 
Eine anonyme Gruppe hat Scientology im Internet den Krieg erklärt. Über ein YouTube-Video verkündet die sich selbst "Anonymous" nennende Gruppe, gegenüber der Scientology-Kirche die Redefreiheit verteidigen zu wollen. In einer Pressemitteilung soll die Gruppe zudem erklärt haben, die finanzielle Ausbeutung von Scientology-Mitgliedern durch die Organisation, die sich selbst als Kirche bezeichnet, beenden zu wollen. Zudem missbrauche Scientology den Urheberrechtsschutz, um kritische Meinungen von Webseiten wie Digg und YouTube entfernen zu lassen. Berichten zufolge hat die Anonymous-Gruppe bereits einige DDoS-Attacken auf Server von Scientology in den USA durchgeführt. Die zu Scientology gehörige Seite religiousfreedomwatch.org ist seitdem gar nicht mehr zu erreichen. Der Zugriff auf www.scientology.org soll am Wochenende durch die Angriffe gestört gewesen sein, auch andere Server der sektenähnlichen Bewegung sollen nur schwer aufzurufen sein. Scientology ist auch in Deutschland eine umstrittene Organisation. Derzeit denken die Innenminister nach, ein Vereinsverbot für Scientoloy anstrengen zu wollen. Sie unterstrichen auf der letzten Herbstkonferenz in Berlin "die Gefährlichkeit der auf Abhängigkeit ausgerichteten Aktivitäten" der Organisation und hielten im Bereich der Prävention verstärkte Bemühungen insbesondere gegen kriminelle Methoden für erforderlich. Die Minister blieben zudem bei ihrer Auffassung, dass Scientology verfassungsfeindliche Ziele verfolge. Die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder sollen die umstrittene Vereinigung daher nun stärker ins Visier nehmen und Material für ein mögliches vereinsrechtliches Ermittlungsverfahren sammeln.

Bild am Sonntag, 20.01.2008, HELMUT BÖGER und MICHAEL REMKE
Tom Cruise Sekten-Video schockt die Welt
Dieses Video schockt die Welt. Hollywood-Superstar Tom Cruise (45) wirkt darin wie ein Roboter. Er trägt eine große, blinkende Medaille an einem blau-grünen Band um den Hals. Es ist der „Freiheits-Orden“ der Scientologen-Sekte. Er starrt ins Publikum. Seine Finger sind gespreizt, wirken verkrampft. Er pocht auf ein altarähnliches Pult. Immer wieder, so als wolle er seinen Worten Kraft geben. „Leute, das ist unsere Zeit“, ruft er seinen Anhängern zu, „eine Zeit, an die wir uns alle erinnern werden.“ Er fragt: „Wart ihr dabei? Was habt ihr getan?“ Starrer Blick ins Publikum. Kurze Pause. Ein neuer Satz: „Ich bin sicher, ihr wisst, ich bin da für euch. Ich kümmere mich sehr, sehr, sehr um euch.“ Das Sekten-Video von Tom Cruise Cruise am Rednerpult – um seinen Hals hängt die eben von Scientology verliehene „Freiheitsmedaille für Mut“. Er spricht eindringlich zum Publikum, das am Ende jubelnd aufspringt . . . Ein Raunen geht durch die Reihen seiner Zuhörer. Cruises Augen wandern von rechts nach links. Immer wieder nickt er mit dem Kopf, als wolle er sich selbst zustimmen. Dann der schrille Höhepunkt seiner Rede. „So, was sagt ihr?“, fragt er und es klingt bedrohlich. Jetzt schreit Cruise: „Sollen wir die Welt säubern?“ Die Menge brüllt fanatisch-begeistert zurück: „Jaaa!“ Historiker Professor Dr. Guido Knopp (59), Chef der Redaktion Zeitgeschichte des ZDF, bewertet die Szene so: „Tom Cruise tritt auf wie Goebbels.“ Konkret denkt er an eine berüchtigte Rede von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Knopp zu BILD am SONNTAG: „Es mag ja sein, dass Cruises Sprechweise bei vielen Erweckungsbewegungen in den USA üblich ist. Doch die Szene, in der er fragt, ob die Scientologen die Welt säubern sollen und alle Ja rufen, erinnert zwangsläufig jeden Deutschen, der sich für Geschichte interessiert, an die berüchtigte Sportpalast-Rede von Goebbels.“ Am 18. Februar 1943 hatte Goebbels im Berliner Sportpalast gebrüllt: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Und die Massen hatten dem Demagogen geantwortet: „Ja!“ Nach dem Satz vom „Säubern“ wendet sich Cruise in dem Video roboterhaft steif dem obersten Führer der Sekte, David Miscavige, zu. „Wir zählen auf dich“, beschwört der Star den Scientology-Chef. Der lächelt. Doch schnell wird es wieder ernst. Cruise nimmt soldatisch-stramme Haltung an, Miscavige applaudiert. Der Schauspieler hebt die rechte Hand und salutiert mit militärischem Gruß vor einem riesigen Foto des 1986 verstorbenen Sektengründers L. Ron Hubbard. Das Publikum tobt, kann sich kaum beruhigen. Der Sektenchef und sein Star fallen sich in die Arme. Abgang Cruise. Das Video ist vor vier Jahren gedreht worden. Es ist so brisant, dass die Sekte es unter Verschluss gehalten und nur vor Mitgliedern gezeigt hat. Der New Yorker Internetdienst Gawker.com hat das insgesamt eine Stunde lange Band nach eigenen Angaben „von jemandem“ zugespielt bekommen und ins Netz gestellt. Der erste Teil des Geheimvideos zeigt die Verleihung der „Freiheits-Medaille“ der Scientology-Sekte an ihr weltbekanntes Mitglied Tom Cruise und dessen Rede. Genauso beklemmend ist auch der zweite Teil – ein neunminütiges, kritikloses Bekenntnis des Superstars für eine vom deutschen Verfassungsschutz seit zehn Jahren überwachte Sekte. Unterlegt ist Cruises Glaubensbekenntnis, das für die Ordensverleihung aufgenommen wurde, mit Musik aus seinem Filmhit „Mission: impossible“. Mehr als eine Million Mal wurde das Cruise-Video bisher angeklickt und auf anderen Webseiten weiterverbreitet – trotz massiver Versuche von Scientology, die Veröffentlichung mit Hinweis auf das Urheberrecht zu verhindern. Webseiten wie YouTube zogen das Band aus dem Verkehr, Gawker.com ließ sich nicht einschüchtern. In den USA sorgt es seit Tagen für Schlagzeilen. Die „Washington Post“ nennt es „Horror-Film“. Die „Buffalo News“ fragen besorgt: „Ein gefährlicher Mann oder ein fallender Star?“ Der „National Ledger“ (Arizona) stellt fest: „Immer mehr schockierendes Filmmaterial“. „Es ist ein Privileg, Scientologe zu sein“, schwärmt Cruise im zweiten Teil des Videos in einem Interview mit einem unbekannten, und nicht sichtbaren Fragesteller, „es ist etwas, was du dir verdienen musst“. Cruise sitzt in einem Raum mit schummrigem Licht, während er das Glaubensbekenntnis für die Sekte abgibt. Ein Scientologe „hat die Fähigkeit, neue Realitäten zu erzeugen und die Verhältnisse zu verbessern“, predigt Cruise. Er habe sich dieser Sache „absolut und kompromisslos verschrieben“. Scientologen seien „die Herrscher über den Geist“, sie könnten „Kriminelle rehabilitieren. Wir sind der Weg ins Glück. Wir können Frieden verbreiten und Kulturen verbinden“. Der Star, der bis Ende Oktober 2007 bei Dreharbeiten in Deutschland den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg gespielt hat, bekennt sich dazu, dass er die Welt verändern möchte: „Ich wünschte mir, die Welt sei anders. Ich könnte in die Ferien fahren.“ Aber er könne das nicht. Er habe „dieses Wissen“. „Und wenn du dieses Wissen hast, musst du etwas tun.“ Scientology, sagt er zum Ende des Interviews, „habe eine Verantwortung zu helfen“. Dann wird Cruise noch einmal ganz deutlich: „Du bist entweder mit dabei oder nicht.“ Für Professor Knopp stellt sich „die Frage, ob Cruises Stauffenberg-Film, der im Herbst in die Kinos kommen soll, nicht doch in die Scientology-Strategie passt, um über die Person ihres Hauptdarstellers Sympathien für die Sekte zu erzeugen“. Umso mehr, so der TV-Historiker, fühle er sich nun in der Verantwortung, für seinen ZDF-Zweiteiler über den Hitler-Attentäter „die volle historische Wahrheit“ darzustellen. Wie Knopp fühlt sich auch Pfarrer Thomas Gandow (61), Scientology-Experte der evangelischen Kirche, durch das Cruise-Video an Goebbels erinnert. Gandow: „Für mich ist das ein weiterer Beleg dafür, dass Tom Cruise nicht nur ein einfaches Mitglied der Sekte ist, sondern ihr Propagandaminister. Ich bleibe dabei: Tom Cruise ist der Goebbels der Scientologen. Sein Stauffenberg-Film soll genau die Wirkung für die Scientologen erzielen wie die Olympischen Spiele 1936 für die Nazis, Sympathien für eine totalitäre Bewegung wecken.“ Die Hamburger Sekten-Expertin Ursula Caberta triumphiert: „Dieses Video, das ich seit einigen Tagen kenne, ist für mich ein ganz besonders eindrucksvoller Beleg dafür, dass ich mit meiner Einschätzung richtig liege: Die Scientologen sind eine totalitäre, verfassungsfeindliche Organisation. Tom Cruise hat die Aufgabe, den Türöffner zu spielen.“ Die deutsche Sektion der Sekte war gestern für eine Stellungnahme zum Cruise-Video nicht erreichbar.

RP-Online, 20.01.2008
CDU warnt vor Scientology-Nachhilfeinstituten 
Düsseldorf (RPO). Die CDU hat alle Eltern davor gewarnt, ihre Kinder zu Nachhilfeinstituten von Scientology zu schicken. Hierbei gehe es der Oragnisation weniger um die Förderung der Kinder, sondern um Einflussnahme. Deswegen steige Scientology massiv in den Nachhilfemarkt ein. "Eltern sollten keine voreilige Entscheidung treffen, sondern sich genau über die verschiedenen Institutionen und Angebote informieren", sagte der Sektenbeauftragte der CDU-Landtagsfraktion, Marc Ratajczak, der Nachrichtenagentur ddp in Düsseldorf. Die Scientology-Organisation versuche massiv in den Nachhilfemarkt einzusteigen, um so Kinder und ihre Eltern in ihrem Sinne zu beeinflussen.
"Nachhilfeschüler bekommen keinen fächerorientierten Unterricht, sondern eine Schulung, die sich ausschließlich an der Lerntheorie des Gründers der Psycho-Sekte, L. R. Hubbard, orientiert", sagte der CDU-Landtagsabgeordnete. Dabei stelle die Lerntechnologie nicht die eigentliche Gefahr da, sondern der persönliche Kontakt und daraus die Abhängigkeit, so Ratajczak. Eindeutige Kennzeichen einer Verbindung von Nachhilfeinstituten zu Scientology sind laut Ratajczak Namen wie "Nachhilfe und Lerntechniken", "Zentrum für individuelles und effektives Lernen (ZIEL)", "Applied Scholastics" oder "Ziel Concept". Eltern, die sich nicht sicher seien, ob die Nachhilfeorganisation von Scientologen geleitet werde, könnten sich bei dem Verein Sekten-Info NRW in Essen näher informieren, sagte der CDU-Politiker. Im Dezember 2007 hatte die Innenministerkonferenz beschlossen, ein Verbot der umstrittenen Organisation zu prüfen.

die Ost-West Wochenzeitung, 18.01.2008, Jürgen Meier
Nur Tiger überleben! - Die Scientology-Sekte ist nicht nur in Westeuropa auf dem Vormarsch
Kreuzzug Die Scientology-Sekte ist nicht nur in Westeuropa auf dem Vormarsch. Anmerkungen zu dem Opium der Eliten Scientology sei eine Psycho-Ideologie, die auf "die völlige Unterdrückung des Einzelnen" ziele. Starke Worte. Zu hören waren sie im vergangenen Jahr von einer Sprecherin der Hamburger Innenbehörde, auf deren Initiative die Innenminister der Länder nun ein Verbot der Organisation prüfen lassen. Was schwierig sein dürfte. Denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat im April 2007 Scientology ausdrücklich als religiöse Gemeinschaft anerkannt. Die Organisation versuche "geistliche, humanistische oder ähnliche Werte" zu verbreiten, stellten die Richter fest. Worauf am 24. September der Nationale Gerichtshof Spaniens den Scientologen das Recht zusprach, sich in das Register der offiziell anerkannten religiösen Gemeinschaften einzutragen. Am 5. November 2007 erkannte Portugal Scientology offiziell als religiöse Organisation an und am 3. Dezember stellte die südafrikanische Steuerbehörde fest, Scientology sei eine Wohltätigkeitsorganisation. "In einem solchen Klima einen solchen Antrag zu stellen, ist mehr als unverständlich", stellte die Vorstandssprecherin von Scientology Deutschland, Sabine Weber, selbstsicher fest. Der "Kreuzzug Europa" zeigt Früchte. Scientology ist auf dem Vormarsch. 2007 entstanden weltweit mehr als 1.500 Zentren, Missionen und Scientology-Kirchen. In diesem Jahr wurden neue Gruppen in Afghanistan, Nigeria und Bahrain gegründet, so dass Scientology in 163 Nationen mit insgesamt mehr als zehn Millionen Mitgliedern vertreten ist. Dabei sind die "Abspaltungen" von ehemaligen Scientology-Gurus noch nicht mitgerechnet, die ihrem geistigen Vater Hubbard treu ergeben sind. Portugal breitete die Arme für die Hubbard-Manager besonders weit auf. Hier werden nicht nur wie in allen Ländern, in denen Scientology als Kirche anerkannt ist, die hohen Einnahmen aus Zeitungen, Verlagen und Kursen, nicht versteuert. Portugal erkennt sogar deren "Geistliche" an und stellt deren Eheschließungen mit der Zivilehe gleich. Diese "Geistlichen" bekommen auch das Recht zur Krankenhausseelsorge, und deren Vorschläge für Scientology-Feiertage finden staatlicherseits Beachtung. Man stelle sich vor, alle Portugiesen würden am 13. März Ron Hubbards Geburtstag als staatlichen Feiertag begehen, um sich kollektiv an den "Hubbard-Elektrometer", einem "religiösen Hilfsmittel, das während der kirchlichen Beichte benutzt wird" (Hubbard), anzuschließen, um, wie Hubbard schreibt, "Entheta in Theta umzuwandeln. Mit anderen Worten, die Aufspeicherungen von Enturbulierung aus dem Leben einer Person entfernen oder dafür sorgen, dass sie nicht mehr restimuliert sind. Ein Auditor versucht nicht, irgendetwas zu heilen. Er hebt einfach die Tonstufe an." Mit anderen Worten, ganz im Scientology-Slang, ausgedrückt: Die Festplatte des "Beichtenden" muss gelöscht und neu programmiert werden. Das wäre ein Feiertag des Irrationalismus! Die Vernunft und der Verstand des Menschen sollen zerstört werden. Dies entspricht dem Niveau der heutigen kapitalistischen Gesellschaften. Das lässt sich nicht verbieten. Scientology, so würde Erich Fromm sagen, passt in die Welt des "Marketing-Charakters" und der "unproduktiven Ich-Orientierung". Scientology ist die Glorifizierung eines amerikanisierten Egotrips: Das Leben ist ein "Spiel"! Jeder spielt für sich! Jeder kann Sieger werden! Keiner muss sterben! Jeder kann ewig leben! Kriege sind nur Teile dieses Spiels! Natürlich muss Hubbards "religiöse Philosophie", wie er seine Lehre nennt, durch Kurse im Hirn des "Clears" implantiert werden, um Krieg und Tod siegreich zu überleben. Mit "positiver Religion" (Hegel) hat diese sich selbst "moderner Buddhismus" nennende Scharlatanerie nichts gemeinsam, was der Name bereits zum Ausdruck bringt. Er setzt sich aus Scientia, lateinisch Wissenschaft, und Logos, griechisch Vernunft, zusammen. Scientology ist weder wissenschaftlich noch von Vernunft geprägt. Der Name Scientology erhebt keinen kirchlichen Anspruch. Ob Muslim, Christ oder Jude - für alle existiert ein Gott, an den geglaubt und dessen Offenbarung gelebt wird. Bei Scientology gibt es keinen Gott, vor dem alle Menschen gleich sind. Hubbards "Tonskala" ist nicht, wie die "Zehn Gebote", eine göttliche Offenbarung. Sie teilt in wertes und unwertes Leben ein. Eine Frau, die es wagt, ihr Kind abzutreiben, rutscht auf dieser Skala auf die Stufe 1.1. Der stramme Scientologe steht auf 4.4. "Leichte Geburten können nur bei Frauen erwartet werden, die relativ hoch auf der Tonskala sind", schreibt Hubbard. Wie die Praxis dieser Ideologie aussieht, soll ein Beispiel zeigen. Der Bürgermeister der Stadt Perm am westlichen Ural, Wladimir Fil, stellte Scientology im März ein mehrstöckiges Gebäude für die Einrichtung eines Hubbard-Colleges of Administration zur Verfügung. Dort werden Direktoren und Manager von 28 staatlichen oder halbstaatlichen Firmen mit Zehntausenden von Mitarbeitern auf die Scientology-Ideologie eingeschworen. Der Staatsbetrieb "Perm-Motoren", 3.000 Mitarbeiter, steht unter der Führung von Scientologen, die regelmäßig mit der Zentrale in Los Angeles in Verbindung treten müssen. Hier wie in der "Perm-Maschinenfabrik" wurden Hubbard-Colleges eröffnet, in denen die Mitarbeiter geschult werden, um im kapitalistischen Konkurrenzkampf siegen zu können. "Nur die Tiger überleben", sagt Scientology und verlangt unter anderem für Schulungen der Mitarbeiter eine Art Steuer, die deren Wirtschaftszweig World Institute of Scientology Enterprises (WISE) in Los An! geles eins treicht. Alexander Guriev, der Chef der Permer Provinzverwaltung, ist scientologisch geschult. Ebenso der Verwaltungsdirektor des größten städtischen Industriegebietes sowie der Chef des örtlichen Fernsehsenders T-7 Grigorij Volchek. Perm könnte bald die erste Millionenstadt sein, die scientologisch gemanagt und manipuliert wird. Scientology durchtränkt Russland mit einer Ideologie, die zur Freude amerikanischen Kapitals gedeiht und die die russische Bevölkerung in einzelne "Spieler" zerlegt, die keine gemeinsame Vorstellung mehr von Staat, Nation, Klasse und Gesellschaft entwickeln sollen. Übrigens in Moskau wurde Ron Hubbard nicht nur zum Ehrendoktor gekürt, ein Krankenhaus mit 400 Betten will nach seiner "Narconon-Methode" reichen, alkoholkranken Russen "Entheta" mit mehrstündigen Saunagängen, überdosierten Vitaminzugaben und viel "Hubbard-Messungen" austreiben. Gott kommt hier nicht vor. Aber Geld. Viel Geld. Zur Erfüllung dieses Zwecks orientieren sich immer mehr deutsche Personalberatungsfirmen an den Prinzipien des Dr. Steven Reiss, der den Scientology-Neopositivismus mit der Aktiengesellschaft EAMS (European Academy for Motivation System), Sitz in der Schweiz, von Ohio nach Europa tragen will. "Macht (Einfluss, Leistung, Führung, Kontrolle)" lautet das erste von 16 "Reiss-Lebensmotiven", die Menschen genauso in ein Raster schieben, wie dies in "Hubbards Tabelle der Einstufung des Menschen" geschieht. Der Professor aus Ohio hat lediglich Ron Hubbard für Europa geglättet und von viel amerikanischem Kitsch befreit. Der Zweck dieser Philosophie, ob da nun Reiss oder Hubbard die Verpackung ziert, ist der gleiche. Sie soll Geld durch Manipulation "einspielen". Nur ein "hoher Grad an Selbsterkennung bezüglich berufsrelevanter und persönlicher Werte, Ziele und Motive" könne das "eigene Führungsverhalten optimieren". "Wie treffe ich richtige Personalentscheidungen unter Beachtung der Motivation?" "Wie setze ich Teams optimal zusammen?" fragt die Berliner Personalberatung Mannroth, die ihre täglichen Manipulationsaktivitäten auf Dr. Reiss stützt und genau das umsetzt, was auch Hubbards Ziel war. Skrupellose Manager sollen ihren "Job" als "Spiel" begreifen, bei dem jene über die Klinge springen, die keinerlei "Macht"-Motiv in sich verspüren, sondern die sogar noch froh sind, wenn sie mit einem "Ein-Euro-Job" ihr klägliches Leben aufbessern dürfen, ganz zu schweigen von! jenen Men schen, die aus Not die Flucht von Afrika über das Mittelmeer auf sich nehmen, um überleben zu können. Ob Reiss oder Hubbard, jeder aktualisiert den Neopositivismus auf seine Weise und will den Blick auf die Totalität des Lebens verhindern. Eine an sich seiende Wirklichkeit gibt es hier nicht. Der Mensch wird weder als Gattungswesen noch als Individuum verstanden. Alles wird durch den "Thetan" beherrscht. Die Natur als vom Menschen unabhängige Seinskategorie, mit der der Mensch arbeitend in Beziehung tritt, wird negiert; denn alles Denken und Tun ist auf Manipulation anderer und des eigenen Selbst abgestellt. Wie wird mein Staat, mein Betrieb, mein Produkt, mein "Team", wie werde ich im "Spiel" der Konkurrenz zum Sieger? Das ist die Zentralfrage des Scientology-Positivismus. Deshalb gewinnt er in allen kapitalistischen Ländern an Einfluss. Die Wissenschaft soll dem Zweck der universellen Manipulation dienen. Sie soll nicht dazu beitragen, dass sich die Erkenntnis über die Wirklichkeit tatsächlich vertieft. So beginnt jedes Scientology-Seminar damit, die Wirklichkeit als ! objektive Kategorie zu negieren; denn, so lernen alle Neopositivisten, also nicht nur die Scientologen: Die Wirklichkeit ist immer subjektiv. Daher kommt es nur auf die eigene Sichtweise an, nicht auf die Prozesse von Dingen und Beziehungen von Menschen, die sich hinter den Erscheinungen des eigenen Sichtvermögens verbergen. Durch bombastisch klingende Termini will Scientology allerdings Wissenschaftlichkeit vermitteln. "Wie es aber eine leere Breite gibt, so auch eine leere Tiefe", würde Hegel vermutlich diese Geistesblasen kommentieren, dessen dialektische Methode die Neopositivisten gar nicht mögen. Ausbeutung, Unterdrückung, Krieg sind nur "Spiele" für den Scientologen, also nichts, was zur gesellschaftlichen Totalität gehört. Spiele sind aber bekanntlich immer Begegnungen von einzelnen Menschen, nicht von Völkern oder Klassen. Im echten Spiel ist die gesellschaftliche Wirklichkeit der Menschen ausgeklammert. Im Spiel kommen nur Spaß und Freude auf, wenn der Ehrgeiz die Spieler dazu treibt, die eigene Technik und Methode zu verbessern, um Sieger zu werden. Was im Spiel Spaß bringen kann, ist im Leben allerdings oft unmenschlich und tödlich. Die Wirklichkeit ist nämlich kein Spiel. Sie ist eine Totalität von Totalitäten natürlicher und menschlich-gesellschaftlicher Prozesse. Hie! r geht es um Leben und Tod, um Klima, um Hunger, Angst, Furcht, Lust, Liebe und Vernunft. Um in dieser Totalität menschlich denken und handeln zu können, braucht es keinen Neopositivismus, gleichgültig in welchem Gewand er daher kommt, sondern einen wissenschaftlich ungetrübten Blick auf diese Gegebenheiten. Dialektisches Denken ist gefragt und ein Blick, der begreift, dass wir in dieser Totalität des gesellschaftlichen Seins intensiv von den ökonomischen Kategorien geprägt werden und nicht von einem "Thetan" oder einer "Energie" oder von sonstigen Weltgeistern oder Außerirdischen.

Tagesspiegel, 13.01.2008, Claudia Keller
Politiker stehen unter Beobachtung (Scientology ) 
Seit einem Jahr gibt es die Hauptstadtzentrale der Organisation. Ihr Ruf hat sich seitdem nicht verbessert - obwohl sie seither massiv für ihre Ziele wirbt – auch bei Politikern.
Tom Cruise ist „bitter enttäuscht“. Er hat allen Charme aufgebracht, genutzt hat es nichts – der Stand von Scientology ist immer noch schlecht in Deutschland. So schrieb es das amerikanische Internet-Magazin „Monsters and Critics“. Cruise, bekennendes Mitglied der Organisation, hatte einer Reporterin anvertraut, dass er während des „Valkyrie“- Filmdrehs alles getan habe, um den Leuten normal vorzukommen und ihre Meinung über Scientology zu ändern. Aber selbst sein „Megawatt-Lächeln“ habe nichts bewirkt, schreibt das Magazin. Ums Ansehen ging es auch, als Scientology vor einem Jahr die 4000 Quadratmeter große Hauptstadtzentrale an der Otto-Suhr-Allee eröffnete. Aber nicht nur das, wie Verfassungsschützer und Kritiker der Organisation befürchteten: Das Ziel sei auch gewesen, Kontakte zur Politik zu knüpfen. „In der Hauptstadt sind alle wichtigen Organisationen vertreten. Da wollen wir nicht fehlen“, sagte ein Scientology-Sprecher damals. In einem internen Strategiepapier stand: „Um unsere planetarischen Rettungskampagnen in Anwendung zu bringen, müssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen.“ In einer internen Stellenausschreibung hatte es außerdem geheißen, die Berliner Mitarbeiter sollten „die nötigen Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament bauen, um unsere Lösungen tatsächlich eingearbeitet zu bekommen in die gesamte deutsche Gesellschaft“. „Die Einflussnahme läuft immer über persönliche Kontakte“, sagt Ursula Caberta, die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology in der Hamburger Innenverwaltung. Wie es scheint, hat sich Scientology dafür zunächst das Berliner Abgeordnetenhaus vorgenommen. Viele Abgeordnete bekommen Werbebroschüren geschickt und Dokumente, die beweisen sollen, dass Scientology in anderen Ländern als Religion anerkannt wird. Politiker von SPD, CDU und FDP berichten von einer „sehr intensiven Lobbyarbeit“ der Organisation. Regelmäßig vor Sitzungen des Innenausschusses werde er von der Scientology-Sprecherin angerufen, sagt zum Beispiel Björn Jotzo, der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion. Sie wolle wissen, ob der Verfassungsschutz tatsächlich die Beobachtung aufgenommen habe, oder sie rate ihm, wie er sich in der Ausschusssitzung verhalten und etwa das von der CDU geplante „Kompetenzzentrum Scientology“ ablehnen solle. Er gehe grundsätzlich auf den „großen Gesprächsbedarf“ der Scientologen ein, wie bei anderen Bürgern auch. Die Gespräche seien eine Gelegenheit, die eigene, scientologykritische Meinung zu äußern. Und gegen Pläne für ein Kompetenzzentrum sei er sowieso und nicht, weil ihm Scientology dies souffliert habe, sagt Jotzo. Die Scientology-Sprecher Sabine Weber und Reinhard Egy würden auch zu den Sitzungen des Innenausschusses kommen und eifrig mitschreiben. Auch bei zahlreichen anderen Veranstaltungen des Abgeordnetenhauses wurden sie gesehen. Frank Henkel, innenpolitischer Sprecher der CDU, und die Vorsitzende des Bildungsausschusses, Christa Müller (SPD), erzählen, dass Scientology-Mitarbeiter in ihre Bürgersprechstunden kommen. Sie seien sehr zuvorkommend und höflich, die Gespräche verliefen aber „völlig belanglos“, sagt Müller. Nur einmal sei sie „irritiert“ gewesen: als Reinhard Egy ihr seine „Bewunderung“ dafür ausgedrückt habe, wie souverän sie eine Sitzung des Bildungsausschusses geleitet habe, in der es um ein Verbot von Scientology ging. Sie habe signalisiert, dass sie keinen weiteren Gesprächsbedarf sehe. CDU-Mann Frank Henkel wurde von seinem Scientology-Gast in der Bürgersprechstunde auf der sachlichen Ebene angesprochen. Man habe eine gemeinsame Basis beim Kampf gegen Drogen, habe der Mann betont, da könne man doch zusammenarbeiten. Henkel sagt, sie als Abgeordnete seien zwar nicht anfällig, Fans von Ron Hubbard zu werden. Sie könnten aber als Politiker Scientology hoffähig machen. Das sei gefährlich, er sei sich dessen bewusst. Als besonders dreist empfanden die Mitarbeiter der Senatskanzlei jene Werbebroschüre, die ihnen im November von Scientology zugeschickt wurde. Auf der Rückseite war der Name des Regierenden Bürgermeisters, Klaus Wowereit, aufgedruckt. Auf den ersten Blick habe das gewirkt, als hätte Wowereit selbst die Broschüre verschickt. „Wir haben sofort eine Aufforderung zur Unterlassung zurückgeschickt“, sagt Senatssprecher Günter Kolodziej. Auch weil man Angst hatte, dass es rechtlich als Zustimmung gewertet werden könne, wenn man nicht reagiere. Auch die Spandauer Jugendstadträtin hat solche Broschüren mit ihrem eigenen Namen auf der Rückseite erhalten. Manchen Abgeordneten werden Werbebroschüren auch nach Hause geschickt, „wohl um zu demonstrieren, dass die Organisation weiß, wo man wohnt“, sagt Thomas Kleineidam, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Um sich über die Aktionen von Scientology besser auszutauschen, gibt es nun auf ein Gesprächsforum: Alle paar Monate treffen sich Vertreter der Innen- und der Bildungsverwaltung des Senats mit Mitarbeitern des Verfassungsschutzes, der Bezirke und der Kirchen. Bei den Bundestagsfraktionen hat es Scientology bislang offenbar dabei belassen, Hubbards Hauptwerk „Dianetik“ und andere Werbebroschüren an Abgeordnete zu schicken. Die Sektenbeauftragte der CDU-Bundestagsfraktion erhält viel Post von Eltern, die um mehr Schutz für ihre Kinder bitten, denen Ärzte angeblich das Beruhigungsmittel Ritalin verabreicht hätten. „In der Regel stellt sich heraus, dass Scientology-Mitarbeiter die Briefe verfasst haben“, sagt Antje Blumenthal. Die Ablehnung von Ritalin ist Teil des Kampfes von Scientology gegen die Psychiatrie, der die Organisation unter anderem vorwirft, aus gesunden Menschen Drogenabhängige zu machen. Politiker, die mit der Psycho-Organisation bisher zu tun hatten, weisen weit von sich, dass die Zusendungen, Gespräche und Begegnungen etwas an ihrer kritische Haltung gegenüber Scientology verändert hätten. „Den Einfluss werden wir erst sehen, wenn wieder ein Gesetz auf den Weg gebracht wird, das in seiner Wirkung Scientology betrifft“, sagt Ursula Caberta. Hubbards Buch „Dianetik“ endet mit dem Gruß der Jäger „Waidmanns Heil“. „Die sind auf der Jagd“, sagt der Sektenexperte der Berliner SPD Jörn Thießen. „Passen wir auf.“

SWR, 12.01.2008
Scientology in Baden-Württemberg stärker aktiv
Die von Sicherheitsbehörden als verfassungsfeindlich eingestufte Scientology-Organisation hat ihre Aktivitäten in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr verstärkt. An der Gründung einer Repräsentanz in Stuttgart werde gearbeitet, hieß es. Für die Gründung einer solchen Repräsentanz hätten die Organisatoren den 8. August 2008 im Blick. Aber auch in anderen wirtschaftlich starken Großstädten sollen diese "Idealen Orgs" etabliert werden, sagte ein Sprecher des Landesamtes für Verfassungsschutz. Mitgliederzahl steigt langsam Scientology konzentriere sich bundesweit in Wirtschaftsregionen, "dort, wo etwas zu holen ist", sagte der Sprecher weiter. Dazu zählten neben Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, das Rhein-Main-Gebiet, Hamburg, Berlin und Bayern. Die Zahl der Mitglieder der Scientology-Organisation in Baden-Württemberg sei 2007 annähernd gleich geblieben - es gebe nur eine leicht steigende Tendenz. Im Jahr 2006 zählte die Gruppe rund 1.000 Mitglieder. Rech warnt vor Verbot der Organisation Innenminister Heribert Rech (CDU) hatte zuletzt vor einem Verbot der totalitären Gruppe gewarnt. "Eine Ideologie kann man durch Gesetze nicht verbieten. Mit Parteiverboten sowieso nicht", sagte er. Um gegen Scientology vorgehen zu können, hatte die Innenministerkonferenz (IMK) dem Verfassungsschutz einen Prüfauftrag erteilt. Unter Federführung des Bundes sollen Informationen gesammelt werden, "die für ein mögliches vereinsrechtliches Ermittlungsverfahren mit dem Ziel eines Verbotes erforderlich sind". Scientology hingegen bestreitet, verfassungsfeindliche Ziele zu verfolgen.




2007

Epochtimes, 24.12.2007
Rech warnt vor Einfluss von Scientology 
Innenminister fordert hartnäckige Bekämpfung – CDU-Politiker sieht auch Medien in der Pflicht
Stuttgart – Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech befürchtet einen verstärkten Einfluss von Scientology in Deutschland. Die Organisation versuche, Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft von ihrer Ideologie zu überzeugen, um Einfluss und Macht in Staat und Gesellschaft zu gewinnen, warnte der CDU-Politiker in einem Interview der Nachrichtenagentur AP. Bekämpft werden müsse sie vor allem durch Aufklärung und Information. In der Verantwortung sieht Rech dabei neben Landesamt für Verfassungsschutz, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen auch die Medien, die über die wahren Ziele von Scientology informieren müssten. „Die Gefährlichkeit resultiert aus ihrem harmlosen Auftreten“, sagte Rech. Scientology stelle sich als staatstreue und dem Gemeinwohl verpflichtete Erlösungsreligion mit karitativem Anstrich dar. „In Wahrheit ist die Organisation verfassungsfeindlich, totalitär und streng hierarchisch von der Zentrale in den USA geführt.“ Ihr weltweit angestrebtes Gesellschaftsmodell sei demokratiefeindlich und menschenrechtsverletzend. „Scientology muss dort vom Verfassungsschutz beobachtet werden, wo sie Aktivitäten entfaltet“, forderte Rech. Jedes Land müsse das für sich entscheiden. In Baden-Württemberg werde die Organisation seit 1997 beobachtet. Bundesweit hat Scientology laut Rech rund 6.000 Mitglieder. Schwerpunkte seien nach wie vor Bayern, Hamburg und Baden-Württemberg. Nach Rückschlägen in den 90er Jahren habe sich die Organisation durchaus konsolidieren können und ihre Werbung intensiviert. Das gehe sogar soweit, dass versucht werde, flächendeckend die Bücher des Gründers L. Ronald Hubbard an Bibliotheken zu versenden. Besonders gefährlich sei, dass die Organisation immer häufiger Hilfsorganisationen benutze, bei denen zunächst nicht zu erkennen sei, dass Scientology dahinter stecke, sagte der CDU-Politiker: „Durch vorgeschobene Kampagnen für Bildung oder Menschenrechte blendet sie die Öffentlichkeit über ihre wirklichen totalitären Ziele.“ In ihren internen Verlautbarungen schlage die Organisation in letzter Zeit einen deutlich aggressiveren Ton gegen Institutionen der Bundesrepublik und der EU an. Ein wichtiges Ziel für sie sei dabei die Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Deshalb sei es Scientology so wichtig, nicht mehr vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden. „In Baden-Württemberg wird das nicht gelingen“, sagte Rech. (AP)

www.shortnews.de 21.12.2007
Scientology manipulierte Umfrage 
Bei "Welt-online" gab es, auf Grund des Treffens der 17 Innenminister in Berlin, einen Artikel und eine Umfrage auf der Nachrichtenseite. Bei dem Treffen kamen die Innenminister zu dem Ergebnis, dass Scientology eine mit der Verfassung nicht vereinbare Organisation sei. Außerdem wollte man ein Verbot der Sekte überprüfen. Bei der Umfrage ging es darum, ob man Scientology verbieten solle. Die Abstimmung verlief ungewöhnlich gut, etwa 4.000 Leute stimmten ab. Das Ergebnis war noch ungewöhnlicher, 73 Prozent waren gegen das Verbot. Thomas Gandow ist Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche, er lieferte die Erklärung: In den USA wurden per E-Mail Scientology-Mitglieder aufgerufen, bei der Umfrage gegen ein Verbot zu stimmen. Diese E-Mail wurde Gandow zugespielt.

