AGSD hat von der NZZ die Erlaubnis Artikel zu veröffentlichen, die im Zusammenhang mit Scientology stehen.

16.12.2020 | NZZ | Linda Koponen (Text) und Karin Hofer (Bilder)

Was will Scientology in der Agglomeration?

Im Volketswiler Industriequartier hat die Scientology-Kirche ein Bürohaus bezogen. Jürg Stettler führt den Zürcher Ableger der umstrittenen Sekte. Ein Besuch.

Jürg Stettler macht kein Hehl aus seinem Misstrauen. Der Präsident der Scientology-Kirche Zürich empfängt uns an einem Mittwochmorgen am neuen Standort seiner Glaubensgemeinschaft in Volketswil. In seinem grauen Jackett wirkt der Mann in mittlerem Alter mehr wie ein Beamter als der Anführer einer als gefährlich geltenden Sekte. Trotz seinen Vorbehalten hat er sich bereit erklärt, uns einen Einblick in die Schaltzentrale der Kirche zu gewähren.

In der Öffentlichkeit ist es ruhiger geworden um Scientology. Doch der Eindruck täuscht: Die umstrittene Glaubensgemeinschaft ist immer noch da – auch in der Schweiz. Im Kanton Zürich hat sie Anfang Dezember neue Räumlichkeiten bezogen, 2000 Quadratmeter auf zwei Stockwerken in einem Bürogebäude im Volketswiler Industriequartier. Nach 20 Jahren mussten die Scientologen ihren Sitz in der Stadt Zürich aufgeben, weil die Eigentümer des Gebäudes an der Freilagerstrasse in Albisrieden neue Pläne für das Areal haben.

Jürg Stettler ist Präsident der Scientology-Kirche Zürich in Volketswil. Hier gibt es ein eingerichtetes Arbeitszimmer für den 1986 verstorbenen Gründervater L. Ron Hubbard

Figuren aus Knetmasse

Die Einrichtung im neuen «Tempel» wirkt wie eine Mischung aus Science- Fiction-Filmset und Grossraumbüro aus den 1990er Jahren. Der Boden ist mit grauem Spannteppich bezogen, es riecht nach altem Papier. In einem der Seminarräume sitzt ein Mann über seine Unterlagen gebeugt, während ein anderer durch den Raum patrouilliert und ein dritter aus Knetmasse farbige Figuren formt. In Vitrinen stehen Bücher mit bunten Einbänden – geschrieben von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Für den 1986 verstorbenen Gründervater ist in einem der Zimmer ein Büro eingerichtet. Auf dem Schreibtisch liegen vier Stifte und die Kopie eines Briefes, den Hubbard einst verfasst haben soll.

Die Zeit scheint bei den Scientologen stehengeblieben – nicht nur in Hubbards Office. Die Glaubensgemeinschaft nahm ihren Anfang in den 1950er Jahren in den USA. Seither hätten sich weder die Lehre noch die Organisation weiterentwickelt, sagen Experten. Durch Kurse und Trainings soll der perfekt funktionierende Mensch erschaffen werden. Der Weg dorthin ist kostspielig und führt über zahlreiche Sitzungen, deren Wirkungen jedoch wissenschaftlich nicht belegt sind. Stettler öffnet die Türe zu einem weiteren Kursraum. An der Wand hängt ein rot-weisses Diagramm mit der Überschrift «Die Brücke zur völligen Freiheit». Darauf sind die Stufen und Zertifikate der Glaubensgemeinschaft aufgelistet. L. Ron Hubbard habe nach seinem Bestseller «Dianetik» im Jahr 1950 viele Jahre weitergeforscht und seine Thesen entwickelt, sagt Stettler. Dabei habe er sich mehr und mehr spirituellen Fragen gewidmet. «Hier gibt es jahrtausendealte Wahrheiten, die auch heute sehr aktuell sind.»

Stettler, der seit 43 Jahren bei Scientology ist, hat die dritthöchste Stufe erreicht. Laut seinen Angaben hat er bisher etwa 100 000 Franken an die Organisation bezahlt. «Die Beiträge sind jedoch von Person zu Person verschieden. Wir decken gerade unsere Unkosten.» Doch wer ist heute überhaupt noch bereit, Geld für so etwas auszugeben? Wir fragen den Religionsexperten und Scientology-Kritiker Georg Schmid, der seit 2014 die Informationsstelle Relinfo leitet.

Herr Schmid, Scientology ist weltweit umstritten. Trotzdem gibt es immer noch Leute, die sich durch die Sekte indoktrinieren lassen. Wie ist das möglich?
Scientology verspricht Lösungen für konkrete Probleme und wirbt damit, dass man durch die Kurse erfolgreicher wird. Zu Beginn machen die meisten auch gute Erfahrungen. Der Einstieg erfolgt häufig über einen Kommunikationskurs. Dort lernt man, dem Gegenüber in die Augen zu sehen und auf Provokationen oder unangenehme Themen ruhig zu reagieren. Das Rezept ist simpel: Wenn ich übe, jemanden anzustarren, kann ich es nachher besser. Das Gleiche gilt für belastende Erlebnisse. Wenn ich sie jemandem erzählen kann, fühle ich mich zunächst befreit.