Die Presse, 17.12.2007
„Gehirn an der Garderobe abgegeben“ 
Bei Scientology geht es weniger um spirituelle Erfüllung, sondern nur um Macht und Geld, sagt ein Aussteiger.
WIEN. „Mein Gehirn hatte ich an der Garderobe abgegeben und dann den Zettel verloren.“ Gefunden hat Wilfried Handl seinen Garderobenzettel erst 28 Jahre später, als er aus dem umstrittenen Verein Scientology ausstieg und sein Leben selbst in die Hand nahm. Der Wiener, der sogar Chef des österreichischen Scientology-Ablegers war, gibt heute zu, „Täter“ gewesen zu sein. Er habe Menschen manipuliert und unter Druck gesetzt, um der Organisation zu dienen. Vom amerikanischen Science-Fiction Autor L. Ron Hubbard 1954 gegründet, verspricht Scientology seinen Mitgliedern spirituelle Erlösung. Diese findet man, wenn man die „Brücke zur Freiheit“ emporklettert. Um den höchsten Bewusstseinszustand zu erreichen, ist es nötig, eine Reihe kostspieliger Kurse zu absolvieren, von Scientology „Auditing“ genannt. Persönlichkeitstests, bei denen laut Insider-Berichten alles andere als zimperlich mit den Teilnehmern umgegangen wird, tragen zur spirituellen Reinigung bei. Äußerst straff und streng hierarchisch ist dieses Kurssystem aufgebaut, um das Handeln und Denken im Sinne Hubbards durchzusetzen. „Gehirnwäsche“ nennt Aussteiger Handl die Therapie-Kurse. Religiöse Erfüllung spiele da kaum eine Rolle. „Da geht es um Macht und um Geld“, sagt Handl. Er selbst hat rund 140.000 Euro bei Scientology gelassen. Als Verein registriert Weltweit unterhält Scientology ein weit verzweigtes Netz an Unterorganisationen, die nicht unbedingt als solche erkannt werden wollen. Unternehmensberater oder Werbeagenturen agieren im Sinne Ron Hubbards. Der Gründer selbst benennt auch Geld und Machtausübung als wichtige Säule der Lehre. So gibt es etwa militärisch strukturierte Unterorganisationen, die auch in Uniformen auftreten und die sich darum kümmern, dass die jeweiligen Landesorganisationen ihr Plansoll erfüllen. Ist Scientology nun eine Religion oder bloß eine machtgierige Sekte? Diese Frage beschäftigt derzeit einige europäische Länder. In Deutschland wird immer wieder diskutiert, ob Scientology aufgrund von Verstößen gegen die Verfassung verboten werden sollte. Andernorts herrscht Gleichgültigkeit – wie etwa in Österreich. Anders als in Deutschland wird Scientology nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Scientology steht weder beim Innen- noch beim Familienministerium unter Beobachtung. Legal gesehen handelt es sich um einen Verein mit religiösem Zweck. Eine Anerkennung als Bekenntnisgemeinschaft oder Religion hat man hierzulande (noch) nicht angestrebt. Angelika Thonauer von Scientology Österreich sieht alle Voraussetzungen zur Anerkennung als Religionsgemeinschaft erfüllt: „Wir haben gemeinnützige Programme, wirken breit in die Gesellschaft hinein und arbeiten für die religiöse Erfüllung.“ Dass Aussteiger negativ berichten, sei wohl klar. „Demgegenüber stehen Millionen zufriedener Kunden“, behauptet Thonauer. Immer wieder beziehen sich Scientology-Sprecher auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg. Dort befand man 2007, ein Verbot der Scientology-Kirche verstoße gegen die Menschenrechte. Doch auch in Belgien könnten sich bald die Gerichte mit Scientology befassen – wenn auch auf andere Art und Weise. Der Staatsanwalt will die Organisation wegen Betrug und Erpressung anklagen. Krank von der Lehre abgewendet Geht es nach Handl, dann macht die Scientology-Kirche mit ihren Science-Fiction-Fantasien (siehe Kasten) finanziell und psychisch abhängig. Denkstrukturen und Muster, die er bei Scientology so lange eingeübt hat, die wird er so schnell nicht los. Obwohl er im Jahr 2002 aufgrund einer Krebserkrankung Scientology den Rücken kehrte und seither als „unerwünschte Person“ gilt, ertappt er sich manchmal noch immer dabei, dass er Scientology-Muster verwendet. „Heute bin ich zu fast 90 Prozent Mensch. Der Rest ist noch immer Scientologe.“

muensterschezeitung.de, 10.12.2007
Adventsmarkt: Scientology-Anhänger sammelt Adressen
MÜNSTER An den bunten Puppen am Stand Nummer 38 des Aegidii-Adventsmarkts schaut man nur schwer vorbei. Da sitzen die "Kumquats" und lachen. Die kleinen Stoffpuppen sind wirklich süß, aber wo sie auftauchen, kann es schon mal Ärger geben. Sie werden von der Firma Bodrik hergestellt, deren Inhaber Ludwig Bodrik Scientology-Mitglied ist. Er hat Stand 38 angemeldet.
Britte Hahn kennt die Firma und auch die "Kumquats". Die Leiterin der Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen des Bistums Münster muss nur einen Blick in ihr Archiv werfen, dann findet sie gleich eine ganze Reihe von Einträgen, zum Beispiel einen aus dem Jahr 2001. Damals hatte der Betreiber des Christkindlmarkts in Nürnberg dem Budenbetreiber Thomas Görtler verboten, von seinen Kunden die Adresse zu verlangen. Weil Scientology über die Puppen versuche, an Kontaktdaten zu kommen, hieß es in den Nürnberger Nachrichten. Wenn man die Verkäuferin zwischen den bunten Puppen auf dem Weihnachtsmarkt in Münster nach Verbindungen zu Scientology fragt, sagt sie, man habe ihr versichert, die gebe es nicht. Man müsse ihren Chef fragen: Thomas Görtler. Der sammelt auch in Münster eifrig Adressen, streitet jedoch ab, diese weiterzugeben. "Keine der Adressen verlässt unser Haus", sagt er. Warum er sie sammle? Jedes Unternehmen mache das. Wer unterschreibe, bekomme Werbung. Mehr nicht. Man zwinge niemanden zur Unterschrift. Die Firma von Ludwig Bodrik hat eine Verquickung der Interessen von Unternehmen und Scientology ebenfalls mehrfach zurückgewiesen. Es gehe um den Verkauf von Spielzeug. Propaganda Brigitte Hahn zweifelt das an. Die Mitglieder der Organisation seien angewiesen, ihre gesellschaftlichen Kontakte zu nutzen. Wenn der Budenbetreiber Scientology-Mitglied sei, müsse man davon ausgehen, dass die Sekte auch mit den Erlösen unterstützt werde. Dass Thomas Görtler Scientology-Mitglied ist, streitet er nicht ab. Aber das sei Privatsache und habe mit dem Geschäft nichts zu tun. Brigitte Hahn sagt: "Sicher ist, dass Kumquat-Käufer vor Jahren Propaganda von der KVPM bekamen." Die KVPM ist die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte, gegründet von Scientology. Der Verfassungsschutz überwacht Scientology seit langem. "Es läuft gerade ein Verbotsverfahren", sagt Brigitte Hahn. Die Organisation wolle die Vefassung unterwandern. "Ich weiß gar nicht, warum die noch einen Marktstand bekommen", sagt sie. Weihnachtsmarkt-Betreiberin Heidi Hungeling interessiert das Thema nicht so sehr. Der Mann stehe dort schon seit Jahren. Man möge ihn doch bitte in Ruhe lassen.

Pressestelle des Senats 07.12.2007/bfi07
Innenminister der Länder unterstützen Hamburg im Kampf gegen die Scientology Organisation Innenministerkonferenz in Berlin
Innensenator Udo Nagel informierte während der Innenministerkonferenz in Berlin sei-ne Länderkollegen über rechtliche Wege für ein mögliches Verbot der Scientology Or-ganisation (SO). Die Innenminister sind der Auffassung, dass die SO unverändert verfassungsfeindliche Ziele verfolgt. Weiterhin unterstreichen die Mitglieder der Innenministerkonferenz in ih-rer Beschlussfassung die Gefährlichkeit der auf Abhängigkeit gerichteten Aktivitäten der Organisation. Hier seien verstärkte Bemühungen um Prävention gegen kriminelle Methoden erforderlich. Auf Antrag Hamburgs haben sich die Mitglieder der Innenministerkonferenz einstimmig dafür ausgesprochen, dass die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Län-der unter der Federführung des Bundes Informationen sammeln und bewerten, die für die Einleitung eines Verbotsverfahrens erforderlich sind. Innensenator Udo Nagel: „Ich bin sehr zufrieden mit diesem Ergebnis. Die Innenmi-nister aller Bundesländer sind sich einig, dass es sich bei der SO um eine verfassungs-feindliche und kriminelle Organisation handelt. Gemeinsam werden wir daran arbeiten, die Voraussetzungen für ein vereinsrechtliches Ermittlungsverfahren durch den Bun-desinnenminister zu schaffen.“ Zum Hintergrund: Bereits seit 1992 gibt es in Hamburger Innenbehörde die Arbeitsgruppe Scientology unter der Leitung von Ursula Caberta. Damit war Hamburg das erste Bundesland, das sich mit dem gefährlichen Wirken dieser Organisation beschäftigte und Aussteigern Hil-fe bietet. Darüber hinaus wird die Scientology Organisation (SO) von den Verfassungs-schutzbehörden beobachtet. 1 Gegen die Beobachtung durch den Verfassungsschutz legte die SO Beschwerde beim Verwaltungsgericht Köln ein, die 2004 abschlägig beschieden wurde. Das Verwal-tungsgericht stellte in seinem Urteil fest, dass die SO verfassungsgefährdende Ziele verfolgt und damit die Beobachtung rechtmäßig ist. Gegen dieses Urteil läuft eine Be-rufung, die zurzeit noch anhängig ist. Ein Verbot der SO auf der Basis des Vereinsgesetzes ist aus Sicht der Hamburger In-nenbehörde deshalb möglich, weil ein Verein, dessen Zweck es ist, die gesellschaftli-che Ordnung zu unterwandern und zu beseitigen - also verfassungsfeindliche Ziele verfolgt - verboten werden kann. Für die SO gilt außerdem, dass es sich um einen aus-ländischen Verein handelt, denn die SO hat ihren Hauptsitz in den USA. Solche Verei-ne können verboten werden, wenn sie die politische Willensbildung in Deutschland be-einträchtigen oder gefährden. Innensenator Udo Nagel: „Mit meinem Engagement gegen diese Organisation möch-te ich den Menschen ein Signal geben: Die Scientology Organisation ist eine für unsere Gesellschaft gefährliche Organisation, mit der man sich nicht einlassen sollte.

Der Stern, 07.12.2007
Innenminister 
Scientology ist verfassungsfeindlich
Wird die umstrittene Sekte Scientology jetzt doch verboten? Die Innenminister von Bund und Ländern haben beschlossen, ein entsprechendes Verfahren einzuleiten. Gegenüber stern.de erläutert die Hamburger Scientology-Beauftragte, warum sie ein Verbot der selbsternannten Kirche für sinnvoll hält. Die Hansestadt Hamburg hat ein besonderes Verhältnis zu Scientology. Jahrelang hatte die selbsternannte Kirche ihre Deutschlandzentrale in bester Innenstadtlage zwischen dem Verlagsgebäude der altehrwürdigen "Zeit" und dem Rathaus. Mittlerweile sind die Scientologen nach Berlin gezogen, aber in der Hansestadt gibt es dennoch zwei offizielle Niederlassungen. Vielleicht auch wegen dieser ständigen Präsenz unternimmt Hamburgs Innensenator Udo Nagel nun den Versuch, die Sekte verbieten zu lassen. "Extreme politische Gruppierung" "Nach allen Erkenntnissen ist Scientology eine politisch extreme Gruppierung, von der eine Gefahr für die Gesellschaft ausgeht", sagte Ursula Caberta, die Hamburger Scientology-Beauftragte, zu stern.de. Zwar haben die Länder jahrelang versucht, mit Aufklärungskampagnen gegen die Mitgliederwerbung der Sekte vorzugehen, doch die hätten laut Caberta nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Deswegen nun der Verbotsvorstoß des Innensenators. Und seine Kollegen ziehen mit: Auf der Innenministerkonferenz in Berlin haben sich die Minister darauf verständigt, dass das Bundesinnenministerium ein Verbot der Organisation prüfen solle. Alle 17 Teilnehmer der Innenministerkonferenz seien sich einig gewesen, "dass wir Scientology für eine nicht mit der Verfassung vereinbare Organisation halten", sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Berliner Innensenator Ehrhart Körting. Scheitern könnte "fatalen Signalcharakter" haben Trotz ihrer Verbotsbereitschaft haben einige Bundesländer allerdings Zweifel, ob das der richtige Weg ist, sich mit der Sekte auseinanderzusetzen. So sagte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU), ein Scheitern des Staats vor Gericht könne einen "fatalen Signalcharakter" haben. Bei einem Verbot würde Scientology wahrscheinlich noch mehr als bisher im Verborgenen aktiv sein. Scientology selbst bezeichnet sich als Kirche, ein Status, der der Sekte in Deutschland aber nicht zuerkannt wird. Deshalb firmiert die Organisation offiziell als eingetragener Verein. Die Innenminister versuchen, ihn über ein Vereinsverbot aufzulösen. Niedersachsens CDU-Innenminister Uwe Schünemann aber ist skeptisch: "Es ist die Frage, ob es nach dem Vereinsverbot möglich ist, ihnen beizukommen", sagte ein Sprecher Schünemanns. Zudem, so Schünemann, gehen "unsere Fachleute davon aus, dass ein Vereinsverbot auf tönernen Füßen stünde". Das Vereinsgesetz ermöglicht ein Verbot ausländischer Organisationen, wenn diese etwa die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden. Bereits 1997 war ein Versuch gescheitert, Scientology über das Strafrecht zu verbieten. Die Sekte, deren bekanntester Anhänger der Schauspieler Tom Cruise ist, hat laut Verfassungsschutz in Deutschland rund 6000 Mitglieder - die Organisation selbst spricht von 30.000. Die Scientology-Lehre führt laut Bundesfamilienministerium "häufig zu psychischer und finanzieller Abhängigkeit". Scientology-Mitarbeiter nutzen im Zweiergespräch, dem so genannten Auditing eine psychologische Technik, die nach Ansicht von Sektenbeauftragten manipulierbar macht. Mit zunehmender Abhängigkeit verlangt Scientology nach Berichten von Aussteigern für Kurse immer mehr Geld. Deutschland ein "viertes Reich"? Der Sinn von Verboten solcher Organisation ist bei Experten umstritten. Ähnlich wie bei der Debatte über ein NPD-Verbot befürchten einige, die Sekte würde illegal weitermachen, sei so aber noch schwerer zu kontrollieren als ohnehin schon. Scientology reagiert auf die Verbotsüberlegungen harsch und hatte vor einiger Zeit Deutschland als "viertes Reich" bezeichnet, in Anspielung auf den Umgang mit Kirchen im Dritten Reich. Die "Süddeutsche Zeitung" kommentiert die aktuelle Diskussion mit den Worten "Die Dämonisierung der schwächelnden Truppe als Staatsfeind würde nur einer Gruppe nützen: Scientology." Ursula Caberta allerdings will beobachtet haben, dass allein schon die Verbotsdiskussion viele Mitglieder der Sekte zum Ausstieg bewegt habe. "Viele sind ohnehin auf dem Sprung." Ein Verbot, hofft die Scientology-Beauftragte, könnte vielen Betroffenen die Augen

Süddeutsche, 07.12.2007, Matthias Drobinski
Staatsfeind Scientology 
Scientology ist gefährlich. Jetzt soll das Bundesinnenministerium einen neuen Verbotsantrag gegen die Psycho-Sekte prüfen. Doch die Sache hat einen Haken. Die Dämonisierung der schwächelnden Truppe als Staatsfeind würde nur einer Gruppe nützen: Scientology.
Still geworden war es um Scientology, das Wert darauf legt, als Religionsgemeinschaft zu gelten, stiller als in einem Freibad bei Schneefall. In diesem Frühjahr aber gelang es der Organisation, einiges öffentliches Aufsehen zu erregen. Unbemerkt vom Berliner Senat richtete sie ein 4000 Quadratmeter großes Zentrum in der Hauptstadt ein; Scientology ist nun nicht mehr zu übersehen in Berlin. Und dann kam Tom Cruise, der Schauspieler und bekennende Scientologe, und wünschte, als Claus Graf Schenk von Stauffenberg dort gefilmt zu werden, wo der echte Stauffenberg am Abend des 20. Juli 1944 von Hitlers Schergen erschossen wurde. Darf ausgerechnet Cruise den politischen Märtyrer spielen? Die Frage erschütterte die Feuilletons. Die politische Quittung dafür kommt jetzt: Die Innenminister Udo Nagel (Hamburg, parteilos), Ehrhart Körting (Berlin, SPD) und Albrecht Buttolo (Sachsen, CDU) wollen Scientology das Handwerk legen. Seit 2001 erlaubt es das deutsche Recht, auch religiöse Vereine zu verbieten, wenn ihre Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderläuft, sich gegen die Verfassung richtet oder gegen die Völkerverständigung. Das Gesetz richtet sich vor allem gegen islamistische Gruppen, nun könnte es die Gläubigen des Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard treffen. Wobei die drei Minister ihr Anliegen mit gebremster Verve vortragen: Der Bund solle bitte prüfen, ob das geht. Nun gibt es gute Gründe zu sagen: Scientology ist gefährlich. Hubbards Ideologie vom Erfolg als Maß aller Dinge beruht auf der Phantasie, mit Hilfe bestimmter Techniken zum vollkommenen Menschen zu werden und die Erde zu beherrschen. Die Sitzungen am E-Meter erinnern an Gehirnwäsche, Gegner gelten als vogelfrei; Aussteiger berichten von Abzockerei und von Druck, der Menschen bis in den Suizid treibe. Und über allem leuchtet das grelle Pathos der Weltverbesserung durch Hubbards Methoden; wenn Tom Cruise, als ihm ein vergoldetes Rehkitz überreicht wird, "es lebe das heilige Deutschland" ruft - Stauffenbergs letzte Worte, dann hört man das obszöne Scientology-Wortgeklingel Nur: Genügt dies für ein Verbot? Die Bundesländer haben ja keine Ideologiekritik zu betreiben, wenn sie Vereine verbieten - dass dies bei der Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts anders ist, ist eine Ausnahme. Sonst soll der Staat nicht Gedanken verhindern, sondern verfassungsfeindliche Bestrebungen, und die sind bei Scientology nur mit einiger Interpretationskunst erkennbar. Natürlich würde die Organisation gerne die Politik infiltrieren, die Wirtschaft unterwandern, in der Kultur eine Rolle spielen; allein, es fehlt ihr die Kraft dafür. Scientology, sagen die meisten Weltanschauungsexperten, steckt in Deutschland in der Krise. Die Zahl der Anwerbungen bleibt hinter den Erwartungen zurück, die Organisation hat keine 10.000 Mitglieder mehr und, anders als in den USA, ein Schmuddelimage. Wer das neue Zentrum in Berlin besucht, merkt schnell, dass aus ganz Deutschland und Europa Scientologen in die Hauptstadt abkommandiert wurden; das neue Gebäude ist weniger eine Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung als vielmehr eine glitzernde Fassade, wie sie Generalfeldmarschall Fürst Grigori Potemkin nicht besser hätte hinstellen können. Und wenn einer glaubt, es mache ihn glücklich, wenn er, zwei Metallröhren in der Hand, sein Innenleben nach außen stülpt; und wenn er dann noch im Laufe seines Scientologenlebens dafür 50.000 Euro bezahlt - dann kann es der Staat nicht verhindern. Er kann höchstens dem armen Menschen helfen, einen Teil des Geldes zurückzubekommen, wenn er merkt, dass sich das Glück auf diese Weise doch nicht einstellt. Betrug, Nötigung, Missbrauch einer Therapiesituation sind strafbar - dies muss aber nachgewiesen werden, was häufig nicht gelingt. Das ist eine bittere Erkenntnis, denn am System Scientology sind schon viele Menschen zerbrochen. Allerdings sind auch schon Menschen bei den Zeugen Jehovas und in der neuapostolischen Kirche zerbrochen, in fundamentalistischen katholischen und evangelischen Zirkeln. Der Glaube kann gesund machen, ein Fundament vermitteln, auf dem man im Leben steht. Er kann aber auch krank machen, zerstören, ängstigen, in Abhängigkeit halten, die Persönlichkeit rauben und das Geld nebenbei auch. Nur kann kein Landes-Innenminister und kein Gericht entscheiden, welche Form des Glaubens pathologisch ist und welche nicht. Und Scientology hat bislang so geschickt in der Grauzone operiert, dass auch hier über die fürchterlichen Einzelfälle hinaus der Nachweis schwierig sein dürfte, dass die Scientology-Mitgliedschaft die Gesundheit gefährdet. Vor fünfzehn Jahren diskutierten die Innenminister schon einmal, ob Scientology zu verbieten sei; sie haben sich damals dagegen entschieden. Heute ist die Gesetzeslage günstiger, doch gleichzeitig hat die Bedrohung durch Hubbards Ideologen abgenommen - auch weil Staat, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften konsequent und erfolgreich auf Aufklärung und Beobachtung der Szene gesetzt haben. Die Dämonisierung der schwächelnden Truppe als Staatsfeind würde nur einer Gruppe nützen: Scientology.

Hamburger Abendblatt, 05.12.2007
Vier Bundesländer wollen Scientology-Verbot unterstützen 
Nach dem Verbotsvorstoß von Innensenator Udo Nagel (parteilos) gegen die Scientology-Organisation gibt es neue Vorwürfe. In Hamburg scheinen die Anhänger des Science-Fiction-Autors neue Zielgruppen erschließen zu wollen. Wie die türkischsprachige Zeitung "Hürriyet" berichtet, tritt die Organisation, von der Innensenator Udo Nagel sagt, sie zeige verfassungsfeindliche Tendenzen, in letzter Zeit vermehrt an türkische Kulturvereine heran, um dort Vortrags- oder Informationsveranstaltungen zum Thema Drogenmissbrauch abhalten zu dürfen. Auf diesen Veranstaltungen würden dann Informationsschriften von Scientology verteilt. Der Hamburger Rechtsanwalt und Ex-Bürgerschaftsabgeordnete Mahmut Erdem sagt dazu: "Die Sekte der Scientologen hat die türkischen Immigranten und ihre Vereine als neues Betätigungsfeld entdeckt. Der Senat muss in Gestalt des Innensenators handeln. Die türkischen Hamburger müssen in ihrer Muttersprache über die Gefahren dieser Sekte informiert werden." Am Montag war bekannt geworden, dass Nagel die Innenminister zu einem gemeinsamen Antrag für ein Verbot von Scientology bewegen will. Aus mehreren Bundesländern erhielt Nagel Unterstützungszusagen. So sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), er stehe dem Anliegen aufgeschlossen gegenüber. Auch Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Sachsen haben ihre Zustimmung signalisiert. Kritik äußerten die Innenminister von Niedersachsen und Baden-Württemberg.

FOCUS 02.12.2007
Hamburger Innensenator will Scientology verbieten lassen Antrag an die Innenministerkonferenz
München. Der Scientology-Organisation in Deutschland droht möglicherweise das Aus. Wie das Nachrichtenmagazin FOCUS berichtet, wird der parteilose Hamburger Innensenator Udo Nagel auf der Innenministerkonferenz der Länder in den kommenden Tagen beantragen, die Organisation verbieten zu lassen. Per Beschluss soll Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) aufgefordert werden, ein vereinsrechtliches Verbotsverfahren gegen Scientology einzuleiten. Nagel begründet seinen Antrag mit der Verfassungsfeindlichkeit von Scientology. Die Gruppe verfolge Bestrebungen, die den Menschenrechten, der Menschenwürde sowie dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zuwiderliefen. Jüngste Äußerungen ihres Führers David Miscavige bestätigen laut Nagels Papier, dass "SO ihre verfassungsfeindlichen Ziele in einer aggressiv-kämpferischen Weise vertritt". Erfolg verspricht sich Nagel von dem Ansatz, Scientology auch als ausländischen Verein verbieten zu lassen. Die Vereine in Deutschland, so der Vorwurf, unterlägen "als örtliche Dienstleistungsorganisationen jederzeit der allgemeinen Weisungsbefugnis des internationalen Managements" - mit Sitz in den USA. Nach Paragraf 14 Absatz 2 des Vereinsgesetzes können solche Organisationen bereits verboten werden, wenn sie beispielsweise die politische Willensbildung, die öffentliche Sicherheit und Ordnung oder "sonstige erhebliche Interessen" der Bundesrepublik beeinträchtigen. Dies sei hier der Fall.

Die Welt, 29.11.2007
Beschwerdestelle zu Scientology eingerichtet
Das Bezirksamt Chalottenburg-Wilmersdorf richtet eine Kontakt- und Beschwerdestelle zur umstrittenen Scientology-Organisation ein. Sie ist ab dem kommenden Montag im Wirtschafts- und Ordnungsamt erreichbar. Bürger können sich hier aber nicht beraten lassen.
Die Unsicherheit von Bürgern, wie man mit der Organisation umgeht, sei noch groß, sagte Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte (SPD). Er hatte lange darauf gewartet, dass die Senatsverwaltung eine entsprechende Stelle einrichtet. Seiner Meinung nach wäre dies eine Landesaufgabe gewesen. Doch jetzt hat er die Initiative ergriffen ­ weil in seinem Amt immer noch regelmäßig Fragen und Beschwerden von Bürgern über die Organisation eintreffen. In der Beschwerdestelle wird keine Beratung geleistet, sondern im Bedarfsfall an entsprechende Stellen verwiesen. Beschwerden über aggressive Werbemethoden der Scientology-Sekte vor Schulen nahe der Dependance an der Otto-Suhr-Allee sind nach Auskunft von Schulte weniger geworden. Schulte führt dies auf die Aufklärungsarbeit zurück: "Dadurch haben Lehrer und Eltern ein Bewusstsein bei den Schülern über die Gefahren von Scientology geschaffen. Es ist eine Aufgabe, die erste Früchte trägt. Die Ansprachen sind deutlich weniger geworden.³ Nach wie vor darf Scientology an drei Standorten im Bezirk dauerhaft werben. Laut Schulte hat die Sekte zwei weitere Standorte beantragt. Einen, den Hardenbergplatz, will Schulte nicht genehmigen. "Dort ist der Fußgängerverkehr so hoch, dass es durch einen Werbestand zu Störungen käme.

Soester Anzeiger 22.11.2007, Volker Heyn
SIP: Nähe zu Scientology unbestritten Richter Jürgen Henke: "Das Verfahren ist arbeitsrechtlich untypisch"
ALTENA · Die arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung zwischen zwei ehemaligen Mitarbeiterinnen und der in Altena ansässigen SIP Group gestern in Iserlohn (wir berichteten) diente Arbeitsgerichtsdirektor Henke und dem Dortmunder Anwalt Pigorsch dazu, einen Zusammenhang zwischen den Geschäftspraktiken der Immobilienfirma und Scientology herzustellen. Während das eigentliche Verfahren gestern nicht abgeschlossen werden konnte, blieb die Nähe der im Selve-Palais residierenden Aktiengesellschaft zur vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation von Scientology unbestritten. Eine Altenaer Klägerin hatte gegen die SIP wegen einer aus ihrer Sicht unrechtmäßigen Kündigung geklagt, eine Dortmunderin wollte unterschriebene Einverständniserklärungen rückgängig machen. Ihr wurde vorgeworfen, ohne Rücksprache mit der Geschäftsführung Beträge in Höhe von mehreren hunderttausend Euro falsch investiert zu haben. Beide Frauen berichteten, dass sie einem Vorschlag ihrer Firma nachgegeben hatten und Scientology-Kurse in Düsseldorf besucht hätten. Der Rechtsvertreter der beiden Frauen hatte in der Verhandlung immer wieder behauptet, seine Dortmunder Mandantin sei mit Scientology-Methoden unter Druck gesetzt worden. Pigorsch: "Sie war nicht bei Sinnen aufgrund gewisser Zusammenhänge, die die SIP in die Nähe von Scientology bringen." Vor Gericht war für die SIP gestern Ass. jur. Dirk Salewski erschienen, der sich als Hausjurist und Aufsichtsratsmitglied der SIP und ebenso als deren Rechtsvertreter vor Gericht vorstellte. Er sagte lediglich: "Ich bin kein Scientologe", während Personalleiter R.P. überhaupt kein Wort von sich gab. Dem Scientology-Vorwurf gegenüber der Firma hingegen wurde nicht ausdrücklich widersprochen. Richter Jürgen Henke umschrieb den Vorwurf, die Klägerin sei mit Scientology-Praktiken zu für sie ungünstige Verträgen gebracht worden: "Dieses Verfahren ist arbeitsrechtlich untypisch." Er gab einen Verweis auf die "besondere familiäre Situation in dem Betrieb." In der Geschäftsführung der AG sowie der beiden GmbHs der SIP Group sitzt ein Ehepaar, mit dem die Dortmunderin einen gemeinsamen Urlaub verbracht hatte. In der Klageschrift war zu lesen, dass die Dortmunderin eine Absichtserklärung ("Letter of intent") unterschreiben sollte. Die SIP, so stellte Richter Henke fest, stelle den 'Letter of intent' nicht in Abrede. Und weiter: "Das ist nicht aus dem klassischen Handbuch für Betriebe entnommen." Ähnlich drückte sich auch Rechtsanwalt Bigorsch aus, der den Begriff "Belastungsformel" in der Absichtserklärung gefunden hatte: "Der Begriff kommt aus dem Scientology-Bereich." Der Altenaer Klägerin machte SIP-Jurist Salewski das Angebot, sie wieder einzustellen. Im Fall der Dortmunder Klägerin war Salewski kompromisslos: "Wir zahlen nichts." Dem Dortmunder Anwalt war daran gelegen, Geld für seine Mandantin zu bekommen. Er kündigte gestern eine Schmerzensgeldforderung wegen angeblicher scientologischer Beeinflussung an. Der Fall war gestern in drei arbeitsrechtliche Bereiche aufgefächert worden, wobei in einem Punkt am Nachmittag ein Teilurteil erging. Das Arbeitsverhältnis wurde zu alten Bedingungen wiederhergestellt. Damit, so stellte Richter Henke fest, sei immerhin die Drucksituation der Klägerin anerkannt worden, in der sie damals unterschrieben hatte. Ganz frisch lief gestern vor dem Arbeitsgericht ein dritter Fall in Sachen SIP auf. Das Düsseldorfer Gericht überwies einen Fall nach Iserlohn, in dem noch jemand gegen die SIP vorgehen möchte. Hier gehe es um wesentlich höhere Beträge als die gestern verhandelten.

petersburg.aktuell.ru, 22.11.2007
Petersburg erklärt Scientology-Zentrum für illegal II 
Donnerstag, 22.11.2007 Petersburg erklärt Scientology-Zentrum für illegal St. Petersburg. Der Oberste Gerichtshof Russlands hat ein Urteil des Petersburger Stadtgerichts vom Sommer bekräftigt, womit die Scientology-Organisation in Petersburg ab sofort verboten ist. Damit ist St. Petersburg die dritte Region Russlands, in der die als Sekte eingestuften Scientologen offiziell ihre Tätigkeit einstellen müssen. Das Verbot gilt neben Petersburg in Baschkortostan und im Gebiet Chabarowsk. Es ist allerdings nicht zu erwarten, dass die Anhänger von Scientology ihre rege Tätigkeit einstellen werden. Wie die Erfahrung in den beiden anderen Regionen zeigt, gehen sie in den Untergrund und wirken von dort weiter. Zahlreiche Verstöße gegen das Gesetz führen zum Verbot Das Petersburger Scientology-Zentrum existierte seit den 1990er Jahren und residierte in einem respektablen Gebäude im Stadtzentrum unweit des Newski Prospekts. Ihre Propagandaarbeit betrieb die sich als religiöse Vereinigung verstehende Organisation an den stark frequentierten Metrostationen "Pl. Wosstanija" und "Ligowski Prospekt". Die russischen Gesetzeshüter waren seit Jahren damit beschäftigt, der Sekte illegale Machenschaften nachzuweisen. So wurde ihr vorgeworfen, in ihrem Zentrum kostenpflichtige Kurse abzuhalten und medizinische Hilfe zu erweisen, ohne dafür eine Lizenz zu besitzen. Die in der Scientology-Praxis verbreitete Technik des "Auditing" stuften die Rechtsschützer als "unqualifizierte Einmischung in die Sphäre des Bewusstseins des Menschen" ein. Im Dezember 2003 erfolgte die vorübergehende Schließung des Zentrums. Als die Sekte ihre Aktivitäten dennoch weiterführte, wandte sich das Justizministerium an die Staatsanwaltschaft und reichte Klage ein. Ein jahrelanges Tauziehen führte schließlich zum gestern erfolgten Urteil.

Welt-Online, 21.11.2007
Hamburg macht Ernst gegen Scientology 
Die Bürgerschaft sendet Innensenator Udo Nagel Anfang Dezember auf die Innenministerkonferenz. Dort soll er sich für die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen die Organisation nach dem Vereinsgesetz einsetzen. Ziel: das Verbot der umstrittenen Kirche.
Hamburg macht ernst mit dem Versuch, die umstrittene Scientology-Organisation verbieten zu lassen. Die Bürgerschaft hat am Mittwoch beschlossen, dass sich Innensenator Udo Nagel auf der Innenministerkonferenz Anfang Dezember für die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen die Organisation nach dem Vereinsgesetz einsetzen soll. Ziel: das Verbot von Scientology.
Es gibt tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass Scientology verfassungsfeindliche Ziele mit ziel- und zweckgerichteten Verhaltsweisen anstrebt“, erklärte die CDU-Abgeordnete Brigitta Martens. Laut dem Kölner Verwaltungsgericht gebe es Anzeichen für politische Bestrebungen der demokratiefeindlichen und menschenrechtsverletzenden Organisation. Gefährlich sei, dass Scientology nicht offen an der Willensbildung teilnehme, sondern in Tarnorganisationen agiere. „Die Verfassungsschutzämter und auch die Hamburger Arbeitsgruppe Scientology haben so viele Fakten und Beweismaterial gesammelt, die einen Verbotsantrag nach dem Vereinsrecht erfolgreich erscheinen lassen“, so Martens. Nagel hatte bereits im Sommer angekündigt, sich bei seinen Innenministerkollegen für ein Verbot der Organisation einzusetzen. Die Flucht einer 15-Jährigen vor den Scientologen von Berlin nach Hamburg hatte damals eine erneute Diskussion über die Sekte ausgelöst. Mehrere Länder sowie führende Bundespolitiker von CDU, SPD und Grünen äußerten sich allerdings skeptisch über die Erfolgsaussichten eines Verbotsantrages. Mit dem Bürgerschaftsbeschluss will die CDU ihrem Innensenator den Rücken stärken.
Die SPD unterstützt den CDU-Vorstoß. „Hamburg ist in unserer Regierungszeit zu einem Vorreiter in der Bekämpfung von Scientology geworden“, sagte der SPD-Innenexperte Andreas Dressel und Verwies auf die Einrichtung der Arbeitsgruppe Scientology. Dieser Rolle solle die Hansestadt weiter gerecht werden. „Nun geht es darum, zu schauen, ob genug Material zusammengetragen werden kann, damit es für ein Verbot reicht“, sagte Dressel. Die Zahl der Scientology-Anhänger wird in Deutschland auf bis zu 6000, in Hamburg auf etwa 750 geschätzt. Die Organisation wird seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet.

Der Tagesspiegel vom 15.11.2007
Charlottenburg - Scientology ohne Haltestelle?
Wenn Fahrgäste am Busstopp vor der Zentrale der Organisation in Charlottenburg aussteigen, werden sie häufig von Scientology-Mitarbeitern belästigt. CDU und SPD wollen den Halt deshalb verlegen. Ab Dezember soll es außerdem eine Beschwerdestelle beim Ordnungsamt geben Wer zu Scientology will, kann mit dem Bus direkt vor die Tür fahren. Auch wer nicht zu Scientology will, muss in der Otto-Suhr-Allee direkt vor ihrer Tür aussteigen. Dieser Umstand stört Anwohner, Schuldirektoren und Bezirkspolitiker seit langem. Morgen wollen die Fraktionen von CDU und SPD einen Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf einbringen, wonach die Bushaltestelle vor der Scientology-Zentrale verlegt werden soll. "Sobald jemand aus dem Bus aussteigt, wird er von Scientology-Mitarbeitern massiv belästigt. Dagegen müssen wir etwas tun³, sagt Stephanie Zeugner, jugendpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Scientology-Mitarbeiter würden auf Bus-Fahrgäste, die an der Haltestelle aussteigen, "zugeschossen kommen³ und sie mit Werbebroschüren bedrängen. Viele Bürger hätten sich bei ihr deswegen beschwert. Fréderic Verrycken, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bezirk, ergänzt: "An dieser Haltestelle steigen viele Schüler aus, die wollen wir schützen.³ Der Direktor der Ludwig-Cauer- Grundschule um die Ecke, mäßigt die Besorgnis etwas, seine Schüler hätten ihm in den vergangenen Wochen von keinen Belästigungen berichtet. Dennoch würde auch er die Verlegung der Haltestelle "begrüßen³. "Das würde mir große Erleichterung verschaffen³, sagt Manfred Kammerer. Auch dem Charlottenburger Jugendstadtrat Reinhard Naumann (SPD) wäre es lieber, wenn die Busse nicht an einem solch "prominenten Ort³ halten würden. CDU und SPD wollen die Haltestelle 100 Meter versetzen, über die Ampel an der Cauerstraße hinweg. Die Scientology-Zentrale hat ihren Sitz Otto-Suhr-Allee, Ecke Cauerstraße. Falls sich der Bezirk zur Verlegung entschließt, muss ein entsprechender Antrag an die Stadtentwicklungsverwaltung des Senats gerichtet werden, die dann die BVG mit der Versetzung von Haltestelle und Wartehäuschen beauftragt. "Das ist kein einfaches Unterfangen³, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Die Verlegung einer Haltestelle koste Geld, auch müssten Fahrpläne und die Ampelschaltung verändert werden, die sich nach den Bussen richtet. Eine Haltestelle könne auch höchstens um 100 Meter verlegt werden, denn der Abstand zwischen zwei Haltepunkten sei gesetzlich geregelt. Reetz gibt zu bedenken, ob Scientology Mitarbeiter nicht auch 100 Meter weiter auf Aussteigende zugehen könnten: "Was also bringt das?³ Auch in der Stadtentwicklungsverwaltung ist man skeptisch. "Ob die 100 Meter den Kos! tenaufwand rechtfertigen³, fragt Sprecherin Petra Rohland. Wie hoch die Kosten wären, konnten gestern aber weder sie noch die BVG sagen. Die CDU-Fraktion will außerdem einen Runden Tisch im Bezirk ins Leben rufen, an dem sich Schulen und Jugendeinrichtungen über ihre Erfahrungen mit Scientology austauschen können. Ab 1. Dezember will der Bezirk außerdem eine Beschwerdestelle beim Ordnungsamt im Rathaus einrichten. "Auch wenn die akute Belästigung zurückgegangen ist, wir sind auf der Hut³, sagt Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte (SPD). Er und sein Schulstadtratskollege haben den Eindruck, Scientology nehme sich schwerpunktmäßig bestimmte Bezirke vor. Im Moment sei Spandau dran. Die dortige Jugendstadträtin hat kürzlich ein Werbepaket von Scientology erhalten. Auf der Broschüre "Der Weg zum Glücklichsein³ sei schon ihr Name aufgedruckt gewesen, sagt Ursula Meys (SPD). "Das fand ich schon sehr merkwürdig."

Der Teckbote vom 02.11.2007, RICHARD UMSTADT
Zynische Kampagne zur Mitgliederwerbung 
Sekte / MdL Bregenzer warnt vor Scientology-Tarnorganisation "Jugend für Menschenrechte" 
Vor einer Kampagne einer Tarnorganisation von Scientology, der "Jugend für Menschenrechte", warnt die sektenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Carla Bregenzer 
KIRCHHEIM Post von Scientology, der Sekte mit den Krakenarmen, wie Kritiker sie nennen, flatterte den Stadtoberhäuptern im Landkreis Esslingen auf die Tische der Amtsstuben. In den aufwendigen und bunten Hochglanzmappen bot eine Organisation, die sich "Youth für Human Rights International" nennt, zu deutsch "Jugend für Menschenrechte", eine DVD, Broschüren und Unterrichtsmaterial an. Angelika Matt-Heidecker, Oberbürgermeisterin von Kirchheim, ließ das Material mit dem Anschreiben der Scientologin und Präsidentin von "Youth for Human Rights International" aus Los Angeles unbeeindruckt der Sektenpolitischen Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Carla Bregenzer, zukommen. "Wer das menschenverachtende System von Scientology kennt, der weiß, wie zynisch diese Kampagne ist", so Sektenexpertin Bregenzer. Schriften des Begründers von Scientology und Groschenheftchen-Romanschreibers L. Ron Hubbard, interne Papiere und Aussagen von Aussteigern machten immer wieder mehr als deutlich, dass Scientology nichts weniger als die Menschenrechte im Sinn habe. Dies gelte vor allem für Kinder, deren kleine Körper in der Ideologie der aus Amerika kommenden Organisation ja lediglich als Hüllen für "Thetanen" gelte. "Es geht Scientology und dieser angeblichen Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Los Angeles und München lediglich darum, Geld zu machen und Menschen dieser Organisation zuzuführen", kennt die Sektenexpertin die Werbemethoden von Scientology aus ihrer langjährigen Erfahrung. Seit der Verfassungsschutz die Organisation beobachte, seien die Menschen im Land deutlich vorsichtiger geworden, weiß Carla Bregenzer. Es werde daher für Scientology immer schwieriger, neue Mitglieder zu gewinnen und Bücher sowie Kurse zu verkaufen. Deshalb verlege man sich zunehmend auf Aktivitäten von Tarnorganisationen und auf Hochglanzbroschüren, in der Hoffnung, dass gutmeinende und uninformierte Menschen darauf hereinfallen. Dabei scheut sich Scientology nicht, Zitate von Mahatma Gandhi, Voltaire und Martin Luther King im gleichen Atemzug mit L. Ron Hubbard zu nennen. Tatsächlich gehe es aber der Sekte nur darum, sogenannte Unterrichtsmaterialien, Broschüren und DVDs, die 20 Dollar das Stück kosteten, zu verkaufen und auf diesem Wege möglichst noch Mitglieder zu gewinnen. Die Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer befürchtet nun, dass das Werbematerial nicht nur Stadtverwaltungen zuging, sondern auch Schulen im Landkreis und darüber hinaus. Aufklärung sei daher dringend geboten. "Nur durch permanente Aufklärung über die wahren Ziele von Scientology und aller dazugehörigen Organisationen können wir die Menschen in unserem Land vor diesen Scharlatanen schützen," begründet Carla Bregenzer ihre kleine Anfrage an die Landesregierung zu dieser brisanten Thematik

Die Welt vom 02.11.2007
Spanien erkennt Scientology als Kirche an
Madrid (dpa) - Spanien erkennt die umstrittene Scientology- Organisation als Kirche an. Der Nationale Gerichtshof sprach der Organisation das Recht zu, sich als offiziell anerkannte religiöse Gemeinschaften einzutragen. Scientology versuche geistliche, humanistische oder ähnliche Werte zu verbreiten. In Deutschland wird die Organisation in den meisten Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet. Im vorigen Sommer war in deutschen Medien über ein mögliches Verbot von Scientology debattiert worden.

Süddeutsche Zeitung, 30.10.2007, Ekkehard Müller-Jentsch
Boykottaufruf gegen Scientology-Werbung zulässig 
Bundesverfassungsgericht sieht Meinungsfreiheit nicht ausreichend gewichtet und hebt frühere Urteile auf
Im jahrelangen Rechtsstreit der Jungen Union in München mit Scientology hat die JU eine frühere Schlappe wieder wettmachen können: Das Bundesverfassungsgericht hob ein die JU belastendes Urteil des Oberlandesgerichts München auf. In der Begründung aus Karlsruhe heißt es, die Münchner Richter hätten das Recht der Jungen Union auf Meinungsfreiheit "unzutreffend gewichtet". Nun muss der Streit erneut vor dem Oberlandesgericht verhandelt werden. Im Sommer 2000 hatte die Junge Union in einer Pressemitteilung vor Büchern des Scientology-Gründers Ron Hubbard gewarnt. Diese Bücher werden hierzulande durch die "New Era Publications" vertrieben. Für das Hubbard-Buch "Scientology - Die Grundlagen des Denkens" hatte dieser Verlag auf den Plakatwänden und Litfaßsäulen einer großen Münchner Werbefirma Reklame gemacht. Daraufhin veröffentlichte die JU eine Pressemitteilung mit der Überschrift: "Scientology wirbt wieder öffentlich in München - Junge Union veröffentlicht ab sofort immer die Namen der Werbefirmen und ruft zum Boykott auf." Gleichzeitig wurden die Verantwortlichen der Stadt aufgefordert, gegen diese Werbe-Kampagne vorzugehen. Die Werbe-Firma, die für ihre Plakat-Tafeln zahlreiche Haus- und Grundflächen im Stadtgebiet gemietet hatte, beugte sich dem Druck, nachdem ihr verschiedene Grundstückseigentümer Vertragskündigungen solcher Standflächen angedroht hatten. Außerdem musste sie befürchten, dass andere Werbekunden Aufträge zurückziehen und keine neuen mehr erteilen, falls Werbemaßnahmen für das Scientology-Buch in Zukunft veröffentlicht würden. Die Werbe-Firma hatte deshalb den Vertrag mit New Era Publications fristlos gekündigt. Der Verlag verklagte daraufhin die JU auf Unterlassung und bekam zunächst recht: Die Junge Union übe mit ihrem Boykottaufruf einen Druck aus, der wirtschaftlichem Druck gleichkomme, stellte nach dem Landgericht München I auch das Oberlandesgericht fest. Auf diese Weise werde in den Gewerbebetrieb des klagenden Verlags eingegriffen. Grundsätzlich sei es zwar zulässig vor dem Gedankengut von Scientology zu warnen, meinte das OLG. Die Grenzen der Zulässigkeit seien aber überschritten, wenn nicht nur geistige, sondern auch wirtschaftliche Argumente angeführt würden. Die von der Münchner Rechtsanwältin Evelyne Menges vertretene JU legte dagegen sofort Verfassungsbeschwerde ein. Die 1. Kammer des Ersten Senats mit Verfassungsgerichtspräsident Jürgen Papier an der Spitze beschloss nun einstimmig, dieses Urteil aufzuheben und zurückzuverweisen. Denn die angegriffene Pressemitteilung sei trotz des Boykottaufrufs eine verfassungsrechtlich geschützte Meinungsäußerung. Die Zivilgerichte haben "die Meinungsfreiheit der Beschwerdeführerin falsch gewichtet", heißt es in der Karlsruher Entscheidung (Aktenzeichen: 1 BvR 292(02). Tobias Weiß, Vorsitzender der JU München, sagte zu dem Beschluss der Verfassungsrichter: "Es ist ein sensationeller Erfolg, nach mehr als fünf Jahren endlich zu erfahren, dass die damaligen Gerichtsentscheidungen falsch waren." Die Junge Union werde sich auch weiterhin engagieren: "Scientology kann uns durch Prozesse nicht abschrecken - diese Entscheidung bestärkt uns in unserem politischen Auftrag."

FAKTuell,  9.10.2007
Europäischer Gerichtshof weist Beschwerde Russlands zurück
Urteil bestätigt - der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat eine Beschwerde Russlands gegen sein Urteil vom 5.4.2007 abgewiesen. Am 5.4.2007 hatte die 1.Kammer des EGMR einstimmig das Land Russland wegen Verletzung der Menschenrechtsgarantien der Religions- und Vereinigungsfreiheit (Art. 9 und 11 EMRK) zum Nachteil der Scientology Kirche Moskau zu Schadensersatzzahlungen an die Kirche in Höhe von 10.000 Euro und 15.000 Euro Kostenersatz verurteilt. Zudem wurden die russischen Behörden angewiesen, die Eintragung der Scientology Kirche als Religionsgemeinschaft mit Rechtsfähigkeit unter Beachtung der Grundsätze des EGMR-Urteils erneut zu entscheiden. Begründung: "Wenn die Vereinigung einer Religionsgemeinschaft zur Debatte steht, bedeutet eine Verweigerung ihrer Anerkennung auch einen Eingriff in die Rechte der Beschwerdeführer auf Religionsfreiheit gemäß Artikel 9 der Konvention. Das Recht der Glaubensanhänger auf Religionsfreiheit umfasst auch die Erwartung, dass es der Gemeinschaft gestattet ist, sich frei von willkürlicher staatlicher Intervention friedlich zu betätigen." verletzt zu haben mit den Worten: "dass die Moskauer Behörden bei der Verweigerung der Eintragung der Scientology Kirche Moskau nicht in gutem Glauben gehandelt haben und ihre Pflicht zu Neutralität und Unparteilichkeit gegenüber der Religionsgemeinschaft des Beschwerdeführers vernachlässigt haben. Angesichts des Vorgesagten erachtet das Gericht den Eingriff Den russischen Justizbehörden bescheinigte der EGMR genau dies in das Recht des Beschwerdeführers auf Religions- und Vereinigungsfreiheit als nicht gerechtfertigt. Daher liegt eine Verletzung von Artikel 11, gelesen im Lichte von Artikel 9 der Konvention, vor." Die russischen Behörden hatten sich geweigert, die Scientology Kirche als Religionsgemeinschaft einzutragen.

Berliner Zeitung, 05.10.2007 
Scientology wirbt um Muslime 
Experten warnen vor Einflussnahme in Moscheen 
Iftar heißt die große Feier im Fastenmonat Ramadan, zu der Muslime gern Freunde einladen. Zu einem ungewöhnlichen Iftar bittet derzeit die Scientology-Sekte die Muslime Berlins. "Wir würden uns freuen, wenn Sie mit uns gemeinsam das Fasten brechen", steht auf einem Scientology-Flugblatt, das am Mittwoch, dem "Tag der offenen Moschee", in den islamischen Gemeinden verteilt wurde. Nächste Woche wolle man im Scientology-Zentrum am Ernst-Reuter-Platz gemeinsam feiern. Den Festvortrag werde Mohammed Herzog halten, der angesehene Imam der deutschsprachigen Muslime in Berlin. Herzog sagte auf Nachfrage: "Wir reden mit jedem, auch mit Scientology. Ich habe damit kein Problem." Beobachter kritisieren die Allianz. Die Berliner Islam-Expertin Claudia Dantschke wirft Herzog Naivität vor. Sie sagte: "Scientology spricht zurzeit massiv Muslime an, um Mitglieder zu werben und eine Front gegen Kritiker aufzubauen. Muslime werden dafür gezielt missbraucht." Sie fordert, Migranten über die totalitäre Sekte aufzuklären. Vor zehn Jahren waren erstmals Kontakte von Scientology zu Islam-Gruppen bekannt geworden.

taz. 29.09.2007 
Vorsicht Scientology! 
Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Innenbehörde, hat gestern vor der "Foundation for a Drug-Free World" gewarnt. Diese hat an Hamburger Jugendeinrichtungen "Informationsschriften über Drogen" versandt. Tatsächlich handele es sich um eine gezielte Werbekampagne der Scientology Organisation aus den USA. In Deutschland werde diese Aktion vom Verein "Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben" begleitet. Auch bei dessen Material sei der Scientology-Bezug nicht erkennbar.

ka-news, 29.09.2007
Scientology Nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt
Ettlingen/Karlsruhe - Die Scientology-Organisation ist keine Religionsgemeinschaft und auch nicht als solche gerichtlich anerkannt, weist ausdrücklich der Ettlinger Landtagsabgeordnete Werner Raab hin, der sich auf einen Beschluss des Schulausschusses des Landtages bezog, an dem er mitgewirkt hat. Das Gremium hat einstimmig über alle Fraktionen hinweg bei der Beratung eines CDU-Antrages unmissverständlich festgestellt, die Scientology-Organisation ist weiterhin als verfassungsfeindlich zu bewerten, die Öffentlichkeit muss darüber aufgeklärt werden. In einer Pressemitteilung der Scientologen wurde der Eindruck vermittelt, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte habe ihr in seinem Urteil vom April dieses Jahres den Status einer Religionsgemeinschaft zugebilligt. Das Verfahren nehme auf eine Situation in Russland Bezug. Für Deutschland gelte nach wie vor der Beschluss des Bundesarbeitsgerichtes in Karlsruhe, wonach Scientology keine als Religionsgemeinschaft anerkannte öffentlich rechtliche Körperschaft sei. 
Menschenverachtende Organisation 
Vielmehr sei Scientology nach den Feststellungen des Verfassungsschutzes eine totalitäre menschenverachtende Organisation, die mit Sozialtechniken und Verfahren nach der Lehre ihres Gründers Hubbard eine umfassende Kontrolle über Menschen unter anderem durch "Sicherheitsprüfungen" anstrebt, so Raab. Grundrechte würden faktisch außer Kraft gesetzt, die Wahrung der Menschenwürde und die Selbstbestimmung des Einzelnen werde nicht mehr gewährleistet. Gerade durch Werbemaßnahmen an Schulen und die Infiltration von Anhängern der Scientologen durch Hausaufgabenhilfen sei hinzuweisen, erklärte Raab in Übereinstimmung mit dem Vorsitzenden des Schulausschusses, Norbert Zeller, Sonderschullehrer aus Friedrichshafen. So werden immer wieder Informationsstände auch in der Ettlinger Innenstadt durchgeführt, die dem Verkauf von Büchern und anderen Informationen dient. Hiergegen können man aber nichts unternehmen, da die Gewerbefreiheit zu beachten sei. Erst vor Kurzem hatte der FDP-Bundestagsabgeordnete Patrick Meinhardt auch für die Region eine verstärkte Aufklärung über die Scientology und deren Vorgehensweise gefordert

Die Welt. 26.09.2007, Sandra Fomferek
Late Night Scientology und das endlose Predigen
Sandra Maischberger wollte gestern Abend über Scientology diskutieren. Doch der evangelische Pfarrer Jürgen Fliege hielt lieber ausschweifende Monologe über Nächstenliebe - bis seine Sitznachbarin es nicht mehr aushielt. Predigende Pfarrer werden für gewöhnlich nicht unterbrochen - egal, was sie erzählen. Wie gut, dass Jürgen Fliege nicht von der Kanzel redete, sondern bei Sandra Maischberger saß. Und wie gut, dass Ursula Caberta den Sermon des evangelischen Pfarrers und TV-Moderators höchstens zwei Minuten ertragen konnte, ohne ihm das Wort abzuschneiden. Die Leiterin der Hamburger Arbeitsgruppe Scientology hatte nämlich einiges zur Frage "Wie gefährlich ist die Psychosekte" zu sagen. Fliege dagegen monologisierte über den Wunsch, das Leben zu vervollkommnen, erging sich in philosophischen Betrachtungen über das religiöse System der Widergeburt und Jesus' Botschaft, seinen Nächsten zu lieben. Ausgerechnet seine Ausführungen vermittelten dabei das Gefühl, dass eigentlich alle Religionen vom Verfassungsschutz beobachtet werden sollten. "Sie reden über was ganz anderes", fiel Caberta ihm barsch ins Wort. "Sie reden immer über das selbe", meckerte Fliege zurück, dem es offenbar nicht passte, dass ausschließlich über Scientology gesprochen werden sollte und nicht über die Gefahren der evangelischen Kirche. Aber die Scientology-Kritikerin war mit einer Mission in die Sendung gekommen - und nett sein gehörte nicht dazu.
Eine religiöse Organisation? "Jetzt halten Sie mal für zwei Minuten den Mund", fuhr sie Fliege an und handelte sich dafür eine Rüge von Maischberger ein. Scientology sei eine extremistische Bewegung, die sich als religiöse Organisation tarne, wurde sie nicht müde zu betonen. Sie müsse nicht nur vom Verfassungsschutz beobachtet, sondern sogar verboten werden, so ihre Forderung. Auf ihrer Seite stand der bayerische Innenminister Günter Beckstein (CSU): "Nach meiner Überzeugung geht es um übelste Geschäftemacherei und Macht über Menschen", erklärte er. Scientology sei keine Religion, sondern eine Vereinigung, der es um wirtschaftliche und politische Macht gehe und deren Zielsetzung verfassungsfeindlich sei, so Beckstein. Sein schärfster Gegner war Hubert Seiwert. Der Religionswissenschaftler war Mitglied in der Enquete-Kommission des Bundestags für Sekten und Psychogruppen. Seiner Meinung nach ist Scientology eine religiöse Organisation, die unter den Schutz des Grundgesetzes fällt: "Wir müssen aufhören, andere Maßstäbe anzusetzen als bei anderen Religionen", erklärte er. Scientologen seien keine "willenlosen Zombies". Selbst wenn die Sekte - wie sie in einem Strategiepapier vor der Eröffnung der Zentrale in Berlin bekannt gab - bei ihrer "planetarischen Rettungskampagne" beabsichtige, "Lösungen" in die "gesamte deutsche Gesellschaft" einzuarbeiten, sei das nicht negativ zu verstehen. "Die Gesellschaft verändern zu wollen, ist nichts Böses", argumentierte Seiwert. Zudem werde auch die Linkspartei vom Verfassungsschutz beobachtet und habe trotzdem alle Rechte einer Partei, führte er an. Als I-Tüpfelchen für eine gelungene Diskussion hatte Maischberger außerdem zwei ehemalige Scientologen eingeladen, die anschaulich aus ihrem Leben in der Sekte erzählten. Auch wenn die Scientology-Kritiker in der Mehrzahl waren, schaffte es die Moderatorin mit provokanten Fragen für ein ausgewogenes Gespräch zu sorgen. Dass dabei auch ein Film über Tom Cruise und seine "Valkyrie"-Filmarbeiten im Bendlerblock nicht fehlen durften, sei ihr verziehen.

SPIEGEL ONLINE, 26.09.2007, Henryk M. Broder
SCIENTOLOGY BEI MAISCHBERGER "Eine Reise in andere Leben"
Über manche Dinge kann man selbst in Talkshows nicht diskutieren - zum Beispiel über Scientology. "Wie gefährlich ist die Psycho-Sekte?", fragte Sandra Maischberger in der ARD. Verblüffende Erkenntnis am Ende der Sendung: Eine Machtübernahme in Deutschland steht nicht bevor. Das Timing war perfekt: In Burma rebellieren Mönche gegen die Militärdiktatur, in New York phantasiert der iranische Präsident von einer Gesellschaft, in der es keine Homosexuellen gibt und die Frauen so frei sind, wie sonst nirgendwo auf der Welt. Und in Berlin dreht Tom Cruise einen Film über den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, was umgehend zu einer Debatte darüber führt, ob ein amerikanischer Scientologe einen deutschen Widerstandskämpfer spielen darf. Man könnte sich also zusammensetzen und gemütlich über das Thema "Meine Sorgen möchte ich haben" unterhalten, wenn da nicht eine Gefahr am Horizont aufziehen würde: "Was ist das mit Scientology, müssen wir Angst haben?", fragte Jörg Kachelmann gestern Abend am Ende der Wetterkarte in der ARD und gab das Wort an Sandra Maischberger weiter, die den Rahmen der Debatte absteckte: "Deutschland fragt sich: Wollen die Scientologen die Regierung unterwandern?" Die Frage könnte auch lauten: "Haben sie es nicht längst getan?" Das sektiererische Gehabe einiger Minister in den letzten Tagen spräche dafür, das ganz normale Auftreten von Sigmar Gabriel und Horst Seehofer sowieso. Warum sollten wir uns also mit der Scientology beschäftigen, jetzt und hier? "Weil Scientology nichts mit Religion zu tun hat, es ist eine neue Form des politischen Extremismus", sagt Ursula Caberta, die seit 1992 die Arbeitsgruppe Scientology bei der Hamburger Innenbehörde leitet und als Expertin für Sektenwesen gilt. Worauf Fernsehpfarrer Jürgen Fliege ihr ins Wort fällt und darauf hinweist, dass 75 Prozent der Scientology-Mitglieder "gut verdienende Männer" sind, die "eine Einsicht über das Leben" haben: "Wir wollen uns vervollkommnen." Wie immer in Fällen, wenn es die Aktualität suggeriert und so getan wird, als stünde eine Gefahr unmittelbar bevor, hilft ein Blick in die Ablage dabei, die Gedanken zu ordnen und ein wenig Klarheit herzustellen. Im Mai 1995, vor zwölf Jahren also, veröffentlichte der damalige Bundesminister für Arbeit, Norbert Blüm, in der Zeitung "Die Woche" einen Artikel unter der Überschrift: "Die größte und gefährlichste Sekte in Deutschland unterwandert heimlich die Wirtschaft". Gemeint war natürlich Scientology. Blüms Weckruf - zwölf Jahre alt Blüms Weckruf fing so an: "Es geht um Macht. Es geht um Geld. Wenn wir uns auf der Welt umsehen, dann wird uns schnell klar, dass eine neue Form von Sekten auf uns zukommt, die über Leichen geht. Ich denke an die Massenmorde der Sonnentempler in der Schweiz, der Aum-Sekte in Japan oder der Davidianer und Milizen in den Vereinigten Staaten. Sie schlagen ihre eigenen Schlachten, führen ihre ganz persönlichen Kriege. Wir müssen uns auf diese Art von Kriegführung einstellen. Doch Krieg ist nicht nur, wenn Menschen verletzt oder umgebracht werden. Krieg ist nicht nur, wenn Häuser in Schutt und Asche liegen. Auch wer Menschen in ihrer innersten Persönlichkeit erobert, führt Krieg. Was ich meine, sind die weltweiten Feldzüge von Scientology. Dafür darf es kein Pardon geben." Scientology, so Blüm weiter, sei "eine verbrecherische Geldwäsche-Organisation, die unter dem Deckmantel der Religion ihre verblendete Ideologie weltweit verbreiten will und dabei vor nichts zurückschreckt". Wenn dem wirklich so wäre, so müsste man sich vor allem über eines wundern: Dass in den vergangenen zwölf Jahren so gut wie nichts gegen die Ausbreitung der "Riesenkrake" (Blüm) unternommen wurde. Zwar wird Scientology in Bayern und einigen Bundesländern vom Verfassungsschutz "beobachtet", aber dasselbe trifft auch auf die Linkspartei zu, die im Bundestag sitzt und in Berlin mitregieren darf. So gab sich der bayerische Innenminister Günther Beckstein alle Mühe, Religion und Politik auseinander zu halten. "Jeder kann glauben, was er will", versicherte er, die Scientologen freilich "wollen einen Staat, der von Scientology beherrscht wird", es gehe "um übelste Geschäftemacherei und knallharte Macht, Menschen werden ausgenommen wie Weihnachtsgänse". Leider blieb Beckstein die Belege für seine Behauptungen schuldig, auch den Vorwurf, Scientology würde "Konzentrationslager" unterhalten, den er vor Jahren erhoben hatte, mochte er nicht wiederholen - die jüdischen Gemeinden hätten ihn gebeten, auf solche Vergleiche zu verzichten. Ausstieg aus der Sekte - danach passierte nichts Die Beweislast blieb an einem Ehepaar hängen, das elf Jahre lang bei den Scientologen mitgemacht hatte. Reingeraten war es so, wie andere Paare einem Swinger-Club beitreten: Er wollte es, sie kam mit. Anfangs war es "spannend" und "ein Abenteuer", eine Reise "in andere Leben"; es dauerte eine Weile, bis Gaby und Werner merkten: "Man wird ein Rädchen im Getriebe der Organisation." Da stiegen sie aus. Danach passierte nichts. Es lag an Jürgen Fliege, die metaphysische Dimension des Phänomens zu erklären. Er tat es, indem er den etablierten Kirchen die Verantwortung zuwies. "Die Sekten sind die Sünden der Kirchen. Wir wissen nicht einmal, was Psyche ist. Freud und Jung sind keine Kirchenleute." Worauf Beckstein konterte: "Das System Scientology ist ganz anders als das System Kirche." Es gehört zum Wesen solcher Diskussionen, dass sie sich im Kreise drehen und mit der Erkenntnis enden: Es gibt Themen, über die nicht diskutiert werden kann. Entweder ist die Scientology eine totalitäre Organisation, dann müsste mehr getan werden, als sie nur zu beobachten. Oder sie ist ein Haufen von Spinnern, die sich vorgenommen haben, die Welt zu retten, was zwar albern aber nicht verboten ist. Immerhin steht in der Bundesrepublik bis heute nicht einmal der Besuch von Trainingscamps für angehende Terroristen unter Strafandrohung. Selbst dann, wenn die Religion nur ein Vorwand wäre, "um politische und wirtschaftliche Macht zu erlangen", wie es Beckstein mehrmals sagte, wäre das kein Argument, das man exklusiv gegen das Unternehmen Scientology einsetzen könnte. Auch die etablierten Kirchen greifen in das politische Geschehen ein und nehmen mit Hilfe des Staates Milliarden an Kirchensteuern ein. "Scientology steht in der Bundesrepublik nicht unmittelbar vor der Machtübernahme", räumte Beckstein gegen Ende der Debatte ein. Dass mit ihm ein Protestant zum ersten Mal in der Geschichte des Freistaats Ministerpräsident wird, könnte von manchen Bayern als die viel größere Bedrohung empfunden werden.

Berliner Zeitung, 18.09.2007, Frank Nordhausen
Die Ausreißer 
Vor sieben Wochen flüchteten die Kinder der Berliner Scientology-Direktorin vor ihren Eltern. Jetzt sind sie wieder da - mit einem Gerichtsbeschluss 
HAMBURG. Erst war es eine spektakuläre Flucht, dann hatte das Familiengericht Tempelhof-Schöneberg zu urteilen. Dort waren Anfang August ein 14-jähriges Mädchen, ihre Eltern, Anwälte und Jugendpfleger geladen. Es ging um die Psychosekte Scientology - und um das Wohl eines Kindes. Das Mädchen und sein 25-jähriger Bruder waren aus Berlin nach Hamburg geflüchtet, weil sie sich vor Entscheidungen ihrer Eltern fürchteten - und vor der Macht, die hinter ihren Eltern steht. Sie sind zurückgekommen, weil die Eltern versprachen, sich einem Gerichtsbeschluss zu beugen. Nun ging es darum, ob und wie diese über den Weg des Mädchens bestimmen dürfen. Der 25-jährige Daniel A., ein hochgewachsener junger Mann, ist der Sohn von Kirsten A., Immobilienmaklerin und Direktorin der Berliner Scientology-Zentrale. Die 14-Jährige, ein stilles, für ihr Alter sehr selbstbewusstes Mädchen, ist die Stieftochter der Frau. Die beiden Kinder hatten sich in Hamburg unter den Schutz von Ursula Caberta gestellt, der Scientology-Beauftragten des Senats, da es in Berlin keine vergleichbare Hilfe gibt. Sie wollten nicht auseinander gerissen werden. Sie wollten ihr Leben nicht länger von Scientology bestimmen lassen. Das Mädchen will auf dem Gymnasium in Berlin bleiben und nicht auf ein Scientology-Internat in Dänemark gehen, wie es ihre Eltern für sie planten. Die 14-Jährige sagte der Familienrichterin, sie würde nur dann wieder nach Hause gehen, "wenn ihre Willensfreiheit bezüglich Scientology abgesichert" sei. Die Eltern sagten, das könnten sie garantieren, dafür brauche man keinen Gerichtsbeschluss. "Reicht Ihnen das?" fragte die Richterin die junge Frau. "Nein, das reicht mir nicht", antwortete sie. Das war der entscheidende Satz. Als die Richterin dann ihren Beschluss formuliert, spricht sie von "einer Gefahr für das Kindeswohl", von der Angst der 14-Jährigen vor "Scientology-Schulungen". Sie verbietet den Eltern, sie zu Scientology zu schicken oder gemeinsam mit ihrer Tochter Einrichtungen von Scientology aufzusuchen. Die Richterin ordnet an, dem Mädchen einen Betreuungshelfer zur Seite zu stellen. Im Gegenzug wird den Eltern - die der Regelung zustimmen - das Sorgerecht nicht entzogen. Es ist ein recht einmaliger Beschluss. "Wenn ich das so höre, muss ich sagen, toll, wie sich das Mädchen durchgesetzt hat", sagt Ursula Caberta in ihrem schwer gesicherten Büro nahe der Hamburger Speicherstadt. Die Scientology-Beauftragte ist eine resolute Frau mit einem wilden Lachen. Sie hat mehr ehemaligen Mitgliedern aus dieser Sekte herausgeholfen als irgendjemand sonst. Vor sieben Wochen saßen ihr die zwei jungen Leute aus Berlin erstmals gegenüber, fühlten sich mutig und verloren zugleich. Hinter ihnen lag die schwerste Entscheidung ihres Lebens, die Flucht vor den eigenen Eltern. Sie waren verstört, schließlich hatten sie gleichzeitig Scientology verlassen und wussten genau, was das für ihre Eltern bedeutete: sekteninterne Herabstufung, teure Rehabilitierungskurse. Aber dieser Schritt war den Kindern wohl als letzter Ausweg erschienen. Caberta sorgte dafür, dass das Mädchen in die Obhut des Hamburger Jugendamtes kam und beide in eine sichere Wohnung ziehen konnten. Ursula Caberta wusste, es würde Ärger geben. Für Scientology war die Flucht, die nicht lange geheim blieb, eine Public-Relation-Katastrophe. Schließlich hatte die Sekte im Januar gerade ihre Hauptstadtzentrale in Berlin eröffnet. Und dann verlor die Direktorin gleich ihre eigenen Kinder. Eine Berliner Scientology-Sprecherin bezeichnete die Hamburger Sektenbeauftragte Caberta als "fanatische Scientology-Gegnerin" und warf ihr vor, persönliche Daten gegen den Willen der Kinder publik gemacht zu haben. Ein Ausstieg aus Scientology sei "grundsätzlich überhaupt kein Problem". Kurz darauf wurde Caberta wegen des "Verrats von persönlichen Daten" verklagt, doch wies das Hamburger Verwaltungsgericht die Klage zurück. Alles hatte mit einem Anruf aus Berlin begonnen, vor knapp neun Wochen. Am Telefon war Daniel A., und er sagte, so erinnert sich Caberta: "Ich brauche Hilfe. Ich möchte Scientology verlassen, aber ich habe Angst, dass ich meine Schwester dann nicht mehr sehen darf." Caberta lud ihn nach Hamburg ein, und dort berichtete Daniel A. nun auch, dass seine Stiefschwester gegen ihren Willen in das dänische Scientology-Internat in Bjerndrup geschickt werden sollte. "Daniel bat mich, ihr auch zu helfen", sagt Caberta. Sie kennt die dänische Sekten-Schule gut. "Normalen Unterricht gibt es dort nicht. Gelehrt wird die totalitäre Ideologie des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard, und die Abschlüsse werden in Deutschland nirgends anerkannt." Der Fall der beiden jungen Leute aus Berlin wirft ein Schlaglicht auf das Schicksal vieler Sekten-Kinder. Anders als Erwachsene sind sie der Sekte meist hilflos ausgeliefert. Sie gelten dort als wertvollstes Kapital, da sie noch "unverdorben" und formbar seien. Unter den rund 6 000 deutschen Scientologen sind mehr als tausend Kinder und Jugendliche, in deren Köpfen Scientology spukt. Was dort Kindheit bedeutet, schilderte 2002 eine junge Frau vor einem Hamburger Gericht. Sie erzählte, wie sie in einer englischen Scientology-Eliteeinheit gedrillt und gequält wurde, mit schwerer körperlicher Arbeit, ständiger Kontrolle und ohne jede Schulbildung. Ihre Eltern mussten ihr schließlich 35 000 Euro Schadenersatz für die erlittene Pein zahlen. Der Staat kann zwar im Prinzip eingreifen, wenn das Kindeswohl durch eine Sekte bedroht ist - aber er tut es so gut wie nie. "Weil sich kaum ein Sozialarbeiter oder Richter mit der Materie auskennt und weiß, wie stark die Organisation im Hintergrund auf die Eltern Druck ausübt", sagt Ursula Caberta. Sie bemerkte schnell, dass Daniel A. geradezu das Musterbeispiel eines Sekten-Kindes ist. "Er redete in Scientology-Sprache, er wirkte verwirrt, er hatte keinen Schulabschluss, denn Scientologen denken ja, dass man im Leben nichts anderes braucht als Scientology." Es überraschte sie nicht zu hören, dass er viel Auditing bekommen hatte, die berüchtigte Gehirnwäsche der Scientologen. Zurzeit lebt er von Hartz IV. "Ein nicht-scientologischer Freund hat ihn sozusagen wachgerüttelt, bis er sich traute, bei mir anzurufen. Er sagte, er habe die Schnauze voll von Scientology." Wenig später stand Daniel A. mit seiner Schwester vor der Tür der Scientology-Beauftragten, sie schaltete das Jugendamt ein, ihre Eltern wurden sofort informiert. Ursula Caberta verbrachte viel Zeit mit den beiden "Flüchtlingen", bummelte mit ihnen durch Hamburg, nahm das Mädchen in den Arm. "Es war wichtig, ihnen einfach ein Gefühl davon zu geben, dass es noch ein anderes Leben gibt", sagt sie. Sie habe den Eindruck gehabt, dass die Kinder regelrecht aufblühten. Als das Mädchen einmal ans Handy ging und mit ihrer Mutter sprach, hörte Caberta sie sagen: "Nein Mama, es geht diesmal nicht um dich - diesmal geht es um mich!" Das Mädchen blieb entschlossen. "Sie wollte auf keinen Fall in das Internat. Sie wusste von Daniel, was sie dort erwartete, weil er diese Schule besucht hatte." Die Sektenschule in Bjerndrup, fünfzig Kilometer hinter der deutschen Grenze, wurde Anfang der neunziger Jahre für Scientologen aus Deutschland eröffnet. Die Sekte wirbt im Internet für ihre "coole Schule", für die sich "kein Weichei zu melden braucht": "Der Schüler wird in der Studiertechnologie von L. Ron Hubbard unterwiesen, damit er versteht, was die Hindernisse beim Lernen sind und wie man sie beseitigen kann." Dänemark hat ein sehr liberales Schulgesetz, das es Sekten leicht macht, eigene Bildungseinrichtungen zu betreiben. Dreißig deutsche Kinder sollen Bjerndrup derzeit besuchen. Zu ihnen gehören möglicherweise vier Kinder aus Fürth bei Nürnberg, deren Onkel, Jörg Krafft, sich vor zwei Jahren an Caberta gewandt hat. Jörg Krafft ist ein ruhiger, schmaler Mann. Er spricht langsam und wählt seine Worte mit Bedacht. "Ich befürchtete, dass die Kinder nach Bjerndrup müssen", sagt er. Der 46-jährige Mann aus Köln wusste nicht, was er machen sollte. Denn anders als im Berliner Fall haben seine Nichten und Neffen keine Rückendeckung durch die Gerichte gefunden. Es sind die Kinder seiner jüngeren Schwester. "Sie sind Scientology-Kinder, und ich fürchtete, dass sie schwer geschädigt werden. Deshalb wollte ich ihnen helfen." Die Kinder sind heute zwischen dreizehn und siebzehn Jahren alt. Sie wurden wie auch Daniel A. und dessen Stiefschwester streng scientologisch erzogen. Was das hieß? "Das bedeutete, dass sie dauernd Kurse besuchen mussten und sich ansonsten selbst überlassen wurden. Denn die Eltern mussten ja dauernd in die Scientology-Niederlassung", erklärt Jörg Krafft. Er sagt, dass die Kinder oft allein zu Hause waren oder sogar von ihren Eltern irgendwo vergessen wurden. Als der neunjährige Neffe sich einmal böse an einer Bettkante stieß, habe er nicht geweint, sondern mit schmerzverzerrtem Gesicht nur gesagt: "Tut gar nicht weh." Das wird von Kindern bei Scientology erwartet, da sie als "Erwachsene in kleinen Körpern" gelten. Die 14-jährige Tochter der Berliner Scientology-Direktorin hat durch den Beschluss des Tempelhofer Familiengerichts Schutz erhalten. Ihr Bruder Daniel A. ist nach der Rückkehr nach Berlin aber wieder unter den Einfluss der Sekte geraten. Inzwischen gibt er eidesstattliche Versicherungen gegen die Hamburger Beauftragte ab. "Natürlich musste er wieder zum Auditing-Verhör", sagt Caberta. Dann erzählt sie von einem Geschenk, das ihr Daniel A. machte, am Tag, als er zusammen mit seiner Schwester zurück nach Berlin fuhr. Er hinterließ ihr einen Brief, der beweist, wie genau er wusste, was ihn in Berlin erwartete. "Hi Cabi", schreibt Daniel A. darin in krakeliger Schrift, "ich hinterlasse Dir hiermit die Bestätigung, dass ich freiwillig nach Hamburg gekommen bin und um Deine Hilfe ersucht habe. Du hast mir geholfen, aus Scientology rauszukommen, wofür ich Dir danke. Das Jugendamt kümmert sich dank Deiner Vermittlung nun um meine Schwester. Auch dafür danke ich Dir." Foto: Die Scientology-Zentrale in der Berliner Otto-Suhr-Allee. Die Direktorin musste zur Kenntnis nehmen, dass ihre Kinder genug von der Sekte hatten.