Das klingt relativ harmlos. Wieso halten Sie Scientology für gefährlich?
Die Glaubensgemeinschaft ist auf dem Stand der Wissenschaft der 1950er Jahre stehen geblieben. Damals glaubte man tatsächlich, Traumata durch wiederholtes Erzählen heilen zu können. Heute meint die Fachwelt, dass das kontraproduktiv ist. Umstritten ist Scientology aber auch wegen der zahlreichen negativen Berichte ehemaliger Mitglieder, die erzählen, dass sie sich unter Druck gesetzt und ausgenutzt fühlten. Andere Aussteiger, die sich in der Öffentlichkeit kritisch geäussert haben, meinten verfolgt oder beschattet zu werden. Ob Scientology dahintersteckte, konnte zwar nicht bewiesen werden. Auffällig ist aber, wie sehr sich die Erzählungen ähneln.

Ein weiteres Problem ist laut Schmid die Werbung mit sogenannten Frontorganisationen, deren Bezug zu Scientology nicht immer unmittelbar deutlich wird. Missionieren ist für die Mitglieder Teil des Glaubenslebens: Sogenannte Feldmitarbeiter sprechen auf der Strasse Passanten an und verteilen Flyer und Broschüren. Die Kirche tritt bei den Aktionen oft als «Citizens Commission on Human Rights», «Jugend für Menschenrechte» oder «Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben» auf. Erst im Kleingedruckten wird klar, dass dahinter Scientology steckt. In der Weihnachtszeit zogen die Scientologen in den letzten Jahren als Samichlaus und Engel verkleidet durch die Zürcher Innenstadt. Organisiert wurde die Aktion jeweils vom Verein «Der Weg zum Glücklichsein – The Way to Happiness».

Beat Künzi hat gemeinsam mit seiner Frau Yolanda Sandoval den Verein Freie Anti-SC-Aktivisten gegründet. Seit letztem Jahr touren die beiden durch die Schweiz und machen auf die Gefahr, die Scientology aus ihrer Sicht darstellt, aufmerksam. Ihr Aktivismus trägt bereits erste Früchte: In Liestal muss Scientology künftig seine Stände gut sichtbar anschreiben.

In ihrer Haltung sind die Städte jedoch gespalten. Während Winterthur, St. Gallen, Bern und Luzern den Freien Anti-SC-Aktivisten bereitwillig Auskunft über die geplanten Standaktionen von Scientology geben, beruft man sich in Zürich auf den Datenschutz. Angaben über die Gesuchsteller von Standaktionen würden grundsätzlich nicht an Dritte weitergegeben, lautete die Antwort vor einem Jahr auf die Anfrage der NZZ. Inzwischen haben Künzi und Sandoval Einsprache gegen die Verfügung erhoben – ohne Erfolg. Ihr Begehren wurde vom Zürcher Stadtrat abgelehnt.

Mitglieder unter Druck?

Jürg Stettler will nichts von «Tarnorganisationen» wissen. Er sagt, die genannten Organisationen würden zwar von Scientology unterstützt, es handle sich jedoch um eigenständige Vereine. «Wir sind da vollkommen transparent.» Neue Mitglieder habe man auf diesem Weg bisher keine gewonnen. Die Leute würden viel eher über Mund-zu-Ohr-Werbung und durch das Internet auf die Kirche aufmerksam. Laut Stettler zählt der Grossraum Zürich rund 2000 Scientologen. Etwa 100 von ihnen arbeiteten hauptamtlich für die Kirche. Der Religionsexperte Georg Schmid zeigt sich bezüglich dieser Angaben skeptisch. Die Zahl der Mitglieder hält er in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten für rückläufig, nicht zuletzt wegen des negativen Images. Schmid geht davon aus, dass in der Schweiz nur noch ein paar hundert Personen als aktive Scientologen bezeichnet werden könnten. Die Zahl der ehemaligen Mitglieder belaufe sich auf mehrere tausend.

Scientology hat den Ruf, Menschen komplett für sich zu vereinnahmen.Was macht den Ausstieg so schwierig, Herr Schmid?
Wer länger Teil von Scientology war, hat typischerweise viel investiert, sei es Geld oder auch Zeit. Scientology teilt seine Mitglieder in zwei Gruppen. Es gibt die «Publics», Personen mit guten Jobs, die für die Kurse bezahlen. Sie werden intensiv bearbeitet, um neue Seminare zu buchen. Diese werden immer teurer, je weiter man voranschreitet. Es gibt Ehemalige, die davon berichten, dass man sie motiviert habe, Kredite aufzunehmen. Andere haben auch Jahre später und nach mehreren Adresswechseln Post von Scientology erhalten. Die zweite Gruppe heisst «Staff». Sie arbeiten Vollzeit für die Glaubensgemeinschaft, erhalten einen eher bescheidenen Lohn und können dafür die Kurse gratis besuchen. Viele ehemalige Mitarbeitende berichten von enormem Druck, die eigenen Leistungen stets zu steigern.