Berliner Kurier, 13.09.2007, Olaf Sonnenberg
VERBOT 
Rote Karte für Scientology-Werber Die Organisation soll künftig keine Passanten mit Büchern und Tests belästigen dürfen 
Charlottenburg-Wilmersdorf - Als erster Bezirk Berlins will Charlottenburg-Wilmersdorf der Scientology-Organisation verbieten, Passanten mit Broschüren, Büchern und dubiosen Tests zu belästigen. Den Antrag stellten jetzt die Grünen - mit guten Erfolgsaussichten im Bezirksparlament. Er sieht vor, Scientology-Werbung auf Gehwegen zu untersagen. Vor allem, wenn Broschüren und Bücher an Tischen angeboten werden, die nicht als Stände von Scientology zu erkennen sind. Stattdessen wird mit einem Bild Albert Einsteins und einem "Stresstest" geworben. Die Bezirksverordnete Ruth Vatter (Grüne): "Auch ich bin schon in beleidigender und aggressiver Weise von Scientologen belästigt worden. Wir wollen es auch nicht länger dulden, dass massiv versucht wird, Passanten in die Hauptstadtrepräsentanz in der Otto-Suhr-Allee zu locken." Die Bezirksverordneten hatten bereits im Januar einstimmig beschlossen, Scientology zu bekämpfen, vor allem mit dem Ordnungs- und Gewerberecht. Zudem soll die "knallharte Geschäftspolitik" der Organisation bekannt gemacht werden. Kurz zuvor hatte Scientology sechs Stockwerke in bester Lage angemietet. Experten glauben, dass hier nicht nur die Berliner, sondern die Zentrale für ganz Deutschland entsteht.

Humanistischer Pressedienst, 23.08.2007
Humanisten fordern verstärkte Aufklärung
BERLIN. (hpd) Der Humanistische Verband Deutschlands ist gegen eine Verbotsdebatte und fordert stattdessen mehr Aufklärungsarbeit über Scientology. Seit geraumer Zeit vergeht kaum eine Woche ohne Scientology-Schlagzeilen in den öffentlichen Medien. So flüchtete z.B. eine 14-jährige Berlinerin aus Angst auf ein Scientology-Internat in Dänemark geschickt zu werden nach Hamburg, um aus der geldgläubigen Gemeinschaft auszusteigen. Tom Cruise, einer der prominentesten Mitglieder der Sekte, die sich für eine Kirche hält, verschaffte der Organisation mit seinen Besuchen in der Hauptstadt und seinem umstrittenen Stauffenberg-Film ebenfalls viel Aufmerksamkeit. Nun hat die Hamburger Scientology-Beauftragte, Ursula Caberta, die Psycho-Organisation in ihrem "Schwarzbuch-Scientology" massiv angegriffen und damit eine neue Verbotsdebatte ausgelöst. Die derzeitige Aufgeregtheit in der Debatte über Scientology ist nach Ansicht des Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) nicht hilfreich. Ein geplanter Verbotsantrag, wie ihn jetzt einige Politiker wieder einmal fordern, hätte juristisch kaum eine realistische Chance. Er würde der Organisation eine nicht zu rechtfertigende öffentliche Aufmerksamkeit verleihen. Dagegen setzt der HVD auf verstärkte Aufklärungsarbeit. HVD-Bundesvorsitzender Dr. Horst Groschopp: "Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die jetzt nach Verboten rufen, mehr in die Aufklärungsarbeit investieren. Nur so kann diese Organisation mit ihren obskuren und menschenverachtenden Methoden entlarvt und damit auch nachhaltig in unserer Gesellschaft geschwächt werden." Der Humanistische Verband plädiert deshalb für mehr bürgerschaftliches Engagement. Jede und jeder kann seinen Beitrag leisten und die inhaltliche Auseinandersetzung mit Scientology suchen. Der Verband kritisiert zudem, dass im Zusammenhang mit dem jetzt erfolgten prominenten Ausstiegsfall ein mangelhaftes Hilfesystem in Berlin angeprangert werde. Dr. Groschopp: "Es wird gerade so getan, als ob aussteigwillige Scientologen in Berlin keine Unterstützung erhielten. Das ist so nicht wahr, denn sowohl die Senatsjugendverwaltung wie auch Behörden in Bezirken bieten Berliner Bürgerinnen und Bürgern Information und Unterstützung im Umgang mit so genannten Sekten wie Scientology". Der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Müller hat indes mit Unterstützung aller Parteien vorgeschlagen: Berlin soll einen Sektenbeauftragten bekommen. Grund dieser Initiative "seien die Aktivitäten der Scientology-Organisation, die in Berlin ihre Deutschlandzentrale eingerichtet hat, aber auch andere esoterische Gruppen", so SPD-Sprecher Peter Stadtmüller. Es wäre zu wünschen, dass, wenn eine solche staatliche Stelle eingerichtet wird, über die sogenannten Sekten hinaus auch über andere Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aufgeklärt wird. Das wäre ein Fortschritt, dominieren doch bisher in der öffentlichen Debatte Einschätzungen wie sie von den Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten der katholischen und evangelischen Kirche aus ihrer religiösen Sicht öffentlich vorgetragen werden. So ist weitgehend unbekannt, dass auch der Humanistische Verband Deutschlands in Berlin seit vielen Jahren sehr erfolgreich Aufklärung, Beratung und Information über so genannte Sekten, Psychogruppen und Okkultismus anbietet. Dazu der zuständige Referent Ulrich Tünsmeyer: "Bei Scientology handelt es sich klar um eine aggressiv agierende und hochgradig konfliktträchtige Organisation - allerdings helfen Aufklärung, öffentliche Beobachtung, das couragierte Engagement einzelner Bürger sowie das konsequente Anwenden geltender Gesetze sicher mehr die Expansionspläne der Scientologen zu verhindern, als der zweifelhafte Versuch sie zu verbieten."

Der Tagesspiegel, 18.08.2007
Scientologen gekündigt "Informationszentrum" der Sekte in der Meinekestraße muss wohl schließen
Einen herben Rückschlag müssen die Scientologen bei ihren Expansionsplänen in Berlin hinnehmen: Der Mietvertrag für ein "Informationszentrum" der Organisation, die wegen ihrer radikalen Weltanschauung vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ist vom Hausverwalter gekündigt worden. Dabei hatte der aufwendig ausgebaute Laden in der Meinekestraße erst Anfang Juni eröffnet als zweite Anlaufstelle neben der Zentrale in der Otto-Suhr-Allee. Das Zentrum ist nicht zu übersehen: "Dianetik" und "Scientology" stehen in großen Lettern über den Fenstern im Erdgeschoss. Darüber prangt ein Transparent, das immer noch für die "Eröffnungswochen vom 02. 06. 2007 bis 02. 07. 2007" wirbt. Kaum sind die vorbei, da schließt der Laden schon wieder - sofern die Kündigung rechtswirksam ist. Der Verwalter der Immobilie wollte den Vorgang gestern nicht kommentieren. In der Branche ist zu hören, dass das offensive Werben der Scientologen auf dem nahe gelegenen Kurfürstendamm sowie die Berichte über die umstrittenen Methoden der Organisation den Eigentümer des Gebäudekomplexes verschreckt hätten. In dem Haus gibt es zahlungskräftige Mieter, die sich gestört fühlen könnten - es könnte zu Auszügen und Einnahmeverlusten kommen. Dabei bemüht sich Scientology um einen modernen Anstrich für ihre Ideologie, auch in der Meinekestraße: Auf großen Flachbildschirmen werden die Lehren von L. Ron Hubbard in aufwendig produzierten Kurzfilmen vermittelt. Die schnittigen Bildsequenzen tragen die Handschrift Hollywoods - der Schauspieler Tom Cruise zählt zu den Missionaren der Sekte. Es gibt eine orangefarbene Couch und mit Plexiglas abgetrennte Bereiche. Hier finden die "Stress-Tests" statt, Fragestunden für Scientology-Novizen, die bereits tiefe Einblicke in die Psyche des "Patienten" vermitteln sollen. Auch ein "E-Meter" steht auf dem Besprechungstisch in der Meinekestraße. Gegner nennen es einen Lügendetektor. Bei den therapieähnlichen Sitzungen misst das Gerät angeblich die Leitfähigkeit der Haut des "Patienten". Dem "Therapeuten" sollen Ausschläge der Zeiger auf dem Gerät Rückschlüsse auf die Empfindungen des "Patienten" erlauben.

Der Tagesspiegel, 16.08.2007, Sabine Beikler
Berliner Senat SPD-Chef will Beauftragten für Sekten
Der Senat will erstmals einen hauptamtlichen Sektenbeauftragten in der Verwaltung einsetzen. Grüne, FDP und CDU unterstützen den Vorstoß von SPD-Chef Müller. "Wir brauchen einen direkten Ansprechpartner für Menschen, die durch Sekten oder Psychogruppen in Bedrängnis geraten. Es ist Aufgabe des Staates und nicht nur der Kirchen, dass es für Lebenshilfe auch eine staatliche Stelle gibt, die informiert und Hilfe vermittelt", sagte der SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Michael Müller dem Tagesspiegel. Der Sektenbeauftragte solle sich aber nicht nur um die Aktivitäten der umstrittenen Organisation Scientology kümmern, die Müller als Sekte bezeichnete. In Berlin gibt es auch noch viele andere sogenannte "konfliktträchtige Anbieter auf dem Lebenshilfemarkt", zu denen religiös-fundamentalistische Gruppen, esoterisch oder okkultistisch ausgerichtete Strömungen oder sogenannte Endzeitgruppen zählen, die den Weltuntergang voraussagen. Müller ließ offen, in welcher Verwaltung der Sektenbeauftragte arbeiten soll. "Darüber werden wir noch diskutieren", sagte er. Er schloss lediglich aus, dass diese Stelle in der Innenverwaltung angesiedelt wird. Möglicherweise wird der Sektenbeauftragte in der Bildungs- und Jugendverwaltung von SPD-Senator Jürgen Zöllner arbeiten. Dort gibt es bereits zwei Mitarbeiter, die ratsuchenden Menschen per Krisentelefon unter der Telefonnummer 90 26 55 helfen oder Kontakte an Beratungsstellen vermitteln. Grüne, FDP und CDU unterstützen den SPD-Vorstoß. "Es ist ein erster Schritt, dass etwas in Sachen Aufklärung passiert", sagte CDU-Innenpolitiker Frank Henkel. Die Union fordert als einzige Fraktion überdies ein Kompetenzzentrum Scientology. "Der Sektenbeauftragte muss vor allem die Aufklärungsarbeit verbessern", forderten die Abgeordneten Oliver Schruoffeneger (Grüne) und Björn Jotzo (FDP).

ad-hoc-news, 11.08.2007
Kolumne der Woche von Thomas Gandow
Scientology auf Schleichwegen in die deutsche Presselandschaft 
Mit der Eröffnung einer Haupstadt-Zentrale in Berlin Anfang des Jahres erklärte die Scientology-Organisation ihren Willen, "Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament" zu bauen. Das ist ein langer Weg. Berlin (ddp-lbg). Mit der Eröffnung einer Haupstadt-Zentrale in Berlin Anfang des Jahres erklärte die Scientology-Organisation ihren Willen, "Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament" zu bauen. Das ist ein langer Weg. In diesem Sommer haben es die scientologischen PR-Macher immerhin schon geschafft, Schleichwege in die deutsche Presselandschaft anzulegen. Es gab kaum eine Zeitung, deren Feuilleton nicht Positives daran fand, dass der Chef-Propagandist von Scientology, Tom Cruise, sich die Film-Rolle des deutschen Gewissenstäters Graf Stauffenberg gesichert hat. "Positioning" nennt Scientology es, wenn ihre Funktionäre es schaffen, gutes Image abzusaugen. Mit "Kunstfreiheit" oder gar "Glaubensfreiheit" wurde dieser PR-Coup in den Feuilletons verteidigt. Wie mit der Dampfwalze wurden kritische Einwände und Fragen weggebügelt: Als Privatangelegenheit verniedlicht wurde der erklärte politische und propagandistische Einsatz des Hollywood-Schauspielers für die "totale Vernichtung" der Psychiatrie. Umgekehrt wurde die schlichte Verweigerung einer Drehgenehmigung in der Reichstagskuppel für die Räuberpistole "Mission Impossible" vor Jahren nun zur "Ersten Vertreibung von Cruise aus Berlin" hochdramatisiert. Naiv gaben Feuilletonchefs die Schutzbehauptung der Organisation weiter, Religion zu sein. Dabei hat die Selbstdarstellung als Religion, wie aus den bekannten internen Anweisungen hervorgeht, nur den Zweck, die Öffentlichkeit über den wahren Charakter der totalitären Organisation zu täuschen - und Steuern zu sparen. Sorgfaltspflicht hätte das Studium der Quellen vor solchen Unbedenklichkeitserklärungen vorausgesetzt. Die in den USA auch als "Hass-Gruppe" bezeichnete Scientology-Organisation erhebt den Anspruch auf Gestaltung aller Lebensvollzüge ihrer Anhänger. Schließlich soll aber die ganze Gesellschaft scientologisch werden. Eine Hauptaufgabe der Scientologen ist es daher, sämtliche "Gegenabsichten zu entfernen. Ist das erreicht, wird das Ziel - Fremdabsichten zu entfernen". Zu den proklamierten Zielen von Scientology gehört auch die völlige Vernichtung ("total obliteration") aller Gegner, die als "Unterdrücker" ("supressive persons") und "antisoziale Personen" bezeichnet werden. Dazu rechnet Scientology 2,5 Prozent der Bevölkerung. Solche Zielsetzungen wären eigentlich Grund genug, sich auch in der Presse sorgfältig und gründlich mit den tatsächlichen Absichten der Organisation und ihrer Vertreter auseinanderzusetzen. Gegen ein Verbot der Organisation in Deutschland wird eingewandt, es fehle der Nachweis, dass Scientology seine verfassungsfeindlichen Ziele auch kämpferisch-aggressiv zu verwirklichen versucht. Artikel 9 des Grundgesetzes statuiert aber neben dem Verbot von gegen die verfassungsmäßige Ordnung gerichteten Vereinigungen auch das Verbot von Vereinigungen, "deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen". Glaubwürdige Vorwürfe über Betrug, Nötigung, Wucher und ständige Verstöße gegen das Heilpraktikergesetz verlangen es, wenigstens das Verbot einzelner Betätigungsfelder der Scientology-Organisation zu prüfen. Betroffene befürchten, bei Verlassen der Organisation mit dem Inhalt ihrer bei den Psychoverhören ("Auditing") angelegten "Fallakten" konfrontiert zu werden. Die berechtigte Angst vor Erpressung mit den Befragungsprotokollen gebietet es, der Datensammelwut der Organisation staatliche Grenzen zu setzen. Betroffene müssen endlich das Recht auf Aushändigung ihrer "Fallakten" und auf Löschung ihrer Daten erhalten. Prominente Edelzeugen wie Schauspieler, Oscar-Preisträger und Feuilleton-Chefs hin oder her: Political Correctness durch Diskussionsverbot ist das letzte, was wir in Deutschland brauchen können. (Thomas Gandow, 60, ist Pfarrer und Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz)

ad-hoc-news,  11.08.2007
Sektenbeauftragter fordert schärferes Vorgehen gegen Scientology
Berlin (ddp-bln). Der Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg, Thomas Gandow, dringt auf ein schärferes Vorgehen gegen die umstrittene Scientology-Organisation. Die Organisation erhebe "Anspruch auf Gestaltung aller Lebensvollzüge ihrer Anhänger", schrieb Gandow in einem am Samstag veröffentlichten Beitrag für die "Kolumne der Woche" der Nachrichtenagentur ddp. Schließlich "soll aber die ganze Gesellschaft scientologisch werden". Gegen ein Verbot der Organisation in Deutschland werde eingewandt, es fehle der Nachweis, dass Scientology seine verfassungsfeindlichen Ziele auch kämpferisch-aggressiv zu verwirklichen versucht, sagte der Sektenbeauftragte. Artikel 9 des Grundgesetzes statuiere aber neben dem Verbot von gegen die verfassungsmäßige Ordnung gerichteten Vereinigungen auch das Verbot von Vereinigungen, "deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen". "Glaubwürdige Vorwürfe über Betrug, Nötigung, Wucher und ständige Verstöße gegen das Heilpraktikergesetz" verlangten es, wenigstens das Verbot einzelner Betätigungsfelder der Scientology-Organisation zu prüfen, sagte Gandow.

Berliner Zeitung, 08.08.2007, Frank Nordhausen
Hamburgs Senat will Scientology verbieten lassen Innenbehörde reagiert auf "Schwarzbuch"
HAMBURG. Hamburgs parteiloser Innensenator Udo Nagel hat ein Verbot von Scientology gefordert. Die Innenministerkonferenz habe sich bereits mit dem Thema befasst, im Herbst solle das Thema erneut auf die Tagesordnung, sagte Nagel gestern im Hamburger Rathaus. Zuvor hatte die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta erklärt: "Wir haben genug Material zusammen, um Scientology zu verbieten." Scientology sei "eine verfassungsfeindliche, extremistische und menschenverachtende Organisation". Anlass der Äußerungen war ein Buch, das Caberta gestern vorstellte. Es heißt "Schwarzbuch Scientology", schildert unter anderem tragische Schicksale von Kindern, deren Eltern der Psychosekte angehören und könnte aktueller kaum sein. Gerade zehn Tage ist es her, dass die 14-jährige Tochter der Berliner Scientology-Chefin und ihr 25-jähriger Stiefbruder nach Hamburg flüchteten, weil sie die Sekte verlassen wollten. Das Mädchen suchte Schutz beim Hamburger Jugendamt. Sie ging davon aus, dass man ihr in der Hansestadt kompetent würde helfen können. Tatsächlich hat sich Ursula Caberta sofort um sie gekümmert. Die 56-jährige Diplom-Volkswirtin bekleidet eine weltweit einzigartige Position. Sie leitet die Arbeitsgruppe Scientology bei der Hamburger Innenbehörde, seit diese vor 15 Jahren eingerichtet wurde. Das "Schwarzbuch Scientology" enthält die Summe ihrer Erfahrungen und gibt in nüchterner Sprache Einblicke in die geheimnisumwitterte Sekte. Vor allem kreist es um ein vernachlässigtes Thema - die "verlorene Kindheit" der "Sektenkinder", die anders als Erwachsene keine Wahl haben, ob sie "Thetane in kleinen Körpern" sein wollen. "In der letzten Zeit habe ich oft das Gefühl, dass die gesamte Aufklärung über Scientology von vorn beginnen müsste", sagt Ursula Caberta. "Als hätte es die Diskussionen der neunziger Jahre gar nicht gegeben." Obwohl zahlreiche Bücher über den Psychokult erschienen, ist derzeit keines auf dem Markt, das umfassend aufklärt. Hier soll das "Schwarzbuch" Abhilfe schaffen. Anlass zur Gründung ihrer "Arbeitsgruppe Scientology" war die ausufernde Betätigung von Scientologen in Wirtschaftsunternehmen nach der Wiedervereinigung. Firmen wurden regelrecht ausgenommen, Mieter bedroht, in einigen ostdeutschen Regionen wurde auch Einfluss auf politische Entscheidungen ausgeübt. Schwerpunkt der Aktivitäten war Hamburg. Die Arbeitsgruppe Scientology hat heute sechs fest angestellte Mitarbeiter. Sie sammeln internes Sektenmaterial und helfen Menschen, die Scientology verlassen wollen. In ihren Tresoren lagert eine einzigartige Dokumentation über Scientology, was dabei half, dass die deutschen Innenminister 1997 diese als "neue Form des politischen Extremismus" einstuften und seither bundesweit vom Verfassungsschutz beobachten lassen. Ursula Caberta ist eine robuste Frau, die ihr Amt durch viele Turbulenzen gesteuert hat. Sie wurde bedroht, verklagt, verleumdet. Zuletzt wollte ihr Scientology untersagen, die Sekte als "Gehirnwäschekult" zu bezeichnen. Doch ein Gericht hat die Klage abgewiesen. Eine Zeit lang war es ruhig um Scientology, die in Deutschland schätzungsweise 6 000 Mitglieder hat. Doch seit kurzem ist die Psychosekte plötzlich wieder sichtbar. Neue Quartiere in den europäischen Hauptstädten wurden bezogen, die politische Lobbyarbeit und die Mitgliederwerbung - besonders in Berlin - wurde intensiviert. Scientology wollte auch schon im Vorfeld gegen Cabertas "Schwarzbuch" vorgehen und die Auslieferung durch Abmahnschreiben stoppen - bisher jedoch vergeblich.

taz, 07.08.2007
Gericht lässt Scientologen abblitzen
Die Sektenbeauftragte des Senats, Ursula Caberta, darf die Presse über die Flucht einer 14-jährigen Tochter von Scientologen aus Berlin informieren, entschied gestern das Hamburger Verwaltungsgericht Es war kein guter Tag für Scientology: Erst der Auftritt von Innensenator Udo Nagel, der bei der Vorstellung des "Schwarzbuchs Scientology" ein Verbot der Sekte forderte. Wenige Stunden später dann die Niederlage zweier Scientologen-Eltern aus Berlin vor dem Hamburger Verwaltungsgericht. Per Eilantrag hatten sie der Sektenbeauftragten des Hamburger Senats und "Schwarzbuch"-Autorin, Ursula Caberta, verbieten wollen, sich über die Flucht ihrer 14-jährigen Tochter nach Hamburg zu äußern. Weder die Tochter noch sonst jemand sei in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt worden, urteilte das Gericht. Alles deute darauf hin, dass Caberta die Informationen anonymisiert habe. Dass sie die Stiefmutter des Mädchens als "Scientology-Direktorin" bezeichnet habe, reiche nicht aus, um diese für Außenstehende zu identifizieren. Die Nennung des Namens der Frau in Presseberichten könne auch das Ergebnis journalistischer Recherche sein. Das Mädchen hatte sich am vergangenen Wochenende zusammen mit seinem 25-jährigen Stiefbruder bei Caberta gemeldet, die mit der "Arbeitsgruppe Scientology" eine Anlaufstelle für ausstiegswillige Sektenmitglieder leitet. Das Mädchen wollte nicht in ein Scientology-Internat nach Dänemark geschickt werden (taz berichtete). Außerdem befürchtete es eine Kontaktsperre zu seinem Bruder, der seinen Austritt bereits erklärt hatte. Bis zur Entscheidung des Jugendgerichts befindet sich das Mädchen in Obhut des Jugendamts. Ein Gespräch mit der Mutter verlief offenbar ergebnislos. Unterdessen hat sich die Hamburger SPD der Verbotsforderung des Innensenators angeschlossen. Die zuständigen Stellen hätten "unsere volle Rückendeckung beim Kampf gegen den gefährlichen Psycho-Konzern Scientology", erklärte der SPD-Abgeordnete Andreas Dressel. Caberta saß vier Jahre für die SPD in der Bürgerschaft, Sektenbeauftragte wurde sie noch unter Rot-Grün.

REPUBLIK 07.08.2007, BIRGIT WITTSTOCK
Operation Mindfuck 
Sie beobachten die Toten. Sie erklären dir, wie ruiniert du bist. Und verlangen auch noch Geld dafür. Ein Nachmittag bei Scientology.
Depressiv, instabil, unverantwortlich, übermäßig kritisch und selbstsicher. "Das sieht nicht gut aus. Wie beurteilst du selbst das Ergebnis?" Von der kahlen weißen Wand schickt Lafayette Ronald Hubbard ein unverwüstliches Lächeln. Wissend, verschwörerisch und mit sich im Reinen. Den steifen weißen Hemdkragen weltmännisch über den des grauen Sakkos geklappt. Das schüttere Haar aus der hohen Stirn gekämmt: ordentlich und aufgeräumt. Alfred* gibt sich alle Mühe, hinter seinem Arbeitstisch aus dunklem Holz Rons Aura heraufzubeschwören. Sein Anzug sitzt so korrekt wie seine Frisur. Vor ihm liegt ein Ausdruck der "Oxford Capacity Analysis". Er setzt eine besorgte Miene auf, als er das Kurvendiagramm interpretiert. Die standardisierte Persönlichkeitsanalyse ist der erste Schritt in ein besseres Leben; in ein Leben, das man dank der Lehren Rons und der Unterstützung von Scientology selbst in der Hand hat, verheißt man bei der Scientology-Kirche. 200 Fragen die man mit "Ja oder überwiegend Ja", "unsicher" oder "Nein oder überwiegend Nein" beantworten muss, um den Scientology-Leuten einen Überblick über das zu behandelnde Problem zu verschaffen. "Macht Ihnen ein geringfügiges Versagen Ihrerseits nur wenig Sorgen?", "Sind Sie für Rassentrennung und Klassenunterschiede?" oder "Sprechen Sie langsam?" Am Ende werden die Antworten vom Computer ausgewertet. Der persönliche "Ruin" wird grafisch vor Augen geführt und liegt faktisch untermauert auf dem Tisch. "In deiner gegenwärtigen Lage kannst du nicht selbst entscheiden. Du bist beeinträchtigt von deinem Ruin. Aber es liegt in deiner Hand, etwas dagegen zu unternehmen. Wenn du möchtest, können wir dir dabei helfen, dich aus dieser unzufrieden stellenden Situation zu befreien", sagt Alfred ohne jegliches Mitgefühl in der Stimme. "Ich kann mir vorstellen, dass du dich momentan nicht sehr wohl fühlst." Selbst dort, wo die Kurve steil in den "wünschenswerten Zustand" ragt, sieht Alfred Grund zu Kritik. Diese Kombination aus übertriebener Selbstsicherheit, Aktivität und Fähigkeit würde andere vor den Kopf stoßen und zu manischer Selbstüberforderung führen. Am Ende stehe der unabwendbare Zusammenbruch. "Ist das stimmig?", fragt Alfred mit fixierendem Blick. Völlig stimmig. "Dann gehen wir es an", sagt Alfred. Das "Angehen" kostet 21,30 Euro und beinhaltet einen Kurs zum Thema "Kommunikation". Zuerst legt Alfred noch einen zweiseitigen Vertrag auf den Tisch. Ich unterschreibe, dass ich die Scientology Kirche niemals klagen werde. Die Wartezeit kann man sich im Zentrum der Scientology-Kirche Österreich im sechsten Wiener Bezirk mit Lesen vertreiben. Das Zentrum liegt im Souterrain eines Altbaus unweit der Mariahilfer Straße. Die Einrichtung ist minimalistisch und auf das Wesentlichste reduziert. Die Räume ähneln einem Fuchsbau: verwinkelte Gänge, kleine Kammern. Im Eingangsbereich, der "Reception", liegen in breiten Bücherregalen die Werke L. Ron Hubbards auf. Hubbard war ein fleißiger Schreiber, hatte zu jedem erdenklichen Thema etwas beizusteuern. Neben seinem Bestseller "Dianetik", in dem er seine Lehre erklärt, türmen sich Bücher, in denen Hubbard in Fotografie und Kunst einführt. Daneben Bücher über Partnerschaft, Drogen und das "Dianetik-Selbsthilfepaket": für jedes Problem eine Lösung. Sonja strahlt übers ganze Gesicht. "Schön, dass du gekommen bist", sagt sie mit starkem Kärntner Akzent und streckt ihre Hand aus. Der Eiffelturm, an einem goldenen Bettelarmband an ihrem Handgelenk festgemacht, schwingt bei jeder Bewegung heftig mit. Alfred kommt aus seinem Büro und verlangt weitere vier Euro für die Kursunterlagen. Die Blicke der beiden sind bohrend und der geringe Abstand, in dem sie sich aufbauen, körperlich unangenehm. Sonja lacht. Alfreds ernstes Gesicht wirkt wie eingefroren. Good Cop und Bad Cop. Vorbei an der "Reception", hinter der die Büros liegen, gehen wir in den Seminarraum. An einer der Türen ist auf einer goldenen Tafel "L. Ron Hubbards Büro" zu lesen. Hubbard ist seit 21 Jahren tot, doch ist in jedem Scientology-Zentrum weltweit ein perfektes Abbild seines Büros eingerichtet. Die Allgegenwart von Rons Geist bekommt dadurch eine räumliche Dimension. Im Seminarraum wird der spartanische Einrichtungsstil fortgeführt: ein Tisch mit vier Sesseln in der Mitte und ein Schreibtisch in der rechten Ecke. Dahinter hängen drei goldgerahmte Zertifikate der Scientology Academy Florida, die Sonjas Status als "Coach" bescheinigen. An der Längs- und Breitseite des Raumes stehen zwei Regale: eines voller Wörterbücher und Lexika, eines mit Dianetik-Selbsthilfepaketen und Ordnern. Mit etwa zehn Schritten durchquert man den Raum und kommt in eine angeschlossene Kammer, die vom eigentlichen Seminarraum durch ein großes Fenster ein-sehbar ist. Das Bild wiederholt sich: ein Tisch, vier Sessel und ein Regal, beladen mit Selbsthilfepaketen. Auf den Studiertischen stehen geflochtene Körbchen mit bunten Holzbauklötzen und Holztieren darin. Sonja setzt sich hinter den Schreibtisch, auf dem sich Aktenordner türmen. Sie lässt mich meine erfundenen Personendaten wiederholen und legt eine Mappe an. Wie hast du eigentlich von dem Seminar erfahren?", fragt sie und zupft an den Spitzen ihrer langen blondierten Haare. "Über eine Studienkollegin." "Hat sie einen Kurs bei uns gemacht?" Sonja schaut mir aufmerksam in die Augen. Ihr grün glitzernder Lidschatten ist verwischt, das Haar am Ansatz dunkel und fettig. Sie ist verschwitzt und wirkt abgekämpft. "Weil es draußen so heiß ist", entschuldigt sie sich ungefragt. "Wie heißt denn deine Kollegin?" "Eleonore", sage ich, ohne nachzudenken. Sonja sieht mich scharf an. "So eine kleine, dunkelhaarige. Du weißt schon. Mit schulterlangen Haaren", sage ich. Sonjas angestrengter Blick schweift zum Fenster, das mit weißem Papier verhangen ist. Mit einer Hand befühlt sie das Kreuz mit den vier sternförmigen Strahlen - das Symbol von Scientology, das sie an einer Silberkette um den Hals trägt. Durch einen kleinen Spalt sieht man die Füße vorbeigehender Passanten. Dann lächelt sie und nickt. "Ja, ich weiß, wen du meinst." Nachdem sich Sonja erfolgreich an eine erfundene Person erinnert hat, will sie noch mehr wissen. Sie beginnt, von sich zu erzählen: von ihrem BWL-Studium in Graz, dem Umzug nach Wien, wo sie sich als "Landei" bis heute nicht zurechtfindet, und von ihrem Jahr in Florida, wo sie sich ganz Rons Lehren widmen konnte. Ich erzähle ihr im Gegenzug ein paar ausgedachte Geschichten über mich. Sie strahlt. Nach getanem Smalltalk beginnt der Kurs. Sonja schickt mich ins Nebenzimmer, um die Kommunikationsmodelle und Theorien L. Ron Hubbards zu "studieren". Sie übergibt mir eine Kopie, auf der sämtliche Punkte des Kurses aufgelistet sind und die nach erfolgreicher Beendigung jedes Teils unterschrieben werden müssen. Sie schließt die Tür, setzt sich an ihren Schreibtisch und beobachtet mich durchs Fenster. Das erste Kapitel umfasst ein Editorial, in dem Scientology als "geisteswissenschaftliches, philosophisches Wissensgebäude" erklärt wird. Titel: "Scientology - Die Welt zu einem besseren Ort machen". Darauf folgt eine umständliche Definition des Begriffs Kommunikation, illustriert mit altbackenen Schwarz-Weiß-Fotos, die aussehen, als könnte sie Hubbard selbst geschossen haben. Jemand hat das Nebenzimmer betreten. Offenbar eine Frau. Die Stimme klingt jung und dringt leise durch die geschlossene Tür."Bitte ruf sie an. Sie geht mit dir in die Klasse und kennt dich", sagt Sonja. Es sei nichts dabei. "Ich kann natürlich auch anrufen, aber besser wäre es, wenn du es tust." "Ich will nicht", antwortet die andere Stimme. "Na, sei nicht so", sagt Sonja freundlich und bestimmt. Nach einigem Hin und Her lässt sich die Unsichtbare breitschlagen und geht telefonieren. Einige Augenblicke später ist sie zurück. "Es hat niemand abgehoben", sagt sie und ihre Stimme klingt erleichtert. "Hast du eine Nachricht hinterlassen?" "Nein." "Dann probierst' es später noch mal, ja?", sagt Sonja und schickt ein blendendes Lächeln hinterher. Nach rund 20 Minuten beginnt die eigentliche Arbeit: Sonja holt mich in den Seminarraum. Bei Scientology gehe es um das "richtige Verstehen". Es bilde die Grundlage allen Erfolgs, dass Begriffe nicht missinterpretiert würden, denn sobald man ein Wort missverstehe, sei es vorbei. Sie beginnt mich zu prüfen. Wortdefinitionen von Begriffen wie Ursache, Partikel, Duplikat und Axiom. Antworten hat sie selbst kaum parat, weshalb sie zur Kontrolle in gängigen Wörterbüchern und Lexika nachschlägt. Manche Begriffe haben im Scientology-Sprech besondere Bedeutung. Als ich Partikel mit Teilchen oder Stückchen erkläre, schüttelt Sonja milde den Kopf. Dann greift sie nach einem speziellen Scientology-Wörterbuch und liest: "Jede Kommunikation umfasst ein Partikel, das in einer von vier Kategorien sein kann: ein Gegenstand, eine schriftliche Mitteilung, ein gesprochenes Wort oder eine Idee -verstanden?" Danach lässt sie mich die beschriebenen Modelle so lange wiederholen und erklären, bis die Scientology-Termini sitzen. Das grundlegende Modell ist dabei jenes der "einfachen Kommunikation": Die beiden "Terminale" A und B kommunizieren miteinander. Dies bedarf der "Absicht" von A und der "Aufmerksamkeit" von B. Bei B muss weiters eine "Duplikation" stattfinden, was in Scientologisch als "die Aktion, etwas genau zu reproduzieren" definiert wird. "Das Ausmaß der Realität, das in diesem Kommunikationszyklus erreicht wird, hängt vom Ausmaß der Duplikation ab." Im nächsten Schritt müsse A das duplizieren, was von B ausging, erklärt Hubbard in seinem Lehrbuch. "Wenn dies gemacht wurde, dann gibt es keine nachteiligen Konsequenzen." Hubbards Weisheit letzter Schluss: "Kommunikation scheint in diesem Universum das einzige Verbrechen zu sein und die einzige Rettung für eine Person liegt in der Kommunikation." Nach langwierigem, pedantischem Wiederkäuen dieser Botschaften kommen "Demos" an die Reihe: Die Kommunikationsmodelle sollen anhand von Rollenspielen mit den Bauklötzchen veranschaulicht werden, die beteiligte Personen und Interaktionen symbolisieren sollen. "Damit es wirklich klar ist, sonst hast du nichts davon", sagt Sonja. Nächstes Kapitel, selbes Spiel. Nach vier zermürbenden Stunden des unablässigen Wiederholens, Definierens und Darstellens betritt ein Mädchen die Kammer. Sie setzt sich wortlos auf die gegenüberliegende Seite des Tisches und versinkt sofort in ihren Unterlagen, die aussehen, als ob sie für Leseanfänger geschrieben wären: große Buchstaben, doppelter Zeilenabstand und viele Illustrationen mit Sprechblasen. Das Mädchen folgt den Buchstaben mit dem Zeigefinger der rechten Hand und liest sich selbst leise vor. Mit der linken Hand baut sie mit schnellen, geübten Bewegungen "Demos" auf und ab. Die Welt um sie herum existiert nicht mehr. Das Aufgabenblatt verlangt nach einem Aufsatz. Es ist bereits der Zweite an diesem Nachmittag. Diesmal soll der Student die Kommunikation der Mitstudenten nach dem Hubbardschen Modell analysieren. Das Problem: Es gibt nur eine Mitstudentin, und die kommuniziert nicht. Sonja hat schnell eine Lösung parat. Sie schickt mich auf die nahe Mariahilfer Straße. Unter Beobachtung von Barbara, meinem Gegenüber. Als sie leise ihren Namen murmelt, erkenne ich die Stimme von vorhin wieder. Barbara ist wenig begeistert, aber sie fügt sich den Anweisungen. Mit langen Schritten steigt sie die Stiegen zu der Einkaufsstraße hinauf. Barbara ist etwa 1,85 und scheint sich in ihrem Körper nicht wirklich wohl zu fühlen. Sie bewegt sich mit der ungelenken Unsicherheit eines pubertierenden Teenagers. Ihr ernstes, ungeschminktes Gesicht ist von Akne gezeichnet, das dunkelbraune Haar streng zu einem Zopf gebunden. Das pinke Sweatshirt, das sie trägt, sieht aus wie aus den Achtzigern. Barbara ist 18 und geht noch zur Schule. Sie ist ständige Mitarbeiterin in der Scientology Kirche Österreich und träumt davon, wie Sonja nach Florida zu gehen und die Zertifikate zum "Coach" zu machen. "Aber dafür bedarf es noch vieler Kurse", sagt sie. Wie sie diese Kurse finanziert, darüber will Barbara nicht sprechen. Auch sonst ist sie nicht gerade redselig, was persönliche Dinge angeht. Dafür erzählt sie ausführlich, wie sie manchmal stundenlang einen einzigen Satz studiert. Die Lehre von Scientology zu verinnerlichen sei harte Arbeit. Und: Es würde ihr ja nur dann helfen, wenn sie wirklich verstanden habe, was Ron gemeint hat. Die Suche nach geeigneten Kommunikationen ist auf der Mariahilfer Straße einfach und schnell erledigt: Ich belausche den Streit zwischen drei Männern und zwei Burschen, die mit ihren Fahrrädern am Gehsteig gefahren sind. Ein Paradebeispiel von "Nichtkommunizieren", in perfektem Scientologisch beschrieben. "Das hast du ganz richtig verstanden", sagt sie. Der Weg zu diesem Verständnis war ein steiniger: Bei der vorangegangenen Diskussion über das "Nichtkommunizieren" prallten zwei Welten aufeinander. Sonja wiederholte gebetsmühlenartig Hubbards Weisheit: "Ein Mensch ist so tot, wie er nicht kommunizieren kann." In den Unterlagen wird das "Nichtkommunizieren" als "Nichtbereitschaft, Kommunikationen auszusenden oder zu empfangen" oder auch als "zwanghafte Kommunikation ohne Richtung und ohne den Versuch, duplizierbar zu sein" bestimmt. Auch "Individuen, die beim Empfang von Kommunikation schweigend dastehen und nicht bestätigen oder nichts erwidern" kommunizieren dem Modell nach nicht. "Sie sind tot", sagt Sonja. Meinen Einwand, dass Kommunikation nicht nur über Sprache passiert, wischt sie mit einer wegwerfenden Handbewegung vom Tisch. Nach einstündigem, hartnäckigem Aneinandervorbeireden mache ich es mir leichter. Ich akzeptiere für den Rest des Kurses meinen Tod und attestiere ihn den nichts ahnenden Probanden. Sonja ist vom Aufsatz begeistert. Es geht weiter wie gehabt: lesen, definieren, wiederholen und endlos "Demos" abspielen. Die Konzentrationsfähigkeit hat nach sieben Stunden ihren absoluten Tiefpunkt erreicht. Sonja ist ungehalten. "Die ,Demos` nicht vergessen. Immer während dem Studieren ,Demos` machen, sonst lernst du nichts." Es ist Abend geworden. Im Seminarraum nebenan haben zwei Männer am Arbeitstisch Platz genommen. Der "Coach" ist von seinem Studenten hörbar beeindruckt. Durch die Tür dringen Definitionen mit der Geschwindigkeit von Maschinengewehrsalven. Sonja lässt indes nicht locker. Sie will mich nicht aufgeben, befindet aber letztlich, dass es keinen Sinn mehr habe. Ich sei über einen Begriff gestolpert, den ich nicht verstanden habe, und deshalb könne ich nichts mehr behalten. Erneut Begriffsdefinitionen. "Das müssen wir das nächste Mal alles wiederholen", sagt sie. "Wann hast du Zeit? Morgen? Übermorgen? Du musst deinen Stundenplan abgeben." Der Arbeitsplan für die nächste Einheit: Trainingsübungen, bei denen sich Coach und Student in einem Meter Abstand gegenübersitzen, ohne sich zu bewegen. Stundenlang. Danach die Steigerung: bewegungsloses Gegenübersitzen und verbale Angriffe über sich ergehen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine halbe Stunde nach dem vereinbarten Zeitpunkt läutet das Telefon. Auf der Mobilbox erinnert Sonja mit zuckersüßer Stimme daran, dass ich heute "eigentlich in der ,Org` einen Termin gehabt" hätte. "Wann kommst du denn? Wäre total super, wenn du mich anrufen könntest." Zwei Tage später noch eine Nachricht: "Wollte nur mal schauen, wie's dir geht. Ob du irgendetwas nicht verstanden hast oder ob dir etwas dazwischengekommen ist." Und mit Nachdruck: "Ruf mich an."
*Aus Rücksicht auf die handelnden Personen wurden sämtliche Namen geändert. 
FRAGE AN DIE MAUS,   Was ist Scientology und wer steht dahinter? 
Erstmals wurde John Sweeney mit seinen eigenen Waffen geschlagen: Der BBC-Reporter hatte jüngst in Los Angeles für eine TV-Doku über die Scientology-Kirche recherchiert, die dort ihren Hauptsitz hat. Womit er nicht gerechnet hatte: Die Scientologen verfolgten den Reporter sechs Tage lang auf Schritt und Tritt. Sie filmten ihn und warfen ihm unentwegt vor, seine Berichterstattung sei einseitig und unprofessionell. Irgendwann verlor Sweeney die Fassung und brüllte den Scientology-Sprecher an. Ein paar Tage bevor die BBC die Reportage ausstrahlte, stellte Scientology Sweeneys Ausraster auf die Videoplattform YouTube. Ergebnis: Kritisiert wurde nicht Scientology, sondern die Methoden der BBC. Heute steht die im Jahr 1954 von Lafayette Ronald Hubbard (1911-1986) gegründete Church of Scientology in vielen Ländern im Ruf einer gefährlichen Sekte. Nach Hubbards esoterischem Weltbild, das er in seinem Buch "Dianetik" beschreibt, kann der Mensch in acht Stufen durch körperliche und geistige Arbeit den Zustand der "völligen Freiheit" erlangen. Dafür müssen kostenpflichtige Kurse besucht werden. Wie teuer diese sind, gibt Scientology nicht bekannt. Laut Scientology-Österreich-Sprecherin Sonja Henkel gibt es weltweit acht bis neun Millionen Mitglieder, davon rund 5.000 in Österreich. German Müller, Leiter der Bundesstelle für Sektenfragen, verweist auf den Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2006, laut dem es etwa 120.000 Scientology-Mitglieder weltweit gibt. In Österreich sind es 300 bis 500-die Angaben kommen von Personen, die sich laut Müller "von der Gruppe distanziert haben". Die meisten Scientologen leben in den USA, dort hat Hubbards Kult prominente Anhänger wie Tom Cruise und John Travolta. In Österreich ist Scientology als Verein seit Anfang der Siebziger vertreten. Hierzulande gibt es zwei Kirchen: eine in der Capistrangasse im sechsten Wiener Bezirk und das "Celebrity Center" in der Favoritner Senefeldergasse, das Prominente werben soll. Oberster Scientologe ist der Amerikaner David Miscavige, der Vorsitzende in Österreich heißt Peter Fleischer.

Der Tagesspiegel, 06.08.2007, Sabine Beikler
Mission: Europa 
Religion oder totalitäres System? Das "Schwarzbuch Scientology" warnt vor Verharmlosung der Sekte Von 
Jeder Demokrat musste in der Debatte um den Scientologen und Schauspieler Tom Cruise als filmischen Darsteller des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg irgendwann Farbe bekennen und sich schützend vor die Glaubens- und Religionsfreiheit stellen. Stehen aber tatsächlich auf der einen Seite deutsche Scientology-Paranoia, auf der anderen Seite Glaubensfreiheit? In der auf absolute Religionsfreiheit bedachten USA ist Scientology zwar als Kirche anerkannt. Doch auch in Amerika gibt es scharfe Kritiker wie den Sektenexperten Rick Ross, der Scientology als "prinzipiell totalitäres System" bezeichnet. In Deutschland wird die Organisation vom Verfassungsschutz beobachtet. "Zu Recht", schreibt der bayerische CSU-Innenminister Günther Beckstein im Vorwort zum "Schwarzbuch Scientology" von Ursula Caberta, das am Dienstag offiziell vorgestellt wird. Scientology sei eine "menschenverachtende Psycho-Ideologie, die eine totalitäre Gesellschaft aus gefügigen Anhängern fordert. Ihr Ziel ist die völlige Unterordnung des Einzelnen". Um sich öffentlich gut zu präsentieren, erwecke Scientology deshalb den Eindruck einer harmlosen Religionsgemeinschaft. Die 57-jährige Autorin leitet seit 1992 die Arbeitsgruppe Scientology bei der Hamburger Innenbehörde und ist eine ausgewiesene Scientology-Expertin (siehe Seite Drei). Von einem missionarischen Eifer, die Organisation in Misskredit zu ziehen, wie es ihr Kritiker vorhalten, ist in dem Buch nichts zu lesen. Sie beschreibt klar und schnörkellos, dass Scientology jeden treffen kann, nicht nur labile Menschen. Für die direkte Ansprache gibt es die "Orgs", die Scientology-Missionen und Kirchen. Deren Aufgabe ist es, das intern bezeichnete "raw meat", das rohe Fleisch, auf der Straße, in der Familie oder im Kollegenkreis anzuwerben. Das machen ehrenamtlich "Geistliche", in der Organisation werden sie "Auditoren" genannt, die die scientologischen Techniken beherrschen. Die Anwerbeversuche funktionieren in der Regel durch Persönlichkeitstests, die mit einer Analyse und bezahlten Kursen als Problemlösung enden. Besonderen Wert legt die Organisation auf ihre Antidrogenkampagne, bei der sie ihr Programm Narconon anpreist. Narconon wurde von Drogenbeauftragten mehrfach kritisiert, weil die eine Abhängigkeit - Heroin - lediglich durch eine andere Abhängigkeit - Scientology - ersetzt werde, ohne dass Konflikte aufgearbeitet werden. Cruise reagierte in einem "Spiegel"-Interview vor zwei Jahren ungehalten auf die Feststellung, dass das von ihm hoch gelobte Narconon-Programm als Entzugsverfahren nicht anerkannt sei: "Sie verstehen nicht, was ich sage. Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass es nur ein erfolgreiches Drogen-Rehabilitationsprogramm gibt in der Welt. Punkt." Der 1986 gestorbene Scientology-Gründer L. ("Lafayette") Ron Hubbard war Science-Fiction-Autor. Aus seiner Feder stammt die "Weltraum-Odyssee", so Caberta, mit einem Feind namens Xenu aus dem All, einer Erde namens "Teegeack" und in Vulkane gestopften Thetanen, die mit Wasserstoffbomben in die Luft gesprengt wurden. Thetane gibt es heute noch, sie sind geistige Wesen, die durch verschiedene Scientology-Methoden gerettet werden können. Es gibt auch lebende operierende Thetane (OTs) wie Tom Cruise, die durch mehrere Feuerwände gehen müssen. Ihr Ziel: die Herrschaft über das "MEST" - Materie, Zeit, Raum und Energie. Doch Scientology ist mehr als nur der Glaube an solche abstrusen Theorien. Die Organisation ist hierarchisch durchorganisiert, es gibt Verhaltenscodices, Ethik-Offiziere, interne Kontrolle, einen Geheimdienst namens OSA (office of special affairs), eine eigene Sprache, wie Caberta beschreibt. Ehebruch heißt zum Beispiel "Out 2 D-Feststellung". Scientology ist vor allem eines: ein Wirtschaftsunternehmen. Eine separate Abteilung ist "Wise", das World Institute of Scientology Enterprises, ein Verband von Scientologen oder scientologisch geführten Firmen. Die Wise-Richtlinie Nr.1 erklärt als eines der Ziele, "die administrative Technology L. Ron Hubbard in jedem Unternehmen der Welt voll zum Einsatz zu bringen". Wer nicht systemkonform funktioniert, wer Kommunikations- oder Führungskurse verweigert, bekommt Probleme. Genau geregelt ist die Firmenübernahme durch eine von Caberta beschriebene Verwaltungsanordnung. Für den scientologischen Nachwuchs gibt es eigene Schulen in den USA oder Dänemark. In Deutschland ist es Scientology bisher nicht gelungen, Privatschulen zu gründen. Einen speziellen Drill für die Eliteeinheiten, die "Sea Orgs", bietet Scientology in den Europazentren Kopenhagen und in West Sussex in der Nähe von London an: Jedes Mitglied muss einen Aufnahmevertrag mit einem Ewigkeitsgelübde über eine Milliarde Jahre unterzeichnen. Dann beginnt das Programm Estate Project Force (EPF). Caberta beschreibt den Fall einer jungen Frau in Kopenhagen: Sie lebt mit 300 Personen auf engstem Raum. Die Uniform ist ein blauer Overall, der Tag besteht aus Arbeit, Studierzeit, Schlafen. Das Wichtigste: das Erlernen der Hubbard'schen Sprache. Zitate müssen wiederholt, Begriffe umdefiniert werden. "Overts" müssen aufgeschrieben werden. Ein "Overt" ist eine schädliche Handlung. Vergehen werden bestraft: Die Person gilt als out-ethic und könnte sogar in einem Rehabilitationsprojekt (RPF) landen. Ehemalige RPF-Insassen sprechen von "Straflagern": Die soll es in den USA, in England und Dänemark geben. Auch Kinder erhalten den Drill zu Sea-Org-Mitgliedern: Wer gute Ergebnisse aufweist, wird nicht mehr "Kind", sondern "Kadett" genannt. Kinder werden definiert als Menschen, die kein Org-Amt ausüben. Sie müssen mindestens zehn Stunden täglich lernen. Wer nicht funktioniert, kommt in ein Kinder-RPF. Caberta beschreibt die "Therapie" in den RPFs anhand von Fallbeispielen als "scientologische Hirnwäsche". Es ist kein Geheimnis, dass es für prominente US-Scientologen wie Tom Cruise, John Travolta, Kirstie Alley, Chick Corea oder Anne Archer "Celebrity Centers" gibt. Die CC müssen sicherstellen, dass Promis in ihrem Machtbereich expandieren. Promis werden bei guten Erfolgen mit der scientologischen "Platin Meritorious Medaille" ausgezeichnet. Ein besonderer Türöffner ist Tom Cruise: Wie Caberta schreibt, ist 2006 ein Schriftwechsel zwischen US-Außenministerium und Cruise bekannt geworden, in dem er sich für die Hilfe bedankt, in Europa gegen die Diskriminierung seiner "Religion" zu kämpfen. Scientology ist zu einer Größe in Hollywood geworden: Hubbard-Nachfolger David Miscavige zeigte sich bei einer Oscar-Verleihung an der Seite von Cruise. Die scientologische Tätigkeit besteht laut einem Urteil des Oberlandesgerichts München in einer "psychologischen Amateur-Analyse des Menschen, was als eine Art Gehirnwäsche bezeichnet werden kann". Ein Ziel ist dabei offensichtlich: Die Organisation will sich etablieren, auch in der Politik. Und nichts ist für Scientology unangenehmer als negative Berichterstattung. Dagegen gibt es klare Handlungsvorgaben: Täuschungsmanöver oder "genügend Drohungen und Getöse veranstalten, um dem Feind den Mut zu nehmen / ihn zum Zittern zu bringen", zitiert Caberta Anweisungen. Zur scientologischen Strategie gehört aber auch: "Die Aktion, für bessere Presse zu sorgen, besteht darin, Freundschaft mit einem Herausgeber zu schließen." - 
Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology. Gütersloher Verlagshaus, 2007, 207 Seiten, 17,95 Euro.

tagesspiegel.de, 05.08.2007, Marc Winkelmann
Die Fluchthelferin 
"Getarnte Teufel" nennt sie die Scientologen. Ursula Caberta unterstützt Aussteiger aus der Psycho-Sekte beim Weg zurück ins Leben. Dafür wird sie bedroht und beschimpft.
Schwarzbuch Scientology 
Religion oder totalitäres System? 
Es kommt nur noch selten vor, dass Ursula Caberta von Scientologen nicht gleich erkannt wird, aber neulich erst hatte sie wieder so einen Fall. Es war in der Hamburger Innenstadt, direkt nach der Arbeit. Auf der Mönckebergstraße kam ihr eine junge Frau entgegen und drückte ihr eine Scientology-Broschüre in die Hand. Das Material ist dazu gedacht, neue Mitglieder zu werben. Dass die Organisation in Hamburg keine Passanten auf der Straße ansprechen darf, daran hielt sich die Frau nicht. Caberta hätte die Ordnungswidrigkeit melden können. Doch sie beließ es dabei, sich kurz namentlich vorzustellen. Der Effekt war derselbe. Die junge Frau packte schnell ihre Sachen zusammen und verschwand. "Irgendwann habe ich auch mal Feierabend", sagt Ursula Caberta - und muss selbst ein wenig lachen. "Offenbar haben die nur schlechte Fotos von mir." Das wäre erstaunlich. Immerhin ist Ursula Caberta Deutschlands profilierteste Expertin in Sachen Scientology. Seit 15 Jahren leitet sie die Hamburger "Arbeitsgruppe Scientology", und für Mitglieder der Psycho-Sekte ist die Einrichtung der Innenbehörde so etwas wie der größte anzunehmende Feind. Mit ihm in Kontakt zu treten gilt für Mitglieder intern als Schwerverbrechen. Die Arbeitsgruppe berät Aussteiger und dokumentiert das Wirken der Organisation. Die Erkenntnisse haben dazu beigetragen, dass der Verfassungsschutz Scientology als demokratiefeindlich einstuft. Die Beobachtung läuft seit zehn Jahren. Zudem hat sich Cabertas Gruppe über die Grenzen Hamburgs hinaus einen Namen gemacht. Zu ihrem "Schwarzbuch Scientology", das sie morgen im Rathaus vorstellt (siehe auch die Rezension auf Seite 7), schrieb Bayerns Innenminister Günther Beckstein das Vorwort. Und vor knapp zwei Wochen begaben sich die beiden Stiefkinder der Berliner Scientology-Direktorin in Cabertas Obhut. Die 14-jährige Tochter floh mit ihrem 25-jährigen Bruder, weil sie befürchtete, in ein Scientology-Internat nach Dänemark geschickt zu werden. Beide haben inzwischen schriftlich ihren Ausstieg erklärt. Wo die Geschwister sich aufhalten oder wie es in dem Fall weitergeht, darüber will Caberta allerdings nicht sprechen. "Kein Kommentar", sagt sie gleich zu Beginn des Gesprächs. Sie will die beiden schützen. Sie sagt es freundlich, aber sehr bestimmt. Verglichen mit der Hektik der vergangenen Tage ist es hier, im dritten Stock des ehrwürdigen Backsteinbaus nahe der Elbe und der Speicherstadt, ungewöhnlich ruhig. Ein paar Mitarbeiter laufen vorbei, Telefone aber klingeln selten. Das war zuletzt anders. "So einen Ansturm der Presse habe ich noch nie erlebt", sagt einer ihrer Kollegen. Ihr neues Buch und der Ausstieg der beiden Berliner Geschwister haben für Aufregung gesorgt. Für Scientology kommt der Fall einer PR-Katastrophe gleich. Der Arbeitsgruppe in Hamburg hingegen bringt er zusätzliche Unterstützung in der Öffentlichkeit. Das ist wichtig, gerade jetzt. Im vergangenen Jahr erklärte Scientology Europa zur neuen Kampfzone. Die US-Führung der Organisation ist unzufrieden mit den Erfolgen der europäischen Kollegen, also müssen wieder mehr Mitglieder geworben werden. Die Anfang des Jahres eröffnete Berliner Zentrale an der Otto-Suhr-Allee, 4000 Quadratmeter groß, ist ein wichtiger Baustein dieser Expansion. Hinzu kommt, sagt Caberta, dass die Menschen schnell wieder vergessen, wie bedrohlich Scientology ist. "Ich weiß nicht, warum, aber ich habe das Gefühl, dass wir mit unserer Aufklärungsarbeit gerade wieder bei null anfangen." Vor sechs Jahren klang sie noch anders. "Scientology wird in Deutschland keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen", sagte sie damals. Diese Aussage würde sie heute nicht mehr unterschreiben. Bei der Gründung der Arbeitsgruppe war sie optimistischer. Damals, 1992, gab die Diplom-Volkswirtin und rechtspolitische Sprecherin der SPD ihr Bürgerschaftsmandat ab und begann, ihre Einrichtung aufzubauen. Drei, vier Jahre vielleicht, glaubte sie, würde es dauern, bis der Prozess abgeschlossen wäre. Analysieren und dokumentieren, die Ergebnisse den anderen Bundesländern vorstellen - damit müsste es eigentlich getan sein. Dann wüsste man, wie Scientologen ticken. Und keiner würde sich mehr zu einem Gespräch oder Test in eine "Org" einladen lassen, wie Scientologen ihre Dependancen nennen. Aus dieser Überlegung heraus entstand auch die provisorische Bezeichnung ihrer Truppe als Arbeitsgruppe. Nur wenige Tage nach der Eröffnung des Büros ahnte sie, dass die Aufgabe größer sein würde als erwartet. Ihre Nummer war kaum bekannt, trotzdem klingelte das Telefon ohne Unterbrechung. Scientologen und Aussteiger meldeten sich, sie wollten ihre Geschichte erzählen und von ihren Erfahrungen berichten. Und sie brachten Unterlagen vorbei, Bücher, Zertifikate, Namenslisten. Das ist heute noch so. Mancher Aussteiger packt ein paar Kisten, setzt sich ins Auto und stellt sie Ursula Caberta vor die Tür. Es ist ein symbolischer Akt, ein erster wichtiger Schritt der Abnabelung. Häufig aber reicht er nicht aus. "Mit den Füßen draußen zu sein ist das eine. Der Kopf braucht länger", sagt Caberta. Wie lange, das sei individuell verschieden. Es hängt von der Dosis ab, die Scientology seinen Mitgliedern verabreicht. Sie musste selbst lernen, wie die Mechanismen greifen, die aus klugen Ärzten oder glücklichen Familienvätern willige Befehlsempfänger machen. Ihre Erkenntnis: Jeder ist beeinflussbar. Irgendeinen Punkt gibt es immer, an dem Scientology durchdringt und sagt: Du bist unglücklich. Du brauchst Hilfe. Voraussetzung für ihre Beratung ist daher vor allem eine Eigenschaft: zuhören können. Und dann begreifen, welche Probleme gelöst werden müssen. Häufig sind Mitglieder verschuldet. Sie haben ihr Einkommen und ihre Ersparnisse in die zahlreichen, kostspieligen Auditings, Lernmaterialien und Kurse gesteckt, um das versprochene Ziel zu erreichen: den erlösenden Zustand als "Operierender Thetan", befreit von jeglichen irdischen Problemen. So wie es der 1986 verstorbene Scientology-Gründer L. Ron Hubbard erdacht hat. Die Arbeitsgruppe steht als Mittlerin im engen Kontakt zur Handelskammer und zur Schuldnerberatung. Oder sie versucht auf dem kurzen Weg, Wohnungen zu vermitteln. Andere Hilfe kommt beispielsweise von Zeitungslesern, die von Einzelfällen erfahren und anfragen, was sie tun können. Über die Jahre ist ein Netzwerk von Helfern entstanden. Ob und mit welchem Tempo die Arbeitsgruppe hilft, hängt einzig von den Betroffenen ab. Das sei wichtig, sagt Caberta, das könne man nicht vorher festlegen. "Manche Kontakte ziehen sich über Jahre hin. Die rufen mal an, melden sich dann plötzlich nicht mehr oder zögern lange, ob sie wirklich aussteigen sollen." Mitunter wissen die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe erst nach etlichen Gesprächen, dass der erste Kontakt der Anfang des Ausstiegs war. Die Scham der Betroffenen ist in jedem Fall groß. Geduld und Offenheit sind gefragt, immer wieder. Wie viele Scientologen tatsächlich aussteigen, ist unklar. Caberta geht davon aus, dass sich nur ein kleiner Teil der deutschen Mitglieder - der Verfassungsschutz schätzt die Zahl auf 5000 bis 6000, Scientology spricht von bis zu 30 000 - bei ihr meldet. Die Mehrheit versucht es aus eigener Kraft. Die Erfolge ihrer Arbeit liest die Arbeitsgruppe nicht an Statistiken ab, sondern zum Beispiel an durchgefochtenen Gerichtsurteilen. In Hamburg gilt die Organisation, die sich als Kirche oder Religionsgemeinschaft ausgibt, als Gewerbebetrieb, der Geld erwirtschaftet. Eine Folge: Scientology darf, wie jedes andere Unternehmen auch, Passanten nicht auf der Straße ansprechen. Andere Urteile bestätigten das totalitäre, gegen das Grundgesetz gerichtete Wirken. Und vor dem Bundesarbeitsgericht gelang es einem ehemaligen hauptamtlichen Scientologen, Lohnforderungen gegen die Organisation durchzusetzen. Andere Rückmeldungen gehen per Post ein. Drohbriefe und Aufforderungen, ihren Job aufzugeben, erhält Ursula Caberta regelmäßig. Beschimpft wird sie auch. Erst kürzlich hat sie zwei Strafanzeigen gegen unbekannt gestellt, weil im Internet beleidigende Äußerungen zu finden waren. Und gerade in den vergangenen Tagen versuchten Anwälte von Scientology mehrmals, die Auslieferung ihres neuen Buches zu stoppen oder zumindest einzelne Passagen streichen zu lassen. Erfolglos, bisher. Ob die Anfeindungen sie noch beeindrucken? Ursula Caberta zieht kurz an ihrer Dunhill, rauft sich die Haare und blickt ein wenig gelangweilt aus dem Fenster. Die Frage bekommt sie häufig gestellt. "Es gehört zum Job", sagt sie schließlich. Aber natürlich sei das nicht angenehm. Einmal haben Scientologen eine ehemalige Freundin aus ihrer Jugendzeit aufgespürt und sich als Detektive ausgegeben, um mehr zu erfahren. Caberta wusste nicht einmal mehr, wie die Frau heißt. Scientology fand sie trotzdem. Und vor sieben Jahren, als Caberta privat für eine Woche nach Florida flog, um Freunde zu besuchen und Scientology-Gegner zu treffen, musste sie vorzeitig wieder abreisen. Sie konnte ihr Hotelzimmer nicht mehr verlassen. Vor der Tür hatten sich Scientologen postiert und skandierten: "Nazi criminal, go back to Germany." "Das sind schon sehr spezielle Erfahrungen", sagt Caberta lakonisch. In die USA fährt sie seitdem nicht mehr. Ans Aufgeben hat sie trotz der Bedrohungen aber noch nie gedacht. Im Grunde, sagt sie, hat sich Scientology die Arbeitsgruppe mit ihrem Verhalten selbst eingebrockt. Das war schon in der Anfangszeit so, Ende der 80er, als die Fraktionen in der Hamburger Bürgerschaft erstmals ernsthaft prüften, ob die Politik aktiv werden müsse. Schon damals versuchte Scientology, offensiv Einfluss zu nehmen. "Mitglieder der Organisation nahmen bei Beratungen im Rathaus teil und bedrohten Abgeordnete." Einschüchtern ließ sich aber keiner - dafür war der Konsens über die Fraktionen hinweg zu groß. Aus den Untersuchungen und Ermittlungen in der Zeit ging dann 1992 die Arbeitsgruppe Scientology hervor. Und Caberta, die nach ihrem Austritt aus der SPD und einer kurzen Mitgliedschaft in der WASG heute parteilos ist, wurde gefragt, die Leitung der Einrichtung zu übernehmen. Den politischen Konsens von damals wünscht sie sich auch heute, wenn es darum geht, Scientology zu bekämpfen. Sie fordert mehr staatliche Einrichtungen in den einzelnen Bundesländern, ideal wäre eine dem Bundesinnenminister unterstellte Abteilung. "Unsere Erfahrungen hier in Hamburg zeigen es. Wenn es mehr Anlaufstellen gäbe, würden viel mehr Mitglieder von selbst kommen, um sich beraten zu lassen oder ganz auszusteigen." Ein entsprechender Bericht der Enquetekommission mit Handlungsempfehlungen liegt seit neun Jahren vor. "Wenn man es politisch wollte, könnte eine bundesweite Stelle schnell geschaffen werden." Effektiver aber sei es, ein Verbotsverfahren gegen die Psycho-Gruppe einzuleiten. Das müsse das eigentliche Ziel sein, sagt Ursula Caberta. Das vorliegende Material reiche dafür aus. Sie tat sich lange schwer mit dieser Forderung. Öffentliche Aufklärung würde genügen, glaubte sie jahrelang. Heute sagt sie: "Scientology wird immer dreister. Wir schaffen es nicht mehr, wir müssen Scientology verbieten. Mit ihren Desinformationskampagnen gelingt es ihnen immer wieder, als getarnter Teufel im Engelskostüm aufzuerstehen." Nur manchmal hat sie auch Mitleid mit den Scientologen. Wenn sie ihnen beim Anwerben neuer Mitglieder begegnet, zum Beispiel. "Die meisten Mitglieder in Deutschland sind Opfer für mich. Sie geraten auf irgendeinem Weg in das System und müssen dann funktionieren." Der Druck sei immens. Vor allem, wenn man auf der Straße zusätzlich noch dem Feind begegnet. Die junge Frau auf der Mönckebergstraße jedenfalls wird sich Ursula Cabertas Gesicht gemerkt haben.

Berliner Zeitung vom 02.08.2007, Frank Nordhausen
Kein Anschluss unter dieser Nummer 
Wenig Hilfe für Sektenopfer. Flucht einer Tochter von Scientologen entfacht Diskussion um Betreuung von Aussteigern 
An der Flucht der 14-jährigen Stieftochter der Berliner Scientology-Direktorin nach Hamburg hat sich eine politische Diskussion entzündet, ob es in der Hauptstadt genug Hilfsangebote für ausstiegswillige Scientologen gibt. Um Sektenopfern zu helfen, sei konkrete und fachlich kompetente Hilfe erforderlich, kein "politischer Aktivismus", erklärte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Thomas Kleineidam. In Berlin gebe es solche Anlaufstationen in ausreichender Zahl. Man brauche kein "Kompetenzzentrum Scientology" bei der Senatsinnenverwaltung, wie es die Opposition fordere, sondern könne auf die Jugendämter und die Senats-Sektenbeauftragte vertrauen. Der Berliner Zeitung gelang es trotz mehrfacher Versuche am Mittwoch jedoch nicht, unter der angegebenen Notrufnummer des Senats jemanden zu erreichen. Das sei symptomatisch, sagen ehrenamtliche Sektenberater. Daniela Weber von der Berliner "Eltern- und Betroffeneninitiative" übte scharfe Kritik an der Sektenbeauftragten des Senats: "Mein Eindruck ist, dort wird nicht einmal die Grundinformation geleistet." Von kompetenter Hilfe könne bei rund 400 verschiedenen Kultgruppen in Berlin keine Rede sein; oft würden Hilfesuchende sogar von dort an ihre Initiative oder an die evangelische Kirche weiterverwiesen. In den Jugendämtern kenne sich kaum einer mit Scientology aus. "Und das, wo die Zahl der Ratsuchenden seit dem Umzug der Scientology-Zentrale nach Berlin stark zugenommen hat", sagte Daniela Weber. Tatsächlich kann sich die staatliche Sektenhilfe in Berlin nicht mit Hamburg messen. Die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, Ursula Caberta, verfügt über fünf Mitarbeiter, darunter einen Volljuristen. Die Berliner Beauftragte ist laut Sprecher der Jugendverwaltung "keine Sektenbeauftragte", sondern Mitglied eines "Kompetenzteams". "Deren Namen kenne ich nicht mal", sagt Daniela Weber, die sich seit 25 Jahren mit Opfern befasst. Wie die Berliner Zeitung berichtet hatte, waren das 14-jährige Mädchen und ihr 25-jähriger Bruder vor einer Woche nach Hamburg geflüchtet, um Scientology zu verlassen. "Beide sind an einem sicheren Ort", sagte Ursula Caberta gestern. Jeden Tag gebe es Gespräche mit den Eltern des Mädchens, beide Scientologen. Es gehe darum, wer das Sorgerecht für das Mädchen ausübe. Caberta dementierte Berichte, wonach das Kind zum Großvater kommen könnte, der nicht bei der Sekte sei. "Die Gespräche dauern an." Man nehme die Sorge des Mädchens sehr ernst, nicht mehr aufs Gymnasium gehen zu dürfen, sondern auf ein Scientology-Internat in Dänemark zu müssen. "Dieses Internat ist keine normale Schule, dort wird die Studiertechnologie von Scientology gelehrt. Die Abschlüsse sind in Deutschland nirgends anerkannt." Für Caberta und den Scientology-Experten der evangelischen Kirche Berlins, Thomas Gandow, ist der Fall Anlass, das Verbot der "menschen- und verfassungsfeindlichen" Organisation zu fordern. Gegenüber der Berliner Zeitung erneuerte gestern auch der bayerische Innenminister Günther Beckstein seine Forderung, ein Verbotsverfahren gegen Scientology einzuleiten. Über den aktuellen Fall sagte er: "Es muss sorgfältig geprüft werden, ob es dem Kindeswohl entspricht, dass Scientologen ihre Kinder auf ein Scientology-Internat in Dänemark schicken, dessen Methoden als sehr autoritär und den Willen brechend beschrieben werden." Scientology Berlin teilte gestern mit, die Eltern des Mädchens hätten gegen Caberta Strafanzeige wegen der Verletzung von Privat- und Dienstgeheimnissen erstattet.

Süddeutsche, 02.08.2007, Constanze von Bullion
Streit um Aussteiger,  Scientology schlägt zurück 
Eine Hamburger Sektenbeauftragte kämpft mit Scientology. Die Glaubensgemeinschaft hat sie verklagt, weil sie zu viel über zwei minderjährige Aussteiger erzählt haben soll. Von 
Wer sich mit der Organisation Scientology anlegt, ist gut beraten, einen kratzbürstigen Anwalt zu nehmen. Die Anhänger des Science-Fiction-Autors Ron Hubbard haben es nicht gern, wenn man Schlechtes über sie verbreitet. In Deutschland beklagen sie ein feindseliges Klima, und besonders viel Ärger bereitet dem Verein eine Frau, die Ursula Caberta heißt. Sie ist eine energische Dame von 56 Jahren, und wenn sie lacht, hört sich das an, als könnte sie mit einem Atemzug drei Aktenordner vom Tisch pusten. Ursula Caberta ist Sektenbeauftragte der Hamburger Senats, sie leitet die Arbeitsgruppe Scientology, und man hat sie jetzt verklagt. Mal wieder. Caberta soll nicht mehr sagen, was sie Journalisten erzählt: dass in ihrer Hamburger Beratungsstelle für Scientology-Aussteiger zwei junge Leute untergekrochen sind, die offenbar raus wollen aus der Organisation. Es geht um eine 14 Jahre alte Berliner Gymnasiastin und ihren elf Jahre älteren Stiefbruder. Ihre Eltern seien Scientologen, die Mutter des jungen Mannes bekleide eine Spitzenfunktion in der Scientology-Zentrale in Berlin, sagt Caberta. Wenn stimmt, was sie sagt, haben die Jugendlichen in einem Brief den Austritt aus Scientology erklärt. Eltern verhandeln mit Jugendamt Es geht also nicht nur um einen privaten Familienkrach, sondern um die öffentlich begleitete Abkehr von einer Glaubensgemeinschaft. Den Anstoß dazu habe der Bruder gegeben, sagt Caberta. "Er hat die Entscheidung als erster getroffen." Die Schwester wiederum weigere sich, auf ein Scientology-Internat in Dänemark zu gehen. Weil sie minderjährig ist, verhandeln die Eltern jetzt in Hamburg mit dem Jugendamt. Das Mädchen fürchtet offenbar auch, von ihrem Stiefbruder getrennt zu werden. Wer in der Welt der Scientologen als potential trouble source gelte, als potentielle Quelle von Ärger, den versuche die Organisation zu disziplinieren, notfalls ergeht der Trennungsbefehl, erklärt die Sektenbeauftragte. Geht die Schwester also ohne Bruder zurück und bleiben die Eltern konsequent, könnten die Geschwister auseinander gerissen werden. Die Sprecherin von Scientology Berlin, Sabine Weber, weist es zurück, dass Kinder von Scientologen unter Druck gesetzt würden. Die Berichte seien "haarsträubend", die Eltern hätten "angebliche Details" auch erst aus der Zeitung erfahren. Sie strengen nun eine Unterlassungsklage gegen die Sektenbeauftragte an. Eine Strafanzeige soll womöglich folgen. "Es wird darum gehen, dass Frau Caberta ihre Schweigepflicht verletzt hat", sagt Weber. Wenn das Kind einer beliebigen Familie zum Jugendamt gehe, weil es daheim Ärger habe, sei das Amt zum Stillschweigen verpflichtet. Weil es aber um Scientology gehe, glaube man, sich darüber hinwegsetzen zu können. Das sei rechtswidrig. Scientologin ist relative Person der Zeitgeschichte Der Berliner Prominentenanwalt Christian Schertz sieht das anders. "Ich kann nicht erkennen, dass Persönlichkeitsrechte verletzt werden, so lange die Jugendlichen nicht identifizierbar sind", sagt er. Wenn weder Namen noch Fotos der Jugendlichen publiziert würden, sei die Bekanntmachung des Konflikts erlaubt. Es gehöre sogar zur Fürsorgepflicht des Staates, solche Fälle zu veröffentlichen. "Wenn Kinder einer Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, Schutz suchen, dann ist das eine im höchsten Maße öffentliche Angelegenheit." Wenn die Mutter des jungen Mannes eine führende Position bei Scientology bekleidet, ist sie eine "relative Person der Zeitgeschichte". Solche Personen müssten mit mehr öffentlicher Anteilnahme leben als der Rest der Welt.