Dass Scientology Personen komplett für sich vereinnahme, sei ein Vorurteil, sagt Präsident Stettler. Das Ziel der Glaubensgemeinschaft sei die Selbstbestimmung. Zum Vorwurf, Mitglieder würden motiviert, Kredite aufzunehmen, hält er fest: «Uns ist wichtig, dass Mitglieder nur nach ihren Möglichkeiten beitragen. Es ist nicht verboten, sich Geld zu leihen, doch auch L. Ron Hubbard hat immer darauf gepocht, dass Geld zuerst verdient werden muss, bevor es ausgegeben wird.» Er selbst habe in seinen vielen Jahren bei Scientology nie einen Kredit aufgenommen.

Stettler führt uns in ein kleines Zimmer mit zwei Sesseln und einem Tisch. Darauf steht ein sogenannter E-Meter, ein Gerät, das durch elektronische Spannung negative Erinnerungen und Schmerzen aufspüren soll. Wissenschaftlich belegt ist das Verfahren nicht. Eine adrett gekleidete junge Frau, die sich als Samantha vorstellt, bittet mich, meine Gummihandschuhe und Ringe abzuziehen, und reicht mir dann zwei Elektroden, die am Gerät angeschlossen sind. Samantha kneift mich in den Arm, und der Zeiger schlägt aus. Dann soll ich an ein negatives Erlebnis zurückdenken. Der Zeiger springt hin und her, Samantha dreht am Regler, ich spüre nichts, sie scheint viel zu sehen.

Samantha ist eine der hundert Mitarbeiterinnen der Zürcher Scientology-Kirche. Sie hat eine eineinhalbjährige Ausbildung zur Auditorin hinter sich. Zuhören sei ihr Job, sagt sie. Wie aber geht sie damit um, wenn Menschen mit schweren Traumata zu ihr kommen? Die Antwort bleibt vage: «Wenn ich alles genau so mache, wie ich es gelernt habe, könnte ich ihnen wohl helfen.» Stettler ergänzt: «Zum Heilen sind wir der falsche Ort.» Man arbeite mitÄrzten zusammen. Diese müssten nicht unbedingt Scientologen sein, aber eine kritische Haltung gegenüber «gewissen Methoden der Psychiatrie» und starken Psychopharmaka teilen.

Das sogenannte E-Meter soll negative Erinnerungen aufspüren. Blick aus den Räumlichkeiten von Scientology in Volketswil.

Zurück nach Zürich?

In Deutschland steht Scientology wegen «demokratiefeindlicher Bestrebungen» unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Was hält man in Volketswil von den neuen Residenten? Gemeindepräsident Jean-Philippe Pinto (cvp.) sagt: «Selbstverständlich bin ich nicht besonders begeistert. Aber auf die Standortwahl von Firmen habe ich keinen direkten Einfluss.Auch Scientology muss sich an Recht und Gesetz halten.» Vertreter der Glaubensgemeinschaft hätten ihm zugesichert, in Volketswil keine Standaktionen oder dergleichen zu planen.

Doch was ist Scientology eigentlich – eine Firma, ein gemeinnütziger Verein oder eine religiöse Gemeinschaft? In Basel, wo die Glaubensgemeinschaft ihren Schweizer Hauptsitz hat, gilt Scientology gemäss dem Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) als religiöse Gemeinschaft und ist entsprechend vom Arbeitsgesetz befreit. Beim Zürcher AWA heisst es auf Anfrage, die Wegleitung zu Artikel 3 des Arbeitsgesetzes, welche die Ausnahmen vom persönlichen Geltungsbereich etwa für Personen, die im Dienste von Kirchen stünden, regle, sei nicht eindeutig.

Laut Stettler haben die Scientology- Mitarbeiter in Volketswil keine Arbeitsverträge und erhalten jede Woche entsprechend den Einnahmen ein anderes Entgelt. Staff-Mitglieder, die eine Ausbildung absolvierten, verpflichteten sich für zweieinhalb bis fünf Jahre. Wer vorher gehen möchte, müsse einen Teil der Kosten zurückerstatten. Laut Stettler könnten das je nach Länge der Ausbildung ein paar tausend Franken sein.

Doch wird Scientology in Volketswil Steuern bezahlen? Das AWA des Kantons Zürich verweist auf das kommunale Steueramt. Dort will man gegenüber den Medien keine Auskunft geben und verweist auf den Gemeindepräsidenten. Pinto sagt: «Laut Auskunft der Vertreter von Scientology gelten sie als nicht gemeinnütziger Verein und werden daher in Volketswil Steuern bezahlen.» Über die neue Geldquelle darf sich die Gemeinde jedoch so oder so nur vorübergehend freuen. Für die Scientologen ist Volketswil nur eine Zwischenstation. Stettler sagt: «Längerfristig wollen wir ein eigenes Gebäude und zurück in die Stadt Zürich.»

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