Berliner Morgenpost vom 31.7.2007
Familiendrama bei Scientology
14-Jährige auf der Flucht vor Scientology 
Ihre Eltern wollten sie auf ein Internat schicken, das Scientology in Dänemark betreibt. Doch die 14-Jährige wollte ihr Gymnasium nicht verlassen. Die Stieftochter der Berliner Scientology-Direktorin floh gemeinsam mit ihrem elf Jahre älteren Stiefbruder nach Hamburg. Sie wollte nicht das Gymnasium verlassen und nach dem Willen ihrer Eltern in ein Scientology-Internat nach Dänemark gehen. Kurzerhand floh die 14 Jahre alte Stieftochter der Berliner Scientology-Direktorin gemeinsam mit ihrem elf Jahre älteren Stiefbruder am vergangenen Donnerstag nach Hamburg. Dort hat sie sich nach Auskunft der Scientology-Beauftragten des Hamburger Senats, Ursula Caberta, in die Obhut des Jugendamtes begeben. Entscheidend für den Schritt des Mädchens sei der angekündigte Austritt ihres 25 Jahre alten Stiefbruders aus der Sekte gewesen, wodurch den beiden vermutlich der Kontakt zueinander verboten worden wäre. Das minderjährige Mädchen wurde an einem sicheren Ort untergebracht, die Eltern - der Vater ist Mitglied der Scientology-Lobby - wurden über den Vorgang informiert. Die Jugendämter von Berlin und Hamburg stehen in Kontakt und verhandeln mit den Eltern über eine Lösung des Problems. Da der Staat gegenüber der Minderjährigen eine Schutzpflicht habe, sei es auch möglich, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen, so Caberta. Von Flucht wolle sie nicht sprechen; die beiden hätten aber "Hilfe und Beistand" gesucht. In Hamburg gibt es seit mehr als zehn Jahren die bislang einzige Dienststelle in öffentlicher Trägerschaft für Ex-Scientologen. Von Scientology Berlin war am Montag unter Berufung "auf den Schutz der Privatsphäre" keine Bestätigung des Vorgangs zu erhalten. Ursula Caberta hat Hilfen für Scientology-Aussteiger als notwendig bezeichnet. Der Rückweg in die "reale Welt" sei mit Stolpersteinen gepflastert, sagte Caberta am Dienstag im Deutschlandfunk. Die Einrichtung einer Beratungsstelle für Ex-Scientologen in Berlin sei eine politische Entscheidung. Der politische Wille zur Hilfe sei in der Hansestadt ausgeprägter als in Berlin. Der Ausstieg werde Scientologen erschwert unter anderem durch Schulden, das "in die Gehirne eingeschliffene Gedankengut" der Organisation, ein totales Kontrollsystem sowie die "Unfreiheit, die im System existiert". Die wenigsten, die Scientology verlassen wollten, schafften diesen Schritt auch. Grund sei auch der extreme Aufbau eines Feindbildes der Außenwelt. Die Berliner Oppositionsparteien CDU und FDP haben ihre Forderung nach einer besseren Betreuung von Aussteigern aus der umstrittenen Organisation Scientology bekräftigt. Ein Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus erklärte, der Fall zeige, wie dringend Berlin eine Anlaufstelle für Aussteiger brauche. Der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Björn Jotzo, kritisierte fehlende Informationen in Berlin für mögliche Aussteiger. Aus der Berliner Innenverwaltung hieß es, dass kurzfristig eine interministerielle Arbeitsgruppe zum Thema "Umgang mit Scientology" berufen werden soll, die sich auch mit diesen Fragen beschäftigt. Die Scientology-Organisation, die sich selbst als Kirche bezeichnet, hatte im Januar eine große Hauptstadtrepräsentanz in Charlottenburg eröffnet. In Berlin soll die Organisation nach mehrjähriger Unterbrechung wieder vom Verfassungsschutz beobachtet werden, was in der Mehrzahl der Bundesländer der Fall ist. Kritiker wie etwa der Sektenbeauftragte der evangelischen Landeskirche, Thomas Gandow, bezeichnen die Organisation, die ihre Zentrale in Los Angeles hat, als "weltweit organisierten Psychokonzern". Die Verfassungsschutzbehörden schätzen die Zahl der Scientology-Anhänger in Deutschland auf rund 6000. Scientology warf der Berliner CDU in einer Presseerklärung vor, bei der viel beachteten Vorstellung eines Aussteigers im Juni auf einen Hochstapler hereingefallen zu sein. Bei dem angeblichen Aussteiger handele es sich um einen in Frankreich verurteilten Betrüger, der lediglich drei Monate Mitglied von Scientology in Buffalo (US-Bundesstaat New York) gewesen sei. Caberta hatte den Mann zur CDU-Veranstaltung mitgebracht. Sie sagte jetzt zu den Vorwürfen, es handele sich um die üblichen Diffamierungen seitens Scientology. "Es gab noch keinen Aussteiger, dem wir geholfen haben, über den nicht Kübel voller Dreck ausgeschüttet wurden." Möglicherweise hätten "die Diffamierungen" etwas mit ihrem neuen Buch "Schwarzbuch Scientology" über die Organisation zu tun. Es solle im August erscheinen.

Westdeutsche Allgemeine, 30.7.2007, Annika Fischer
Massive Mission SORGE VOR DER SEKTE
Scientology Deutschland wächst, sagt Scientology Deutschland. Die Zahlen sind zweifelhaft, Sekten-Experten aber bestätigen: Es wird kräftig missioniert, Zulauf haben vor allem Beratungsstellen 
Essen. Scientology darf in Deutschland keine Kirche sein, nicht einmal eine Religion, aber die Organisation verbreitet trotzdem eine gute Nachricht: Sie kenne den "Weg zum Glücklichsein", aufgeschrieben von Gründer L. Ron Hubbard. In der neuen Zentrale in Berlin sind 130 Filme zu sehen vom Ziel dieses Wegs: Scientology macht gesund, zufrieden . . . - es sind viele gute Nachrichten. Journalisten schreiben schlechte. "In der Regel ist es falsch, was in der Presse steht", findet Sabine Weber, die Sprecherin von Scientology. Als sie nun aber etwas Hübsches druckte, jedenfalls für die Organisation, da war es auch wieder nicht richtig: Da stand nämlich, die Mitgliederzahlen hätten sich seit Jahresbeginn verfünffacht. Das aber kam, weil jemand die Zahl der Berliner Scientologen laut Verfassungsschutz im Januar (200) verglich mit einer "groben Schätzung" von Frau Weber: Die hatte 20 000 Besucher in der Zentrale gezählt, 5000, die ihre Adresse hinterließen und daraus gefühlte 1000 Anhänger gemacht. Nur in Berlin, im ganzen Land geht man von 5000 aus. Frau Weber sagt aber selbst, dass sie nicht sicher sei. Und dass sie schon im Januar mehr gewesen seien. Zahlen aber sind nicht wichtig, findet Ursula Caberta. "Mich interessiert viel mehr: Welchen Einfluss hat Scientology gewonnen, was ist ihnen gelungen?" Und da beobachtete die Leiterin der AG Scientology bei der Hamburger Innenbehörde zuletzt: Seit der Eröffnung der Zentrale gebe es Fortschritte auf dem Weg der Sekte, "ihre Ideologie gesellschaftsfähig zu machen". Caberta sieht, was augenfällig ist: Scientology ist derzeit überall, wirbt mit Broschüren auf den Straßen Berlins und macht Stresstests in Bochum. Auch Sprecherin Weber bemerkt, "wie wir vorankommen". Bei Ursula Caberta ist dennoch keine Rede von "Mission". Für die prominente Kritikerin ist die Sekte ("keine Spaß-Organisation!") seit Jahren "im Krieg mit Europa". Und mit ihren eigenen Mitgliedern, so sie denn unbequem werden: Seit der Einweihung der Zentrale sei der innere Druck stärker geworden, Caberta hat "immer mehr Anfragen von Leuten, die sich lösen wollen". In Essen merkte die Sekten-Info das schon im letzten Jahr: Die Zahl der Beratungen für Aussteige-Willige habe sich verdreifacht. Die Diskussion um Tom Cruise in seiner Rolle als Stauffenberg hat für die Werbung dennoch ihr Übriges getan. "Das Theater in Berlin", sagt Brigitte Göldenitz von Scientology in Düsseldorf, "macht die Leute aufmerksam." Wobei Göldenitz die Debatte nicht versteht. Ihr Glaube habe ihr "sehr viel Stabilität" gegeben, ihrer Ehe und den Kindern auch. Und Scientology tue Gutes in der Welt, für die Umwelt, gegen Drogen, gegen Kriminalität. Sie wirbt ja auch mit dem "Weg zum Glück": einem "Leitfaden zum besseren Leben", der seine "wahre Macht" entfalte, wenn man ihn verteile. Wie bei der Fußball-WM: 300 000 Exemplare hätten dafür gesorgt, dass es "keine gewalttätigen Zwischenfälle" gab. Und so darf, laut Selbstdarstellung, auch der Nahe Osten bald hoffen: In Kürze wird das Heft auch dort ausgegeben. Aussteiger aber erzählen andere Geschichten. Von psychischem Druck, von Gehirnwäsche gar. Von Überwachung und Bespitzelung berichtete Gerry Armstrong, von Straflagern, Folter und Drohungen Jeannette Schweitzer. Sie gehören zu den Wenigen, die überhaupt reden. Der Österreicher Wilfried Handl, der 140 000 Euro ausgab auf der verzweifelten Suche nach "Erlösung", weiß, dass ein Anhänger, "so lange er daran glaubt, nichts Böses erkennen mag". Dabei habe das System "eine absolute Kontrolle" seines Bewusstseins ausgeübt. "Psychosekte", sagt Handl. Was ist Scientology denn eigentlich: Kirche, wie die Organisation selbst sagt, Religionsgemeinschaft, als die sie in Deutschland nicht anerkannt ist, geldgieriges Wirtschaftsunternehmen, Sekte? "Unerheblich", sagt in Essen Sabine Riede von der Sekten-Info NRW. "In jedem Fall ist es eine Weltanschauung." Eine, die der Staat lieber im Auge behält. Der Verfassungsschutz beobachtet Scientology, in NRW seit zehn Jahren, in Berlin seit kurzem wieder: Man fürchtet um die Würde des Menschen und "Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung". Eben erst forderten Politiker schärferes Hinsehen: Scientology unterhalte eigene Nachhilfe-Institute und versuche so, schon Kinder zu manipulieren. Nicht nur in Essen sind solche Fälle dokumentiert. "Die sind", sagt Ursula Caberta in Hamburg, "eine Gefahr für die Menschen und unser Gesellschaftssystem." Scientology-Sprecherin Sabine Weber nimmt so was hin, mehr noch: "Wir sind stolz darauf." Kritik gehöre zum Anerkennungsprozess. Neue Ideen seien schließlich "noch nie mit offenen Armen empfangen" worden. Als aber kürzlich der Sektenbeauftragte einer evangelischen Kirche Tom Cruise den "Goebbels der Scientologen" nannte, verlor auch Weber die Gelassenheit: "Hassprediger", schimpfte sie zurück. Glaubensgenossen haben auch schon über "Menschenrechtsverletzungen" geklagt. Die aber werden doch gerade von Scientology überliefert? "Nicht ein einziger Fall", wehrt Weber ab, "der belegt werden kann." Es gebe keine Strafanzeige, ergo auch kein konkretes Fehlverhalten. Sektenberaterin Riede hätte da eine Antwort: "Die sind vorsichtiger geworden." Und milder mit den Aussteigern. Wäre das keine gute Nachricht? "Heute", schiebt Riede nach, "beschränkt man sich auf Psychoterror."

Hamburger Abendblatt, 25.7.2007, Florian Kain
SCIENTOLOGY Hamburger Abgeordnete Antje Blumenthal macht weltweit Schlagzeilen 
Die Frau, die sich mit Tom Cruise anlegt
Antje Blumenthal setzte durch, dass Tom Cruise keine Drehgenehmigung im Bendlerblock erhält. Foto: Zapf Jahrelang fristete die Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Antje Blumenthal ein politisches Schattendasein fernab der medialen Aufmerksamkeit. "Mir geht es um Sacharbeit, nicht um Schlagzeilen" lautet das Credo der Sektenexpertin, die als Spitzenkandidatin im Wahlkreis Hamburg-Mitte bislang immer deutlich gegen ihren über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannten SPD-Kontrahenten Johannes Kahrs verlor. Doch jetzt setzte Blumenthal jäh zur medialen Aufholjagd an, wenn auch völlig unbeabsichtigt - und im Windschatten des US-Schauspielers Tom Cruise. Blumenthal hatte sich bei Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) am Rande einer Abstimmung im Bundestag dafür eingesetzt, dass dieser dem bekannten Repräsentanten der Scientology-Organisation auf keinen Fall eine Drehgenehmigung für den Berliner Bendlerblock erteilen dürfe. Und damit eine Lawine losgetreten. Denn Jung gab Blumenthal sogleich sein Wort, dass Cruise - der in Berlin gerade "Valkyrie", den Film über den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg dreht - keinen Fuß in den Bendlerblock setzen dürfe. Stauffenberg hatte vom Bendlerblock aus sein 1944 gescheitertes Attentat auf Hitler geplant. Heute ist dort der Sitz des Bundesverteidigungsministeriums. Blumenthal, die der strikten Ansicht ist, dass "herausragende Vertreter einer vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation in öffentlichen Gebäuden keine Filme drehen sollten", setzte nach ihrem Wortwechsel mit Jung sogleich als "letzte Tat" vor dem Wochenende eine Presseerklärung zum Drehverbot auf. Schon wenige Minuten später läutete das Telefon schier pausenlos, Journalisten aus der ganzen Republik riefen an: "Da merkte ich, es ist eine Bombe explodiert." Und das war erst der Anfang. Denn für den Kampf der deutschen Politikerin gegen den Hollywood-Star interessierte sich die internationale Presse rund um den Globus. Blumenthal musste für die zahlreichen Interview-Anfragen ihr altes Schulenglisch herauskramen - und fand ihren Namen nachher in der "Times", im "Guardian", dem "Independent", der australischen "Canberra Times" und in den Meldungen der amerikanischen "Abc news". Dass auch die "Süddeutsche" und der "Spiegel" anklingelten, war im Vergleich dazu fast schon gewöhnlich. Doch so recht mag sich Blumenthal dennoch nicht über das mediale Echo freuen: "Die Feuilletons sehen in mir die kleine Dumme, die den großen Schauspieler angreift und damit nur noch mehr Publicity für Scientology betreibt." Es werde ignoriert, dass Cruise seit Jahren als sogenannter "Operierender Thetan" für seine Organisation unterwegs sei: "Er macht pausenlos Werbung für eine Organisation mit totalitären Strukturen, in der eine Art Gehirnwäsche auf der Tagesordnung steht." Blumenthal nimmt sich vor Cruise und den Seinen jedenfalls in Acht: "Mal war mein Auto gestohlen und tauchte plötzlich wieder auf, mal saßen Zuhörer in meinen Veranstaltungen und schrieben jedes Wort mit, um mich verklagen zu können." Jetzt fahre Scientology aber einen anderen Kurs: "Kürzlich wurde ich sogar in die neue Berliner Zentrale zum Gespräch eingeladen." Blumenthal war dort der bekannteste Gast seit - Tom Cruise.

Der Tagesspiegel, 21.7.2007, Sabine Beikler
Expansionskurs Scientology auf Mitgliederfang
Er ist der bekannteste Scientology-Werbeträger: Tom Cruise, der mal eben am Wochenende vom Filmdreh als Claus Schenk Graf von Stauffenberg von Berlin in die USA geflogen ist. Während der "operierende Thetan, Stufe VII" - laut Scientology-Ideologie ein Geistkörper auf dem Weg, das physikalische Universum zu befreien - eine irdische Party in Los Angeles für die zugezogenen Beckhams gibt, wirbt die umstrittene Organisation in Berlin immer offensiver um Mitglieder. "Wir registrieren das sehr genau. In den nächsten Monaten wird es für Scientologen sehr ungemütlich", heißt es aus Geheimdienstkreisen. Seit zwei Monaten wird Scientology wieder vom Verfassungsschutz beobachtet. Rund 1000 Mitglieder soll Scientology in Berlin bereits haben. Bisher ging man "nur" von 200 Scientologen in der Hauptstadt aus. Doch seit Eröffnung ihrer Repräsentanz in der Charlottenburger Otto-Suhr-Allee im Januar taucht die Organisation überall auf: Scientologen verteilen Hefte an Schulen, bieten Nachhilfeunterricht an, werben an zehn mobilen Infoständen und bieten einen kostenlosen "Stresstest" an. Eine Filiale wurde bereits in der Meinekestraße eröffnet. "Weitere Zentren werden folgen", sagt Sabine Weber, Scientology- Vorstandssprecherin. Die Organisation bezeichnet Weber als "Erlösungsreligion, die auf Wissen und Selbsterkenntnis beruht". Aussteiger dagegen sprechen bei den Methoden von Gründer L. Ron Hubbard von einem "faschistoiden System, in dem man psychisch und finanziell ausgesaugt wird". Ihre "Aufklärungsarbeit" leistet die "totalitäre Psychoorganisation", wie CDU-Generalsekretär Frank Henkel Scientology bezeichnet, nicht mehr nur im Westteil der Stadt. Auch in Geschäften in Mitte versuchen junge Freiwillige, Informationsmaterial auszulegen. "Sie wollten Flyer gegen Drogen hierlassen. Doch wir haben das Kleingedruckte mit Scientology gelesen und die Flyer weggeworfen", sagt Uljana Wolf vom Antiquariat "Exlibris" in der Reinhardtstraße. Scientology wirbt nicht nur Mitglieder an, sondern versucht auch in Unternehmen Fuß zu fassen. Scientologen arbeiten überwiegend in Unternehmensberatungen, im Immobilienbereich und im Kommunikationstraining. Solche Firmen sind im "Wise - World Institute of Scientology Enterprises", einem Verband von Scientology-Unternehmen, organisiert. Die Mitgliedslisten sind nicht zugänglich. Drei Berliner Unternehmen werden im Zusammenhang mit Scientology genannt: eine Firma für Autoteileverkauf, eine Fitnesscenterkette und eine Restaurantkette. Die Innenverwaltung gibt dazu keine Stellungnahme ab. SPD-Verfassungsschutzexperte Tom Schreiber spricht über Scientology von einem "übel riechenden Wirtschaftsunternehmen mit religiösem Anstrich", CDU-Innenpolitiker Henkel von einem "dubiosen Wirtschaftsunternehmen mit pseudoreligiösem Tarnmantel und Gewinnerzielungsabsichten". Angesichts der "bedrohlichen Ausweitung der Sektenaktivitäten" fordert die CDU ein Kompetenzzentrum, in dem unter anderem über Scientology aufgeklärt wird. Die SPD dagegen setzt auf eine "Gesamtstrategie". Inzwischen ist eine Arbeitsgruppe auf "Referentenebene" in der Bildungs- und Innenverwaltung eingesetzt worden. "Die Verwaltung muss das Vorgehen gegen Scientology regeln", sagt SPD-Politiker Schreiber, "sonst gibt es politischen Druck."

Beobachter 14/07, Andreas Schmid
Scientology ist zurück
Jahrelang hielt sich Scientology diskret im Hintergrund. Nun ist die Sekte wieder aktiv. Auf Flyern preist sie Gratis-Persönlichkeitstests im Internet an. Jede Woche werden laut Jürg Stettler von Scientology im Grossraum Zürich einige tausend Flugblätter in Briefkästen gelegt. Der Test helfe den Leuten, ihre Selbsteinschätzung zu verbessern, wirbt Stettler. Die aktuelle Offensive ist Sektenexperte Georg Schmid nicht entgangen. Die Sonnentemplerdramen in den neunziger Jahren hätten bei allen Sekten Imageschäden hinterlassen. Nun klingen diese Nachwirkungen laut Schmid ab: «Die Organisation traut sich wieder, forsch aufzutreten.» Dies auch, weil sie mit der Zurückhaltung der letzten Jahre wenig Beachtung erzielt und kaum neue Anhänger gewonnen habe. Wer den Internet-Fragebogen beantwortet, erhält eine Einladung zu einem Auswertungsgespräch. Regelmäs­sig werden den Besuchern dort Instabilität, Nervosität, Depressionen diagnostiziert. Dagegen empfiehlt der Berater dann Kurse sowie die Aneignung des Scientology-Systems Dianetik. Eindringlich warnen die Berater vor der klassischen psychiatrischen Behandlung. Eine DVD mit dem Titel: «Psychiatrie: Tod statt Hilfe» versammelt Negativbeispiele. Im Spätsommer sollen 1’000 Exemplare in Fachkreisen - an Ärzte, Psychiater und Krankenkassen - versandt werden, um angebliche Missstände aufzudecken. Offiziell verantwortlich für die Aktion: eine «Bürgerkommission für Menschenrechte». Scientology bleibt dabei bereits wieder diskret im Hintergrund.

FOCUS Magazin, 24.06.2007
Scientology-Aussteiger: Organisation plant Deutschland-Offensive
München. Der deutsche Sitz der Scientology in Berlin soll nach Angaben eines Aussteigers zu einer der Eliteeinheiten der Organisation aufgewertet werden, von denen es weltweit nur ein Dutzend gibt. Der Scientology-Aussteiger Christian Markert sagte dem Nachrichtenmagazin FOCUS, wenn Berlin dies im internen Wettbewerb um gute Statistiken schaffe, „wäre das ein riesiger Erfolg“ für die Organisation. Denn Deutschland gelte wegen seines Widerstandes gegen Scientology als großer „Unterdrücker“. Als Eliteeinheit könnte die Berliner Organisation höhere Ausbildungsstufen anbieten und mehr Geld verdienen. Zudem will die Profit-Vereinigung laut Markert die „Infiltration“ von Behörden, Schulen und Wirtschaft noch „raffinierter“ angehen. Als Reaktion auf die zunehmend geforderten Distanzierungen sollen und dürfen Scientologen sich demnach künftig weniger als bisher offen bekennen und mehr lügen. Zudem sollen die Bücher Markert zufolge überarbeitet werden. Besonders aus den Management-Leitfäden sollen Elemente des Sekten-Gründers Ron Hubbard entfernt werden, um ihre Herkunft zu verschleiern. Die neuen Strategien werde der Chef David Miscavige auf dem Jahrestreffen der höchsten Scientologen kommenden Freitag verkünden, so Markert zu FOCUS. Der „OT Summit“ findet vom 29. Juni bis 4. Juli in Los Angeles statt. Christian Markert (36) kam nach eigenen Angaben über Wirtschaftsseminare zur Scientology und arbeitete dort sieben Jahre lang hauptamtlich, zuletzt in Buffalo in den USA unter anderem im internen „Geheimdienst“ OSA. Markert stand vor dem Sprung in die Scientology-Zentrale in Los Angeles. Vor wenigen Tagen verließ er heimlich die Organisation und flog nach Hamburg.

Welt Online, 24.06 2007, Margitta Feldrapp 
Mein Leben für Scientology 
Jeannette Schweitzer war drei Jahre in der Psycho-Sekte. Das hat sie bis an den Rand des Selbstmordes gebracht. Ein Bericht über Straflager, Manipulation und die ständige Angst davor, das Falsche zu sagen Jeannette Schweitzer ist eine Ausnahme. Eigentlich reden Menschen wie sie nämlich nicht. Eigentlich sind Menschen wie sie eingeschüchtert, wollen vergessen, haben Angst. Bei Jeannette Schweitzer ist das anders, sie redet.Schweitzer war von 1989 bis 1992 Scientologin. Dann stieg sie aus. Heute ist sie eine anerkannte Expertin für die Sekte, die sich selbst als Kirche sieht und in Berlin gerade eine Hauptstadtrepräsentanz eröffnet hat. Wenn Schweitzer über Scientology spricht, zwingt sie sich zur Sachlichkeit. Das hilft. Man könnte die Kühle in ihrer Stimme, die Härte als Gefühlskälte deuten. Doch so ist es nicht. Die Distanz macht es ihr nur leichter.Jeannette Schweitzer berichtet von anonymen Anrufen: "Das Wasser wird sich mit deinem Blut mischen, wenn du über Scientology sprichst." Natürlich hat auch sie Angst. Aber sie redet dennoch. Über gefährliche Psychotechniken, über innere Zwänge und die englische Scientology-Zentrale Saint Hill - jenen Ort, den Kritiker der Sekte als Straflager bezeichnen.Bis heute leben dort die scientologischen Hardliner, die sogenannte Sea-Org. Laut Sabine Weber, der Vizepräsidentin von Scientology Deutschland, ist Saint Hill eine Lehreinrichtung, die Kurse für Scientologen anbietet. Sie bestätigt, dass es dort auch ein "Rehabilitationsprojekt" für Sea-Org-Mitglieder gibt, die die Richtlinien von Scientology verletzt haben. Das könne Gartenarbeit sein, sagt Weber. Schweitzer beschreibt es anders:Seit über zehn Jahren berät Jeannette Schweitzer nun Polizisten, Lehrer, Sektenbeauftragte und Politiker. Sie gilt als Expertin. Ihr Wissen um Hintergründe, Strukturen und Ziele der Organisation ist für die staatlichen Stellen von unschätzbarem Wert. Jeannette Schweitzer kam 1989 zu Scientology. Damals arbeitete sie im Management einer saarländischen Baufirma. Sie buchte ein Scientology-Seminar für Führungskräfte, das ihr eine Bekannte empfohlen hatte.In den 80er-Jahren konnten nur wenige Menschen etwas mit Scientology anfangen. Für viele war das nur ein wissenschaftlich klingender Name. Auch für Jeannette Schweitzer. Sie gab ihren alten Arbeitsplatz auf und wechselte in eine Stahlbaufirma, die zu "Wise" gehörte, dem Verband scientologisch geführter Unternehmen."Mach Geld, mach mehr Geld, mach, dass andere mehr Geld machen", lautet ein Gebot des Scientologygründers L. Ron Hubbard. Die Stahlbaufirma setzte alles daran, um dem Anspruch gerecht zu werden. Viele Angestellte arbeiteten jeden Tag 18 Stunden. Doch die Geschäftszahlen stagnierten. Der Firmenchef beschäftigte illegale Arbeiter, um den Gewinn zu erhöhen.Da beging Schweitzer aus Sicht ihres damaligen Scientology-Chefs einen schweren Fehler: Sie weigerte sich, Schwarzgelder zu verbuchen. Am nächsten Morgen fand sie einen Zettel auf ihrem Schreibtisch: "Kommen Sie sofort nach Saint Hill", stand darauf. Sie dachte, es ginge um die illegalen Geschäfte in der Firma.Von allen Offizieren musste ich mir eine Unterschrift holen, doch ich bekam diese Absolution nicht. Im Gegenteil: Mir wurde gesagt, ich müsse 'meine Ethik in Ordnung bringen'. Das hieß nichts anderes als Strafe: bis in die Nacht Hubbard-Bücher lesen, Werbebriefe falten. Einmal sollte ich 10 000 Mark für eine Wagenladung russischsprachiger Scientology-Bücher von meinem Ersparten bezahlen. Ich tat es. Nachts durfte ich oft nicht mehr als vier Stunden schlafen, am nächsten Tag die gleiche Prozedur.Jeannette Schweitzer war nicht hinter Gittern. Sie hätte abreisen, sich verweigern oder einfach nicht mehr wiederkommen können. Doch sie tat es nicht - weil sie es nicht konnte, wie sie heute sagt. Es fällt ihr schwer, über diese Zeit zu reden. Sie schafft es nur, indem sie sich zur Sachlichkeit zwingt. Immer noch spricht sie nicht lange von ihrer Zeit bei Scientology. Eine Stunde oder zwei, dann braucht sie eine Pause.Sabine Weber von Scientology sagt, dass man bei ihnen ein- und austreten könne wie in einen Sportverein. Hans-Werner Carlhoff, Scientology-Experte des Landes Baden-Württemberg, entgegnet: "Wer länger Mitglied ist, kann nicht einfach wieder gehen. Dafür ist der psychische Druck viel zu groß."Für Jeannette Schweitzer war der Druck besonders in den "Auditings" groß. Das sind Einzelgespräche mit einem ranghöheren Scientologen, der mit einer Art Lügendetektor arbeitet, dem "E-Meter". Rund 600 Mark zahlte Jeannette Schweitzer für jede Stunde. Die Auditoren sind darauf gedrillt, alles aus einem Menschen rauszuholen. Ihr starrer Blick, ihr monotones Fragen versetzten mich in eine Art hypnotischen Zustand. Ich wurde gefragt, mit wie vielen Männern ich geschlafen habe, ob ich jemals gestohlen oder abgetrieben habe, als Kind geschlagen oder missbraucht wurde - und ich antwortete wahrheitsgemäß. Nach jedem Auditing blieb ein Gefühl von Schuld und Versagen, das wieder ein neues Auditing forderte. Ein Teufelskreis." Der Druck wuchs. Jeannette Schweitzer ließ sich stundenlang von einem anderen Scientologen demütigen. "Du Schwein, du wertloses Biest", schrie er. Sie durfte nicht reagieren, nicht wegschauen.Innerhalb von eineinhalb Jahren zahlte Jeannette Schweitzer 160 000 Mark an Scientology. Sie opferte ihr Erspartes, nahm einen Kredit auf. Irgendwann hatte sie selbst das Gefühl, nichts mehr wert zu sein. Sie brach zusammen, wollte sich umbringen. Hans-Werner Carlhoff sagt, dass es etliche Menschen gebe, denen es ähnlich ergangen sei.Der kanadische Soziologieprofessor Stephen Kent hat die Erfahrungen von Scientology-Aussteigern aus aller Welt gesammelt. In einem amerikanischen Lager sollen widerborstige Scientologen unter Wüstenbedingungen stundenlang um einen Baum oder Pfahl haben laufen müssen. Zudem soll es so wenig zu essen gegeben haben, dass Sträflinge sehr anfällig für Krankheiten wurden.Schweitzer selbst spricht nicht über die Erfahrungen anderer Scientology-Aussteiger. Sie bleibt bei dem, was sie selbst erlebt hat. Sie hat gelernt, ihre Gefühle im Griff zu haben, weil sie darauf achten muss, nichts Falsches zu sagen, nicht zu übertreiben. Auch, wenn sie von ihrem Ausstieg spricht.Immer wieder würden Scientologen versuchen, mit fragwürdigen Methoden, ihre Kritiker mundtot zu machen, sagt Scientology-Experte Hans-Werner Carlhoff. Er hat es selbst erlebt. "Scientologen verleumden mich beispielsweise öffentlich, ein Menschenrechtsverletzer zu sein. Auch Journalisten, die über Scientology schreiben, werden von der Organisation massiv kritisiert und der Unfähigkeit bezichtigt." Jeannette Schweitzer fand schließlich trotzdem in ein normales Leben zurück."Ich lernte zu meiner Geschichte zu stehen - auch zu meinen Schwächen, zu meiner Zeit bei Scientology. Nur so fand ich innere Ruhe und habe nicht mehr der Zeit, dem Geld und der Lebensqualität nachgetrauert, die ich an die Sekte verloren hatte."1993 gründete Jeannette Schweitzer die Organisation Vitem, die Scientology-Mitgliedern hilft, aus der Sekte auszusteigen. Mehreren Hundert Scientologen konnte sie seither helfen, auch denen, die sie selbst geworben hat. Weil sie weiß, wie Scientology mit seinen Mitgliedern umgeht, sieht sie die neue Offensive der Psychosekte mit wachsender Sorge. Seit Kurzem beobachtet auch der Berliner Verfassungsschutz die Gemeinschaft wieder.In München sucht Scientology zurzeit ein großes Grundstück für ihre neue Bayern-Zentrale. Neue Scientology-Zentren eröffneten jüngst in London, Madrid und Brüssel. In vielen deutschen Städten machen Mitglieder aktiver denn je Werbung in eigener Sache. Bundesweit verschicken sie Propagandabroschüren und DVDs an Schulleiter und Lehrer, um Einfluss auf den Unterricht zu nehmen. In Berlin sorgt derzeit der Schauspieler und Scientologe Tom Cruise, der in einem Kinofilm den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen soll, für Debatten. Dagegen hat sich unter anderen Stauffenbergs Sohn ausgesprochen.

Berliner Zeitung, 21.06.2007, Thomas Rogalla
Scientology kämpft in Berlin gegen "Unterdrückung" - Aussteiger warnt vor Plänen der Sekte in der Hauptstadt 
Berlin und die Stadt Buffalo in den USA haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind in den Augen der Scientology-Sekte besonders üble Ausprägungen sogenannter "Unterdrückerstaaten", die es in besonderer Weise zu bekämpfen seien. In Buffalo arbeitet Scientology gegen ein dortiges Psychiatrie-Ausbildungszentrum, in Berlin will die Sekte etwas gegen das negative Bild in der Öffentlichkeit unternehmen. Das berichtete gestern bei einer Podiumsdiskussion der CDU zu den Gefahren der Scientology Christian Markert, der in den USA Scientology-Mitglied war und mittlerweile ausgestiegen ist. Markert schilderte, dass das Scientology-Zentrum in Charlottenburg offenbar viele Anwerbungen tätige - ganz im Sinne des Sektengründers Ron Hubbard. Der hatte sich auf die Frage nach einem Geburtstagsgeschenk nur folgendes gewünscht: "Expandieren, expandieren, expandieren". Seitdem gebe es ein "Geburtstagsspiel", bei dem die Berliner Niederlassung ganz vorn liege, sagte Markert, und begrüßte sarkastisch eine Scientology-Funktionärin im Publikum: "Sie müssen ja über mich einen Knowlegde-Report schreiben - einen Bericht". Das gehöre zu den Methoden, mit denen die Sekte Abtrünnige verfolge, berichtete er. Er wusste auch von sekteneigenen "Gefängnissen", "Rehabilitation Project Force" genannt. Ursula Caberta, die in Hamburg seit 1992 eine vom Land finanzierte "Arbeitsgemeinschaft Scientology" leitet, schilderte, dass die Sekte Mitarbeiter ihrer Behörde unter Druck setze. Sie würden auf der Straße angesprochen: "Sie arbeiten doch für Frau Caberta, nicht wahr?" Ähnliches widerfuhr dem Weltanschauungsbeauftragten der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Thomas Gandow. Er sei von Berliner Scientologen bis in ein kleines Dorf verfolgt und unterwegs durch riskante Fahrmanöver gefährdet worden, als er mit einem Sekten-Aussteiger unterwegs war, sagte Gandow. Scientology sei keine Kirche, sondern eine auf finanziellen Gewinn ausgerichtete, totalitäre Organisation, die Menschen von sich abhängig mache und sogar einen eigenen Geheimdienst unterhalte. Klaus-Dieter Schiemann vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg zeigte sich wie die Berliner CDU davon überzeugt, dass Scientology "eine verfassungsfeindliche Organisation ist". Wie Schiemann und Gandow forderte Caberta staatliche Anlaufstellen, an die sich Sektenopfer oder ihre Angehörigen wenden könnten. Gandow kritisierte, dass der Regierende Bürgermeister Sektenmitglieder wie Tom Cruise begrüße.

Berliner Morgenpost, 21.06.2007, Stefan Schulz
Aus den Fängen von Scientology befreit 
Christian Markert stieg mit Behörden-Hilfe aus. Protest gegen Tom Cruise als Darsteller von Stauffenberg
Nach sieben Jahren gelang es Christian Markert aus der Scientology-Organisation auszusteigen. Im Bild: die Hauptstadt-Niederlassung der Organisation Hochrangige Politiker der Berliner CDU und SPD haben sich gestern dagegen ausgesprochen, dass der Scientology-Botschafter Tom Cruise den deutschen Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg in einem Hollywood-Film verkörpert. "Das ist eine absolute Geschmacklosigkeit", sagte CDU-Generalsekretär Frank Henkel. "Das zieht alles in Zweifel, wofür Stauffenberg gestanden hat." Henkel will nun in einem Brief an Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verhindern, dass im Bendler-Block Originalaufnahmen mit Cruise zugelassen werden. Ins gleiche Horn stieß auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Uwe Benneter: "Stauffenberg war bereit, im Kampf gegen Unterdrückung und autoritäre Herrschaft sein Leben zu lassen. Ausgerechnet er soll nun von einem Schauspieler dargestellt werden, dessen Sekte mit dubiosen Methoden versucht, Menschen zu ködern und gefügig zu machen." Das sei, so Benneter, ein "Schlag ins Gesicht aller aufrechten Demokraten, aller Widerstandskämpfer im Dritten Reich, aller Opfer der Scientology-Sekte". Benneters Parteifreund, der Verfassungsschutzexperte Tom Schreiber, sieht das etwas anders und bot dem CDU-Generalsekretär Henkel an, sich statt Cruise als Darsteller zu bewerben. SPD: Scientology nicht erwünscht "Es ist schwierig, bei Tom Cruise zu trennen. Es kann aber nicht sein, dass er seine Rolle nutzt, um für Scientology zu werben." Anders als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) würde Schreiber gegenüber dem Hollywood-Mimen "klare Worte finden, dass Scientology hier nicht erwünscht" sei. "Es ist ein übel riechendes Wirtschaftsunternehmen mit religiösem Anstrich", so Schreiber. Daher hat Innensenator Ehrhart Körting (SPD) jüngst entschieden, die Scientologen vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen. Außerdem wird das Abgeordnetenhaus heute beschließen, Aufklärung der Bevölkerung und Fortbildung von Erziehern und Lehrern in der Scientology-Problematik zu verbessern. Das genügt der Berliner CDU nicht. Die Union hat gestern ein Maßnahmepaket gefordert, um auf die Gefahren durch die Organisation aufmerksam zu machen. Scientology hat seinen Berliner Sitz an der Charlottenburger Otto-Suhr-Allee, eine Filiale gibt es seit kurzem an der Meinekestraße. 
CDU fordert Kompetenzzentrum 
Generalsekretär Henkel, zugleich innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, forderte gestern nach einer Podiumsdiskussion die Einrichtung eines "Kompetenzzentrums" für die Scientology-Problematik nach dem Vorbild Hamburgs. Es soll bei der Innenbehörde angesiedelt werden und alle Unternehmungen bündeln: Aufklärung der Öffentlichkeit über die Aktivitäten der Organisation, Angebote für Aussteiger und Analysen über die Struktur. Der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche, Thomas Gandow, und Ursula Caberta, die die Arbeitsgruppe Scientology bei der Hamburger Innenbehörde leitet, wiesen gestern intensiv auf die Gefahren der Organisation hin. Wer in die Fänge von Scientology gerate, werde finanziell und persönlich ausgesaugt. Erst stelle man sich einem Persönlichkeitstest, der kein positives Ergebnis bringe und würde dann gefügig gemacht werden. Ein Ausstieg sei nahezu unmöglich. Christian Markert hat es dennoch geschafft. Mit Hilfe der Hamburger Behörden hat er alle Brücken abgebrochen. Er berichtete gestern, dass er als Geschäftsberater angesprochen worden sei und sieben Jahre dabei war. Scientology unterhalte einen Geheimdienst und Gefängnisse. Das gesamte Umfeld der Organisation werde eingeschüchtert, berichtete auch Klaus-Dieter Schiemann vom Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg. Schiemann: "Um dagegen anzukommen, brauchen wir mündige Bürger."

Main-Post, 05.06.2007, Alice Natter
Aufmarsch der Psychiatrie-Gegner
Scientology-Unterorganisation demonstriert gegen ADHS-Kongress Schwarze Luftballons, Totenkopfmasken und das Skandieren vom Bahnhof quer durch die Innenstadt zum Congress Centrum: „Psychiatrie, Scharlatanerie, Psychiatrie, Killerindustrie“. Rund 100 Demonstranten protestierten am Montagmittag in Würzburg gegen den ersten internationalen Kongress zu Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität (ADHS). Was hinter dem Protestzug der Psychiatrie-Gegner steckte, war im Kleingedruckten auf den Flugblättern zu lesen: Scientology.
Der Verein „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ (KVPM) hatte Aktivisten aus Ungarn, Frankreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern zusammengetrommelt, um vor dem Congress Centrum, dem Ort der Wissenschaftlertagung, aufzumarschieren. Während drinnen über 1000 Psychiater, Psychotherapeuten, Ärzte und Forscher über Grundlagen und neue Erkenntnisse zum „Zappelphilipp-Syndrom“ diskutierten, versammelten sich draußen Ritalin-Gegner zur Kundgebung: „ADHS ist eine erfundene Diagnose, der jegliche wissenschaftliche Grundlage fehlt“, so Bundesvorstand Bernd Trepping. Kinder würden damit als psychisch Kranke abgestempelt und mit Psychopharmaka vollgestopft. Dass bei dem Kongress ADHS als lebenslange Krankheit neu definiert werden soll, hält Trepping für einen Skandal: „Das ist eine Hokuspokus-Diagnose, bezahlt von der Pharmaindustrie“. Auf Flugblättern und in Broschüren wehrt sich die „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ gegen „Massenstigmatisierung von Kindern“, gegen „Dealer in Weiß“ und „Pillen statt Pausenbrot“. Über Ritalin und das Ausmaß seiner Anwendung könne man sicherlich streiten, sagt Michael Fragner, der Sektenbeauftragte im evangelischen Dekanatsbezirk Würzburg. Der KVPM aber arbeite seiner Meinung nach gezielt „mit Desinformation und Verunsicherung der Patienten“. Deutlich werde das beim Blick ins Internet und auf die von dem Verein empfohlenen Seiten: „Die Inhalte sind ideologiebestimmt und nicht seriös, das ist in meinen Augen keine differenzierte Wahrnehmung mehr.“ Der Hintergrund sei klar, sagt Alfred Singer, der Referent für Weltanschauungs-, Religions- und Sektenfragen der Diözese Würzburg: „Bei der KVPM sind wir mitten in der Scientology-Szene drin“. Anfang der 70er Jahre wurde der Verein als eine der vielen Unter- und Tarnorganisationen der Scientology-Organisation gegründet. Deren Gründer L. Ron Hubbard sah seine Theorien zur „modernen Wissenschaft der geistigen Gesundheit“ als Konkurrenz zur Psychiatrie, die er als „Quelle allen Übels in der Welt“ bezeichnete. Entsprechend hat sich die KVPM zum Ziel gesetzt, Missbräuche und Menschenrechtsverletzungen der Psychiatrie aufzudecken. „Die Ablehnung der Psychiatrie, das Wüten gegen Ritalin – das wird alles mit Schauergeschichten unterfüttert“, sagt Singer. Wer sich vom aggressiven Ton leicht beeinflussen lasse, könne so schnell in den Sog von Scientology geraten: Für gefährlich hält Singer vor allem die Unterlassungserklärungen, die die KVPM anbietet. Wenn man ein solches „Psychiatrisches Testament zum Schutz vor der Willkür der Psychiatrie“ unterschreibe, gerate man letztlich in die Hand von Scientology. Im jüngsten Bericht des Bayerischen Verfassungsschutzes ist detailliert dargelegt, dass das „öffentlichkeitswirksame Aushängeschild zur Bekämpfung der Psychiatrie“ dem „Office of Special Affairs“ (OSA) von Scientology zugeordnet ist. Gerade in den vergangenen Monaten habe Scientology in Deutschland wieder verstärkt Aktionen entfaltet, sagt Alfred Singer. Und der ADHS-Kongress in Würzburg, so Michael Fragner, sei für die Psychiatrie-Gegner natürlich „ein willkommener Angriffspunkt“.

Lausitzer Rundschau, 04.06.2007
Beauftragter Gandow sieht Gefahr für die Religionsfreiheit 
Kirche: Scientology hat Brandenburg fest im Blick 
Der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche, Thomas Gandow, rechnet fest damit, dass sich die Scientology-Bewegung über kurz oder lang nach Brandenburg ausbreitet. Somit wäre die kürzlich eröffnete Zentrale in Berlin-Charlottenburg erst der Anfang. Um sie herum würden voraussichtlich einmal zehn weitere Niederlassungen, sogenannte Missionen, gegründet, erläuterte Gandow. Scientology sei eine "totalitäre Organisation", die eine Gefahr für die Religionsfreiheit darstelle. Schon jetzt hätten sich außerdem "neu-germanische" und Psychogruppen in der Mark eingerichtet. Der 60-jährige Pfarrer hatte das Amt des Sektenbeauftragten 1978 übernommen. "Es ist ein alter Trugschluss zu glauben, die Brandenburger wären ein besonders nüchterner Menschenschlag, und hier würde es keine Sekten und religiösen Extremgruppen geben. Brandenburg ist voll davon", meinte Gandow. Zu den Anhängern des "neu-germanischen Heidentums" bemerkte er: "Meiner Meinung nach handelt es sich fast immer um Personen, die mit Rechtsextremismus Kontakt hatten. Oft geht beides durcheinander." Im Fläming habe die Germanische Glaubensgemeinschaft einmal beantragt, einen Findling - den "Blauen Stein" - als Opfer- und Kultstätte zugewiesen zu bekommen. Dabei sei sie bei Tourismus-Verantwortlichen im Landkreis mit ihrer Idee teilweise auf Sympathie gestoßen. Eine "richtig etablierte" Psychogruppe bestehe mit dem "Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung" in Belzig (Potsdam-Mittelmark). Sie sei vor allem durch die Idee bekannt geworden, ein "transformatorisches Bordell" oder "Liebesbiotop" gründen zu wollen. Die meisten Gruppen haben laut Gandow einige Dutzend Mitglieder, einige auch 50 bis 100, mit engagierten jungen Familien. Der Pfarrer erinnerte auch an die gescheiterten Versuche der Maharishi-Bewegung oder Transzendentalen Meditation (TM), Ende der 1990er-Jahre in Fürstenberg und Rheinsberg (Oberhavel) ein Zentrum einzurichten. Die Scientology-Bewegung müsste dem Sektenbeauftragten zufolge nicht nur vom Verfassungsschutz, sondern auch von den Gesundheitsbehörden beobachtet werden, denn sie biete ohne Heilpraktiker-Lizenz Leistungen auf diesem Gebiet an. Angesichts von Vorwürfen wegen Betrugs, Nötigung und Wuchers sei obendrein die Staatsanwaltschaft gefragt. Gemäß der Planung für die "ideale Organisation" von Scientology soll es außer den Missionen rund um die Berliner Zentrale zusätzliche Zuliefereinheiten ("Feeder orgs") geben, die neue Anhänger werben. Das gesamte Umland, der "Speckgürtel, ist da im Blick". "Die sind keine Kirche und auch keine Religionsgemeinschaft, sondern das ist eine politische und wirtschaftliche Sache. Da ist der Staat zuständig", unterstrich Gandow.

Der Tagesspiegel, 29.05.2007, Frank Jansen
Verfassungsschutz wird Scientology beobachten 
Innensenator Körting fürchtet, dass die Organisation Einfluss auf Bundestagsabgeordnete nehmen will
Der neue Scientology-Bericht des Berliner Verfassungsschutzes hat es offenbar in sich. Denn dieses Papier hat Innensenator Ehrhart Körting (SPD) bewogen, Scientology wieder durch den Nachrichtendienst beobachten zu lassen. Noch wird der Bericht unter Verschluss gehalten, doch in Sicherheitskreisen außerhalb Berlins heißt es, es sei zu befürchten, dass die als totalitär geltende Organisation in der Bundeshauptstadt Einfluss auf politische Entscheidungsträger nehmen will, vor allem auf Abgeordnete des Bundestags. Der Berliner Verfassungsschutz hat angesichts der neuen Lage die Aktivitäten von Scientology analysiert. Wie im Umfeld des Abgeordnetenhauses zu erfahren war, will Körting am Mittwoch den Verfassungsschutz-Ausschuss über seine Absicht informieren. In den nächsten beiden Tagen wird Körting bei der Innenministerkonferenz (IMK) in Berlin mit den Amtskollegen von Bund und Ländern über das weitere Vorgehen sprechen. Vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg war Unmut über Berlin geäußert worden, dessen Verfassungsschutz die Beobachtung von Scientology im Jahr 2003 eingestellt hatte. Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) äußerte im April, es bereite ihm "große Sorgen", dass Scientology "immer dreister" auftrete. Rech kündigte an, das Thema bei der IMK, die seit 2007 von Körting geleitet wird, zur Sprache zu bringen. In Berliner Abgeordnetenkreisen hieß es, Körting gebe keinem Druck nach, sondern reagiere auf das Verhalten der Scientology-Organisation. Körtings Sprecherin lehnte eine Stellungnahme ab. Im Januar hatte die Organisation in Charlottenburg ihre Deutschland-Zentrale eröffnet und die Werbung um Mitglieder verstärkt. Dagegen regte sich Protest. "Um unsere planetarischen Rettungskampagnen in Anwendung zu bringen, müssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen", heißt es in einem Schreiben der Hamburger Scientology-Filiale, aus dem das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in seinem Jahresbericht 2006 zitiert. In dem Papier steht, "Berlin als die Hauptstadt Deutschlands ist die lebenswichtige Adresse bezüglich Scientology". Angestrebt wird, "die nötigen Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament zu bauen, um unsere Lösungen tatsächlich eingearbeitet zu bekommen in die gesamte deutsche Gesellschaft". Laut BfV lehnt Scientology das demokratische Rechtssystem ab und verfolgt die Strategie, eine "neue Zivilisation" zu errichten. Scientology zähle in Deutschland zwischen 5000 und 6000 Mitglieder, schätzt das BfV. In Berlin seien es etwa 200, vermuten Sicherheitsexperten. Die Innenministerkonferenz hatte 1997 die Beobachtung von Scientology durch den Verfassungsschutz beschlossen. Berlin stellte die Überwachung 2003 ein, weil nach Ansicht Körtings, der schon damals Innensenator war, Scientology außer ihrem Programm keine verfassungsfeindlichen Aktivitäten nachzuweisen waren. Zwei Jahre zuvor hatte das Berliner Verwaltungsgericht entschieden, der Verfassungsschutz dürfe keine V-Leute mehr auf Scientology ansetzen. Ende der 90er Jahre hatte ein V-Mann und früherer Stasi-Spitzel einen hochrangigen Berliner Polizeibeamten fälschlich beschuldigt, Mitglied bei Scientology zu sein. Die Affäre führte zur Umwandlung des Landesamtes für Verfassungsschutz in eine Abteilung der Senatsverwaltung für Inneres. Der Polizist wurde rehabilitiert.

Berliner Morgenpost, 25.05.2007, Joachim Peter
BILDUNGSMARKT Scientologen drängen in die Schulen 
Scientologen versuchen Einfluss auf den Ethik- und Religionsunterricht an deutschen Schulen zu nehmen. Im gesamten Bundesgebiet verschicken Mitglieder zweifelhafte Informationsmaterialien an Schulleitungen. Davor warnt jetzt der Deutsche Philologenverband.
Scientologen versuchen offenbar systematisch Einfluss auf den Ethik- und Religionsunterricht an deutschen Schulen zu nehmen. Anfang Mai erhielten Schulleitungen und Fachlehrer im ganzen Bundesgebiet ein Schreiben eines in Kopenhagen ansässigen "Library Donation Service", in dem für Scientology geworben wird. Beigefügt war eine Film-DVD, auf der ein Interview mit dem Gründer der Organisation Ron Hubbard aus dem Jahre 1966 zu sehen ist. "In der Anlage finden Sie ein Exemplar des besagten Interviews für Ihre Information und den Einsatz im Religions- und Ethikunterricht, kostenlos und unverbindlich", heißt es wörtlich in dem Schreiben an die Lehrer. Bei dem "Library Donation Service" scheint es sich um ein Scientology-nahes Unternehmen zu handeln. Der Philologenverband spricht von einem dreisten Vorgehen. Scientology-Deutschland hatte erst vor wenigen Wochen mit der Eröffnung einer Filiale in Berlin für Schlagzeilen gesorgt. Die Organisation wird vom Verfassungsschutz überprüft. In dem jüngsten Bericht des Bundesverfassungsschutzes heißt es unter Berufung auf die Ständige Konferenz der Innenminister, es gebe "tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche Grundordnung". Im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass Scientologen zum Teil verdeckt Schüler-Nachhilfe-Unternehmen betreiben. Hubbard hatte die "Scientology-Church" 1954 gegründet. Er vertrat eine angeblich wissenschaftliche Lehre zur Lösung von "Problemen des menschlichen Verstandes". In Deutschland kämpft die Organisation seit Jahren um ihre Anerkennung als religiöse Gemeinschaft. Eine Sprecherin von Scientology-Deutschland gab an, keine Kenntnis von der Werbe-Aktion an Schulen zu haben. Sie betonte jedoch, dass ihre Organisation solche Initiativen durchaus begrüße. Da im Religions- und Ethikunterricht über Scientology gesprochen werde, seien diese Informationen auf jeden Fall "nützlich". "Wenn man über Scientology lehrt, sollte man auch etwas darüber wissen", sagte die Sprecherin der Münchner Repräsentanz. Der Deutsche Philologenverband wertete das Schreiben als "erschreckenden Beleg" dafür, dass "Scientology offensichtlich sehr viel Geld in die Hand nimmt, um ihre aggressive Werbung bei Jugendlichen und in Bildungseinrichtungen zu intensivieren". "Die Aufforderung, die zugesandten Materialien im Unterricht einzusetzen ist dreist. Es wäre wider alle Schulgesetze", sagte Philologen-Chef Heinz-Peter Meidinger morgenpost.de. Von den Schulleitungen verlangte er, die "manipulativen Materialien" nicht im Unterricht einzusetzen, sondern zu vernichten. "Der Einsatz dieser Materialien im Unterricht ist eine Aufforderung an die Schulleitungen zum Rechtsbruch", sagte Meidinger. Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) sagte, man dürfe in Sachen Scientology "weder in Hysterie noch in Verharmlosung verfallen". In Hessen habe sie noch keines dieser Schreiben auf den Schreibtisch bekommen. "Sollten Lehrer von der Aktion betroffen sein, gehe ich davon aus, dass sie die Materialien in den Papierkorb versenken", sagte Wolff, die Präsidiumsmitglied der Kultusministerkonferenz (KMK) ist, WELT ONLINE.

Tages-Anzeiger; 23.05.2007, Hugo Stamm
Scientologen wieder auf Seelenfang 
Viele Passanten ärgern sich, dass Scientologen regelmässig an bester Lage in Zürich Informationsstände aufstellen dürfen. Eine Missionstätigkeit mit dem Segen der Behörden.
Zürich. - Die Menschenfischer der Scientology-Sekte nähern sich den Passanten auf Samtpfoten. Sie nennen sich ehrenamtliche Geistliche und sprechen die Leute mit einem gewinnenden Lächeln an. Die gewitzten Missionare laden die Leute manchmal zu einer Art Massage ins gelbe Zelt, um sie angeblich von Stress zu befreien. Dass die Passanten auf dem Schragen der Scientologen gelandet sind, erfahren sie frühestens beim Gespräch mit ihrem «Masseur». Den Schriftzug Scientology sucht man vergeblich. Manche Passanten reagieren verärgert, wie Mails und Anrufe von genervten Zürchern zeigen. «Es ist ein Skandal, dass die Scientologen an bester Lage neue Mitglieder ködern können», sagt ein TA-Leser. Tatsächlich haben es die Standplätze in sich: Paradeplatz, Pestalozziwiese, Bahnhofstrasse, Hirschenplatz, Albisriederplatz. 
Werbung mit Wunderheilung
Das Motto der ehrenamtlichen Geistlichen: «Wenn Sie besorgt, traurig oder verängstigt sind oder Ihre Fassung verloren haben oder wenn Sie ganz einfach mit jemandem sprechen möchten: Wir sind jederzeit da, um Ihnen zuzuhören, Sie zu verstehen und Ihnen praktische, seelsorgerische Hilfe zu geben.» Die ehrenamtlichen Geistlichen sind überzeugt, besondere Heilkräfte zu besitzen. Auf ihrer Homepage preisen sie eine Wunderheilung, die sich in den USA ereignete: Ein 13-jähriger Knabe lag nach einem Unfall im Koma, die Ärzte waren machtlos. Die Mutter alarmierte eine Scientologin, welche die gleiche Massage («Touch Assists») wie ihre Kollegen an der Zürcher Bahnhofstrasse applizierte. Zwei Tage später habe der Knabe die Intensivstation verlassen können, erklären die Scientologen. Ursprünglich hatte die Stadtzürcher Verwaltungspolizei den Scientologen verboten, auf öffentlichen Plätzen Werbeschriften zu verteilen. Das Verwaltungsgericht hat vor Jahren die Verfügung aufgehoben, das Bundesgericht den Entscheid gestützt. Seither muss die Polizei Standgesuche bewilligen. Die Religionsfreiheit erlaubt auch Sekten, in der Öffentlichkeit für ihre Heilslehre zu werben und neue Mitglieder zu missionieren. Scientology wird lediglich verboten, Kurse, Geräte oder Bücher zu verkaufen. Den Persönlichkeitstests, den Scientologen früher tausendfach in Zürich gestreut hatten, dürfen sie nicht mehr verteilen, weil dieser keinen religiösen Inhalt vermittelt. 
48 Standaktionen pro Jahr
Das Motto der ehrenamtlichen Geistlichen: «Wenn Sie besorgt, traurig oder verängstigt sind oder Ihre Fassung verloren haben oder wenn Sie ganz einfach mit jemandem sprechen möchten: Wir sind jederzeit da, um Ihnen zuzuhören, Sie zu verstehen und Ihnen praktische, seelsorgerische Hilfe zu geben.» Die ehrenamtlichen Geistlichen sind überzeugt, besondere Heilkräfte zu besitzen. Auf ihrer Homepage preisen sie eine Wunderheilung, die sich in den USA ereignete: Ein 13-jähriger Knabe lag nach einem Unfall im Koma, die Ärzte waren machtlos. Die Mutter alarmierte eine Scientologin, welche die gleiche Massage («Touch Assists») wie ihre Kollegen an der Zürcher Bahnhofstrasse applizierte. Zwei Tage später habe der Knabe die Intensivstation verlassen können, erklären die Scientologen. Ursprünglich hatte die Stadtzürcher Verwaltungspolizei den Scientologen verboten, auf öffentlichen Plätzen Werbeschriften zu verteilen. Das Verwaltungsgericht hat vor Jahren die Verfügung aufgehoben, das Bundesgericht den Entscheid gestützt. Seither muss die Polizei Standgesuche bewilligen. Die Religionsfreiheit erlaubt auch Sekten, in der Öffentlichkeit für ihre Heilslehre zu werben und neue Mitglieder zu missionieren. Scientology wird lediglich verboten, Kurse, Geräte oder Bücher zu verkaufen. Den Persönlichkeitstests, den Scientologen früher tausendfach in Zürich gestreut hatten, dürfen sie nicht mehr verteilen, weil dieser keinen religiösen Inhalt vermittelt. 48 Standaktionen pro Jahr

Berliner Zeitung, 23.05.2007, Lisa Hemmerich und Thomas Rogalla
Wachsam bleiben 
Die erste Aufregung um Scientology hat sich gelegt. Bürger und Behörden beobachten die Sekte 
Wollen Sie sich besser kennenlernen, mehr über sich erfahren?" fragt die lächelnde junge Frau vor der Scientologyniederlassung in der Meinekestraße. "Dann kommen Sie doch mit rein." Drinnen ist alles futuristisch und kalt eingerichtet, in Blau- und Grau-Tönen. An der Wand hängen silberne Pyramiden und seltsame Symbole. Eine Frau sitzt bereits an einem 200 Fragen umfassenden Persönlichkeitstest. Sie wirkt verschüchtert, unsicher. "Schlafen Sie gut?" ist eine der Fragen, "sind Sie zeitweilig ohne einen offensichtlichen Grund traurig und deprimiert?" eine andere. Und "fällt es Ihnen leicht, sich zu entspannen?" Die Antworten werden in einer Kurve dargestellt. Ergebnis: Die Kundin ist "deprimiert" "nervös" und lebt "zurückgezogen". Aber ihr kann geholfen werden. Die freundlichen Mitarbeiter von Scientology bieten ihr für rund 70 Euro ein Dianetik-Seminar an und empfehlen, das Buch von L. Ron Hubbard, dem Gründer von Scientology, zu kaufen. Die Frau passt genau in die Zielgruppe von Scientology: Sie sei unzufrieden mit ihrer Arbeit als Zeitarbeiterin, ihr fehle der Anschluss, berichtet sie. Genau da setzt Scientology an, verspricht den Menschen, etwas verändern zu können. Doch es geht nicht nur um die Wohlstandsprobleme gestresster Städter. "Scientology fokussiert auch auf Menschen, die sich in einer psychischen Krise befinden", sagt Heinrich Beuscher, der Psychiatriebeauftragte Berlins. "Denen verspricht Scientology Heilung und Erlösung, gleichzeitig bekämpft die Sekte die professionellen psychiatrischen Hilfseinrichtungen", berichtet Beuscher. So gab es in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel "Tod statt Psychiatrie", organisiert von dem Verein KVPM, der sich zu Scientology bekennt. Dass sich Menschen in die Arme von Scientology begeben, statt sich einem Therapeuten oder einem Psychiater anzuvertrauen, erklärt Beuscher so: "Insbesondere Leistungsträger, die in einer seelischen Krise sind, wollen es sich nicht eingestehen, wenn sie psychisch krank sind. Denen erscheint das Hilfeversprechen von Scientology attraktiv." Der Großteil der Berliner erscheint gegen diese Verheißungen jedoch immun zu sein. "Ich sehe immer nur wenige Besucher in das Scientology-Gebäude an der Otto-Suhr-Allee gehen", berichtet Monika Thiemen, Bürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Aufregung um die Ansiedlung von Scientology im Bezirk habe sich gelegt, sagt Thiemen. Was nicht heißt, dass man die Hubbard-Sekte toleriert. "Wir bleiben wachsam", sagt Thiemen. Man werde weiter über die Sekte informieren und vor allem junge Leute warnen. In den vergangenen Monaten luden Schulen in der Nähe der Sektenkirche zu Veranstaltungen ein, die Parteien veranstalteten Diskussionsforen, das Ordnungsamt beobachtete penibel, ob die Sekte an ihren Info-Ständen Bücher verkauft - was als Gewerbe nicht statthaft ist. Auch ohne Verfassungsschutz steht die Sekte unter bürgerschaftlicher Beobachtung. In Steglitz-Zehlendorf etwa baute eine Jugendgruppe neben einem Infostand, den Scientology-Adepten unter einem anderen Namen betrieben, einen Tisch auf und klärten Passanten über den Scientology-Hintergrund auf. "Es hat sich beeindruckend viel Widerstand von Bürgern gegen Scientology formiert", sagt Sven Nachmann von der Senatsschulverwaltung. An deren Sekten-Hotline (Tel. 90 26 55 74) gehen immer wieder Anrufe ein, bei denen Berliner über Aktivitäten der Sekte oder über deren Immobilienkäufe informieren. Die Zahl der Anrufer, die sich als Opfer von Scientology sehen, sei im Vergleich zu früher jedoch nicht gestiegen, sagt Nachmann. "Da ist nichts Dramatisches passiert." Er hält es wie Monika Thiemen: "Keine Aufregung über Scientology. Aber wachsam bleiben."

Der Tagesspiegel,  21.05.2007, Sabine Beikler und Gunda Bartels
Die Politik hat Scientology als Gefahr erkannt 
Parteien wollen Organisation vom Verfassungsschutz beobachten lassen SPD setzt auf verbesserte Aufklärung und sucht das Gespräch mit den Kirchen
Der Berliner Verfassungsschutz will nach Tagesspiegel-Informationen die umstrittene Organisation Scientology wieder beobachten. "Es gibt eindeutige Hinweise darauf, die eine Überwachung rechtfertigen", sagte SPD-Innenpolitiker Thomas Kleineidam. Scientology wirbt seit Eröffnung ihrer Hauptstadtrepräsentanz in Berlin immer offensiver um Mitglieder. Die Sprecherin der Innenverwaltung, Nicola Rothermel, dementierte eine Überprüfung nicht, sondern berief sich auf die "laufende Prüfung". Offiziell wird sich der Verfassungsschutzausschuss damit erst am 30. Mai befassen. FDP-Innenpolitiker Björn Jotzo und der stellvertretende CDU-Fraktionschef Michael Braun befürworten die Beobachtung von Scientology durch den Verfassungsschutz. Grünen-Rechtspolitiker Dirk Behrendt dagegen findet das nicht notwendig, da "man ohnehin schon alles über Scientology weiß". In Berlin war die Beobachtung durch den Verfassungsschutz 2003 mangels nachweisbarer Verstöße gegen das Grundgesetz eingestellt worden. Damals befand das Berliner Verwaltungsgericht, dass die vorliegenden Erkenntnisse über die Aktivitäten der Organisation für eine Beobachtung nicht ausreichten. Das hat sich offenbar geändert. Inzwischen hat die Vereinigung neben ihrer Deutschlandzentrale an der Otto-Suhr-Allee auch eine Filiale in der Meinekestraße eröffnet. Und überall taucht die umstrittene Organisation auf: Scientologen verteilen Hefte an Schulen, bieten Nachhilfeunterricht an, werben an Straßenständen und bieten einen kostenlosen "Stresstest" an. Verbieten kann das der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zwar nicht, doch fordert Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) die Bürger auf, dem Ordnungsamt zu melden, wenn "Verkaufsgespräche" an den Scientology-Ständen geführt werden. Auch die evangelische und die katholische Kirche sprechen sich für eine verstärkte Aufklärung über die Gefahren der Organisation aus. Markus Bräuer von der evangelischen Landeskirche und Erzbistumssprecher Stefan Förner boten dazu Gespräche mit der Politik an. Sie betonen, dass Scientology keine Kirche oder Religionsgemeinschaft sei, sondern ein auf Gewinnmaximierung angelegtes Wirtschaftsunternehmen. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen spricht gar von einer "Geheimgesellschaft", deren Werte nicht mit der Menschenwürde vereinbar seien. Deswegen gelte für die Organisation auch das gesetzlich verbürgte Recht auf Religionsfreiheit nicht, so Markus Bräuer. Beim Verkauf landeskirchlicher Immobilien gäbe es eine "Scientology-Klausel". Jeder Käufer müsse bestätigen, das er nicht zu der Organisation gehört. Die Opposition erwartet von Bildungssenator Jürgen Zöllner Vorschläge, wie man Kinder und Jugendliche umfassend über Scientology informiert. Die SPD will regelmäßige Treffen mit Kirchenvertretern und Vereinen organisieren, um sich über die Aktivitäten von Scientology auszutauschen. "Wir wollen eine Anlaufstelle beim Senat einrichten", sagte Tom Schreiber, verfassungsschutzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion.

Die Welt, 20.05.2007
Scientology jetzt auch am Kurfürstendamm
Werbung mit dubiosen Tests. Für den "Stress-Test" muss man zwei Eisenstäbe halten, die mit einem merkwürdigen Apparat verkabelt sind. Das Gerät nennt sich "E-Meter". Anwohner sind empört über neue Nachbarn. "Das ist Stress!", triumphiert Frau Krause. Sie ist Scientologin und arbeitet in der neu eröffneten Charlottenburger Filiale der umstrittenen Scientology-Organisation an der Meinekestraße in Kudamm-Nähe. Frau Krause wirbt schon auf der Straße vor dem Scientologen-Laden damit, dass man doch mal einen Stress-Test bei ihr machen sollte. Das Geschäft sieht wie eine normale Buchhandlung aus, nur mit dem Unterschied, dass es ausschließlich Lektüre eines Autoren gibt. Für den "Stress-Test" muss man zwei Eisenstäbe halten, die mit einem merkwürdigen Apparat verkabelt sind. Das Gerät nennt die Scientologin "E-Meter". Ich nehme die Stäbe in die Hände. Sofort schlägt der "Stress-Pegel" des "E-Meter" aus. Komisch, denn ich bin gar nicht gestresst. Das ist der Scientologin und dem Gerät aber egal. Hier wird offenbar auch nicht vorhandener Stress gemessen. Sogleich wird meine Interviewerin persönlich. "An wen denken Sie denn gerade? Vielleicht verursacht derjenige ja Stress?" Schnell hat sie die Lösung aller meiner (nicht vorhandenen) Probleme parat: "Dianetik", das Buch von Scientology-Gründer Ron Hubbard für 9,90 Euro. Am besten sollte ich es sofort kaufen, rät sie mir. Solch subversive, sektiererische Methoden kommen an der Meinekestraße nicht gut an. Überhaupt sind die neuen Nachbarn bei den meisten Geschäftsleuten nicht willkommen. "Das ist eine Sekte. Ich habe Angst vor denen", sagt eine Geschäftsfrau. In einem Bekleidungsladen ist man empört, wie man von den neuen Nachbarn betrogen wurde. So hätten sich die Scientologen anfangs als Anti-Drogen-Organisation vorgestellt und Plakate verteilt, die die meisten Geschäftsleute in ihren Schaufenstern aufhängten. Erst bei genauem Hinsehen habe man ganz klein den Schriftzug "Scientology" erkannt. Einige Charlottenburger sind richtig wütend. Zum Beispiel darüber, dass die von Sektenbeauftragten scharf kritisierte Vereinigung bereits die zweite Filiale in der City-West eröffnet hat. Erst im Januar hatte Scientology an der Otto-Suhr-Allee Quartier bezogen. Immerhin soll "in Kürze" über eine Beobachtung der Organisation durch den Verfassungsschutz entschieden werden, informierte eine Sprecherin der Behörde. Ohne sich als Scientologen zu outen, gehen die "Missionare" sogar am Kudamm auf Menschenfang - natürlich mit "Stress-Tests". Der "Stress-Pegel" schlägt auch hier immer aus.

Abendblatt.de, 18.05.2007, flk
Scientology 
CDU-Blumenthal: Kinder gefährdet 
Die CDU-Bundestagsabgeordnete und Sekten-Expertin Antje Blumenthal warnt vor der Scientology-Organisation: "Speziell Kinder und Jugendliche sind gefährdet." Dies bestätige der jetzt vorgestellte Verfassungsschutzbericht. "Scientology versucht immer mehr, auch Kinder und Jugendliche in ihren Bann zu ziehen. Mit vermeintlich gemeinnützigen Tarnorganisationen gelingt es der Organisation, Jugendliche anzusprechen und für sich zu vereinnahmen. Die wahren Hintergründe von Scientology bleiben dabei meist im Dunkeln", so Blumenthal.

SPIEGEL ONLINE, 16.05,2007, Konrad Lischka
SCHMUTZKAMPAGNE AUF YOUTUBE, Scientology stellt BBC-Reporter im Internet bloß
Wettkampf der Wut auf YouTube: Scientologen filmen einen ausrastenden BBC-Reporter, stellen Videos ins Internet, starten Blogs, ein Web-Magazin. Vor wenigen Jahren noch hat Scientology versucht, das Web zu zensieren. Heute nutzt die Organisation es höchst professionell. John Sweeney ist außer sich: Sein Gesicht ist rot angelaufen, die Stimme überschlägt sich, sein Finger saust durch die Luft, auf und ab, während er brüllt: "Sie waren nicht dort! Sie haben nicht das ganze Interview gehört!" Diesen Schreihals haben in den vergangen fünf Tagen ein paar Hunderttausend Menschen auf YouTube gesehen. Sweeney ist ein höchst angesehener BBC-Fernsehreporter. Bei dem Interview mit einem Scientology-Vertreter verliert er die Kontrolle, als dieser ihn parteiisch nennt, ihm vorwirft, die Anschuldigungen von Scientology-Kritikern nicht zu hinterfragen. Am Montagabend lief Sweeneys Scientology-Dokumentation im britischen Fernsehen BBC. Wenige Tage davor tauchte ein Mitschnitt seines Ausrasters bei YouTube auf, dann binnen vier Tagen Protest-Blogs, eine Protest-Website, Interviews mit BBC-Kritikern. 
Die neue Strategie: Angriff
Scientology nutzt das Internet geschickt, um die eigene Sicht der Dinge zu transportieren. Reporter Sweeney hat das am eigenen Leib erfahren: "Das Schlachtfeld ist YouTube, Scientologys Waffe ist der Clip, wo ich die Fassung verliere", schreibt er in seinem Blog und fährt fort: "Scientology hat schon viele Schlachten ausgetragen, um ihre Geheimnisse aus dem Netz zu tilgen. Jetzt nutzen sie es, um meine Recherche anzugreifen." Diese neue Strategie beobachtet auch der norwegische Scientology-Kritiker Andreas Heldal-Lund. Er veröffentlicht seit Jahren interne Scientology-Dokumente im Internet. Vor vier Jahren ließ die Organisation Heldal-Lunds Seiten aus dem Google-Index entfernen. Vorwurf: Urheberrechtsverletzung. Statt Zensur versucht Scientology heute eher, die eigene Botschaft lauter klingen zu lassen als die der Gegner. Heldal-Lund zu SPIEGEL ONLINE: "Sie suchen Schwachpunkte bei Gegnern. Haben sie etwas, greifen sie an." Die Kampagne gegen die BBC und ihren Reporter John Sweeney ist ein Paradebeispiel dieser Taktik. 
Schritt 1: Material sammeln
Es beginnt während der Dreharbeiten für seinen Dokumentarfilm "Scientology and Me" in Los Angeles: Sechs Tage lang folgen seinem Kamerateam Fremde, Treffen mit Scientology-Vertretern lässt die Organisation von ihrem eigenen Team filmen. So auch Sweeneys Besuch der Scientology-Ausstellung "Psychiatrie - die Industrie des Todes". Er sieht dort, wie angebliche Psychiater Menschen Nadeln in die Augen stechen, er hört die Anschuldigungen, Psychiater hätten in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gebracht. Und dann trifft Sweeney Scientology-Sprecher Tommy Davis, der - so Sweeneys Darstellung - ihm sechs Tage lang folgt, nachts mit einem Kameramann im Hotel auf ihn wartet, ihn zu Diskussionen anstachelt. Dann, in der Ausstellung, wirft Davis Sweeney vor, unkritisch mit Scientology-Gegnern umzugehen, in einem Interview auf kritische Rückfragen verzichtet zu haben. Da rastet Sweeney aus, brüllt, Davis würde nicht das ganze Interview kennen, Davis würde nur die zweite Hälfte zitieren, Davis sei nicht dort gewesen. Kurz hält er inne, fragt scheinbar ruhig, ob Davis alles verstehe, brüllt dann weiter. Davis bleibt gelassen, wiederholt immer wieder seine Frage, warum Sweeney denn seiner Organisation Gehirnwäsche vorwerfe. Scientology-Experte Heldal-Lund kennt diese Taktik: "Scientologen werden für solche Gespräche trainiert." Zum Standard-Repertoire gehöre: keine Gefühle zeigen, nicht auf die Fragen und Argumente anderer eingehen, allein mit Angriffen und Fragen reagieren, wieder und wieder den eigenen Standpunkt erzählen. "Dabei sollen Scientology-Vertreter immer Augenkontakt suchen, dem Gesprächspartner körperlich unangenehm nah kommen, um zu provozieren." Das kann man in den Aufnahmen auf YouTube erkennen. Die Scientology-Aufnahmen der Szene unterschlagen allerdings die Vorgeschichte, den Vorwurf unsauberer journalistischer Arbeit. Hier wird suggeriert, Sweeney sei einfach so ausgerastet. Das nicht so suggestiv geschnittene Filmmaterial der Szene des BBC-Teams zeigt das Vorgeplänkel, zeigt auch, wie der Scientology-Vertreter seine Stimme erhebt. Nach diesem Zwischenfall entschuldigt sich Sweeney bei Davis, der wirkt gelassen - beide scheinen zumindest wieder miteinander zu sprechen. 
Schritt 2: Die Vorbereitung
Aber Scientology weiß, welchen Wert die Aufnahmen des brüllenden BBC-Reporters Sweeney haben. Bisher lässt sich die Planung der Kampagne im Web zumindest bis eine Woche vor den geplanten Ausstrahlungstermin der Dokumentation Sweeneys in der BBC-Sendung Panorama zurückverfolgen: Am 8. Mai registriert die kleine britische Agentur Amazinginternet aus dem Londoner Vorort Twickenham eine Internetseite mit dem bezeichnenden Namen "bbcpanorama-exposed.org". Amazinginternet gestaltet sonst Webseiten, unter anderem für das Herrenhaus "Saint Hill", 1959 vom Scientology-Gründer L. Ron Hubbard als Familiensitz gekauft, heute noch in Scientology-Besitz, aber öffentlich zugänglich. Irgendwann im Lauf der vorigen Woche wird die Seite dann mit Inhalt gefüllt: "Als Panorama-Redakteur Sandy Smith seinen Lieblings-Reporter mit einer Sendung über die Scientology-Kirche beauftragte, machte er einen großen Fehler." Als Beleg sieht man ein Video mit der Scientology-Version der Ereignisse. Man kann kostenlos DVDs mit dem brüllenden Sweeney bestellen. Verwiesen wird auf eine Sonderausgabe der Scientology-Zeitschrift "Freedom", die auf 24 Seiten vermeintliche Fehler der BBC dokumentiert, Journalisten und Vertreter der anglikanischen Kirche zu Wort kommen lässt. 
Schritt 3: Für Aufmerksamkeit sorgen
Am 10. Mai stellt dann John Wood, ein 47-jähriges Scientology-Mitglied aus London, die Scientology-Schnittfassung des Sweeney-Wutausbruchs bei YouTube ein. Schon bald kommen passende Kommentare: "Was für ein Spinner", schreibt eine Lisa Karlsson. "Wenn die BBC das mit unseren Gebühren macht, will ich mein Geld zurück!", schreibt ein Frances Stevens. "So ein Mann sollte nicht für die BBC arbeiten", urteilt ein Nutzer namens Vuluner. BBC-Reporter Sweeney: Auf YouTube nur als Choleriker zu sehen Merkwürdig daran: Alle drei haben sich wie viele andere der ersten Kommentatoren auch ausgerechnet am 10. Mai bei YouTube angemeldet, um dann nach kurzer Zeit das Scientology-Video zu kommentieren und ihm so mehr Aufmerksamkeit auf YouTube zu sichern. Zusätzliche Aufmerksamkeit in den Massenmedien bekommt das Video am 13. Mai, einen Tag vor Ausstrahlung der Dokumentation Sweeneys: Schauspieler John Travolta fordert in einem nicht offenen, aber von Presseagenturen in Auszügen übermittelten Brief von der BBC: "Dieser Mann sollte kein Forum für seine Vorurteile, seine Scheinheiligkeit und seinen Hass bekommen." Am Montag, dem Tag der Ausstrahlung, steht das morgens in den großen britischen Zeitungen. Rechtzeitig, damit alle Zuschauer das YouTube-Video vor der am Abend laufenden BBC-Dokumentation sehen. 
Die Folgen
So wurde John Sweeneys Wutausbruch binnen vier Tagen zu einem der meistkommentierten Videos auf YouTube - worüber nach Travoltas Brief alle britischen Medien berichteten. Die Wirkung der Bilder dokumentieren die Zuschauer-Kommentare auf YouTube: Viele Nutzer übernehmen die von Scientology bevorzugte Lesarten. Auszüge: "Der Typ hat viele Vorurteile, vielleicht ist er ein Rassist", "Dieser Mann ist verrückt." Die Vorgeschichte gerät dabei in Vergessenheit: Sweeney beschreibt auf den BBC- Seiten, wie seine Nachbarn und Verwandten anonyme Anrufe erhalten, wie sein Kamerateam schon am ersten Tag in Los Angeles auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel von zwei Autos verfolgt wird, wie jeden Morgen im Frühstückraum des Hotels derselbe Mann am Nebentisch sitzt und ihre Gespräche belauscht, wie insgesamt 13 Männer immer wieder an den Orten auftauchen, an denen Sweeneys Team dreht. Scientology-Kritiker Heldal-Lund berichtet SPIEGEL ONLINE Ähnliches: Bei seinem Vermieter habe ein Mann angerufen, der sich als Polizist ausgab und nach ihm fragte. Bei seinem Arbeitgeber seien immer wieder anonyme Beschuldigungen eingegangen, Unbekannte hätten seine Ex-Freundinnen angerufen und nach ihm gefragt. Heldal-Lund sagt: "Ich kann Sweeneys Ausbruch verstehen. Absolut nachvollziehbar angesichts des Psychoterrors." Die meisten YouTube-Zuschauer teilen diese Meinung nicht. Sie sehen ein brüllenden, unsympathischen Mann und schreiben Kommentare wie "Sieg Heil, Herr Sweeney".

taz, 15.0520.07, Ralf Sotscheck
BBC-Reporter und Scientology filmen sich gegenseitig - bei kleineren und größeren Wutanfällen
John Sweeney mag keine Scientologen. Bei den Dreharbeiten zu einer Dokumentation über die umstrittene Scientology-Kirche, deren prominenteste Mitglieder die Hollywood-Schauspieler Tom Cruise und John Travolta sind, rastete der BBC-Reporter aus. Er brüllte seinen "Gesprächspartner", den Scientologen Tommy Davis, minutenlang nieder, während der offenbar ganz ruhig blieb, wie er es in Schulungskursen seiner Organisation gelernt hat. Davis beschuldigte Sweeney, dass er einen Scientology-Kritiker in einem Interview für das TV-Magazin "Panorama" mit Samthandschuhen angefasst habe, und wies darauf hin, dass in den USA Religionsfreiheit herrsche. Nachdem Davis ihm das wiederholt vorgehalten hatte, verlor Sweeney die Nerven. "Du warst am Anfang des Interviews nicht dabei", schrie er. "Du warst nicht da! Du hast nicht das ganze Interview gehört!" Dann fragte Sweeney ruhig, ob Davis ihn verstehe - um gleich darauf erneut auszuflippen. Sweeneys Pech: Die Scientologen hatten ein eigenes Kamerateam auf ihn angesetzt, das die "Panorama"-Leute sechs Tage lang verfolgte, um eine Gegendokumentation zu drehen. Sie verteilten 100.000 DVDs von Sweeneys Aussetzer an Abgeordnete, Geschäftsleute, religiöse Organisationen und an die Medien. Außerdem stellten sie den Clip ins Internet (www.youtube .com/watch?v=hxqR5NPhtLI), wo er in kürzester Zeit zu einiger Prominenz gelangte. Sweeney hat sein Verhalten längst bereut. "Es ist mir sehr peinlich", sagte er. "Ich sehe aus wie eine explodierende Tomate und brülle wie ein Düsentriebwerk. Ich habe die BBC blamiert. Aber es kam mir vor, als ob ich einer Gehirnwäsche unterzogen werde, und wenn die Leute das ganze Video sehen, haben sie vielleicht mehr Verständnis für mich." Die BBC stellte den vollständigen Videoclip gestern ins Netz (www.youtube.com/watch ?v=WA5VsSF6FZA&NR=1). Darin ist zu sehen, dass auch Davis einen kleinen Wutanfall bekam und mitten im Interview weglief, während Sweeney hinter ihm herrannte. Ernsthafte Konsequenzen hat Sweeney nicht zu befürchten. Er ist zwar gerügt worden, aber die BBC erklärte, dass er nicht gegen etwaige Richtlinien des Senders verstoßen habe.

jetzt.süddeutsche, 02.05.2007, Philipp-Mattheis
"Du bist orientierungslos!"
Wie Scientology in Deutschland Mitglieder wirbt. Ein Selbstversuch
1. Tag: Der Einstieg 
Vor dem Dianetik-Zentrum an der Münchner Freiheit wirbt ein Schild: "Heute kostenloser Stresstest". In der Eingangshalle steht ein Bionade-Automat. Mir ist mulmig. Ein junger Mann mustert mich aufmerksam und kommt dann auf mich zu. Er heißt Markus*. Ich gebe mir und Scientology zehn Tage Zeit. In der Aula stehen mehrere kleine Tische mit Stühlen. Darauf das "E-Meter", ein Apparat mit Zeigern und zwei Aluminium-Dioden an den Enden. Das "E-Meter" reagiert auf elektrische Impulse an der Hautoberfläche. Damit können Scientologen im Unbewussten gespeicherte Erlebnisse aufspüren. Markus bittet mich, an irgendwas zu denken. Der Zeiger schlägt aus. "An was denkst Du?", fragt er. An die Scheidung meiner Eltern. Ich setze mich auf eine zerschlissene Ledercouch und Markus legt eine DVD ein. Es folgt ein 45 Minuten langes Interview mit L. Ron Hubbard, Science-Fiction-Autor und legendärer Gründer der Sekte. Hubbard sitzt vor einem Gemälde mit Mohnblumen und erzählt: Scientology macht Menschen effizienter und glücklicher. Scientologen werden nicht mehr krank, denn alle Krankheiten haben psychische Wurzeln. Scientologen sind außerdem fleißig, hilfsbereit und stressresistent. Wären da nicht die Hollywood-Ikonen Tom Cruise und John Travolta, Scientology wäre die spießigste Sekte der Welt. Dann kommt Sonja zu mir. Sie sieht gut aus. Mit großen Augen sieht sie mich an. Alle Menschen hier haben einen sehr eindringlichen Blick. Wir vereinbaren einen Termin für ein "Auditing". Ich soll bis dahin keinen Alkohol trinken und keine Aspirin nehmen. Das mache meinen Geistkörper unnötig schwer.
2. Tag: Das Auditing 
Katholiken haben die Beichte, Buddhisten meditieren, Atheisten gehen zur Psychoanalyse. Und Scientologen machen "Auditing" - eine Mischung aus allen dreien. Sonja stellt mich Sigrid vor, meiner "Auditorin". Sie führt mich in den zweiten Stock. Wir betreten eine winzige Zelle mit zwei Stühlen und einem Tisch. Sigrid verschließt die Tür von innen. Ich bin ein "Pre-Clear". Auditing macht "clear". Dann schließe ich die Augen. Mein Puls steigt. Sigrid fordert mich auf, an eine wichtige Situation in meinem Leben zu denken. Ich entscheide mich für meine Führerscheinprüfung. "Gehe zum Anfang des Geschehnisses zurück und hole alle Informationen, die Du kontaktieren kannst", sagt sie. Ich erzähle von meiner Führerscheinprüfung. Nach zehn Minuten bin ich fertig. Sigrid sagt Danke und "Gehe nun zum Anfang des Geschehnisses zurück und hole alle zusätzlichen Informationen, die Du kontaktieren kannst." Ich erzähle die Geschichte noch einmal: Berganfahrt, Autobahn, rückwärts einparken. Nach 15 Minuten habe ich den roten Lappen in der Hand. Sigrid sagt Danke und "Gehe nun zum Anfang des Geschehnisses zurück und . . ." Man kann eine Geschichte dreimal erzählen.. Man kann eine Geschichte auch viermal erzählen. Spätestens beim sechsten Mal fühlt man sich debil. Sigrid zermürbt mich. Beim siebten Mal erzähle ich auch, wie ich von meinem Heimatdorf mit dem Bus zur Prüfung gefahren bin. Beim achten Mal, wie wir die Sitze des Schulbusses, der 1997 schon längst ausrangiert gehört hätte, angekokelt haben. Ich rieche den Gestank wieder. Sigrid ist eine Maschine: "Gehe nun zum Anfang . . ." Zwei Stunden später darf ich meine Augen wieder öffnen - meine Führerscheinprüfung ist "gecleared". Die Dinge im Zimmer wirken plötzlich eigenartig intensiv: Die weiße Wand ist noch weißer, Sigrids Augen noch blauer und mein Mund vom vielen Reden noch trockener. Ich fühle mich befreit. Weil ich die zwei Stunden überstanden habe? Oder weil ich dem Clear ein Stück näher gekommen bin? Zum Abschied gibt mir Sonja den "Oxford-Persönlichkeitstest" und bittet mich, ihn bis morgen auszufüllen. 200 Fragen im Multiple-Choice-Verfahren: Haben Sie das Gefühl, dass Menschen hinter ihrem Rücken schlecht über Sie reden? Sind Sie oft gestresst? Leiden Sie unter nervösen Ticks? In letzter Zeit zucken die Muskeln meines rechten Auges so eigenartig.
3. Tag: Der Persönlichkeitstest 
Dass ich nicht ganz normal bin, habe ich zum ersten Mal in der siebten Klasse vermutet, als ich den achten Verweis innerhalb von drei Monaten kassierte. Jetzt habe ich es schwarz auf weiß: Meine Persönlichkeit ist im Arsch. Fast alle meine Eigenschaften sind im "nicht annehmbaren Zustand". Sonja starrt mich an. "So kann es doch nicht weitergehen. Du bist orientierungslos, unsicher und Du verschwendest Deine Energie. Du lebst nicht effizient." Sonja arbeitet seit zehn Jahren bei Scientology. Sie hat Menschen Lesen und Schreiben beigebracht, Drogenabhängige kuriert und Ehen gerettet. Sie verunsichert mich. "Nun schau nicht so traurig", sagt sie. "Wir können Dir helfen!" Ich lächle, Sonja strahlt. Mit dem Kommunikations-Trainings-Kurs werde ich in nur acht Kursstunden besser mit meinen Mitmenschen auskommen und meine Schüchternheit überwinden. "Weißt Du, was das Beste ist?" Ich zucke mit den Schultern. "Der Kurs kostet nur 37,90 Euro!" Mein Training wird am Dienstag beginnen.
4. Tag: Der Aussteiger
Wilfried Handl leitete Scientology Österreich und er war "Clear". Wir treffen uns am Münchener Hauptbahnhof, er ist auf dem Weg nach Kempten zu einer Podiumsdiskussion über Scientology. Er sieht jünger aus als 55, der Krebs hat Handls Körper zerfressen. Die Hoden, die Bauchhöhle, die Lunge, 2004 folgt ein Gehirntumor. Er zeigt mir einen langen Schnitt auf seinem Hinterkopf. Er hat seine Frau und zwei seiner Söhne an die Sekte verloren. Der Krebs hat ihn gerettet. "Auf der Stufe, die ich erreicht hatte, hätte ich laut Scientology eigentlich keinen Krebs mehr bekommen dürfen." Zum ersten Mal nach 28 Jahren hatte Handl im Krankenhaus Zeit zum Nachdenken. Denn Scientologen haben keine Zeit. Sie arbeiten im Zentrum für etwa 40 Euro pro Woche. Deswegen brauchen sie Zweitjobs. 28 Jahre hat Handl 16 Stunden am Tag gearbeitet. Dann stieg er aus und wurde 2004 von Scientology zur "unterdrückerischen Person" erklärt. Kein Mitglied darf seitdem mehr Kontakt zu ihm haben. Handl blickt mir in die Augen. "Immer Blickkontakt zu halten, lernen Scientologen relativ schnell. Sie erhalten Macht über Menschen. Es beginnt harmlos mit Kursen über Psychologie und Kommunikation. Am Ende zahlen Sie mehrere tausend Euro für den nächsten Kurs, weil Sie eine noch höhere Stufe erreichen wollen. Und dann beginnt der Druck." 
Philipps Persönlichkeitstest
Als wir im Zug nach Kempten sitzen macht Handl eine Art Spiel mit mir. "Denken Sie bitte nicht nach, antworten Sie einfach auf meine Fragen." So muss Handl früher gewesen sein: einnehmend und hypnotisierend. "Welchen Beruf hatten Sie im Jahr 1683?" - "Tischler", sage ich. "Können Sie sich an ein schlimmes Erlebnis damals erinnern?" Ein paar Sekunden und ein paar Fragen später bin ich im 13. Jahrhundert. Ich bin Söldner und kämpfe auf einem Schlachtfeld in Norditalien. Meinem Nachbarn hackt ein kaiserlicher Ritter das Bein ab. "Sehen Sie, es funktioniert ganz einfach. Sie waren gerade auf dem Weg, ihre Reinkarnationen zu identifizieren. Scientologen sind in diesem Denken gefangen. Um ihre wahre Identität zu finden, den "Thetan", geben Sie immer mehr Geld für immer noch teurere Kurse aus." 
7. Tag: Der Thetan
Ich bin der einzige Kursteilnehmer. In der Nacht habe ich geträumt, ich sei ein Tischler im 17. Jahrhundert. Mein Kollege schnitt sich während der Arbeit den Daumen ab. Alles war voller Blut. Jetzt liegt vor mir ein Scientology-Bilderbuch, aus dem ich lerne, dass ein Mensch aus sterblichem Körper, dem Verstand und dem Thetan besteht. Der Thetan ist unsterblich und wandert nach dem Tod eines Menschen in einen anderen Körper. Ich habe schon verrücktere Sachen gelesen. Die christliche Trinitätslehre ist da wesentlich kryptischer. 
8. Tag: Die Hemmungen
Mein neuer Kursleiter sieht aus wie eine Eule. Er trägt ein braunes Hemd, dessen Stoff an eine Raufasertapete erinnert. Ich soll einen "Kommunikationszyklus" üben: Aufnahmebereitschaft des Gegenübers feststellen, Frage stellen, Antwort bestätigen. Ich muss durch das Haus gehen und Scientologen ansprechen. Überall freundliche Gesichter und nette Antworten. Ich baue Hemmungen ab. Am Abend sitze ich in einer Kneipe. Als sich die Frau am Nebentisch einen Lugana bestellt, sage ich zu ihr, dass Lugana der beste Weißwein auf der Karte ist: Er ist trocken und hat wenig Säure. Sie lächelt, wir unterhalten uns eine halbe Stunde lang. Das letzte Mal habe ich eine wildfremde Frau auf dem Oktoberfest angesprochen. Nach drei Maß Bier. 
10. Tag: Der Ausstieg
Ich habe den Kurs nicht beendet. Am zehnten Tag kam die erste SMS: Sonja möchte mit mir meinen Stundenplan verifizieren. Ich habe nicht geantwortet. Ich habe Abmachungen mit mir selbst getroffen, an die ich mich halte. Heute hat mir mein Mitbewohner gesagt, dass ich glücklicher aussehe. Ich hätte so ein Leuchten in den Augen. Ich habe ihm tief in die Augen gesehen und dann seinen Daumen betrachtet. Wir kennen uns schon sehr lange. 1683 waren unsere Thetane beide Tischler. 
* Namen von der Redaktion geändert

n-tv, 27.04, 2007
Neue Europastrategie - Experten warnen vor Scientology
Sektenexperten aus 29 Ländern haben vor einer neuen Europastrategie von Scientology gewarnt. "Die Organisation versucht verstärkt, Einfluss auf die Politik auszuüben", sagte Friedrich Griess, Präsident der Europäischen Föderation der Zentren für Forschung und Information über das Sektenwesen (FECRIS) in Hamburg. So habe es in Brüssel schon einen Gesetzesantrag der Scientologen gegeben und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso habe Scientologen zu Gesprächen mit Religionsvertretern geladen. "Außerdem versucht die Organisation Pluspunkte über Promis wie Tom Cruise oder John Travolta zu sammeln", sagte Wilfried Handl, ein ehemaliges Mitglied von Scientology. "Es ist mehr als gerechtfertigt, dass der Verfassungsschutz Scientology beobachtet", sagte Handl. Er habe erst 2002 nach seinem Ausstieg gemerkt, wie gefährlich die Organisation sei. "Scientology versucht, das Geld ihrer Mitglieder abzugreifen und ihre Machtstruktur zu bewahren", sagte der Österreicher. Auch Griess betonte, das wahre Ziel der Scientologen sei es, "ein totalitäres System einzuführen". "Die meisten Länder unternehmen nichts, weil die Organisation sehr viel Druck ausüben kann", sagte Handl. Deshalb sei es wichtig, "ein Gegengewicht zu schaffen" und Arbeitsgruppen wie bei der Innenbehörde in Hamburg einzurichten. Scientology wurde 1954 von dem amerikanischen Science-Fiction-Autor Lafayette Ronald Hubbard (1911-1986) gegründet. Ihre Lehre führt laut Bundesfamilienministerium "häufig zu psychischer und finanzieller Abhängigkeit". An diesem Sonnabend veranstaltet die FECRIS in Hamburg unter dem Motto "Sekten und Esoterik: Neue Herausforderungen für die Zivilgesellschaften in Europa" erstmals ihren Jahreskongress in Deutschland. Dabei sollen neue Vorgehensweisen gegen Sekten erarbeitet werden. Der Organisation, die 1994 in Paris gegründet wurde, gehören 46 Mitgliedsorganisationen aus 29 Ländern an.

Stuttgarter Zeitung, 19.04.2007
Scientology verliert Immobilienpoker 
In der Marienstraße 41 wird kein neues Zentrum der Scientology-Gemeinde Baden-Württemberg entstehen Stuttgart - In der Marienstraße 41 wird kein neues Zentrum der Scientology-Gemeinde Baden-Württemberg entstehen. Die Incity Immobilien AG hat jetzt das Bürogebäude und zwei weitere Häuser direkt daneben erworben. Er hat lange gedauert, der Immobilienpoker um die Marienstraße 41. Jetzt hat ihn die Incity Immobilien AG gewonnen. Sie hat jetzt das große Bürogebäude aus den 50er-Jahren erworben und kaufte, wie vom Verkäufer verlangt, die beiden stattlichen Gründerzeitgebäude links und rechts davon, die Marienstraße 39 und 43, gleich mit. Das Nachsehen hat die Scientology-Gemeinde Baden-Württemberg, die sich seit fast zwei Jahren um den Erwerb der Marienstraße 41 für ein neues Zentrum bemüht hatte. Um dies zu verhindern, hatte seinerzeit auch die Stadt einen Erwerb des Gebäudes im oberen Teil der Marienstraße geprüft. Doch nun fanden sich private Investoren, was der Stadt gelegen kommt. "Ich bin hocherfreut, dass man eine anderweitige Lösung gefunden hat", sagte gestern der Erste Bürgermeister Michael Föll. Hocherfreut ist man im Rathaus auch über die Pläne der neuen Eigentümer. Das seit Kurzem börsennotierte Kölner Unternehmen hat sich auf die konzeptionelle Entwicklung und Realisierung von hochwertigen Immobilien in Innenstadtlagen spezialisiert. Nach Auskunft von André Peto, dem Vorstand der Incity Immobilien AG, ist geplant, die bereits weit gehend leer stehenden Büros im Haus Marienstraße 41 in große und gehobene Eigentumswohnungen umzuwandeln. Definitiv entschieden sei darüber aber noch nicht. Die beiden Gebäude mit der Nummer 39 und 43 stehen unter Denkmalschutz und sind gewerblich vermietet. In der Marienstraße 41 mit einer Gebäudefläche von allein rund 3000 Quadratmetern wäre Platz für 20 bis 30 Wohnungen. Das Grundstück ist insgesamt rund 6000 Quadratmeter groß. Die parkähnliche, bisher weit gehend als versiegelter Parkplatz genutzte Gartenanlage bleibe erhalten, so Peto. Ob das für die gesamte Fläche gilt, bleibt abzuwarten. Bis jetzt gilt ein Bauverbot. Wegen der Umnutzung von Garagen gab es deshalb vor Jahren einen Streit zwischen dem bisherigen Eigentümer und der Stadt, der bis vor den Verwaltungsgerichtshof ging. Inzwischen aber setzt die städtische Wohnungspolitik bekanntlich auf Nachverdichtung, der Bau von Stadtwohnungen ist mehr denn je erwünscht. Die Marienstraße würde mit der Umwandlung von Büros eine weitere Aufwertung als Wohnadresse erfahren. Erst vor Kurzem sind in der Marienstraße 48 im ehemaligen Gebäude der Forstdirektion 17 moderne Mietwohnungen entstanden. Die Scientology-Gemeinde will sich jetzt nach einer anderen Immobilie umschauen. "Wir sind dabei, etwas anderes zu suchen", sagte der Sprecher der Organisation, Hubert Kech, gestern auf Anfrage. Man habe verschiedene Angebote, aber noch nichts Konkretes.

Maerkische Allgemeine vom 14.04.2007, RÜDIGER BRAUN
Noch kein Revier von Scientologen Land sieht vorläufig keine Sektengefahr 
POTSDAM Auch wenn Scientology jetzt auf 5000 Quadratmetern von Berlins Mitte aus ganz Deutschland mit ihrem Programm beglücken will, als Bedrohung sieht Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) weder diese vom Verfassungsschutz des Landes beobachtete Gruppe noch andere in der Region aktive Weltanschauungsgemeinschaften. "Von der weit überwiegenden Zahl der Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie religiösen Bewegungen geht aus der Sicht der Landesregierung keine Gefahr aus", schreibt sie in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Linkspartei. Neben Pfingstlern und Mormonen seien vor allem die Zeugen Jehovas aktiv. Letztere haben eigenen Angaben zufolge 2800 Anhänger im Land, womit Brandenburg zu ihren stärkeren Standorten im Osten zählt. Peer Jürgens, Abgeordneter der Linkspartei, der die von heftigen Protesten begleitete Gründung des Berliner Scientologen-Zentrums zum Anlass für die Anfrage nahm, ist zwar mit den Auskünften der Landesregierung nicht zufrieden, glaubt aber selbst auch nicht, dass Scientology in Brandenburg aggressiv vorgeht. Tatsächlich hat die Scientology-Kirche nach Angaben ihrer Sprecherin Sabine Weber bisher "die Fühler" noch nicht nach Brandenburg "hingestreckt". "Im Moment sind wir in erster Linie in Berlin aktiv." Dort habe Scientology 150 Mitglieder. Zehn bis 15 Mitglieder seien täglich mit Infoständen unterwegs. Vereinzelte "Informationstage" habe es aber auch in Potsdam schon gegeben. Chancen zur Ausdehnung in die Mark verspricht sich die Organisation allemal. Womit sich Brandenburger ansprechen ließen, würden "Zeit und Erfahrung" zeigen. Der kirchliche Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen in Berlin-Brandenburg, Thomas Gandow, sieht die Lage denn auch nicht so entspannt wie die Landesregierung. Bei der sich als Wissenschaft verstehenden Scientology-Kirche sei zum Beispiel nicht die Frage wichtig, wie viele Mitglieder sie zähle, sondern: "Wie viel Kohle haben sie und welchen Einfluss?" So sei ein Berliner Wirtschaftsingenieur, der Gandow nachweislich im Auftrag von Scientology bespitzelt habe, nicht nur von der Industrie- und Handelskammer Berlin, sondern auch von Brandenburgischen Gerichten mit der Bewertung bebauter und unbebauter Grundstücke beauftragt worden. Laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz werden in der Scientology-Ideologie Auffassungen vertreten, die mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar sind. Seit einem Beschluss der Innenministerkonferenz von 1997 beobachtet auch das Land Brandenburg die Organisation. Für Psychologen sind die von Scientology angeblich zu Therapiezwecken anberaumten und teuer zu bezahlenden Sitzungen Techniken, die zu psychischer Abhängigkeit führen. Auf Aussteiger übt nach deren Aussagen die Organisation massiven Druck aus.

Deutschlandradio Kultur, 12.04.2007, Alexandra Gerlach
Wie geht es weiter am Dresdner Hannah-Arendt-Institut? Direktor Gerhard Besier muss gehen
Der Vertrag von Gerhard Besier, dem Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, wird nicht verlängert. Diese Entscheidung des Kuratoriums steht im Widerspruch zur Beurteilung des Instituts durch den international besetzten, wissenschaftlichen Beirat, der erst kürzlich eine positive Bewertung abgegeben hatte. Nur scheibchenweise kommt das volle Ausmaß dieser neuen Erschütterungen am Dresdner Hannah-Arendt-Institut ans Licht. Alle Hauptpersonen sind auf Tauchstation gegangen, wie in so unerquicklichen Situationen so häufig. Keine Statements, keine größeren Erklärungen, das Kuratorium habe einvernehmlich aber nicht einstimmig fristgerecht entschieden, den Fünf-Jahres -Vertrag von Gerhard Besier nicht zu verlängern. Das sei an sich ein übliches Verfahren, betonte letzte Woche, Kuratoriumsmitglied Prof. Hermann Kokenge, der Rektor der TU Dresden: "Es ist nicht nur eine Frage, inwieweit man mit der Arbeit zufrieden ist sondern es geht ja auch um ein gesamtes Institut, was durch den Direktor geführt und geleitet werden muss, also, ich glaube das sind verschiedene Aspekte, die dort auch eine Rolle gespielt haben." Das stimmt in der Tat, denn zu diesem Zeitpunkt war das Kuratorium bestens im Bilde über einen siebenseitigen Brand-Brief, in dem die wissenschaftlichen Institutsmitarbeiter dem Direktor das Vertrauen kündigten. Darin auch der schwer wiegende Vorwurf, der Kirchenhistoriker Besier habe es an der gebotenen Distanz zur Scientology-Sekte fehlen lassen. Er verteidige die Sekte, die in einigen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, nicht nur gegen Kritik, sondern betreibe auch noch am Institut gezielt Austausch mit Wissenschaftlern, die wie er zu den Fürsprechern von Scientology gehörten. Besiers angebliche Nähe zur Psycho-Sekte Scientology ist kein neuer Vorwurf. Bereits 2003 hatte der Kirchenhistoriker für Wirbel in diesem Zusammenhang gesorgt damals hatte er nur wenige Monate nach seiner Amtseinführung eine Begrüßungsrede anlässlich der Einweihung eines neuen Scientology-Instituts in Brüssel gehalten. Schon damals gingen die Wogen der Empörung hoch. Die PDS-Landtagsabgeordnete Heike Werner kommentierte seinen Auftritt im Herbst 2003 so: "Ja, das muss ihm einfach klar sein, er ist eine herausgehobene Persönlichkeit, er ist eben nicht nur Religionswissenschaftler und nicht mehr nur Privatmann, er ist Direktor eines staatlichen Institutes. Š Es gab einfach schon mehrere Artikel und es ist nicht einfach so, dass er nur die Religionsfreiheit hervorstreicht sondern man hat schon das Gefühl, dass er sehr Pro-Scientology ist." Der Gescholtene zeigte sich damals erstaunt, gab aber zu, mit seiner Brüsseler Rede ein Tabu gebrochen zu haben. Doch ihm gehe es um die Freiheit, und vor allem um die Religionsfreiheit. Vor allem diese Rechtfertigung gab im Herbst 2003 den Ausschlag für herbe Kritik an seinem Verhalten. Besier ließ sich davon nicht beirren und verwies auf andere Länder Europas, in denen die Scientologen längst als Religionsgemeinschaften anerkannt seien, wie etwa in Schweden, Italien und Portugal. Schon 2003 war es für das Kuratorium eine schwierige Entscheidung, an Besier als Direktor des Hannah-Arendt-Instituts festzuhalten. Der damalige Wissenschaftsminister Matthias Rößler, CDU, verurteilte im September 2003 die Brüsseler Eskapade Besiers und machte eine klare Ansage: "Es ist natürlich deutlich zu formulieren, dass erstens der Auftritt dort inakzeptabel ist, dass er zumindest zu großen Missverständnissen Anlass gibt, und das er dem Institut Schaden zufügen kann. Und wir gehen auch davon aus, dass er sich ab jetzt ganz klar auch dazu äußert, das er sich die satzungsgemäßen Forschungsgegenstände zum Inhalt seiner Arbeit machen wird, das erwarten wir ganz einfach von ihm und solche Dinge in Zukunft unterlässt." Besier, der immer wieder betonte, er gehöre Scientology nicht an, blieb im Amt, und sorgte dennoch weiter für Schlagzeilen. So etwa, als er nach dem Bekanntwerden der Stasi-Vorwürfe gegen den sächsischen PDS-Spitzenkandidaten Peter Porsch, ein Ende der Stasi-Debatte forderte. Die Kritiker Porschs, so Besier wörtlich, seien eine "Gruppe selbsternannter Tugendwächter", und es sei ein Unterschied, ob jemand als überzeugter Kommunist glaube einer besseren Sache zu dienen, als wenn ein Arzt oder Pfarrer Vertrauen missbrauchte. Diese Argumentation sorgte nachhaltig für Diskussionsstoff, doch zu seinem Sturz führte sie nicht. Zu sehr war dem Kuratorium daran gelegen, nach den endlosen Personalquerelen rund um die Ablösung von Besiers Vorgänger Klaus-Dietmar Henke im Institut endlich wieder Ruhe einkehren zu lassen, um eine ernsthafte wissenschaftliche Aufarbeitung zweier deutscher Diktaturen wieder möglich zu machen. Das scheint teilweise gelungen zu sein, meint zumindest der wissenschaftliche Beirat, der dem Institut und maßgeblich Direktor Besier gute Noten für die geleistete Arbeit und die Produktivität der vergangenen Jahre ausstellt. Das ist die Ambivalenz dieses Falles. Die wissenschaftlichen Institutsmitarbeiter bemängeln indessen in ihrem Brief die Ausweitung des Forschungsgebietes auch auf die Staaten Mittel- und Osteuropas, und fordern eine Rückbesinnung auf das ursprüngliche Ziel - die Erforschung des Totalitarismus in Deutschland. Fraglich ist nun, wie es weitergehen soll mit dem inzwischen arg lädierten Hannah-Arendt-Institut. Kuratoriumsmitglied Professor Hermann Kokenge: "Das HAIT ist ja kein Institut der TU Dresden, sondern ein eigenständiges Institut, was zwar mit der TU verbunden ist. Š Für uns bedeutet das, dass Herr Besier, wenn er aus dem HAIT ausscheidet, bei uns weiter beschäftigt sein wird, und zwar auf seinem Fachgebiet." Möglich erscheint zudem, dass auch das gesamte Institut in die TU Dresden eingegliedert werden könnte, um einen kompletten Neustart zu beginnen. Über dies und über die Neubesetzung des Direktorenpostens wird das Kuratorium demnächst zu entscheiden haben.

Süddeutsche, 11.04.2007, Matthias Drobinski
Besuch im neuen Berliner Scientology-Zentrum 
Keiner wäscht reiner 
In der Hauptstadt versucht Scientology eine neue Offensive. Die Psycho-Organisation arbeitet weiter mit ihren alten "Clear"-Techniken - Gegner halten sie für Gehirnwäsche.
Das Bekenntnis kommt überraschend. "Ich bin nicht mal clear", sagt Sabine Weber. Die schmale Frau mit dem Businessanzug und der Kurzhaarfrisur hat ein Tabu gebrochen. Scientologen posaunen ihre Erlösungsstufe nicht heraus, so, wie andere Leute nicht über ihr Gehalt reden. Und in der scientologischen Heilslehre fängt das erfüllte Leben an, wenn man Körper und Geist durch unzählige Selbstentblößungs-Stunden am sogenannten E-Meter, durch Laufbandläufe und Saunagänge gereinigt hat. Gereinigt von den Resten der Seelen jener Wesen, die Außerirdische vor Jahrmillionen per Atombombe in die Luft gesprengt haben. Dann ist man "clear", der Weg ist frei zum "Operierenden Thetan". Kurz: Auf dem Weg zum Paradies ist Sabine Weber nicht weit gekommen. Das ist überraschend: Die 46-Jährige ist Vizepräsidentin und Sprecherin von Scientology-Deutschland. Heilsökonomisch gesehen ist Sabine Webers Erlösungsstufe eine ziemliche Schweinerei. Die gelernte Werbekauffrau steht seit 23 Jahren im Dienst der Organisation, viele Jahre war sie in München, jetzt ist sie in Berlin, wo Scientology ein sechsstöckiges Haus bezogen hat. Sie streitet vor Gericht, hält die Häme der Journalisten aus und die Wut bei Bürgerversammlungen - und das alles für einen Hungerlohn. Wie kommt es, dass sie da nicht erlöster ist? "Ich bin ein Macher und habe mich nicht so auf die spirituelle Seite konzentriert." Aber ist das nicht ungerecht? Sie rackert sich ab, und andere mit genug Zeit und Geld sind OT8, die höchste Stufe des operierenden Thetans? "Ich habe mich so entschieden, und ich bin glücklich." So wie die ganze Familie mit Scientology glücklich sei. Die Tochter ist in der Sea-Org, der Elitetruppe des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard. "Sie ist Nonne", sagt Sabine Weber. Die Frau ist schwer einzuschätzen: Mal lächelt sie eisenhart, dann hat sie etwas Mädchenhaftes, dann wirkt sie zum Zerreißen angespannt. Geht es um ihre Gefühle, wird sie wortkarg: "Wir haben kein Vertrauen zu Journalisten." 
Zeichen der Schwäche?
Es ist wieder Kampfzeit für Scientology, so wie in den neunziger Jahren schon einmal. In Berlin hat die Organisation an der Otto-Suhr-Allee ein neues Zentrum eröffnet, 4000 Quadratmeter, mit übergroßem Strahlenkreuz und gläserner Fassade. Wer vom Flughafen Tegel zur Innenstadt will, kommt hier vorbei. Gekauft hat das Gebäude eine Tarnfirma, Berlins Innensenator Erhart Körting (SPD) erfuhr aus der Zeitung, wer dort einzieht. Der Berliner Verfassungsschutz darf nach einem Urteil des Landesverfassungsgerichts Scientology seit 2003 nicht mehr beobachten. Die Politik aber ist seit der Einweihung des neuen Scientology-Gebäudes Ende Januar alarmiert: Steht eine neue Offensive der Psychogruppe bevor? Immerhin hat sie in London, Madrid und Brüssel neue Zentren eröffnet, mit dem Ziel, dort aktiv zu werden, wo die politische Macht sitzt. Und in Hannover soll ein noch größerer Bau als der in Berlin errichtet werden. Aus dem Grab, in das die Scientology-Debatte Mitte der neunziger Jahre sank, ersteht sie gerade wieder neu: Sind die Anhänger des 1986 gestorbenen Science-Fiction-Autors Hubbard nur eine merkwürdige Glaubensgemeinschaft? Oder sind sie zerstörerisch, totalitär, demokratiefeindlich? Für den Verfassungsschutz jedenfalls enthalten die Schriften Hubbards "Passagen, in denen die Demokratie verunglimpft wird und nach denen Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zugunsten des Aufbaus einer ,neuen OT-Zivilisation' abgeschafft werden sollen." "Kommen Sie nach Berlin, und machen Sie sich selbst ein Bild", hat Sabine Weber gesagt. Eine gute Idee. Denn fast alles ist